Menschen, Macken, Morde - Renate Spiecker - E-Book

Menschen, Macken, Morde E-Book

Renate Spiecker

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Beschreibung

Töchter, Mütter, die Ehe, das Alter – das Leben sorgt für viele Themen, Menschliches und Zwischenmenschliches. 22 Texte zum Mit- und Nachdenken werfen mal einen melancholischen, mal einen kämpferischen und oft einen augenzwinkernden Blick auf das Leben und seine Untiefen. Ob Midlife Crisis, Golfplatz, Nachbarschaft oder Bettenkauf, überall lauern kleinere und größere Herausforderungen. Aber es wird auch unheimlich – wenn Geliebte sich in Fische verwandeln, Rache seltsame Formen annimmt und böse, böse Mädchen sich nichts mehr bieten lassen wollen

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Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Dunkelziffer

Die Mondfrau

Ein Hauch von Schwefel

Der Liebste im Aquarium

Der Zoo

So ist es

Alt sind nur die anderen

Das Chamäleon

Das Märchen vom schwachen Geschlecht

Das Seniorenbett

Rosa Flanell für die Ehefrau

Der grüne Hut

Eine kleine Zeitreise

Lust und Frust am Loch

Sind wir Frauen schizophren?

Von nix kommt nix

Träume sind Schäume

Es lebe die Midlife-Crisis!

Et Marie – unsere Marie

Erinnerungen

Der Verdacht oder Der schöne Tod

Geschenkgutscheine

Dunkelziffer

Sie beobachtete ihn. Da saß er, nach vorn geneigt, mit rundem Rücken. Die Serviette hatte er um den Hals gebunden, die Zipfel standen seitlich ab. Sein rotes aufgedunsenes Gesicht war schweißnass. Er sah aus wie ein Schweinskopf in Aspik. Seine kleinen, in dicke Hautwülste eingebetteten Augen glänzten vor Lust. Vor Fresslust.

Er schlürfte die Gemüsesuppe mit Nudeln und Schmand, gewürzt mit Peperoni und Cayennepfeffer. Er grunzte beifällig.

Sie stand auf, ging in die Küche, kam zurück mit Platten und Schüsseln, mit dem knusprigen Gänsebraten, der fetttriefenden Sauce und dem schmalzgetränkten Rotkohl.

Er sah sie an, seine schöne junge Frau. Schmal wie eine Gazelle, langbeinig, schwarze Haare umrahmten ihr anmutiges Gesicht. Seine Hand glitt begehrlich über ihre Hüfte. Er tätschelte sie. Sie versuchte ihren Ekel zu verbergen, wich zurück. »Du bist wirklich ein Schatz«, sagte er. »Nie hätte ich gedacht, dass du so gut kochen, mich so verwöhnen würdest. Du – das Topmodel von Schneider und Wirtz.«

Sie musterte ihn verächtlich, er merkte es nicht. Sie ballte die Hände zu Fäusten. Sie dachte an die Zeit bei Schneider und Wirtz. Topmodel war sie gewesen, aber was hieß das schon? Stundenlang hatte sie vor Kauflustigen auf und ab marschieren müssen. Hatte die verstohlene Gier der Männer und die neidvolle Herablassung der dazugehörenden Frauen gespürt. Oh ja, auch für sie hätten die Geldsäcke etwas hingeblättert. Aber kurzfristige, bezahlte Vergnügungen wollte sie nicht. Sie wollte mehr. Sie wollte Macht und Ansehen. Und dann war er gekommen. Er war Kaufmann. Er hatte sie umworben, sie verwöhnt, mit Aufmerksamkeiten überschüttet. Ihr Traum von Reichtum und Ansehen schien greifbar nahe. Heute wusste sie es besser. Er hatte sie – nach Krämerart – genau wie seine Ware gekauft.

Nach der Hochzeit hatten Großzügigkeit und Freigebigkeit ein Ende. Der Preis für sie war gezahlt. Sie war sein Besitz. Er dachte nicht daran, in sie noch etwas zu investieren. Ihr Traum vom guten Leben, von Schmuck, Pelz, Reisen zerrann. Sie lächelte böse. Doch er würde sich noch wundern. Der Preis für sie war hoch, für ihn zu hoch. Sie sah ihn den Gänsebraten hinunterschlingen, Fett troff von seinem Kinn. Er verfärbte sich, lief bläulich an, die Adern auf seiner Stirn traten hervor. Er atmete heftig, stoßweise. Lächelnd füllte sie ein Glas mit Cognac. »Trink«, sagte sie.

Er zögerte: »Meinst du?«, fragte er. »Du weißt doch, der Arzt hat mich gewarnt. Mein Cholesterinspiegel, mein Bluthochdruck, mein Zucker …«

Sie tätschelte seine Wange und flüsterte: »Iss, Liebster, iss und trink. Du weißt doch, ich koche nur für dich, damit es dir schmeckt. Was weiß der dumme Arzt schon!«

Er lächelte beglückt und griff zum Glas, zu Messer und Gabel und aß und trank, aß und trank. Plötzlich ächzte er, griff sich ans Herz, stöhnte auf und fiel vornüber. Sauce spritzte über das Tischtuch.

Sie trat näher an ihn heran, hob seinen Kopf, sah die glasigen Augen und lächelte triumphierend. »Das war der Preis, du gieriger Krämer. Mein Preis, dein Leben«, flüsterte sie, ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Sahne, Eier, Butter, Schmalz und Speck quollen ihr entgegen. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Jetzt war sie frei und reich. Für immer. Niemand würde es je erfahren. Sie hatte ihn ermordet. Mit Sahne, Eiern und Schmalz.

Die Mondfrau

Sie wusch sich die Hände, blickte auf, sah in den Spiegel. Ein rundes, rosiges Gesicht, umrahmt von goldblonden Locken, blickte ihr entgegen. Eine zum Leben erweckte Barockputte, ein Posaunenengelchen. Sie seufzte tief. Nie würde es ihr gelingen, rank und schlank zu werden, rassig und edel auszusehen. Nie würde sie dem Typ Frau ähneln, den ihr Mann so bewunderte. Alles Fasten, alle Diäten waren erfolglos gewesen.

Aber ihre Frohnatur gewann gleich wieder die Oberhand. Sie zwinkerte sich zu und stellte fest, dass sie eigentlich doch recht attraktiv war. Ihre großen blauen Augen blitzten, ihr Teint schimmerte rosig mit dem Glanz einer vielgetragenen Perlenkette und die blonden Locken umrahmten ihr Gesicht wie ein goldener Rahmen ein wertvolles Gemälde. Sie puderte sich die Nase, griff zum Lippenstift und tupfte etwas Parfüm auf ihr Handgelenk und ihre Ohrläppchen. Dann verließ sie den Raum.

Sie ging einen langen, hell erleuchteten Flur entlang. Laute Musik und Stimmengewirr schlugen ihr entgegen. Sie sah durch die geöffnete Tür in den Saal. Hier fand, wie jedes Jahr, der Ball des Tennisvereins statt, der die Spielsaison beendete. Gelächter ertönte. Sie blickte suchend umher. Dann sah sie ihn. Ihr Herz begann schneller zu klopfen, liebevoll blickte sie ihn an – ihren Mann. Er war groß, schlank, dunkelhaarig. Sein Smoking saß wie angegossen, die Lackschuhe glänzten. Er hielt das Sektglas in der linken Hand und lächelte in die Runde, umgeben von drei, nein vier attraktiven jungen Frauen, die alle einer Modezeitschrift hätten entsprungen sein können.

Sie schritt auf die Gruppe zu und stellte sich dazu. Niemand beachtete sie. Sie schien für die anderen unsichtbar zu sein. So stand sie einige Zeit da. Tränen stiegen in ihre Augen. Sie bemerkte, wie sie sich veränderte, in Farblosigkeit versank. Ihr Teint schimmerte nicht mehr rosig. Rote Flecken breiteten sich vom Hals über ihr Gesicht aus. Sie verwandelte sich in eine blonde, dickliche Landpomeranze. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen, trat neben ihren Mann und sagte leise: »Hans, ich möchte nach Hause.«

Er reagierte nicht, sondern legte nur den Arm um die neben ihm stehende Frau, die sich an ihn schmiegte. Sie trug ein eng anliegendes, feuerrotes, weit ausgeschnittenes Kleid. Schwarze, von Lackgel glänzende Haare umrahmten ihr Gesicht wie eine Kappe. Die aufgeworfenen Lippen und die vorstehenden Wangenknochen machten sie zu einer exotischen Schönheit. Sie sah aus wie die Verkörperung der Sünde. Ein weiblicher Luzifer.

Sie erkannte in der Schönheit Helma Sanders, die in letzter Zeit bei allen Festen nicht von der Seite ihres Mannes wich. »Fahren Sie ruhig«, sagte diese jetzt und musterte sie mit kalten Augen. »Ich bringe Ihren Mann dann nach Hause.«

»Das ist eine gute Idee«, fügte ihr Mann hinzu, »fahr nur.«

Sie schluckte und wandte sich um. Sie würde also allein nach Hause fahren. Wie immer. Wie immer? Nein, irgendetwas war heute anders. Sie hatte ganz gegen ihre Gewohnheit ein wenig Wein getrunken. Sie merkte, wie Verzweiflung und Wut von ihr Besitz ergriffen. Sie ballte verstohlen die Hände zu Fäusten. Sie zwang sich zur Ruhe. Mit hocherhobenem Kopf, geradem Rücken, verbindlich nach links und rechts nickend, verließ sie den Saal. Mitleidige Blicke folgten ihr. Wie immer.

Vor der Tür des Hotels verharrte sie. Sie konnte nicht gleich nach Hause fahren. Sie war zu aufgewühlt. Sie ging um das Hotel herum und zum See hinunter. Sie zog die Schuhe aus, ging barfüßig über das nasse Gras. Es war dunkel, nur eine Mondsichel spendete ein wenig Licht. Sie ging zum Ufer. An einen Baum gelehnt, blickte sie auf den in den See hineinragenden Bootsanlegesteg. Plötzlich hörte sie Schritte. Sie sah eine Gestalt. Sie ging dicht an ihr vorbei. Sie bemerkte sie nicht, der Baum schützte sie. Sie erkannte Helma Sanders, die jetzt den Steg betrat. Sie hörte das Klicken ihrer Absätze auf den Holzbohlen. Klick. Klick. Es versetzte sie in einen eigenartigen Zustand. Wie unter Zwang folgte sie Helma, barfüßig, lautlos. Sie ging wie eine Schlafwandlerin. Die Arme waren weit nach vorn gestreckt, als ob sie die Balance halten müsste. Plötzlich schnellten ihre Arme vor. Ein Stoß, ein Plätschern, Schreien. Sie rührte sich nicht. Die Musik aus dem Festsaal dröhnte aus den geöffneten Fenstern. Sie wandte sich um, lief davon, eilte zu ihrem Auto. Stieg ein und fuhr nach Hause. Nach Helma Sanders wurde gesucht. Sie wurde nicht gefunden.

Nach dieser Nacht veränderte sie sich. Sie lebte in Angst. Sie schreckte bei jedem Geräusch auf. Sie konnte nicht mehr richtig essen, sie konnte nicht mehr richtig schlafen, sie konnte nicht mehr lachen. Sie sprach kaum. Sie nahm an nichts mehr Anteil. Auch ihren Mann beachtete sie nicht mehr. Ihre Liebe zu ihm war erloschen. Doch jetzt, da sie ihm entglitt, begann er sie wieder zu begehren. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Umgab sie mit Liebe und Fürsorge. Jetzt litt er Qualen. Sie war so nah und doch für ihn unerreichbar. Sie ähnelte jetzt den Schönen in den Zeitschriften. Sie war so abgemagert, dass sie geradezu durchsichtig erschien. Seine Freunde umschwärmten sie. Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen stand sie im Mittelpunkt, ohne dass sie etwas dazugetan hätte. Die Mondfrau, so wurde sie allgemein genannt.

Auch in diesem Jahr fand der Tennisball im Seehotel statt. Hans schloss die Toilettentür hinter sich und ging den Flur entlang. Musik und Gelächter schlugen ihm entgegen. Er blickte suchend umher und dann sah er sie. Sein Herz begann zu klopfen. Sie trug ein hochgeschlossenes, silberfarbenes Kleid. Ihre blonden Locken, ihr schmales, liebliches, blasses Gesicht ließen sie so zart und durchsichtig erscheinen. So müsste eine Mondfrau aussehen. Sie war von seinen Freunden umgeben. Er trat an sie heran und sagte: »Ich möchte nach Hause.«

Sein Freund Peter, der seine Frau mit den Blicken geradezu verschlang, meinte nur: »Fahr nur, ich nehme deine Frau dann mit.«