Mensch, steh auf - Deniz Camdere - E-Book

Mensch, steh auf E-Book

Deniz Camdere

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Beschreibung

Band 2 - Mensch, steh auf Der zweite Teil knüpft nahtlos an Band 1 an. Inzwischen etwas älter geworden, ist Deniz immer noch als erfolgreicher Dealer unterwegs. Sein Drogenkonsum hat sich inzwischen dramatisch erhöht und verstärkt, und so treibt er sich tagtäglich abgemagert und mit deutlichen Einstichstellen an den Armen in Düsseldorf herum. Er mietet ein billiges Hotelzimmer in Bahnhofsnähe an, um nicht ständig zu seiner Mutter nach Neuss zurückfahren zu müssen, wenn er die Drogen verkaufsgerecht verpacken oder das verdiente Schwarzgeld irgendwo bunkern möchte. Zudem nötigen ihn die Kurden, denen sein Bruder noch 30.000 Euro schuldet, sie auszuzahlen. Deniz hat Angst um sich und seine Mutter, denn die Kurden haben diese bereits besucht und bedroht, und verwendet das letzte gebunkerte Schwarzgeld von Barbaros, um dessen Schulden zu begleichen. Gleichzeitig wächst seine Angst vor seinem gewalttätigen Bruder, was dieser mit ihm tun wird, wenn er davon erfährt. Also sieht er sich genötigt, das Geld so schnell wie möglich wiederzubeschaffen, und das soll mithilfe von Drogendealerei geschehen.

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EPUB
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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2021

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„Mensch, steh auf“

„Wir, die verschollenen Schatten-Kinder der Gesellschaft“

Autobiografie von Deniz C.

1996-2000

© 2021 Deniz Camdere

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-35554-5

Hardcover:

978-3-347-35555-2

e-Book:

978-3-347-35556-9

Autor: Deniz Çamdere 20.02.1978 Neuss.

Übersetzung: Deutsch/Türkisch Deniz Çamdere

Buchsatz Layout Designer: Erbil Kargı

(e-mail: [email protected])

Lektorat, Korrektorat: Alexandra Gentara.

Verlag & Druck: Tredition GmbH, Halenreie 40-44,22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dies ist meine Geschichte. Sie beruht auf wahrenBegebenheiten, Namen und Ortsnamen wurden jedochverfremdet und an dessen Privatsphäre zu schützen.

Zudem würde ich es nur lesen wenn man es vertragenkann, ist nicht für leichte nerven.

mindes aftergenze 16 jahre

viel spass beim lesen

Deniz Camdere

Kapitel 1: Erste Erfahrung mit Kokain und dessen Entzugserscheinungen

Kapitel 2: wie die illegalen Substanzen auf öffentliche Straße gedealt wurde

Kapitel 3: Magische Träume

Kapitel 4: Mich langsam, aber sicher in die Szene anpasse

Kapitel 5: Atemberaubende Schicksaale der jeden einzelnen Gesichter

Kapitel 6: Tägliche Gewalt, Drohungen und Konkurrenz Ängste

Kapitel 7: Erste mal ohne Kenntnisse intravenös zu spritzen mit 16 Jahren

Kapitel 8: Wo her Kaman Plötzlich so viel heroin ins land wie viele Familie zerstört hat, damit Menschen profit machen

Kapitel 9: Deniz C, verfällt von Tag zu Tag und er merkt es nicht einmal

Kapitel 10: Ein kleines Beispiel auf der Szene. was mich sehr mitgenommen hatte

Kapitel 11: Wie kommen die Jugendlichen auf dem Stricht an der Charlottenstraße

Kapitel 12: Ein trauriges Beispiel war Serpil, kaum war sie am Bahnhof und schon musste sie wegen ihr Freut Ackern gehen

Kapitel 13: Ende 1995 gabs immer Samstag Suppe bos taste

Kapitel 14: Ein junger-Mann wurde auf ein 3 Mann Zelle stranguliert tot auf gefunden. Möge Allah seine Sünden vergeben. VIP Bruder Muhammet

Kapitel 15: Rückfall in Haft & die Verlegung nach Heinsberg

Kapitel 16 Entlassung steht vor, Schaft Deniz C, es diesmal nicht zu fallen

Kapitel 17: Ohne Integration, kein, Zukunft in Deutschland Punkt

Kapitel 18: Nach 3 Jahre Abstinenz wieder auf Millennium Rückfällig

Kapitel 19: Observierung Keklik erfolgreich abgeschlossen, dann die Polizei

Wie viele Menschen sterben jährlich in Deutschland an Drogen?

Auch 2017 hielt der Anstieg der Todesfälle durch Rauschdrogen an. Es starben ca. 1.272 Menschen den Drogentod, die meisten von ihnen an Opioiden. 2019 starben insgesamt 1.398 Menschen durch illegalen Rauschgiftkonsum, wie die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) in Berlin mitteilte. Das war ein Anstieg um 9,6 Prozent. 2018 hatte es 1.276 Drogentote gegeben. 2020 waren es schon 1.581.

In den 28 EU-Mitgliedsländern sowie in Norwegen und der Türkei seien 1,3 Millionen Menschen Hochrisiko

konsumenten, gerade einmal 0,4 Prozent der Bevölkerung. Sie gelten als abhängig und rauchen, schlucken, vor allem aber spritzen sich Heroin und ähnliche Stoffe. Zuletzt starben 2015 in Europa 8.441 Menschen nachweislich an einer Drogenüberdosis, 81 Prozent davon hatten Opioide oder Heroin genommen. Keine andere Droge führt zu mehr direkten Todesfäl

(Quelle)

Kapitel 1:

Erste Erfahrung mit Kokain und dessen Entzugserscheinungen

Es war Ende 1994, als ich wieder einmal mit meinen 16-Jahren zuhause von der Droge Heroin entgiften wollte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass nichts mehr zuhause rumlag, worauf ich zugreifen könnte, sollte der Entzug auf mich zukommen. Ich hatte höllische Angst davor, aber ich musste da jetzt durch. Die Droge war viel zu gefährlich für mich. Es war mir längst bekannt, dass mich in weniger als acht Stunden nach der letzten Einnahme der sogenannte „Affe“ – oder auf Englisch „Cold Turkey“ – ereilen würde. Heftige Entzugserscheinungen, die spätestens 36 Stunden nach der letzten Einnahme von Opiaten eintreten.

Es fing mit der Nase an. Sie verstopfte und lief gleichzeitig, als hätte ich eine Erkältung. Die Unruhe in mir wegen des Entzugs hatte mich in der ersten Nacht schon sehr beschäftigt, demnach schmerzten auch sämtliche Knochen. Ich wälzte mich unruhig von rechts nach links. An Schlaf war nicht zu denken, denn die Schmerzen wanderten gleich von den Knochen in die Muskeln und von den Muskeln in den Kopf. Von dort aus verteilten sie sich in die restlichen Organe. Dies löste eine Reaktion aus, bei der die Körpertemperatur permanent von kalt auf heiß und wieder zurück wechselte. Ich lag unter einer dicken Decke, trotzdem fror mein Körper, und gleichzeitig wis hte ich mir die Schweißperlen von der Stirn. Ich klagte über Übelkeit und andere Symptome wie Unruhe und eine kraftlose Schlappheit und fragte mich, ob ich das durchhalten würde.

Ich kam einfach gegen die körperlichen Schmerzen allein nicht an, weil jeder Knochen von innen weh tat. Ich hätte am liebsten meine Beine abgeschnitten, damit sie nicht mehr so schmerzten. Und diese Gedanken, die mich beschäftigten, konnte ich nicht kontrollieren. Noch während des Entzugs dachte ich viel nach über das, was in den letzten Jahren in Neuss so alles geschehenZum Beispiel über das Kokain, das ich noch vor kurzem in Rotterdam probiert hatte. Wie gefährlich war das eigentlich für mich? Kokain war nicht nur für seine körperlichen Entzugserscheinungen, sondern eher für seinen psychischen Suchtdruck sehr bekannt. Was man in dem Fall nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Die Folgen konnten ebenfalls gravierend sein, wenn man es nicht unter Kontrolle hatte. Das Gewaltpotenzial bei Kokainkonsumenten wird als sehr hoch eingestuft, da man schnell die Beherrschung verliert. Kontrolle hatte. Das Gewaltpotenzial bei Kokainkonsumenten wird als sehr hoch eingestuft, da man schnell die Beherrschung verliert. Allein in Neuss hörte ich von mehreren Todesfällen, die nachweislich durch Kokainrausch oder dessen Wahnvorstellung geschehen waren war.

Ein guter Freund von meinem Bruder Barbaros hatte seiner Ehefrau im Kokainrausch vor seinem Freund die Kehle mit einem Küchenmesser aufgeschlitzt. Die Ehefrau gehörte zu einer der größten Zigeunerfamilien der Stadt Neuss, und die Familie schwor bei der Beerdigung dem Henker Rache. Spätestens, wenn er nach 15 Jahren aus seiner lebenslänglichen Jugendhaftstrafe entlassen würde, sollte er um sein Leben fürchten müssen. Auch ein anderer Freund namens Attila geriet in seinem Kokainrausch so außer Kontrolle, dass er die Beherrschung verlor und seinem besten Freund mit einem Hammer den Schädel einschlug, nur damit er den letzten Krümel vom Kokainstein rauchen konnte.

Die Geschichten aus Neuss kannten kein Limit. Wir hörten noch vor kurzem, wie ein Junge namens Samy zuhause nach tagelangem Konsum von der Polizei überrascht wurde. Er war so in seinem Wahn, dass er einen sehr bekannten Kriminaloberkommissar mit einem Messer als Geisel nahm. Er kettete den Polizisten an der Heizung an, nahm ihm die Waffe weg und blieb stundenlang mit ihm zuhause eingesperrt, wo er schön ungestört sein Kokain weiter rauchte. Erst als der Stoff zur Neige ging, stellte er sich den Polizisten, die schon mit einem SEK (Sondereinsatzkommando) vor der Tür warteten.

Es gibt viele verschiedene Arten von Drogen, die unterschiedliche Wirkungen haben. Ganz egal, um welche Drogen es sich handelt: Solange es Drogen gibt, wird es auch Menschen geben, die durch diese Drogen zu unberechenbaren Menschen werden. Nicht selten mutieren sie zu Monstern und ja, auch zu Mördern.

So wie die Gedanken kamen und wieder gingen, so ging auch der Entzug in vollen Zügen weiter. Auch die Folgen nach der Appetitlosigkeit – Fieber, Schüttelfrost, Niesen, Gähnen bis hin zu Durchfall und Erbrechen – steigerten sich in kleinen Abständen. Als ob der Körper gegen alles allergisch reagierte, was man sich vorstellen konnte. In der zweiten Nacht ging der Horrortrip erst richtig los, als sich die Situation in vollen Zügen verschlimmerte. Der Körper war schon seit mehreren Stunden voll auf Entzug. Die Körpertemperatur tanzte wild in verschiedenen Takten, sodass ich keine Kontrolle mehr über meinen eigenen Körper hatte. Demnach war auch nichts mehr übrig, was ich noch hätte ausscheiden oder auskotzen können. Mir ging es richtig schlecht. Das Kotzen hörte einfach nicht auf, bis ich die letzte Magensäure aus mir herausgewürgt hatte. Was in der Zeit zuhause im Hintergrund geschah, konnte ich zunächst überhaupt nicht realisieren. Mutter wusste, dass ich entgiften wollte, doch leider konnte sie mich dabei nicht wirklich unterstützen, außer, dass sie die ganze Zeit über bei mir blieb. Sie hatte sich einen Krankenschein für die Arbeit genommen und wartete an meiner Seite, in der Hoffnung, dass ich es schaffen würde.

Ich würde es doch dieses Mal schaffen, oder? Das fragte ich mich immer wieder. Da die körperlichen Entzugserscheinungen im Vordergrund standen, war mir alles andere egal. Infolge des Entzugs sperrte ich mich zuhause ein und wartete vergeblich darauf, dass die Entzugserscheinungen aufhörten. Bis ich irgendwann an meine Grenzen kam und mich mit meiner letzten Kraft auf den Weg nach Neuss City machte.

Ich konnte nicht mehr. Ich war noch nicht so weit, aufzuhören, und als ich in den Bus stieg, war ich am Ende meiner Kräfte. Ich wollte nur noch den Schmerzen entfliehen und machte wieder einmal einen großen Fehler, indem ich mich gegen mein Leben und für die Drogen entschied. Sobald ich aus dem Bus ausgestiegen war, holte ich mir von dem ersten Dealer, den ich am Niedertor entdeckte, Stoff und ging noch vor Ort in die öffentliche Toilette. Während ich mit zitternden Händen und meinen letzten Kräften die Alufolie zubereitete, freute ich mich schon auf den ersten Zug. Nachdem ich die „Schore“ (Heroin) auf die Alufolie gelegt hatte, nahm ich sofort die ersten Züge, und schon bald spürte ich die erste Wirkung. Innerhalb von Sekunden machte die Droge mich „gesund“. Alle Schmerzen, die ich vor ein paar Minuten noch in den Knochen gespürt hatte, lösten sich mit einem Zug völlig in Luft auf. Von da an wusste ich: Diese Droge würde mich nie loslassen. Wie konnte ich ihr so unterlegen sein?

Es war eine lange Nacht. Ich war vom Entzug richtig kaputt und hatte tagelang nicht geschlafen. Am liebsten wäre ich nach Hause gegangen, um mich hinzulegen und tagelang durchzuschlafen. Alles zu vergessen, was in den letzten Tagen geschehen war. Aber ich konnte nicht. Warum ich nicht konnte? Es war die Sucht, die mich auf den Beinen hielt. Ich musste schauen, wie es mit mir weiterging. Es war nicht nur mein Problem. Dieses Problem hatten alle Heroinabhängigen, denn die Abhängigkeit des Konsumenten läuft immer gegen die eigene Zeit. In spätestens acht Stunden würde es wieder von vorne losgehen. Wenn man nicht nachlegte, kamen die Entzugserscheinungen. Früher oder später holten sie einen ein, ohne, dass man sich dagegen wehren konnte.

Nachdem ich die Toilette verlassen hatte, traf ich am Niedertor einen guten Freund von meinem Bruder Barbaros. Sein Name war Rabea A., ein Algerier, der sich in der Stadt einen Ruf erarbeitet hatte. Er war zwar kein Großhändler, doch er war wegen seiner Brutalität gefürchtet und als polizeibekannter Kleindealer bekannt. Er war noch in der Anfangsphase seiner Drogenkarriere und verkaufte den Stoff in kleinen Mengen bis zu 5 Gramm auf der Straße und am Niedertor an Süchtige. Bei der Aufregung über den Entzug hatte ich vergessen, mehr Geld von zuhause mitzunehmen. Nachdem ich ihm von meinen Abenteuern in Rotterdam und dem anschließenden Entzug erzählt hatte, gab er mir zweimal 5 Gramm Heroin auf Pump. Aber er nannte auch eine Frist, wann er sein Geld spätestens haben wollte. Er gab mir 24 Stunden Zeit und warnte mich noch, dass er das Geld spätestens am nächsten Tag den Kekkos (kurdische Drogendealer) geben musste. Ich nahm zwar die Drogen an mich, doch war mir nicht wohl bei der Sache. Mit Rabea war nicht zu spaßen. So hilfsbereit, wie er zu seinen Freunden war, so unberechenbar war er auch, wenn es um Drogen ging oder wenn er hinter seinem Geld her war. Es lag wohl an den Drogen, sie hatten das aus ihm gemacht. Und wie weit er noch für die Drogen gehen sollte, würden die nächsten Jahre zeigen …

Ich hatte ihn damals, gleich nachdem ich mit zehn Jahren in die Bundesrepublik Deutschland zurückgekommen war, kennengelernt. Anfangs war er ein sehr fröhlicher, sportlicher und sympathischer Junge gewesen, der eigentlich ein gutes Herz hatte. Doch leider war er wie viele andere Jugendliche durch die Drogen nicht mehr Herr seiner Sinne. Je mehr er der Sucht verfiel, umso gefährlicher wurde er infolge des Drogenrausches. Unabhängig von seiner enormen Heroinabhängigkeit hatte er auch noch ein anderes ernstzunehmendes Problem, und zwar die Droge Kokain. Im Kokainrausch geriet Rabea nicht selten außer Kontrolle. Seine Paranoia führte zu einer erhöhten Wahnvorstellung, und somit wurde er für sich und andere sehr gefährlich. Infolgedessen war er auch verrückt und galt in der Szene als einer von denen, mit denen man es sich lieber nicht verscherzen sollte. Er war meistens auch mit einem Jagmesser bewaffnet und zögerte nicht, es zu benutzen. Die Geschichten über Neuss und dessen Schattenkinder kannten keine Grenzen. Noch vor kurzem hatte er seinem Namen alle Ehre gemacht. Wie ich hörte, war er bei einem Kollegen zu Besuch und alle haben gekokst. Besonders auf Kokain war er unberechenbar. An diesem Abend, als er bei Kollegen durchgekokst hatte, bis es nichts mehr gab, ging er in die Küche, holte ein großes Küchenmesser und kam ins Zimmer zurück. Nachdem er die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, legte er das Messer auf den Tisch und fragte: „Wer hat meinen Stoff gestohlen?“

Sehr wahrscheinlich hatte er ihn selbst geraucht. Entweder hatte er das in seinem Wahn vergessen, oder er erlaubte sich einen Streich mit den Kollegen, um diese einzuschüchtern. An diesem Abend gab es einen heftigen Konflikt bis zum Streit, noch voll im Drogenrausch. Die Beteiligten konnten ihn noch beruhigen, sodass keiner verletzt wurde. Doch Erinnerungen kamen der Psyche ganz bestimmt nicht zugute. Spätestens ab diesem Abend war Rabea in der Szene sehr bekannt. Niemand wollte mehr mit ihm eine übliche Koksparty oder einen Abend verbringen, weil er wiederholt zu Paranoia neigte.

Sechs Jahre zuvor in unserer Wohnung in Norf

Als ich noch ein Kind war, kurz nachdem ich aus dem Heim nach Hause gekommen war, war unsere Wohnung bei Abwesenheit unserer Mutter immer voll. Es kamen jeden Tag verschiedene Freunde von meinem Bruder Barbaros zu uns nach Hause, die jedoch dasselbe Schicksal hatten. Einer der Freunde war auch Rabea. Ich war erst zwölf Jahre alt, als ich Zeuge davon wurde, was in unserer Wohnung geschah. Ich kam gerade aus der Schule und wollte meine Schultasche ins Wohnzimmer bringen. Die Tür war abgeschlossen, während mein Bruder Barbaros im Schlafzimmer ungestört sein Gras rauchte. Auf die Frage, warum die Wohnzimmertür abgeschlossen sei, kam nur ein dummes Grinsen. Dann sagte er: „Das Zimmer ist besetzt.“

Es dauerte nicht lange, bis ich den Grund hörte. Ich hörte laute Schreie, die gleich von nebenan von dem Wohnzimmer drangen. Ich kannte diese Stimme doch, oder? Ja, es war die Stimme von Carolin, einem netten Mädchen, das zur Clique meiner Brüder gehörte. Carolin war 17 und trug eine rote Brille. Mit ihren langen, roten dauergewellten Haaren fiel sie leicht auf. Doch an diesem Tag war ich mir nicht mehr sicher, ob sie nach dem Vorfall immer noch der Clique angehören wollte. Es hörte sich so an, als würde sie gegen ihren Willen zum Sex gezwungen. Das Mädchen schrie immer wieder: „Hör auf! Hör bitte auf, du tust mir weh!“ Ich hatte Angst, schaute nur meinen Bruder an und hoffte, dass er was dagegen unternehmen würde. Das konnte doch nicht sein, dass mein Bruder so was zuließ? Ich saß vor ihm und hielt mir die Ohren zu. Ich konnte es nicht ertragen. Ich fing vor Angst an zu weinen und schrie meinen Bruder bettelnd an: „Bitte mach, dass es aufhört, Abi! Bitte!“ Mein Bruder lachte und sagte: „Keine Angst, es ist alles gut. Beim Sex ist das normal. Er hat bestimmt einen großen Schwanz, deswegen schreit sie. Sie sind doch zusammen ins Zimmer gegangen.“

Mein Bruder war überzeugt davon, dass es sich um einvernehmlichen Sex handelte. Ich fragte: „Ach ja, warum ist dann die Tür abgeschlossen? Warum schreit sie Hör auf, du tust mir weh?“ In der Tat, Carolins Schreie wurden immer lauter. Erst nachdem ich ihm sagte: „Schau bitte nach, Abi, und mach, dass es aufhört“, ging er zur Tür und schrie: „Mach die Tür auf!“ Es tat sich immer noch nichts, auch die Hilferufe hörten nicht auf. Nachdem mein Bruder keine verändernde Reaktion sah, trat er die Tür vom Wohnzimmer ein. Erst dann verstummten die Stimmen aus dem Zimmer, und Rabea kam zur Besinnung. Er entschuldigte sich wiederholt bei Carolin, während sie sich heulend wieder anzog und Rabea anschrie: „Du bist doch bescheuert!“ Sie gab ihm eine Ohrfeige und verließ darauf die Wohnung. Ich ging gleich hinterher, um zu schauen, wie es ihr ging.

„Vielleicht kann ich sie beruhigen“, sagte ich meinem Bruder und lief ihr nach. Auch mein Bruder und seine Freunde, unter anderem Rabea, folgten uns irgendwann. Dann fuhren wir alle mit dem Norfer Bus in die Stadt. Carolin saß zwei Reihen neben mir und sprach kein Wort mehr mit uns. Sie war in sich gekehrt und ziemlich sauer. Mir tat sie an diesem Tag sehr leid. Ich war damals erst zwölf, noch fast ein Kind. Was hätte ich für sie tun können? Das war für mich ein absolutes Unding und hätte nicht sein müssen.

Ab diesem Tag pflegte ich einen gesunden Abstand zu Rabea. Doch an diesem Sonntag war Rabea der Einzige in der Stadt, der mir mit Drogen weiterhelfen konnte, deswegen zögerte ich auch nicht, mir was von ihm zu leihen. Abgesehen von diesem schrecklichen Ereignis war er ein guter Mensch. Er war ein „guter Junge“, wenn er nicht gerade auf Drogen war. Ich hatte auch mit ihm zusammen in meiner ersten U-Haft im Jahr 1992 in der JVA Heinsberg gesessen, wo er mir quasi das Leben gerettet hatte.

Als ich in der Sporthalle der JVA an einem Fußballspiel teilgenommen hatte, wurde mir plötzlich übel. Es war wieder so weit: Ich hatte einen akuten Asthmaanfall, bei dem ich die Zeit verlor und in Ohnmacht fiel. Es ist eine selten gute Erinnerung an das Gefängnis, wie er um mich besorgt war und mich auf seinen Armen zu den Sanitätern trug. Somit schuldete ich ihm etwas. Ja, Rabea war jemand, auf den man sich verlassen konnte. Wenn man ihn brauchte, war er immer für seine Freunde und Brüder da. Sein Problem waren leider die Drogen, die er nicht kontrollieren konnte. Sobald er auf Drogen war, verwandelte er sich in einen „Psychoboy“ Ich zahlte ihm sein Geld wie vereinbart am nächsten Tag.

Kapitel 2:

Wie die illegalen Substanzen auf öffentliche Straße gedealt wurde

Nach der „Rotterdam-Story“ gelobte ich, zum Einzelgänger zu werden. Ich vertraute niemandem mehr. Jeder, dem ich mal vertraut hatte, hatte früher oder später eine Bombe platzen lassen. Von da an ging ich meinen eigenen Weg. Hatte mich Rotterdam etwa abgeschreckt? Oh nein, im Gegenteil. Es lockte mich sogar, weil sie mich wieder freigelassen hatten. Rotterdam war eine gute Erfahrung für den Anfang gewesen. Es sollte eine meiner Lieblingsstädte werden. Doch noch stand ich am Anfang meiner Drogenkarriere und deren Entwicklung. Es war die einzige Ausbildung, für die man keinen Schulabschluss brauchte.

Ich war wieder einmal auf mich allein gestellt und nach kurzer Überlegung bereit dazu, mit den Kekkos ins Geschäft zu kommen. Ich war abhängig und auf sie angewiesen. Als Folge der Sucht fand ich schnell Kontakte über die Platte und kam auch gleich in Geschäftsgespräche mit den Kekkos. Nachdem ich wieder Kapital aus dem „Bunker“ meines Bruders entnommen hatte, kaufte ich mir zwischen 50 und 100 Gramm Heroin. Das verarbeitete ich zuhause geübt, verpackte die Drogen in kleinen Mengen bis zu 5 Gramm und versuchte mein Glück am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Die Geschäfte waren wie erwartet nicht leicht. Es war gefährlich, auf offener Straße zu dealen, doch ich wusste, wie ich die Gefahren umgehen konnte. Mein Bruder war ein guter Meister gewesen, er hatte mir vieles beigebracht. Ich lernte sehr schnell, war ein sehr begabter Junge. Wenn ich etwas wollte, dann schaffte ich es auch.

Hatte ich Spaß daran? Hat es mir gefallen, auf der Straße Drogen zu verkaufen und Menschen zu vergiften? Nein, natürlich nicht. Es war fast täglich unangenehm, was ich allerdings mit Drogen wieder eindämmen konnte. Wie hätte mir so was gefallen können? Es war illegal und bei Gott nicht einfach, mit 16 Jahren die ganze Nacht bis zum Morgengrauen in der Kälte auf der Straße rumzuhängen und dabei Drogen an Abhängige zu verkaufen, um meinen eigenen Konsum zu decken. Andere beklauten dafür ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Verwandten. Wenn die nichts mehr hatten, klauten sie den Omis, die gerade aus der Bank kamen, die Handtaschenweg.

Andere wiederum gingen auf Tour, verübten Einbrüche, Überfälle, beraubten die Gegend, betrogen Menschen, bis hin zu Mord und Totschlag. Die Schwachen opferten ihren Stolz, den einzigen würdigen Besitz, den sie noch hatten. Sie verkauften ihren Körper. Ich war damals noch als Opfer in die Sucht geraten und hatte mich mit der Zeit quasi zu einem Täter hochgearbeitet, beziehungsweise wurde ich zum Drogendealer gezüchtet. Für wen auch immer, nur nicht für meine Mutter. Sie litt sehr darunter, seitdem ich weg war. Ich war mitten in der Sucht, und es war nicht mehr machbar, nach so vielen gescheiterten Entgiftungen da rauszukommen. Die Kontrolle über mich hatte ich schon an dem Abend verloren, als mein Bruder Barbaros mir mit 14 dieses fucking Röhrchen unter die Nase gehalten hatte. Damit war mein Schicksal besiegelt. Seitdem war ich ein Teil der Drogen.

Die Geschäfte auf der Straße liefen gut. schon nach kurzer Zeit hatte ich mein Kapital raus und auch das Geld von Barbaros zurückgelegt. Ich passte immer auf, dass ich nicht auffiel und kleidete mich unauffällig. Sobald ich die Kohle raus hatte, zog ich mich für ein paar Tage zurück und verrauchte nur noch den Gewinn, den ich gemacht hatte. Ich wollte mich nicht mit „Haram Para“ (Schwarzgeld) bereichern. Ich deckte gerade meinen Konsum, und die restliche Zeit verbrachte ich allein in meiner Wohnung. Jedes Mal, wenn sich der Stoff dem Ende zuneigte, machte ich mich wieder auf den Weg nach Erftahl, um neue Ware zu holen.

Erfttal war damals einer der Brennpunkte der Stadt Neuss, wo wir uns mit Großdealern in einer bekannten Kneipe namens „Keller“ trafen. Eines Tages ging ich dorthin, um mein Geschäft abzuschließen. Ich dachte mir nichts dabei und ging wie üblich rein, sagte, dass ich etwas bräuchte. Auf die Frage, ob ich das Geld dabeihätte, antwortete ich: „Ja, habe ich.“ Ich bezahlte ihn, und nachdem er das Geld genau gezählt hatte, schaute er mir misstrauisch ins Gesicht. Daraufhin schickte er mich mit seinen Kollegen zum Park. Auch das war üblich, die Drogen waren meistens dort in Gebüschen versteckt. Doch dieses Mal hatte ich die Unruhe schon eingeatmet. Aus Sicherheitsgründen wurden immer verlassene Orte ausgesucht, um die Polizei nicht auf Spuren zu führen und nicht aufzufallen. Demzufolge machte ich mir auch keine Sorgen und dachte mir nichts dabei, während ich mit einem Mann namens Mustafa bis zum Norfer Bahnhof ging. In unmittelbarer Nähe lag ein Spielplatz. Da wurde ich misstrauisch. Es war schon spätabends, wir gingen also von der beleuchteten Straße immer weiter in die Dunkelheit des Spielplatzes hinein. Genau zwischen zwei Dörfern, wo die Erft durchlief und wo kein Mensch um diese Uhrzeit zu sehen war. Es war nicht das erste Mal, dass ich hier die Übergabe hatte, aber an diesem Abend lag etwas in der Luft. Mustafa fing an, mir Fragen zu stellen.

„Woher hast du das Geld?“

Ich antwortete: „Woher soll ich es haben? Ich verkaufe schon seit Wochen und bin völlig selbstständig geworden.“

Es war so weit, dachte ich. Hier müsste ich langsam meinen Stoff ausgehändigt bekommen, um damit schnell nach Hause zu können. Ich wohnte ja nicht weit entfernt von dort. Erst als ich in den Tiefen des Parks angekommen war, wurde ich langsam misstrauisch, doch da war es schon zu spät. Ich befand mich plötzlich in der Dunkelheit eines ruhigen Ortes, wo weit und breit niemand zu sehen war. Und stand allein vor vier Männern, die ich persönlich nicht kannte. Allerdings wusste ich genau, wer diese Männer waren. Es waren die Hintermänner der libanesischen Kurden, die einst meinen Bruder Barbaros mit Heroin versorgt hatten. Aber was wollten die von mir? Ich wartete nicht lange und fragte, was das hier werden sollte. Als Erstes fragten sie mich nach meinem Bruder. Wo ist er? Wie geht es ihm? Siehst du ihn?

Mein Bruder Barbaros und ein paar seiner Freunde sollten gegen die „Bandenchefs“ (Clanoberste) ausgesagt haben. Ich sollte meinem Bruder einen Gruß bestellen. Er sollte die Aussage zurückziehen, sonst würde was geschehen. Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber dennoch versuchte ich, mich zu beherrschen. Einer der Männer packte mich gleich fest am Arm. In der anderen Hand hielt er ein Messer, dessen Klinge in der Dunkelheit glänzte. Während er mir das Messer unter die Nase hielt, drohte er damit, mir die Finger abzuschneiden, wenn ich ihm das Geld nicht bringen würde, das mein Bruder ihnen schuldete. Demzufolge verlangte er von mir, dass ich ihm die Summe von 25.000 DM binnen einer Woche brachte.

Ich wusste auch, dass sie meine Wohnung und unsere Straße kannten. Es ging alles so schnell, mir war aber klar, dass ich gerade in diesem Augenblick so tief in der „Scheiße“ saß wie noch nie zuvor. Auch wenn ich mich am Anfang zusammengerissen und sie nicht ernst genommen hatte, war es ein wenig paradox, weil ich auch Angst hatte. Ich war ihnen ausgeliefert. Noch während wir uns unterhielten, schaute ich mich unauffällig um, ob ich jemanden sah, den ich um Hilfe bitten könnte. Es war menschenleer. Ich war wieder einmal in Gefahr und musste dringend weg, bevor mir etwas zustoßen würde. Es wäre auch ungünstig, wenn ich jetzt die Beine unter die Arme nehmen und weglaufen würde. Da ich kein Risiko eingehen wollte, entschied ich mich dazu, nicht wegzulaufen und lieber die Ruhe zu bewahren. Auch wenn ich doch gerne weggelaufen wäre, wäre es allein durch mein Asthma nicht möglich gewesen, über eine längere Strecke zu entkommen. Zugegeben, selbst wenn ich hätte fliehen können, wäre ich nicht weggelaufen, weil ich ihnen das Geld für meine Lieferung ja schon als Vorkasse bezahlt hatte. Auch wenn ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht hätte, sagte mir eine innere Stimme: „Oglum, Deniz. Junge, Deniz. Ob du willst oder nicht, ob du Angst hat oder nicht, wir müssen es durchziehen, denn wir haben bezahlt und brauchen diesen fucking Stoff.“

Waren die Ängste berechtigt? Ja, das waren sie. Noch vor kurzem hatte ich von einem „mysteriösen Selbstmord“ gehört. Da hieß es, dass der Tote, Sezayi, von seiner Mutter in Erftahl morgens um 8:00 Uhr im Keller tot aufgefunden worden sei. Erhängt an einem Strick. Die Ärzte konnten nur noch seinen Tod feststellen. Jeder, der Sezayi kannte, wusste genau, dass er sich niemals etwas antun würde. Er war ein sehr fröhlicher, freundlicher Typ. Sein einziges Problem war, dass er mit den falschen Leuten Geschäfte machte und ihnen Geld schuldete, das er nicht mehr zahlen konnte. Einige in der Szene sagten wiederum, Sezayi hätte die Typen abgezogen und das mit seinem Tod bezahlt. Jeder wusste, dass sie dafür verantwortlich waren, aber keiner traute sich, etwas zu sagen. Also spielte ich auf Zeit, während ich auf eine Gelegenheit hoffte, um aus der gefährlichen Lage lebendig rauszukommen.

Zugegeben, meine Knie zitterten und es fiel mir schwer, die Worte zu ganzen Sätzen zusammenzufassen. Ich merkte dabei gar nicht, dass ich stotterte und mir fast in die Hosen machte vor Angst. Dummerweise war ich ja auch an einem sehr menschenleeren Ort gelandet. Ich versuchte einfach, Ruhe zu bewahren. Auch wenn ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte, versuchte ich, mich zu beherrschen. Ich gab mein Bestes, um die Männer zu beruhigen. Ich wusste genau, wo das Geld war, das sie von mir wollten, blieb aber bei meiner Aussage, dass ich es nicht wüsste. Sie sollten besser meinen Bruder nach dem Geld fragen und nicht mich, sagte ich.

Auf die Ansage, dass ich das meinem Bruder ausrichten solle, erwiderte ich ohne Widerspruch: „Ja, mache ich. Sobald ich ihn sehe, werde ich ihn fragen. Sobald ich weiß, wo das Geld ist, bringe ich es euch. Ansonsten kann ich euch jetzt auch nicht helfen. Mein Bruder ist nicht da, und ich habe das Geld nicht. Aber ich finde es raus. Ihr könnt mir vertrauen.“

Dabei wollte ich nur noch weg. Die Stimmung war gekippt. Während sie untereinander auf Kurdisch diskutierten, machte ich mir Gedanken, wie ich hier rauskommen konnte. Es hörte sich nicht gut an, was sie redeten. Ich ging einen Schritt zurück, woraufhin Ahmet mich mit der Hand aufforderte, zu ihm zu kommen. Er wurde ziemlich laut und aggressiv. Langsam ging ich näher auf ihn zu, doch er linkte mich. Gerade in dem Augenblick, als er außer Sicht war, scheuerte er mir eine auf die linke Wange, woraufhin ich mein Gleichgewicht verlor und auf den Boden stürzte. Noch im Fallen schaute ich den anderen an, der das Messer in der Hand hielt, ob er mir den Rest geben würde.

Ich lag am Boden und spürte das warme Blut, das mir aus der Nase über das Gesicht lief. Mich auf den Boden zu kriegen, war keine große Kunst. Ich war dünn und hatte nichts auf den Rippen. Doch wenn ich eins gut konnte, dann war es einstecken. Darin war ich ein Meister, weil mein Bruder mich damals gut ausgebildet hatte. Es tat auch nicht weh, aber dennoch störte mich das Blut. Es hörte einfach nicht auf zu bluten.

Ich versuchte, die Kontrolle zu behalten, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich war ängstlich, doch noch versuchte ich, keine Angst zu zeigen. Einer der Männer war Murat. Er half mir, wieder hochzukommen. Murat war der ältere Bruder von Demir, der Typ, für den ich arbeiten und seine Drogen verkaufen wollte und bei dem ich mich dazu entschieden hatte, ihn abzuziehen, bevor ich in die Haft musste. Gerade, als ich dachte, er würde mir helfen, packte er mich am Kragen, versuchte, mich auf die Beine zu stellen und schrie mich dabei an. „Oglum, sag uns, wo das Geld ist oder wann wir es bekommen!“

Ich dachte immer wieder: Es ist gleich vorbei, es hört gleich auf. Es hört doch bestimmt auf, oder? Entweder werde ich gleich sterben oder es hört gleich auf. Ehrlich gesagt, hätte ich eins zu vier auf das zweite gesetzt. Nachdem Murat mich am Kragen gepackt hatte, drohte er mir, indem er sagte: „Du hast eine Woche Zeit, herauszufinden, wo mein Geld ist und es mir zu bringen. Wenn du das gemacht hast, gehst du zu deinem Bruder und bestellst ihm viele Grüße von mir persönlich. Er soll unverzüglich die Aussage bei der Polizei zurückziehen und vor Gericht die Aussage verweigern.“ Auf meine Frage „Was, wenn er es nicht tut?“ antwortete er eiskalt: „Du tust, was ich dir sage. Tu es, und du wirst überleben. Sonst kann ich für nichts garantieren.“

Seine Forderung war deutlich. Ich sollte dafür sorgen, dass mein Bruder seine Aussage zurückzog und die Typen ihr Geld von meinem Bruder bekamen, sonst würde ein Unglück passieren. Ich schaute den Typen ins Gesicht, wischte dabei mein Blut ab und spürte den Ernst der Lage, in der ich gerade steckte. Der Druck war für mich damals zu hoch, ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen oder wehren. Es sah so aus, als würde ich von meinen eigenen Emotionen überflutet werden. Ich heulte zwar nicht, doch meine Augen brannten. War es Angst? Oder doch die Verzweiflung, die aus meinen Augen ausbrechen wollte? Ich brach halb zusammen und versuchte, mit ihnen auf einen Nenner zu kommen, auch wenn ich dafür den Mitleidsweg probierte. Immerhin war ich halbwegs mutig. Ich hob meine Stimme und sagte: „Was soll das? Was kann ich denn dafür, wenn ihr mit meinem Bruder Geschäfte macht? Macht es mit ihm aus und nicht mit mir. Was habe ich damit zu tun? Ich kenne euch nicht, und ihr versucht mir zu drohen, obwohl ich mit der Sache nichts zu tun habe?“

Ich merkte auch, dass ich mich immer mehr aufregte. Irgendetwas versuchte, aus den Tiefen meines Körpers auszubrechen. War es ein Vulkan der Wut? Nein, das waren die bekannten Panikattacken. So steigerte ich mich in mein Asthmasyndrom hinein, das meine Atemzüge beschleunigte. Letztendlich folgte darauf ein Hyperventilieren der Atemwege bis zur Luftnot. Das Gefühl war unbeschreiblich. Ich hasste das an mir. So krank zu sein, dass ich meinen eigenen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte, brachte mich innerlich um. Jedes Mal, wenn diese Anzeichen der Luftnot über meine Kontrolle hinausgingen, war ich dem Emotionssturm ausgeliefert. Es fühlte sich so an, als würde ich mitten im Ozean schwimmen, während mich irgendein Wesen an den Füßen packte und versuchte, mich in die Tiefe des Meeres zu ziehen. Ich konnte nicht einmal etwas dagegen unternehmen. Ich war der Krankheit so ausgeliefert, dass ich nicht mehr Herr meiner Sinne und meines Körpers war. Meistens verfärbten sich erst meine Lippen wie das tiefste Dunkelblau des Mittelmeers. Ich sah plötzlich alles größer, viel intensiver. Auch in der Dunkelheit, denn meine Augen sprachen in einer anderen Körpersprache als ich. Sie schrien ganz klar um Hilfe.

Wenn das geschah, versuchte ich, alles auszublenden, was um mich herum passierte. Auch das Gehirn schaltete alle anderen Körperfunktionen ab, und doch schrie es nach Luft, als wären die Atemwege blockiert. Selbst die Männer, die gerade versuchten, mir zu drohen, wussten nicht damit umzugehen, wie mein Zustand nach außen wirkte. Dass sie in Panik gerieten, nahm ich zwar wahr, es interessierte mich aber nicht, da ich gerade selbst ein Problem hatte. Einer der Typen versuchte mich dennoch zu beruhigen, indem er wiederholt auf meine Schulter klopfte und auf Türkisch sagte: „Tamam, Deniz. Tamam korkma.“ Alles gut, Deniz. Hab keine Angst. Er versuchte, mich zu beruhigen. Ich solle keine Angst haben, es wäre nur eine Warnung, die würden mir nichts tun. Immer wieder sagte er: „Alles gut, versuch, tief zu atmen. Wir tun dir nichts, du kannst gleich wieder gehen.“

Ich holte tief Luft und versuchte, in den Bauch zu atmen und mich mit einer Strategie der Atembremse zu normalisieren. Anfangs waren die Warnsignale, dass mir gleich etwas passieren würde, viel zu hoch. Doch nach ein paar Minuten merkte auch ich, dass meine Situation von der Hyperventilation zur normalen Atmung überging, sodass ich wie gewohnt einatmen konnte. Innerlich war ich erleichtert, dass ich die Hyperventilationsphase überstanden hatte und ich merkte, dass es mir besser ging. Ich musste da schleunigst wegkommen, nur wie? Ich wollte nur noch nach Hause. Nach der Nachfrage, wie es mir ginge, sagte ich: „Ja, es geht wieder. Ich habe Asthma, ich muss jetzt nach Hause.“

Er gab mir einen Beutel in die Hand, wahrscheinlich, um mich zu beruhigen. Das war die Ware, für die ich schon zuvor in der Kneipe „Keller“ bezahlt hatte. Erst nachdem unsere Wege sich getrennt hatten und ich wieder stabil war, traute ich mir zu, mich auf den Heimweg zu machen. Es war Herbst. Ich lief am späten Abend in Begleitung von starkem Herbstregen in der Dunkelheit zwischen zwei Dörfern über die Gasse von Erftahl nach Norf, Richtung Zuhause. Auf dem Weg hatte ich die ganze Zeit über glänzende Augen, weil mir vor Wut die Tränen kamen. Ich schaute dabei immer wieder nach hinten, um mich davon zu überzeugen, dass keiner hinter mir her war. Da mir klar war, dass einige von denen genau wussten, wo ich wohnte, bereitete mir schon der Weg nach Hause Bauchschmerzen.

Ich weiß noch, wie meine Mutter damals nach meiner Entlassung gesagt hatte, dass irgendwelche Typen immer zuhause anrufen und nach Barbaros fragen würde. Auch wenn meine Mutter ihnen wiederholt gesagt hatte, dass Barbaros nicht da sei, hörten die Anrufe einfach nicht auf. Schon bald wurde unsere Wohnung von dem Clan beschattet. Sie glaubten ihr nicht, dass mein Bruder von der Polizei hochgenommen worden war.

Nachdem ich an meiner Haustür angekommen war, schaute ich noch einmal nach hinten, um mich davon zu überzeugen, dass ich auch wirklich nicht verfolgt wurde. Es war niemand zu sehen. Noch während ich die Treppen hochlief, versuchte ich mich zu trösten, dass alles vorbei wäre. Ich stand in völlig durchtränkten Kleidern vor der Tür und war noch nie so glücklich gewesen, endlich zuhause angekommen zu sein. Ich ging rein, zog meine nassen Klamotten aus und lief gleich in die Küche, um das Licht auszumachen. Dann schaute ich vorsichtig durch die Küchengardinen nach draußen, um mich noch mal zu vergewissern, dass keiner auftauchte. Die Ängste, dass ich verfolgt werden könnte, hatten mich so beschäftigt, dass ich gar nicht merkte, als meine Mutter hinter mir stand. Bis sie mir auf die Schulter klopfte und ich mich erschrak. Nicht einmal das bemerkte ich, wie ich dabei in die Luft sprang. Mutter war selten zu sehen. Wenn sie nicht schlief, war sie bei der Arbeit. Sie hatte einen Vollzeitjob und ging anschließend noch halbtags putzen. Demzufolge bekam sie auch selten mit, was zuhause passierte, sie kam eigentlich nur zum Schlafen.

Doch an diesem Abend roch sie den Braten bzw meine Ängste. Sie fragte mehrfach, was los sei, und ich erzählte ihr noch am Fenster stehend, was in Erftahl geschehen war. Ich konnte mir selbst nicht erklären, warum ich es tat, doch ich tat es. Ich erzählte ihr einfach, ohne weiter darüber nachzudenken, dass ich von vier Männern bedroht wurde, die auch wahrscheinlich wüssten, wo ich wohnte. Das bereitete ihr viel mehr Angst als mir. Ihre Reaktion war auch nicht gerade hilfreich, sie förderte nur noch mehr den Stress, den ich schon hatte. Sie spuckte mir ins Gesicht und sagte: „Pühh Allah belani versin, sende Abine cektin!“ Gott verfluche dich, du machst denselben Mist wie dein Bruder! Das war der Funke, der meine Emotionen entfachte und zwischen Mama und mir einen feurigen Streit entstehen ließ.

Ich verlor die Beherrschung und schaltete meine Ohren und Augen ab. Obwohl sie fast schon weinte, sagte ich ihr zum ersten Mal in meinem Leben meine Meinung. Auch ich wurde von meinen Emotionen überrollt, sodass ich in einen Heulkrampf ausbrach, während ich sie anschrie: „Aferim Anne, Bravo sana! Hast recht, Mama, bravo! Zum ersten Mal in deinem Leben hast du was zu mir gesagt und auch gleich die Wahrheit gesagt, was mich betrifft. Ja, ich mache deinen Sohn Barbaros nach, und dass dir das jetzt nach sechs Jahren aufgefallen ist, ist doch schon mal was. Ich mache deinen Sohn Barbaros nach, weil mir nie was anderes vorgelebt worden ist. Wie denn auch? Ich hatte nie die Chance, was anderes zu lernen. Immer Barbaros hier, Barbaros da. Du hast dir nie Zeit für uns genommen, und wenn du mal da warst, warst du nie für mich da. Ich war früher nicht so, als ich nach Deutschland gekommen bin. Ich bin da erst später reingerutscht. Mama, ich habe in deiner Abwesenheit jahrelang gegen die Drogen gekämpft. Je mehr ich versucht habe, davon Abstand zu nehmen, umso tiefer wurde ich in die Scheiße reingezogen.“

Sie brach ebenfalls in Tränen aus, verlor dabei die Nerven und schrie mich auch an. Ich merkte nicht, wie viele Wunden ich mir zugefügt hatte, indem ich jahrelang nichts sagte, weil ich alles in mich reingefressen hatte. Irgendwann hatte sich alles in mir angestaut. Es war wie ein Vulkan, den ich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Bei der Gelegenheit erzählte ich ihr alles, was in letzter Zeit passiert war, sozusagen als Update. Und ich fügte hinzu: „Mama, ich bin 16 Jahre alt und war schon zweimal wegen Barbaros im Gefängnis und habe nie was gesagt. Die ganzen Misshandlungen, die Nötigungen, die Straftaten, denen ich ausgeliefert war, habe ich ausgeblendet. Vergiss nicht, Mama, ich bin auch dein Sohn. Wo warst du, als ich dich gebraucht habe? Sag mir, wo warst du, Mama? Du bist zwar da, und doch erlebe ich dich nicht. Wir leben zwar in einer Wohnung, und doch sehe ich dich nie.“

Heulend sagte sie: „Ihr seid alle meine Kinder. Ich will auch nur das Beste für euch. Ich gehe für euch arbeiten, damit ihr jeden Tag warmes Essen habt. Namkörlük yapma Ogul. Junge, sei nicht undankbar“

„Mama, du verstehst es nicht und wirst es auch nie verstehen. Ich bin auch dein Sohn. Warum hast du mich nie mit denselben Augen angeschaut, wie du Abi angeschaut hast? Warum nicht, Mama? Ich mache das hier nicht zum Spaß. Ich war noch nie wie Barbaros, ich werde auch nie so sein wie er, will ich auch gar nicht! Auch wenn ich denselben Mist mache, den er mir vorgemacht hat, bin ich nicht wie er.“

Ich war so geladen und merkte dabei gar nicht, wie ich meiner Mutter weh tat. Als würde ich eine Kalaschnikow in der Hand halten und meine Mutter damit vollballern. Es hörte einfach nicht auf. Wie scharfe Geschosse warf ich Worte auf sie. Die Lage beruhigte sich erst langsam, als ich ihr ein Geständnis machte.

„Mama, ich kann nicht bestreiten, was los ist, aber eins musst du mir glauben: Ich habe jahrelang versucht, gegen die Drogen zu kämpfen und bin damit auf die Nase gefallen. Als ich wieder einmal aufgestanden bin, hatte ich schon eine große Last auf den Schultern. Jetzt kämpfe ich schon eine Weile für die Drogen. Nicht weil ich es will oder weil es mir Spaß macht, Mama. Oh nein. Ich mache es, weil ich keine andere Wahl habe, verdammt. Ich bin leider Gottes nun mal abhängig. Ich weiß nicht, wie und wann ich aus diesem Sumpf wieder rauskommen werde, geschweige denn, ob ich es überhaupt überlebe!“

Meine Mutter wurde immer lauter. Sie konnte die Vorwürfe, die ich ihr um die Ohren warf, nicht wahrhaben. Es war eindeutig mehr, als sie vertragen konnte. Es brach ihr offensichtlich das Herz, was mir in dem Moment auch sehr leidtat. Sie kam darauf nicht klar und weinte, weil ich sie, ohne es zu wollen, angeschrien hatte. Ich versuchte sie zu trösten, in dem ich sie umarmte und um Vergebung bat. Ich konnte es nicht lange ertragen, meine Mutter weinen zu sehen. Sie durfte nicht weinen. Sie war schließlich meine Mutter, der einzige Halt in meinem gestörten und verlassenen Leben. Wie konnte ich sie so anschreien?

Ich hasste mich dafür, was ich ihr an diesem Herbstabend antat. Und doch musste ich das, was ich jahrelang in mir eingesperrt hatte, rauslassen. Es steckte sehr tief in mir, aber so verdrängt und eingesperrt es auch war, so sehr wollte es aus mir herausbrechen. Nachdem sie aufgehört hatte zu weinen, fragte sie, was mit mir los sei, woher ich gerade käme und was diese Männer von mir wollten. Ich schaute zu ihr hoch und sagte: „Mama, sie wollen ihr Geld haben, das Barbaros ihnen noch schuldet.“ Als sie hörte, dass sie Geld wollten, wollte sie wissen, um wie viel Geld es ginge. Sie dachte, es wären ein paar Hundert Mark, die sie sicherlich hätte bezahlen wollen.

„Barbaros hat einen Teil des Geldes hier zuhause versteckt. Und ich weiß auch, wo. Aber ich kann es den Typen nicht geben, dann bin ich tot. Spätestens, wenn mein Bruder aus der Haft entlassen wird, werde ich dafür geradestehen müssen. Wenn ich es ihnen nicht gebe, werde ich sie aber nicht so leicht los. So, wie sie mir gerade Angst gemacht haben, sind die zu allem fähig, Mama.“ Auf ihre Nachfrage, wo das Geld sei, ging ich zum Stromkasten und holte das Geld raus, das ich ihr auch gleich zeigte. Es waren noch 42.000 Mark übrig, als ich es noch mal vor ihr zählte. Sie war selbst schockiert. So viel Geld hatte auch sie nie zuvor gesehen. Ich sagte ihr, dass die Typen davon 25.000 haben wollten und dass ich dafür eine Woche Zeit hätte. Ansonsten wüsste ich auch nicht mehr, was ich machen sollte.

Meine Mutter hatte eine klare Haltung dazu. Sie sagte: „Oglum, bu Para Haram Para. Bundan Hayir gelmez ki bu Parayi derhal Evimden cikar. Sohn, dieses Geld ist illegal und mit ungerechten Mitteln angeschafft worden. Das würde uns nur Unglück bringen. Geh und bring es unverzüglich aus meinem Haus.“ Sie hatte Angst, doch sie beruhigte mich, indem sie hinzufügte: „Sohn, ich gehe lieber jahrelang arbeiten, und wenn es nicht reicht, gehe ich nebenbei noch putzen und zahle Barbaros das Geld, wenn er aus dem Knast kommt. Aber das Geld bleibt nicht in meinem Haus. Entweder, du bringst es zur Polizei, oder du gibst es den Kurden. Wohin du es bringst, ist mir egal, Hauptsache, es ist raus aus diesem Haus.“

Sie hatte Angst vor diesen Clan-Typen. Sie hatte nicht vergessen, wie sie sich in unserem Viertel aufgehalten und die Wohnung beschattet hatten. Was ihr egal war, war mir nicht egal. Ich war zwar verzweifelt, aber nicht dumm. Ich konnte ja nicht einfach auf die Polizeiwache gehen und sagen: „Hier, das Geld ist mit illegalen Geschäften erwirtschaftet worden und der gesamte Kurden-Clan ist hinter dem Geld her.“ Das war für mich keine Option, das Geld zur Polizei zu bringen und damit schlafende Hunde zu wecken. Bei den Bullen waren wir eh wie „The Doggs“.

Wir, die Kinder der ersten Generation, die kriminell waren, gaben damals der Polizei verschiedene Codenamen. Einer der meist erwähnten Codenamen war neben Aynasizlar (Spiegellosen) auch Amcalar (Onkels). In diesem Fall könnte man auch die „Bösen Onkels“ sagen. Denn zu der Zeit waren die „Böhsen Onkelz“ politisch rechts orientiert. Bei der Polizei waren wir, die kriminellen Kinder der Türken, eh gebrannte Kinder. Nicht selten mussten wir uns von den Behörden abwertende und ausgrenzende Äußerungen Türken gegenüber anhören. Doch im Grunde war es verständlich, da sie ja nicht unrecht hatten. Wirklich übelnehmen konnte ich ihnen die Beleidigungen und Bemerkungen nicht. Es war schon berechtigt war, dachte ich mir damals. Da unterschieden wir Türken uns von den in der Türkei lebenden Syrern nicht, die Straftaten begingen. Wir waren auch nicht einfach, als wir uns von der Gesellschaft lösten und auf die schiefe Bahn als „die Schattenkinder der ersten Generation“ gerieten.

Wenn ich das Geld zur Polizei bringen würde, hätte ich ein großes Problem und eine Menge Ärger am Arsch. Die Polizei hätte allerdings auch nützlich sein können, wenn ich sie gegen die Kurden aufgehetzt und eine ausführliche Aussage gegen die Männer des Clans gemacht hätte. Es wäre für mich ein lukrativer Schachzug gewesen. Nach meiner Aussage würden sie mit Sicherheit verhaftet werden, danach hätte ich meine Ruhe vor ihnen und ein Problem weniger. Doch das wäre paradox gewesen.

Ein Verrat unter meinem Namen kam mit den Regeln, die ich mir in all den Jahren angeeignet hatte, nicht infrage. Denn damit hätte ich gegen meine eigenen Werte verstoßen und wäre ein Verräter geworden. Bevor ich damals in Betracht gezogen hätte, jemanden bei der Polizei anzuzeigen oder zu zinken, hätte ich mir eher wie ein Ninja einen Finger abgeschnitten. Heute, nach so vielen Jahren, denke ich anders. Aber erst, nachdem ich im Laufe der Jahre bewusst die Seiten gewechselt habe, sehe ich es anders als damals. Ich würde heute jeden, der ansatzweise versucht, Kinder oder Jugendliche zu instrumentieren, indem er sie zum Beispiel anstiftet, ausbeutet oder für illegale Zwecke ausnutzt, ganz klar stoppen und gegebenenfalls auch bei der Polizei verpfeifen. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht wie mein Nachbar Opa Henrik werde, der sich am Fenster Falschparker notiert. Da bin ich aber mittlerweile ziemlich flexibel. Damals mit meinen 16 Jahren war ich noch lange nicht fähig, Derartiges zu leisten.

Kapitel 3:

Magische Träume

Ich blieb die Woche über zuhause und ging nur selten raus. Ich versuchte sozusagen, abzuschalten und machte mir Gedanken, wie ich aus der Lage so günstig wie möglich rauskommen könnte. Solange ich Stoff hatte, mit dem ich mich abschießen konnte, war alles noch im Rahmen und aushalt- bar. Infolgedessen war ich auch von allen möglichen Gefahren abgeschirmt. Sobald ich unter Drogeneinfluss war, war alles okay um mich herum. Ich war wieder da, wo man mich kannte – in meinen Träumen war ich der Herr meines Imperiums.

Auch wenn ich schon längst die Kontrolle über mich verloren hatte, glaubte ich, alles unter Kontrolle zu haben, denn die Opiate hatten mich voll in ihr Netz gezogen. Wie eine Spinne, die ihr Opfer im Netz eingewickelt hat. Davon loszukommen, war beinahe ausgeschlossen oder zumindest sehr schwer, doch trotz der Betäubung war noch eine große Hoffnung vorhanden. Nur mit dem Unterschied, dass ich mich durch die Drogen mit der Zeit aus der Opferrolle befreit hatte und durch den Konsum selbst zu einer Spinne auf Futtersuche geworden war. Ich war längst eine Spinne, und die Opiate waren mein tägliches Futter. Ich schoss mich mit den Drogen immer weiter und immer tiefer ab. Ich tat meinem Körper ganz bestimmt keinen Gefallen, wenn ich da in meinem Zimmer saß, tagelang, und ständig langsam nach dem Konsum einnickte. Sobald ich wieder wach war, ging alles von vorne los. Ein Teufelskreis. Komm doch da raus, wenn du es kannst …

Zugegeben, damals mit meinen 16 Jahren war ich so geil auf die Droge Heroin, dass ich mir ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen konnte. Alles, was ich für mein Leben brauchte oder auch nicht brauchte, was ich wollte oder wonach ich suchte, war in diesem braunen Pulver vorhanden, das meine Probleme nahezu in Luft auflöste. Woher hätte ich damals wissen sollen, dass die Drogen irgendwann selbst zum Problem werden sollten? Anfangs waren sie das Heilmittel schlechthin. Sie gaben mir so viel Geborgenheit. Es wäre auch gelogen, wenn ich abstreiten würde, dass ich Gefallen daran hatte.