Meine Welt schmilzt - Line Nagell Ylvisaker - E-Book

Meine Welt schmilzt E-Book

Line Nagell Ylvisaker

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Beschreibung

Wenn nichts mehr ist, wie es war: ein Bericht aus der Arktis

Line Nagell Ylvisåker lebt mit ihrer Familie in Spitzbergen, das vom Klimawandel massiv betroffen ist. Bis 2100 wird hier die Temperatur um acht Grad gestiegen sein. Ein alarmierender Bericht aus einem kleinen Dorf, vom Leben mit Lawinen, Erdrutschen und hungernden Eisbären.

Longyearbyen ist ein Paradox: Der Ort existiert nur wegen des Kohleabbaus, und Kohle verursacht den Klimawandel, unter dem die Menschen in Spitzbergen leiden. Ylvisåker hat sich als Journalistin mit ihrem Mann und ihren Kindern eine Existenz am Polarkreis aufgebaut, jetzt muss sie voller Angst beobachten, wie ihr Dorf zu einem immer unwirtlicheren Ort wird. Als eine Lawine mehrere Häuser verschüttet und Menschen sterben, beginnt Ylvisåker die Ursachen und Folgen der Erwärmung der Arktis zu ergründen. Sie spricht mit Meteorologen, Klimaforschern, erfahrenen Trappern, begegnet hungrigen Eisbären und misst die steigenden Wassertemperaturen des Polarmeers. Ein alarmierender Bericht und eine Warnung: Wenn wir jetzt nicht handeln, wird auch unser Leben durch den Klimawandel radikal beeinträchtigt werden.

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Seitenzahl: 203

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Line Nagell Ylvisåker

Meine Welt schmilzt

Wie das Klima mein Dorf verwandelt

Aus dem Norwegischen von Anne von Canal

Hoffmann und Campe

Vorwort

Am Samstag, den 19. Dezember 2015, donnerten riesige, schwere Schneemassen vom Berg Sukkertoppen hinunter nach Longyearbyen, das gerade erwachte. Ein zwei Jahre altes Mädchen und ein Familienvater kamen in der Lawine ums Leben. Am 21. Februar 2017 rollte vom selben Berg eine weitere Lawine zu Tal und walzte ein Reihenhaus platt, und im Herbst 2016 ging nach heftigen Regenfällen eine Gerölllawine in der Nähe des Friedhofs und eine andere in der Nähe des städtischen Hundezwingers nieder.

 

Wieder und wieder wurden in Longyearbyen Leute aus ihren Häusern evakuiert, wenn die Wassermassen, die vom Himmel fielen, die Erde aufweichten und aufrissen, wenn der Bindfadenregen die Schneefelder in Matsch verwandelte und die Winterstürme die Berge unter schwerem Schnee begruben.

 

Im Jahr 2006 begann ich als Journalistin bei der Zeitung Svalbardposten. Es war das wärmste Jahr, das je auf der Inselgruppe Spitzbergen gemessen wurde. Im selben Jahr berichtete ein Kollege darüber, dass die Klimaforscher*innen für die kommenden hundert Jahre einen dramatischen Temperaturanstieg auf Spitzbergen vorhersagten, in manchen Gegenden über 8 Grad1. Ich weiß nicht, ob ich diesen Artikel jemals las, falls ja, drang er nicht zu mir durch. 1 Grad mehr hier, 1 Grad mehr da. Ich dachte nicht darüber nach, wenn ich auf meinem Schneemobil durch die Gegend sauste, den Wind im Haar und Sommersprossen auf der Nase. Es war so schön, so wild, herausfordernd und echt.

 

Ich habe die alten Kerle erzählen hören: vom Eis, das den gesamten großen Isfjord bedeckte, und wie sie in voller Fahrt quer hinüber zur anderen Seite bretterten, wo die Hütten und Fangstationen liegen. Von Robben, die im Adventfjord gleich unterhalb der Stadt ihre Jungen bekamen. Früher waren die Einwohner Longyearbyens ab dem Herbst, wenn sich das Eis ausbreitete, isoliert, bis es im Frühjahr oder manchmal erst weit in den Sommer hinein wieder schmolz. Seit einigen Jahren kommen die Frachtschiffe rund ums Jahr. Der Fjord liegt dunkel und offen da.

 

»Das Eis kommt wieder zurück, Wetter, Wind und Schneeverhältnisse waren immer schon unbeständig«, sagen die Leute mit vielen Wintern Erfahrung im Sattel ihres Schneemobils. Lange hat mich das beruhigt, aber jetzt bin ich nicht mehr ruhig.

 

Wir haben hier in Longyearbyen ein Haus gebaut, zwei Kinder bekommen und bezeichnen diesen Ort als unser Zuhause, aber eines Tages ertappte ich mich dabei, dass ich nervös wurde, als es eine Unwetterwarnung gab. Die dunkle Jahreszeit brachte besonders schwere Regenfälle. Ich investierte in einen gefütterten Regenmantel und fragte mich, ob es wirklich sinnvoll war, all unser Geld in dieses Haus zu stecken. Mir kamen Bedenken, ob es noch sicher war, in die Berge zu gehen, wie wir es sonst immer taten. Die Gefühle nahmen überhand. In mir wuchs das Bedürfnis nach greifbaren Erklärungen, ich wollte verstehen, was eigentlich vor sich geht, wie die Naturvorgänge zusammenhängen, wie das Klima funktioniert, wie sich das Wetter hier auf der Inselgruppe und im Rest der Welt ändert, falls oder wenn die Arktis schmilzt.

An einem dieser klitschnassen, spiegelblanken, dunklen Wintertage entschied ich mich, den Rest des Jahres 2018 dazu zu nutzen, diese Dinge herauszufinden.

 

Dieses Buch handelt davon, wie ich den Klimawandel erlebe, und es handelt von Longyearbyen, das inzwischen teilweise auf dem Rückzug vor den Naturgefahren ist. Ist es möglich, die Stadt ausreichend vor den Lawinen, Überflutungen und Extremwetterlagen zu schützen, die für die Zukunft immer häufiger vorausgesagt sind? Soll ich mit meiner Familie hierbleiben?

Die Lawine

Wohlig ruht die Stadt des Nachts,

Gut beschützt von hohen Bergen,

Funkelt sie wie Diamanten,

Gleich einem Sternenzelt auf Erden

Wie ein Widerschein des Himmels

Sternbestreut in Nordlichtpracht,

Ist’s, als wär die ganze Schöpfung

Hier zur ihrem End’ gebracht.

Hans Engebretsen

 

Ihr Körper steckt komplett fest. Eli Anne Ersdal liegt auf dem Bauch, vielleicht unter dem Küchentisch, denn an ihrem Gesicht spürt sie geborstenes Holz. Ihre linke Hand kann sie ein wenig bewegen und ein paar Holzstücke fühlen. Irgendwo aus den Schneemassen hört sie die Zweijährige weinen. Dann wird es still. Sie denkt, dass jetzt alle tot sind, ihre beiden Freunde und deren Kinder. Jetzt stirbt sie, dreiunddreißig Jahre alt, fünf Tage vor Weihnachten, am 19. Dezember 2015.

Im Sommer zu sterben, wäre besser gewesen. Ihr Vater wird das nicht ertragen. Sie muss sich befreien, versucht ein bisschen, mit der Hand zu graben, aber vergeblich.

Sie hört nichts außer dem Klang ihrer eigenen Todesangst. Panik und Hyperventilieren machen ihre Lage nicht besser. Sie weiß das. Also zwingt sie sich in den Yogamodus, atmet ruhig ein und aus und sagt sich: Du darfst jetzt nicht graben. Nach fünfzehn Minuten in einer Lawine sinkt die Chance zu überleben rapide. Aber du hast diese Holzstücke um dich herum, die geben dir einen Luftraum und zusätzliche Zeit. Du darfst jetzt nicht darüber nachdenken, ob die anderen vier im Haus tot oder lebendig sind.

 

An diesem Samstag sitze ich mit meinen Kindern auf dem Spielteppich in unserem Wohnzimmer. Lotte ist zweieinhalb Jahre alt, und Nor wird demnächst sein erstes Weihnachtsfest erleben.

Vor beiden liegt ein Haufen Geschenke. Wir haben Heiligabend vorverlegt, da wir die Feiertage mit der Familie auf dem Festland verbringen werden.

Unser kleines Reihenhäuschen liegt am äußeren Rand des Zentrums, östlich vom Taleingang ins enge Longyeardal. Wir bauen gerade ein neues größeres Haus, am Ende der Straße, direkt im Anschluss an das alte. Gleich nach dem Aufwachen hatte ich aus dem Fenster gesehen, den Blick in Richtung der ersten Wände, die nebenan errichtet worden waren. Am Vortag hatte das Meteorologische Institut eine Sonderwarnung herausgegeben, die erste seit 1997. Wind in Orkanstärke mit starken Böen wurde erwartet.

Ein Großteil meiner Kollegen in der Svalbardposten hatte die Nacht durchgearbeitet. Das Dach einer leerstehenden Studentenbaracke im Ortsteil Nybyen war weggeflogen, auf dem Schulgebäude hatten sich Dachziegel gelöst, von einer Fernwärmeleitung an der Galerie hatten sich Blechplatten losgerissen, Autos waren von der Straße abgekommen. Aber niemand war verletzt. Und unsere Wände standen noch. Zum Glück.

Also können wir uns in Ruhe an den kleinen Kinderhänden freuen, mit Geschenkband spielen und zwischendurch ein bisschen Kaffee schlürfen.

Plötzlich heult der Piepser von Trond, meinem Mann. Genau das Geräusch, das man nicht hören will, denn eigentlich ist er nicht im Dienst. Doch alle Feuerwehr- und Rettungseinheiten in Longyearbyen werden alarmiert. Ich höre nur einen Teil der Meldung, verstehe die Wörter »Lawine« und »Spisshus-Siedlung«, das ist die Gegend mit den alten bunten Bergarbeiterholzhäusern im Stadtteil Lia. Trond stürzt in den Flur, zieht rasch seine Klamotten an und wirft die Tür hinter sich zu. Sie bleibt einen Spalt offen stehen. Wie oft hat sich ein bisschen Schnee zwischen Tür und Rahmen gedrückt. Als ich sie schließen will, sehe ich, wie Trond das Schneemobil aus einer Schneewehe auf der gegenüberliegenden Straßenseite befreit und es startet. Das Auto kann er vergessen. Die Straße ist tief verschneit. So etwas habe ich noch nie gesehen.

Es ist gleich 10.30 Uhr. Ich starte meinen Mac und gehe auf die Seite der Svalbardposten und vom Rundfunksen-der NRK Troms. Keine Informationen. Zwischen Windeln wechseln, Stillen und Spielen mit den Kindern aktualisiere ich die Seite wieder und wieder. Eine halbe Stunde später erscheint die erste Meldung. Es herrscht Chaos. »Die Polizei, Feuerwehr und andere Rettungskräfte sind vor Ort und überprüfen die Häuser, um sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Die Lawine ist vom Sukkertoppen in Richtung der Spisshus-Siedlung abgegangen. Der Schaden ist noch unklar. Der Umfang der Lawine ist ebenfalls noch nicht bestätigt, aber Polizisten vor Ort berichten von zehn betroffenen Häusern«, steht da. Was heißt das? Ich kann mir das nicht vorstellen.

Ich mache einen Screenshot von der Nachricht und schicke ihn an die Familie auf dem Festland, damit sie sich keine unnötigen Sorgen um uns machen. »Zehn Spiss-Häuser von Lawine erfasst. Trond ist mit dem Schneemobil zum Feuerwehreinsatz, um zu helfen, aber bei uns ist alles in Ordnung. Die Lawine ist in einem anderen Stadtteil runtergegangen, hier besteht keine Lawinengefahr.«

 

Die Meteorologin und Ozeanographin Eli Anne Ersdal schaute morgens als Erstes nach, wie viel Schnee in der Nacht gefallen war. Aus dem Fenster sah sie, dass ihr Schlittenanhänger draußen vor dem Mietshaus in Blåmyra vollständig eingeschneit war. Sie würde ihn ausgraben und sich die Stadt nach dem Unwetter anschauen. Mit einer Suchstange und einem Spaten ging sie zur Haustür, aber sie war nicht aufzubekommen. Zu viel Schnee war im Weg. Auf der anderen Straßenseite entdeckte sie einen Mann und bat ihn, ihr zu helfen..

Der Mann schaufelte die Tür frei, und Eli Anne trat aus dem Haus in den Dezembermorgen. Unglaublich, wie der Wind den Schnee drapiert hatte: Die Straße hinauf türmte er sich bis zu zwei Meter hoch und hatte die Autos unter sich begraben. Die Straße hinunter lag, abgesehen von dem, was sich vor ihrer Haustür angesammelt hatte, kaum Schnee. Sie ließ den Anhängerschlitten links liegen und schaute lieber nach ihrem Schneemobil, das in Richtung Zentrum geparkt stand. Glücklicherweise war es nicht unter Schnee begraben.

Erleichtert beschloss sie, sich später um ihre Fahrzeuge zu kümmern. Jetzt machte sie sich erst mal auf den Weg zu ihrem Freund Malte Jochmann, bei dem sie zum Kaffee eingeladen war. Eli Anne ging in Richtung der unverwechselbaren Spiss-Häuser am Fuße des Berges Sukkertoppen, wo Malte mit seiner Freundin Elke Morgner und den Töchtern Elida (zwei Jahre) und Svala (acht Wochen) wohnte.

Vor ihr ging ein Pärchen. Eli Anne trat so lange wie möglich in die Fußstapfen der beiden. Danach watete sie weiter bis zum roten Haus ihrer Freunde, das erste auf der rechten Seite, in der zweite Reihe vom Berg aus gesehen. Drinnen schien ein goldenes und warmes Licht, und im Wohnzimmerfenster leuchtete ein Weihnachtsstern. Der Wind hatte sich gelegt, nur ein paar einzelne Flocken schwebten leicht zu Boden. Zu Hause in Tromsø hatte sie für das Meteorologische Institut die Vorhersagen gemacht, dazu hatten auch Lawinenwarnungen gehört. Im Lichtschein der Stadt betrachtete sie die Steilwand des Sukkertoppen. Oben hatte sich ein massives Schneebrett gebildet, das deutlich weiter überhing als sonst, wie ein großes Polster über der Bergwand.

Eli Anne trampelte den Schnee von den Schuhen und klopfte an die Tür.

»Der Überhang hat noch nie so heftig ausgesehen«, sagte sie und betrat den Flur.

Malte war eigentlich mit der Ältesten auf dem Weg hinaus ins große Weiß, verschob die Ausfahrt aber, um sich noch einen Kaffee zu genehmigen. Eli Anne versuchte, Elke den Überhang zu zeigen, aber eine Straßenlaterne blendete zu sehr. Elke war Koordinatorin beim Hilfskorps des Roten Kreuzes und interessierte sich deshalb ein bisschen mehr als andere für Schnee. Malte war Geologe beim Kohlebergbauunternehmen Store Norske und schrieb seine Doktorarbeit am Universitätszentrum Spitzbergen.

Alle wollten raus in den Schnee. Aber erst noch einen Kaffee. Elke legte Svala an die Brust. Elida saß in einem Tripp-Trapp-Stuhl neben Eli Anne, während Malte Kaffee machte.

»Milch?«, fragte er.

»Ja, bitte«, antwortete Eli Anne.

Dann explodierte es. Sie wurde quer durch den Raum geschleudert und knallte mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Erst mit dem Hinterkopf, dann mit der Stirn. Darauf folgte ein leises Sausen, und sie begriff, dass es der Schnee war, der den Raum füllte.

 

Malte dachte noch, wie seltsam es war, dass der Schneepflug den Schnee gegen die Fenster seines Hauses warf. Dann steckte er fest – in weißem T-Shirt und Jogginghose, mit gut einem halben Meter Schnee über dem Kopf. Er erinnert sich nicht, wie es ihm gelang, aber mit einer riesigen Kraftanstrengung wand er sich heraus. Am Küchenschrank türmte sich der Schnee fast bis an die Decke, an den Fenstern nicht ganz so hoch. Draußen war es stockfinster. Sowohl die Häuser als auch die Laternen, die sonst die Straße beleuchteten, waren fort.

Hatte er seine ganze Familie verloren?

Er hörte seine Freundin rufen. Mit bloßen Händen grub er sich bis zu ihrem Kopf vor. Sie sagte, er solle etwas suchen, womit sie graben könnte. Das Einzige, was er fand, war der Deckel des Woks, der auf dem Hängeschrank lag.

Svala war Elke aus dem Arm gerissen worden, aber sie hatte das Baby weinen hören. Weit konnte sie nicht sein.

Elke rief: »Halte durch, kleine Svala, halte durch!«

Malte fand die Tochter dort, wo Elke das Weinen vernommen hatte, befreite sie vorsichtig aus dem Dunkel und legte sie in den Laufstall im Wohnzimmer. Danach grub er Elke aus. Sie setzte sich ins Wohnzimmer, um das schreiende Baby zu stillen und zu beruhigen. Es funktionierte nicht. Sie legte ihre Tochter wieder ab, es war, als wäre in ihrem Kopf ein Schalter umgelegt, und sie wechselte in einen anderen Modus. Sie mussten ja alle befreien! Elida lag immer noch unter dem Schnee begraben. Sie mussten sie und Eli Anne finden.

Sie gruben und gruben. Die Hände brannten. Der Garderobenschrank war fortgerissen, aber es gelang ihnen, ein Paar Handschuhe für Elke zu finden. Maltes blaugefrorene Finger wühlten ohne Schutz weiter.

Sie sprachen nicht. Scharrten und kratzten nur und riefen um Hilfe. Ein Polizist tauchte auf und brachte Spaten, verschwand dann aber wieder, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

 

Die Gegend war nicht wiederzuerkennen. 5000 Tonnen Schnee hatten sich vom Sukkertoppen gelöst, die Abbruchkante der Lawine war zweihundert Meter lang und bis zu drei Meter hoch. Elf Spiss-Häuser in zwei Häuserzeilen des Vei 230 waren betroffen. Das Zuhause von Elke und Malte hatte sich einmal um seine eigene Achse gedreht, während die anderen Häuser zwischen dreißig und achtzig Metern mit dem Schnee gesegelt waren. Es herrschte ein heilloses Durcheinander. Autos, Schneemobile und gesplittertes Holz stachen aus dem Weiß hervor.

 

In einem der anderen Häuser befand sich Anne Kristin Jacobsen, halb liegend, halb sitzend war sie zwischen Schnee, zerbrochenem Geschirr und Bruchstücken der Küchenwand gefangen, aber sie konnte sich bis zur Mikrowelle strecken und hämmerte auf die Seite. Sie schlug und schlug.

Im Nachbarhaus wachte der dreifache Vater Tor Selnes davon auf, dass Schnee und Baumaterial über seinen Unterkörper hereinbrachen. Er kämpfte um sein Leben, versuchte sich zu schützen. Dann wurde alles schwarz. Als er wieder zu sich kam, war nichts mehr wie vorher. Tor befreite sich, kroch nach draußen. Unterwegs trat er auf Nägel. Splitternackt, mit Schnee bis zum Bauchnabel, betrachtete er die Reste seines grünen Spisshus und bemerkte, dass es am falschen Platz stand. Das Haus war auf der Lawine achtzig Meter weit ins Tal gerutscht.

Die Kinder, was war mit den Kindern?

Tor rief, schrie nach seinem Ältesten.

»Ja!«, hörte er von drinnen.

»Leben die beiden anderen?«, fragte der Vater.

»Ja«, antwortete der Junge.

 

Elke und Malte schaufelten und schaufelten, während im Nebenzimmer das Baby brüllte. Dann kam Hilfe.

Elke gab den Spaten ab, stürzte zu ihrer kleinen Tochter. Sie zog ihr die kalten Baumwollsachen aus und wickelte sie in eine Decke. Eine halbe Stunde war seit der Lawine vergangen.

Sie ist nicht gläubig, aber dennoch schickte sie ein Stoßgebet zu Gott und bat, dass Elida leben möge.

 

Eli Anne hörte den Schnee knirschen und Elkes Rufe. Sie versuchte zu antworten, aber die dichte Masse um sie herum erstickte jeden Laut. Die Panik erfasste sie in Wellen, aber es half, mit der rechten Hand nach den Holzstücken zu fassen, die sie vor ihrem Gesicht fühlte. Für einen ihrer Unikurse hatte sie alte Lawinenberichte gelesen. Sie wusste, dass an der Bergseite oberhalb der Siedlung Lawinengefahr bestand, dass die Lawinen theoretisch die Häuser der nächsthöher gelegenen Straße erreichen konnten. Jetzt lag sie bewegungslos da und fragte sich, ob der Schnee wirklich bis zur zweiten Reihe hatte kommen können.

Sie fror. Mit der rechten Hand, die vor ihrem Gesicht lag, fasste sie nach dem Reißverschluss am Kragen ihres Wollpullis und zog ihn, so weit es ging, nach oben.

Nach einer Weile hörte Eli Anne neue Geräusche. Leute und Schaufeln, aber sie waren weit, weit entfernt. Sie atmete. Ein und aus. Ein und aus.

Plötzlich hatte sie Luft und Rettungskräfte über sich.

»Wir waren zu fünft. Ich habe Elida ganz in meiner Nähe weinen hören«, sagte sie, und einer der Helfer legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Jetzt haben wir dich«, sagte er ruhig.

Da verlor sie die Fassung. Sie musste hier raus. Sie musste raus, damit die Rettungskräfte an die Stelle gelangen konnten, wo sie die Zweijährige vermuteten.

Achtunddreißig Minuten waren vergangen, seit der Schnee ins Tal gedonnert war.

 

Eli Anne war quer durch den Raum und gegen die Küchenzeile geschleudert worden, an die oberste Schublade, die mit den scharfen Küchenmessern. Zum Glück hatten sie mit der Spitze zur Wand gelegen.

Sie hatte keine Schuhe an, als man sie durchs Lawinengebiet führte, sie auf ein Schneemobil setzte und ins Krankenhaus fuhr.

Gleich darauf fanden die Helfer Elida. Sie lag in dünner Wollwäsche unter zwei Meter dichtem Schnee, den Rücken gegen die Küchenzeile gedrückt. Als ein Feuerwehrmann ihr auf die Wangen klopfte, gab die Zweijährige einen Laut von sich.

»Ich habe jetzt immer Gänsehaut, wenn ich ein Kind weinen höre«, sagte einer der Einsatzhelfer später.

Er riss eine Schranktür aus der Küche. Die konnte man als Trage gebrauchen.

 

Trond kam an diesem Abend spät nach Hause. Sein Blick verriet das Ausmaß der Tragödie.

Die Rettungskräfte hatten Anne Kristin Jakobsen auf die Mikrowelle trommeln hören, und auch sie war nach achtunddreißig Minuten wieder frei. Doch als sie, Eli Anne und Elida aus dem Gefahrenbereich gerettet wurden, wurden noch immer drei Personen in zwei Häusern vermisst.

Die Schwestern Pernille und Nikoline Røkenes, drei und zwei Jahre alt, wohnten in einem Spisshus in der Häuserzeile direkt am Berg. Die Mädchen waren auf dem Weg nach draußen, um den neuen Lenkschlitten auszuprobieren, den sie als verfrühtes Weihnachtsgeschenk bekommen hatten. Sie standen im Flur und zogen sich an, während ihr Vater noch auf der Toilette war. Als die Eltern nur Sekunden später nach draußen stürzten, um nach den Kindern zu sehen, war der Flur nicht mehr da. Nichts als Luft und Schnee.

Eine lange Reihe von Freiwilligen zog sich vom Lawinengebiet den Hilmar Rekstens Vei hinunter. Die Leute in der vordersten Reihe schaufelten den Schnee nach hinten und sägten mit der Motorsäge Hausreste klein. Nach einer Stunde und fünfundfünfzig Minuten fand die Rettungsmannschaft die kleine Nikoline im dicht gepressten Schnee. Acht Minuten später wurde auch ihre große Schwester ausgegraben. Beide wurden mit dem Rettungsflugzeug in die Klinik von Tromsø gebracht.

Über drei Stunden vergingen, ehe Atle Husby in seinem Schlafzimmer gefunden wurde, begraben von festem Schnee und Teilen seines Hauses. Er war allein im Haus gewesen, als der Schnee kam. Seine drei Kinder waren an diesem Tag bei ihrer Mutter, ein Stück weiter den Berg hinunter. Sie waren unverletzt, aber dennoch in diesem weißen Albtraum gefangen.

 

Am folgenden Tag ging ich im Licht der Laternen an den aufgeschobenen Schneewällen entlang, um mir alles mit eigenen Augen anzusehen, denn ich konnte nicht begreifen, was geschehen war. Scheinwerfer beleuchteten die Abbruchkante an der Steilwand. Die Häuser standen kreuz und quer.

Unterwegs erfuhr ich, dass die kleine Nikoline vermutlich nicht überleben würde. Es war unfassbar. Nikoline und Pernille gingen mit meiner Tochter in den Kindergarten. Wir frühstückten jeden Morgen zusammen.

Nikoline starb, aber dass ihre große Schwester überlebte, ist ein Wunder.

 

Als der Alarm kam, war die ganze Stadt bereit zu helfen. Die Leute schaufelten und kochten, passten auf Kinder auf, fuhren Krankenwagen, halfen im Krankenhaus, hielten den Flughafen offen, informierten, trösteten, boten den Evakuierten Unterschlupf und brachten Lebensmittel. Noch lange nach der Lawine umarmten sich die Leute in Läden und Cafés, sie sprachen miteinander und schauten einander in die Augen. Nicht alle Blicke waren unverändert.

Es gab Gedenkfeiern, zwei Beerdigungen und Informationsveranstaltungen zu den Ereignissen und über ein neues Lawinenwarnsystem, das nun installiert werden sollte.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe ich den Umfang der Katastrophe begriff, bis mir klar wurde, dass die Sache auch viel schlimmer hätte ausgehen können. Insgesamt waren in den elf von der Lawine erfassten Häusern fünfundzwanzig Personen gewesen. Zehn von ihnen wurden vom Schnee verschüttet. Acht überlebten.

Elida war mit dem Rettungsflieger ins Krankenhaus nach Tromsø gebracht worden, wo man sie für gesund und munter erklärte, sie aß auch schon wieder Neuschnee.

 

Uns wurde geraten, unserer kleinen Lotte zu erklären, was geschehen war, damit sie sich mit ihren zweieinhalb Jahren nicht eine Realität zusammenphantasierte, die noch schlimmer war als die Wirklichkeit. Wir erzählten ihr, dass eine Schneelawine die Häuser verschüttet habe, dass Elida in einem dieser Häuser gewesen, aber zum Glück unverletzt sei. Wir sagten ihr auch, dass zwei Menschen gestorben seien und dass Nikoline eine von ihnen war. Auf ihre Art verstand Lotte das und sprach viel von ihrer Kindergartenfreundin. Später bekam sie Angst, wenn Wind aufkam. Das Buch vom Troll, der im Eis festgefroren war und Unwetter herbeiblies, wollte sie nicht weiterlesen. Darin wurde ein kleiner Junge vom Wind erfasst und von seiner Mutter fortgeblasen.

Wir erklärten, dass die Menschen durch das Unglück etwas gelernt hatten. Dass von nun an darauf geachtet würde, dass niemand in einem Haus wohnt, das von einer Lawine getroffen werden kann. Wir sprachen häufig vom Tod. Dass wir ganz bestimmt sehr alt werden würden, so alt wie Lottes Urgroßmutter.

»Aber nicht alle. Man kann auch Pech haben. Nikoline hatte sehr großes Pech«, sagte sie.

 

Die Natur auf Spitzbergen war schon immer wild, schön und launenhaft. Viele Menschen sind in der Wildnis umgekommen – in Gletscherspalten gestürzt, im Eis eingebrochen, von Lawinen verschüttet, erfroren, ertrunken oder von Eisbären angegriffen. Dieses Ungezähmte war es auch, das mich so faszinierte, als ich herkam. Ich musste lernen, Gletscher und Meereis zu lesen, Rettungsmanöver mit dem Kajak, ebenso wie das Schießen mit Signalpistole und Gewehr. Dort draußen in der Natur muss man immer aufmerksam sein, aber hier in der Stadt hatte ich mich sicher gefühlt. Bis zum 19. Dezember 2015. Selbst da betrachtete ich die Lawine noch als ein tragisches Un glück.

Seit 1992 gibt es Berichte, die vor Lawinen an dieser Bergflanke warnen. In den Berichten werden Sicherungen, Lawinenwarnsysteme und die Evakuierung betroffener Gebiete vorgeschlagen. Als die Klimaprognosen Anfang des 21. Jahrhunderts zeigten, dass die Winter in Zukunft wärmer werden würden und größere Schneemengen zu erwarten seien, wurde die Lokalregierung über die steigende Lawinengefahr informiert. Die Entscheidungsträger von Longyearbyen und das Bergbauunternehmen Store Norske, das seinerzeit die Spiss-Häuser erbaut hatte, waren sich nicht einig in der Frage, in wessen Verantwortungsbereich die Aufgabe der Sicherung fiel. Im Jahr 2008 schloss man einen Vertrag, in dem sich beide Parteien als uneins erklärten, und somit wurde die Sache an die nächste zuständige Instanz weitergereicht. Ende 2013 wurde entschieden, dass Norwegens Wasserlauf- und Energiedirektorat hier genauso verantwortlich war wie auf dem Festland. Im darauffolgenden Frühling begann man, die unterschiedlichen Naturgefahren zu kartieren.

Nach dem 19. Dezember 2015 wurde heftige Kritik gegen die Behörden laut. Die Leute waren außer sich, weil es noch immer keine Lawinensicherung gab, weil niemand daran gedacht hatte, die Häuser zu evakuieren, als die Warnung einging, weil die Mieter der Spiss-Häuser noch nicht einmal darüber in Kenntnis gesetzt worden waren, dass sie in einem lawinengefährdeten Gebiet wohnten. Manche bemängelten, dass der Schneezutrag auf der Steigung hinter den Häusern nicht mehr beobachtet wurde. Früher hatte es dort einmal Messstangen gegeben.

Die interne Ermittlung der Polizei kam später zu dem Schluss, dass dies keine Grundlage war, um jemanden zur Rechenschaft zu ziehen.

 

Es dauerte nicht lange, da war auch die Lawine Teil eines größeren Kontexts.

Schwarzer Regenherbst und noch mehr Lawinen

Es blieb nicht bei dem Unwetter von 2015. Auf den Schneesturm folgte Regen und ließ dieses Weihnachtsfest noch düsterer erscheinen.

Der Herbst 2016 war nasser als je ein Herbst zuvor, und ohne die helle Schneedecke auf den Bergflanken wurde die Dunkelheit allumfassend.

Ich war gerade unterwegs, um für die Svalbardposten über einen Wohltätigkeitsflohmarkt zu berichten, als ich die Nachricht erhielt, dass eine Schlammlawine vom Platåberg abgegangen war, sich am Friedhof vorbeigewälzt und die Straße überspült hatte. Ich machte Fotos vom Regen, vom Wasser, vom Schlamm und von den Straßenabsperrungen. Der Oktober war so verregnet, dass sich im Stadtgebiet über 20 Erdrutsche und Schlammlawinen ereigneten.

Im November, der Frost hatte sich gerade ausgebreitet, öffnete der Himmel seine Schleusen erneut. In nur vierundzwanzig Stunden fiel mehr als ein Drittel der durchschnittlichen Jahresmenge an Regen. Die Erdmassen an den schwarzen Felshängen gerieten ins Rutschen, an manchen Stellen bildeten sich Risse. Wieder gingen kleine Schlammlawinen ab. Die Behörden ließen zweihundertneunundfünfzig Menschen aus ihren Häusern evakuieren, Straßen wurden gesperrt, und ich rückte zum städtischen