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Menschen mit geistiger Behinderung pflegen und fördern E-Book

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Beschreibung

Das Pflegemodell zur person-zentrierten Behindertenpflege Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen sowie Lern- und Fähigkeitsstörungen zu pflegen und zu begleiten ist ein wichtiges pflegerisches Aufgabenfeld in der stationären, ambulanten, gemeindenahen Versorgung. In Deutschland haben 1.014.000 Menschen eine geistig-seelische Behinderung, deren Beeinträchtigungen in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren ihre volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben behindern könnten. Daher bedürfen sie in unterschiedlichem Umfang pflegerischer und heilpädagogischer Unterstützung. Das Fachbuch der britischen Pflegeexpert_innen für Behindertenpflege beschreibt und begründet ein Rahmenmodell zur Pflege von Menschen mit Behinderungen und zeigt, wie Pflegefachpersonen es in der Praxis anwenden können. Es orientiert Pflegende verständlich, wie sie den Pflegeprozess von Menschen mit Behinderungen wirksam steuern und den Pflege- und Hilfebedarf einschätzen, planen, ausführen, reflektieren und evaluieren können. Ziel ist eine auf die Person des behinderten Menschen ausgerichtete Pflege, die auf komplexe Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, ihren Angehörigen und Bezugspersonen eingeht und gute Versorgungsergebnisse erzielt. Die deutsche Ausgabe wurde bezüglich rechtlicher sowie pflegetheoretischer, pflegeprozessorientierter und -praktischer Inhalte adaptiert.

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Seitenzahl: 324

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gweneth Moulster

Jane Iorizzo

Sarah Ames

Joshua Kernohan

(Hrsg.)

Menschen mit geistiger Behinderung pflegen und fördern

Das Moulster-Griffiths-Modell für die Behindertenpflege

Aus dem Englischen von Heide Börger

Deutschsprachige Ausgabe herausgegeben von Sylke Werner

Menschen mit geistiger Behinderung pflegen und fördern

Gweneth Moulster, Jane Iorizzo, Sarah Ames, Joshua Kernohan (Hrsg.)

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Gweneth Moulster (Hrsg.). OBE (MA, Cert. Ed., RNLD), Independent Consultant Nurse, Visiting Lecturer with University of Herfordshire and Honorary Senior Fellow with Kingston University and St. George’s University of London.

Jane Iorizzo (Hrsg.). RNLD (UK), Registered Nurse, Australia.

Sarah Ames (Hrsg.). Lead Community Learning Disability Nurse, Islingotn Learning Disability Partnership, Camden and Islingotn, NHS Foundation Trust.

Joshua Kernohan (Hrsg.). Community Nurse, Community Learning Disability Teasm, Midlands Partnership, NHS Foundation Trust.

Sylke Werner (dt. Hrsg.). exam. Altenpflegerin, freiberufliche Dozentin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Pflege- und Gesundheitsbereich; BSc. Pflege- und Gesundheitsmannagement an der ASH Berlin; MSc. Public Health an der Charité Berlin.

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z. Hd. Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg, Martina Kasper, Barbara Müller

Bearbeitung: Sylke Werner

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images/DenKuvaiev

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Format: EPUB

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Englischen. Der Originaltitel lautet „The Moulster and Griffiths Learning Disability Nursing Model – A Framework for Practice“ herausgegeben von Gweneth Moulster, Jane Iorizzo, Sarah Ames, Joshua Kernohan

© 2019. Jessica Kingsley Publishers, London

1. Auflage 2021

© 2021 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96058-6)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76058-2)

ISBN 978-3-456-86058-9

https://doi.org/10.1024/86058-000

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Anmerkung:

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Zitierfähigkeit: Dieses EPUB beinhaltet Seitenzahlen zwischen senkrechten Strichen (Beispiel: |1|), die den Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe und des E-Books im PDF-Format entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Teil I: Einführung

1 Die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege: Kunst und WissenschaftJoshua Kernohan

1.1 Kunst und Wissenschaft

1.2 Ein kurzer Überblick über die Geschichte

1.3 Brauchen wir auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegepersonen?

1.4 Zusammenfassung

2 Einführung in das Moulster/Griffiths-PflegemodellJoshua Kernohan und Gwen Moulster

2.1 Der Pflegeprozess

2.2 Was sind Pflegemodelle?

2.3 Arbeit mit einem Pflegemodell

2.4 Der Umgang mit Pflegemodellen

2.5 Philosophie des Moulster/Griffiths-Pflegemodells

2.6 Die Entwicklung des Modells

Teil II: Das Modell

3 Person-zentriertes AssessmentJane Iorizzo und Gwen Moulster

3.1 Person-zentrierte Pflege

3.2 Person-zentriertes Screening

3.2.1 Die Arbeit mit dem Screening Tool

3.3 Person-zentriertes Assessment

3.3.1 Das Moulster/Griffiths-Pflegemodell integrierte Assessment Tool

3.4 Das integrierte Assessment Tool

3.5 Träume und Wünsche

3.6 Überprüfung der intellektuellen Fähigkeiten

3.7 Geeignete Anpassungen

3.8 Schutz und Sicherheit

3.9 Betreuung und Unterstützung

3.10 Informationen über den Gesundheitszustand sammeln

3.11 Zugang zu regulären gesundheitsbezogenen Dienstleistungen

3.12 Schlussfolgerungen und Empfehlungen

3.13 Tipps für das Assessment

4 Planung, Implementation und Evaluation einer reflexionsfokussierten PflegebetreuungJane Iorizzo und Sarah Ames

4.1 Warum ist Pflegeplanung wichtig?

4.2 Der Moulster/Griffiths-Pflegeplan

4.3 Reflexion Ihres Pflegeplans

4.4 Ziele und angestrebte Ergebnisse festlegen

4.5 Informationen verständlich präsentieren

4.6 Evidenz

4.7 Verlaufsprotokoll und Ressourcenprüfung

4.8 Bedeutung fortlaufender Evaluation

4.8.1 Das Tool zur Evaluation

5 Reflexion, Supervision, Beratung und RevalidierungMarina Russ und Daniel Turner

5.1 Reflexion

5.2 Supervision

5.3 Beratung durch Mentoren

5.4 Revalidierung

6 Effiziente Ergebnisbewertung – eine komplexe HerausforderungGwen Moulster und Dave Atkinson

6.1 Einführung

6.2 Ergebnisbewertung und Qualität

6.3 Gesundheitsstörungen und Menschen mit geistigen Behinderungen

6.4 Reduzierung von Gesundheitsstörungen als Ergebnis pflegerischer Betreuung

6.5 Die Rolle der auf geistige Behinderung spezialisierten Pflegenden

7 Health Equality Framework (HEF): Ergebnisbewertung und Priorisierung person-zentrierter InterventionenDave Atkinson und Gwen Moulster

7.1 Einführung

7.2 Ergebnisbewertung und Arbeitsdokumentation

7.3 Das HEF in der Praxis

7.4 Aggregation: Das ganze Bild erfassen

7.5 Effizienznachweis des HEF

7.5.1 Evidence for Practice-Tool (E4P)

8 Eine Familie und ihre GeschichteLauretta und Chris Edmondson und Sally Edmondson Ball

Teil III: Die Anwendung des Modells in der Praxis

9 Nachweis der AuswirkungenTrish Griffin

9.1 Die Ausbildungsstätte

9.2 Das Moulster/Griffiths-Modell als Rahmen für Studierende

9.3 Förderung professioneller Praxis

9.4 Andere Anwendungsmöglichkeiten der Modell-Struktur

9.5 Wie können wir Leistungen messen?

9.6 Bewertung von Auswirkungen – eine betroffene Person fragen!

10 Erfahrungen einer Studierenden und ihrer Mentorin mit der ModellanwendungLynne Westwood und Elisabeth Bailey

10.1 Der Hintergrund

10.2 Theoretischer und praktischer Hintergrund

10.3 Kommentar der Tutorin: Resilienz entwickeln

10.3.1 Die Bedeutung von Mentoren

10.4 Kommentar des Mentors

10.5 Kommentar der Universität

10.5.1 Bereich 1: Professionelle Werte

10.5.2 Bereich 2: Kommunikation und interprofessionelle Fähigkeiten

10.5.3 Bereich 3: Pflegepraxis und Entscheidungsfindung

10.5.4 Bereich 4: Führung und Management

10.6 Zusammenfassung

11 Stationäre Anwendung des Moulster/Griffiths-PflegemodellsElaine Thomas

11.1 Die Gründe für die Implementierung der Veränderungen

11.2 Die Implementation des Pflegemodells

12 Unsere Praxis stärken: Erfahrungen in SchottlandNorah Arnott, Fiona Gibney und Johnann Wilson

12.1 Die Situation in Lanarkshire

12.2 Die Gründe für die Veränderung

12.3 Phase 1 – Das Projekt zur Verbesserung der Qualität

12.3.1 Planen

12.3.2 Agieren

12.3.3 Überprüfen

12.3.4 Handeln

12.4 Phase 2

12.5 Zusammenfassung

Teil IV: Zusammenfassung – Diskussion und Resümee

13 DiskussionGwen Moulster

13.1 Bedeutung von auf geistige Behinderungen spezialisierter Pflege

13.2 Personalausstattung

13.3 Die spezialisierte Pflegeperson als Wegbereiter

13.4 Resümee

14 Pflegeprozess bei Menschen mit BehinderungenJürgen Georg

14.1 Gordons funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster

14.1.1 Beschreibung der Gesundheitsverhaltensmuster

14.1.2 Nutzen und Nutzung funktioneller Gesundheitsverhaltensmuster

14.2 Der Pflegeprozess

14.2.1 Pflegeassessment

14.3 Zusammenfassung

Teil V: Anhang

Literaturverzeichnis (engl.)

Stimmen zur englischen Ausgabe

Herausgeber und Autoren

Literaturverzeichnis (dt.)

Sachwortverzeichnis

|11|Teil I: Einführung

|13|1  Die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege: Kunst und Wissenschaft

Joshua Kernohan

Dieses Kapitel ist dem einzigartigen Beitrag gewidmet, mit dem auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende das Leben von Menschen mit geistigen Behinderungen verbessern. Es zeigt, wie dieser Bereich der Pflege die Kunst und die Wissenschaft der pflegerischen Praxis miteinander verknüpft und wie man theoretisches Wissen mit Fürsorge, Kommunikation und Empathie kombiniert, um die person-zentrierten Ergebnisse für die Betroffenen zu verbessern.

Das Kapitel geht auch auf die historischen Wurzeln der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege und die Herausforderungen ein, mit denen diese Disziplin seit Anbeginn konfrontiert war.

1.1  Kunst und Wissenschaft

Florence Nightingale, die oft als Begründerin der modernen Pflege und als eine der ersten Pflegetheoretikerinnen (Snowden, Donnell & Duffy, 2014) bezeichnet wird, verstand die Pflege als Berufung. Dies liegt an der historisch engen Verbindung zwischen der Pflege und den religiösen Orden, weshalb die Pflege als ein Aspekt der Gottesverehrung wahrgenommen wurde. Doch Nightingale war eine Statistikerin. Sie entwickelte Instrumente, die der statistischen Erhebung dienten und nutzte das wachsende Wissen über Krankheiten zur Einführung qualitativer Verbesserungen (Snowden et al., 2014).

Die Pflege gilt als eine Synthese aus Kunst und Wissenschaft und dies manifestiert sich nirgendwo besser als im Bereich der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege. Wichtige politische Dokumente (Scottish Government, 2012, 2015) belegen, dass die klaren Werte, an denen auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende sich orientieren – z. B. Inklusion und person-zentrierte Ansät|14|ze – durchaus mit einer evidenzbasierten, ergebnisorientierten Praxis vereinbar sind, die darauf abzielt, die Betreuung und Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. [In Deutschland verabschiedete das Bundeskabinett 2016 die zweite Auflage des Nationalen Aktionsplans zur UN-Behindertenrechtskonvention – kurz NAP 2.0. Er soll dazu beitragen, dass Inklusion in allen Lebensbereichen berücksichtigt wird. In Bezug auf die Pflege von Menschen mit geistigen Behinderungen, sind Einrichtungen und Mitarbeiter der Einrichtungen in Deutschland in Zukunft vor große Herausforderungen gestellt, denn es fehlen Konzepte, Maßnahmen und geeignete Qualifikationen, um auf diese angemessen eingehen zu können. Anm. d. dt. Hrsg.]

Nach Northway (2009) ist die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege nicht mit den anderen Bereichen gleichzusetzen, weil ihre Mitglieder nur in begrenztem Umfang zur Erweiterung der Wissensgrundlage beitragen. Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende nutzen oft die Wissensgrundlage anderer Disziplinen und ihre Interventionen und Assessments beruhen häufiger auf praxisbasierter Evidenz als auf evidenzbasierter Praxis.

Ein wissenschaftlicher Ansatz gilt in der medizinischen Forschung als valider, d. h. quantitative Daten haben einen höheren Stellenwert als qualitative Daten und die „Wissenschaften“ zählen mehr als die „Künste“. Kritiker bemängeln jedoch, der Fokus auf einer wissenschaftlich orientierten Wissensgrundlage sei ein Hinweis auf den Verlust der „Kunst“ in der Pflege (Straus, Richardson, Glaszious & Haynes, 2010), zu der Qualität und persönliche Interaktionen zwischen den Pflegenden und den von ihnen betreuten Menschen gehören. Dies ist interessant angesichts der Tatsache, dass den auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden vorgeworfen wird, ihrer Arbeit mangele es an Fachkompetenz. Wenn es so ist, dass andere Gebiete der Pflege eine profunde Wissensgrundlage entwickeln, riskieren die Pflegenden aus diesem Bereich dann nicht, sich von ihrem auf Intuition und Werten basierenden Ansatz zu entfernen, wenn sie sich um einen stärker wissenschaftlich geprägten Ansatz bemühen?

Die Pflege als Wissenschaft ist an Fähigkeiten und Kenntnisse gebunden. Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende sind autonome Praktiker, denen kritisches Denken und klinisches Urteilsvermögen abverlangt wird. Ergebnisse hängen häufig von der Fähigkeit der Pflegenden ab, Beziehungen aufzubauen und effizient zu kommunizieren; eine Fähigkeit, die als weniger anspruchsvoll angesehen wird, doch genauso wichtig ist (Palos, 2014).

Laut Conway (1994) schließt die Pflege als Kunst, gepaart mit wissenschaftlich basierter Problemlösung, die Kluft zwischen Theorie und Praxis. Nach Idczak (2007) offenbaren die Pflegetheorie und die Curricula die Kunst, die auf men|15|schenwürdigen Interaktionen zwischen Pflegenden und Patienten basiert. Bevis und Watson (2000) nennen dies die verborgenen Curricula der Pflege, die Sozialisation der Pflegenden an ihrem Arbeitsplatz und ihrem jeweiligen klinischen Schwerpunkt.

Angesichts der Tatsache, dass die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege ihre Wissensgrundlage entwickelt und die Arbeit mit Menschen immer komplexer wird, bietet das person-zentrierte Moulster/Griffiths-Modell den Pflegenden die Chance, es als Katalysator für weitere Untersuchungen zu nutzen.

1.2  Ein kurzer Überblick über die Geschichte

Die heutigen auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden sind selbstständig arbeitende Praktiker. Ihre traditionelle Rolle als „Handlanger“ des Arztes gehört der Vergangenheit an und die Pflegenden haben alle einen höheren Bildungsabschluss und übernehmen manchmal Aufgaben, die eigentlich Ärzten vorbehalten sind (Sellman & Snelling, 2010). Am Anfang dieser Entwicklung stand der Nurses Registration Act (1919), mit dem die Pflegenden versuchten, ihren Titel zu schützen sowie Ausbildungs- und Praxisstandards zu sichern. Es ist anzumerken, dass zur damaligen Zeit der Titel Nurse (Pflegeperson) nur Frauen zustand und die männlichen Mitarbeiter in Krankenhäusern als Bedienstete angesehen wurden.

Im Viktorianischen Zeitalter wurden Gesetze gemacht, um Menschen, die für das Leben in der Gesellschaft als ungeeignet erachtet wurden oder die sich nicht selbst versorgen konnten, zwangsweise in entsprechende Einrichtungen einweisen zu können. Die dort untergebrachten Menschen hatten kaum Kontakt zur Außenwelt, da die Einrichtung sich um alles kümmerte. Die Öffentlichkeit mied den Kontakt zu Menschen mit geistigen Behinderungen, doch die Pflegenden widmeten ihr Leben der Betreuung dieser Menschen in solchen Einrichtungen (Allen, 2009). Trotz der Missstände in diesen Einrichtungen war die Arbeit der Pflegenden mehr als das Fernhalten eines sozialen Problems der Gesellschaft. Die Pflegenden erkannten die Bedeutung guter Gesundheit und Gesundheitsfürsorge und stellten damit Prävention über Behandlung; zu einer Zeit, als andere Pflegende mit „Behandlung“ oder „Krankenpflege“ beschäftigt waren (Mitchell, 2009).

Menschen mit geistigen Behinderungen wurden in den Einrichtungen versteckt und so erging es auch den Pflegenden; sie hatten wenig Kontakt zu Kollegen und zur Gemeinde. Kaum einer wusste, womit sich auf geistige Behinderun|16|gen spezialisierte Pflegende eigentlich beschäftigten und dies hat sich trotz des Trends zu gemeindenaher Pflege bis heute nicht verändert.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts war die Ausbildung der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden Gegenstand von Diskussionen. Zunächst war die Ausbildung der Pflegenden für „Geistesschwache“ auf die Einrichtung zugeschnitten, in der die Pflegenden arbeiteten und somit abhängig davon, was die Einrichtung für notwendig erachtete. Der Mental Deficiency Act (1913) mag dazu geführt haben, dass die Pflegenden sich wie Aufseher verhielten, doch die tägliche Arbeit, die darin bestand, Menschen mit geistigen Behinderungen zu unterrichten und zu erziehen, erforderte eine fürsorgliche Rolle.

Es hat eine Weile gedauert, bis auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende in Diskussionen über ihre Rolle oder den Inhalt ihrer Ausbildung einbezogen wurden. Die Rolle dieser Pflegenden passte nicht zu der gängigen Auffassung über die Aufgabe der Pflege: kranke Menschen zu heilen. Der General Nursing Council (GNC) zeigte wenig Verständnis, was dazu führte, dass die Beschäftigung mit Fragen, die die Ausbildung betrafen, verzögert wurde. Eine auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege deckte sich nicht mit dem, was die Organisation unter pflegerischer Fachkompetenz verstand. [Der General Nursing Council für England und Wales wurde eingerichtet, um das Register der Krankenschwestern zu verwalten. Er ist verantwortlich für die Entscheidung über die Regeln zur Aufnahme in das Register. Anm. d. dt. Hrsg.]

Mitchell (2000) berichtet von fortgesetzten Diskussionen darüber, ob auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende überhaupt nötig seien und glaubt, weil diese Pflegenden beim GNC lediglich als Hilfskräfte für den psychiatrischen Bereich registriert waren, hatten sie im Vergleich zu den anderen Bereichen der Pflege einen niedrigeren Status und waren damit „genauso stigmatisiert“ wie die Menschen mit geistigen Behinderungen.

Im Rahmen des National Health Service Act (1946) wurden Langzeiteinrichtungen in den National Health Service (NHS) integriert, was der Dominanz des medizinischen Modells und der Pathologisierung von Menschen vermutlich Vorschub geleistet hat. Diese Einrichtungen standen für Skandal. Nach Wetherall (2014) gab es in dieser Phase der Geschichte der auf geistige Behinderungen spezialisierten Dienste Vorfälle von systematischem institutionellem Missbrauch. Ab den 1980er- Jahren zeichnete sich ein Trend zu gemeindenahen Pflegemodellen ab. Die Einrichtungen wurden weniger und schlossen; allerdings hat die Schließung großer Einrichtungen den Missbrauch nicht verhindert. Kulturen, die solche Praktiken begünstigen, wurden zusammen mit den Dienstleistungsnutzern in gemeindenahe Settings verlagert (Fyson & Kitson, 2010). Nachdem die Sendung |17|BBC Panorama (British Broadcasting Corporation, 2011) Undercover-Misshandlungen von Menschen mit geistigen Behinderungen im privat geführten Winterbourne View Hospital aufgedeckt hatte, wurde die Agenda „The Transforming Care“ (Department of Health, 2012) entwickelt.

Mit der Verlagerung der Pflege von Krankenhäusern und Einrichtungen in die Gemeinde rückte die Rolle der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden ins Rampenlicht. Es setzte sich immer stärker die Erkenntnis durch, dass Pflegende auch soziale Aufgaben haben. Laut dem Report of the Committee of Enquiry into Mental Handicap Nursing and Care (Jay, 1979) (auch bekannt als “Jay Report”) sollte eine Gruppe von Fachleuten Menschen mit geistigen Behinderungen als Teil der sozialen Betreuung unterstützen. Mitchell (2004) verweist darauf, dass die auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden dem Jay Report vehement widersprachen, da sie sich als Mitglieder des Pflegeberufs verstanden.

Nach der Implementation des NHS Community Care Act (1990) mussten die auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden schnell eine neue, der Gesundheitsagenda entsprechende Rolle und Identität entwickeln. Die Pflegenden der Gemeindekrankenpflege waren nicht mehr an einen bestimmten Standort oder Dienst gebunden, sondern unterstützten Menschen mit geistigen Behinderungen an jedem beliebigen Ort. Laut Alaszewski, Motherby, Gates, Ayer und Manthorpe (2001) beweist das Überleben der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege, dass sie in der Lage ist, sich zu verändern und anzupassen, sowohl an die Bedürfnisse der Betroffenen als auch an die Veränderungen in der Durchführung von Dienstleistungen.

Nach Jukes und Clarke (2013) sind auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende an der vordersten Front, wenn es darum geht, Dienstleistungen zu verändern und zu verbessern, neue Arbeitsmöglichkeiten zu entwickeln und Beweise für ihre Arbeit zu liefern. Sie haben es in der Hand, eine gute Praxis in eine gängige Praxis zu verwandeln. Die Werte, die heute als integraler Bestandteil der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege gelten, gehen zurück auf die 1970er- Jahre und Wolfensbergers (1972) Konzept der Normalisierung und Valorisierung der sozialen Rolle.

„Gute Gesundheit“ bedeutet heute nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern auch körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden. Die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege hat sich über weite Strecken ihrer Geschichte diese Definition zu eigen gemacht.

[Bis in die 1960er Jahre wurden Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen vor der Außenwelt versteckt (bzw. im Nationalsozialismus im Rah|18|men von Euthanasieprogrammen bis 1945 getötet). Danach setzte sich zunehmend die Forderung durch, dass auch Menschen mit Behinderung ein Recht auf ein würdevolles Leben sowie auf Bildung, Arbeit und Teilhabe am sozialen Leben haben.

In Deutschland sind hauptsächlich Heilerziehungspfleger_innen für die Pflege von Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Es gibt mehr als 200 Fachschulen für Heilerziehungspflege bundesweit. Seit etwa 1960 werden Heilerziehungspfleger in Schulen, Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, Wohnheimen und anderen Einrichtungen großer Zahl eingesetzt. In klassischen Pflegeheimen arbeiten in der Regel keine Heilerziehungspfleger_innen. Die dort tätigen Pflegenden aus der Kranken- bzw. Altenpflege sind nicht auf die Pflege und Betreuung von Menschen mit (geistigen) Behinderungen spezialisiert. Anm. d. dt. Hrsg.]

1.3  Brauchen wir auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegepersonen?

Im Vereinigten Königreich leben schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen mit geistigen Behinderungen (Royal College of Nursing, 2013). Menschen mit geistigen Behinderungen sind keine homogene Gruppe und der Begriff „geistige Behinderung“ steht nicht für eine bestimmte Krankheit, sondern es gibt verschiedene ursächliche Faktoren, die genetisch oder chromosomal bedingt sind oder aber auf die prä-, peri- und postnatale Entwicklung zurückgeführt werden können. Daher leidet diese Population im Laufe ihres Lebens an diversen Krankheiten, für deren Behandlung gelegentlich Spezialisten hinzugezogen werden müssen, die diese Gesundheitsprobleme entweder direkt behandeln oder den Betroffenen den Zugang zu entsprechenden Diensten ermöglichen (Department of Health, 2001, 2009; Scottish Goverment, 2012).

[Im Jahr 2019 lebten in Deutschland 7,9 Millionen Menschen mit einer amtlich anerkannten Behinderung. Das waren etwa 1,8 % mehr als am Jahresende 2017. Behinderungen treten vor allem bei älteren Menschen auf: So waren ca. 34 % der schwerbehinderten Menschen 75 Jahre und älter. 44 % gehörten der Altersgruppe von 55 bis 74 Jahren an. Nur 2 % waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren […] Geistige oder seelische Behinderungen wiesen insgesamt 13 % der schwerbehinderten Menschen auf, zerebrale Störungen lagen in 9 % der Fälle vor. Bei den übrigen Personen (19 %) war die Art der schwersten Behinderung nicht ausgewiesen (https://nullbarriere.de/schwerbehinderung-statistik.htm, Zugang 20.07.20). Dies |19|zeigt, dass auch in Deutschland der Bedarf an auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegepersonen vorhanden ist, welche auf die Betreuung von Menschen mit geistigen Behinderungen spezialisiert sind. Anm. d. dt. Hrsg.]

Die steigende Anzahl der Menschen mit geistigen Behinderungen ist ein Beweis dafür, dass die für die gesundheitlichen und sozialen Belange zuständigen Dienste sowie die technologischen Möglichkeiten, die das Leben von Menschen mit komplexen gesundheitlichen Problemen verlängern können, verbessert wurden. Doch dies bedeutet auch eine Herausforderung mit Blick auf die Planung geeigneter Dienstleistungen.

Nach Beange (2002) gleichen die gesundheitlichen Probleme älterer Menschen mit geistigen Behinderungen eher denen der normalen Bevölkerung, wohingegen Kinder, junge Menschen und Erwachsene andere Probleme haben. Menschen mit geistigen Behinderungen leiden vermutlich häufiger an gesundheitlichen Problemen als die normale Bevölkerung (Cassidy, Martin, Martin & Roy, 2002; Elliott, Hatton & Emerson, 2003). Dies hat teilweise biologische Ursachen, aber auch Einstellungen der Gesellschaft und Deprivation spielen eine Rolle. Die Tatsache, dass bei Menschen mit geistigen Behinderungen die Wahrscheinlichkeit höher ist, noch andere gesundheitliche Probleme zu entwickeln, gilt auch für psychiatrische Diagnosen (Alexander, Piachaud & Singh, 2001; Cooper, Smiley, Morrison, Williamson & Allan, 2007; Deb, Thomas & Bright, 2001).

Menschen mit geistigen Behinderungen sollten Zugang zu den gleichen Diensten haben wie Menschen ohne geistige Behinderungen und alle Gesundheitsfachleute sollten sich mit geeigneten Anpassungen auskennen. Doch wie Untersuchungen belegen, werden Menschen mit geistigen Behinderungen nicht gerecht behandelt. Sie bekommen benötigte Interventionen nicht in angemessener Zeit, notwendige Untersuchungen werden nicht durchgeführt und sie erhalten keine medizinische Grundversorgung. Dies führt häufig zu frühzeitigen und vermeidbaren Todesfällen (Department of Health, 2013a, 2013b). Die Aufgabe der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegepersonen ist also nicht nur, den Betroffenen den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen, sondern sie für die Betroffenen in allen Diensten zu verbessern.

Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende waren schon immer mit Veränderungen und Entwicklungen konfrontiert. In den letzten Jahren haben sich die Bedürfnisse von Menschen mit geistigen Behinderungen dank effizienteren medizinischen Interventionen gewandelt. Die Pflegenden von heute brauchen verschiedenartige Fähigkeiten, um Menschen, die auf Medizintechnik angewiesen sind, pflegen zu können. Heutzutage gibt es Menschen, die mit mehreren |20|schweren Behinderungen und lebensbedrohlichen Erkrankungen leben und dies erfordert Kenntnisse über entsprechende körperliche Gesundheitsprobleme und Betreuung in der Endphase des Lebens. Dies ist nur ein Beispiel für die neuen Fähigkeiten, die sich auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende angeeignet haben. Es ist heute genauso wichtig wie in früheren Zeiten anzuerkennen, dass die auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden flexibel und innovativ sind und übertragbare Fertigkeiten sowie effiziente Kommunikation nutzen, um gute gesundheitsbezogene Ergebnisse zu erzielen.

Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Menschen zu unterstützen, ihnen Zugang zu guter Gesundheitsversorgung zu ermöglichen und anderen Gesundheitsfachleuten zu helfen, ihre gesundheitliche Versorgung wirksam und entsprechend angepasst auf die Bedürfnisse der Betroffenen abzustimmen. Ohne diese von Kompetenz geprägte Intervention ist davon auszugehen, dass die Ungleichbehandlung von Menschen mit geistigen Behinderungen bestehen bleibt.

1.4  Zusammenfassung

Um zu verstehen, welchen Weg die Praxis in der Zukunft einschlägt, müssen die Entwicklung der Disziplin sowie die Herausforderungen, die schon überwunden wurden oder noch zu überwinden sind, betrachtet werden.

Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende sind anpassungsfähig. Sie sind unverzichtbar, wenn es darum geht, die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen zu verbessern und sich lebenslang – von der Diagnose bis zur Pflege am Lebensende – um deren Probleme zu kümmern, Wissen zu erweitern, die Agenda der öffentlichen Gesundheit zu beachten und mit Menschen zu arbeiten, deren Verhaltensweisen die Dienste überfordern (Scottish Government 2012, 2015). Laut dem UK Learning Disability Consultant Nurse Network (2006) haben diese Pflegenden eine wichtige und einzigartige Rolle, was Assessment, Behandlung und Intervention anbelangt; einschließlich Aufklärung und Unterstützung der Menschen mit geistigen Behinderungen, deren Familien und andere gesundheitliche und soziale Versorgungsleistungen.

Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende verbessern mit viel Motivation und Begeisterung das Leben der von ihnen betreuten Menschen. Sie knüpfen Netzwerke mit Gleichgesinnten und sind in der Lage, Veränderungen herbeizuführen. Die kollektive Macht dieser dynamischen und vorausdenkenden Disziplin sollte nicht verkannt werden, denn ihre Mitglieder haben von Natur aus |21|Pioniergeist. Die Disziplin war Wegbereiter für andere. Sie hinterfragte vorgefasste Meinungen und trug dazu bei, einen sozialen, nichtmedizinischen Ansatz für die gesundheitliche Versorgung von Menschen mit geistigen Behinderungen zu etablieren. Sie setzte sich dabei stets für die Rechte der Betroffenen ein und motivierte andere, person-zentriert zu arbeiten und gute gesundheitliche Ergebnisse zu ermöglichen.

Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende verknüpfen die Kunst der Pflege und eine solide Wertebasis mit wissenschaftlich fundierter evidenzbasierter Praxis, um positive Ergebnisse für die Menschen mit geistigen Behinderungen und deren Angehörige zu erzielen.

Lernaktivität

Selbstreflexion

Welche Veränderungen haben Sie als qualifizierte Pflegeperson bei der Durchführung von Dienstleistungen für Menschen mit geistigen Behinderungen in Ihrem Praxisalltag gesehen und was haben Sie daraus gelernt?

Was glauben Sie als Studierende, wie sich die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege in den nächsten 20 Jahren entwickeln wird? Welche Fähigkeiten müssen Sie Ihrer Ansicht nach entwickeln, um die dafür erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen?

Weiterführende Literatur

Informationen über die Entwicklung der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege und die Rolle der Pflegenden:

Gates, B. & Mafuba, K. (2015). Learning Disability Nursing: Modern Day Practice. Boca Raton: CRC Press.

Demografische Daten über geistige Behinderungen

Emerson, E., Hatton, C., Robertson, J., Roberts, H., Baines, S., Evison, F. & Glover, G. (2011). People with Learning Disabilities in England. London: Improving Health and Lives: Learning Disabilities Observatory.

Die Geschichte der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege

Mitchell, D. (1996). Learning Disability Nursing in the Post War Period. International History of Nursing Journal, 1(4), 20–33.

|23|2  Einführung in das Moulster/Griffiths-Pflegemodell

Joshua Kernohan und Gwen Moulster

Dieses Kapitel untersucht konzeptionelle Modelle, die im Vereinigten Königreich in der Pflegepraxis verwendet werden und nutzt sie als Ausgangsbasis für die Entwicklung des Moulster/Griffiths-Pflegemodells.

2.1  Der Pflegeprozess

Der Nursing and Midwifery Council (2015) verfügt in seinem Praxiskodex, dass die Pflegenden die von ihnen durchgeführte Pflege gemäß dem von Henderson (1966) beschriebenen und in den 1970er- Jahren im Vereinigten Königreich eingeführten Pflegeprozess einschätzen, planen, implementieren und evaluieren. [Der Nursing and Midwifery Council (NMC) ist die Regulierungsbehörde für Pflege- und Hebammenberufe in Großbritannien. Das NMC führt ein Register aller Krankenschwestern, Hebammen sowie von Experten und Mitarbeitern im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Anm. d. dt. Hrsg.]

Die Pflegepraxis brauchte eine Struktur und einen methodischen Entscheidungsfindungsprozess, um geeignete Interventionen zu ermöglichen (Yura & Walsh, 1967). Vor Einführung des Pflegeprozesses war die Pflegepraxis abhängig von dem Hintergrund, den Werten, den Einstellungen, den Fähigkeiten und Erfahrungen einzelner Pflegepersonen, was zu beträchtlichen Unterschieden in der Qualität und Durchführung der Pflege führte.

Die Pflegenden haben es heute immer häufiger mit komplexen Gesundheitsproblemen zu tun und müssen Entscheidungen treffen, die mit einem gewissen Risiko verbunden sind. Mit zunehmendem Ansehen der Pflegepraxis hat die Pflegeperson für eine optimal geeignete, evidenzbasierte und effiziente Pflegestrategie zu sorgen. Laut Binnie und Titchen (2001) hängt der Erfolg des Pflegepro|24|zesses von verschiedenen organisatorischen Faktoren ab, die seine Effizienz beeinträchtigen oder begünstigen können. Der Pflegeprozess bietet einen Rahmen für die Entscheidungsfindung, setzt jedoch aufseiten der Pflegenden klinische Fähigkeiten und Kenntnisse voraus, die sie befähigen zu erkennen, was sie einschätzen sollen und welches die richtigen Entscheidungen sind – Pflegemodelle stellen die Mittel bereit, um dieses Ziel zu realisieren (Schober, 2008).

2.2  Was sind Pflegemodelle?

Ein Pflegemodell ist eine Philosophie oder Betrachtung der Pflege, an der sich die Pflegepraxis orientiert (Aggleton & Chalmers, 2000). Als die Rechte der Betroffenen stärker berücksichtigt und die Gestaltung und Entwicklung von Dienstleistungen zunehmend individualisiert wurden, suchten die Pflegenden nach einem Pflegeansatz, der besser zu den neuen Praxismethoden passte. Im Gesundheitswesen herrscht Einigkeit darüber, dass ein Zusammenhang zwischen der Nutzung von Pflegemodellen und der Realisierung der für die zu unterstützenden Menschen ausgewählten Ergebnisse besteht (Kaplow & Reed, 2008).

Es gibt viele verschiedene Modelle, die die Persönlichkeit, die Gesundheit und die Rolle der Pflegenden jeweils anders konzeptualisieren. Praxismodelle gehen davon aus, dass jede Person, mit der die Pflegeperson arbeitet, aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale, Werte und Lebensgeschichte anders reagiert. Die Pflegeperson muss in der Lage sein, dies zu berücksichtigen, entsprechend zu reagieren und gleichzeitig den guten Standard der Gesundheitsfürsorge im Blick haben (Schober, 2008).

Entsprechend der Personalisierungspflicht in der aktuellen Gesundheitsfürsorge setzen Pflegemodelle häufig auf person-zentrierte Pflege bzw. stellen die Person in den Mittelpunkt. Ziel der meisten aktuellen Pflegemodelle ist die Verbesserung der Gesundheit und nicht die Heilung und die Erkenntnis, dass das Konzept Gesundheit nicht absolut ist. Im Bereich der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege kann vieles als „person-zentrierter Ansatz“ gelten, der sich dadurch auszeichnet, dass die Person als Partner im Pflegeprozess anerkannt wird. Dies zeigt sich sogar in Bereichen der Praxis, die ihrem Wesen nach eher restriktiv sind, wie z. B. forensische Dienste, von denen wir aus der Forschung wissen, dass Sicherheit im Umgang mit den Betroffenen oberste Priorität besitzt (Department of Health, 2010).

Vielleicht ist der Grund für die Bedenken der Pflegenden, ausschließlich mit Pflegemodellen zu arbeiten, dass sie glauben, das Modell bestimme dann über |25|ihre Vorgehensweise. Doch jedes Pflegemodell soll lediglich den Entscheidungsfindungsprozess erleichtern und nicht die klinische Beurteilung ersetzen. Genau dies tut ein Pflegemodell, wenn es die Beziehung zwischen diesen vier Konzepten überprüft: Persönlichkeit, Rolle der Pflegenden oder der Pflege, Gesundheit und Umgebung (Hamilton & Price, 2017).

2.3  Arbeit mit einem Pflegemodell

Die Pflegeausbildung vermittelt theoretisches und praktisches Wissen, sodass die Studierenden die im Studium erworbenen Kenntnisse dort anwenden können, wo sie ihr klinisches Praktikum absolvieren. Doch in den entsprechenden Praxisbereichen besteht oft eine große Kluft zwischen der Arbeitsweise der Pflegenden und dem, was die Ausbildung oder die bewährte Praxis empfiehlt (Binnie & Titchen, 2001). Die Arbeit mit einem Pflegemodell kann diese Kluft überbrücken, da es theoretisches Wissen mit der pflegerischen Praxis verknüpft.

Der traditionelle Pflegeansatz in der Viktorianischen Zeit orientierte sich am medizinischen Modell, das heute oft kritisiert wird, weil es ausschließlich die biologischen Aspekte gesundheitlicher Probleme und deren „Behandlung“ im Blick hat (Ball, 2017). Dies führte dazu, dass die Pflegenden die Pflege hierarchisierten und die Pflegepraxis aufgabenorientiert durchführten, was das Konzept der Pflege als „Disziplin“ infrage stellte, da sie kaum Spielraum hatte, ihre Ziele und Konzeptualisierungen in puncto Gesundheit selbst zu artikulieren und zu entwickeln.

Die Pflege in einem Langzeitkrankenhaus oder einer Langzeiteinrichtung war häufig sogar noch restriktiver, denn für sie bestand die Aufgabe der Pflegeperson in der Durchführung diverser Aufgaben, wie z. B. die Verabreichung von Medikamenten, die Körperpflege und die Behandlung von Krankheiten (Mitchell, 2009). Mit der Verlagerung der Krankenhäuser in gemeindenahe Settings musste sich die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege allerdings verändern, da die vorgegebenen Aufgaben nicht mehr taugten. In dieser Zeit arbeiteten Pflegende mit Konzepten wie z. B. der Normalisierung (Wolfensberger, 1972) und dem Five Accomplishments Model (O’Brien, 2004), dessen Ziel es war, die Bedürfnisse der Betroffenen und die Rollen ihrer Unterstützer zu definieren. [Mithilfe dieses Modells sollen Menschen bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse in fünf Bereichen unterstützt werden. Es erfolgt eine Einschätzung, inwieweit die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung in diesen Bereichen erfüllt werden: alltägliche Orte gemeinsam benutzen, Wahlmöglichkeiten haben, Fähigkeiten entwickeln, mit |26|Respekt behandelt werden und eine geschätzte soziale Rolle spielen, in Beziehungen wachsen. Anm. d. dt. Hrsg.]

Die Zunahme von Pflegetheorien in Kombination mit der immer weiter um sich greifenden Verbreitung des Konzepts Ganzheitlichkeit erzwang eine umfassendere Betrachtungsweise von Gesundheit und Wohlbefinden – heute bekannt als biopsychosoziales Modell (Deane, 2017). Nicht nur die medizinischen Bedürfnisse der Betroffenen waren von Bedeutung, sondern auch ihre Gefühle, Emotionen und Beziehungen spielten eine Rolle. Die Pflege wurde dynamischer und erkundete die Bedürfnisse der Betroffenen, um einen individualisierten Pflegeplan entwickeln zu können. Modelle bieten eine Struktur an, die zu diesem Ziel führt.

[Pflegekonzepte bilden auch in Deutschland den verbindlichen Handlungsrahmen für Mitarbeiter im Pflege- und Betreuungsbereich. Sie sind individuell auf die jeweilige Einrichtung anzupassen. Hier werden Prinzipien, die die Grundlage des pflegerischen Handelns darstellen, definiert – unter Berücksichtigung des vorherrschenden Pflegeleitbilds, Einrichtungskonzepts und des Träger-/Unternehmensleitbilds. Pflegemodelle visualisieren Pflegetheorien. Sie definieren die theoretische Grundlagen der Pflege. Sie dienen als Basis, um Pflegephänomene und -Konzepte zu verstehen und einzuschätzen, Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und pflegesensible Pflegeergebnisse zu erzielen. Häufig angewandte Pflegemodelle in Deutschland sind die Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) von Liliane Juchli, das Modell des Lebens von Roper, Logan und Tierney (2016) mit den Lebensaktivitäten (LA) und die Fördernde Prozesspflege mit den Aktivitäten, Beziehungen und existenziellen Erfahrungen des Lebens (ABEDL) von Monika Krohwinkel (2013). Anm. d. dt. Hrsg.]

2.4  Der Umgang mit Pflegemodellen

Die Arbeit mit konzeptionellen Modellen in der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflege war unter anderem deshalb schwierig, weil die Modelle von anderen Disziplinen oder Bereichen der Pflege ausgeliehen wurden (Horan, 2004).

Es gibt Studien, die ein Spezialgebiet in der Pflege fordern, das auf die gesundheitlichen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen reagiert (Department of Health, 2001, 2009; CIPOLD Team, 2013); andere Studien kommen dagegen zum Schluss, dass auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende nicht in der Lage seien, die von ihnen erbrachten Leistungen darzustellen und |27|dies führe dazu, dass ihre Ziele kritisch betrachtet und angefochten werden (Mitchell, 2002). Beebee (2015) stellte fest, dass die Entwicklung eines Praxismodells, das Menschen mit geistigen Behinderungen unterstützt und von Pflegenden in diesem Bereich genutzt werden kann, die Disziplin in die Lage versetzen würde, ihren Beitrag zu formulieren. Die Arbeit mit einem person-zentrierten Modell zur Unterstützung von Menschen mit geistigen Behinderungen kann die Ergebnisse der Betroffenen verbessern (Parley, 2001). Bei unklarer Rollendefinition kann die Arbeit mit einem konzeptionellen Modell aufzeigen, was für die Berufsgruppe wichtig ist und worum es ihr geht (Curley, 2004). Schwierig wird es, wenn ein spezielles Modell für die zu betreuende Gruppe von Menschen fehlt.

Mallik, Hall und Howard (2009) verweisen darauf, dass individuelle professionelle Modelle durch einen multiprofessionellen „Care Pathways“-Ansatz für die Pflege und Unterstützung ausgehebelt werden könnten, aber sie geben zu, dass Pflegende die Forschungsliteratur immer stärker nutzen und neue evidenzbasierte Arbeitsmethoden durchaus übernehmen. Die Arbeit mit einem Modell, das Pflegende in die Lage versetzt, ihren Beitrag deutlich zu machen, wird ihnen helfen, ihre Position zu festigen. Nach Pearson, Vaughan und Fitzgerald (2005) macht die Strukturierung der Arbeit mit einem Modell die Pflege nicht nur nachvollziehbarer, sondern sie reduziert zudem die Konflikte im Team, vermittelt anderen Gesundheitsfachleuten einen Einblick in die Rolle der Pflegenden und erleichtert die Entscheidungsfindung, Zielsetzung und sogar die Rekrutierung. Durch die Arbeit mit einem Pflegemodell kann ein Team die Kontinuität der Pflege sichern und einen hohen Unterstützungsstandard anbieten (Aggleton & Chalmers, 2000). Auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende, die mit dem Moulster/Griffiths-Pflegemodell arbeiten, sorgen dafür, dass alle Betroffenen unabhängig von ihrem Aufenthaltsort die gleiche Grundlage an person-zentrierter und evidenzbasierter Pflege erhalten (Ames, 2013).

2.5  Philosophie des Moulster/Griffiths-Pflegemodells

Der BerichtStrengthening the Commitment (Scottish Government, 2012) beschreibt die Philosophie der auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden am besten:

Dienste und Gesundheitsfachleute verzichten auf „Kontrolle“ und befähigen die von ihnen betreuten Menschen durch Personalisation, Entscheidungen über ihr Leben selbst zu treffen.

|28|Sie arbeiten mit den Betroffenen person-zentriert, lassen sich ernsthaft auf sie ein und setzen gemeinsam mit ihnen Ziele, die für sie wichtig sind.

Das Moulster/Griffiths-Modell stellt die Person mit einer geistigen Behinderung in den Mittelpunkt des Pflegeprozesses, sorgt unter Anwendung der Prinzipien aus Valuing People (Department of Health, 2001, 2009) für die Wahrung ihrer Rechte, für Inklusion, Wahlmöglichkeiten und Kontrolle und gewährleistet, dass die Betroffenen und wichtige Bezugspersonen in ihrem Leben in vollem Umfang in den Prozess einbezogen und eingebunden werden. [Die Rechte von Menschen mit Behinderungen regelt in Deutschland z. B. seit 2017 das Bundes-Teilhabe-Gesetz (BTHG). Es regelt die Unterstützung für Menschen mit Behinderung in verschiedenen Lebensbereichen. Seit Anfang 2020 gelten viele neue Regeln im BTHG. Im Jahr 2023 sollen neue Regelungen hinzukommen.

Mit dem neuen Bundes-Teilhabe-Gesetz steht nicht mehr die Beeinträchtigung eines Menschen im Vordergrund, sondern das Recht auf Teilhabe. Außerdem soll der einzelne Mensch stärker berücksichtigt werden („Personenzentrierung“). Das BTHG soll dafür sorgen, dass Menschen mit Behinderung selbst entscheiden können, welche Unterstützung sie persönlich brauchen sowie diese Unterstützung organisiert und umgesetzt werden kann. Die Unterstützung erwachsener Menschen mit Behinderungen hängt nicht mehr von einer bestimmten Wohnform ab, z. B. davon, dass sie in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung wohnen. In Zukunft sollen sie selbst entscheiden können, wo und mit wem sie wohnen möchten. Trotzdem bekommen sie die Unterstützung, die sie brauchen. Der einzelne Mensch mit Behinderung soll im Mittelpunkt stehen. Damit das auch tatsächlich geschieht, gibt es seit 2018 das sogenannte Gesamtplan- und das Teilhabeplan-Verfahren. Dabei klären die Träger der Eingliederungshilfe und die Reha-Träger, welche Leistungen und Hilfen ein Mensch mit Behinderung braucht. Der Mensch mit Behinderung soll gefragt werden und soll seine Meinung sagen. Die Leistungs-Planung berücksichtigt die Vorstellung des Menschen mit Behinderung. Art und Umfang der Leistungen, die man bekommt, richten sich nach einheitlichen Regeln. Als Orientierung hierbei dient die sogenannte „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF). Seit Anfang 2020 gibt es neue Regeln für die Eingliederungshilfe. Welche Hilfen dazu gehören, stand bislang in SGB XII. Mit dem neuen Bundes-Teilhabe -Gesetz regelt jetzt SGB IX, Teil 2, die Eingliederungshilfe. https://www.familienratgeber.de/rechte-leistungen/rechte/teilhabe​gesetz.php, Zugang 20.07.20, Anm. d. dt. Hrsg.]

Laut Schober (2008) untersuchen Pflegende, die Praxismodelle entwickeln, die Wechselwirkung zwischen den Betroffenen, ihrer Gesundheit, den Pflegen|29|den und dem weiteren sozialen Umfeld. Das Moulster/Griffiths-Modell ist ein gutes Beispiel dafür, denn es versteht die Pflegeperson als diejenige, welche die soziale Inklusion fördert und die Rechte der Betroffenen schützt, um ihnen zu Gesundheit und Wohlbefinden zu verhelfen. Das Modell geht davon aus, dass die Betroffenen durch die soziale Umgebung sowie durch die ihnen zugänglichen Dienste und Unterstützungsmöglichkeiten „behindert werden“. Wenn es den auf geistige Behinderungen spezialisierten Pflegenden gelingt, hier Abhilfe zu schaffen, indem sie geeignete Anpassungen einfordern, helfen sie den Betroffenen, ein sinnvolles und erfülltes Leben zu führen.

Ein Pflegemodell untersucht die Bedürfnisse von Betroffenen oft in einem bestimmten Setting des Gesundheitswesens oder in Zusammenhang mit einem bestimmten Bedürfnis. Pflegende werden immer häufiger eingestellt, um im Bereich der sozialen Betreuung und als Selbstständige oder Ehrenamtliche zu arbeiten; derzeit werden deutlich weniger auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende für die Arbeit im NHS eingestellt (Royal College of Nursing, 2016b). Das Moulster/Griffiths-Modell berücksichtigt, dass die Umgebung, in der das Modell angewendet werden kann, sehr verschiedenartig ist. Es eignet sich für ein breites Bedürfnisspektrum, da auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflegende heute nicht nur in unterschiedlichen Regionen, sondern auch in unterschiedlichen Spezialgebieten arbeiten (Scottish Government, 2012).

Der Begriff Gesundheit, wie ihn die World Health Organisation (1986) definiert, deckt sich mit dem im Moulster/Griffiths-Modell verwendeten Konzept von Gesundheit. Die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege unterscheidet sich von anderen Bereichen der Pflegepraxis insofern, als die Pflegenden in diesem Bereich mit Menschen arbeiten, die nicht „krank“ sind. Ihre Rolle passt jedoch perfekt zu den aktuellen Definitionen von Pflege, wonach die Aufgabe der Pflegenden darin besteht, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, ihre Interessen zu vertreten, ihre Gesundheit zu fördern und Krankheiten vorzubeugen (International Council of Nurses, 2002; Royal College of Nursing, 2003). Sie arbeiten person-zentriert und ganzheitlich, um die Ressourcen der Betroffenen zu stärken und sie helfen ihnen, ihre Ziele zu realisieren oder befähigen sie, mit umgebungsbedingten Veränderungen umzugehen und sich ihnen anzupassen. Gesundheit ist ein dynamisches Konzept und die Bedeutung sozialer Determinanten sowie die Auswirkungen gesundheitlicher Ungleichbehandlung können nicht ignoriert werden (Brooker & Waugh, 2017).

|30|2.6  Die Entwicklung des Modells

Das Moulster/Griffiths-Modell wurde 2009 in der Haringey Learning Disability Partnership entwickelt, weil das multidisziplinäre, auf geistige Behinderungen spezialisierte Team aus verschiedenen Organisationen einen Pflegeansatz brauchte, der besser geeignet war. Die Pflegenden in der Partnerschaft arbeiteten nicht mit einem speziellen Pflegemodell und die Qualität der Pflegeplanung und Implementation war abhängig von den Kenntnissen und Fähigkeiten der einzelnen Pflegepersonen (Moulster, Griffiths & Ames, 2012a).

In der Partnerschaft wurde ein gemeinsamer Empfehlungs- und Überweisungsprozess entwickelt, der es ermöglicht, neue Empfehlungen nach einer Vorlage zu bewerten. War ein Klient dann einer Berufsgruppe zugeteilt, konnte es jedoch vorkommen, dass ein weiteres Assessment angezeigt war und ein Klient beispielsweise von einer Beschäftigungstherapeutin gemäß dem Model of Human Occupation Screening Tool [Verfahren zur klientenzentrierten Befunderhebung (MOHOST), Anm. d. dt. Hrsg.] erneut eingeschätzt wurde (Parkinson, Forsyth & Kielhofner, 2006). Doch das Pflegeteam folgte dem ersten Assessment durch das multidisziplinäre Team und nutzte die gesammelten Informationen für die Planung der Pflege. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden von den Pflegenden keine weiteren disziplinspezifischen Assessments durchgeführt, nicht alle Interventionen waren evidenzbasiert und die Evaluation der Ergebnisse erfolgte nicht routinemäßig, sondern nur sporadisch.

Man war sich einig, dass ein standardisiertes Pflegemodell zur Verbesserung der Pflege erforderlich war. Auf der Suche nach einem für ihren Einsatz geeigneten Modell entschieden sich die Pflegenden für eines, das evidenzbasiert, ergebnisorientiert, person-zentriert und reflexionsfokussiert sein sollte. Es folgte eine Literatursichtung und eine Befragung der Kollegen, um festzustellen, welche Modelle und Assessments sie im Haringey-Service schon benutzten und welche anderen Modelle sie sonst noch für geeignet hielten. Man kam zu dem Schluss, dass kein Modell den Bedürfnissen der Pflegenden in diesem Service gerecht wurde.

Die Evaluation der Ergebnisse war ein großes Problem, da die auf geistige Behinderungen spezialisierte Pflege zu der Zeit über kein geeignetes Tool verfügte. Daher nutzte das Modell vorerst die Health of Nation Outcome Scale Learning Disabilities (HoNOS-LD) [Instrument, das Gesundheit und soziale Funktionsfähigkeit von Patienten mit psychischen Störungen erfasst, Anm. d. dt. Hrsg.] (Roy, Matthews, Clifford, Fowler & Martin, 2002). Damit war eine Evaluation zwar möglich, doch das Tool erwies sich als ungeeignet für die Bewertung von Interventionen aus diesem Spezialgebiet. Während der Entwicklung des Modells ar|31|beitete Moulster gemeinsam mit Kollegen an der Entwicklung des Health Equality Framework (HEF) [Priorisierung klinischer Entscheidungen und Unterstützung der Messung von Ergebnissen für Menschen mit geistiger Behinderung, Anm. d. dt. Hrsg.] (Atkinson, Boulter, Hebron & Moulster, 2016). Der HEF wurde zeitgleich mit dem Modell entwickelt und später mit Erlaubnis der anderen HEF-Autoren in das Moulster/Griffiths-Modell integriert, da es als Tool zur Bewertung von Ergebnissen empfohlen wurde. Das ebenfalls in das Modell integrierte und zur Reflexion und Supervision geeignete Evidence for Practice (E4P) Tool basiert teilweise auf Informationen und Daten, die aus dem HEF stammen (s. Tab. 2-2, S. 30). [„Beweis für die Praxis“-Tool, ein problemlösender Ansatz für die klinische Praxis, der die besten Beweise und Belege aus gut konzipierten Studien, Patientenwerten und -präferenzen sowie das Fachwissen eines Klinikers bei Entscheidungen über die Patientenversorgung umfasst. Anm. d. dt. Hrsg.]

Tabelle 2-1:  Pflegemodelle, die bei der Entwicklung des Moulster/Griffiths-Modells genutzt wurden

Die Kombination von Pflegemodellen

Orem (2001)

Aldridge (2004)

McCormack & McCance (2006)

Menschen zur Selbstpflege befähigen.

Strukturiert

Voraussetzungen, d. h. die Eigenschaften der Pflegenden

Fürsorgliche Behandlung ist das, worauf es ankommt.

Person-zentriert

Die Pflege-Umgebung, d. h. der Kontext, in dem die Pflege durchgeführt wird

Pflege ist zentrales Anliegen der pflegerischen Arbeit.

Gezielt

Person-zentrierte Prozesse, d. h. die Pflege unter Anwendung bestimmter Aktivitäten durchführen

Fürsorgliche Behandlung und Gemeinschaft.

Erwartete Ergebnisse, welche die Folge effizienter Pflegeprozesse sind

Gemeinsame Verpflichtung, Menschen zu unterstützen und zu befähigen.

Das Moulster/Griffiths-Modell hat viele einzigartige Eigenschaften, aber es verwendet und kombiniert auch Elemente aus folgenden Arbeiten: Selbstpflege-Modell (Self Care Nursing Model) (Orem, 2001), ökologisches Gesundheitsmodell (Ecology of Health Model) (Aldridge, 2004), Zyklus der reflektierten Praxis (Cycle of Reflective Practice) (Gibbs, 1988), person-zentrierte Pflegeansätze (Per|32|son Centred Care Approaches) (McCormack & McCance, 2006) und HEF (Atkinson, Boulter, Hebron & Moulster, 2015) (Tab. 2-1).

Tabelle 2-2:  Die Abfolge der Stadien des Pflegeprozesses im Moulster/Griffiths-Modell

Pflegeprozess

Stadium im Moulster/Griffiths-Modell

Zusätzliche Elemente

Assessment

Person-zentrierte Überprüfung

Person-zentriertes Pflege-Assessment

HEF

Reflexion

Planung

Person-zentrierter Pflegeplan

Erkenntnisse

Reflexion

Implementation

Implementation der Empfehlungen des Pflegeplans

Reflexion

Evaluation

HEF

Evaluation des Pflegeplans

Reflexion

E4P

Das Modell enthält außerdem ein person-zentriertes Screening Tool, das auf der Arbeit von Amey, Gregson, Johnson, Moulster und Nobbs (2006) basiert. Weitere Aspekte des neuen Pflegemodells verdanken wir der Erfahrung, den Kenntnissen und den Fähigkeiten der Pflegenden. Die geeigneten Anpassungen im Zusammenhang mit der Entwicklung der Pflege-Assessments waren beeinflusst von Arbeiten in Gloucesterhire und die leicht verständlichen Pflegepläne stammen aus Quellen, die in Barnet entwickelt wurden.