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Zu kaum einer anderen Zeit war die Welt so vielen Weiterentwicklungen und Umschwüngen unterworfen wie im 19. Jahrhundert. Die Künste, die Technik, die Wissenschaften und nicht zuletzt die gesellschaftlichen und politischen Strukturen waren einem anhaltenden Wandel ausgesetzt. Während die Freiheitsbewegungen dem Biedermeier gegenüberstanden und der Historismus gegen erstarkende Tendenzen hin zur Moderne ankämpfte, bildeten sich in der Kunst, in den Mythen und in der Realität des 19. Jahrhunderts nachhaltig wirkende Charaktere aus, die die Epochen und das Denken jener Zeit nachhaltig beeinflussten. Dieser Band macht in einer ausführlichen Textsammlung zu Mythen, Helden und Figuren des 19. Jahrhunderts dessen Lebenswelt und Schlüsselbegriffe erfahrbar.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Dr. Michael Neumann
ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Dr. Betsy van Schlun
ist Lehrende (British and American Studies) der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.
»Die Revolution ist vorbei, ich bin die Revolution.«
NAPOLEON BONAPARTE
Das 19. Jahrhundert ist geprägt von Umschwüngen und anhaltendem Wandel. Neue Denkweisen und Theorien in den Wissenschaften und Künsten sowie der in Gesellschaft baten Mutigen Platz, sich zu beweisen und historischen Nachhall zu genießen. So entwickelten sich zum einen reale Größen, zum anderen aber bildeten sich um diese und in den Künsten neue Mythen. Dieser Sammelband verbindet die Mythologie rund um real existierende Personen des 19. Jahrhunderts mit derjenigen der literarischen Figuren, die bis heute Eingang in Lebens- und Lesenswelten finden und diese nachhaltig beeinflussen.
Mit Texten zu u. a. Ludwig van Beethoven, Wilhelm Busch, Sherlock Holmes, Napoleon und Leo Tolstoj.
Menschen, dieGeschichte schrieben
Betsy van Schlun
Michael Neumann (Hrsg.)
Das 19. Jahrhundert
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttps://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Alle Rechte vorbehalten
© by marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2014 Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2014Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideenund Passionen mbH, Hamburg BerlinBildnachweis: Napoleon Bonaparte überquert die Alpen über den Sankt-Bernard-Paß,Gemälde, 1800, von Jacques Louis David, akg-images / Laurent Lecat GmbH, Berlin eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0455-4
www.verlagshaus-roemerweg.de/marixverlag
Einleitung
von Betsy van Schlun
Der Napoleon-Mythos in der Literatur des 19. Jahrhunderts
Erinnerte Größe in kleinen Zeiten
von Barbara Beßlich
Der ‚Mythos Beethoven‘ und die Kompositionen der Imagination
„So pocht das Schicksal an die Pforte“
von Angelika Corbineau-Hoffmann
Frankenstein und die literarische Figur des verrückten Wissenschaftlers
von Joachim Schummer
Erfindung und Selbstfindung eines Helden
Giuseppe Garibaldi als Mythos der Freiheit
von Friederike Hausmann
Arminius
Karriere eines Freiheitshelden
von Volker Losemann
„Der Wilde“ als Mythos in der deutschen kulturellen Wahrnehmung
von Karsten Fitz
Die Femme fatale
von Sabine Haupt
Sherlock Holmes
oder: Die Ängste der Großstadt
von Michael Neumann
Thomas Alva Edison
von Elmar Schenkel
Leo Tolstoj
Mythen im Fadenkreuz der Vernunft
von Horst-Jürgen Gerigk
Max und Moritz
von Joachim Kalka
Autorinnen und Autoren
Abbildungsverzeichnis
Editorische Vorbemerkung
Die mittlerweile rund 90 Bände umfassende Buchreihe marixwissen, in der nun Menschen, die Geschichte schrieben – Das 19. Jahrhundert vorliegt, steht seit vielen Jahren für Publikationen, die aus kompetenter Hand komplexe Zusammenhänge einer breiten Leserschaft zugänglich macht. Aus diesem besonderen Grund legen wir nun eine siebenbändige Reihe wieder auf, die vormals im Pustet Verlag erschienen ist und seinerzeit leider nur einem kleinen Publikum zugänglich war. Die diesen Bänden zugrundeliegende Ringvorlesung Die Mythen Europas fasziniert durch ihre thematische Breite und löst darüber hinaus das Ziel unserer marixwissen-Reihe ein, humanistische Bildung und das Wissen Europas lebendig zu halten. Die zentralen Begriffe „Mythen“, „Europa“ und „Schlüsselfiguren“ sind heute von einer ebenso großen, wenn nicht noch größeren Bedeutung getragen. Wir legen Ihnen die Bände in ihrer Textgestalt unverändert vor, lediglich die Titel wurden der Reihe marixwissen angepasst.
… und Du wirst finden,wie viele irrende Schritte in den dunklen Zeiten gestrauchelt sind über die Schwelle der gewaltigen Wissenschaft, und wie sie wähnten, eingedrungen zu sein in den Tempel.
Lord Edward Bulwer-Lytton(englischer Schriftsteller und Politiker,aus seinem Roman Zanoni)
von Betsy van Schlun
Der sechste Band der Mythen Europas gilt dem 19. Jahrhundert. Diese Epoche, die in etwa den Zeitraum von 1789 bis 1918 umfasst – also ihren Anfang in den Umbrüchen der Französischen Revolution nimmt und ihren Auslauf in den Wirren des Ersten Weltkrieges findet –, ist ein Spannungsfeld von Gegensätzen: Revolution gegen Konterrevolution, Eroberungs- gegen Befreiungskriege, Verstand gegen Phantasie, Wissenschaft gegen Kunst, Technologie gegen Natur, die Masse gegen das Individuum. Die Freiheitsbestrebungen und Demokratisierungsprozesse, die ihren Ausgang in der Französischen Revolution hatten, waren gleichzeitig auch immer wieder verbunden mit Regressionen, Tyrannei und Diktatur. Weiterhin rückte die Wissenschaft ins Zentrum, eine Wissenschaft, die sich seit dem 18. Jahrhundert zunehmend in separate Fachwissenschaften spezialisierte. Wachsende Industrialisierung, urbane Ballungsräume und die Massengesellschaft mit ihrer Anonymität schienen den natürlichen Bedürfnissen des Menschen entgegenzulaufen. Schon Jean-Jacques Rousseau hatte in der zunehmenden Zivilisierung eine Gefahr für die menschliche Moral gesehen: Nur in seinem naturverhafteten Urzustand bleibe der Mensch menschlich. Diese Idee lenkte den Blick dann auch auf Völker, die man noch in diesem ursprünglichen Einklang mit der Natur vermutete, auf die exotischen ‚Wilden‘ der Neuen Welt.
Andrerseits eröffneten neue technische Erfindungen wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Gaslaterne, Telegraph und Telephon ganz neue Möglichkeiten. Sie überwanden Distanzen und ließen die Welt enger zusammenwachsen – dem wirkte wachsender Nationalismus allerdings gleichzeitig wieder entgegen. Die Maschinen und Apparate machten das Leben komfortabler. Sie beschleunigten aber auch die menschlichen Erfahrungs- und Wahrnehmungsprozesse und führten zu einem neuen Raum- und Zeitverständnis. Jahrhundertealte Traditionen wurden so umgehend hinweggeräumt.
Schreibmaschine und Telephon eröffneten den Arbeitsmarkt für den weiblichen Teil der Bevölkerung und mit den ersten Emanzipationsansätzen veränderte sich auch das Bild der Frau. Die emanzipierte Frau, vor allem die sexuell emanzipierte, wirkte bedrohlich. Im Gegenzug zu diesem neuen Frauenbild verkörperte das Bild der tugendhaften Hausfrau und Mutter die traditionellen Werte. Eine Dominanz männlicher Schlüsselfiguren ist im vorliegenden Band nur allzu offensichtlich. Dass weibliche Figuren wie Salomé, Judith, Lilith, Medusa, Pandora, Venus oder die Vampirin, die einen prägenden Einfluss auf die Epoche ausübten, hier nicht in ihrer individuellen Eigenständigkeit gewürdigt werden, liegt daran, dass sie unter dem Motiv der femme fatale zusammengefasst wurden – eine programm-strategische Überlegung, die es ermöglichte, einige Figuren mehr aufzunehmen als der begrenzte Rahmen der Reihe es üblicherweise zulässt. Ob diese Erklärung das Ungleichgewicht rechtfertigt, mag dahingestellt bleiben.
Das 19. Jahrhundert läutete die so genannte „Moderne“ ein, eine Zeit, welche die Lebensumstände der Menschen entscheidend veränderte und teilweise zu einer tiefen Zerrissenheit und Entfremdung führte. Viele der hier behandelten Schlüsselfiguren vereinen in sich Gegensätze und wirken so in sich gespalten. Hier deutet sich ein ‚Zerbrechen‘ in der modernen Zeit an, das sich bis ins 20. Jahrhundert hin noch steigern sollte.
Barbara Beßlich zeigt, wie NAPOLEON zu einer europäischen Größe hochstilisiert wurde. Sie spannt den Bogen der deutschen Mythisierung von der Zeit der Befreiungskriege und dem Vormärz bis hin zum Dritten Reich und enthüllt dabei ein Napoleonbild, das zwischen revolutionärem Heros und Dämon, Heiland und Höllensohn, schöpferischem Genie und „Weltzertreter“, Symbolfigur des Liberalismus und machtgierigem selbstgekröntem Kaiser wechselt. Für ihre Untersuchung stützt sie sich in erster Linie auf die Literatur, von Hölderlins Unsagbarkeitstopos über die napoleonfeindlichen Schriften von Arndt, Fichte, Kleist und Hoffmann bis hin zu Heines verklärender Ballade von den beiden Grenadieren und schließlich Nietzsches Invertieren des vormärzschen Napoleons zum Anti-Bürger. Dabei zeigt sie, wie das Medium Literatur „Teil der kulturellen Sinnproduktion“ einer Gesellschaft und ihres nationalen Selbstverständnisses ist.
Den Künstler-Mythos BEETHOVEN verfolgt Angelika Corbineau-Hoffmann von der Französischen Revolution bis in die Wirren des Ersten Weltkrieges. Sie entwickelt ihn aus Beethovens Musik heraus, genauer aus der Fünften Symphonie, der so genannten Schicksalssymphonie: In dieses Werk habe Beethoven sein persönliches Schicksal hineinkomponiert – die Schicksalsschläge wie deren Überwindung, den leidenden Menschen wie den trotzenden Künstler. Die Komposition als solche definiert die Autorin als Imagination, und die Imagination als „die Fähigkeit zur andersartigen Anordnung des Vorgefundenen“, als die Fähigkeit, Einzelteile zu einem Ganzen neu zusammenzufügen. Somit wird dann auch der Mythos Beethoven in letzter Konsequenz zu einer ‚Komposition‘ der Fakten seines Lebens und seines Schaffens, die zu einem neuen Bild zusammengefügt und bis ins Göttliche überhöht werden.
An der Figur FRANKENSTEIN zeichnet Joachim Schummer die Evolution des Topos vom „verrückten Wissenschaftler“ (mad scientist) nach, vom Alchemisten bis zu Mary Shelleys Romanhelden. Er ergründet den literarischen Topos exemplarisch quer durch die europäische Literatur hindurch: durch die Werke Chaucers, Godwins, Goethes, Turgenews, Balzacs und Dumas’, bis hin zu den amerikanischen Romantikern Poe und Hawthorne. Er deckt aber auch auf, dass Frankenstein die Wissenschaftsgeschichte verkörpert: die Entwicklung der Epochen der Wissenschaft, von den Alchemisten über Descartes bis hin zum modernen, empirischen Chemiker.
Als ein Mythos der Freiheit bewegt sich GARIBALDI vorzugsweise zwischen Italien und Südamerika. Als „Apostel der Freiheit“ hatte er gegen die Fürsten eines politisch zersplitterten Italiens revoltiert und für ein geeintes republikanisches Italien gekämpft; anschließend kam er als Flüchtling nach Brasilien. Hier wurde er zur Symbolfigur der Freiheit und Unabhängigkeit der Völker. Doch der Befreier gerät zeitweise auch zum Unterdrücker derer, die er eigentlich befreien will, und er endet schließlich verbittert und in Abgeschiedenheit. Mythisiert wird Garibaldi schon zu Lebzeiten, sogar seine Niederlagen werden zu Siegen umgedeutet und seine spektakuläre Flucht vor den französischen, österreichischen und bourbonischen Truppen bietet Stoff für einen Heldenroman. Noch zu Lebzeiten wird seine Autobiographie, von seinem Freund Alexandre Dumas romantisch bearbeitet, zu einem Bestseller in Europa. Nach seinem Tod wird der romantische Visionär dann vom italienischen Staat vereinnahmt, zunächst vom Königreich Italien, dann von den Faschisten, Antifaschisten, der Republik und, wie Friederike Hausmann ausführt, bis hin in die Zeit des Irak-Krieges und Libanoneinsatzes.
ARMINIUS mit seinem spektakulären Sieg über die Römer im Teutoburger Wald avanciert schon bei Tacitus zu einer Schlüsselfigur der nationalen Befreiung. Volker Losemann beschreibt die Karriere dieses Freiheitshelden im deutschen kulturellen Gedächtnis. Bei den Frühhumanisten und im Umfeld der Reformation verbinden sich mit der Figur Arminius antirömische Effekte und die Idee einer Befreiung von Rom, also von Papst und katholischer Kirche. Bei Klopstock wiederum wird der Freiheitsheld zum „aufgeklärten Diener seines Volkes“ und im Kontext der napoleonischen Befreiungskriege wird die römisch-germanische Auseinandersetzung mit dem Kampf gegen Napoleon synchron gesetzt. Auch die nationale Kunst des 19. Jahrhunderts greift auf Arminius zurück, wie beispielsweise in dem Großprojekt des Hermanns-Denkmals, und nutzt die Figur als Impuls für die Reichsgründung. Schließlich mündet die Karriere des Freiheitshelden Arminius in seiner Vereinnahmung durch die Völkischen.
Dem Mythos des EDLEN WILDEN geht Karsten Fitz am Beispiel der Indianer nach. In der deutschen Wahrnehmung manifestiert er sich besonders in der Figur Winnetous. Auf frühen Entwürfen Rousseaus fußend und beeinflusst von den Indianer-Bildern Karl Bodmers, welche die Vorstellung einer aussterbenden Reiterkultur propagierten, entwirft Karl May das romantisierte Bild seines Indianerhäuptlings, der als eine Schlüsselfigur der Tugend die deutsche Imagination prägen sollte. Winnetou wie auch andere deutsche Indianerdarstellungen entlarvt Fitz als europäische Projektionsfläche und als zutiefst deutsch. Der berühmte Apache ist gar kein Indianer, er ist vielmehr eine Idee, eine Geburt der nationalen Phantasie, ein „deutscher Traum“. Das Phänomen des „edlen Wilden“ konsolidiert sich durch die Dichter, Schriftsteller und ‚ethnographischen‘ Maler in Text und Bild, es wird nationalisiert und durch die Massenpresse sowie die Völkerschauen popularisiert. Doch die Stilisierung fixiert den Indianer letztlich im statischen Bild einer Vergangenheit und negiert ihn so als real existierende Kultur der modernen Welt.
Das Motiv der FEMME FATALE entwickelt sich von seinen frühen Vorstufen der antiken sowie der jüdisch-christlichen Tradition bis hin zum heutigen Hollywood-Klischee. Sabine Haupt richtet den Blick auch auf Widersprüche in diesem scheinbar so bekannten und eindeutigen Motiv. Zunächst arbeitet sie die strukturellen Grundlinien des Mythos heraus, die erotische Funktion der femme fatale, die sexuelle Begierde, das Triebhafte und die damit verbundene Dichotomie von Moral gegen Sexualität, die entschieden durch die christliche Tradition geprägt wird. Die femme fatale ist aber nicht nur gefährliche Verführerin, sondern auch selbst Opfer – das Opfer einer männlichen Doppelmoral, wie etwa in Wedekinds Lulu, wo sich hinter der Larve der femme fatale letztendlich eine missbrauchte junge Frau verbirgt. Im wilhelminischen Kontext dient sie dem Rückschlag gegen neue Rechte der Frau: Der Stereotyp präsentiert ein abschreckendes Gegenbild zur gesitteten Bürgerin. Im Fin de Siècle wirken Psychiatrisierung des Anderen und Ästhetisierung des Dämonischen auf die femme fatale. Das Motiv der belebten Statue gerät ebenso in ihren Bannkreis wie das des weiblichen Vampirs – beide werden in ihr zusammengeführt.
Das urbane Leben in den Metropolen Europas forderte von seinen Bewohnern völlig neue Verhaltens- und Orientierungsweisen, da alte Zuordnungsmethoden, wie Kleiderordnungen oder Umgangskonventionen, weggefegt wurden. Dies verlangte nach einem modernen Fährtenleser wie SHERLOCK HOLMES, der mit seinem außergewöhnlich geschärften Blick fürs Detail jede Spur im Londoner Großstadtdickicht aufzuspüren vermag. Michael Neumann versteht den Meisterdetektiv weiterhin als einen Nachfahren der Aufklärer, einen Förderer der Erkenntnis, und als „Lichtträger“, der Erleuchtung in die Undurchschaubarkeit und das Dunkel der Londoner Unterwelt bringt. Der Detektiv wird zum neuen, urbanen Helden, der den Ängsten, welche die Großstadt generiert, mutig entgegentritt, und zum Garanten einer Bewältigung dieser Ängste. Er ist sowohl (Natur-)Wissenschaftler als auch Künstler und zieht so Legitimität aus zwei im 19. Jahrhundert antipodischen Bereichen. Es ist diese ungewöhnliche Kombination aus Künstler und Wissenschaftler, die Holmes so faszinierend macht. Darüber hinaus rücken wissenschaftliche Methode und empirische Forschung Holmes in die Nähe der großen Ingenieure und Erfinder seiner Zeit, der Faraday, Maxwell oder Edison.
Als ein Mythos der Technik und des Fortschritts hat der Amerikaner Thomas Alva EDISON nicht nur die US-amerikanische, sondern auch die europäische Vorstellungskraft geprägt. An der historischen Figur, die der Metropole New York aus der Nacht verhalf, indem sie die Stadt mit einem Netz elektrischer Straßenbeleuchtung ausstattete, lässt sich abermals das Bild des modernen Lichthelden der Großstadt vorführen, das Neumann am fiktiven Sherlock Holmes entwickelt. Elmar Schenkel bindet Edison an eine sich über Jahrhunderte erstreckende lange Kette europäischer Schlüsselfiguren des Lichts: von Gott über Luzifer und Prometheus bis zu Newton. Edison ist „eine Art Freiheitsstatue der Technik“, der Prometheus der Glühbirne. Nachdem das Phänomen Licht die Phasen Mythologie, Philosophie und Physik durchlaufen hat, verwirklicht das Erfindergenie letztendlich seine kollektive Anwendung. Edison ist der Held des elektrischen Zeitalters, der das alte mythische Anliegen, den Tod zu überwinden, technisch verwirklicht, indem er mit Hilfe seines Grammophons die Stimme eines Menschen über dessen Tod hinaus bewahren kann. Bereits zu Lebzeiten wurde Edison durch hagiographie-ähnliche Biographien und Science Fiction-Erzählungen zum Mythos. Er selbst hat daran mitgearbeitet, indem er sich beispielsweise vor seinem Phonographen in der Pose Napoleons nach einer Schlacht photographisch verewigen ließ.
Die Figur Napoleon spielt auch bei TOLSTOJ wieder eine entscheidende Rolle: Krieg und Frieden präsentiert eine Destruktion des Mythos Napoleon. Mit den Instrumenten der Vernunft entlarvt Tolstoj das aus dem Geist der Institution geborene, romantisch idealisierte Genie des Krieges als einen „Feind des Menschengeschlechts“: Eine solche Idealisierung verführe zu ästhetischer Selbstvergessenheit und verfälschter Wahrnehmung der Wirklichkeit und verliere sich stattdessen in einer konstruierten Phantasiewelt. Tolstoj, so Horst-Jürgen Gerigk, prangert die Institutionen an, die zur Mythisierung und somit zur Verfälschung der Wirklichkeit animieren. Er verneine den „ästhetischen Zustand“ im Sinne Nietzsches und zeige anhand von Napoleon die Gefahr auf, die dem Charisma des „ästhetischen Zustands“ innewohnt. Durch Tolstojs Feder wird Napoleon zu einem „Künstler“ der Macht, der das Wirkliche zum Spektakel formt. Dieser Ästhetisierung der Realität, die Tolstoj für menschenfeindlich erachtet, setzt er die reale menschliche Körperlichkeit und Natürlichkeit entgegen und benennt so seine eigene anthropologische Grundidee einer das Leben befürwortenden Moral und einer Ethik der Vernunft.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass Gerigk sich sowohl thematisch als auch mit seiner Terminologie in der Zeit der Décadence bewegt. Die mit dieser Zeit verbundenen Ideen und Begriffe einer im Deutschen oft ‚entartet‘ genannten Ästhetisierung sind durch den Nationalsozialismus für den heutigen Leser ideologisch stark belastet. Der Autor verweist selbst auf diese Problematik, wenn er anmerkt, dass er den Begriff der „arterhaltenden Ethik“ Tolstojs in einem ideologiefreien Sinne verwendet.
Tolstojs literarisches Werk steht als Warnung vor aller Mythisierung. In diesem Sinne führt Gerigk kritisch zusammen, was im Vorfeld der anderen Schlüsselfiguren der Imagination oftmals schon anklang: Dass die Mythologisierung einer Figur immer ein Neu-Anordnen oder Kom-Ponieren und damit unabdingbar verbunden eine Verfremdung des Vorgefundenen ist, oft genug eine Abkehr von der Wirklichkeit und Hinwendung zur Phantasie, zur romantisierten und ästhetisierten Fiktion, zum Künstlichen aber auch zum Kunstwerk. Der durch die Imagination generierte ‚Mythos‘ kann den Menschen aus dem realen Morast seiner Wirklichkeit in einen höheren Zustand der Begeisterung entführen. Er ermöglicht es ihm, Abstrakta, Ideale und auch Emotionen – sogar die eines Kollektivs – in ein Bild zu fassen.1 Der Mythos kann ihn einerseits zu Höherem beflügeln, er birgt andrerseits aber immer auch die Gefahr des Verlusts von Wirklichkeit und Menschsein, da die Figur des Mythos losgelöst ist von Körperlichkeit und menschlichen Bedürfnissen, die unser Menschsein letztendlich ausmachen. Zugleich ist der ‚Mythos‘ als künstlerischer Akt wiederum eng mit einem zentralen Aspekt des Menschseins verknüpft: den Emotionen. Diese Emotionen können – individuell wie kollektiv – dank einer Schlüsselfigur der Imagination visualisiert und kommuniziert werden. Der Mythos birgt die Gefahr der Verblendung sowie das Potential des Erkennens.
Die Reihe der Mythen des 19. Jahrhunderts scheint schließlich mit einer humoristischen Note auszuklingen. Joachim Kalka widmet sich der Topik des „Streichespielens“ und entwirft eine umfassende Genese der Lausbuben und Schelme: vom mittelalterlichen Till Eulenspiegel, der geradezu grausam seinen Schabernack mit anderen treibt, über den neuzeitlichen Don Juan und die typischen rascals des 19. Jahrhunderts, wie Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn, bis hin zu klassischen und zeitgenössischen Comic-Figuren, wie Disneys Tick, Trick und Track sowie dem Junge-Tiger-Gespann Calvin und Hobbes. Diese Kinder-Schelme brechen oft in die Erwachsenenwelt ein wie ein Sturm und werfen sie mit ihren provozierten Unfällen und ihren spielerisch gewalttätigen Untaten aus den eingefahrenen Bahnen. Dem Lausbuben ist ein anarchisches Element eigen und das Aufeinandertreffen von boshaft gewitztem Kind und vernünftigem Erwachsenen beschreibt einen Generationenkonflikt. Kalka geht dem Streich innewohnenden Sadismus, der Schadenfreude, besonders anhand der Geschichte von MAX UND MORITZ nach. An ihr verfolgt er das Schwanken zwischen Komik und Grausamkeit, das ein prägendes Merkmal des Genres ist. Unter dem Deckmantel des Streiches findet er eine oft kalte Grausamkeit und ein monomanes Behagen daran, anderen Menschen zu schaden, – und so trügt letztendlich auch hier der Schein, wird der Mythos des lustigen Bubenstreichs demontiert.
Die hier erfassten Beiträge wurden im Wintersemester 2007/08 an der Katholischen Universität Eichstätt als Vorträge gehalten. Die Konzeption sowie Organisation des Programms lag in den Händen von Christine Gottstein-Strobl, Andreas Hartmann, Michael Neumann, Alexei Rybakov und Betsy van Schlun. Für die souveräne redaktionelle Einrichtung des Bandes sowie seine zuverlässige Mithilfe bei der Durchsicht des Manuskripts sei John Andreas Fuchs herzlich gedankt.
1Vgl. dazu auch Michael Neumann, „Einleitung“, in: Mythen Europas. Schlüsselfiguren der Imagination. Antike, hg. v. Andreas Hartmann und Michael Neumann, Regensburg, 2003, S. 9–11.
von Barbara Beßlich
Heinrich Heine nannte ihn den „weltlichen Heiland“, Goethe pries ihn als „Kompendium der Welt“. Friedrich Hebbel begegnete ihm oft im Traum als sein Kammerdiener, Friedrich Nietzsche sah in ihm die „Synthesis von Unmensch und Übermensch“. Und Victor Hugo stöhnte entnervt auf: „Immer nur er! Er überall!“1
Dass Napoleon für die politische und gesellschaftliche Realität in Deutschland im 19. Jahrhundert von nicht zu überschätzender Bedeutung war, ist beinahe müßig festzustellen. Und dies wird vielleicht besonders sinnfällig in dem Satz, mit dem der Historiker Thomas Nipperdey seine Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts beginnen ließ: „Am Anfang war Napoleon.“2 Dass diese Wirkung Napoleons sich aber nicht in der staatlichen Modernisierung Deutschlands und dem Nationalismus der Befreiungskriege erschöpfte, sondern sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen weit über 1848 hinaus festschrieb, ist in Deutschland nach 1945 nur noch selten betont worden. Napoleon ist aber für das gesamte 19. Jahrhundert in Europa eine der Schlüsselfiguren der Imagination. Ich werde mich auf die Wirkung Napoleons in der deutschen Literatur konzentrieren. Diese literarischen Napoleon-Texte reflektieren dabei niemals nur die napoleonische Vergangenheit, sondern immer auch die deutsche Gegenwart ihrer Entstehungszeit und wirken als Teil der kulturellen Sinnproduktion der Gesellschaft auf diese Gesellschaft zurück. Literatur ist hier nicht nur das Medium der Reflexion, sondern beweist ihre produktive Potenz, diese Gesellschaft deutend zu bestimmen.
Napoleon im Zentrum eines Strahlenkranzes; Gemälde von Laurent Dabos nach Anne-Louis Giradet-Trioson, Paris 1804/06
Wenn unmittelbar nach 1945 Deutsche auf den deutschen Napoleon-Mythos zu sprechen kamen, so beschränkten sie sich zumeist entweder auf die liberale Napoleon-Legende des Vormärz oder sie deuteten vage an, dass hier etwas nicht ganz Geheures thematisiert werde. Golo Mann erinnerte 1955 nur noch allgemein daran, „der Napoleon-Mythos habe nachmals in Deutschland kräftiger geblüht und wirksamere Folgen [gehabt] als in Frankreich selber.“ Friedrich Sieburg verglich 1956 das englische und französische Napoleon-Bild mit dem der Deutschen und wurde etwas deutlicher:
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