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Der Begriff der mentalen Repräsentation spielt eine zentrale Rolle in Theorien über geistige Phänomene und Mechanismen der Informationsverarbeitung. Philosophen, Psychologen und Neurowissenschaftler diskutieren lebhaft darüber, wie es uns beziehungsweise unserem Gehirn gelingt, die Welt zu repräsentieren, und was mentale Repräsentationen genau sind. Der Band versammelt die zentralen Texte der Debatte – von Ned Block und Fred Dretske bis zu Jerry Fodor und Ruth Millikan – erstmals in deutscher Übersetzung. Ein Grundlagenwerk zur Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft.
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Seitenzahl: 896
Veröffentlichungsjahr: 2018
3Mentale Repräsentation
Grundlagentexte
Herausgegeben von Tobias Schlicht und Joulia Smortchkova
Aus dem Englischen von Jürgen Schröder
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Vorwort
Tobias Schlicht und Joulia Smortchkova
:
Einleitung
I
. Klassische Texte
Stephen E. Palmer
:
Grundaspekte kognitiver Repräsentation
Jerry A. Fodor
:
Propositionale Einstellungen
Zenon W. Pylyshyn
:
Die erklärende Rolle von Repräsentationen
Hartry H. Field
:
Mentale Repräsentation
Gilbert Harman
:
Begriffliche Rollensemantik
Fred Dretske
:
Wenn man etwas nicht herstellen kann, weiß man nicht, wie es funktioniert
Ned Block
:
Der Geist als Software des Gehirns
Robert Cummins
:
Repräsentation und Isomorphie
II
. Texte aus der jüngeren Debatte
Ruth G. Millikan
:
Biosemantik (2009)
Daniel D. Hutto und Erik Myin
:
Das schwierige Problem des Gehalts
Frances Egan
:
Wie man sich geistigen Gehalt vorstellen sollte
William Ramsey
:
Muss Kognition repräsentational sein?
Andy Clark
:
Radikal prädiktive Verarbeitung
Textnachweise
Hinweise zu den Autorinnen und Autoren
Fußnoten
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
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Dieser Band versammelt Texte aus der Debatte über mentale Repräsentation und die Naturalisierung der Intentionalität. Er ist konzipiert als Reader für Seminare in der Philosophie des Geistes, richtet sich aber gleichermaßen an Studierende in der Psychologie sowie den Neuro- und Kognitionswissenschaften, die sich über die theoretischen Grundlagen ihres Fachs informieren möchten.
Alle Texte erscheinen hier erstmals in deutscher Übersetzung. Die Auswahl mag manche Leserinnen und Leser überraschen, denn alternative Texte gibt es zuhauf. Sie ist erstens durch das Ziel motiviert, Dopplungen zu vermeiden, denn einige klassische Texte aus den Debatten der 1980er und 1990er Jahre, insbesondere zum Computermodell des Geistes unter anderen von Alan Newell und Herbert Simon, Marvin Minsky, Ned Block, Jerry Fodor und John Searle, sind bereits in dem Band Kognitionswissenschaft auf Deutsch verfügbar. Peter Bieris Buch Analytische Philosophie des Geistes ergänzt wichtige Beiträge von Roderick Chisholm, Daniel Dennett und Wilfrid Sellars. Weitere einschlägige Aufsätze zum Thema von Jose-Luis Bermudez, Andy Clark und David Chalmers, Robert Cummins, Jerry Fodor, Fred Dretske und anderen stellt der Grundkurs Philosophie des Geistes bereit. Schließlich erschien unlängst der Band Philosophie der Verkörperung, in dem die Debatte über die Natur des Geistes, fokussiert auf die Rolle des Körpers (mit Beiträgen beispielsweise von John Haugeland, Rodney Brooks, Shaun Gallagher und Jonathan Cole) sowie die Rolle der Umgebung (mit Texten etwa von Andy Clark, Fred Adams, Kenneth Aizawa, J. Kevin O’Regan, Alva Noë oder Susan Hurley) fortgeführt wird. Der vorliegende Band mit wichtigen klassischen Texten aus der Philosophie und Kognitionswissenschaft versteht sich als Ergänzung zu dieser Literatur.
Die Auswahl der Texte ist zudem zweitens dadurch motiviert, dass die einschlägigen und mittlerweile klassischen Texte in einen Dialog gebracht werden mit Texten von Autoren, die in den gegenwärtigen Debatten über das Schicksal und die Form mentaler Repräsentation diskutieren und so einen Einblick in die neuesten theoretischen Entwicklungen zur Fundierung der Kognitionswissenschaften gewähren.
8Wir danken den Autoren und ihren Verlagen für die Erlaubnis, diese Texte hier verwenden zu dürfen. Besonderer Dank gebührt Jürgen Schröder für seine kompetenten Übersetzungen aller Beiträge sowie Giulia Weißmann und Nike Zohm für ihre Unterstützung bei der endgültigen Bearbeitung der Druckfassung. Auch Jan-Erik Strasser und Philipp Hölzing vom Suhrkamp Verlag danken wir für die konstruktive Begleitung des Projekts und zahlreiche hilfreiche Hinweise.
Köln und Oxford, im März 2018
Tobias Schlicht und Joulia Smortchkova
9Tobias Schlicht und Joulia Smortchkova
Der amerikanische Philosoph William Ramsey beginnt sein viel diskutiertes Buch Representation reconsidered folgendermaßen: »Es ist mittlerweile wohl ein Klischee zu behaupten, dass die wichtigste explanatorische Entität in der heutigen Kognitionsforschung der Begriff der Repräsentation ist. Wie die meisten Klischees trifft es zu.« (Ramsey 2007, S. xi) Ähnlich gesteht der Psychologe George Miller, einer der Gründungsväter der Kognitionswissenschaft, dass »die ursprüngliche Vision einer Einheitswissenschaft, die die repräsentationalen und komputationalen Fähigkeiten des menschlichen Geistes und ihre strukturelle und funktionale Realisierung im menschlichen Gehirn aufdeckt, immer noch eine Anziehungskraft besitzt, der ich nicht widerstehen kann« (Miller 2003, S. 144). Und schon 1975 war der kürzlich verstorbene Jerry Fodor der Ansicht, die von ihm maßgeblich entwickelte Komputational-Repräsentationale Theorie des Geistes (KRTG) sei die einzige ernstzunehmende Theorie mentaler Vorgänge (Fodor 1975).
Der Begriff der mentalen Repräsentation bildet seit der »kognitiven Revolution« der 1950er Jahre das Herzstück der Kognitionswissenschaft und die Grundlage von Forschungsprojekten in den Neurowissenschaften, der Psychologie, der Linguistik und den Forschungen zur Künstlichen Intelligenz, in der kognitiven Anthropologie und Ethologie wie auch in der Philosophie des Geistes. In all diesen Fächern werden mentale Repräsentationen zur Erklärung geistiger Fähigkeiten wie Sprache und Wahrnehmung, Erinnern oder vernünftiges Schließen und Handeln herangezogen, ja, für viele Philosophen läuft ein Verständnis des Begriffs der mentalen Repräsentation sogar darauf hinaus, das Wesen des Denkens selbst zu begreifen.
Eine mentale Repräsentation ist eine geistige Entität mit semantischen Eigenschaften. Diese Eigenschaften beinhalten das wesentliche Merkmal, »für etwas anderes zu stehen« oder »einen Inhalt zu haben«. Die Repräsentation bezieht sich auf, bezeichnet oder handelt von etwas, das (in der Regel) außerhalb der Repräsentation selbst liegt. Der Inhalt einer mentalen Repräsentation legt die Bedingungen fest, unter denen die Referenz erfolgreich ist oder scheitert (der Inhalt kann wahr oder falsch sein, erfüllt oder unerfüllt). Beispiele für solche Repräsentationen sind Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen. Mentale Repräsentationen werden vornehmlich eingeführt zur Erklärung des flexiblen intelligenten Verhaltens von Lebewesen (siehe dazu den Text von Zenon Pylyshyn in diesem Band). Intelligentes Verhalten setzt demnach die Fähigkeit voraus, die Welt als in bestimmter Weise seiend zu repräsentieren – und je genauer die Repräsentation, desto erfolgreicher das Verhalten (Varela 1988). Damit setzt sich die Kognitionswissenschaft in ihrer Gründungsphase in den späten 1950er Jahren von dem bis dahin vorherrschenden behavioristischen Paradigma ab, das ein simples Reiz-Reaktions-Schema zugrunde legte. Typisch für die Kognitionswissenschaft sind drei Beschreibungsebenen des Verhaltens (Marr 1982, Dennett 1987): Grundlegend ist erstens die physikalische Beschreibungsebene, die allein auf die Zusammensetzung eines Systems und die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, denen es unterliegt, Rücksicht nimmt. Um das Verhalten eines Steins zu beschreiben, müssen lediglich physikalische Parameter dieser Art bekannt sein. Zweitens gibt es die funktionale Beschreibungsebene: Das Verhalten meines Weckers lässt sich am besten dadurch beschreiben, dass man auf seinen Gestaltungszweck und seine Funktionsweise Bezug nimmt. Das Material, aus dem er besteht, ist dabei zweitrangig. Drittens gibt es schließlich die repräsentationale Ebene, die insbesondere Pylyshyn im vorliegenden Beitrag von der funktionalen Ebene unterscheidet. Sie trägt deshalb entscheidend zur Erklärung des Verhaltens eines komplexen Systems (wie zum Beispiel eines Menschen) bei, weil mentale Repräsentationen als physikalisch realisierte Kodes in kausale Relationen eintreten können. Wegen der zentralen Rolle dieser Entitä11ten wurde die Kognitionswissenschaft in der Folge vornehmlich zur Wissenschaft interner Repräsentationen, wie schon ein erster Blick auf die beteiligten Felder zeigt.
Noam Chomskys (1959) ausführliche Rezension von B. F. Skinners Buch Verbal behavior gilt als eines der Gründungsdokumente der Kognitionswissenschaft, da sie zahlreiche Probleme für Skinners behavioristische Theorie des Spracherwerbs anführte. In der Folge revolutionierte Chomsky die Linguistik; mentale Repräsentationen spielten fortan eine unersetzliche Rolle. Er schlug vor, dass alle Menschen mit einem angeborenen Wissen über sprachliche Prinzipien ausgestattet sind, der sogenannten Universalgrammatik, die allen natürlichen Sprachen zugrunde liegt. Beim Erwerb einer konkreten Sprache justieren die Sprecher lediglich die Parameter ihrer einzelsprachlichen Grammatik auf der Basis des Inputs der Sprachgemeinschaft. Auch wenn zum Beispiel die Stellung des grammatischen Subjekts in Sätzen verschiedener Sprachen differiert, so haben doch alle Sprachen ein solches Subjekt. Die Linguistik wird daher von den meisten Forschern als Untersuchung einer bestimmten Form mentaler Repräsentation verstanden, die unserem Sprachvermögen zugrunde liegt. Chomskys unbewusste mentale repräsentationale Struktur dient Jerry Fodor (1975) später als Vorbild für seine Theorie einer Sprache des Denkens, für die er auch in seinem Beitrag zu diesem Band argumentiert. Auch Ned Blocks Beitrag diskutiert diese Theorie und verteidigt sie gegen John Searles klassisches Argument des Chinesischen Zimmers.
Mentale Repräsentationen, verstanden als theoretische Konstrukte sowohl in den empirischen Wissenschaften als auch in der Philosophie, haben ihre Wurzeln in unserem naiven, vortheoretischen Verständnis des Geistigen. Philosophen haben unsere Fähigkeit, auf überraschend erfolgreiche Weise das alltägliche Verhalten Anderer durch die Zuschreibung von gehaltvollen Überzeugungen und Wünschen effizient zu erklären, auch »Alltagspsychologie« genannt (Sellars 1957, Churchland 1981). Wenn eine Person zum Kühlschrank geht, um sich ein Stück Kuchen herauszunehmen, dann machen wir uns ihr Verhalten dadurch verständlich, 12dass wir auf ihren Wunsch nach Kuchen und ihre Überzeugung, dass sich im Kühlschrank Kuchen befindet, Bezug nehmen. Die Alltagspsychologie mag manchen trivial erscheinen; die Fähigkeit jedoch, Andere als Wesen zu begreifen, deren Handlungen durch ihre Überzeugungen, Wünsche und Absichten geleitetet sind, gehört zu den grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten und liegt allen anspruchsvollen sozialen Interaktionen zugrunde, zu denen Menschen fähig sind (Schlicht 2018). Ob unsere alltagspsychologischen Begriffe von Überzeugungen, Erinnerungen, Vorstellungen usw. einen legitimen Platz in der Kognitionswissenschaft haben, ist durchaus umstritten. Repräsentationale Strukturen sind allerdings zentral für die Erklärung kognitiver Leistungen, auch wenn sich Vertreter einer Repräsentationalen Theorie des Geistes über die Natur und das Format socher Repräsentationen uneinig sind.
Mentale Repräsentationen sind folglich auch bedeutsam in der Entwicklungspsychologie, die sich auf die Erklärung der Genese kognitiver Fähigkeiten konzentriert (Barresi und Moore 1996). Zunächst treten Kinder in dyadische Beziehungen entweder zu Objekten oder zu anderen Personen, sie spielen zum Beispiel mit Bauklötzen oder interagieren mit ihren Eltern. Erst gegen Ende des ersten Lebensjahres sind Kinder dazu in der Lage, in Szenen geteilter Aufmerksamkeit triadische Beziehungen sowohl zu einem Objekt als auch zugleich zu einer Bezugsperson zu etablieren (Tomasello 2001). Eine zentrale Frage der Entwicklungspsychologie lautet, ab welchem Zeitpunkt heranwachsende Kinder Andere mittels Zuschreibung von Überzeugungen und Wünschen verstehen, die sie zugleich als repräsentationale Zustände auffassen. Diese Fähigkeit wird auch als »Theorie des Geistes« bezeichnet (Gopnik und Wellman 2012). Als Lackmustest dafür, dass Kinder die repräsentationalen Zustände Anderer repräsentieren und verstehen, das heißt Metarepräsentationen entwickeln, gilt der False Belief Test. In diesem experimentellen Paradigma muss das Kind anhand einer Geschichte die falschen Überzeugungen einer anderen Person über die Welt verstehen, erschließen und zuschreiben. Heinz Wimmer und Josef Perner (1983) erfanden die Figur Max, der in Anwesenheit der Mutter Schokolade in eine Schublade in der Küche legt und danach die Szene verlässt. In seiner Abwesenheit nimmt die 13Mutter die Schokolade heraus und legt sie in den Kühlschrank. Nun wird das Kind gefragt, wo Max wohl die Schokolade suchen werde, sobald er zurückkehrt. Wenn es antwortet, dass Max in der Schublade nachsehen werde, hat es verstanden, dass Max die falsche Überzeugung hat, dass sich die Schokolade noch dort befindet. Die Fähigkeit, die nach Möglichkeit falschen Überzeugungen Anderer zu repräsentieren, die sich nicht mit der Realität decken und von den eigenen Überzeugungen abweichen, markiert einen außerordentlichen Einschnitt in der kognitiven Entwicklung des Kindes. Alison Gopnik und Henry Wellman (2012) sprechen von einer kopernikanischen Wende, bei der das Kind seine Theorie über geistige Zustände grundlegend ändert.
Tiere haben geistige Fähigkeiten in ganz unterschiedlichem Maße (Wild 2008). Die begrifflichen Fähigkeiten etwa von Hunden und Graupapageien werden wie beim Menschen durch mentale Repräsentationen erklärt (Pepperberg 2000, Newen und Bartels 2007), während etwa bestimmte Wüstenameisen nach einer unsystematischen Suche nach Futter jederzeit auf direktem Wege zu ihrem Nest zurückfinden (Gallistel 1990), selbst wenn dieses nicht in Sichtweite liegt. Die Erklärung für diese bemerkenswerte Fähigkeit beruft sich auf etwas im Innern der Ameisen, eine Repräsentation des Ortes ihres Nestes, die es ihnen ermöglicht zu wissen, welche Distanz sie in welche Richtung zurücklegen müssen. Verhaltensweisen anderer Tiere müssen nicht durch die Annahme einer Repräsentation erklärt werden. Motten, die eine Lichtquelle umkreisen, stoppen dieses Verhalten sofort, sobald die Lichtquelle verschwindet. Indem sie die Lichtquelle gar nicht repräsentieren, können sie sich auch über den Ort der Lichtquelle nicht täuschen (Vosgerau et al. 2013). Das Verhalten von Bienen wiederum wird ebenfalls durch die Annahme mentaler Repräsentationen erklärt (Millikan 1989): Eine Biene führt einen Tanz auf, der die anderen Bienen exakt darüber informiert, in welchem Winkel zur Sonne sich der Nektar befindet. Zudem hat der Tanz die Funktion, so wird angenommen, die anderen Bienen dazu aufzufordern, zur Quelle des Nektars zu fliegen. Ruth Millikan glaubt in solchen Verhaltensweisen die primitivsten mentalen Repräsentationen in der Natur zu erkennen, nämlich solche, die nicht bloß entweder 14informieren oder auffordern, sondern beides zugleich bewerkstelligen. Sie bezeichnet sie in ihrem Beitrag zu diesem Band deshalb als »Pushmi-Pullyu-Repräsentationen«.
Schließlich nimmt der Begriff der mentalen Repräsentation auch eine Schlüsselstellung in den zeitgenössischen Neurowissenschaften ein. Die kognitive Psychologie ist bereits stark verknüpft mit der experimentellen Untersuchung des menschlichen Gehirns auf dem Gebiet der »kognitiven« Neurowissenschaft. So wird zum Beispiel angenommen, dass die Funktion bestimmter neuronaler Aktivierungsmuster darin besteht, einen externen Reiz zu repräsentieren. Das Areal V1, der primäre visuelle Cortex, soll die Orientierung, die Richtung sich bewegender Objekte und Farben repräsentieren, die Region V4 wird mit Farben und die Region V5/MT mit Bewegungsinformation in Verbindung gebracht. Sind diese Areale geschädigt, so fallen diese Wahrnehmungsfunktionen einzen aus, und die Betroffenen können entweder keine Farben oder keine Bewegung mehr wahrnehmen (Koch 2005). Der Hirnforscher Antonio Damasio (2011) betrachtet es als zentrale Aufgabe von Neuronen in bestimmten Gebieten des Gehirns, den homöostatischen Zustand des gesamten Körpers eines Lebewesens zu repräsentieren, damit das Gehirn im Falle eines Ungleichgewichts entsprechende Maßnahmen ergreifen kann (zum Beispiel Neurotransmitterausschüttungen einzuleiten). Analog dazu gehen Vertreter der noch jungen Disziplin der sozialen Neurowissenschaft davon aus, dass bestimmte Neuronenverbände Handlungsabsichten repräsentieren können; sie sprechen in der Regel von Motorprogrammen oder einem »Wörterbuch der Handlungen« (Rizzolatti und Sinigaglia 2008). Die Entdecker der Spiegelneuronen vertreten die These, dass diese Neuronen motorische Handlungsprogramme enkodieren, die es uns erlauben, Handlungen auszuführen und bei anderen wiederzuerkennen. Denn die Neuronen feuern nicht nur, wenn man selbst eine bestimmte Handlung ausführt, zum Beispiel nach einer Kaffeetasse greift, sondern auch, wenn man bloß beobachtet, wie jemand Anderes diese oder eine ähnliche Handlung ausführt. Die Annahme, dass diese Neuronen repräsentieren, wird von den genannten Forschern nicht eigens verteidigt, sondern gehört zum Basisrepertoire der kognitiven Neurowissenschaft.
15Dieser kurze Überblick zeigt, dass mentale Repräsentationen ein wesentliches Werkzeug vieler Disziplinen sind (einen umfassenden Überblick bieten die Beiträge in Stephan und Walter 2013). Zu den sich daran anschließenden philosophischen Fragen gehören die Folgenden: Wird der Begriff der mentalen Repräsentation in allen Fällen auf dieselbe Weise verwendet? Welches Format haben diese Repräsentationen? Gibt es auch nichtbegriffliche Repräsentationen? Eine philosophische Analyse muss herausarbeiten, worin ihr gemeinsamer Kern besteht, was mentale Repräsentationen letztlich ausmacht und ob der so entwickelte Begriff die an ihn gestellten Aufgaben erfüllen kann. Der folgende Abschnitt rekapituliert in aller Kürze die philosophische Geschichte, die zur Annahme mentaler Repräsentationen sowie zu der sich daran anschließenden Kritik geführt hat.
Franz Brentano schlug 1874 den ursprünglich scholastischen Ausdruck der Intentionalität zur Charakterisierung des Geistigen vor:
Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches. (Brentano 1874, S. 124 f.)
Gemeint ist damit, dass Wahrnehmungen und Überzeugungen in der Regel von Gegenständen und Sachverhalten in der Welt handeln; dass Wünsche und Absichten sich auf mögliche Gegenstände und Ereignisse richten, die in Erfüllung gehen oder verwirklicht werden sollen; dass Handlungen auf das jeweils Intendierte bezo16gen sind. Gedanken können aber auch von Objekten handeln, die entweder nicht mehr existieren, wie zum Beispiel Elvis Presley, oder gar niemals existiert haben, wie zum Beispiel der Weihnachtsmann oder die Einhörner. Daher ist das intentionale Gerichtetsein offenbar keine gewöhnliche Art von Beziehung.
Wie gelingt es uns, uns auf Dinge zu beziehen, die es nicht gibt? Um dies zu erklären, verfolgten Philosophen den Ansatz, intentionale Zustände als Repräsentationen aufzufassen. Dass meine Wahrnehmung auf die Kaffeetasse vor mir intentional gerichtet ist, wird als äquivalent zu der Behauptung angesehen, dass meine Wahrnehmung die Kaffeetasse repräsentiert. Intentionale Zustände sind durch einen psychischen Modus (Überzeugung, Wunsch, Wahrnehmung, Absicht usw.) und einen Gehalt ausgezeichnet, in dem ein Objekt, Ereignis oder Sachverhalt unter einem bestimmten Aspekt vorgestellt wird. Während alle intentionalen Zustände einen repräsentationalen Gehalt haben, muss der darin spezifizierte Gegenstand nicht existieren und ein darin ausgedrückter Sachverhalt nicht zutreffen.[1] In diesem Fall entspricht dem vorgestellten Gegenstand oder Sachverhalt kein Pendant in der Welt. Der psychische Modus gibt die Beziehung an, in der man zu dem Gehalt steht. Ich kann beispielsweise wahrnehmen, wünschen, hoffen oder befürchten, dass es regnet. Tim Crane (2001, S. 28-33) bestimmt die Struktur intentionaler Phänomene daher durch die Begriffe: Subjekt – Modus – Gehalt.
Da Brentano zufolge alle geistigen Phänomene durch »intentionale Inexistenz« (Brentano 1874, S. 124) charakterisiert sind, bezeichnet er Intentionalität als das Merkmal des Mentalen und fügt außerdem hinzu: »Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.« Intentionalität markiere somit eine scharfe Grenze zwischen Geistigem und Physischem. Diese beiden Thesen Brentanos, die auch unabhängig voneinander vertreten werden können, spielen in den gegenwärtigen Debatten über Intentionalität immer noch eine zentrale Rolle, auch wenn heute keine mehr mehrheitlich vertreten wird. Zwar findet seine These, Intentionalität sei das Merkmal des Mentalen, auch heute Anhänger im Lager des so genannten 17Repräsentationalismus oder Intentionalismus (zum Beispiel Dretske 1995, Tye 1995, Byrne 2001, Crane 2001); allerdings war schon Brentanos Schüler Edmund Husserl nicht dieser Auffassung (Husserl 1984, V. Teil). Wie er verweist später auch Searle auf mentale Phänomene wie »Arten der Hochstimmung, Niedergeschlagenheit und Unruhe«, die nicht in Brentanos Sinne intentional seien, weil sie auf nichts Bestimmtes gerichtet seien (Searle 1983, S. 16.). Entsprechend unterscheiden Philosophen heute in der Regel zwischen paradigmatisch intentionalen geistigen Phänomenen wie Meinungen und Wünschen einerseits und qualitativen geistigen Phänomenen wie Empfindungen oder Stimmungen andererseits. Deutlich kommt dies in Richard Rortys Bemerkung zum Ausdruck: »Der Versuch, Schmerzen und Meinungen zusammenzukoppeln, erscheint ad hoc; sie scheinen außer unserer Weigerung, sie ›physisch‹ zu nennen, keine Gemeinsamkeiten zu haben.« (Rorty 1981, S. 33) Das Projekt der Repräsentationalisten besteht heute in erster Linie darin, das phänomenale Erleben durch Angabe einer repräsentationalen bzw. intentionalen Bedingung zu erklären (Tye 1995, Rosenthal 2005).
Brentanos zweite These, der zufolge mit der Intentionalität ein Kriterium gegeben sein soll, um Geistiges von Physischem grundlegend zu unterscheiden, wird im heute vorherrschenden Paradigma des Physikalismus nur noch selten vertreten. Der Physikalismus besagt, dass erstens alle geistigen Vorkommnisse durch physische Vorkommnisse (etwa Gehirnprozesse) realisiert und zweitens auch durch solche erklärbar sind (Kim 2004, S. 129). Eine grundlegende Verschiedenheit von Geistigem und Physischem, die durch die Intentionalität markiert sein könnte, weisen Physikalisten also zurück. Deutlich kommt dies in Hartry Fields Beitrag zu diesem Band zum Ausdruck, in dem er erklärt, dass jeder Materialist, der Überzeugungen und Wünsche wörtlich nimmt und zugibt, dass sie Beziehungen zwischen Menschen und Propositionen sind, aufzeigen müsse, dass die fraglichen Relationen nicht irreduzibel geistig sind. Hält man an Brentanos These fest, dass kein physisches Phänomen im relevanten Sinne intentional sei, stellt sich ein Dilemma, das Willard Van Orman Quine (1980) auf den Punkt bringt: Entweder hält man am Physikalismus fest und leugnet den Bereich 18des Intentionalen, oder man akzeptiert die Realität intentionaler Phänomene, muss dann aber den Physikalismus verabschieden.
Die meisten Physikalisten wollen sich nicht zwischen diesen zwei Alternativen entscheiden müssen und versuchen daher aufzuzeigen, inwiefern Intentionalität im Besonderen und der menschliche Geist im Allgemeinen in natürlichen Prozessen gründen und den Methoden der Naturwissenschaften zugänglich sein können. Das Forschungsprogramm, den menschlichen Geist durch entsprechend basalere Konzepte verständlich zu machen, wird auch als »Naturalisierung« bezeichnet. Auch wenn wenig Einigkeit darüber besteht, welchen Bedingungen genau ein erfolgreicher Naturalisierungsversuch genügen muss, so kann das erforderliche Kriterium die Form einer Ausschlussbedingung annehmen: Eine Theorie ist nicht naturalistisch, wenn sie intentionales Vokabular enthält. Für Fodor (1987, S. 126) ist eine Erklärung der Intentionalität sogar nur dann naturalistisch, wenn sie weder intentionales noch semantisches noch teleologisches Vokabular enthält. Vertreter einer Teleosemantik wie etwa Fred Dretske (1986) und insbesondere Ruth Millikan (1984) und Karen Neander (2017) rekurrieren dagegen gerade auf teleologische Beschreibungen. Quine hält eine reduktionistische Begriffsanalyse, mit der man »aus dem intentionalen Vokabular ausbrechen« könnte, für unmöglich (1980, S. 379).
Auffällig ist, dass Quine sich auf die intentionalen Ausdrucksformen und den Zirkel intentionaler Ausdrücke konzentriert, während Brentano von Phänomenen spricht. Quine unterstellt Brentano, er habe »das scholastische Wort ›intentional‹ im Zusammenhang mit den Verben der propositionalen Einstellung und verwandten Verben […] erneut zum Leben erweckt«, und bezeichnet dies als »Brentanos These von der Nichtreduzierbarkeit intentionaler Ausdrucksformen«. (Quine 1980, S. 378 f.) Das Kennzeichen der analytischen Tradition ist Dennett und Haugeland (1987, S. 385) zufolge exakt dieser taktische Rückzug auf die Untersuchung der Eigenschaften von Sätzen bzw. Aussagen über intentionale Phänomene anstelle der Untersuchung der Phänomene selbst. Diese Tradition beginnt wohl mit Roderick Chisholms (1956, 1957) ausführlicher Diskussion und Transformation von Brentanos Thesen. Der Inhalt mentaler Repräsentationen wird in dieser Tradition somit häufig als propositional angesehen, das heißt als Inhalt, der in einem dass-Satz mithilfe eines »mentalen Verbs« wiedergegeben 19werden kann: Peter glaubt, dass es regnet, Maria hofft, dass der Kaffee heiß ist usw. Die analytische Philosophie konzentrierte sich fast ausschließlich auf diese propositionalen Einstellungen (siehe paradigmatisch Fodors Text in diesem Band). Chisholms Analysen sind dafür teils verantwortlich, da er Kriterien für das Vorliegen von Intentionalität angab, die allesamt mit der Intensionalität von Sätzen zu tun haben, das heißt der logischen Eigenschaft von Verben wie glauben, wünschen, hoffen, beabsichtigen usw., intensionale Kontexte hervorzurufen. Ein intensionaler Kontext ist einer, in dem bestimmte Schlussfolgerungen nicht wahrheitswerterhaltend sind. Aus der Wahrheit des Satzes Peter glaubt, dass der Nikolaus Geschenke bringt kann ich nicht folgern, dass es einen Nikolaus geben muss und dass er Geschenke bringt. Der Satz kann auch dann wahr sein, wenn es keinen Nikolaus gibt. Die Wahrheit des Satzes verlangt nur, dass Peter dies tatsächlich glaubt. Verben ohne Verbindung zu psychischen Akten produzieren hingegen extensionale Kontexte. Aus der Wahrheit des Satzes Peter tritt gegen den Ball kann ich folgern, dass sowohl Peter als auch der Ball existieren. Intensionale Kontexte entstehen auch durch die Ersetzung von Ausdrücken, die auf dasselbe Objekt referieren. Aus Marilyn Monroe ist tot und Marilyn Monroe ist Norma Jean Baker kann ich folgern: Norma Jean Baker ist tot. Wenn wir diese Ersetzung aber in dem Satz Margret bezweifelt, dass Marilyn Monroe tot ist vornehmen, dann kann der Satz seinen Wahrheitswert verändern. Denn wenn Margret nicht weiß, dass »Marilyn Monroe« und »Norma Jean Baker« sich auf dieselbe Person beziehen, dann bezweifelt sie nicht, dass Norma Jean Baker tot ist. Sie mag den Namen Norma Jean Baker noch nie gehört haben. Für Chisholm sind Kriterien dieser Art hinreichend zur Identifikation von Intentionalität (vgl. auch Barz 2004).
Doch liegt Chisholm hier falsch, denn Intensionalität ist keineswegs hinreichend für Intentionalität. Auch modale Ausdrücke erzeugen intensionale Kontexte, obwohl sie nichts mit mentalen Phänomenen zu tun haben (vgl. Crane 2003, S. 35).
Allerdings ging es Brentano keineswegs nur um den Status oder das Schicksal intentionaler Verben, denn zu seinen Beispielen zählen auch Liebe und Hass, die sich auf Personen beziehen und nicht einfach in Form eines dass-Satzes ausgedrückt werden können, also keine propositionalen Einstellungen sind. Wir lieben oder hassen 20nicht, dass dies oder jenes der Fall ist. Wir lieben oder hassen in der Regel Personen oder Dinge und wünschen uns Eiscreme oder Ähnliches. Übersetzungen solcher Einstellungen zu Personen und Dingen in Sätze mit dass-Klauseln scheinen nur dazu da zu sein, um die Theorie zu retten (vgl. dazu Crane 2013, Kapitel 4). Interessanterweise argumentiert Uriah Kriegel (2016), dass gemäß Brentanos später Auffassung in der zweiten Auflage der Psychologie vom empirischen Standpunkt Intentionalität nicht als relationale Eigenschaft mentaler Zustände, sondern vielmehr als intrinsische Eigenschaft von Subjekten verstanden werde. Die Deutungen und Weiterentwicklungen von Brentanos Theorie der Intentionalität in der analytischen Philosophie beruhen also zum Teil auf Missverständnissen.
Hartry Fields klassischer umfangreicher Beitrag konzentriert sich ebenfalls auf propositionale Einstellungen und setzt sich insbesondere mit dem Verhältnis von mentalen Repräsentationen und dem in der analytischen Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft verbreiteten Funktionalismus auseinander. Die Position von David Lewis und Robert Stalnaker samt ihrer Semantik möglicher Welten weist Field dabei zurück. Quines Rede von der »Grundlosigkeit« der intentionalen Redeweise steht im Hintergrund von Paul Churchlands (1981) Prophezeiung, eine noch zu entwickelnde vollständige neurowissenschaftliche Theorie des Verhaltens werde in der fernen Zukunft die Alltagspsychologie ersetzen. Auch Daniel Dennett (1971, 1991) beschränkt sich auf die Analyse und den Status von Zuschreibungen intentionaler Zustände. Er sieht die Alltagspsychologie aber nicht wie Churchland in Konkurrenz zur Neurobiologie stehend. Vielmehr argumentiert er gerade für die Nützlichkeit der Strategie, zur Verhaltensvorhersage und -erklärung die »intentionale Einstellung« aus pragmatischen Gründen einzunehmen, wenn das Verhalten irgendeines Systems zu komplex ist, um es allein aus der »funktionalen« oder der »physikalischen Einstellung« heraus beschreiben zu können. Streng genommen hat nach dieser Auffassung aber kein solches »intentionales System« wirklich intentionale Zustände, weil gemäß Dennetts Materialismus nur die Beschreibungen aus der physikalischen Einstellung heraus Aussagen darüber machen, was wirklich existiert, während die Ausdrücke der Alltagspsychologie keine der21artigen Ansprüche erheben und sich streng genommen auf nichts beziehen: Intentionale Zustände sind nützliche Fiktionen. Dieser Instrumentalismus oder Fiktionalismus ist zwar gemäßigter als der Eliminativismus, aber er behandelt die propositionalen Einstellungen von Menschen nicht grundsätzlich anders als rein metaphorische Verwendungsweisen des intentionalen Vokabulars und ist damit zu undifferenziert.
Anders als Dennett versucht Fodor (1975, 1987), eine realistische Deutung der Intentionalität mit einem Physikalismus, genauer: einem Funktionalismus zu vereinbaren, indem er intentionale Zustände buchstäblich ins Gehirn verlagert. Schreibt man einer Person eine propositionale Einstellung zu, dann beschreibt man damit reale gehaltvolle Gehirnvorgänge dieser Person, so Fodor. Mentale Repräsentationen hätten nämlich die Form von Sätzen einer Sprache, konkret der Sprache des Denkens (language of thought), die im Gehirn wie das Programm eines Computers implementiert sein soll (vgl. dazu Ned Blocks Beitrag in diesem Band). Hat Peter die Überzeugung, dass Elvis noch lebt, dann ist dieser Theorie gemäß ein Vorkommnis des Satzes »Ich glaube, dass Elvis noch lebt« in Peters Gehirnstruktur (bzw. funktionalistisch gesprochen: in seiner Überzeugungsbox) realisiert. Die Sprache des Denkens sollte nicht mit einer natürlichen Sprache verwechselt werden; sie ist als Gedankenstruktur viel grundlegender als alle natürlichen Sprachen, deren Gehalte aus den Bedeutungen dieses »Mentalesischen« abgeleitet sein sollen. Die Sprache des Denkens macht verständlich, so Fodor, warum Gedanken bestimmte charakteristische Merkmale aufweisen, nämlich Systematizität, Kompositionalität und Produktivität. Dieser Erklärungsvorteil dient Fodor als Hauptargument für die Annahme einer Sprache des Geistes (siehe dazu den Beitrag von Fodor in diesem Band sowie die Texte von Ned Block und Gilbert Harman, die eine begriffliche Rollensemantik entwickeln, die eng mit der Sprache des Geistes zusammenhängt).
Obwohl sich John Searle (1983) in seiner ausführlichen Analyse der Intentionalität hauptsächlich an der Struktur von Sprechakten orientiert, identifiziert er Intentionalität nicht mit Intensionalität, sondern bezeichnet sie als eine natürliche, genauer: höherstufige biologische Eigenschaft des Gehirns. Wenn er Intentionalität somit nicht an Sprachfähigkeit knüpft, verweist er auf die zweifelsohne vorliegenden intentionalen Zustände von nichtsprachfähigen 22Wesen und von Kleinkindern. Allerdings knüpft er Intentionalität an bewusstes Erleben, insofern ihm zufolge nur solche Gehirnvorgänge intentional sind, die prinzipiell auch bewusst werden können.[2] Wie objektiv messbare Gehirnvorgänge aber subjektiv erlebte bewusste Vorstellungen sollen hervorbringen können, bleibt ungeklärt (vgl. Schlicht 2007), weswegen Searles Analogie zu biologischen Phänomenen wie Verdauung und Photosynthese letztlich zusammenbricht.
Vertreter der begrifflichen Rollensemantik wie Harman und Block (siehe ihre Beiträge in diesem Band) machen geltend, dass für die Bestimmung des Inhalts einer Repräsentation deren Beziehungen zu anderen Repräsentationen von Bedeutung sind. Sie schlagen vor, dass der Inhalt eines Begriffs dadurch bestimmt wird, welche inferentiellen Beziehungen zwischen diesem und anderen Begriffen bestehen. Jedem Begriff ist durch seinen Platz in einem inferentiellen Netzwerk also eine kausale Rolle eigen, der ihn als diesen Begriff auszeichnet. Somit repräsentiert er auch das, was er repräsentiert, aus diesem Grund. Wenn dabei alle Inferenzen berücksichtigt werden müssen, dann hängt der Inhalt eines Begriffs von einem riesigen Netzwerk miteinander lose verbundener Begriffe ab. Der Ursprung von Bedeutung oder Inhalt ist damit die funktionale Rolle der fraglichen Repräsentation. Diese Repräsentationen werden wie bei Fodor als Symbole in einer Sprache des Denkens aufgefasst. Beziehungen zwischen Repräsentationen könnten aber auch deshalb wichtig sein, weil sie einem System von Repräsentationen Struktur verleihen, die dann isomorph zu einer Struktur in der Welt sein können (Shea 2013, S. 500). Steven Palmer beruft sich in seiner ausführlichen einleitenden Diskussion des Begriffs der Repräsentation in der Kognitionswissenschaft auf das Kriterium der Isomorphie (siehe seinen Beitrag in diesem Band), doch die einflussreichste Isomorphie-Theorie des mentalen Inhalts stammt von Robert Cummins (siehe seinen Beitrag in diesem Band). Nachdem Cummins zunächst (1989) eine Version der begrifflichen Rollensemantik vertrat, entwickelte er aus seinen eigenen Kritikpunkten an diesem Ansatz 1997 eine alternative Position. In dem hier abgedruckten Kapitel seines Buches Representations, Targets and Attitudes vertritt er den Standpunkt, dass eine Reprä23sentation eine isomorphe Beziehung zwischen zwei Strukturen sei. Konkret erklärt er, dass ein System eine Repräsentation so nutze wie ein Schloss einen Schlüssel, nämlich indem es kausal durch dessen Struktur beeinflusst werde.
Viele Philosophen sind Dennett (1969) darin gefolgt, einen evolutionären Ansatz zur Erklärung der Intentionalität zu übernehmen. Solche teleofunktionalistischen Ansätze vertreten Fred Dretske (1986), aber zuvor schon Ruth Millikan (1984, 1989) und jüngst ausführlich Karen Neander (2017). Von vielen Philosophen als die »fortgeschrittensten Naturalisierungsversuche« angesehen (Detel 2001, S. 466), versuchen diese Ansätze, den semantischen Inhalt intentionaler Zustände durch Rekurs auf die Evolutionstheorie verständlich zu machen. Dretske definiert ein »repräsentationales System« zunächst über dessen Anzeigefunktion, das heißt als etwas, dessen Funktion darin besteht, Informationen über etwas außerhalb seiner selbst zu liefern bzw. etwas anzuzeigen. Frösche verfügen über einen Mechanismus, der ermöglicht, dass ihre Zunge blitzschnell herausschnellt, um nach vorbeifliegenden Fliegen zu schnappen. Dieser Mechanismus mag die Funktion haben, Fliegen anzuzeigen. Als Repräsentation mit dem Inhalt Fliege korreliert er unter optimalen Bedingungen zuverlässig mit diesen Objekten. Allerdings ist diese Anzeigefunktion nicht hinreichend dafür, den Mechanismus als eine Repräsentation von Fliegen anzusehen. Denn erstens zeigt er nicht nur Fliegen, sondern zuverlässig auch alle möglichen anderen kleinen schwarzen Punkte an, nach denen die Zunge schnappt, obwohl wir nicht behaupten wollen, dass er dadurch auch diese repräsentiert. Der Umstand, dass x die Präsenz von y anzeigt, darf nicht schon garantieren, dass x eine Repräsentation von y ist. Denn dann wäre jede Repräsentation sogleich wahr. Dretske hat seinen Ansatz daher um einen teleofunktionalen Gedanken ergänzt, den insbesondere Millikan in ihrer »Biosemantik« (1989) ausgearbeitet hat. Zweitens gibt es derartige Korrelationen zuhauf in der Natur: zum Beispiel zeigen die Ringe eines Baumes sein Alter an, ohne dass diese uns Hinweise auf die Fähigkeit zur mentalen Repräsentation lieferten.
Um dieses Problem zu lösen sowie die Möglichkeit von Fehlrepräsentation zu erklären, führt Millikan (1984) den Begriff der Eigenfunktion (proper function) ein. Diese Funktion eines Systems besteht in derjenigen Tätigkeit des Systems, die erklärt, warum es sich 24evolutionär durchgesetzt hat. Der spezifische Gehalt einer mentalen Repräsentation kann Millikan zufolge nicht dadurch bestimmt werden, was sie verlässlich, in der Regel oder gerade jetzt tatsächlich anzeigt, sondern nur dadurch, was sie anzeigen soll. So wie einem Werkzeug genau eine Funktion zukomme, zu deren Ausführung es ursprünglich konzipiert wurde, so sollen auch Lebewesen, deren Organen und letztlich auch deren (neuronalen) Repräsentationen bestimmte Eigenfunktionen wesentlich zukommen. Ein Schraubenzieher wurde zum Beispiel dazu hergestellt, um Schrauben herein- oder herauszudrehen. Dies ist die Funktion, die er im Normalfall ausüben soll, selbst wenn er tatsächlich oder in den meisten Fällen nur zum Öffnen von Bierflaschen verwendet wird. Analog dazu habe das Herz die Eigenfunktion, Blut zu pumpen, so Millikan. Der Erfinder des Werkzeugs wird hier ersetzt durch den Selektionsprozess der Evolution: weil Herzen diese Funktion (unter Normalbedingungen) ausüben (und dadurch einen Adaptionsvorteil gewähren), wurden sie selektiert. Analog dazu sei nun eine mentale Repräsentation das Resultat der Aktivität eines Mechanismus oder eines Systems, dessen Funktion darin besteht, (unter Normalbedingungen) wahre Repräsentationen zu produzieren. Gelingt dies, dann hat das Repräsentationen produzierende System seine Eigenfunktion erfüllt, aufgrund derer es sich im Laufe der Evolution durchgesetzt hat. Allerdings kooperiert das produzierende System, wie Millikan betont, stets mit einem konsumierenden System. Der Mechanismus, der die Zunge des Frosches herausschnellen lässt, repräsentiert Fliegen, obwohl er noch eine Reihe anderer Dinge wie zum Beispiel schwarze Punkte anzeigt. Einen evolutionären Vorteil gewährt er dem Frosch nämlich bloß dadurch, dass er die Funktion hat, Fliegen anzuzeigen. Von schwarzen Punkten können sich Frösche nicht ernähren. Hier sind Produzent und Konsument Teil desselben Systems. Beim bereits erwähnten Bienentanz ist es anders; der produzierende Mechanismus ist Teil der tanzenden Biene, während der konsumierende Mechanismus Teil einer zuschauenden Biene ist, an die sich die Repräsentation richtet. Weil der Mechanismus dabei auch scheitern kann, so wie das Herz dabei scheitern kann, Blut zu pumpen, kann es zu Fehlrepräsentationen kommen. Im vorliegenden Band findet sich eine aktuelle Zusammenfassung von Millikans Theorie aus dem Jahre 2009.
Von Brentano geht noch eine zweite philosophische Tradition aus, nämlich die Phänomenologie, die bei Brentanos Schüler Edmund Husserl beginnt und in gewissem Sinn im heute an Popularität gewinnenden Enaktivismus in den Kognitionswissenschaften kulminiert (Gallagher 2012, Käufer und Chemero 2015). Dazu unten mehr. Obwohl hier keine Texte aus dieser wichtigen philosophischen Strömung abgedruckt sind, sollen gerade im Hinblick auf die neueren Debatten zum Enaktivismus einige allgemeine Überlegungen dazu angestellt werden. Einen Einstieg zu einem Verständnis der fundamental unterschiedlichen Zugänge zur Intentionalität in diesen beiden Traditionen liefert Searles (1983) Theorie der Intentionalität, speziell seine Theorie des »Hintergrunds« grundlegender nichtrepräsentationaler Fähigkeiten, Fertigkeiten und Annahmen. Searle hat in Analogie zu Sprechakten eine grundsätzliche Begrifflichkeit entwickelt, mit der intentionale Zustände wie Überzeugungen und Wünsche, Wahrnehmungen und Absichten beschrieben werden können. Alle intentionalen Zustände haben Erfüllungsbedingungen und eine Ausrichtung. Wünsche haben beispielsweise eine Welt-auf-Geist-Ausrichtung, da sich die Welt verändern muss, damit der Wunsch erfüllt wird. Überzeugungen haben dagegen eine Geist-auf-Welt-Ausrichtung, da die Überzeugung nur dann wahr ist, wenn sie zur Welt passt bzw. den Zustand der Welt angemessen präsentiert. Searle argumentiert allerdings dafür, dass jeder intentionale Zustand wichtige Voraussetzungen hat:
Nur vor einem Hintergrund von Fähigkeiten, die selbst keine intentionalen Zustände sind, haben intentionale Zustände ihre Erfüllungsbedingungen und sind mithin erst dadurch die Zustände, die sie sind. Um jetzt die intentionalen Zustände haben zu können, die ich habe, muss ich gewisse Arten von Know-how haben: ich muss wissen, wie die Dinge sich verhalten, und ich muss wissen, wie man gewisse Sachen macht; aber die fraglichen Arten von Know-how – also Arten des Könnens – sind hier keine Formen des Wissens, dass etwas der Fall ist. (Searle 1983, S. 182)
Dazu zählt Searle insbesondere Fähigkeiten, die zum Beispiel Menschen schon rein aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit haben: gehen, essen, greifen und wahrnehmen können. Hinzu kommen aber auch kulturelle Fähigkeiten wie Türen öffnen, Bier aus Flaschen trinken und Auto fahren. Searle zufolge gibt es keine 26scharfe Grenze zwischen dem erforderlichen Wissen, wie die Dinge sind, und dem erforderlichen Wissen, wie man bestimmte Sachen macht. Zu wissen, was eine Apfelsine ist, beinhaltet ein Wissen darüber, was man gewöhnlich mit Apfelsinen machen kann, zum Beispiel sie schälen und verzehren. Wie wir unten noch ausführen werden, erinnert dies an James Gibsons (1981) Begriff der Affordanzen, also Handlungsmöglichkeiten, die wir in der Umgebung um uns herum jederzeit wahrnehmen. So informiert uns die Wahrnehmung darüber, dass eine Apfelsine ein Nahrungsmittel ist, aber auch darüber, dass sie als Wurfgeschoss verwendet werden könnte; sie ermöglicht uns gewisse Handlungen. Searle allerdings setzt die Hintergrundfähigkeiten lediglich als Bedingung von Intentionalität und Repräsentation an, ohne sie näher zu erklären oder zu analysieren.
Die Phänomenologen Edmund Husserl, Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty teilen die Ansicht, dass es sich bei den genannten verkörperten Praktiken um eine genuine Art von Intentionalität handle, nämlich um motorische Intentionalität bzw. »Bewegungsintentionalität« (Merleau-Ponty 1966, S. 136). Motorische Intentionalität soll grundlegender sein als die Intentionalität mentaler Akte, speziell propositionaler Einstellungen. Anders als bei den analytischen Philosophen steht hier nicht unser mögliches Gerichtetsein auf fiktionale Gegenstände im Vordergrund, sondern vielmehr unser ganz praktisches körperliches Verhältnis zu existierenden Gegenständen in unserer unmittelbaren Umgebung. Bei Heidegger ist ein typisches Beispiel unser Hantieren mit Werkzeugen wie zum Beispiel einem Hammer, der für spezifische praktische Zwecke gemacht wurde. Charakteristisch für unseren unmittelbaren praktischen Zugang zur Welt sind demgemäß geschickte Manipulationen von Alltagsgegenständen mithilfe unseres Körpers. Erst wenn unser Equipment nicht funktioniert oder uns im Weg steht oder unser praktischer Zugang zur Welt aus anderen Gründen behindert ist, nehmen wir eine distanzierte Haltung zur Welt ein, wie sie für kognitive Akte propositionaler Art charakteristisch ist. Michael Wheeler (2005, S. 142) benennt diesen Unterschied mit den Ausdrücken Online- vs. Offline-Intelligenz. Heidegger entwickelt allerdings keine eigene Theorie des Körpers; dies bleibt Merleau-Ponty vorbehalten, der sodann zwischen dem physischen »Körper« als gewöhnlichem Objekt der Erkenntnis und dem »Leib« unter27scheidet, wobei Letzterer die Dimension des erlebten und erlebenden Körpers bezeichnet. Merleau-Ponty (1966, S. 166) überträgt seine Überlegungen zu Motorik und motorischen Störungen bei bestimmten Patienten auf das Bewusstsein und versteht »die Motorik unzweideutig als eine ursprüngliche Intentionalität« im Sinne eines »Ich kann« anstelle eines »Ich denke«.
Beide rekurrieren auf die wegweisenden Arbeiten von Edmund Husserl, der von Brentano den Begriff der Intentionalität übernahm und ihn zum Herzstück seiner phänomenologischen Theorie des Bewusstseins machte. Als Grundlage seiner Theorie intentionaler Akte entwickelte er den Begriff der »fungierenden Intentionalität«, der dann auch eine wichtige Rolle für Merleau-Pontys Begriff der Bewegungsintentionalität spielt. Gemeint ist, dass ein Erlebnissubjekt mittels seines gesamten Körpers intentional mit seiner Umgebung interagiert (Gallagher 2012, S. 76-80). Husserl arbeitet heraus, inwiefern unser Körper als egozentrisches Prinzip des Erlebens fungiert, indem er die Perspektive des Subjekts auf die Welt bestimmt. Seine Analysen, inwiefern Augen-, Kopf- und Körperbewegungen unsere Wahrnehmungen zugleich ermöglichen und begrenzen, hatten großen Einfluss auf Alva Noës (2004) enaktivistische Theorie der Wahrnehmung. Wir erleben unseren eigenen Körper nicht primär als ein Objekt neben anderen, sondern im Hinblick auf sein Potenzial für Handlungen und als Erlebnisorgan. Noë dient entsprechend der aktive Charakter des Tastsinns als Vorbild für seine Theorie der visuellen Wahrnehmung (2004, S. 96-100). Jede Objektwahrnehmung ist durch unseren Körper vermittelt und ermöglicht. Merleau-Ponty wählt das Beispiel der »erotischen Wahrnehmung«, um zu zeigen, inwiefern ein beschränkter Fokus auf propositionale Einstellungen irreführend ist. Mittels unseres Körpers sind wir auf einen anderen Körper gerichtet, und diese Intentionalität findet in der Welt statt. Die Bewegungsintentionalität ist verbunden mit der Sensibilität für Affordanzen, wie sie Gibson hervorhebt. Affordanzen sind keine festgelegten Eigenschaften, sondern emergierende Eigenschaften, die aus der Kopplung eines Lebewesens mit seiner Umgebung erwachsen. Entscheidend dafür sind die je spezifischen sensomotorischen Fähigkeiten des Lebewesens. Eine Steilwand mag einen Steinbock zum Hinaufklettern einladen, einen vier Monate alten Säugling jedoch nicht. Eine ebene, harte Oberfläche erlaubt vielen 28Lebewesen eine ungehinderte Fortbewegung, während Nässe oder ein Ölfilm vielen Lebewesen diese Möglichkeit nehmen. Anderen Tieren gelten diese Angebote nicht zwangsläufig, und wenn doch, dann nicht in derselben Weise, da im Begriff der Affordanz gleichermaßen Rücksicht auf die Merkmale des Lebewesens und der Umgebung genommen wird. Wahrnehmen und Navigieren in der Umwelt gelingen einem Lebewesen, so Gibson, ohne dass sein Gehirn eine Kopie der Umwelt erstellen müsste. Wie in den Beispielen deutlich wird, schließt die Umgebung auch die vom Menschen strukturierte bzw. manipulierte Umwelt ein.
Die phänomenologische Konzeption des unmittelbaren praktischen Gerichtetseins auf die Umgebung ist insofern entwicklungspsychologisch plausibel, als Kinder Gegenständen meist zunächst dadurch begegnen, dass sie diese im Hinblick auf Handlungsmöglichkeiten erforschen. Natürlich sind mit diesen knappen Überlegungen nur wenige Grundzüge der phänomenologischen Theorien der Intentionalität angerissen worden. Der springende Punkt ist jedoch, dass die Fokussierung auf propositionale Einstellungen den Blick auf das reichhaltige Phänomen der Intentionalität einschränkt. Wie schon angedeutet, hatte die phänomenologische Dimension der Verkörperung intentionaler Fähigkeiten einen großen Einfluss auf die jüngere Entwicklung der Kognitionswissenschaften, denn mit den damaligen Phänomenologen teilen die heutigen Enaktivisten die skeptische Haltung gegenüber dem Begriff der mentalen Repräsentation. Die sich an die phänomenologischen Überlegungen teils anschließenden, teils darüber hinausgehenden Konzeptionen des verkörperten und erweiterten Geistes werden in der Textsammlung Philosophie der Verkörperung ausführlich abgebildet und in der dortigen Einleitung kompetent erläutert.
Wie schon angedeutet, kulminieren die beiden philosophischen Traditionen der analytischen und phänomenologischen Philosophie in den heutigen Debatten über Paradigmen in der Kognitionswissenschaft (vgl. auch Schlicht 2008). Dazu folgen nun einige grundsätzliche Überlegungen.
Die lange Zeit in der Kognitionswissenschaft dominierende Auffassung über die Funktionsweise des Geistes beruht auf der Annahme, Lebewesen seien »physikalische Symbolsysteme« (Newell und Simon 1972). In ihrer Ablehnung des Behaviorismus war den frühen Kognitionswissenschaftlern »daran gelegen, die funktionale Eigenständigkeit einer kognitiven Zwischeninstanz zwischen sensorischem Input und motorischem Output […] zu etablieren und die kognitiven Mechanismen auf ihre Gesetzmäßigkeiten freizulegen« (Breyer 2015, S. 28). Kognitive Prozesse spielen sich im Gehirn ab und sind gleichsam eingeklemmt zwischen passiv empfangenen Signalen der Außenwelt einerseits und aktiv produzierten Handlungen in ebendieser Außenwelt andererseits. Die Umgebung eines kognitiven Systems fungiert als Quelle solcher Inputs und als Arena für Outputs. Susan Hurley (1998) bezeichnet dies als »Sandwich-Modell« der Kognition, da die theoretisch interessanten kognitiven Prozesse zwischen In- und Outputs vermitteln wie der Belag zwischen zwei Weißbrotscheiben. Pylyshyn (1984) skizziert in seinem Buch Computation and Cognition, inwiefern Kognition als Rechenprozess definiert werden kann, also als eine Operation, die über Symbole ausgeführt wird, die etwas repräsentieren sollen. Diese Idee wurde bereits von Thomas Hobbes im Leviathan entwickelt, konnte aber erst im Computerzeitalter mit Leben gefüllt werden. Eine konkrete Version dieser Grundidee ist die »komputational-repräsentationale Theorie des Geistes« (KRTG), die Jerry Fodor entwickelt hat (Fodor 1975). Demnach besteht Denken in der Manipulation expliziter, diskreter, sprachähnlicher Symbole anhand expliziter Regeln (diese Konzeption wird ausführlich erläutert in Ned Blocks Beitrag in diesem Band). Die physikalische Natur des Geistes ist begründet in der Existenz solcher mentalen Symbole, die zwei Aspekte aufweisen: Einerseits haben mentale Repräsentationen einen Inhalt, insofern sie für etwas stehen, das von ihnen verschieden ist. Andererseits sind sie im Gehirn realisiert, das heißt, sie korrespondieren neuronalen Aktivierungsmustern, die als physikalische Implementierung der Repräsentationen angesehen werden. Kurz gesagt: ein bestimmtes Aktivierungsmuster im Gehirn realisiert eine konkrete Überzeugung. Die semantischen Eigenschaften (die Bedeutung) der mentalen Symbole harmonisieren mit ihren syntaktischen oder formalen Eigenschaften (auf 30neuronaler Ebene), so wie in einer Turing-Maschine die komputationale Rolle eines Symbols in seinen physikalischen Eigenschaften (in seiner Form) fundiert ist. KRTG modelliert somit den Geist in Analogie zum digitalen Computer, denn dieser verwendet ebenfalls bestimmte Regeln (ein Programm) zur Manipulation von Symbolen (Zeichenreihen), die für etwas anderes stehen (vgl. den ausführlichen Überblick von Münch 1992). Es ist klar, wie ein physisches Symbolsystem Berechnungen ausführen kann; wenn also das Gehirn als so ein physisches Symbolsystem betrachtet werden kann, dann wäre dies ein großer Schritt hin zur Lösung des philosophischen Rätsels, wie der Geist in der physikalischen Welt fundiert sein kann.
Nicht alle Philosophen teilen die Ansicht, dass mentale Repräsentationen die Rolle spielen können, die ihnen laut KRTG und naturalistischen Theorien des mentalen Inhalts zugewiesen wird. Das liegt unter anderem daran, dass Fodor und seine Nachfolger einen anspruchsvollen Begriff der mentalen Repräsentation zugrunde legen, der sie als symbolisch, vollständig und detailreich charakterisiert. Gerade in den letzten Jahren wurden differenzierte Argumente gegen den Begriff der mentalen Repräsentation im Allgemeinen und gegen KRTG im Besonderen vorgebracht, was wiederum eine Dynamik neuer Repliken von Vertretern des Repräsentationalismus in Gang setzte. Manche Kritiken entstammen auch dem Umfeld von KRTG selbst, so schlägt zum Beispiel Gualtiero Piccinini (2008) vor, den repräsentationalen Aspekt des Geistes vom komputationalen Aspekt zu trennen und sich dabei mehr daran zu orientieren, was über die Arbeitsweise des Gehirns herausgefunden wurde. Nico Orlandi (2014) vertritt die These, dass mentale Repräsentationen lediglich am Ende des komputationalen Verarbeitungsprozesses stehen, dass aber an den dahin führenden kognitiven Operationen selbst keine Repräsentationen beteiligt sind. Andere Kritikpunkte betreffen die Naturalisierungsversuche des Inhalts durch Anführen einer angemessenen kausalen, historischen oder asymmetrischen Beziehung der Repräsentation zu der Entität, die sie repräsentiert. Shea (2014) und andere entwickelten zum Beispiel alternative Relationen wie »Isomorphismus«, »Homomorphismus« oder »strukturelle Ähnlichkeit«, um die Probleme 31traditioneller Ansätze zu vermeiden, die allesamt mit dem »schwierigen Problem des Inhalts« zu kämpfen haben, wie Daniel Hutto und Erik Myin in ihrem Beitrag zu diesem Band argumentieren (vgl. Hutto, Myin 2013).
William Ramsey macht in seinem Aufsatz (in diesem Band) darauf aufmerksam, dass unterschiedliche Autoren kognitive Prozesse und Architekturen als solche definierten, die repräsentationale Zustände und Strukturen beinhalten. Kognitive Theorien würden ebenfalls häufig als repräsentational bezeichnet. Er diskutiert mehrere Gründe dafür, dieses Vorgehen in der Kognitionswissenschaft abzulehnen. Es schränke zum Beispiel unsere Theoriebildung unnötig ein und untergrabe den empirischen Status von KRTG. Vielmehr solle man von einer adäquaten Charakterisierung der Explananda der Kognitionswissenschaft ausgehen und dann – wie in den Naturwissenschaften üblich – überprüfen, welche Theorie diese Explananda am besten erklärt. Er appelliert an die Experten selbst, die eine intuitive Vorstellung davon hätten, was als typische kognitive Fähigkeit zu gelten habe, zum Beispiel Lernen, Wahrnehmung, Gedächtnisleistungen, Denken, Handeln, Sprache, Bewusstsein usw. Alle Theorien, die zur Erklärung dieser Explananda einen Beitrag leisteten, seien ipso facto kognitionswissenschaftliche Theorien, ob sie dabei nun auf mentale Repräsentationen zurückgreifen oder nicht.
Frances Egans Text ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich im Laufe der Zeit der Fokus der Diskussion verschoben hat. War zunächst – wie in den Texten von Field, Fodor und Pylyshyn deutlich wird – die Motivation zur Einführung von mentalen Repräsentationen eng an das Ziel einer Fundierung der Alltagspsychologie gekoppelt, um zum Beispiel die kausale Wirksamkeit unserer Wünsche und Absichten für unsere Handlungen zu sichern, so tritt dieses Ziel bei den Verteidigern mentaler Repräsentationen heute in den Hintergrund. Robert Rupert (im Erscheinen) macht darauf aufmerksam, dass die zweite Generation der Verfechter mentaler Repräsentationen – darunter Chris Eliasmith (2003), Marius Usher (2001), Dan Ryder (2004) und Nick Shea (2014) – weniger an der Wahrheit der Alltagspsychologie interessiert sind als an den theoretischen Grundlagen der Kognitionswissenschaft. Eine wichtige Konsequenz dieser Verschiebung sei die Infragestellung der Repräsentationsbeziehung selbst, die nicht (mehr) für bare Münze 32genommen werde. Wenn das Konzept der mentalen Repräsentation selbst als theoretische Annahme betrachtet wird, dann muss sich jede noch so spezifische Erklärung an ihrem explanatorischen Erfolg hinsichtlich der zentralen Explananda der Kognitionswissenschaften messen lassen. Frances Egan drückt ihren Skeptizismus bezüglich mentaler Repräsentationen mit Verweis auf die tatsächliche Praxis in den Kognitions- und Neurowissenschaften aus. Sie unterscheidet rein mathematische von kognitiven Gehalten und behauptet, dass die typischen komputationalen Modelle in der Kognitionswissenschaft lediglich auf die mathematischen Gehalte Bezug nehmen, aber die kognitiven allenfalls als Anmerkung (gloss) anerkennen würden. Die von einem typischen kognitiven System berechneten Funktionen hätten bloß mathematische Werte, und die neuronalen Vorgänge im Gehirn bedienten sich Repräsentationen dieser rein mathematischen Entitäten. Der damit assoziierte kognitive Gehalt erlaubt uns, die psychologische Rolle zu verstehen, die die mathematische Berechnung im Hinblick auf die kognitive Fähigkeit spielt, die wir erklären wollen. Die Zuschreibung dieses kognitiven Gehalts sei jedoch, so Egan, abhängig von unseren explanatorischen Interessen und daher nicht mehr als eine Art und Weise, das tatsächlich Geschehende zu beschreiben (vgl. dazu die Kritik von Ramsey, im Erscheinen).
Weitere Kritikpunkte werden von außen an KRTG herangetragen, unter anderem von Vertretern des so genannten enaktiven Paradigmas in der Kognitionswissenschaft. Diese Bezeichnung – die Francisco Varela (1988, S. 91, Anmerkung) eigentlich nur »als Behelf dienen« sollte, bis eine bessere Bezeichnung gefunden würde – steht für die Betonung der zentralen Rolle von Verkörperung und Situiertheit kognitiver Phänomene. In den klassischen kognitivistischen Ansätzen spielen der über das Gehirn hinausgehende Körper und die eine Person umgebende Situation keine große explanatorische Rolle. Fingerhut et al. (2013, S. 18) sprechen gar von der »Körpervergessenheit und […] Körperverachtung« dieser Traditionen. Die unter dem Stichwort der situierten Kognition versammelten theoretischen Positionen machen geltend, dass wir der Natur kognitiver Prozesse mit dem verengten Fokus auf Gehirnprozesse nicht gerecht werden können. Vielmehr müssen 33wir in unseren Erklärungen der Kognition beachten, inwiefern sie (a) verkörpert (embodied) und (b) in die unmittelbare natürliche, technische und soziale Umgebung eingebettet (embedded) ist und (c) oft gar in diese Umgebung hinein erweitert (extended) und auf mehrere Individuen verteilt (distributed) sein kann. Dieser neue Ansatz zur Kognition (siehe die Beiträge in Newen, de Bruin, Gallagher 2018) wird als Paradigmenwechsel verstanden, insofern das klassische Computer- und Sandwichmodell des Geistes völlig verworfen wird. Statt als digitaler Computer wird der Geist als komplexes dynamisches System aufgefasst, das über seine Aktivitäten wesentlich auf seinen Körper angewiesen ist und sich über die Grenze des Gehirns und Körpers auch hinaus in die physische und soziale Umgebung hinein erstrecken kann, etwa wenn ein Lebewesen auf angemessene Weise mit Aspekten der Umgebung zu einem komplexeren System »verkoppelt« ist. Die provokante These der Enaktivisten lautet, dass man die meisten kognitiven Fähigkeiten von Lebewesen erfolgreich erklären kann, ohne auf problematische Entitäten wie mentale Repräsentationen zurückzugreifen (Varela et al. 1991, Hutto, Myin 2013).
Die bahnbrechenden Arbeiten von Rodney Brooks (1991) zur Robotik waren ebenfalls ein wichtiger Beitrag zur Einleitung der Phase der »Kognitionswissenschaft ohne Repräsentationen«. Brooks entwickelte Roboter, die sich zielgerichtet in der Umgebung bewegen und mit Objekten darin erfolgreich interagieren können, ohne über einen zentralen Mechanismus zu verfügen, der Repräsentationen erzeugt und manipuliert. Diese nichtrepräsentationale Architektur demonstriert Fähigkeiten, die ansonsten in einer KRTG-Architektur implementiert wurden, wie etwa die zielgerichtete Suche nach Objekten: »Bei der Untersuchung sehr einfacher Intelligenz lässt sich feststellen, dass explizite Repräsentationen und Modelle der Welt eher hinderlich sind, und es hat sich gezeigt, dass es besser ist, die Welt als ihr eigenes Modell zu benutzen. […] Repräsentationen sind die falsche Abstraktionseinheit beim Bauen der sperrigsten Teile von intelligenten Systemen.« (Brooks 1991/2013, S. 145) Mit anderen Worten: In Brooks’ Robotern gibt es nichts, was als interne Repräsentation angesehen werden kann, die für Aspekte der Umgebung »steht«. Dieser Ansatz steht dem enaktiven Ansatz im Prinzip nahe, weil dort das Subjekt direkt mit seiner Umgebung interagiert, ohne dass mentale Reprä34sentationen postuliert werden, die dieses erfolgreiche intelligente Verhalten ermöglichen.
Die These der radikalen Verkörperung der Kognition geht auf die Pionierarbeiten von Francisco Varela zurück und betrifft bereits die Kernthese des Enaktivismus, der Kognition als verkörpertes Handeln auffasst:
Mit verkörpert meinen wir zweierlei: Kognition hängt von Erfahrungen ab, die ein Körper mit verschiedenen sensomotorischen Fähigkeiten ermöglicht. Diese sind ihrerseits in einen umfassenderen biologischen, psychologischen und kulturellen Kontext eingebettet. Mit Handeln möchten wir […] betonen, dass sensorische und motorische Prozesse, Wahrnehmung und Handlung, in der lebendigen Kognition prinzipiell nicht zu trennen sind. Beide gehören aber bei Individuen nicht zufällig zusammen, sondern haben sich auch gemeinsam entwickelt. (Varela et al. 1992, S. 238)
Auf die Wahrnehmung trifft dies im Besonderen zu, sie ist »wahrnehmungsgeleitetes Handeln« (Varela et al. 1992, S. 238). Daher, so Noë (2009, S. 22 f.), »sollten wir es als etwas sehen, was wir tun, als etwas, das wir aktiv betreiben«. Das gilt auch für die restliche Bandbreite der kognitiven Leistungen, denn seiner Meinung nach können »sinnvolle Gedanken nur da entstehen, wo das ganzheitliche Lebewesen dynamisch mit seiner Umwelt interagiert« (ebd.). Gemeinsam ist diesen Theorien die These, Kognition dürfe nicht als Resultat von Gehirnprozessen betrachtet werden, die durch Umweltreize stimuliert werden und lediglich eine vorgefundene Welt repräsentieren sollen. Diese Kernidee wurde von zahlreichen Philosophen, zum Beispiel von Shaun Gallagher (2005) oder Hutto, Myin (2013, 2017) aufgenommen und in diverse Richtungen weiterentwickelt.
Der radikale Enaktivismus von Daniel Hutto und Erik Myin (2013, 2017) bricht am deutlichsten und gründlichsten mit KRTG und allen traditionellen Konzeptionen von Kognition, da elementare kognitive Fähigkeiten – vor allem Wahrnehmungen und zielgerichtete Handlungen, aber auch Vorstellungen und Erinnerungen – keiner Verarbeitung mentaler Repräsentationen bedürften. Solche basalen kognitiven Leistungen seien vielmehr interaktiv, dynamisch und relational, aber nicht auf die Aufnahme und Verarbeitung von Information oder gar Inhalten angewiesen, die dann benutzt, wiederverwendet, gespeichert und im Gehirn reprä35sentiert würden (Hutto, Myin 2017, S. xiv). Stattdessen könnten elementare kognitive Leistungen von erwachsenen Menschen, anderen Tieren und insbesondere Kleinkindern über verkörperte, raumzeitlich ausgedehnte Interaktionen dieser Lebewesen mit ausgewählten Aspekten ihrer Umgebung verstanden werden, die empfindlich für Informationen sind. Die komplexe Gehirnaktivität, die solche Interaktion ermöglicht, repräsentiert nicht die Umwelt, sondern antizipiert, beeinflusst und koordiniert die Reaktionen im Hintergrund (ebd.). Zieht man die kognitive Verarbeitung von Repräsentationen aus ihrer Klammer aus Angeboten (Reizen) der Umgebung und Handlungen (Reaktionen) des Lebewesens heraus, dann wird das Sandwich-Modell in eine Variante des Behaviorismus transformiert, so scheint es, denn zurück bleibt ein Reiz-Reaktions-Schema. Hutto und Myin (2013) sind mit keiner der oben erwähnten Theorien mentalen Inhalts zufrieden, auch nicht mit der Teleosemantik. Ihren zentralen Vorwurf an die Vertreter aller repräsentationalistischen Ansätze bezeichnen sie als das »schwierige Problem des Gehalts« (siehe ihren Beitrag in diesem Band). Damit meinen sie das Problem, allein mit Mitteln der empirischen Wissenschaften die natürlichen Quellen des Gehalts der vermeintlichen mentalen Repräsentationen zu erklären, die angeblich zur Erklärung einfacher kognitiver Akte erforderlich seien – sei es durch kovariante Information, Eigenfunktionen oder eine Kombination beider. Jeder Vertreter des Repräsentationalismus müsse sich daher der Aufgabe stellen, mentalen Inhalt naturalistisch zu erklären, ohne mentale Repräsentationen als unerklärte fundamentale Entitäten zu postulieren. Da sie weit und breit keine Theorie sehen, die dies zu leisten vermag, schlagen sie einen alternativen Weg ein, der einfache kognitive Fähigkeiten ohne Rekurs auf mentale Repräsentationen zu erklären versucht (vgl. dazu die Replik von Milkowski 2016). Ramsey (2007) fügt dem schwierigen Problem des Gehalts die Aufgabe hinzu, jeweils das Postulat einer mentalen Repräsentation durch eine angemessene (funktionale) »Jobbeschreibung« zu rechtfertigen. Es gelte nicht nur zu erklären, wie der Inhalt einer Repräsentation bestimmt wird, sondern auch anzugeben, warum eine konkrete physische Entität (oder ein Prozess) als Repräsentation angesehen werden sollte.
Diese und andere Kritiken, die hier nicht alle rekapituliert werden können, stellen den Nutzen und selbst die Kohärenz des Begriffs der mentalen Repräsentation in Frage. Es gab freilich auch die unterschiedlichsten Versuche, den traditionellen Begriff der KRTG
