Melissa
Van Shadow
Copyright © 2023 René Lutzky
Alle Rechte vorbehalten Die in diesem Buch geschilderten Personen und Ereignisse sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit realen lebenden oder toten Personen ist zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt. Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Herausgebers in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln - elektronisch, mechanisch, durch Fotokopie, Aufzeichnung oder auf andere Weise - reproduziert oder in einem Datenabrufsystem gespeichert oder übertragen werden. Umschlagdesign von: Van Shadow Umschlagfoto: Jana Baumgartner
Contents
Title Page
Copyright
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
Books By This Author
I
Überall lag dieser Geruch, ein Gemisch aus Desinfektionsmittel und Linoleum, in der Luft, während sie auf dem Flur, des Krankenhauses stand, wartete und unablässig die Tür des Krankenzimmers anstarrte. Unter der Tür sah sie nur immer wieder einen Schatten vorbeihuschen, vermutlich war es der Schatten der Schwester, die kurz zuvor noch in dem Zimmer verschwand. Es war das erste Mal, dass Melissa sie besuchen konnte und durfte. Die bangen Wochen, in denen Amy auf der Intensivstation hatte verbringen müssen, vergingen so elendig langsam, dass sie das Gefühl hatte, sie würde nie von dort entlassen werden. Doch als der Anruf von Amys Mutter kam, war die Freude groß und sofort wollte sie wissen, wie es ihr geht und wann sie Amy besuchen könnte.Endlich öffnete sich die Tür zu Amys Krankenzimmer und die Schwester trat ihr mit einem Lächeln gegenüber.
“Sie können jetzt herein.”
“Vielen Dank.” entgegnete Melissa mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht und schob sich durch die Tür, die sie auch direkt, leise, hinter sich schloss.
Sie ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen, der Luftzug, der durch das geöffnete Fenster hereinzog, bewegte die weiße Gardine und ließ die Schatten, die durch das einfallende Licht entstanden, tanzen. Sie vernahm auch das regelmäßige Piepsen, der Gerätschaften, an die Amy angeschlossen war. Das Bett war, wie jedes Bett, das man aus Krankenhäusern so kannte, die Bettdecke weiß und man konnte erkennen, wo die Füße unter der Decke zu finden waren. Ihr Blick wanderte langsam weiter in Richtung Kopfende. An Amys Finger befand sich eine Art Klammer, die mit den Geräten verbunden war und wohl der Überwachung von bestimmten Körperfunktionen gedacht war.Kurz darauf fielen ihr Amys mittellange braune Haare ins Auge und letzten Endes ihr junges Gesicht. Sie schlief noch und Melissa bewegte sich langsam und vorsichtig auf das Bett zu, ohne Amy auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.
Leise zog sie einen Hocker unter dem Krankenbett hervor, der dort für Besucher platziert wurde. Es war ein schlichter weißer Hocker mit einer Sitzfläche aus Metall.
Melissa setzte sich, nahm vorsichtig Amys recht Hand und senkte den Blick. Es überkam sie eine gewisse Traurigkeit, da sie Amy so sehen musste. Sie musste daran denken, dass sie nicht in der Lage gewesen war, das, was geschehen war, zu verhindern.
Ein leises Stöhnen war zu vernehmen.
“Melissa …?” murmelte Amy leise.
Sofort hob Melissa ihren Kopf und sah, dass Amy ihre Augen geöffnet hatte und sie müde ansah.
“Hey … Ja, ich bin’s, ich wollte unbedingt nach dir sehen. Ich hatte echt Angst um dich …” brachte sie hervor.
Melissa war sich natürlich vollkommen bewusst, dass sie sich noch gar nicht lange kannten und erst ein paar Worte gewechselt hatten, als es zu diesem schicksalhaften Ereignis kam. Sie erinnerte sich noch sehr gut daran, aber jedes Mal, wenn diese Erinnerung in ihr aufstieg, versuchte sie, diese sofort wieder abzuschütteln.
“Was ist denn passiert?” flüsterte Amy mit geschwächter Stimme.
“ Ich kann mich nur noch an die Unterkünfte erinnern, dann war da Michael, wir haben gestritten und danach ist nichts mehr, nur Lichter und unverständliche Stimmen.” schob sie nach.
Melissa sah sie mit einem traurigen Blick an, aus dem jeder lesen konnte, dass das, was geschehen war, nichts Tolles gewesen sein musste.
“Lass uns jetzt nicht darüber reden, ok? Ich erzähls dir, wenn es dir besser geht, jetzt musst du dich erst einmal ausruhen und wieder gesund werden, hörst du.”
Sie zwang sich ein Lächeln auf, um Amy nicht zu beunruhigen.
“Ich bin einfach froh, dass du noch da bist. Als ich erfuhr, dass ich dich besuchen könne, hab ich mich sofort auf den Weg gemacht.”
Amy öffnete etwas mehr die Augen und hielt Melissas Hand fest.
“Danke, wir kennen uns kaum, aber danke für alles.”
Melissa lächelte Amy tröstend an.
“Selbstverständlich, wir schaffen das.”
Sie streichelte ihre Hand und blieb so lange sie konnte bei Amy im Zimmer, selbst als die Mutter im weiteren Tagesverlauf dazu kam, blieb sie bei Amy.
II
Als Melissa am nächsten Tag wieder ins Internat zurückkehrte, sah sie sich mit sehr vielen kleinen Gruppen von Schülern konfrontiert. Einige sahen sie an und tuschelten, andere tuschelten nur und wieder andere sahen betrübt aus und starrten fragend in die Runde, da sich wohl niemand wirklich erklären konnte, wie so etwas ausgerechnet an ihrer Schule hatte passieren können.
„Das hat alles solch riesige Auswirkungen, wie soll das jetzt nur weitergehen? Kehren alle zum normalen Ablauf zurück? Wenn ja, wie soll das bitte funktionieren?“
Fragte sie sich, während sie den Weg entlang schritt, der zu den Unterkünften führte. Die Schule war sogar für ein paar Tage geschlossen worden, da die Polizei Beweise sichern und Ermittlungen vor Ort anstellen musste.
Melissa hoffte einfach, dass es irgendwie gehen würde, sie hoffte auch, dass der Ort gut gereinigt wurde, an dem alles geschehen war, aber das würde sie ja in wenigen Augenblicken in Erfahrung bringen können.
Sie schob sich den Weg weiter hinunter, als ihr unvermittelt der Atem stockte. Sie rieb sich die Augen und sah noch einmal zu dem Baum hinüber, der rechts am Rande des Weges seine Wurzeln ausbreitete.
Erleichtert atmete sie wieder aus. Sie dachte für einen kleinen Moment, sie hätte Michael da stehen sehen, doch ihre Augen spielten ihr wohl nur einen Streich.
Es wäre ja auch unsagbar dumm gewesen, wenn er wieder genau dorthin zurückgekehrt wäre. Der einzige plausible Grund, der ihr einfiel, weshalb er das hätte tun sollen, wäre der gewesen, um sich der Polizei zu stellen, wenn diese ihn nicht schon längst gefasst hatte. Niemand wusste etwas über Michaels Verbleib, oder niemand wollte etwas sagen, es spielte am Ende auch keine große Rolle, da es keine Informationen gab und das alles eh nicht wieder rückgängig hätte gemacht werden können.
Gerade als Melissa das Gebäude der Mädchen erreichte, öffnete sich dessen Tür und es traten Mindy und Joyce hindurch. Sie machten einen vergnügten Eindruck, fast so als wäre nie etwas geschehen, sie grinsten Melissa auch unverhohlen an, beinahe als wollten sie sagen “Wir wissen, was wir verursacht haben, aber es ist uns egal.” Melissa grüßte die beiden mit einem kurzen “Hallo”, um keinen Verdacht zu erregen. Schließlich stand immer noch im Raum, dass die beiden Amys Buch entwendet hatten, um das ganze Chaos, wenn auch vielleicht nicht mit der Absicht, dass es dieses Ausmaß annimmt, zu verursachen.So schob sich Melissa behände durch die Tür und den Gang entlang bis zu ihrem Zimmer, in dem sie auch direkt verschwand.
“Diese beiden kennen wohl wirklich keine Skrupel. Wie können sie nach all dem einfach so tun, als wäre gar nichts passiert? Es spielt nicht mal eine Rolle, ob die das verursacht haben oder nicht, das, was geschehen ist, ist doch wohl schrecklich genug. Ich hab mich in den beiden wohl echt getäuscht.”
Die Unterkünfte waren noch ziemlich leer, hatte Melissa auf dem Weg in ihr Zimmer festgestellt, aber es war auch wenig verwunderlich. Es fiel auch ihr nicht leicht, das Gebäude zu betreten, da es die Erinnerungen wieder sehr nah vor das innere Auge führte. Da musste sie auch an Amy denken, wie es für sie wohl sein würde, wenn sie denn überhaupt wieder zurückkommen würde. Verdenken könnte sie es ihr nicht, wenn sie darauf verzichten würde.
---ENDE DER LESEPROBE---