Memoiren des Karl Christian Sartorius -  - E-Book

Memoiren des Karl Christian Sartorius E-Book

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Beschreibung

Karl Christian Sartorius (geboren am 31. August 1796 in Gundernhausen bei Darmstadt und verstorben am 16. Januar 1876 auf seiner Hacienda Mirador, Veracruz, Mexiko) war Sohn eines Theologen und Gelehrter mit vielfältigen Interessen. Als junger Mann wegen seiner fortschrittlich liberalen Gesinnung von der Obrigkeit verfolgt, wanderte er im Jahre 1824 nach Mexiko aus, wo er zunächst verschiedenen land- und bergwirtschaftlichen Tätigkeiten nachging und schließlich 1839 sein eigenes Landgut, die Hacienda Mirador, gründete. Dem Interesse für Flora und Fauna, das den Tatenfrohen bei all seinen Unternehmungen in Mexiko begleitete, verdanken wir zahlreiche naturkundliche Sammlungen und Schriften. In seinen Memoiren und Briefen, später durch Erinnerungen seines Sohnes Florentin fortgeführt, schildert K. C. Sartorius mit geübter Feder sein Leben dies- und jenseits des Atlantiks, in welchem sich neben der Familiengeschichte auch immer die großen und kleinen gesellschaftlich-politischen Umwälzungen jener Epoche spiegeln.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Karl Christian Sartorius I. Teil.

Seine Selbstbiographie

l. Erste Kindheitsjahre und Jugend 1796 bis 1814

II. Universitätsleben 1814-1818

Karl Christian Sartorius II. Teil

Fortsetzung von Karl Christian Sartorius Leben und Wirken aus Briefen und Erinnerungen von seinem Sohn Florentin Sartorius (geboren am 13.1.1837) zusammengetragen.

Nachtrag zur Familienchronik I 1872 bis 1883

Fortsetzung der Familienchronik (von E. Speckter)

Bilder & Fotografien

Karl Christian Sartorius I. Teil.

Seine Selbstbiographie.

l. Erste Kindheitsjahre und Jugend 1796 bis 1814.

Am 31. August 1796 morgens zwischen drei und vier Uhr erblickte ich das Licht der Welt in dem Dorfe Gundernhausen am Fuße des Odenwaldes, zwei Stunden von Darmstadt.

Der Zufall wollte es, dass die ersten Zeichen meiner Lungentätigkeit von Musik begleitet wurden; denn da gerade Kirchweihe in dem Dorfe war, brachte die Musikbande, die zum Tanze aufspielen sollte, in der Morgendämmerung, altem Herkommen gemäß, dem Pfarrherrn, meinem Vater, ein Ständchen.

Diese Begrüßung des Neugeborenen‚ die wahrscheinlich nicht sehr harmonisch war, wurde als ein gutes Zeichen angesehen und vermehrte die Fröhlichkeit im elterlichen Hause, welche die Geburt des Stammhalters erzeugt hatte. Meine Schwester Sophie war zwei Jahre vor mir geboren.

Nachdem ich nun mein Erscheinen gemeldet habe, muss ich zunächst von den Urhebern meines Daseins reden. Mein Vater Christoph Philipp Sartorius stammt aus einer Theologenfamilie, welche bis zum Urgroßvater hinauf alle männlichen Sprösslinge im Dienste der lutherischen Kirche erzogen hatte.

Soviel ich über meine Vorfahren erkunden konnte, so scheint es, dass sie in früherer Zeit, als ehrsame Bürger von Darmstadt, den Namen Schneider führten.

Im Anfang des l7. Jahrhunderts lebte ein Sattlermeister Johannes Schneider in Darmstadt, dessen Sohn Theologie studierte und nach dem Geschmack seiner Zeit seinen Namen lateinisierte.

So viel ist gewiss, dass um das Jahr 1620 der erste Theologe des Stammes unter dem Namen Sartorius erschien. Ob er ein einziger Sohn war, konnte ich nicht erfahren, wohl aber scheint es, dass die Familie Schneider erlosch und der Name Sartorius, die Werkstätten der Stadt verschmähend, sich als ein Schriftgelehrter fortsetzte.

Es existieren einige Familienbilder vom Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts, welche nur wohlbeleibte Pfarrherren, stattliche hübsche Männer abschildern. Von meinem Urgroßvater erfuhr ich, dass er Pfarrer in Lehheim am Rhein war und die fixe Idee hatte, Juden zum Christentum zu bekehren. Einige schlaue Betteljuden gingen darauf ein, mystifizierten den guten Apostel aufs Gräulichste‚ lockten ihm viel Geld aus der Tasche und dachten nicht daran, sich taufen zu lassen!

Mein Großvater war zuerst Pfarrer in Gräfenhausen, später in Rüsselsheim a/M., wo er im Alter von 72 Jahren starb. Meine Großmutter überlebte ihn um viele Jahre, sie starb in ihrem 81. Jahre in Gundernhausen, als ich etwa vier Jahre alt war; wenigstens erinnere ich mich ganz gut, sie täglich mit meiner älteren Schwester Sophie besucht zu haben.

Mein Vater war in Gräfenhausen geboren so wie sein älterer Bruder Ernst Ludwig und drei Schwestern. Der Großvater hatte seine Kinder selbst unterrichtet, und während der ältere Sohn Ernst später das Pädagogium in Darmstadt besuchte, erhielt mein Vater, weil die Einnahmen nicht ausreichten, zwei Söhne auswärts zu schicken, die gelehrte Vorbildung nur von dem Großvater.

Mit der Versetzung nach Rüsselsheim war eine bedeutende Verbesserung der Besoldung verbunden, so dass beide Brüder zugleich in Gießen Theologie studieren konnten.

Nach vollendeten Studien und wohlbestandenem Examen nahm mein Vater eine Hofmeisterstelle in Frankfurt a.M. an in dem Patrizierhause von Feinhaber.

Die Achtung und Liebe, welche ihm seine Zöglinge noch lange Jahre nachher kundgaben, sowie die Stellung, die dieselben in der Gesellschaft erreichten als ehrenhafte und gebildete Männer, bezeugen hinlänglich, dass die Wirksamkeit meines Vaters als Erzieher eine erfolgreiche, dass das Verhältnis zur Familie ein angenehmes war.

Das Leben in einer großen Handelsstadt, der Umgang mit gebildeten Männern und in einem wohlhabenden Familienkreise, verschafften ihm jene Urbanität und Übung in geselligen Formen, bei großer Gediegenheit des Charakters und Einfachheit, wodurch er seiner Familie und seinen Freunden so wert wurde.

Zehn Jahre blieb mein Vater in dieser Stellung als Hauslehrer und verließ sie dann, teils weil seine Zöglinge höhere Lehranstalten besuchen mussten, teils weil sich ihm Gelegenheit bot, in den Staatsdienst einzutreten. Er bewarb sich um die entlegene Pfarrei in Gundernhausen und erhielt sie.

In dem benachbarten Darmstadt war sein Bruder Ernst als Konvektor an dem Pädagogium angestellt, viele seiner Universitätsfreunde lebten in derselben Stadt, die Besoldung war eine der besseren, die Stellung meines Vaters war also eine ganz angenehme.

Doch fehlte dem an Geselligkeit Gewöhnten der nähere Umgang mit Gebildeten.

In demselben Dorf lebten nur ein alter Sonderling, der sächsische Geheimrat Baron von Nümptsch, Rittergutsbesitzer, ein Junggeselle, der alle Gesellschaft mied, und ein Herr Brandeis, Verwalter eines andern Guts, ein anderer, alter Junggeselle wie der, der mit seiner unverheirateten alten Schwester die altertümlichen Ruinen eines früher stattlichen Rittersitzes bewohnte. Wurde auch mit Letzteren ein freundschaftliches Verhältnis eingeleitet, so beschränkte es sich nur auf gelegentliche Besuche.

Mein Vater fühlte die Notwendigkeit, eine Lebensgefährtin zu suchen. Ob er früher irgendein Verhältnis, eine ernste Neigung gehabt habe, erfuhr ich nicht; die Wahl seiner Gattin entschied der Zufall.

Eine kleine halbe Stunde südlich von Gundernhausen liegt das Pfarrdorf Rossdorf. Der dortige Geistliche, Netz, ein munterer, aber etwas roher Mann, wurde bisweilen besucht. Er war mit einer Pfälzerin, einer sanften liebenswürdigen Frau verheiratet.

Bei dieser traf einst mein Vater, eine befreundete Landsmännin Caroline Götz, die zu Besuch auf dringende Einladung der Frau Netz gekommen war.

Das fleißige sinnige Mädchen gefiel meinem Vater er sah sie öfters, und als sie sich zur Rückreise in ihre Heimat anschickte, bat er um ihre Hand.

Auch ihr war der gebildete junge Pfarrherr nicht gleichgültig, aber als sittsame Jungfrau forderte sie Bedenkzeit und die Beratung mit ihren Eltern. An diese natürlich wandte sich mein Vater und erhielt das Jawort.

Nach einigen Wochen wurde die Vermählung gefeiert und das einsame Pfarrhaus erhielt Leben und Fröhlichkeit, weil seine Bewohner sich liebten und vereint strebten, eine heitere Umgebung zu schaffen.

Meine Mutter Caroline Götz war die Tochter eines Justizbeamten Kammerrat Götz in Diensten eines der kleinen Reichsfürsten, der Lich-Hohensolm, welche vor der französischen Revolution ihre Güter um den Donnersberg hatten. Der Wohnort meines mütterlichen Großvaters war Grehweiler, ein Städtchen nicht weit von Kirchenbolanden.

Soviel ich später erfuhr, war mein Großvater Götz ein tüchtiger, streng rechtlicher Mann, der aus dem Nassauischen stammte und früher Rat bei dem Fürsten Nassau Weilburg war.

Aus Gründen, die seinem Charakter nur Ehre machen, verlor er diese Stelle; der Fürst hatte nämlich an seine Hofkammer das Verlangen gestellt, für die Vergrößerung seiner Einkünfte Sorge zu tragen und namentlich den Landständen die Bewilligung einer weiteren Steuer ans Herz zu legen. Nun war es aber bekannt, dass der Fürst die verlangte Summe zur Dotierung seiner Maitresse verwenden wollte.

Als dieses dringende Verlangen des Fürsten nun in der Kammer beraten wurde und einige Räte als gefügige Knechte den Wunsch Serenissimi unterstützen zu müssen glaubten, donnerte mein Großvater gegen solche Feigheit, er ermahnte zu bedenken, dass sie berufen seien, über des Volkes Rechte zu wahren, und nicht zugeben dürften, dass die Untertanen mit Steuern belastet würden um für Metzen Schlösser zu bauen.

Sein Feuereifer vereitelte des Fürsten Absicht, zog ihm aber ungnädigen Abschied zu.

Als tüchtiger Jurist und fleißiger Beamter bekannt, erhielt er schnell wieder Anstellung. Ein Bruder meines Großvaters war der bekannte Dichter Johann Niklas Götz, der als Superintendant in Durlach in Baden starb und den ich als Kind oft nennen hörte. Ein anderer Bruder, der Kaufmann war, siedelte nach Amerika über und soll in Philadelphia ein solides Haus und eine große Familie gegründet haben.

Meine Mutter hatte zwei Brüder und eine Schwester, die ich alle kannte. Die Geschwister hingen mit großer Zärtlichkeit aneinander, ein Umstand, der in der Regel auf liebevolle Behandlung der Eltern und gute Erziehung schließen lässt.

Mein ältester Oheim Florian Götz widmete sich dem Baufache, bereiste nach Beendigung seiner Studien Frankreich und Italien und trat später in Herzogl. Nassauische Dienste, wo er als Landbaudirektor starb.

Der zweite, Wilhelm Götz, studierte die Rechte, ward Advokat, dann Kabinettsekretär des Herzogs von Nassau, der ihn im Testament zum Vormund seiner Töchter bestellte und ihm die Wahl jeder beliebigen Beamtenstelle anheimstellte.

Mein Oheim wählte sich Rüdesheim. Als höchst gewissenhafter und rascher Arbeiter lichtete er bald die verworrene Verwaltung voller Rückstände, so dass die Regierung, sein Verdienst erkennend, ihn zum Präsidenten des Collegiums berief, welches die anhängigen Geschäfte der Grafschaft Dillenburg ordnen sollte.

Die Arbeit war auf 20-25 Jahre Dauer berechnet, aber mein Oheim vollendete sie in 9 Jahren, arbeitete sich jedoch zum Hypochonder und erschoss sich kurze Zeit nachher, weil der Minister ihn zum Oberappellationsrat machen wollte und er glaubte, dem Posten nicht gewachsen zu sein.

Meine Tante Johanna Götz verheiratete sich sehr jung mit dem Pfarrer Kraus in Seeheim in der Bergstraße und da ich im Verlauf dieser Notizen öfters von diesen Oheimen und Tanten zu reden habe, wollte ich von vornherein diese Aufzählung der Familienmitglieder vornehmen.

Ich kehre nun zum 31. August 1796 zurück.

Wie mir meine gute Mutter später erzählte, war ich ein starkes Kind, ziemlich braun und kahlköpfig. Mein Vater taufte mich, drei Paten gaben mir die Namen Karl Christian Wilhelm; nach dem mittleren wurde ich genannt. Oheim Wilhelm Götz und seine Schwester Johanna waren Paten, wer der dritte war, habe ich vergessen. Von den ersten Jahren meiner Kindheit weiß ich nichts zu sagen, ich hatte keine schweren Krankheiten zu überstehen, wuchs und gedieh.

Wie meine Mutter versicherte, lernte ich früh gehen, schleppte Stöcke herum und ärgerte den Gärtner, dem ich über frisch gegrabene Beete lief; dabei war ich schwerfällig, ernst und spielte gerne allein.

Die früheste deutliche Erinnerung mag von meinem dritten Jahre sein. Mein Vater war nicht zu Hause, es kam ein Trupp Reiter vor das Haus, Militär, der abstieg und eintrat.

Meine Mutter war sehr besorgt, blieb aber im Zimmer. Meine Schwester Sophie und ich liefen in das Schlafzimmer, verriegelten die Türe und lugten durch ein kleines Loch.

Es waren österreichische Offiziere, die nach Landkarten fragten; meine Mutter holte einen Pack, den sie durchsahen und sich empfahlen; die ersten Soldaten, die ich erblickte, mögen allerdings einen tiefen Eindruck hinterlassen haben.

Deutlich erinnere ich mich ebenso des Neujahrstages 1800. Der alte Glöckner Wendel, ein Invalide, der Friedrichs Grenadieren gedient hatte und bei uns Kindern persona grata war, da er oft als Taglöhner im Hause arbeitete, gratulierte zum neuen Jahr, und mein Vater sagte ihm, dass ein neues Jahrhundert anfange, dass es nun mit den 1700 aus sei, was der Alte nicht begreifen konnte. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er lange da stand und den Kopf schüttelte, wobei der rutenförmige Zopf immer hin- und herfuhr. Überhaupt ist mir aus den ersten Jahren meiner Kindheit noch mancherlei erinnerlich.

So entsinne ich mich sehr gut, wie ich die Pocken hatte, zugleich mit meiner älteren Schwester und zwei jüngeren Geschwistern.

Es war im Winter, in unserer Schlafstube war ein kleiner Ofen geheizt, gegen den der jüngere Bruder Ernst (er starb in seinem 10. Jahre), damals zweieinhalb, fiel und sich den Arm verbrannte. Aus dieser Wunde eiterte das Pockengift, er bekam am Körper dann einige Blattern.

Ebenso ist die Erinnerung deutlich an die Besuche bei der Großmutter, welche den oberen Stock eines großen Bauernhauses bewohnte zugleich mit zwei unverheirateten Töchtern Tante Lieschen und Wilhelmine.

Ich ging sehr gern zu der Großmutter und Tante Lieschen, eine sehr freundliche alte Jungfer, sie hatte stets für uns Kinder etwas aufbewahrt; ein Stück Kuchen, Waffeln oder Obst. Tante Wilhelmine dagegen mochten wir nicht; sie strickte immer nur Strümpfe und schalt, wenn wir sie anfassten.

Ich bemerke hier, dass Tante Lieschen sich nach der Großmutter Tod im Jahre 1802 mit dem Pfarrer Fabricius in Leeheim verheiratete, Tante Wilhelmine dagegen zu uns ins Haus zog. Sie war etwas simpel, wiewohl harmlos, wurde viel geneckt von uns Kindern, und es fuhr manchmal mit der Rute über uns her, wenn wir ihr die Haube abzogen oder sie am Stuhl festbanden.

Später wurde sie förmlich geisteskrank und erhielt eine Wärterin in einem andern Haus, wo sie bis zu ihrem Tode lebte.

Wenn ich in meinen Jugenderinnerungen nachsuche, ob irgendein Ereignis einen tiefen Eindruck auf das kindliche Gemüt gemacht habe, so kann ich nur wenig finden.

Unser Leben war das friedlichste von der Welt. Mein Vater war ein gewissenhafter fleißiger Mann, das Ideal eines guten Seelenhirten und Familienvaters.

Seine Gemeinde galt als die beste weit und breit. In ihr kamen keine Händel und Schlägereien vor, es gab nur sehr wenige Trinker und Müßiggänger, die Zahl der unehelichen Kinder war sehr gering und in mehr als einem Jahrzehnt war kein Gemeindemitglied wegen eines Kriminalvergehens vor Gericht gezogen worden.

Mein Vater war ein ernster Mahner für die Irrenden, ein Tröster der Bedrängten, ein Ratgeber der Zweifelnden und ein mildtätiger Helfer der Notleidenden.

Alt und Jung hatten eine große Verehrung für den edlen Mann, der, selbst exemplarisch im Wandel, allen durch sein Leben und Beispiel den Weg zum inneren Glück zeigte.

In Erfüllung seiner kirchlichen Pflichten war er sehr gewissenhaft; er ging nie unvorbereitet auf die Kanzel, keine Predigt hielt er zwei Mal. Er studierte fortwährend die neuesten Werke seines Faches, hatte eine bedeutende Bibliothek und beschäftigte sich vorzugsweise mit wissenschaftlichen Gegenständen. Wie ich später hörte, soll er einige Schriften herausgegeben haben, jedoch nicht unter seinem Namen.

Ein Hauptteil der Emolumente der Pfarrei bestand in Ländereien, und durch Landbau hätte meine Mutter großen pekuniären Vorteil erlangen können, er hielt es aber für unverträglich mit seinem Amte und verpachtete das Gut, nur so viel Äcker reservierend wie für den Bedarf des Haushaltes notwendig waren.

Wir Kinder lernten früh unsere Äcker kennen, die Spaziergänge nach den Feldern übten das Ortsgedächtnis und belehrten uns über den Feldbau, den ich schon als kleiner Knabe so gut kannte wie die Bauern.

Die höchste Wonne war für mich der Wald; wenn mein Vater den Weg dahin einschlug, so rannte ich voll Freude voraus, suchte Blumen und wusste bald, wann der Seidelbast und wann die Maiblume zu finden sei.

Östlich vom Dorfe, nicht sehr fern, liegt eine Bergkuppe, eine Fortsetzung vom Basaltkegel des Rossberges. Auf diesen Berg, der Stetteritz genannt, ging ich sehr gern mit meinem Vater.

Von seinem Gipfel hatte man eine recht freundliche Aussicht auf viele hübsche Dörfer bis zur Mainebene hin, westlich aber erhebt sich der schroffe Kegel des Otzberges mit seinem altertümlichen Schlosse, das früh wie ein Stück Romantik auf den Knaben einwirkte.

Wir machten uns wunderliche Vorstellungen, was diese hohen Gebäude auf dem schroffen Gipfel bedeuten möchten, und konnten uns nicht denken, dass sie von Menschen bewohnt seien.

Die ersten Pfleger der Romantik sind in der Regel alte Dienstboten, die durch Erzählen von Märchen und Spukgeschichten der jugendlichen Phantasie die erste Nahrung geben, aber auch durch Einimpfen einer törichten Furcht für spätere Jahre schädlich wirken. Mit großer Andacht hörten wir die Erzählungen der alten Magd oder des Gärtners Wendelin und bewunderten den Heroismus des letzteren, der des Nachts in die Kirche ging um zu läuten. Ich begleitete ihn auch oft in der Dämmerung, wenn er nach dem Abendläuten die Turmuhr aufzog, konnte aber die heimliche Furcht nicht loswerden, wenn der Wind die gemalten Wappen regte, welche über zwei adligen Kirchenstühlen aufgehangen waren.

So war ein alter Zigeuner, der Portugal hieß und bisweilen mit seiner Violine vor das Haus kam, ein Gegenstand des Grauens, weil das Gesinde von den Zigeunern viel Schauerliches zu erzählen wusste. Damals hatten diese Nomaden noch keine Gendarmen zu fürchten und suchten truppenweise die Dörfer heim, als Musiker, Wahrsager u.s.w., aber stets bettelnd.

Gesellschaft fehlte uns ganz und gar, denn unsere Eltern hielten uns möglichst fern von den gleichaltrigen Kindern der Bauern. Auf der einen Seite war das ganz gut, wir wurden von unlauterer Berührung ferngehalten; auf der anderen Seite entging dadurch ein wichtiges Erziehungsmoment, das des öffentlichen Lebens, wenn ich mich so ausdrücken darf, des Zusammenlebens mit Gleichen, wodurch sich das Selbstvertrauen und die so wichtige Unbefangenheit im Umgang herausbilden.

Große Schüchternheit war die Folge der vereinzelten Stellung, die mir lange nachhing. Ein kleiner Junge unsres Nachbarn war mein Busenfreund, aber nur vor dem Hause und im Hof durfte ich mit ihm spielen.

Der Vater sah streng darauf, dass ich nicht nach Willkür herumlief. Bei den Spielen im Hause in der Winterzeit und bei Regenwetter nahmen oft meine Schwestern und einige andere kleinen Mädchen teil. Dann musste ich gewöhnlich den Prediger machen, die Puppe taufen, den Leichenzug eröffnen und die Grabrede halten.

Viele Stunden verbrachte ich bei meinem Vater in seinem Arbeitszimmer und ich durfte nur dann manche Bücher nehmen und Bilder sehen.

Die Lieblingsbücher waren Rost’s Naturgeschichte, ein Orbis pictus, eine alte Botanik mit vielen Holzschnitten und ein mächtiger Foliant, die Beschreibung des Leichenbegängnisses eines alten Landgrafen von Hessen, mit unzähligen Bildern, die z.T. 10-12 Schuh lang waren.

Die Familie war abends im Wohnzimmer versammelt und unsere größte Freude war, wenn der Vater sich in den Sessel setzte, auf dessen Lehne wir Platz nahmen, und er kleine Geschichten erzählte.

Mit dem 6. Jahr wurde der Unterricht begonnen.

Ich erinnere mich des 6. Geburtstages, ich hatte neben anderen Geschenken ein paar lederne Stiefel bekommen, die sogleich natürlich angezogen und in den tiefsten Pfützen probiert wurden.

Ich dünkte mir ein Goliath zu sein und forderte die Nachbarjungen heraus, ihnen ankündigend, dass ich jetzt sechs Jahre alt sei.

Vater unterrichtete uns selbst, bald war ihm aber der erste Elementarunterricht lästig und er nahm sich einen jungen Menschen namens Fischer, Sohn eines Lehrers, der sich dem Lehrerberuf widmete. Er lehrte uns Lesen, Schreiben, Rechnen und Klavier spielen, dagegen unterrichtete mein Vater ihn in Geografie, Geschichte und Latein.

Fischer hatte Talent zum Lehren und Verstand sowie Lernbegierde und Fleiß. Er benutzte den Unterricht meines Vater wohl, bildete sich durch Lektüre und wurde später ein ausgezeichneter Lehrer, der vieles Gute wirkte und eine Anzahl brauchbarer Schulbücher herausgab.

Um diese Zeit kam ein französisches Heer über den Rhein und bezog Winterquartiere im Hessischen.

Auch unser friedliches Dorf erhielt ein Batallion und es begannen vielerlei Vexationen, welche während der Zeit der französischen Invasion Deutschland heimsuchten.

So sehr die Kinder das Bunte lieben und deshalb für militärische Aufzüge schwärmen, so wenig verlockte mich dieses, um für die Franzosen ein Herz zu bekommen. Gewiss wirkten hier Einflüsse der Erziehung, über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte. Denn das weiß ich, dass mein Vater der deutschen Sache eifrigst zugetan war und die Anwesenheit der Franzosen als einen Verderb der Sitten und als Ruin des Wohlstandes hasste. Manchmal wohnte ich den Gesprächen der Erwachsenen bei, und mein Gefühl sagte mir, dass mein Vater Recht habe, wenn er die deutsche Sache verfocht.

Natürlich fehlte auch in unserem Haus die Einquartierung nicht und ich erinnere mich namentlich eines Kapitäns und eines Arztes, beide ganz anständige Leute, die sich nie eine grobe Forderung erlaubt hätten.

Der Arzt war jung und verliebter Natur und da wir eine Dienerin hatten von ähnlicher Komplexion, so zeigten sich später die Folgen.

Sie bekam einen schönen kräftigen Knaben, der später Nachforschungen nach dem Vater anstellte. Wie ich über 40 Jahre später erfuhr, lebte der Doktor noch im südlichen Frankreich und zeigte sich als braver Mann. Er machte sich auf den Weg nach Gundernhausen, schloss den Sprössling in die Arme, nahm ihn mit in sein Vaterland, wo er den Gefundenen förmlich adoptierte.

Oft begleiteten wir den Vater zu seinen wenigen Bekannten in die Umgegend. Einer derselben war der evangelische Geistliche in Grosszimmern, Gerner genannt.

Wir gingen nicht sehr gern dahin außer in der Zeit der Obstreife, denn der Pfarrer hatte einen schönen Garten voller guter Früchte.

Er war kinderlos, ein Hagestolz lang und mager und hatte eine alte Schwester bei sich von derselben Statur, sehr altfränkisch gekleidet, aber äußerst rein und freundlich.

Das Pfarrhaus war stets verschlossen; wir zogen die Klingel, dann öffnete der hagere Pastor das Fenster und rief ein langgezogenes Aach; gewöhnlich war er im Schlafrock, eine weiße Mütze über den kahlen Schädel gezogen, rauchte fortwährend Tonpfeifen und sprach sehr laut.

War er aber in Putz, so trug er einen langen dunkelgrauen Oberrock und eine Stutzperücke. So hießen die Perücken, die den ganzen Kopf bedeckten und an den Seiten zwei fest aufgerollte Locken hatten. So wandelte er sehr gravitätisch mit seinem langen spanischen Rohr, war freundlich gegen die Kinder, interessierte sich sehr für Schulwesen und war ein eifriger Politiker.

In dem Dorfe Zimmern lebten damals viele Töpfer und ich sah als Kind oft ihre Werkstätten und ihre Arbeit; nahm mir aus den Tongruben oft etwas Ton mit, allerlei Getier zu kneten.

Bisweilen wurde auch der Flecken Dieburg besucht, ein früher Kurmainzischer Ort, katholisch, mit Kapuzinerkloster. Was uns Kindern das Anziehendste war, war der Park der Familie Grasschlag, der mit seinen Alleen, Statuen, Tempelchen u.s.w. uns als ein Wunderwerk erschien.

Dann aber nahmen den zweiten Rang unserer Bewunderung die mürben Brötchen ein, Bubenschenkel genannt, die mit dem Begriff Dieburg verschmolzen waren.

Einmal im Jahr wurde auch der Vetter Klein, Pfarrer in Oberramstadt besucht, ein gelehrter Lateiner und sehr ökonomischer, aber rechtlicher Mann. Er stand im Rufe des Geizes, weil er die Eigentümlichkeit hatte, jeden weißen Papierstreifen, den er fand, zu verwenden. Er hat sich ein Vermögen durch seine Sparsamkeit erworben, aber wenn es galt, Notleidenden beizustehen, war er freigebig im höchsten Grad, wie er bei Abgebrannten mehrmals erwiesen.

Wir gingen übrigens nicht gern nach Oberramstadt, weil da keine Kinder waren, mit denen wir herumtummeln konnten. Wenn dagegen eine Fahrt nach Seeheim angekündigt wurde zu Onkel Kraus und Tante Jeanette zur Zeit der Kirschen, so erregte das großen Jubel.

Onkel Kraus war ein lebenslustiger heiterer Mann, den wir sehr gerne hatten. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn Karl, wenig älter als ich, mit dem ich gute Kameradschaft hatte, woraus später eine feste dauernde Freundschaft erwuchs.

Häufig waren auch die Besuche in Darmstadt bei Oheim Sartorius.

Von seinen vier Kindern, die beiden älteren waren Wilhermine, gleichen Alters mit meiner Schwester Sophie, und Ernst mit mir. Wir spielten gern zusammen, waren aber in Temperament und Neigungen ganz verschieden. Er ein kurzer rotwangiger Dickback, war ein Stadtjunge, mehr entwickelt als ich, weshalb er mir imponierte was das Wissen betraf, aber in körperlicher Stärke und Gewandtheit stand er mir weit nach.

Zwischen engen Mauern aufgewachsen, hatte er kein Auge für die Natur; bemerkte nicht die Blumen, Vögel, die schönen Haselstöcke, die meinem Auge nicht entgingen, er konnte nicht mal mit der Leiter auf den Kirsch- und Pflaumenbaum steigen, während ich wie eine Katze kletterte. Die Vogelnester, Sprenkelstellen, mein Blumenbeet hatten für ihn keinen Reiz, weshalb ich ihn gründlich bemitleidete. Kam er mit seinem Vater zu uns aufs Land, so konnte er mir über Gräben und Hecken nicht folgen, dagegen war ich in der Stadt schüchtern zwischen den fremden Menschen und freute mich, wenn es gegen Abend wieder zum Tore hinausging ins liebe Dorf zurück.

Ein großes Ereignis aus der frühesten Kindheit war eine Reise nach Frankfurt. Wohl erinnere ich mich, dass ich zu Hause bleiben sollte, weil ich keine ordentlichen Schuhe hatte, aber die Vorstellung der Mutter, dass man in Frankfurt fertige kaufen könne, besiegte die Bedenken.

Equipage hatten wir nicht, existierte auch nicht im Dorfe, deshalb spannte der Pächter Hannstein den Leiterwagen an und wir kutschierten in der Frühe weg, durch große Wälder und unbekannte Gegenden.

Bevor wir bei Sprendlingen die Heerstraße erreichten, begegneten wir einem großen Zug Zigeuner, deren dunkelfarbige Gesichter mir großes Grauen erregten. Als einzelner Momente von dieser Reise gedenke ich noch zweier Vorstellungen im Theater, zu welchen ich mitgenommen wurde; es war das Donauweibchen und der Tell.

Auch blieb mir im Gedächtnis, dass ich von Frau von Fuchs, früher von Virnhaber, in deren Haus mein Vater Erzieher war, eine goldene Nadel geschenkt bekam. Ich sollte der alten Dame die Hand küssen, machte es aber in meiner Angst und Verwirrung so ungeschickt, dass ich den Ellbogen küsste.

Nicht weniger fest erhielten sich im Andenken das Bild des alten Doms und der Fischmarkt, der mich sehr interessierte. In großen Kübeln waren lebende Fische; ich blieb hinter meinem Vater zurück, um einen großen Hecht zu betrachten, und wollte ihn mit meinem Rohrstöckchen berühren, als von der dicken rotgesichtigen Sachsenhäuserin eine Flut von Schimpfwörtern gegen mich losbrach, die mich zu eiliger Flucht nötigte.

Aus der ersten Kindheitszeit bis zum 7.-8. Jahr blieben nur wenige Erinnerungen zurück. Man kann sich später keine Rechenschaft darüber geben, durch welche Umstände allmählich hervortretende Neigungen angeregt und ausgebildet wurden. Und doch sind frühste Eindrücke gewiss bestimmend zur Entwicklung von Neigungen, ja entscheidend für die ganze Richtung des Lebens.

Mein Vater beschäftigte sich nicht mit Naturwissenschaften, er las zwar viel, aber meist theologische Schriften, Literaturblätter, pädagogische Werke u.s.w.

Für Naturschönheit hatte er wie meine Mutter tiefes Gefühl. Wenn wir nach dem kleinen Berge gingen, von welchem man das Tal übersieht, den Sonnenuntergang bewunderten, die bunte Färbung der Felder im Frühling, zur Zeit der Rapsblüte, wenn wir die Obstbäume im Blütenschmuck sahen oder den Birkenwald im zarten Grün, dann sprachen sie wohl ihr Gefühl aus und machten uns Kinder auf die Schönheit aufmerksam. Daher mag es wohl kommen, dass der Sinn für Naturschönheit früh bei mir geweckt wurde und dass ich ein scharfes Auge dafür bekam.

Ich lernte dann auch sehr früh das Einzelne betrachten und nichts entging meinem scharfen Auge. Ich lernte die Pflanzen der Gegend kennen und hatte früh ein gutes Ortsgedächtnis, wusste wo Seidelblast zu finden war, die Waldanemone, die Schlüsselblume und die Ranunkel.

Die Lust zum Sammeln erwachte sehr frühe. Schneckenhäuschen aller Art wurden von den Spaziergängen mitgebracht und der Größe nach in Schachteln gelegt.

Ein Mineraloge, Herr Hess, der einmal die Eltern besuchte und die nächsten Höhen untersuchen wollte, wurde von mir begleitet und lehrte mich den Achat kennen. Von nun an zerschlug ich alle Achatknauern, die ich fand, und brachte sie nach Hause.

Ja, als ich einmal einen großen Klumpen Achat in der Kirchhofmauer entdeckte, wurde ein Stück Mauer demoliert, bis der Schatz heraus war.

Ich schleppte den schweren Stein fort, fiel damit vor unsrem Hause und zerquetschte einen Finger.

Auch blieb mir im Gedächtnis der Besuch eines Universitätsfreundes meines Vaters, des Pfarrers Röhling, eines eifrigen Botanikers, von dem eine der ersten Floren Deutschlands herausgegeben wurde. Es erregte meine größte Neugierde, wie er mit der Lupe die Staubfäden der Blumen untersuchte und die Pflanzen einlegte, was ich bald nachahmte und in allen Büchern Pflanzen trocknete.

Mein Oheim Kraus in Seeheim hatte in seinem Zimmer eine kleine Sammlung an Käfern und Schmetterlingen, die in Pappkästen, mit Glas bedeckt, gleich Bildern aufgehangen waren. Diese Sammlung war der Gegenstand meiner größten Bewunderung und wurde oft beschaut, später auch versucht, ein ähnliches Prachtwerk zu Stande zu bringen.

Wie alle diese kleinen Umstände eine entschiedene Richtung für Naturgeschichte anregten und unterstützten, so fehlte doch durchaus Belehrung und Nahrung des inneren Triebes. Dies hinderte jedoch nicht auf alles zu achten, was sich dem Auge darbot.

Am anziehendsten von allem Lebenden waren mir die Vögel, die ich in allen ihren Bewegungen beobachtete und sehr früh anfing, sie in meine Gewalt zu bekommen.

Sperlinge und Meisen, Rotkehlchen, Finken und Stieglitze wurden gefangen und in Käfigen wohl gepflegt. Die Lebensweise, Nahrung, Bau der Nester, die Eigentümlichkeiten aller bei uns heimischen Vögel kannte ich genau, eh ich zehn Jahre alt war.

Mit ähnlichem Eifer kümmerte ich mich um die Fische, die der Mühlbach und etliche Fischteiche enthielten, und noch erinnere ich mich wohl, wie angestrengt ich nach einem Wassersalamander angelte, bloß um ihn kennenzulernen.

Mein Vater sah diese Neigung nicht gern; er führte mir das alte Sprichwort vor: „Fischfang und Vogelstell, verderben manchen Junggesell“, ohne jedoch damit die Neigung zu unterdrücken.

Jean Paul sagt, dass Schrecken der frühesten Jugend oft bis in das spätere Alter nachtönen, nämlich im Traum. Diese Beobachtung bestätigt sich bei mir.

Ich hatte beim Läuten der Abendglocken dem alten Glöckner Wendelin eine Bestellung auszurichten, aber als ich nach der Kirche kam, hatte er schon geläutet und war auf den Turm gestiegen, um die Uhr aufzuziehen. Es war schon fast dunkel, ich kletterte aber doch die sehr steile baufällige geländerlose Treppe hinauf, war fast oben, als eine der losen Stufen aus den Fugen ging, wodurch ich das Gleichgewicht verlor und hinunterfiel.

Zum Glück nicht in die ganz beträchtliche Tiefe, sondern der Zufall wollte es, dass ich mit gespreizten Beinen fiel. Mein Schreck war gross, aber der Alte hatte es bemerkt, half mir aus der Lage und beruhigte mich.

Oft im Leben ist mir dies Ereignis als beängstigender Traum erschienen. Ein Unwohlsein, ein voller Magen, eine unbequeme Lage veranlassten, dass ich wieder träumte, ich hätte unendlich sehr freistehende Treppen zu ersteigen mit dem Blick in endlose Tiefe, dass die Stufen aus den Fugen rutschten und ich mich im Schwindel angstvoll anklammerte.

Später variierte der Traum, indem ich statt der Treppen steile Felswände erstieg und das bröckelnde Gestein keinen festen Schritt gestattete. Noch heute kehren ähnliche Träume zurück, alles Folgen des Eindruckes der Kindheit.

Aus der Zeit des ersten Unterrichts erinnere ich mich wenig.

In der Winterzeit lehrte mich der Vater einfache Papparbeiten zu machen und es wurden Kästchen aller Art als Weihnachtsgaben für die jüngeren Geschwister gefertigt. Auch lernte ich das Falzen und Heften der Bücher, mein Vater hatte vollständiges Werkzeug für diese Übung.

Zu einem Geburtstag erhielt ich als Gabe eine Schnitzbank mit Säge, Meißeln, Bohrer u.s.w., ein Geschenk, das mir von großem Nutzen war um mich Handfertigkeit und Augenmaß zu lehren.

Vogelbauer wurden nun in verschiedenen Größen gefertigt, Säbel geschnitzt und allerlei Spielerei für die Genossen fabriziert.

Aus freien Stücken besuchte ich jetzt öfters die Werkstätte des Tischlers, um mir die Handgriffe abzusehen und zeigen zu lassen, wie man die Fügungen am leichtesten ausführt.

Wer seine Kindheit in einem stillen Dorfe zugebracht hat, durch welches keine Heerstraße führt, weiß, wie eng der Kreis ist, welcher das geistige Leben der Einwohner begrenzt. Es kommen von außen so wenige Erscheinungen, welche strahlende Bilder reflektieren, dass auch das Kleinste, das von der täglichen Gewohnheit abweicht, zum Phänomen wird.

Eine Kutsche, die durch die Straße rollt, ruft alle Köpfe ans Fenster oder gar vor die Tür, es wird bewundert, gefragt und des abends im Wirtshaus und in der Spinnstube debattiert, wer in dem Wagen gesessen haben kann und wohin die Fahrt gehe.

Ein großes Ereignis war es dann auch, als ein Bärenführer kam mit dem Affen in roter Jacke, der auf Meister Braun ritt und nachher mit ihm tanzte.

Eine Woche reichte nicht hin um diesen Stoff abzunützen, den Bären nachzuahmen oder Witze vom Affen zu berichten. Die Alten erzählten von andern Wundern, die sie gesehen, und die Jungen haschten nach jedem Wort, das über die wichtige Angelegenheit verhandelt wurde.

Von allen, die da erzählten, war uns Kindern vorzüglich ein alter Taglöhner interessant, Württemberger genannt, der oft im Hause der Eltern arbeitete. Er hatte ein markantes Gesicht, starke buschige Augenbrauen, die er beim Erzählen bald in die Höhe zog, bald die Augen beschatten ließ.

Er war des Dorfes Barbier und hatte in seiner Jugend den Baron auf seinen Reisen begleitet. Der wusste natürlich Wunderdinge zu erzählen, und wenn er nach Feierabend in Zug kam, so drängte sich Alt und Jung um ihn, damit ja kein Wort seiner meist stark aufgetragenen Abenteuer verloren ging.

Bisweilen kam ein wandernder Scherenschleifer oder der Zinngießer ins Dorf und schlug unter der Linde vor der Kirche seine Werkstätte auf. Ja, schon der Pechverkäufer erregte Aufmerksamkeit und kam gar ein Westphälinger mit seinem Kasten Solinger Fabrikate: Messer, Schere u.s.w. verkaufend, so wurden seine Waren wie die Schätze des Moguls betrachtet.

Ich erwähnte die Linde vor der Kirche, es war ein alter stattlicher Baum, unter welchem wir, da er dem Hause gegenüberstand, oft und gern spielten. An einem Sonnabend vor Pfingsten brach ein furchtbares Gewitter los, schwere Hagel zerschlugen die Fenster, ein Orkan knickte die Bäume und stürzte auch unsre liebe Linde entwurzelt nieder. Das heitere Pfingstfest wurde für das Dorf ein Trauerfest, die Saaten waren zerschlagen, die Hoffnung des Jahres vernichtet. Als die Einwohner am anderen Morgen zur Kirche gingen, erinnere ich mich, dass mein Vater eine schöne Predigt hielt, tröstend, ermunternd, und dass nach dem Gottesdienst in die Felder gegangen wurde, um die Verwüstung zu betrachten. Auch wir Kinder waren mit dem Vater hinausgegangen und hörten, wie er hier und da den Leuten Mut zusprach und sie versicherte, dass der Schaden geringer sei als man glaubte.

Bei meinem Unterricht wurde schon früh mit der lateinischen Sprache angefangen, zu meiner großen Qual unmethodisch, wie es Jahrhunderte vorher betrieben wurde. Ich musste deklinieren, konjugieren, übersetzen, Vokabeln lernen und sah gar oft über das Buch weg auf den Birnbaum vor dem Fenster, einen Stieglitz oder Buchfink zu betrachten. Nach alter guter Sitte wurden wir auch in der Religion unterrichtet und Luthers kleiner Katechismus musste memoriert werden, eine Galle im Becher der Jugendfreuden.

Mein Vater war religiös ohne Heuchelei, er war es aus Überzeugung und mit Wärme. Sein Religionsunterricht war ein freier Vortrag, das Auswendiglernen von Katechismus und Liedern sollte nur das Gelernte unterstützen. Von Geschichte und Geographie wurden die Hauptsachen gelehrt, Sonntag hatten wir keine Stunden, weil sich da mein Vater für die Predigt vorbereitete. Er hielt seine Vorträge frei, machte sich sorgfältige Dispositionen und erweiterte diese. In seinen Konzepten sind die Hauptgedanken ausgedrückt, Bibelstellen bemerkt, Gebete ausgeführt.

An den Sonntagen besuchte ich vormittags und nachmittags den Gottesdienst. Nachdem ich die Kirchenmelodien singen konnte, ging ich gewöhnlich auf die Orgel, wo die Kinder der Dorfschule den Schulmeister im Gesang unterstützten, d.h. unisono so furchtbar brüllten, als ob sie um ihr Leben schrien. Auch diese Lungengymnastik machte ich mit, in dem Glauben, dass es sein müsste.

Der Schulmeister, unser Nachbar, war ein magerer hektischer Mann, dessen elende Besoldung ihn zu Nebenverdiensten nötigte. Er verfertigte für alle Leinenweber der Umgegend die Blätter für die Webstühle, durch welche die Fäden laufen, damit das Schlagbrett keine Verwirrung anrichte. Der gute Mann war sehr unwissend, weshalb mein Vater oft die Schule besuchte und den Kindern biblische Geschichten vortrug.

In jener Zeit war das Dorf in einem einfachen, höchst primitiven Zustand. Ich erinnere mich des elend kleinen Kramladens, welchen der Gemeindemann Gerlach und ein Jude hielten. Die beiden Wirtshäuser gehörten wohlhabenden Bauern und hatten kein Schild als das Bierglas im pythagoreischen Fünfeck. Wie anders sieht es jetzt da aus!

Als wunderbare Pracht erschien es uns Kindern, wenn wir mit den Eltern sonntags nachmittags die beiden Alten, Herrn Brandeis und seine Schwester besuchten. Es war früher, wie schon erwähnt, der Sitz einer adligen Familie von Atzenheim und war seiner Zeit wohl eingerichtet. Die großen Räume waren mit Tapeten von Sammetplüsch ausgeschlagen; die Stühle und Sessel mit hohen und geschnitzten Lehnen von gepresstem Sammet. Verschnörkelte eingelegte Schränke, wunderliche Uhren, alles im Rokokogeschmack, betrachteten wir gleich exotischen Ungeheuern.

Aber der Hauptanziehungspunkt war der große Garten und unser Freund der Gärtner mit dem langen Zopf und der grauen Jacke. Er hielt das edle Zwergobst in Ordnung und schor die Taxushecken in allerlei Tiergestalten. Die gute alte Zeit, in der die Herrschaft noch da lebte, war ihm Paradieserinnerung; er zeigte uns die Orangerie, worin kein Orangenbaum mehr grünte, und erzählte uns von vergangenen schönen Zeiten.

Herr Brandeis und seine Schwester waren gebildete Leute, die uns sehr freundlich behandelten, aber wohl bisweilen Sorge haben mussten, wenn wir im Garten Verstecken spielten und die pedantische Ordnung wenig respektierten. Alten Stiles mischten sie viele französische Floskeln in ihre Unterhaltung und uns Kindern fiel es besonders auf, dass sie sich stets masoeur und monfrère riefen. Mit diesen beiden Alten standen die Eltern sehr gut, jedoch nicht mit dem Baron von Nimptsch, den der Vater nie besuchte, wegen eines religiösen Streites.

Der Baron besuchte nie den Gottesdienst, war aber ein gelehrter Mann, der eine große Bibliothek besaß. Sein grosses Gut bewirtschaftete er selbst und hatte mit niemandem Umgang, war auch im Dorfe unbeliebt. Seine magere Haushälterin, Jungfer Eltermann, kam bisweilen in unser Haus, es war aber ein sehr ferner Verkehr.

Was soll ich von diesen Tagen der Kindheit weiter berichten, es war das Leben im Kreise der Familie in Haus, Hof und Garten. Vor dem Hause, nach dem Hofe zu, war ein Blumengarten durch einen Rebenbogengang in zwei Teile getrennt. Hier hatten wir Kinder unsre kleinen Beete, in die wir im Frühling Kressen, Reseda und Levkojen pflanzten. Da war auch der Bienenstand, vor dem wir großen Respekt hatten, aber doch viel von der Natur der fleißigen Tierchen lernten, sie beobachteten, wenn ein Schwarm ausgehen wollte, und halfen, wenn er gefasst wurde. Das Interessanteste war, wenn ein Stock getötet wurde, um Wachs und Honig zu benutzen, denn welche Kinder naschen nicht gern Honig?

Alle Freuden und Leiden des Landlebens lernten wir früh kennen und alle Beschäftigungen des Landmanns waren uns bekannte Dinge. Wir halfen bei der Ernte und durften die Bündel nachschütteln, wodurch wir uns ein kleines Taschengeld erwarben; wir halfen an der Bereitung des Flachses, den die Mutter im Winter selbst spann. Wir gingen auf den Boden und wandten das Getreide um, stellten Fallen für die Mäuse und verjagten die Sperlinge von Erbsen und Kirschen.

Die Metzelsuppe im Dezember war ein Hauptereignis, wir standen früh auf um das Schlachten zu sehen, wobei ich tapfer das Schwein halten half, während die Schwestern in Angst davonliefen. Der Metzger machte kleine Würstchen für die Kinder, die natürlich viel wohlschmeckender waren als alle die großen. Ich übergehe unzählige Kleinigkeiten, die mir aus dem ersten Jahrzehnt des Lebens erinnerlich sind, und erwähne nur, dass ich in dem Kriege von 1806 bereits großes Interesse zeigte für die Nachrichten, welche die Zeitungen brachten, und entschieden für die deutsche Sache gestimmt war.

Am letzten August 1807 hatte ich mein 12. Jahr erreicht; ich war nun so weit vorbereitet, dass mein Vater es für notwendig hielt, mich in eine höhere Bildungsanstalt zu schicken.

Im September wurde also der Koffer gepackt und meine Eltern begleiteten mich nach Darmstadt. Ich kam in das Haus meines Oheims Sartorius, der als Provektor an dem Pädagogium fungierte und seine Amtswohnung innerhalb der Ringmauern des alten klosterartigen Gebäudes hatte.

Der Raum war beschränkt und unfreundlich und wollte dem Knaben, der sich nur in freier Luft wohlfühlte, gar nicht behagen. Nach einem Tentamen, das der Rektor, Professor Zimmermann vornahm, wurde ich für die 3. Klasse reif befunden und erhielt meinen Sitz bei beginnendem Semester angewiesen.

Aus der ersten Zeit meines Lebens in Darmstadt weiß ich nur, dass es mir nicht sonderlich gefiel. Das Pädagogium Illustre hatte damals vier Klassen und eigentlich fünf, weil über der ersten noch ein einjähriger, Cursselecta genannt, bestand, als Vorbereitung für die Universität.

In jeder der vier Klassen blieb der Schüler zwei Jahre; jede Klasse hatte vier Bänke oder Unterabteilungen, welche man ein halbes Jahr einnahm.

Auf diesen Bänken wechselte man die Plätze nach Verdienst. Primus zu sein war das Streben und der Ehrgeiz der fleißigen Schüler, während die trägen und beschränkten die unteren Stellen einnahmen.

In der Tertia hatten wir zwei Hauptlehrer, den Convektor Storch und Subdirektor Weber. Der erstere war ein dicker, von den Pocken arg entstellter Mann, gutmütig, kurzsichtig, von wenig Talent und noch weniger Lehrgabe.

Weber dagegen, ein schlanker, schwarzäugiger hübscher Mann, hatte ein cholerisches Temperament, war fein in seinem Wesen, streng und weil er unparteiisch war und das, was er lehrte, gut vortrug, so verehrten ihn die Schüler mehr als den dicken Konvektor.

Mein Vetter Ernst Sartorius hatte das Pädagog seit zwei Jahren besucht, hatte die vierte Klasse durchgemacht und trat mit mir zugleich in die dritte. Wir wohnten zusammen in einem Stübchen und machten so viel es angehen konnte unsre Vorbereitungen gemeinschaftlich. Ich war aber zurück gegen meinen Vetter, der einen besseren Elementarunterricht genossen hatte und außerdem durch das Leben in der Stadt viel mehr Dreistigkeit und Unabhängigkeit als ich besaß.

Der Ehrgeiz aber ließ mich nicht ruhen, ihm in der Schule gleichzukommen, und in der Tat waren wir bald Rivalen um den ersten Platz, den er jedoch öfter einnahm als ich, obwohl ich selten unter die dritte Stelle hinabrückte.

Wilhelm Mangold, der sich später der Musik widmete und den ich 1849 als Dirigent der Oper in Darmstadt wiederfand, war der Dritte, der mit uns rivalisierte.

Nach dem alten Schlendrian wurde vorzugsweise Latein und Griechisch getrieben, ohne alles Verständnis der Grundregeln aller Sprachen und zunächst der Muttersprache, welche als Grundlage allen Sprachunterrichts dienen müsste, um an bekanntem Stoffe das Sprachgebäude zu entwickeln.

Die Übungen im deutschen Stil waren höchst mangelhaft, der Unterricht in Mathematik armselig und in Naturwissenschaften nur ein schwacher Schatten. Zeichnen und Musik wurde mittwochs und sonnabends gelehrt; für Ersteres war ein alter Bildhauer angestellt, die Musik besorgte der vortreffliche Kantor Rink mit großer Liebe und wusste mit Scharfblick das Talent herauszufinden und zu entwickeln. Es wurde nur Vokalmusik getrieben, aber Rink ging auch auf die Regeln der Harmonie ein und zog aus den befähigten Schülern einen Chor, welcher durch vierstimmige Gesänge bildend auf die ganze Anstalt einwirkte.

Es war namentlich bei dem Schulgottesdienst alle 14 Tage, wo der vierstimmige Choral, mit dem Unisonon der ganzen Schule wechselnd, eine erhebende Wirkung hervorbrachte, welche die schönen Reden des Rektors Zimmermann hob.

Der Onkel gönnte uns Jungen, d.h. mir und seinem Sohn, sehr wenig Freiheit außer den Lehrstunden. Er meinte es gut damit, uns von aller schädlichen Gesellschaft fernzuhalten, entzog uns aber dadurch dem Leben mit den Jugendgenossen, die ihre Spielstunden auf dem großen Exerzierplatz vertummelten und neben der kräftigen Übung Zuversicht und Selbstvertrauen bekamen.

Mit wahrer Sehnsucht nach solchem Glück, hörten wir die Kameraden morgens erzählen, welche Spiele sie am Abend vorher gespielt hatten, wer den Ball am besten schlug, wer im Laufe die andern überholte. Wir durften nicht allein spazieren gehen, sondern nur in Begleitung des Oheims, der natürlich nur die bequemen Gänge der Stadt wählte, während meine Sehnsucht nach den schönen Buchenwäldern und nach den Granithügeln am Rande derselben schweifte.

In dem engen düsteren Hof des Pädagog spielten wir mit einigen Jungen der Nachbarschaft, wobei es bisweilen zu kleineren Raufereien kam, in welchen ich als der stärkere Dorfjunge gewöhnlich den Sieg davontrug.

Nur einmal erinnere ich mich übel angekommen zu sein, indem ich den später berühmt gewordenen Rüpel aus Frankfurt, der einige Jahre älter war, mit der Faust angriff, aber tüchtig von ihm getroffen wurde. Sein jüngerer Bruder, mit mir in gleichem Alter, war mir sehr befreundet. Eduard, der Ältere, war kräftig, blühend. Louis, der Jüngere, dagegen zart und schmächtig. Beide wurden Kaufleute, hatten aber als Erbteil Anlage zur Schwindsucht, die sich früh zu entwickeln begann.

Um den Lebensfaden zu verlängern, gingen beide nach milderen Klimaten und benutzten die Muse zum Studium der Naturwissenschaften. Der zarte Louis starb, eh er das Mannesalter erreicht hatte. Eduard ging nach Ägypten und bereicherte in einer Reise von Jahren die Naturgeschichte durch seine geologischen Forschungen in Ägypten, Nubien und Arabien, sowie seine Vaterstadt durch reiche Sammlungen naturhistorischer Gegenstände.

Aus den ersten Jahren des Schullebens weiß ich wenig zu berichten.

Das Leben war wenig belebend und anregend, in den engsten Kreis gebannt. In des Oheims Hause herrschte pedantische Ordnung und Ökonomie. Die Tante, eine kluge Frau mit dunklen Augen und schwarzem Haar war lebhaft und munter, und obwohl sie auf meine körperliche Pflege hinlänglich achtete, berücksichtigte sie uns Jungen weniger als ihre Mädchen, was ganz natürlich war.

Gesellschaften gab es im Hause sehr selten und ich war viel zu scheu und blöde, als dass ich bei solchen Gelegenheiten aus meiner Kammer gegangen wäre.

Sonntag nachmittags ging ich mit meinem Vetter bisweilen zu seiner mütterlichen Großmutter, der Frau Rat Heumann, einem heiteren gekrümmten Mütterchen, das mit ihrem Sohn Georg und ihrer Tochter Friedericke im Birngarten ein eigenes Haus bewohnte.

Bisweilen besuchten wir auch Herrn Küchler, der mit einer Schwester der Tante verheiratet war und dessen Sohn Fritz im gleichen Alter mit uns stand und dieselbe Klasse besuchte. Onkel Küchler war ein starker Mann, früher Soldat, hatte er eine Stelle beim Marschallamte im Schloss. Dort wurde er öfter aufgesucht in seinem Gärtchen im Schlossgraben, das er aus einem Sumpfe gewonnen und sehr nett bepflanzt hatte.

In jener Zeit war ein großer Teil des Schlosses noch nicht ausgebaut und wir trieben uns in den weiten leeren Räumen, die von unzähligen Fledermäusen bewohnt waren, herum und machten Entdeckungsreisen in dem unheimlichen Halbdunkel.

Im Jahre 1808/09 fesselten die Angelegenheiten des Vaterlandes alle Welt. Der zweite österreichische Krieg bereitete sich vor und brach endlich aus.

Ich nahm leidenschaftlichsten Anteil an diesen Ereignissen, las täglich die Zeitung und verfocht die deutsche Sache gegen die französisch gesinnten Schulkameraden mit Faustschlägen und andern schlagenden Beweisen. Eine Schar Gymnasiasten hielt sich zu mir.

Einmal hieß es nach dem Unterricht: Ihr schlechten Franzosen! Ihr Landesverräter! Was wollt Ihr? Kommt, wenn Ihr Mut habt, und nehmt unsre Festung. Damit sprangen wir auf Tische und Bänke, von wo uns die französisch Gesinnten zu verdrängen suchten.

Bei diesem Sturm packte mich ein Gegner rückwärts am Rock und zog mich herunter; ich fiel schlecht auf die linke Hand, mit der ich mich stützen wollte, und luxierte das Handgelenk. Das machte dem Kampf ein Ende, ich hatte große Schmerzen, ein Wundarzt musste die Hand wieder einrichten und schienen, und ich hatte viele Wochen mit der Kur zu tun, was mich jedoch nicht abhielt, tapfer für die deutsche Sache weiter zu kämpfen mit dem Mund.

Der schwächliche Anteil, welchen die Fürsten des rheinischen Bundes an dem Kriege gegen Österreich nahmen, erregte in unseren jugendlichen Gemütern großen Zorn und bannte früh die religiöse Achtung, welche dazumal dem angestammten Landesvater von den Untertanen gezollt wurde.

So viel Einsicht hatten wir zu verstehen, dass wenn die Rheinbrüder treulich zu Kaiser und Reich gehalten hätten, Deutschland von Napoleons harter Tyrannei freigeblieben wäre. Denn das war es in der Tat und alle, welche jene Zeit mit durchlebt haben, werden es eingestehen müssen, dass die Deutschen unter herbem Druck standen, überwacht von Spionage und geheimer Polizei, gebrandschatzt von übermütigen und geldgierigen Marschällen, ihrer Söhne beraubt, welche im französischen Heere kämpfen mussten, ihre Fürsten blinde Werkzeuge eines übermütigen Eroberers, die selbst die Hand boten, das Volk aufs schmählichste zu erniedrigen.

Die geringe Entfernung meines Geburtsortes von der Stadt machte es leicht, dass ich nicht nur die Ferien bei den Eltern zubringen konnte, sondern auch bisweilen am Sonnabend nach beendetem Unterricht einen Lauf nach Hause machte.

Die kleinen Touren war sehr heilsam, nicht allein der körperlichen Übung wegen, sondern auch zur Gewinnung des Selbstvertrauens, weil mich auf dem Hin- und Rückwege oft die Nacht überraschte, bisweilen in dem Buchenwald, durch den der Weg führte.

Ich entsinne mich, dass ich auf einem dieser einsamen Gänge die ersten Verse komponierte; es war so etwas Idyllisches bei dem Anblick eines Dörfchens beim Abstieg ins Tal; es blieb mir aber nichts davon im Gedächtnis.

Große poetische Erregung verursachte die Lektüre der Iliade nach Stollbergs Übersetzung während der Sommerferien, ich glaube 1809. Die Helden wurden nachgeahmt in Reden und Gebärden; Bohnenstangen wurden zu Lanzen umgewandelt und mit großem Eifer geworfen, dicke Steine wurden gegen die Gartenmauer geschleudert, deren Planken solche mutigen Kraftäußerungen nicht ertrugen und krachend zerbarsten.

Auch Tell wurde stark imitiert mit der Armbrust, und wir Jungen begnügten uns nicht, den Apfel von einem Pfahl zu schießen, sondern wollten ihn vom Kopf fällen, wobei ich einem Nachbarjungen, der sich mutig mit dem Apfel hinstellte, einen Bolzen mitten auf die Stirn brannte.

Von meinen Geschwistern folgte mir mein Bruder Ernst, der zwei Jahre nach mir geboren war.

In seinem Naturell war er ganz von mir verschieden wie auch seine Physiognomie eine ganz andere war.

Leichtsinnig, unstet, verwegen war er schwer an das Haus und an den Arbeitstisch zu fesseln. Das Lernen wollte ihm durchaus nicht munden.

Dagegen wusste er mit Pferden umzugehen und sein Vergnügen war, die ungesattelten Tiere in die Tränke zu reiten, ins Feld zu fahren u.s.w. Dem Vater machte das unüberlegte Wesen des Knaben viel Sorge und die Mutter meinte oft, es müsse nicht richtig im Kopf mit dem Jungen stehen.

Als ich in den Osterferien nach Hause kam, fand ich Bruder Ernst und den jüngsten Bruder Friederich, der im dritten Jahr stand, unwohl. Bald zeigte sich ein Ausschlag, den der Arzt für Scharlach erklärte. Bei beiden Kranken schlug sich das Übel auf das Gehirn und beide starben binnen zwölf Stunden.

Es war dies der erste herbe Schmerz, den ich kennenlernte; ich war untröstlich und glaubte mich nun vereinsamt, wenn ich nach dem elterlichen Hause kam. Auf den Rat des Arztes dürfte ich nicht im Hause bleiben, sondern wurde sogleich nach Darmstadt geschickt, um der Ansteckung zu entgehen, was auch ganz vernünftig war. Von meinen übrigen Geschwistern erkrankte keines.

Im Frühling des Jahres 1810 traf mich ein bei weitem herberer Verlust, der meines geliebten Vaters.

Es war Anfang März, als plötzlich ein Bote die Nachricht brachte, dass er nicht mehr unter den Lebenden sei. Eine Erkältung hatte einen Lungenkatarrh verursacht, der durch Missachtung zur Lungenentzündung wurde, welcher der nicht sehr kräftige Körper erlag.

Mein Schmerz war ein tiefgefühlter und langanhaltender, der so oft erneuert wurde, als ich meine arme Mutter besuchte.

Die Eltern hatten mich mit großer Zärtlichkeit geliebt und mit dem Vater verlor die Mutter jede Freude und Heiterkeit des Lebens.

Für den Gang meiner Ausbildung war der Tod des Vaters von nicht geringer Bedeutung. Er hatte mir oft gesagt, dass ich, wenn ich später einen Beruf wählen wollte, dieses nach Neigung tun könnte. Wenn er auch wünschte, dass ich die Theologie wählen möchte, so tat er doch nichts, um mich dazu zu bestimmen; und wäre er am Leben geblieben, so hätten auch die pekuniären Mittel nicht gefehlt, ein Studium zu wählen, das nicht gerade auf den schnellen Broterwerb berechnet war.

Als vaterlose Waise musste ich diese Hoffnung aufgeben, das Vermögen, welches die Eltern mit vieler Mühe erspart hatten, reichte kaum hin, um die große Familie zu ernähren und zu erziehen. Es waren unser sechs Kinder.

Sophie, ich, Amalie, Antonie, Karl und Karoline. Letztere noch ein Säugling bei des Vaters Tode. Nur Sophie war konfirmiert und half bereits fleißig im Haushalt, alle übrigen waren klein. Die Mutter hatte das Recht, das Witwenjahr im Pfarrhaus zu bleiben, und bedurfte dieser Zeit auch um ihre Geschäfte zu ordnen.

Gerade in diesem Jahr wurden im Hause des Oheims Bauereien vorgenommen und es war kein Raum für mich. Ich bezog ein Zimmer in dem Hause eines nahewohnenden Schuhmachers zugleich mit meinem Vetter, Gustav Lindenmayer, dem Sohne der ältesten Schwester meines Vaters, die mit dem Prediger Lindenmayer zu Großlinden bei Gießen verheiratet war.

Mein Vetter war drei Jahre älter als ich, ein wackerer Charakter, aber pedantisch, und weil er sehr fleißig war, viel saß und von einem Hypochonder abstammte, war er selbst zum Hypochonder geworden.

Mein guter Vetter war nicht der geeignete Stubenbursche für mich, er war grämlich ohne jugendliches Leben und ohne anregende Teilnahmen, weshalb ich aus dieser Zeit nicht des geringsten Umstandes mich entsinnen kann. Da ich später dem Vetter Lindenmayer nur noch flüchtig begegnete, so bemerkte ich, dass er ein eifriger Theologe wurde, ein Strenggläubiger und Frommer, der im Badischen dem Herrn diente.

Ich hörte später, dass er mit Geisterseherei behaftet war, was darauf schließen lässt, dass es mit seinem Geist nicht ganz normal stand. Übrigens war er ein harmloser, guter Mensch.

Viel mehr Einfluss hatte auf mich Friedrich Schmidt aus Frankfurt, Sohn des Advokaten Dr. Schmidt, der bei dem Oheim wohnte und das Gymnasium besuchte. Er war talentvoll, lebhaft, witzig und obgleich er älter war als ich, war er kameradschaftlich mit mir. Mit ihm durfte ich allein spazieren gehen und wir benutzten das im Sommer 1811 täglich und badeten in einem großen Teich, was mir Gelegenheit verschaffte, tüchtig schwimmen zu lernen.

Schmidt studierte später die Rechte, wurde Advokat von Ruf in Frankfurt, wo ich ihn noch oft sah und die Jugendfreundschaft mit ihm fortsetzte. Er starb als Senator in Frankfurt in den 50er Jahren.

Mit zwei Schulkameraden teilte ich die Leidenschaft für Naturgeschichte; es waren ein Graf von der Lippe und Christian Zöppritz aus Darmstadt. Unsre Neigung für die Ornitologie war unbegrenzt. Alle Werke, deren wir habhaft werden konnten, wurden durchstudiert und wir zogen in die Wälder, um die Vögel in jeder ihrer Bewegungen zu beobachten. Ich kannte das System genau und von allen deutschen Vögeln Geschlechter und Arten.

Die Raubvögel interessierten uns zumeist und Zöppritz und ich hielten uns stundenlang in einem Versteck, um einen Fischadler zu beobachten. Wie glücklich waren wir, als uns die Bereitung des Vogelleimes gelang und eine Taube an der Leimrute hing. Von Lippe habe ich später nichts wieder gehört; Zöppritz dagegen, der wider die Neigung Kaufmann werden musste, zog sich mit Vermögen zurück, um der Jagd und dem Fang von allerlei Getier nachzuhängen. Hätte er seine Neigung ausbilden dürfen, er würde Tüchtiges in den Naturwissenschaften geleistet, ferne Länder gründlich erforscht haben.

Das Gleiche kann ich mir sagen; hätten mich nicht drückende Verhältnisse gezwungen, die Wissenschaften, denen meine Neigung zugewandt war, zurückzudrängen, ich hätte etwas werden können! Ich weiß eigentlich selbst nicht, durch welche Umstände in mir die Idee angeregt wurde, dass ich als Bergmann den naturwissenschaftlichen Studien ganz obliegen könne. Vielleicht waren es die Erzählungen meiner Mutter und meines Oheims Wilhelm Götz, welche im Saarbrückischen Bergwerke gesehen und bewundert hatten; ich hatte als Knabe jedenfalls den Wunsch und die Absicht, Bergmann zu werden.

Nach dem Tode meines Vaters aber hielt mir mein Oheim oft vor, dass ich daran nicht denken könne, indem es ein teures Studium sei, das keine Aussicht auf eine Versorgung im Lande hätte, weil Hessen Darmstadt keine Bergwerke besitze, u.s.w. Die Theologie und Philologie wurde mir vor allem andern empfohlen, weil man gleich nach Abgang von der Universität sein Brot verdienen könne; daran müsse ich zunächst denken, umso schnell wie möglich meine Familie unterstützen zu können. Alle diese Mahnungen waren wohlgemeint und der Verhältnisse angemessen, aber welche Angst überfiel mich jedes Mal, wenn ich meine Phantasie in eine Dorfpfarre oder Schulstube versetzte! Ich sann darüber nach, wie ich entfliehen könne, oder etwas zu beginnen, was nicht Predigen und Lehren wäre.

Nach meines Vaters Tod besuchte ich einmal während der Schulferien meinen Geburtsort. Ich hatte mir einige Schuss Pulver und Schrot gekauft, entführte eine alte Flinte, die immer im Kleiderschrank des Vaters eingeschlossen war, und schlich mich damit ins Feld. Auf der Spitze eines Strauches saß ein unglücklicher Neuntöder; ich zielte, schoss und welche Wonne, der Vogel fiel. Nicht für ein Königreich hätte ich den Schuss gegeben! Eine Goldammer hatte das gleiche Schicksal, aber mein Schreck!

Hinter dem Abhang sprang der Jäger des Herrn Nymptsch hervor und wollte mir das Gewehr abnehmen. Zwar ließ er Gnade vor Recht ergehen, aber er schickte mich nach Hause und bedeutete mir, er müsse mir das Gewehr wegnehmen, sobald er mich noch einmal damit träfe.

Das half auf längere Zeit, wenigstens machte ich im Dorfe keinen Versuch mehr.

Alles, was nach Jagd aussah, hatte für mich unwiderstehlichen Reiz. Ein Gewehr zu besitzen, schien mir das größte Erdenglück; einige Schulkameraden, Söhne von Forstleuten, die leichte Flinten hatten und mit ihren Vätern die Jagd besuchten, sah ich als Sonntagskinder, als junge Nabobs an!

Später wurde ich ein passionierter Jäger, doch war die Übung mit Waffen vielfach von praktischem Nutzen für mich.

Die Erinnerungen aus der Gymnasialzeit sind von geringem Interesse, ich kann deshalb nur fragmentarisch einzelne Momente hervorheben.

Es ist nicht zu verwundern, dass ich schüchtern und blöde war, da ich die Kinderjahre in dem stillen Dörfchen verlebt hatte.

Vor jeder größeren Konkurrenz mit Menschen floh ich als vor etwas Peinlichem; ich wär um keinen Preis beim Kirchweihfest zum Tanz gegangen, selbst in die Kirche ging ich früh, um nicht zwischen den Reihen der Besucher durchzumüssen.

In Darmstadt war das Haus meines Oheims wiederum klösterlich für mich; denn, hatten die Frauen Besuch, so ließen wir Jungens uns gewiss nicht sehen und in die Männergesellschaften des Oheims, die er mit wenigen Gelehrten einmal wöchentlich pflog, kam niemand aus dem Hause.

Mit Knaben meines Alters hatte ich nur Umgang, wenn sie zu mir kamen, denn wie ich schon erwähnte, durften wir nach dem Prinzip des Oheims die großen Tummelplätze der Jungen nicht besuchen, außer wenn er dabei war. Er mochte wohl einsehen, dass ich bei dieser Erziehung ein hölzerner steifer Stockfisch bleiben würde, und gab mir mancherlei Aufträge, die mich nötigten, Häuser zu besuchen.

So musste ich regelmäßig Literaturblätter abgeben bei dem Kriegsrat Hofmann, Vater des E.C. Hofmann, und bei andern, aber da wurde die Klingel gezogen, der Auftrag dem ersten besten Dienstboten gegeben und davongerannt.

Einmal sollte ich eine Rolle mit 25 Gulden an den Arzt Geh. Rat Thome bringen, der in der Nähe des Palais des Erbprinzen wohnte. Man hatte in diesem Schlosse einen zahmen Kolkraben, der Jacob hieß und für die Buben sehr interessant war, weil er einige Worte sprach; gewöhnlich trieb sich das zahme Tier auf der Straße herum. Die Jungens neckten ihn, häuften etwas Sand auf , welchen dann der neugierige Rabe auseinanderwarf und wenn ein buntes Steinchen oder Glas darin war, so trug er es im Schnabel davon.

Auf meinem Gang zu Herrn Thome traf ich den Raben in der Nähe des Gasthauses zur Traube und unterhielt mich mit ihm. Ich scharrte auch etwas Sand zusammen und vergrub darin einen Vierundzwanziger aus der Rolle. Der Rabe fand ihn bald heraus, fasste ihn in den Schnabel und rannte damit fort. Ich lief vor ihn, um ihm die Münze abzunehmen, aber der boshafte Satan stellte sich, warf den Kopf zurück und die Münze verschwand in seinem Schlund.

Das war ein Donnerschlag für mich! Wie sollte ich den Schaden ersetzen? Das Geld so abzugeben, dafür war ich zu rechtlich und meinen Oheim fürchtete ich, weil er sehr genau war. Zur Vermehrung meiner Not flog der Rabe in das Innere des Schlosses. In meiner Angst fiel mir ein, dass im Schloss ein Mann aus unserm Dorf namens Fleck als Saalwärter angestellt war und seine Frau als Amme den jetzigen Großherzog säugte.

Diese Frau Fleck hatte lang in unserm Haus gedient und mein Vater hatte sie dem Leibarzt, der sich bei ihm wegen einer Amme erkundigt hatte, als gesund und brav empfohlen. Als alle meine Bemühungen den Raben zu sehen vergeblich waren, überwand ich die Angst vor Strafe meiner Blödigkeit, ich ging in den Schlosshof, fragte nach Fleck und fand ihn. Ihm klagte ich meine Not, er rief den Raben herbei und holte zu meiner Freude den Sechsbätzner glücklich aus dem Kehlsack heraus.

Unter meinen Mitschülern befand sich ein junger v. Perglas, Sohn des sehr hochmütigen Hofmarschalls von Perglas; der Junge war gutmütig und sanft, und da er mich und meinen Vetter Ernst leiden mochte, wandte sich der Alte mit der Bitte an den Oheim, dass er uns an freien Tagen veranlassen möge in sein Haus zu kommen, weil er nur wohlerzogene Knaben zur Gesellschaft seiner Kinder wünsche.

Wir mussten nun an Sonntagnachmittagen dahin, hatten auch die Gnade zu besonderen Festen eingeladen zu werden, wo dann die jungen Barone und wir mit ihnen Parade reiten mussten, mit Deklamationen, kleinen Aufführungen u.s.w.

Mir waren das schrecklich penible Gesellschaften, aus welchen ich einen gründlichen Hass gegen dergleichen Schaustellungen davontrug, ohne gerade mehr Dreistigkeit zu gewinnen. Die dramatischen Versuche erregten übrigens die Lust, sich auf eigene Faust zu versuchen.

In des Oheims Wohnung war ein großer leerer Bodenraum, auf diesen bauten wir uns von allerlei altem Bretterwerk, alten spanischen Wänden und Tüchern ein Theater, auf dem wir merkwürdiges Zeug improvisierten. Räubergeschichten waren die beliebtesten Themen; es wurde die Reihenfolge der Szenen verabredet, jedem aber überlassen, sich in seiner Rolle zu exekutieren wie er Lust hatte.

Die laute Deklamation lockte bald die neugierigen Cousinen auf den Boden, die unsre dramatische Kunst bewunderten und Vettern und Basen davon erzählten. Unser Publikum wurde größer, Onkel Georg und Tante Fritzchen, Geschwister der Tante Sartorius, die Töchter des Professors Zimmermann u.a. wollten auch unsre Kunst bewundern, und eh wir’s uns versahen, füllte sich der Bodenraum mit Neugierigen.

Damit aber sank unsre Bühne, die wilde Genialität, womit wir allein hantiert hatten, wurde zahm, und wir gaben unsere Vorstellungen fürdann nur, wenn wir uns allein wussten. Wahrscheinlich hatten uns einige theatralische Vorstellungen, die wir zu sehen Gelegenheit hatten, zu unsern Versuchen elektrisiert.

Der Großherzog Ludwig I war zu der Zeit, als ich nach Darmstadt kam, dem Theater abgeneigt; er pflegte nur die Musik in seinen Privatkonzerten im Schlosse, in welchen er selbst als Violinist mitwirkte.

Etwa um 1807 entstand ein Liebhabertheater, d.h. eine Anzahl junger Handwerker gab in dem Saale des Rathauses auf einer armselig zusammengeflickten Bühne einige Vorstellungen gegen Eintrittsgeld. Welcher Art dieses Theater war, geht daraus hervor, dass einst, nach dem Schlusse eines kleinen Lustspiels einer der Schauspieler dem hohen Publikum anzeigte, dass die Räuber von Schiller den nächsten Sonntag nicht gegeben werden könne, weil die Amalie „Buntnacht“ hätte.