Mensch, atme - Deniz Camdere - E-Book

Mensch, atme E-Book

Deniz Camdere

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Beschreibung

Als Gastarbeiterkinder der ersten Generation erleben Deniz und seine Brüder hautnah, wie schwierig Integration in einem fremden Land ist. Gewalt und Drogenexzesse durch seinen älteren Bruder sind an der Tagesordnung, als Deniz mit 15 Jahren erstmals in Berührung mit Heroin kommt. Die damalige "Modedroge" beeinflusst sein Leben auf viele Arten, insbesondere die Beschaffungskriminalität bringt ihn und seine Brüder schon bald an ihre Grenzen - und ins Gefängnis. Seinen Leidensweg und seine Drogenkarriere schildert Deniz C. schonungslos offen und brutal ehrlich im ersten Teil seiner Autobiographie.

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Seitenzahl: 515

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mensch. Atme

Wir, die Schatten-Kinderder ersten Generation

Neuss

1978 bis 1995

Autobiografie von Deniz Çamdere

Verantwortlichkeit für den Inhalt des Buches „Mensch, atme“ ist:

Autor: Deniz Camdere 20.02.1978 Neuss.

Übersetzung: Deutsch/Türkisch Deniz Camdere

Umschlaggestaltung, Design: Martin Freinschlag-Reccardo.

Lektorat, Korrektorat: Alexandra Gentara.

Verlag & Druck: Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN: 978-3-347-19813-5

ISBN: 978-3-347-19814-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Europa hat ein Heroin-Problem – aber ein altes

Die Droge kam in westlichen Ländern in den 1970ern verstärkt auf, einen zweiten Anstieg verzeichneten Mittel- und Osteuropa zuletzt während der 1990er Jahre.

Der in Jahr 1978 gebürtige Neusser Deniz Camdere kam bereits in jungen Jahren der 90. durch seine älteren Brüder in Kontakt mit Drogen. Das erste Mal als er von zu Hause weglief, war er erst 10-Jahrealt. Die Gründe, warum er weglief, konnte er damals noch keinen erzählen, es war aber nicht mehr auszuhalten.

Später folgten Jahrelange Drogenkonsum, Kriminalität, bis zu Gefängnisaufenthalten. Doch er glaubte fest daran, dass er eines Tages von der Droge Herauswachsen könnte.

Seinen Leidensweg und seine Drogenkarriere schildert Deniz C. schonungslos offen und brutal ehrlich im ersten Teil seiner Autobiographie.

Diese Geschichte handelt von wahren Begebenheiten, die nahezu der Wahrheit entsprechend aufgeschrieben wurden. Um die Privatsphäre anderer zu schützen, wurden die Namen teilnehmender Personen bewusst verändert oder abgekürzt, so dass die nicht mehr wieder zu erkennen sind.

Vorwort

Auch, wenn ich erst 41 Jahre alt bin, habe ich in meinem Leben schon vieles beweisen müssen. Meine Diagnose kam viel zu früh, um mir noch Hoffnung auf ein langes Leben zu machen. Ich habe in den letzten Wochen verstanden, dass das Wichtigste am Tod ist, sicher zu sein, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als sie ohne dein Zutun wäre. So wie ich mein Leben bisher gelebt habe, wird meine Existenz – oder eher ihr Verlust – keinen Wert haben, denn ich habe gelebt, ohne irgendetwas Beeindruckendes geleistet zu haben.

Früher gab es unzählige Dinge, die mich beschäftigten. Als ich erfuhr, wie wenig Zeit ich noch habe, wurde mir bewusst, welche Dinge im Leben wirklich zählen. Ich schreibe Euch aus egoistischen Gründen.

Mein Name ist Deniz C. Ich möchte meinem Leben einen Sinn geben, indem ich mit Euch teile, was ich gelernt habe: Schätze die Menschen um dich herum, verschwende deine Zeit nicht mit einem Job, der dir keine Freude bereitet. Es ist offensichtlich, dass du mit nichts erfolgreich werden kannst, was du nicht magst. Geduld, Leidenschaft und Hingabe kommen ganz von selbst, wenn du liebst, was du tust. Es ist dumm, Angst vor der Meinung anderer zu haben. Angst schwächt und lähmt dich. Wenn du sie zulässt, wächst sie weiter und weiter, bis nichts mehr von dir übrigbleibt außer einer leeren Hülle. Höre auf deine innere Stimme und folge ihr. Manche Menschen werden dich als verrückt bezeichnen, doch andere wiederum als Legende.

Übernimm Kontrolle über dein Leben. Übernimm Verantwortung für die Dinge, die dir passieren. Grenze schlechte Angewohnheiten wie Alkohol, Drogen, Zigaretten, Shisha oder Spielsucht ein und versuche, gesünder zu leben. Suche dir einen Sport, der dich glücklich macht. Aber lass dein Leben von den Entscheidungen beeinflussen, die du getroffen hast, nicht von denen, die du nicht getroffen hast. Schätze die Menschen um dich herum. Freunde und Familie werden immer eine unerschöpfliche Quelle der Liebe und Stärke sein – deshalb solltest du sie nie als gegeben hinnehmen. Ich weiß, dass die letzten Tage meines Lebens Bedeutung bekommen.

Mir fällt es schwer, meine Gefühle über die Wichtigkeit dessen, was mir klargeworden ist, auszudrücken. Dennoch hoffe ich, dass Ihr jemandem zuhört, der erfahren musste, wie wertvoll Zeit ist. Ich bin nicht wütend, denn ich weiß, dass die letzten Tage meines Lebens eine Bedeutung bekommen haben. Ich bereue nur, dass ich nicht in der Lage sein werde, viele wundervolle Dinge zu erleben, die bald passieren werden. Dinge wie die Erschaffung der künstlichen Intelligenz, Autos, die im Autopilot-Modus über die Straßen fahren. Ich hoffe auch, dass Palästina seinen Frieden und seine Freiheit wiederbekommt, und auch, dass der Krieg in Syrien bald endet und die Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Was ich niemals aus gesundheitlichen Gründen hätte tun könnte, wie gerne hätte ich die Heimat, wo meine Eltern herkommen, ein aller letzte Mal noch gesehen. Die türkische Luft, die Erde am Bosporus und das Meer nicht noch einmal betrachten und riechen. Aber was mir die größte Sorge bereitet, ist die Cumhuriyet, die Einheit der Türkei. Inshallah wird sie auch in den nächsten 100 Jahren erhalten. Dies ist keine politische, sondern eine menschliche Sicht. Wir sorgen uns während des Lebens so sehr um unsere Gesundheit, dass wir bis zum Sterben nicht bemerken, dass unser Körper lediglich eine Box ist – ein Paket, das unsere Gedanken, die Persönlichkeit und den Glauben auf unsere Erde bringt. Wenn in dieser Box nichts ist, was die Welt verändern kann, macht es nichts aus, wenn sie von dieser Welt verschwindet. Ich glaube, wir haben alle dieses Potenzial, aber wir benötigen den Mut, es auch umzusetzen.

Genieße deine Zeit. Du kannst durch ein Leben gleiten, das von äußeren Umständen bestimmt ist und Tag für Tag, Stunde für Stunde, verpassen. Oder du kannst für das kämpfen, woran du glaubst und die unverwechselbare Geschichte deines Lebens schreiben. Ich hoffe, du wirst die richtigen Entscheidungen treffen. Hinterlasse einen Eindruck in der Welt, lebe ein bedeutungsvolles Leben, welche Definition das auch immer für dich haben mag. Die Welt, die wir verlassen, ist ein wundervoller Ort, an dem alles angefangen hat und irgendwann auch enden wird. Lebe deine Leben, du kommst eh nicht lebend da raus. Doch wir sind nicht für immer hier. Unser Leben ist ein kurzer Funke auf diesem schönen, kleinen Planeten, der mit unglaublicher Geschwindigkeit durch das unendliche Dunkel des unbekannten Universums fliegt. Also genieße deine Zeit hier auf Erden.

Danke schön! Eigenes Leben, eigene Entscheidung! Es sind Worte, die nachklingen. Lasst Euch nicht von Eurer Umwelt entmutigen oder in eine Richtung schubsen, die Euch nicht gefällt – Ihr selbst habt Eure Zukunft in der Hand! Mein Motto lautet: Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter. Lebe heute, hier, jetzt und denke nicht an morgen, denn es könnte sein, dass du es nicht überlebst. Man weiß nie, wann der Tod an der Tür lauert. Und sei dir einer Sache gewiss – es könnte jederzeit zu spät sein. Ich habe dieses Licht gesehen, als ich unvorbereitet eine Reise antreten musste und zwischen Erl

ösung und Qual auf der Intensivstation eines Krankenhauses in einem Komazustand lag, immer wieder den Ärzten ausgeliefert war.

Wie alles angefangen hat?

Es ist Januar 2015, als ich mit einem leeren Blick aufwache und zu mir komme. Ich liege auf der Intensivstation und fühle einen Stich in meinem Hals. Ein Tubus, über den ich künstlich beatmet werde. Am ganzen Körper sind Schläuche und Sensoren angeschlossen. Ich liege in einem Bett, in einem OP-Hemd, welches voller Blutflecken ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ich im Krankenhaus aufwache. Ich leide schon seit meiner Kindheit unter Asthma, Angstzuständen und Ohnmachtsanfällen, sodass ich plötzlich die Besinnung verliere. Doch diesmal sieht es anders aus, viel schlimmer, als ich es gewohnt bin. Ich spüre massive Schmerzen in meinen Beinen, der Hüfte, den Rippen und am Rücken. Mehrere Frakturen, die durch einen Autounfall verursacht wurden. Der Fahrer war viel zu schnell unterwegs und genauso feige. Er hat nicht mal angehalten, höchstens kurz in den Rückspiegel geschaut.

Die Schmerzen sind unerträglich, sodass ich eine starke Schmerztherapie brauche, doch das ist nicht das Schlimmste. Viel mehr bin ich darüber schockiert, dass ich meine Stimme nicht mehr hören kann. Das liegt an der künstlichen Beatmung über den Tubus. Ich kann sehen, aber nicht sprechen. Ich kann hören, aber nicht reagieren. Ich weiß, dass ich am Leben bin, doch ich spüre das Leben nicht. Das Piepen der Maschinen fühlt sich nach einiger Zeit an wie Musik in meinem Ohr, und ich tanze innerlich dazu. Ist es leise, ist alles im grünen Bereich, ist es laut ist der Tod nah. Manchmal kommen Ärzte und versuchen, mich wieder zu stabilisieren. Hilflos liege ich im Bett, in einem Narkosezustand. Dabei verliere immer wieder die Zeit. Nach einiger Zeit wusste ich, dass ich nicht mehr der Alte bin, der ich einmal war.

Das Leben war zu kurz, um zu leben, doch gleichzeitig war es zu lang, um zu sterben. Zwei Jahrzehnte Drogenrausch hatten meine Kindheit und Jugend in Anspruch genommen und jetzt, jetzt verlangte es auch noch nach meinem Leben. Der Tod ist gegenwärtig. Man wird geboren, um zu sterben. Aber ich war noch nicht so weit. Ich musste wieder einmal aufstehen, jedoch fiel ich zunächst ins Koma. Die Augen gingen zu, und ich reiste zurück in die Vergangenheit

Jeder Mensch hat eine Geschichte. Mein Name ist Deniz C., und dies hier ist meine.

Kapitel 1

Als Kind wollte ich unbedingt Polizist werden, schlechte Menschen verhaften und mein Land vor bösen Menschen beschützen. In meiner Kindheit spielten wir gern „Räuber und Gendarm“. Ich wollte immer der Gute sein. Wer hätte zu der Zeit gedacht, dass ich eines Tages selbst die Polizei austricksen würde, um Katze und Maus mit ihnen zu spielen? Doch damals war Polizist mein größter Berufswunsch. Als Erstes hätte ich meinen Vater verhaftet und eingesperrt, weil er meine Mutter immer verprügelte. Ich hasste ihn und habe mich mein Leben lang gefragt, was passiert wäre, wenn ich einen richtigen Vater gehabt hätte. Einen, der für uns da war.

Wenn ich sah, wie andere Kinder von ihren Eltern zur Schule gebracht wurden und Hand in Hand mit ihren Vätern unterwegs waren, schaute ich sie traurig und schüchtern an und träumte davon, dass ich auch so ein kleiner, glücklicher Junge wäre, der mit seinem Vater spielen konnte. Doch für mich blieb das ein Traum.

Mein Vater war in den Sechzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Er war einer der ersten Türken in einem Stadtteil von Neuss, der in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache und Kultur, lebte. Nachdem er sich ein paar Jahre eingelebt und Fuß gefasst hatte, kaufte er sich sein erstes Auto – einen Ford Mustang 1967 – und fuhr damit in die Türkei, um seine Traumfrau zu finden, um diese zu heiraten. Damals war die Zwangsehe in der Türkei noch sehr verbreitet. Auch meine Mutter musste sich der Entscheidung ihrer Eltern unterwerfen und meinen Vater heiraten.

Bei der Hochzeit war meine Mutter gerade erst 18, mein Vater zehn Jahre älter. Meine Mutter war ein sehr schönes Mädchen. Ich wusste mittlerweile auswendig, wie viele Männer meine Mutter damals heiraten wollten, sie sprach oft davon. Den alten Bildern nach zu urteilen, war sie wunderschön gewesen. Einer ihrer Lieblingssätze war: „Mich wollten so viele wohlhabende Männer heiraten, und ich musste ausgerechnet deinen Vater nehmen!“ Wenn ich die schwarz-weißen Hochzeitsbilder betrachtete, erkannte ich darin immer „Die Schöne und das Biest“.

Ende der Sechzigerjahre heirateten sie und fuhren anschließend zusammen mit dem Auto nach Deutschland. Die Fahrt dauerte drei Tage. Meine Mutter war ein sehr naives Mädchen, ohne Bildung, nur mit einem Grundschulabschluss. Trotz der Zwangsehe freute sie sich darüber, dass sie ihre Zukunft in Deutschland verbringen würde, auch wenn ihr der Mann an ihrer Seite fremd war. Sie dachte, sie würde sich mit der Zeit schon in ihn verlieben. Anfang der Siebzigerjahre zogen sie in den Stadtteil Neuss-Norf in eine Plattenbauwohnung um. Es war eine Zweizimmerwohnung, nur mit dem Nötigsten eingerichtet.

In der Straße wohnten hauptsächlich Ausländer, überwiegend Türken. Mein Vater ging am Anfang regelmäßig zur Arbeit, meine Mutter war für den Haushalt zuständig und brachte im Laufe der Zeit drei Kinder zur Welt. Der Älteste war Barbaros, der mittlere Oguz und der jüngste war ich, Deniz. Als ich drei Jahre alt war, wurde mein Bruder Barbaros mit sieben Jahren eingeschult. Oguz war fünf. Ich ging mit ihm in den Kindergarten.

Es war 1981, als mein Vater begann, sich zu verändern. Er trank immer mehr Alkohol und fing an, Cannabis zu rauchen. Er kam selten nach Hause, und wenn er da war, war er meist stinkbesoffen, brüllte nur rum und prügelte auf meine Mutter ein, bis jemand von den Nachbarn die Polizei rief. Es war nicht leicht für meine Mama. Sie war sehr ängstlich und hatte große Angst vor Papa.

Ich kann mich sehr gut an einen Tag erinnern, an dem mein Vater zuhause in betrunkenem Zustand um sich schlug, wir Kinder weinend in der Ecke saßen und Barbaros unsere Augen zuhielt und versuchte, uns zu schützen, damit wir so wenig wie möglich davon mitbekamen. Damals war mein Bruder mein Held gewesen. Eines Tages nahm er ein kleines Messer aus der Küche, ging auf meinen Vater los und schrie: „Lass meine Mutter in Ruhe!“

Mein Vater liebte seine Kinder, ganz bestimmt. Er hatte nur ein Alkoholproblem, welches er nicht im Griff hatte. Da meine Mutter ein sehr zurückhaltender und noch dazu sehr ängstlicher und schüchterner Mensch war, hatte Vater immer das Sagen, welches er voll für sich nutzte, sodass Mama sich nicht traute, jemanden um Hilfe zu bitten. Nur meiner Oma in der Türkei schrieb sie einen Brief und klagte darin ihr Leid.

Nachdem meine Oma den Brief gelesen hatte, beantragte sie ein Visum und kam als Touristin nach Deutschland, um meine Mutter zu unterstützen. In der Zeit verlor mein Vater seinen Job. Er ging in Kneipen, hatte sich eine deutsche Freundin namens Ursula zugelegt und ging Mutter schon bald offensichtlich fremd. Eines Tages erzählte mir meine Mutter, als sie mit mir schwanger gewesen sei und die Wehen bekommen hatte, hätte sie meinen Vater angerufen und ihm gesagt, dass sie sofort ins Krankenhaus müsse. Da kam mein Vater mit seiner Geliebten, und sie brachten sie gemeinsam ins Krankenhaus. Ich hatte das nie verstanden. Sie musste sehr verzweifelt und unterdrückt gewesen sein, wenn sie so etwas über sich ergehen ließ.

Ich kam am 20.02.1978 in Neuss zur Welt. Meine Oma kam noch rechtzeitig zu meiner Geburt nach Deutschland. Sie erzählte mir oft von meiner Geburt, weil sie es rechtzeitig nach Deutschland geschafft hatte. Als meine Mutter mir den Namen Deniz gab, nahm meine Oma mich in ihre Arme und sagte mit ihrem dauerhaft strahlenden Gesicht: „Inshallah, ich hoffe, das Kind wird auch so intelligent, mutig und mit so einem schönen Herzen ausgestattet wie es einst der Deniz Gezmis hatte!“

Heute kann ich sagen: Ja, ich habe sein Herz in mir aufbewahrt. Deniz Gezmis war ein Revolutionär, der für die Unabhängigkeit der Türkei gekämpft hatte. Leider wurde er im Jahr 1972 von der türkischen Regierung zum Tode verurteilt.

Meine Oma war eine sehr strenge, konservative und starke Frau. Ihr Wort hatte Gewicht in ihren Kreisen. Sie war sehr kontaktfreudig und hatte in der ganzen Türkei Freunde. Ihre Eltern sind als Kind aus der ehemaligen Sowjetunion, dem heutigen Georgien, in die Türkei gekommen. Ihr Mann war Gerichtsdiener gewesen. Leider habe ich ihn nie kennengelernt, weil er sehr früh an Lungenkrebs verstorben ist. Für türkische Verhältnisse hatte Oma eine gute Rente, sodass sie sich Urlaube leisten konnte. Sie war trotzdem sparsam und reiste gern zu Verwandten. Als sie sah, dass meine Mutter ihre Hilfe benötigte, entschloss sie sich, in Deutschland zu bleiben, um meine Mutter zu unterstützen. Da mein Vater seine Arbeitsstelle verloren hatte und selten nach Hause kam, gab es weder Essen noch wurde die Miete gezahlt. Nach der Entbindung hatte Mutter sich einen Job gesucht und angefangen, in Vollzeit bei der NBV, der Neusser Blumenversteigerung, zu arbeiten. In dieser Zeit passte Oma auf uns Kinder auf, in einer Zweizimmerwohnung mit drei Kindern, Mutter und Vater.

Wenn mein Vater nach Hause kam, war er sturzbesoffen oder high. Er sank von Tag zu Tag immer tiefer in die Scheiße. Seine Alkohol- und Drogensucht erfüllte ihn noch nicht ganz, und so kam noch eine Spielsucht hinzu. Er spielte in türkischen Teehäusern, in irgendwelchen Hinterzimmern. Meine Mutter erzählte mir mal, dass mein Vater an einem Tag mit 30.000.- DM nach Hause gekommen war und am nächsten Tag mit nur 5.- DM in der Tasche. Meine Mutter wusste immer, wie viel Geld mein Vater in der Tasche hatte, im Gegensatz zu ihm selbst, weil sie ihm oft Geld für uns stehlen musste, damit wir etwas zu essen hatten. Er gab nie oder eher selten Geld für Nahrung aus und hob auch noch den Lohn meiner Mutter bei der Bank ab. Bis meine Mutter eines Tages zur Bank ging und in ihrem gebrochenen Deutsch sagte: „Bitte nicht geben mein Geld meinem Mann.“

Von da an hatte mein Vater keinen Zugang mehr zu ihrem Konto. Die Miete wurde von meiner Mutter bezahlt, die Wohnung konnte uns nun nicht mehr gekündigt werden. Zudem hatte sie die Verpflegung voll übernommen. Demnach verließ sie sich nicht mehr auf Vater und wurde dabei immer mutiger ihm gegenüber. Dies fiel auch meiner Oma auf.

Ich denke sehr oft an meine Kindheit, immer wieder. Die Bilder gehen einfach, nicht mehr weg. Wir wohnten in Neuss-Norf, wo mehrere Betonblöcke nebeneinanderstanden, die überwiegend von Ausländern bewohnt wurden.

An einem sonnigen Tag kamen wir mit Oma vom Spielplatz nach Hause. Dort wartete bereits die Polizei vor unserer Haustür. Ich spürte gleich die Nervosität, die von Oma ausging. Ich glaube, sie ahnte schon etwas, als die Beamten auf uns zukamen. Mein Vater hatte sie angezeigt, ihre Aufenthaltserlaubnis war bereits abgelaufen. Die Polizei nahm Oma mit, und damit auch mein Herz. Ich lief ihnen bis zum Auto nach und schrie: „Anne, Anne!“ Meine Oma nahm mich in den Arm, küsste mich ein letztes Mal, und sie fuhren fort. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich an dem Tag geheult habe. Zuhause war die Hölle los, mein Vater und Mutter stritten sich sehr laut. Für mich war meine Oma wie eine Mutter gewesen. Am nächsten Tag kam Oma zum Glück wieder nach Hause, mit einer dreimonatigen Duldung. Sie musste innerhalb von drei Monaten in die Türkei zurück. Obwohl Oma alles für uns getan und immer auf uns aufgepasst hat, gefiel es Vater nicht, dass sie hier war. Er konnte sie nicht unter Druck setzen wie unsere Mutter, die zu allem Ja und Amen sagte.

Nun musste Mutter eine Entscheidung treffen. Entweder, sie ginge mit Oma und ihren drei Kindern zurück in die Türkei und ließe sich scheiden, oder sie ginge weiter arbeiten und bliebe trotz der unglücklichen Ehe in Deutschland, um auf eigene Verantwortung zu versuchen, die Ehe zu retten. Den Kindern zuliebe. Die drei Monate gingen sehr schnell um, somit rückte auch die traurige Trennung sehr nahe. Doch meine Oma wollte die Kinder nicht in Deutschland bei meinem Vater lassen. Also nahm sie mich und meinen Bruder Oguz mit in die Türkei, was Vater und Mutter gelegen kam. So konnte Mutter weiterarbeiten, und die Kinder waren in Sicherheit. Mein ältester Bruder Barbaros war bereits eingeschult worden und wollte in Deutschland bleiben.

Als es auf die Reise ging, war es ziemlich spät. Ich schloss die Augen schon am Flughafen und wachte erst in einem anderen Haus wieder auf. Das Haus meiner Oma war groß. Die Möbel waren alle mit weißen Laken zugedeckt, was ziemlich ungewöhnlich wirkte. Es hatte zwei Etagen, viele Zimmer und einen schönen Blumengarten hinter dem Haus. Unsere Kindheit war sehr schön, wir reisten oft durch das halbe Land. Oma hatte viele Verwandte und Freunde in der ganzen Region.

Das Schönste an der Sache war, dass Oma als gelernte Schneiderin unsere Kleider maßschneiderte. Zugegeben, in den Muttersöhnchen-Kleidern sah ich richtig süß und peinlich aus. Meine Mutter schickte uns regelmäßig Geld. Wir hatten nicht viel, aber wir waren glücklich. Nach drei Jahren wurden wir auch schon in die türkische Grundschule eingeschult. Mein Bruder Oguz war ein sehr begabter und talentierter Schüler und lernte fleißig. Einmal im Jahr wurden die begabtesten Schüler des ganzen Landes in der Tageszeitung erwähnt, und mein Bruder war immer einer von denen mit den besten Noten. Ich war so stolz auf ihn und froh darüber, dass er mir bei den Hausaufgaben half. Mutter kam in den Sommerferien in die Türkei, aber ohne Vater. Er kam nie zu Oma, die beiden hatten sich, nachdem mein Vater sie bei der Polizei angezeigt hatte, nichts mehr zu sagen. Ich war glücklich, wenn mein großer Bruder Barbaros dabei war. Ich nahm ihn dann oft an die Hand, ging mit ihm in unsere Straße und erzählte ihm, was da los war, wer mich geschlagen oder geärgert oder beklaut hatte. Unser Haus war zwar sehr schön, doch in der Umgebung waren viele Zigeuner, die nicht gerade freundlich zu uns waren.

Barbaros war mein Held. Er hatte schon als Kind Kampfsport gemacht und war schon immer sehr präsent gewesen. Damals gab es in unseren Straßen Gruppengangs, die sich anfeindeten. Und viele Schlägereien, nur weil wir in einer anderen Straße wohnten. Als mein Bruder in einen Konflikt geriet, nachdem ich ihm erzählt hatte, was sie mit uns machten, prügelte er gleich, ohne sie darauf anzusprechen, auf sie ein. „Sen kimin kardesini kovaliyon, lan piç?“, rief er dabei. „Weißt du eigentlich, wen du verjagst, du Bastard?“

Es dauerte nicht lange, bis auch andere meinen Bruder Barbaros angriffen, womit er problemlos fertig wurde. Ganz allein legte er sich mit den Jungs einer Zigeunergang an und prügelte erbarmungslos auf diese ein. Nach kurzer Zeit hatten alle Respekt vor ihm.

Ich sah, dass mein Bruder sehr stark und cool war, doch ich entdeckte auch einen Teil von unserem Vater in ihm. Er hatte dessen bösen Blick geerbt und schrie auch so rum wie er. Ich denke, er war von ihm so sehr beeinflusst, dass er sich als Herr des Hauses bei uns aufspielte. Er rauchte und trank schon mit zwölf Jahren Alkohol.

An einem Tag war ich im Garten und fütterte das Schaf, das wir jedes Jahr zu Besuch hatten, als mein Bruder aus dem oberen Stockwerk rief: „Hey, Deniz, komm mal unter das Fenster! Ich will dir was zeigen.“ Ohne Bedenken ging ich unter das Fenster, stellte mich hin, schaute nach oben und fragte: „So okay, Abi?“

„Nein, komm noch näher!“, rief er, und währenddessen sah ich, dass er eine heiße Teekanne in der Hand hielt und diese auf mich kippte. Ich versuchte reflexartig, mein Gesicht zu schützen und wegzulaufen, bekam dabei aber das Wasser auf dem Rücken ab. Es tat nicht weh, brannte jedoch wie Feuer. Während ich zappelte und schrie, guckte ich nach oben und sah, wie mein Bruder lachte. Er hatte sich einen Spaß erlaubt, aber nicht nachgeschaut, wie heiß das Wasser in der Kanne war. Ich lag ein paar Tage im Krankenhaus und bekam einen Verband mit einer Spezialcreme. Ich weiß noch, dass ich wochenlang nicht auf dem Rücken schlafen konnte. Mein Bruder blieb die ganze Zeit an meiner Seite, entschuldigte sich immer wieder bei mir und wiederholte, dass es ihm leid tue, dass er mich lieben würde.

Als Mama mit Barbaros wieder zurück nach Deutschland musste, war ich mit meinem mittleren Bruder Oguz allein. Wir hatten kaum Freunde, gingen selten raus, und wenn wir mal vor die Tür durften, wurden wir entweder beklaut oder verprügelt. Wir waren die Kinder von „Almanci“ (Deutschländern). Deswegen spielten wir mit den Nachbarskindern meistens zuhause.

Wir bekamen vom Bauernhof meiner Oma jedes Jahr zum Opferfest ein Schaf. Wir wohnten in einer großen Stadt namens Bursa. Überall gab es grüne Wiesen und Bäume. Die Stadt Bursa war bekannt für ihre grünen Weiden und Landschaften und doch eine Großstadt. Oma sagte immer, dass Bursa einst die Hauptstadt der Osmanen gewesen sei und der Vater aller Osmanen, Osman Gazi, am 1. August 1326 in Bursa begraben wurde.

Das Schaf bekam von mir den Namen Locke. Ich spielte immer mit ihm und spürte schon mit acht Jahren meine besondere Bindung zu Tieren. Wenn ich mit ihm sprach und ihn dabei fütterte, fühlte es sich an, als ob wir Freunde wären. So hatte ich ein Haustier, welches für mich wie ein Freund war.

Eines Tages merkte ich beim Abendessen, dass das Schaf nicht mehr da war. Ich fragte Oma, wo „Locke“, mein Schaf, sei. Sie schaute mit einem lächelnden Blick zu meinem Onkel, der zu Besuch war, dann zu meinem Bruder Oguz, der mit dem Finger auf das Essen zeigte.

Ab dem Zeitpunkt verstand ich, dass das Schaf, welches ich jedes Jahr wochenlang fütterte, zum Schlachten gedacht war. Im darauffolgenden Jahr, als wir wieder ein Schaf bekamen, dachte ich, ich müsste ihm helfen. Ich nahm es an die Leine und ging mit ihm auf die Weide, damit es Gras fressen konnte. Ich schmiedete einen Plan, um dem Schaf das Leben zu retten. Ich versteckte es auf einem Feld, ging abends nach Hause und sagte Oma, dass es weggelaufen sei. Es war schon dunkel, und meine Oma ging los, um es zu suchen, allerdings ohne Erfolg. Am nächsten Tag stand das dumme Schaf vor der Haustür und verurteilte sich somit selbst zum Tode.

Als ich neun Jahre alt war, wurde mein Vater mehrfach straffällig, verurteilt und in die Türkei ausgewiesen. Mutter blieb trotz der Abschiebung von Vater mit Barbaros in Deutschland. Sie ging weiter zur Arbeit und reichte die Scheidung ein. Die Ehe war schon lange gescheitert. Nachdem Vater ausgewiesen worden war, durften wir ihn nicht treffen, denn der Streit mit Oma war ziemlich groß. Aber Vater kam manchmal zur Schule, um uns zu sehen, und nach der Schule gingen wir öfter mit ihm essen. Oma sagten wir nichts davon. Er zeigte uns eine Kneipe und sagte, wenn wir etwas bräuchten, könnten wir einfach in die Kneipe kommen. Weil er dort Teilhaber war, durften wir auch rein und spielten dort Billard. Weil wir außerhalb der Schulzeit nicht hindurften, wegen unserer strengen Oma, gingen wir während der Schulzeit hin und fingen an, die Schule zu vernachlässigen und zu schwänzen. Ansonsten war es ja, nicht möglich, Papa zu sehen. Als die Fehlzeiten sich häuften, wurden auch die Noten schlechter.

Oma hatte viele Bekannte, die uns mehrmals mit Vater gesehen und es ihr gesagt hatten. Sie ging daraufhin zur Polizei. Sie kannte den Kommissar Simsek. Er war ein guter Freund, der unsere Familie kannte, auch daher, weil wir schon zweimal weggelaufen waren und Oma uns als vermisst gemeldet hatte. Mein Bruder Oguz war ein Ausreißer, er lief zweimal ohne einen Grund von zuhause weg. Einmal hatte er mich sogar mitgenommen. Das Ziel war Uludag (Uludag ist ein bekannter Berg in der Türkei in Bursa). Wir kamen aber nicht weit. Als wir in die Seilbahn einsteigen wollten, fielen wir dem Schaffner auf. Wir waren zu jung, und er rief gleich die Polizei.

An einem anderen Tag schaffte Oguz es sogar bis nach Bilecik, nachdem er das gesamte Geld von Omas Rente gestohlen hatte. Da er aber mit zwölf Jahren in einem Hotel einchecken wollte, rief man erneut die Polizei, und sie brachten ihn wieder nach Hause. Die Gründe, wieso er immer weglief, kannte ich nicht.

An einem Sommertag kurz vor den Sommerferien schwänzte ich mit Oguz die Schule, um auf dem Spielplatz zu spielen. Weil Oma uns selten unbeaufsichtigt spielen ließ, gingen wir heimlich dorthin. Wir zogen unsere Schuluniformen aus, damit wir nicht auffielen. Während wir schaukelten, bemerkte ich einen Mann, der auf einer Bank saß und uns beobachtete. Ich sagte Oguz Bescheid, dass der Mann uns die ganze Zeit anstarrte.

Oguz musterte den Typen misstrauisch und bemerkte auch, dass er uns die ganze Zeit über sehr verdächtig beobachtete. Er nahm mich gleich an die Hand und zog mich mit sich, während er sagte: „Deniz, hadi gidiyoruz. Komm, wir gehen.“

Wir verließen fluchtartig den Spielplatz. Ich drehte mich immer wieder um und teilte Oguz mit, dass der Mann näher käme. Plötzlich stand er bei uns, stoppte vor einem Park und fragte uns, wieso wir weglaufen würden?

Ich fragte ihn: „Amca sen Polismisin? Sind Sie Polizist?“

Er bejahte das und fragte uns, was wir angestellt hätten, wieso wir wegliefen.

Ich antwortete: „Ja, wir haben die Schule geschwänzt. Wir wollten ein wenig spielen und dann wieder zur Schule gehen.“

Ich war erst zehn, Oguz zwölf Jahre alt. Ich fragte ihn, ob meine Oma ihn geschickt hätte. Er nickte und sagte, dass er mich jetzt gleich zu meiner Oma bringen würde. Wir hatten uns in dem Moment nichts dabei gedacht, er sah ganz normal aus, in Zivil gekleidet, und wirkte auf uns sehr seriös.

Er sagte dann zu Oguz: „Geh du schon mal zur Schule. Dein Bruder ist noch zu jung, ich bringe ihn nach Hause.“

Oguz schaute mich an und ging fort. Der Mann nahm meine Tasche und fragte, wo wir wohnen würden. Dann fragte er noch nach meinem Namen.

Ich sah ihn verwirrt an und fragte: „Wenn Sie Polizist sind, müssten Sie doch meinen Namen kennen?“ Er ignorierte mich, schaute sich meine Schulhefte an und fragte, in welcher Straße wir wohnten. Während ich ihm die Adresse sagte, merkte ich, dass hier irgendwas nicht stimmte.

„Wo haben Sie denn Ihre Dienstwaffe und Handschellen?“, fragte ich ihn.

„Möchtest du denn gern gefesselt werden?“, fragte er. „Ich bin in Zivil und habe die zuhause.“

Ich nahm meine Schultasche in die Hand. Hier stimmte etwas nicht. Ich fühlte mich in Gefahr. Panisch schaute ich mich um, ob ich Hilfe holen könnte, doch leider war niemand da. Ich fing an, nervös zu werden und zitterte am ganzen Körper.

„Ich kann allein nach Hause gehen“, sagte ich schnell.

„Nein, ich bringe dich hin. Wenn ich dich vorher ein bisschen streicheln darf.“

Ich fing an zu weinen und sagte: „Nein, ich muss jetzt nach Hause.“

Er hielt meinen Arm fest. Als er für einen kurzen Moment lockerließ, rannte ich los. Ich schaute nicht einmal nach hinten. Ich lief wie ein kleines Reh, was von einem Tiger gejagt wurde. Ich konnte nicht einschätzen, wie schnell er laufen konnte. Ich traute mich gar nicht, mich noch einmal umzudrehen.

Es war sonst niemand auf der Straße. Ich lief in den ersten Laden, den ich sah. Zum Glück war es ein Schneidergeschäft, in dem man Oma kannte, sie hatte dort ihre Ausbildung zur Schneiderin gemacht. Ich kannte den Besitzer, weil wir immer zusammen mit Oma Kleider in den Laden brachten. Ich holte tief Luft und erzählte ihm alles, was geschehen war. Er ging daraufhin auf die Straße und guckte, ob der Mann zu sehen wäre. Ich war kreidebleich, zitterte am ganzen Körper und bekam nur schwer Luft. Nachdem er die Polizei gerufen hatte, benachrichtigten sie auch gleich meine Oma.

Als sie kam, umarmte ich sie heulend und beichtete alles, was geschehen war. Bei der Polizei beschrieb ich den Mann, so gut es ging. Wir sollten am nächsten Tag auf die Yildirim-Wache kommen, um Fotos anzuschauen und eventuell ein Phantombild zu erstellen. Ein paar Wochen später spielten wir mit den Nachbarskindern Fußball vor unserer Haustür. Als ein Motorroller vorbeifuhr, traten wir zur Seite, dabei sah ich, während er an mir vorbeifuhr, durch den Helm seine Augen. Diese Augen würde ich auch heute noch erkennen. Ich kann nicht genau sagen, ob er mich gesehen hatte oder so tat, als hätte er mich nicht bemerkt. Ich rannte sofort zu Oma, um es ihr zu erzählen. Da fiel mir auch ein, dass ich dem Mann damals unsere Adresse genannt hatte. Oma rief die Polizei an, um eine erneute Anzeige gegen Unbekannt zu stellen. Nach ein paar Monaten war der Mann immer noch nicht zu finden, hielt sich aber in unmittelbarer Nähe unseres Wohnviertels auf. Bis dieser Tag kam, an dem wir uns noch mal begegneten.

Es war eine Veranstaltung, ein Kinderfest, wo der Tradition nach die Kinder beschnitten werden sollten, deren Eltern sich eine festliche Beschneidung nicht leisten konnten. Es war eine Massenbeschneidung im Freien. Es gab Musik, kostenloses Essen und Trinken. An dem Tag begleitete ich meinen Bruder Oguz. Er verkaufte sonntags immer „Simit“, Sesamringe, um sein Taschengeld aufzubessern. Wir standen in der großen Menge. Ich ging nach vorn, um einen besseren Blick zu haben.

Plötzlich stand ich neben einem Mann, der neugierig zu den Kindern schaute, welche gerade beschnitten wurden. Ich schlich mich leise zurück zu meinem Bruder, zeigte mit dem Finger auf den Mann, und er erkannte ihn auch. Wir liefen zu der Kneipe von Vater, doch er war leider nicht da. Oguz gab mir das Blech mit den Sesamringen und sagte, ich solle auf ihn warten, er würde schnell zur Polizei laufen und Hilfe holen. Er ließ mich wieder allein. Ich bekam Angst, fing am ganzen Körper an zu zittern und bekam schwer Luft. Dann lief ich weg.

Vor einem Teehaus saßen ein paar Männer. Als sie mich sahen und bemerkten, dass mit mir etwas nicht stimmte, fragten sie mich, was ich hätte? Ich weinte und sagte, dass da ein Mann sei, der mich umbringen wolle. Ich übertrieb etwas, weil ich mich schämte, dass ich vor einem perversen Typ weglief, der ja gescheitert war und mir noch gar nichts getan hatte. Die Männer standen sofort auf und fragten mich, wo der Mann sei. Einer der Männer kannte mich sogar persönlich, so wie ich ihn auch erkannte. Es war der Vater von Fatih. Fatih ging in meine Klasse, und manchmal sahen wir bei ihm zuhause fern. Sein Vater brachte ihn jeden Tag zur Schule. Ich sah immer, wie glücklich sie waren, und ja, zugegeben, ich beneidete Fatih darum, dass er einen Vater hatte, der ihm Liebe zeigte, während ich einen Vater hatte, der uns nicht wollte.

Er sagte: „Deniz, zeig uns den Mann.“

Ich nahm ihn an die Hand und lief zu dem Mann, bis wir einen Meter vor ihm standen. Die Männer stellten sich in einem Halbkreis hinter ihm auf, tippten ihn an und fragten ihn, ob er mich kennen würde. Er schaute zu mir herab, ich sah wieder diese Augen, und er antwortete nervös mit Nein. Als ich die Stimme hörte, schrie ich ganz laut: „Doch, du wolltest mich umbringen, wolltest mich im Park anfassen. Und die Polizei sucht schon nach dir!“

Ich war richtig mutig, mit vier Männern an meiner Seite. Einer der Männer packte ihn am Arm und sagte, dass wir jetzt zur Polizei gehen würden. Der Mann schwor, dass er mich noch nie in seinem Leben gesehen hätte, riss sich plötzlich los und rannte die Straße runter. Die Männer liefen ihm hinterher.

Nach ein paar Hundert Metern kam uns auch schon mein Bruder mitsamt Polizeiwagen entgegen, dahinter ein Zivilpolizeiwagen. Sie schnitten ihm den Weg ab und erwischten ihn. Er bekam Handschellen angelegt, und wir fuhren zum Polizeipräsidium Yildrim. Oma kam, um uns von der Wache abzuholen.

Am nächsten Tag mussten wir morgens noch einmal zur Wache. Kommissar Simsek wollte mit mir sprechen, ob der Mann mich wirklich nicht sexuell missbraucht hätte. Er war nämlich ein vorbestrafter Sexualstraftäter, und Kommissar Simsek wollte sich vergewissern, dass wirklich nichts passiert war. Ich verneinte dies, sagte aber auch, dass ich mich losgerissen hätte und weggelaufen sei.

Im Flur der Wache stand ein Gitterkäfig. Ich saß vor der Tür, sah in den Käfig, und da saß mein Vater darin. Er winkte mir zu und legte den Zeigefinger auf seine Lippen, um mir zu bedeuten, dass ich ruhig sein sollte. Er wollte wohl nicht, dass Oma ihn dort sah. Oma sah ihn nicht und ich sagte auch nichts, weil wir ja eh nicht reden durften. Später erfuhr ich, dass mein Vater betrunken Auto gefahren war und wegen Körperverletzung festgenommen wurde.

Zwei Tage später mussten wir zum Amtsgericht, um dem Staatsanwalt zu bestätigen, dass es zu keinen sexuellen Übergriffen gekommen sei. Als ich den Mann wiedersah, war er kaum wiederzuerkennen. Er war grün und blau geschlagen und trug überall im Gesicht Pflaster. Der Kommissar kannte meinen Vater, und beide waren am selben Tag festgenommen worden. Nachdem Kommissar Simsek den Mann eingesperrt hatte, holte er meinen Vater aus der Zelle und erklärte ihm, dass dieser Mann wegen versuchten Missbrauchs im Gefängnis sei. Er erzählte ihm die ganze Geschichte. Dann sperrte er beide zusammen in eine Zelle.

Als ich später von Oma hörte, dass mein Vater ihn so zugerichtet hatte, war ich richtig stolz auf ihn. Kommissar Simsek hatte es Oma erzählt, und ich glaube, dass auch Oma es gut fand. Sie sagte: „Sonunda babaniz bir boka yaradi. Endlich ist dein Vater auch mal für einen Scheiß zu gebrauchen.“

Dass mein Vater jetzt in der Türkei lebte, passte Oma gar nicht. Er würde uns negativ beeinflussen, und die Noten in der Schule wären seitdem auch nicht mehr so gut. Das alles bereitete meiner Oma Sorgen. Sie war überzeugt davon, dass Vater uns nicht guttat. Seine Drogen, der Alkohol und seine brutale Art wären kein guter Umgang für Kinder. Sie konnte diese Verantwortung für uns nicht mehr tragen und entschied schweren Herzens, dass wir wieder zurück zur Mutter müssten.

Es war 1988, als mein Leben erneut neu geordnet wurde. Ich zog wieder in die Ferne und wurde wiederholt aus meinem Umfeld herausgerissen. Es ging zurück nach Deutschland, in das Land, in dem mein Bruder Barbaros und meine Mutter lebten. Ich kann mich gut erinnern, dass ich mich richtig freute und glücklich war. Ich malte mir schon aus, wie alles sein würde und stellte mir die Frage, woher die Schokolade kam und ob sie wirklich an Bäumen wuchs? Oma meldete uns von der Schule ab, viele Verwandte kamen, um sich von uns zu verabschieden. Alle meine Freunde aus der Schule, die Nachbarskinder, alle Menschen, die ich gernhatte, hatten sich versammelt, um sich von uns zu verabschieden.

Ich sammelte Wunschzettel von meinen Freunden, worauf geschrieben stand, was sie sich alles aus Deutschland wünschten. Ich war richtig glücklich, dies hielt aber nicht lange an.

Am letzten Tag vor der Abreise stellte sich heraus, dass Oma kein Visum erhalten hatte. Ich bekam wieder Angst, ich wollte ohne Oma nicht fliegen. Sie versprach mir, dass sie nachkommen würde. Wenn ich mein Gefühl damals beschreiben müsste, würde ich sagen, es war eine fröhliche Unsicherheit meinerseits.

Zusammen fuhren wir vier Stunden lang mit dem Bus nach Istanbul. Als wir in den Flieger stiegen, waren wir zwei zehn- und zwölfjährige Kinder, die voller Freude, Nervosität, Sehnsucht und Hoffnung nach Deutschland flogen. Beim Start des Flugzeugs schloss ich meine Augen, holte tief Luft und betete, dass alles gut ginge. Das Beten hatte ich von Oma gelernt, das machte sie immer, wenn sie mit dem Bus durch die Türkei reiste.

Oguz sagte mir vor dem Flug, dass Oma auch schon 1981, auf dem Weg in die Türkei, gebetet hatte. Das sollten wir auch tun, dann würde nichts schiefgehen. Ich betete immer mit Oma, bevor wir schlafen gingen, beim Essen und ja, auch vor dem Flug. Der dauerte drei Stunden. Wir schauten immer wieder aus dem Fenster, flogen über den Wolken, und ich hielt dabei die ganze Zeit die Hand meines Bruders. Er sagte mir: „Bundan böyle Hersey Güzel olacak. Ab jetzt wird alles gut.“ Und auch, dass alles anders würde und wir ein schönes Leben haben würden.

Auf die Frage, ob wir auch Superman treffen würden, bekam ich nur ein Lächeln.

Kapitel 2

Wir landeten am Düsseldorfer Flughafen. Oguz hielt mich an der Hand fest, in der anderen Hand trug ich meinen Teddybären und einen kleinen Rucksack, der mir immer wieder runter rutschte. Wir wurden von einer schönen Stewardess der türkischen Airline Richtung Ankunft begleitet, wo bereits Mutter und Barbaros auf uns warteten. Ich war zwar jünger als Oguz, aber ich war aufmerksamer.

Damit wir uns nicht verloren, gingen wir in Richtung Ankunft. Ich schaute mich dennoch überall um, wo unsere Mutter wohl sein mochte. Sie wollte uns doch abholen? Und Oguz hatte recht gehabt: „Bundan böyle Hersey Güzel olacak. Ab jetzt wird alles gut.“ Schon entdeckte ich Mutter und Barbaros von weitem. Oguz war zwar intelligenter, aber er war sehr langsam und gemütlich. Oma hatte ihm deshalb den Spitznamen „schlafender Fuchs“ gegeben. Wer hätte damals gedacht, dass mein Bruder sich so getäuscht hatte? Nichts sollte gut werden. Meine Kindheit sollte mir noch an diesem verdammten Tag gestohlen werden, ohne, dass ich es ahnen konnte. Aber dazu später mehr.

Als ich mich vor Freude, nachdem ich meine Mutter gesehen hatte, von Oguz losriss und in die Arme meiner Mutter lief, sollte dies der Anfang vom Ende meiner Kindheit sein. Die Sehnsucht nach Mutter und einem Leben mit ihr war riesig gewesen. Doch so groß sie auch war, so erbarmungslos sollte sich auch das Schicksal erweisen. Als die Familie wieder zusammengeführt war, umarmten wir uns und fingen alle zeitgleich an zu weinen. Anschließend machten wir uns von Düsseldorf aus auf den Weg nach Neuss-Norf in unsere neue Wohnung.

Die Freude sah man uns an, trotz der langen Busfahrt und des dreistündigen Flugs. Inklusive der Rückfahrt nach Neuss waren wir schon seit 18 Stunden auf den Beinen. Ich war richtig müde, aber die Neugier und Freude strahlte ich trotz der langen Reise nach außen deutlich aus. Ich schloss im Auto die Augen und träumte davon, wie unsere neue Wohnung aussehen mochte. Ich malte mir schon aus, wie mein neues Zimmer wäre, ob es Doppelbetten gäbe. Wenn ja, würde ich lieber oben schlafen, damit ich den Wolken beim Träumen näher wäre.

Als wir in unserer Straße ankamen, sah ich die ganzen Hochhäuser, die nebeneinander gebaut worden waren. Die Frauen aus der Nachbarschaft saßen vor der Tür, und alle Blicke waren auf uns gerichtet. Die Blicke verrieten alles, sie hießen uns nicht gerade Willkommen. Die Kinder hörten auf zu spielen und beobachteten uns neugierig, während wir in die Wohnung gingen. Ich war sehr neugierig auf unser neues altes Zuhause. Ich konnte mich abgesehen von ein paar schlechten Erinnerungen kaum noch an die Wohnung erinnern, wie sie gewesen war, bevor wir in die Türkei gereist sind. Deutsch konnte ich auch nicht mehr, bei Oma wurde nur Türkisch gesprochen. Oguz war zwei Jahre älter als ich, er konnte die deutsche Sprache, weil er in der Türkei an seiner Streberschule auch einen Deutschkurs besucht hatte.

Als wir mit unserem Gepäck vor der Tür standen, war ich sehr überrascht, als die Tür aufging. So hatte ich es nicht in Erinnerung. Die Türrahmen der Zimmer waren rausgerissen, die Fensterscheiben zerbrochen, auf dem Boden fehlten Fliesen, und die Schränke hatten keine Türen mehr. Die Wohnung war sehr durcheinander. Ich war schockiert. Omas Haus war zwar altmodisch gewesen, aber dafür war es groß, gemütlich und schön eingerichtet. Während Mutter uns Essen kochte, sah ich mich in unserer Wohnung um.

Trotz der Enttäuschung und der Umstände bewahrte ich die ganze Zeit über mein Lächeln, denn ich war bei meiner Mama und meinen Brüdern. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben, man muss es selbst erlebt haben. Nur Oma fehlte. Ich nahm gleich einen Zettel und Stift und schrieb ihr einen Brief, das hatte ich ihr nämlich versprochen. Ich schrieb, dass wir gut angekommen wären und ich traurig sei, dass sie nicht bei uns sein konnte. Ich hatte eine sehr behütete Mutter-Kind-Beziehung zu ihr gehabt. Das Gefühl, nicht mehr bei ihr zu sein, war so, als ob man nach zehn Jahren seiner Mutter entrissen würde, denn sie war wie eine Mutter zu mir gewesen.

Als das Essen fertig war, betrachtete ich beim Essen mit meinen neugierigen Augen die ganze Wohnung. Ich sah, dass die Türen rausgeschlagen waren, die Lichtschalter teilweise kaputt, die Wände waren vollgeschrieben mit Sprüchen, die ich nicht verstand. Graffiti. Am meisten fiel mir aber auf, dass die Schranktüren rausgerissen, an die Wand gelehnt und voller Messerstiche waren. Barbaros spielte gerne mit Messern Dart. Die Wohnung hatte zwei Zimmer. Als es Abend und wir müde wurden, wollten alle neben Mutter schlafen. Es gab auch nur ein großes Bett, und keiner wollte auf der Couch schlafen. Also blieb die Frage, wer bei Mutter schliefe. Barbaros hatte die Idee, Streichhölzer zu ziehen. Wer den Kürzeren zog, musste am Rand des Bettes schlafen.

Oguz verlor, somit musste er an den Rand. Zum Glück, er machte nämlich zu der Zeit immer noch im Schlaf in die Hose. In der Türkei hatte jeder von uns ein eigenes Zimmer gehabt, dennoch wollten wir im großen Bett bei Oma schlafen. Wir stritten immer, weil wir beide bei Oma schlafen wollten. Oma sagte, Oguz dürfe erst dann bei uns schlafen, wenn er nicht mehr ins Bett mache.

Ich erinnerte mich noch an einen Tag vor drei Jahren, wir fuhren im Sommer zu Verwandten ins Dorf, da war ich sieben Jahre alt. Ich schlief bei Oma im Bett, Oguz lag neben dem Bett auf einer Matratze. In der Nacht musste ich dringend pullern. Ich träumte, dass vor mir die Toilette wäre, zog meinen Pyjama während des Schlafes runter und pinkelte mit einem erleichterten Gesichtsausdruck ins Klo.

Auf einmal hörte ich nur noch ein Geschrei von Oma: „Deniz, ne yapiyorsun Oglum? Deniz, Sohn, was machst du da?“ Als ich meine Augen öffnete, sah ich, wie ich im Stehen auf Omas Gesicht pinkelte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und lachte sich kaputt. Ich hatte schlafgewandelt. Zum Glück war sie nicht böse auf mich. Ich hielt meine Hand an ihre Stirn und bat sie um Verzeihung, während sie es mitten in der Nacht witzig fand und nach unten ging zum Waschbecken, um sich zu waschen. Ab diesem Zeitpunkt durften wir beide bei Oma schlafen, die einzige Bedingung war aber, dass wir beide vorher auf die Toilette gehen mussten, bevor wir uns hinlegten.

In Deutschland hatten wir diese Bedingung vergessen. Ich umarmte Mutter und schlief ein. Am nächsten Morgen wurde ich um fünf Uhr wach und sah, wie Mutter sich für die Arbeit fertigmachte. Ich hatte sie so sehr vermisst. Ich tat so, als ob ich schlafen würde und beobachtete sie dabei, wie sie eilig auf uns zukam. Sie beugte sich über uns, küsste Barbaros auf die Stirn und ging dann fort. Heute lache ich darüber, aber damals war ich sehr traurig. Ich lief schnell noch zum Küchenfenster, um ihr nachzuschauen. Ich sah, wie schnell sie rannte, da war mir klar, dass sie es sehr eilig hatte, sie musste ja den Bus bekommen. Ich legte mich wieder ins Bett und schloss meine Augen, um mir vorzustellen, wie Mutter zurückkam, um auch uns einen Kuss zu geben, zumindest auf die Wange. Schließlich war sie ja auch unsere Mutter.

Als es still war, schlief ich wieder ein. Wenige Stunden später wurde ich durch lautes Geschrei von Oguz geweckt. Er schrie: „Yampa, Abi! Hör auf, Bruder!“ Oguz hatte wohl im Schlaf in die Hose gemacht. Die Matratze war voller Urin. Barbaros hatte etwas davon abbekommen. Er packte Oguz am Hals, drückte seinen Kopf in die Matratze und verlangte von ihm, dass er seinen eigenen Urin auflecken sollte. Ich glaube, in dem Augenblick wollte er ihn wie eine Katze oder einen Hund stubenrein machen.

In diesem Augenblick erinnerte ich mich an Oma, wie sie uns eines Tags gesagt hatte: „Wenn sich einer von euch in Gefahr befindet, müsst ihr euch gegenseitig den Rücken stärken und euch gegenseitig helfen. Ihr seid zu zweit.“

Sie hatte diesen Satz eigentlich auf die Nachbarskinder bezogen, da diese uns immer abziehen und verprügeln wollten. Ich weiß nicht, woher ich diese Kraft bekam, vor allem diesen Mut, als ich mit voller Wucht auf meinen Bruder Barbaros sprang. Dabei stürzten wir beide zusammen gleichzeitig auf dem Boden.

„Abi, lass Oguz in Ruhe. Er kann nichts dafür, er hat das nicht mit Absicht gemacht!“, rief ich.

Aber in diesem Moment war Oguz kein Thema mehr. Es ging nur noch um Bam, bam, bam. Barbaros prügelte auf mich ein wie Muhammad Ali im Boxkampf. Er war vier Jahre älter als ich und hatte eine Mordskraft, ich war ihm klar unterlegen. Ich ging nur noch in Deckung und hoffte, dass er bald aufhörte. Der einseitige Kampf dauerte eine halbe Minute und hörte erst auf, als ich auf dem Boden zusammensank und Atemnot bekam. Ich wollte Luft holen, doch mir wurde schwarz vor Augen und ich verlor die Besinnung. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so eine Erfahrung mit Gewalt machte. Wie hätte ich damals wissen können, dass dies erst der Anfang war?

Zur Strafe durfte ich gleich, nachdem ich wieder zu mir gekommen war, die verschmutzten Bettlaken in der Badewanne mit der Hand waschen. Oguz kam hinterher, um mir zu helfen, doch Barbaros schrie ihn an und sagte: „Oguz, geh aus dem Bad raus, der Deniz macht das allein. Du kannst ja nichts dazu.“

Ich schaute Oguz in die Augen, um ihm zu zeigen, dass es okay war. Ich wusch gern für ihn die Bettwäsche. Er war schließlich mein Bruder. Ich hätte für meinen Bruder Oguz alles gemacht und wusste zugleich, dass er es auch für mich gemacht hätte. Wir waren unzertrennlich.

Weil Mutter nach Feierabend auch noch zu einer zweiten Stelle als Putzkraft ging, kam sie erst abends gegen 19 Uhr nach Hause. Demzufolge waren wir Barbaros völlig ausgeliefert und durften Mutter auch nichts erzählen, wenn sie erschöpft von der Arbeit kam. Anfangs dachte ich, es wäre eine einmalige Sache gewesen und würde sich nicht wiederholen. Doch mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Die Prellungen am Körper konnte sie nicht sehen, weil die verdeckt waren, aber dass sie die im Gesicht nicht sah, war traurig. Vielleicht wollte sie es auch nur nicht wahrhaben. Mutter hatte keine Ahnung, was los war. Das war nicht das, was ich mir von Deutschland erhofft hatte.

Als die Ferien zu Ende waren, musste Barbaros wieder zur Schule. Oguz und ich wurden zunächst in einem Deutschkurs angemeldet, zu dem wir anfangs regelmäßig mit dem Bus nach Neuss City in die Heinrich-Böll-Schule fuhren. Eine Schule, die nach dem großen Schriftsteller der Nachkriegszeit, einem Literaturnobelpreisträger, benannt worden war. Wenn Mutter morgens um fünf Uhr das Haus verließ, waren wir drei Brüder unbeaufsichtigt zuhause. Barbaros war damals erst vierzehn und ein sehr auffälliger Teenager.

Er hatte mehrere schlechte Gewohnheiten, die ich bis dato nicht gekannt hatte. Es fing mit Zigaretten an, zudem trank er regelmäßig Alkohol und nahm zusätzlich noch die sogenannte Anfangsdroge, die ich damals als Hasch kennenlernte. Nachdem meine Mutter zur Arbeit gegangen war, kamen seine Freunde, die ebenfalls die gleichen Interessen verfolgten und auch die Schule schwänzten.

Sie stammten damals überwiegend aus deutschen Verhältnissen und waren den Punks zuzuordnen. Wir sahen sie immer, wenn ich mit Oguz zusammen, in die zu Schule fuhr, und wenn wir zurückkamen, saßen immer noch alle völlig breit bei uns im Wohnzimmer. Sie hatten alle komische Frisuren, zerrissene Klamotten und hörten abartige Musik, die schrecklich abtörnend klang. Da ich weder verstand, um was es bei der Musik ging noch diese gut fand, versuchte ich, mir die Ohren zu stopfen.

Während wir in der Schule waren, amüsierten sie sich in unserer Wohnung mit Alkohol und kiffen. Wenn wir zurückkamen, war es weder möglich, Hausaufgaben zu machen noch etwas zu lernen. An Ruhe war nicht zu denken. Bis Mutter nach Hause kam, war die Bude voller Jugendlicher. Manchmal blieben sie auch über Nacht. Es war sehr laut in der Wohnung, und es gab keinen Platz zum Sitzen, weil sie entweder rumhurten oder konsumierten. Und ich stand mit meinen zehn Jahren unbeholfen mittendrin. Ich muss aber auch gestehen, dass die Freunde von meinem Bruder uns netter aufgenommen hatten als manche andere, wie zum Beispiel Leute auf der Straße, Kinder in der Schule sowie die Nachbarn. Deren herablassende Blicke waren mir schon damals ein Dorn im Auge gewesen.

An meinem elften Geburtstag stand ich morgens früh auf. Es war ein Montag, ich war der Einzige, der wusste, dass ich Geburtstag hatte, und ich wartete bis abends darauf, dass meine Mutter mir gratulierte. Das war aber nicht der Fall. Oma hatte mir wenigstens ein Geschenk gekauft und einen Kuchen gebacken. Doch Mutter wusste nicht einmal, wann ich Geburtstag hatte. Ich war damals mit elf Jahren sehr unglücklich.

Jedes Mal, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen, sah die Wohnung nach einer verlassenen Party aus. Überall lagen leere Flaschen herum, es war dreckig, und die ganze Wohnung stank nach Zigarettenqualm. Sie spielten mit Kleingeld Poker, und wir waren die „Angestellten“, die später alles wieder reinigen mussten. Die Namen der beteiligten Freunde habe ich auch nach dreißig Jahren nicht vergessen. Sebastian war ein Pole und meiner Ansicht nach auch der Coolste von der „Punk Gang“. Thorsten und Tanja waren Geschwister, wobei Thorsten und Caroline und Daniel und Tanja Paare gewesen sein müssen, weil sie in der Wohnung immer Händchen hielten und rumknutschten. Mir fiel aber schon damals auf, dass sie alle was miteinander hatten, wie man das heute in der RTL-Serie „Berlin Tag und Nacht“ sieht. Für mich war das damals nicht normal.

Es waren auch ein paar andere Freunde dabei. Die spielten völlig betrunken Flaschendrehen und knutschten untereinander. Ich dachte mir: „Mann, die Deutschen sind alle Schlampen, die teilen sogar ihre Frauen.“ Aus der Türkei kannte ich das nicht. Ich befand mich mit elf Jahren schon mitten in der Katastrophe, einem Kulturschock.

Es war fast jeden Tag das Gleiche. Sobald Mutter morgens die Wohnung verließ, waren wir Barbaros ausgeliefert. Mutter vertraute uns einem vierzehnjährigen Teenager an, der auch in ihrer Anwesenheit das Sagen hatte. Da unsere Mutter damit einverstanden war, mussten wir ihm gehorchen. Barbaros war ein Dauerschwänzer, und er stiftete uns auch an, dass wir nicht in die Schule gingen, sondern mit ihm zuhause blieben. Anfangs war ich dagegen und schlich mich morgens heimlich aus der Wohnung, damit ich noch rechtzeitig zur Schule fahren konnte.

Nach der Schule durfte ich zur Strafe die Wohnung saubermachen, weil ich heimlich das Haus verlassen hatte. Es war auch streng verboten, vor die Tür zu gehen, um mit anderen Kindern zu spielen. Deswegen stellte ich mich meistens ans Fenster oder auf den Balkon und beobachtete die Nachbarskinder, die alle glücklich und freundlich miteinander spielten.

Manchmal wartete ich ab, bis Barbaros mit seinen Punkerfreunden unterwegs war, um ein paar glückliche Momente zu haben und heimlich vor der Tür zu spielen. Dabei entgingen mir die Blicke der Eltern anderer Kinder nicht. Ich wusste nicht, warum die Blicke so auf mich gerichtet waren, aber dass ich nicht willkommen war, schien offensichtlich. Manche nahmen auch gleich ihre Kinder an die Hand, flüsterten ihnen irgendwas ins Ohr und nahmen sie gleich mit.

Anfangs kannte ich nicht einmal den Grund dafür, denn ich war ein sehr fröhliches Kind und pflegte einen höflichen Umgang mit meinen Mitmenschen. So wie Oma mich damals erzogen hatte, liebte ich alle Menschen und respektierte Ältere. Später erfuhr ich den Grund, warum ich so ausgegrenzt wurde: Ich war der Sohn eines Alkoholikers, der mit Deutschen abhing. Damals war das ein No Go für die Bewohner unserer Straße. Dort wohnten überwiegend Türken, die aus der Provinz Nevşehir in der Türkei stammten. Sie blieben alle unter sich, und wir wurden schon damals als „Almanci“, Deutschländer, abgestempelt. Diese Erfahrungen hatte Barbaros zuvor auch schon gemacht und wollte vielleicht deswegen nicht, dass wir vor die Tür gingen. Es war wohl auch einer der Gründe, warum mein Bruder nur deutsche Freunde hatte. Außer Nusa hatte mein Bruder damals keine türkischen Freunde auf unserer Straße.

Dieses Gefühl, unerwünscht zu sein, kannte ich davor nicht, deswegen wusste ich auch nicht damit umzugehen. Ich wusste nur, dass es sich schmerzhaft anfühlte. Es ging mir damals sehr unter die Haut. Ich verbrachte die Tage nur zuhause, durfte nie raus, und wenn ich mal eine Gelegenheit hatte, heimlich rauszugehen, stand ich ganz allein vor der Tür, weil keiner mit mir spielen wollte. Davon ließ ich mich aber nicht unterkriegen.

Jedes Mal, wenn Barbaros nicht da war, ging ich vor die Tür, auch wenn ich nur am Rande saß. Die anderen Kinder zu beobachten, ließ ich mir nicht entgehen. Bis irgendwann die Kinder auf mich zukamen und mich fragten, ob ich mich ihnen anschließen wollte, um zu spielen. So wurde ich in die Gruppe aufgenommen und konnte mitspielen, solange keine Eltern in Sicht waren.

Schon bald war ich mit meiner Art nicht nur der Spielmacher, sondern auch der Anführer geworden. Oguz blieb meistens zuhause und las Bücher. Ich spielte unheimlich gern mit anderen Kindern und beobachtete immer, ob Barbaros zu sehen war, damit ich rechtzeitig vor ihm nach Hause gehen konnte, um keinen Ärger zu bekommen. Immer, wenn ich ihn sah, lief ich schnell nach Hause, und Oguz machte mir die Tür auf.

Eines Tages bemerkte ich ihn nicht, ich war zu sehr in unser Spiel vertieft. Plötzlich stand er hinter mir und gab mir eins auf den Hinterkopf. Als wir zuhause ankamen, gab es gleich Nachschlag. Da kamen bei mir auch die ersten Anzeichen, dass ich schon zum zweiten Mal unter Luftnot, Angstzuständen und Panikattacken litt, was sich dann überraschend bis zum Hyperventilieren steigerte. Bis irgendwann Oguz dazwischen ging, um mir zu helfen. Doch leider hatten wir gegen Barbaros auch zu zweit keine Chance.

Abends, als Mutter nach Hause kam, konnte ich nicht verbergen, was geschehen war. Ich hatte am ganzen Körper blaue Prellungen, die deutlich zu sehen waren. An diesem Abend erzählte ich Mutter alles, was in ihrer Abwesenheit passierte, und dass Barbaros uns immer schlug. Aber meine Mutter hatte selbst Angst vor ihm und konnte allein nichts gegen ihn unternehmen. Von da an wusste ich, dass Barbaros genau dasselbe machte, was mein Vater ihm vor Jahren vorgemacht hatte. Er hatte das absolute Sagen zuhause. Während Mutter und Barbaros sich heftig anschrien und stritten, nutzte ich die Gelegenheit, um unbemerkt die Wohnung zu verlassen. Ich war elf Jahre alt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben allein von zuhause weglief.

Es war Winter, später Nachmittag, kurz vor der Dunkelheit. Ich konnte die krankhafte Psychose meines älteren Bruders nicht mehr ertragen, und ich lief wie Forrest Gump, ohne einmal anzuhalten, ohne nach hinten zu schauen, mit brennenden Augen. Bis ich an einem Spielplatz ankam, den ich allerdings bis dahin nicht gekannt hatte. Heute weiß ich, dass es der Indianerspielplatz war. Es war ein Spiel- und Spazierpark, der nahe der Norfer Autobahn lag und über zwei Kilometer lang und schmal war. Zudem waren auf der anderen Seite gleich am Rande mehrere Einfamilienhäuser mit spitzen Dächern und Ziegelsteinen, welche Omas Haus sehr ähnelten.

Es wurde langsam dunkel. Ich war allein ohne eine Jacke, nur mit einem dünnen Pullover und ohne Sprachkenntnisse unterwegs, und mir war arschkalt. Auch wenn ich langsam fror, konnte ich niemanden ansprechen und um Hilfe bitten, da ich nicht einmal der deutschen Sprache mächtig war. Ich war auch sehr misstrauisch anderen Menschen gegenüber. Es war eine Dezembernacht. Wie könnte ich diese Nacht vergessen? Die Häuser sahen so einladend gemütlich aus, alle bunt geschmückt, mit Lichterketten an den Fenstern und in den Gärten. Als ich den Park entlang ging, entdeckte ich eine offene Gartentür.

Meine Neugier trieb mich auf Zehenspitzen in der dunklen Dämmerung durch das Tor in den Garten. Ich sah als Erstes eine Schaukel, dazu eine kleine Rutsche. Ich war so neugierig, weil ich so etwas noch nie zuvor in einem Hausgarten gesehen hatte. Am liebsten wäre ich gleich darauf geklettert, um zu schaukeln, aber ich konnte nicht. Mir war kalt, und ich wollte nicht auffallen. Es war noch Licht im Wohnzimmer, also ging ich zu den Fenstern, um einen Blick hineinzuwerfen.

Da sah ich den ersten Tannenbaum meines Lebens. Wie schön er war! Er war mit Lichterketten geschmückt, und es lagen mehrere Geschenkpakete unter dem Baum. Die Familie saß gemeinsam beim Essen und bemerkte mich gar nicht, wie ich sie minutenlang durch das Fenster beobachtete. Am liebsten hätte ich an die Fensterscheibe geklopft und gefragt, ob ich mitessen könnte, da ich langsam tierischen Hunger bekam. Ich konnte aber kein Wort Deutsch. In der Türkei hätte ich keine Probleme damit gehabt, jemand Fremden nach Essen zu fragen, da ich wusste, dass in der Türkei Gastfreundschaft großgeschrieben wurde. Aber hier in Deutschland war ich damals nicht sicher.

Also drehte ich mich um und wollte gerade den Garten wieder verlassen, als ich eine kleine Holzhütte bemerkte, deren Tür leicht geöffnet war. Es war schon dunkel, mir war kalt und demnach hatte ich Angst, in der Dunkelheit durch den Park zu gehen, da ich mich eh verlaufen würde. Also entschloss ich mich kurzfristig, in dem Gartenhäuschen zu übernachten. Nachdem ich reingegangen war, sah ich eine alte Decke. Ich nahm sie und legte mich auf eine kleine Bank. Dort schlief ich auch gleich erschöpft ein. Ich war elf Jahre alt und hatte, ohne es zu wissen, meinen ersten Einbruch begangen.