Merkeljahre sind keine Herrenjahre - Bov Bjerg - E-Book

Merkeljahre sind keine Herrenjahre E-Book

Bov Bjerg

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Beschreibung

Angela Pastorentochter war gefühlt zwei Jahrzehnte der Anker im Chaos der Berliner Republik. Stürmische Zeiten waren das! Doch irgendwie hielt sie Kurs auf der Kommandobrücke: konzeptlos, visionslos, alternativlos – und immer bereit zur Wende von der Wende der Wende. In ihren legendären Jahresrückblick-Shows begeistern Bov Bjerg, Horst Evers, Hannes Heesch, Manfred Maurenbrecher und Christoph Jungmann (alias „Angie die Merkel“) auf der Bühne, nehmen sich die politischen Ereignisse zur Brust und setzen kabarettistische Schlusspunkte zum Ausklang eines jeden Jahres. Höchste Zeit, nunmehr zwanzig Jahre Berliner Republik im Zeichen der Raute Revue passieren zu lassen – lakonisch, bissig und garantiert schräg.

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Über das Buch

Bjerg, Evers, Heesch, Jungmann und Maurenbrecher – fünf höchst unterschiedliche Typen der Berliner Kleinkunstszene. Was sie eint? Das Kommentieren des Zustands der Berliner Republik. Am Ende jedes Jahres blicken sie auf die Themen der vergangenen zwölf Monate zurück. 20 Jahre und 20 Bühnenprogramme später ist eine Form von Gesamtwerk entstanden – Zeit, den Zustand der Berliner Republik anhand dessen endlich einmal in einem gemeinsamen Wurf zu verorten! Die Selbstgewissheiten der Bonner Puppenstube sind passé. Das gute alte Vier-Parteiensystem hat sich längst aufgelöst. Soziale Unsicherheiten, nationalistische Umtriebe, Energiewenden von der Energiewende der Energiewende. Und außenpolitisch? Uneingeschränkte internationale Verantwortung an der Seite von Typen wie Trump, Putin, Orbán und Erdoğan? Die fünf Kabarettisten bringen Licht ins Chaos. Vorhang, äh … Buch auf für ein neues Programm aus 20 Jahren Rückblick. »Best-of«, bisher Unveröffentlichtes und Blick hinter die Kulissen inklusive!

Über die Autoren

Horst Evers (*1967), Bov Bjerg (*1965), Hannes Heesch (*1966), Christoph Jungmann (*1962) und Manfred Maurenbrecher (*1950) bilden das famose Fünfer-Ensemble des kabarettistischen Jahresrückblicks im Berliner Mehringhoftheater. Seit 1997 begeistern sie Jahr für Jahr Tausende Zuschauer mit treffender Politsatire und Zeitgeistkritik. Sie alle haben ihre Wurzeln in verschiedenen Berliner Lese- und Kabarettbühnen sowie im Improvisationstheater.

Bov Bjerg · Horst Evers · Hannes Heesch ·

Christoph Jungmann · Manfred Maurenbrecher

Merkeljahre sind keine Herrenjahre

ullstein extra

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ISBN 978-3-8437-2172-1

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlagabbildung: Michael SowaUmschlaggestaltung: Sabine Wimmer, Berlin© Garderobenskizze: Bernd Schirpke© Autorenfoto: David Baltzer, Agentur ZenitE-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Über das Buch und die Autoren

Titelseite

Impressum

Vorwort

1 Prä-Historie und Vor-Geschichten:

Garderobengespräch 1999

Auf Wiedersehen, D-Mark

Gerhard Schröder: Nachdenken über 9/11 und die »Uneingeschränkte Solidarität«

Der Lichtenberger: Gysi ist busy

Otto Schily: Verbot einer besonders aggressiven extremistischen Vereinigung

2 Angies Aufstieg:

Garderobengespräch 2002

Angela Merkel: Nachwahlzeit

Angela Merkel und Edmund Stoiber

No Americans in Bagdad

Gerhard Schröder: Rot-Grün auf Fahrradtour

Der Untergang (des Abendlandes)

Meine Merkel

3 Schwarz-Roter Aufschwung:

Garderobengespräch 2005

Hemd auf, Hose runter

Netzer und Delling: Deutsche Identität

Gimme Hope, Obama

Vorratsdatenspeicherung

Angela Merkel und Franz Müntefering

Jahresvorschau auf 2009

4 Schwarz-Gelber Höhepunkt:

Garderobengespräch 2009

Guido Westerwelle: 15 Prozent!

Du kannst es – Rede an Sarrazin

Eyafjallajökull

Der Lichtenberger: Steglitz

Der Lichtenberger: Alles muss raus

Die Versuchsanordnung der Eurokrise

Paradies Rüdi

Schwabenhass – Ein Essay

Angela Merkel: Bye-bye Atomkraftwerk

Joachim Gauck: Sorge, Mut, Trost und Tränen

V-Mann-Style

Angela Merkel und Peer Steinbrück I

Meine Männer

5 Rot-Schwarzer Abschwung:

Garderobengespräch 2013

Wölfe in Brandenburg

Merkel und Steinbrück II: Im Keller

Der werfe die erste Rolltreppe

Drohnen – ein Fachvortrag

Geheimer, also dadurch für die dann ja quasi offener Brief an die NSA

Ursula von der Leyen: Attraktivitätsoffensive

Kiewer Runde

Die Computerbranche entdeckt die Zeit

Angela Merkel: Freundliches Gesicht

Jamal

Angela Merkel und Donald Trump

Mein Lichtenberger

6 Angies Dämmerung:

Garderobengespräch 2017

Angela Merkel und Christian Lindner

Mit Nazis reden

Der Videobeweis

Angela Merkel und Klaus Wowereit: Wowi’s wunderbare Welt

Angela Merkel: Komm in die Politik

Horst Seehofer: 69

Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer

Garderobengespräch 2039

Nachwort

Wir danken:

Viten

Feedback an den Verlag

Empfehlungen

Vorwort

Seit 1997 gibt es uns: den kabarettistischen Jahresrückblick im Berliner Mehringhoftheater, das »Jahresendzeitprogramm«. Seit 1999 gestalten wir fünf Autoren dieses Buches den Abend, den wir anfangs nur wenige Male wiederholten und jetzt mehr als vierzig Mal pro Saison spielen. Von Beginn an wurde das Programm moderiert von Christoph als Angela Merkel, die in jenen Anfangstagen noch Bundesumweltministerin war und »Kohls Mädchen« genannt wurde. Ihr Weg zur ungewöhnlichen Kanzlerin hat den Erfolg unseres kabarettistischen Unternehmens ganz sicher beflügelt, und im Rückblick kann man vielleicht sagen: Wie gut, dass die Erwartungen eigentlich immer nur auf das nächste vor uns liegende Programm ausgerichtet waren und nicht weiter in die Zukunft, nicht weiter ins Programmatische überhaupt abglitten. Es gibt politische Beobachter, die genau das auch die versteckte Stärke Angela Merkels nennen: ihre pragmatische Offenheit, das Un-Ideologische, dies »Schauen wir mal, was da kommt – und reagieren erst dann«.

Ein Glücksfall ist es, von nachher gesehen, vielleicht auch gewesen, dass die Berliner Medien uns jahrelang freundlich in Ruhe und uns unsere eigene Entwicklung nehmen ließen, ohne gleich Noten zu verteilen, Ratschläge zu geben oder die Menschen in Massen zu uns zu schicken. Möglich, dass uns das dann und wann gewundert hat – jeder auswärtige Komiker, der einen Rückblick aufs vergangene Jahr wagte, war im heimischen Radio und Fernsehen präsenter als wir. Aber das war gut! Es enthob uns der Pflicht, Nummern sendegerecht zu kürzen, eine Anspielungsdichte einzuhalten, die in den Redaktionen als »Niveau unserer Hörerinnen und Hörer« verwaltet wird, oder uns in gegenseitige Konkurrenz treiben zu lassen. Wir blieben uns selbst überlassen, uns und dem Publikum. Immer im Herbst trafen wir uns und besprachen, welche Themen wir uns vornehmen wollten, dabei stehen kleine Alltagsbeobachtungen gleichberechtigt neben großen Jahresereignissen. Ob und wie wir die Leute mit ihnen erreichen würden, das ist bis heute der Maßstab geblieben, der zählt.

Natürlich zählt auch die Freude, dass dieses Publikum wuchs. Mittlerweile treffen wir uns auch manchmal das Jahr über, um zu gucken, was die Ereignislage so hergibt. Sonst führt jeder von uns fünfen ein künstlerisch eigenes Leben, man begegnet sich da nicht selbstverständlich. Man besucht sich dann und wann auf den unterschiedlichen Bühnen – und bei jedem reift übers Jahr, was er in und mit dem Team zwischen Dezember und Ende Januar anstellen will. Der eine formuliert es lieber vorher explizit, ein anderer hält es zurück bis zur Probenwoche im rauen Nordbrandenburg.

Wir fünf sind sehr unterschiedlich, was manche Stammzuschauer als eine unserer Stärken ansehen: Wir halten es auf engstem Raum ganz gut miteinander aus, und erstaunlicherweise ist uns auch der Sprung auf die großen Bühnen gelungen, zunächst ins Theater am Kurfürstendamm, dann ins altehrwürdige Schillertheater. Und dort sitzen wir wie in der kleinen Mehringhofgarderobe trotz der riesigen Hinterbühne eher eng beieinander. Das ist keine Bescheidenheit. Eher eine Form von Gefallen an dem Spiel, das wir da entwickelt haben und treiben. Und wenn wir – den jährlichen Rückblick abschließend – im Kieler Metro-Kino und im Hamburger Polittbüro gastieren, ist das längst eine jährliche Klassenfahrt voller schön schrulliger Rituale.

In der vorliegenden Sammlung blicken wir unter dem Aspekt »20 Jahre Berliner Republik« auf das zurück, was wir am Ende eines jeden Jahres auf die Bühne gebracht haben. Wir kamen beim Zusammenstellen aus dem Wundern darüber nicht heraus, wie viele der einzelnen Stücke und Songs retrospektiv betrachtet in einem größeren Epochenzusammenhang mit jenen »Merkeljahren« stehen. Wie sehr sie die historischen Entwicklungen dieser zwei Dekaden veranschaulichen, wie viel sich politisch und gesellschaftlich verändert hat. Und so war das Wieder-Lesen von Texten, die teilweise in Zeiten geschrieben wurden, als das Internet noch ein bestaunenswertes Phänomen darstellte, auch für uns eine Zeitreise, die uns von Abschiedsliedern auf D-Mark und AKW bis in die AKK-Gegenwart führt.

Das Jahresendzeitteam

Berlin, im August 2019

1Prä-Historie und Vor-Geschichten:

Von Abschieden, Aufbrüchen, harten Männern und starker Währung (1999–2001)

Garderobengespräch 1999

Horst Evers, 2019

Ca. 30 Minuten vor der Premiere des Jahresrückblicks in der kleinen Garderobe des Mehringhoftheaters: Christoph sortiert Karteikarten, Hannes wuselt rum, Bov sitzt auf dem Sofa und starrt auf seine Texte, Horst sitzt im Gang und raucht, Manfred ist noch spazieren.

CHRISTOPH(ruft in den Gang)    Horst! Kannst du denn jetzt schon sagen, was für Texte du gleich machst?

HORST(hustet)    Ah, leider noch unklar. Kann ich das nicht spontan während der Vorstellung entscheiden? Wenn man mal so einen Eindruck hat, wie es insgesamt läuft?

CHRISTOPH    Na ja, für die Moderation wäre es schon gut, wenn ich zumindest einen ungefähren Eindruck hätte.

(Horst hustet.)

BOV    Meine Texte sind beide viel zu lang und dafür aber überhaupt nicht lustig. Eigentlich haben sie nur einen einzigen guten Gag. Also zusammen. Also jeder einen halben guten Gag. Und der ist aber auch noch alt.

CHRISTOPH        Hat jemand meinen Gans-Rest-Zettel gesehen?

HANNES    Ich habe die Stoltenberg-Hose vergessen.

BOV    Du machst noch mal den Stoltenberg?

HANNES    Ja. Dieses Jahr war das doch mit dem Ermittlungsausschuss wegen der U-Boot-Verträge. Da bietet sich der Stoltenberg ja schon noch mal an, oder? Findet ihr nicht?

CHRISTOPH    Der Stoltenberg ist doch erst im zweiten Teil. Kann Hicki die Hose nicht noch bringen?

HORST(brüllt in den Raum)    Also gut. Ich mache im ersten Teil irgendwie so einen Text über viele kleine Ereignisse des Jahres und im zweiten dann eher einen persönlichen Rückblick.

HANNES    Gute Idee mit Hicki. Aber wer kann denn jetzt noch nach vorne zu Christian ins Büro gehen, um sie anzurufen?

CHRISTOPH    Für so was wäre so ein Handy dann ja doch schon auch mal ganz praktisch.

BOV    So eine Scheißerfindung. Diese ganzen Idioten, die jetzt plötzlich ganz wichtig sind und Handys haben müssen. Da hätte ich mal einen Text drüber schreiben sollen.

CHRISTOPH    Wäre auch ein schönes Thema für einen Song. Eventuell auf ›Let it be‹. Also ›Let it ring‹, wo dann einer absichtlich nie an sein Handy geht.

HORST(brüllt in den Raum)    Ich habe mich jetzt doch noch mal umentschieden und mache im zweiten Teil einen anderen Text.

CHRISTOPH    Okay, worum geht der?

HORST    Na ja, praktisch eigentlich schon um das Gleiche.

Manfred kommt rein.

MANFRED    Die Leute sind schon alle da. Christian hat sein Kontor schon geschlossen. Meinte, wir fangen vielleicht schon ein bisschen früher an.

ALLE    Oh Gott!

Alle fangen hektisch an, sich umzuziehen oder aufgeregt in ihrem Zeug zu kramen.

CHRISTOPH    Ich habe meinen Gans-Rest-Zettel immer noch nicht gefunden.

HORST    Hat zufällig einer gesehen, ob ich meine Zigarette ausgemacht hatte?

BOV    Singen wir beim Beatles-Song eigentlich die ganze Zeit mit? Oder nur beim Refrain? Oder bei manchen Refrains ja und bei anderen nein?

CHRISTOPH    Wir summen den ersten Refrain und die zweite Strophe. Dann Lala und ab drittem Refrain Gesang.

MANFRED    Was denn für ein Beatles-Song?

HORST    Könnten wir bitte einmal alles dunkel machen? Dann würde man ja wahrscheinlich sehen, ob noch irgendwo eine Zigarette glüht.

HANNES    Manfred, kannst du eventuell noch mal zu Christian nach vorne und Hicki anrufen? Ich habe die Stoltenberg-Hose vergessen.

HORST    Du machst noch mal den Stoltenberg?

HANNES(verunsichert)    Ja, stimmt. Vielleicht kennt man den doch schon nicht mehr.

MANFRED    Doch, den kennt man schon. Außerdem war doch im Sommer der Abschlussbericht vom Ermittlungsausschuss mit der U-Boot-Affäre. Ich ruf Hicki gleich mal an. (Holt ein Handy aus seiner Tasche.) Wie ist denn die Nummer?

Alle starren auf das Telefon.

BOV    Du hast so ein Ding?

MANFRED    Klar. Ich finde die irgendwie spannend.

CHRISTOPH    Und wie ist das so? Wenn man das hat?

MANFRED    Ach. Eigentlich nichts, was die Welt oder das Leben verändert. Nur wenn man mal telefonieren muss. Dann ist es halt schon praktisch.

DIE ANDEREN VIER    Krass.

Auf Wiedersehen, D-Mark

Text: Bov Bjerg, Horst Evers, Manfred Maurenbrecher, Gesang: Alle, 2001

Wir kennen uns seit Jahren,

der Weg zu dir war weit,

wenn wir zusammen waren,

wurd’s eine gute Zeit.

Mein erstes Mal im Kino,

mein erstes Rendezvous,

mein erster Rausch vom Vino,

dabei warst immer du.

Ich hab dir nie gesagt, dass ich dich eigentlich mag,

sondern mich noch beklagt, und du bliebst immer stark,

doch deine Zeit läuft ab, was ich zu sagen hab,

ruf ich dir jetzt noch nach – ins offne Grab:

Auf Wiedersehen, D-Mark,

bald schon kommt der Tag,

wo du für immer gehn wirst,

dann endet unsre Jagd.

Wir war’n zwei Königskinder,

fanden einander kaum,

dass auch du daran gelitten hast,

das glaub ich nur im Traum.

Auf Wiedersehen, D-Mark,

für viele warst du Kult,

dass ich oft Müll mit dir gekauft hab,

war an sich nicht deine Schuld.

Uns war die Zeit zu knapp, ich war noch viel zu schlapp,

und es hat kaum geklappt, wenn ich mir Mühe gab.

Jetzt bin ich anders drauf, komm in die Stimmung rauf,

dass ich dir entgegenlauf – jetzt ausgerechnet hörst du auf!

Dabei würd ich uns eine feste Beziehung wirklich mal gönnen … doch zu spät!

Auf Wiedersehen, D-Mark,

bald schon kommt der Tag,

wo du für immer gehn wirst,

dann endet unsre Jagd.

Auf Wiedersehen, D-Mark, bald werden wir für immer scheiden, ohne je zu erfahren, wie es ist, wenn du und ich uns z. B. das gleiche Badezimmer teilen, Morgen für Morgen, Abend für Abend … Da ist noch so viel, was ich dir gerne sagen würde, z. B.: Kannst du mir bis Anfang nächsten Monats was von dir leihen!?

Ich hätte nie gedacht, dass ich dich überleben würde. Wir hätten viel mehr Zeit miteinander verbringen müssen, ich war zu jung, du warst schon zu arriviert – und die Gesellschaft hat es uns auch nicht gerade leicht gemacht …

Auf Wiedersehen, D-Mark,

noch eine schöne Zeit,

und grüß mir deine Freunde,

für sie ists auch so weit.

Arrivederci, Lira,

au revoir, le franc,

adios, los pesetos,

hey, Gulden, nu tot ziens.

Kalinichta, drachmes,

bye bye, the Irish pound,

Servus, Prof. Schilling,

escudos, bom dia.

Auf Wiedersehen, D-Mark,

bald schon kommt der Tag,

wo du für immer gehn wirst,

dann endet unsre Jagd.

… Und übrigens: Erzählt doch mal eurem Nachfolger Euro, was ich für’n fitter und netter Kerl bin, okay?

Gerhard Schröder: Nachdenken über 9/11 und die »Uneingeschränkte Solidarität«

Hannes Heesch, 2001

Ehm, Deutschland regieren in schwierigen Zeiten, ehm … ich mach das ja gern. Und mich freut das natürlich auch, denn ich hab ja nicht nur das Vertrauen der gesamten SPD, sondern jetzt auch vom Fischer-Chor, und ehm, nun lassen Sie uns mal regier’n, und das woll’n wir auch tun.

Eins is klar: Der 11. September, … das ’ne Zäsur … das klar. Das ’ne Zäsur, die äußert sich darin, ehm, es gibt ’ne Zeit vor dem 11. September und ehm, es gibt eine danach. Und ich kenn eigentlich niemanden, für den dieser Tag gut war, außer für’n Scharping. Der Rudolf is im letzten Sommer einfach ’n bisschen zu viel abgehoben. Und nach dem ganzen Planschi-Planschi hab’n ja doch schon einige Leute seinen Rücktritt gefordert. Übrigens auch aus der eigenen Partei. Aber da kann ich nur sagen, bei dem spiel’n zurzeit die Hormone verrückt. Ich kenn so was ja, auch wenn’s mich nicht in meiner Politik beeinflusst. Aber weil das so ist, wollte ich ihm eigentlich meine uneingeschränkte Solidarität aussprechen, aber nun war das ja nach dem 11. September nicht mehr nötig. Und seitdem ist der Scharping ehm, auch wieder richtig gut gelaunt. Natürlich nicht wegen der Twin Towers, sondern, weil er so eben noch mal aus der Schusslinie der Medien rausgekommen ist. Gut, da war noch der ein oder andere Geheimnisverrat, den er sich geleistet hat, aber das hat er ja nich’ absichtlich gemacht, … nee, ich glaub nich’. Und ehm, nun hat der Scharping sich ja auch nichts mehr zuschulden kommen lassen, der hat sogar bei der Flugbereitschaft der Bundeswehr nachgefragt, ob die auch einsatzfähige Fahrräder haben. Andererseits mit ’nem Fahrrad kommt er ja nicht bis nach Mallorca. Gut, ehm hinter den Pyrenäen an der Costa Brava könnte er vielleicht auf’n Tretboot umsteigen. Und das ist dann ja auch wieder ’n bisschen wie Fahrrad fahren.

’ne Zäsur ist der 11. September natürlich auch für die Amerikaner, das klar. Ehm, mein Freund ehm, George Bush, ich hab dann statt dem Scharping gleich ihm meine uneingeschränkte Solidarität ausgesprochen, und ich glaub, das hat ihm auch gutgetan. Und auch seinem Außenminister. Der Colin Powell, das ist übrigens ’n Farbiger, und das als Republikaner, das ist ehm, bemerkenswert. Und Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin, und das war’n ja immerhin auch mal Kissinger und Brzezinski, die ist auch ’ne Schwarze, und das ist noch bemerkenswerter … Obwohl, auch in Deutschland, in Berlin, der neue Regierende Bürgermeister Wowereit, … also, ehm … das nun wirklich bemerkenswert. Und so was, das ist ja auch ein Stück weit New York.

Übrigens, Doris hat ja mal ’ne Zeit lang in Manhattan gelebt, als Journalistin, also, das war dann schon nach ihrem Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen. Und sie hat mir vor zwei Jahren mal so alles gezeigt, also auch die Ecken, die nun nicht gleich jeder so kennt, wie zum Beispiel den Central Park. Und ehm, der Broadway, das ist ja übrigens kein Theater, sondern ’ne Straße, und ehm, das hab auch ich zur Kenntnis zu nehmen gehabt. Und da hab auch ich das erste Mal gemerkt, das stimmt, was Sinatra da gesungen hat, ehm, New York, das ’ne »City that never sleeps«.

Und schaun Sie, ehm, ich war jetzt nach dem Anschlag vom 11. September wieder da, und da hab ich Rudolph Giuliani deutlich zu machen versucht gehabt … also, ich hab gesacht: Rudy, ehm, imagine, was da noch alles passieren kann. Also, das ist ja, ehm … possible, that ehm … first they take Manhattan, that’s clear. And then they take ehm, perhaps Berlin, also möglicherweise. Ehm eigentlich is das ja ’ne Songzeile, und obwohl sich das noch nich’ mal reimt, ehm, hat der Liedermacher sich ja vielleicht auch was dabei gedacht. Und ehm, wenn so ’n Anschlag nun bei uns passiert, dann ist jetzt zu diesem Zeitpunkt natürlich nich’ klar, … auf welches Gebäude, aber ehm, das muss man dann mal sehn.

Und ehm, weil das so ist, hab ich George Bush glasklar deutlich gemacht, und da bin ich auch stolz drauf auf mich, ehm, dass das ’ne neue Zeit ist, und Deutschland zeigt jetzt auch ma’ Entschlossenheit … also erst mal ’n Mentalitätswechsel, und ehm, dann können wir auch militärischen Beistand leisten, und zwar, ehm … das muss ich dazu sagen … auf der Seite der Amerikaner, ehm, das klar. Und nun hat mir Scharping gesacht, die Bundeswehr ist für so was wie Einsätze in Afghanistan nicht ausgerüstet, die kann das nicht. Und ehm, da habe ich gesagt, die kann das aber doch, und Scharping hat gesacht: »Eb’n nicht.« Und dann hab ich gesagt: »Doch!« Und da hat er gesacht: »Nö!« Und dann hab ich gesacht: »Komm, jetzt halt ma’ die Klappe! Jetzt schicken wir mal ’n paar Tausend Soldaten da runter, und ehm, dann lassen wir uns ma’ überraschen. Basta.«

Der Lichtenberger: Gysi ist busy

Manfred Maurenbrecher, 2001

Da gibt’s jetzt also doch einen PDS / SPD-Senat in Berlin. Na, der Gysi muss eben immer überall mitmischen, das war vor ’89 auch nicht anders.

Die Partei ist dann ab jetzt allerdings nicht mehr so richtig meine Partei, habe ich meiner Enkelin erklärt. Sitz ich halt noch mehr mit meinen Kumpanen zusammen, und wir lästern. »Kennste das neue amerikanische Siegeszeichen?« Also ich musste schon lachen darüber, und zwar ziemlich herzhaft … Der Karl-Eduard von Schnitzler, der hätte auch darüber gelacht, der hatte seinen ganz eigenen Humor. Aber wenn ich von dem erzähle, sagt meine Enkelin gern schon mal: »Du lebst doch sehr in der Vergangenheit, Opa«, und ich antworte: »Ich lebe objektiv so sehr draußen in der Zukunft, dass es in diesem ewig gestrigen System, an das wir angekoppelt worden sind, zwangsläufig wie die Vergangenheit aussehen muss. Das ist die Dialektik. Dagegen kann man gar nichts machen. Zum Beispiel, wenn irgendwelche Amis jetzt subjektiv ganz ehrlich betroffen sind und erschrocken, was da eigentlich passiert ist mit ihren Welthandelstürmen – das kann ich verstehen. Aber sie begreifen nicht, dass es doch eigentlich in ihrem objektiven Interesse geschehen ist. Und deshalb denk ich manchmal schon: Vielleicht waren sie’s ja sogar selbst, die Amis.«

Jedenfalls: Es geschieht ihnen recht. Und mit mir ist auch keiner solidarisch, hier in Lichtenberg, Ecke Siegfriedstraße. Den Autolärm? Hör ich schon gar nicht mehr. Aber dieses Knattern! Das Knattern der Blindenampel. Kann einen wahnsinnig machen! Die knattert immer, auch wenn überhaupt kein Blinder zu sehen ist. Erst die ganzen Straßenumbenennungen, die wir hier hatten, und dann ha’m sie dieses Ding installiert, als wenn sie sagen wollten: Hier, wo die Stasi-Zentrale nur einen Steinwurf weit weg war, hier sind jetzt mal alle blind. Und damit ihr das nie vergesst, soll’s hier knattern. Na, danke schön. Mit uns könn’ses ja machen! Ich hab das dem Kandidaten der Partei vor der Wahl gesagt, auch im Namen aller Nachbarn: Genosse, da müsst ihr was tun! Da muss zur Not der Gysi auch selber mal ran! Wissen Sie, was der mir geantwortet hat? Der schaut mich an, guckt rüber zu der Blindenampel, schaut wieder mich an und sagt dann: »Busy. Gysi ist busy.« Ich glaub, ich spinne. »Gysi ist busy.« Ist doch zum Davonrennen. Typisch, dass die mit so was ihre Wahlen gewinnen.

Der war auch gar nicht von hier, garantiert. Das war glatt ein Westimport, dieses Jüngelchen. Der ist ja schon zusammengezuckt, als ich den Genosse genannt hab. Ich frag den: »Was sagst du zum 11. September«, und der windet sich und flüstert was von einem friedlichen Polizeieingreiftrüppchen gegen den weltweiten Terrorismus. Und ich bleib ganz ruhig und sag dem: »Junge, der 11. September ist für mich immer noch der Tag, an dem die CIA den Präsidenten Allende und den Sozialismus weggeputscht hat, ’73 in Chile.«

Damit kann der nun überhaupt nichts anfangen. Starrt mich an mit dem gleichen ›Ich-glaub-mein-Handy-pfeift‹-Blick, den ich von meiner Enkelin kenne. Die füttere ich übrigens mit durch, weil der Jugend heutzutage keine Ziele mehr geboten werden. Jetzt starrt mich dieser Parteikandidat der PDS so an, als wenn ich die Anschläge in Amerika selber gemacht hätte. Und ich bin wirklich kein Freund des Terrorismus, obwohl ich selbst Militär war. Mir leuchtet sogar ein, dass, wenn die Grünen neuerdings den Krieg als ein Mittel in der Politik für sich entdecken, dass wir dann ’ne Weile ruhig mal auf Pazifismus machen können, wir Sozialisten, aus taktischen Gründen – aber selber dran glauben an diesen Schmus muss ich doch deshalb noch lange nicht. Wozu ist dieses Jüngelchen eigentlich da, frag ich mich, als ich den da rumstehen sehe mit seinen Flugblättern und seiner Betroffenheit, die ihn von keinem anderen, der Sympathien für sich einheimsen will, unterscheidet.

»Sogar nachts knattert es«, schrei ich dem ins Gesicht, »sogar nachts, und da sind doch überhaupt keine Blinden unterwegs. Hier jedenfalls nicht!«

Busy. Gysi ist busy. Ist doch zum Davonrennen. Typisch, dass sie mit so was ihre Wahlen gewinnen.

Aber ich vermute, das ist dann auch ihr Untergang. Meine Enkelin zum Beispiel, die hofft doch jetzt, die würden ›die Großen‹ zurechtstutzen, wie sie sich ausdrückt, der neue Senat mit der PDS da drin würde bei der Oper und der Landesbank kürzen, statt bei den Kitas und beim Seniorenschwimmen.

»Von wegen«, lache ich ihr ins Gesicht, »die ha’m ihre Sachzwänge, die wer’n sich gar nicht groß anders verhalten als alle … wart’s ab!«

Da fragt sie ganz frech: »Und deine Blindenampel? Wartest du nicht darauf, dass die Partei deiner Wahl die jetzt endlich mal abstellt, wo sie doch die Macht dazu hätte?« »Nein«, sage ich und erteile ihr eine Lektion in revolutionärer Gelassenheit, »ich erwarte gar nichts. Wer in dieses System reingewählt wird, ist längst ein Teil davon. Die Blindenampel erinnert dann einen wie mich daran, dass er hier niemals ankommen will. Und dafür ertrag ich sie gern.«

Einen Moment ist es still. Ihr Kopf glüht vom Denken. Dann sagt sie: »Subjektiv vielleicht. Subjektiv wirst du vielleicht hier nie mehr ankommen. Aber in Wirklichkeit, du mit deinem Abonnement bei der Stiftung Warentest, mit deinen Berechnungen zur Riester-Rente, mit deinen Schnäppchenfahrten nach Polen und deiner Ernst-Busch-Liedersammlung auf selbst gebrannten CDs, aus dem Internet rausgeholt … Also wirklich, Opa, in Wirklichkeit und in deinem objektiven Interesse …« Und ich könnte sie knutschen! Inhaltlich natürlich völliger Blödsinn, was sie da vor sich hin redet, aber vom Denken dahinter: Die gute alte geschulte materialistische Dialektik! Ob so was vererbt wird? Das hat sie von mir. Da ist etwas, das mich überleben wird. Und mir wird leicht zumute und frei, und ich tanze durch die Wohnung. Ich fühl mich busy. Busy wie Gysi. Ich glaub, ich schwebe! Ich fange sogar an, an so was wie eine Weltinnenpolitik zu glauben …

Sie sagt: »Pass bloß auf, dass du nicht mal so landest wie dieser peinliche dicke Rezzo Schlauch von den Grünen!«

Und ich sage: »Zu meiner Zeit sind die Mädels mit achtzehn von zu Hause ausgezogen!«

Otto Schily: Verbot einer besonders aggressiven extremistischen Vereinigung

Hannes Heesch, 2001

Meine Damen und Herren, ich schicke meiner nun folgenden hochinteressanten Pressekonferenz voraus, dass meine politische Grundrichtung, die ich vorgebe, nicht nur unfehlbar und umfassend, sondern in ihrer inhaltlichen und rhetorischen Brillanz und Tiefenschärfe sowie ihrer bestechenden Argumentation von umwerfendem Charme ist.

Zur Sache: Nachdem der Opposition die Antiterrorgesetze im Rahmen des Sicherheitspakets Nummer I wohl irgendwie zu lasch waren, habe ich mit dem II. Paket zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus sämtliche Richtlinien zur inneren Sicherheit so weit verschärft, dass selbst dem braven Beckstein gesichtsgeometrisch das Hören und Sehen vergehen dürfte. Heute habe ich – betreffend der Streichung des Religionsprivilegs im Vereinsgesetz eine besonders aggressive religiös extremistische Vereinigung mit insgesamt 85 500 Mitgliedern … verboten. Diese expansiv-ideologische Organisation mit totalitärem Charakter imitiert staatliche Verhältnisse und bezeichnet sich selbst als FC Bayern München.

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