MERKUR 1/2026, Jg.80 -  - E-Book

MERKUR 1/2026, Jg.80 E-Book

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Beschreibung

Beim Blick auf die Ideologien des Silicon Valley stellt Dan Zimmer fest, dass alte Rechts/links-Schemata von einer neuen Zentraldifferenz überlagert werden: der zwischen jenen, die in Technologien die Zukunft sehen, und jenen, die als Ökologen auf die Schonung des Lebens setzen. Petra Gehring konstatiert: Das System wissenschaftlichen Publizierens ist längst dysfunktional. Leider versprechen aus ihrer Sicht auch die neuesten Rettungsversuche ("Diamond Access") mehr, als sie halten können. Auch wenn es lange so schien: Museen können nicht immer weiterwachsen. Und so fragt Matthias Noell: Wie kann das Nichtwachsen konkret aussehen, als Abreißen, Umbauen, Verkleinern, Entsammeln? Die Stadt Liverpool und die Region Merseyside sind ein exemplarischer Fall: für den Aufstieg und dann den Niedergang erst der imperialen, dann der Industriemacht Großbritannien. Florence Sutcliffe-Braithwaite zeichnet diese Geschichte in ihrem Rezensionsessay nach. Über die Konjunkturen der Einsamkeit als universelles Gefühl im Lauf der Zeiten schreibt Lothar Müller. Aus eigener Anschauung schildert Kerstin Holm die immer heftigeren Restriktionen in der russischen Kulturpolitik. Alexander Blankenagel wiederum hat die alles andere als erfreuliche Entwicklung des russischen Rechtssystems seit den neunziger Jahren erlebt und berichtet davon. Wie die Bibliothek eines Baby-Boomers typischerweise aussehen kann, stellt Heinz Bude vor Augen. Und Christoph Paret begegnet beim Spaziergang einem Hund namens Hoffnung.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Impressum

Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 920, Januar 2026, 80. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0. Fragen zur Produktsicherheit:[email protected], www.klett-cotta.de. Nutzungsvorbehalt: Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining i. S. v. § 44b UrhG vor.

Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar, Ralf Tornow

Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected]. Media-Daten:www.merkur-zeitschrift.de/mediadaten. Manuskripte: Für unverlangt eingesandte Manuskripte ohne Rückporto wird keine Gewähr übernommen. Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 28. November 2025. Gestaltung: Erik Stein. Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde. Druck und Einband: Elanders Waiblingen GmbH. Printed in Germany.

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis: 15 € je Heft; im Jahresabo 152 €. Für Studenten und Postdocs (mit Nachweis): 96 €; jeweils zzgl. Versandkosten.

Die elektronische Version mit Artikel- und Heft-Download ist unter www.merkur-zeitschrift.de verfügbar.

Preis für E-Only-Abo: 152 €; für Studenten und Postdocs (mit Nachweis): 48 €; für Privatkunden mit parallelem Print-Abo: 26 €. Digitale Abos beinhalten den Zugriff auf das digitale Archiv aller Ausgaben. Preise für Bibliotheken/Institutionen auf Anfrage. Alle Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern außerhalb der EU und der Schweiz gelten die angegebenen Preise netto.

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(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12567-2

Übersicht

Umschlag

Impressum

Inhalt

Cover

Impressum

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Dan Zimmer: Das Leben selbst Ein neuer politischer Kompass

Petra Gehring: Shining Diamond? Zum Publizieren bei Bibliotheken als Ausweg aus der Krise des wissenschaftlichen Publikationssystems

Matthias Noell: Sammeln, bauen Weitersammeln, weiterbauen?

KRITIK

Florence Sutcliffe-Braithwaite: Liverpool Geschichte eines Niedergangs

Lothar Müller: Paradoxien der Einsamkeit

MARGINALIEN

Kerstin Holm: Boom und Zerstörung. Russlands Kulturpolitik im Zeichen des Ukrainefeldzugs

Alexander Blankenagel: Zum Elend der Juristen und des Rechts in Russland

Heinz Bude: Die Bibliotheken der Boomer

Christoph Paret: Hoffnung, bei Fuß!. Philosophischer Parcours für finstere Zeiten

Vorschau

Autorinnen und Autoren

DanZimmer, Lecturer am Civic, Liberal, and Global Education Program der Universität Stanford. – Der Beitrag erschien unter dem Titel A New Political Compass am 10. Juni 2025 in NOĒMA.

PetraGehring, geb. 1961, Professorin am Institut für Philosophie der Universität Darmstadt. 2025 erschien Biegsame Expertise. Geschichte der Bioethik in Deutschland. [email protected]

MatthiasNoell, geb. 1967, Kunsthistoriker, Professor für Architekturgeschichte und Architekturtheorie an der Universität der Künste Berlin. 2020 erschien Wider das Verschwinden der Dinge. Die Erfindung des Denkmalinventars; 2022 Tendenzen der 80er-Jahre. Architektur und Städtebau in Deutschland (Hrsg. zus m. Carina Kitzenmaier). [email protected]

FlorenceSutcliffe-Braithwaite, Historikerin, Professorin am University College London. 2024 erschien Women and the Miner’s Strike, 1985–1985 (zus. m. Natalie Thomlinson). – Der Beitrag erschien unter dem Titel Holed below the Waterline in der London Review of Books vom 6. November 2025.

LotharMüller, geb. 1954, Autor und Journalist. 2025 erschien Die Feuerschrift. Giacomo Casanova und das Ende des alten [email protected]

KerstinHolm, geb. 1958, Journalistin. 2003 erschien Das korrupte Imperium, 2012 Moskaus Macht und Musen.

AlexanderBlankenagel, geb. 1946, war Professor für öffentliches Recht, Russisches Recht und Rechtsvergleichung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2014 erschien Den Verfassungsstaat nachdenken (Hrsg.). [email protected]

HeinzBude, geb. 1954, Professor emeritus für Makrosoziologie an der Universität Kassel, seit 2020 Gründungsdirektor des documenta-Instituts. 2024 erschien Abschied von den Boomern, 2025 Transit 64 (zus. mit Bettina Munk u. Karin Wieland).

ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2023 erschien Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? Maren Ades Rendezvous mit Alain Badiou. [email protected]

DOI 10.21706/mr-80-1-3

Zu diesem Heft

»Ich persönlich habe bei meinen Besuchen in den letzten Jahren in Russland keinerlei Feindseligkeiten erlebt.« So lautet der erste Satz von Kerstin Holms Bericht, in dem sie über die immer massiveren Restriktionen gegen die Kulturpolitik, aber auch ihre eigenen Erfahrungen und Gespräche mit Anhängern und Gegnern der Putin-Diktatur schreibt. Holm war von 1991 bis 2013 Korrespondentin der FAZ für den Raum der ehemaligen Sowjetunion und ist auch danach regelmäßig weiter nach Russland gereist. Zuletzt im Frühsommer 2025, davon handelt ihr in diesem Heft abgedruckter Text. Sie hatte uns schon von ihrer für den Winter geplanten nächsten Reise berichtet – in der FAZ vom 19. November, wenige Wochen nach Abgabe ihres Merkur-Texts, schrieb sie dann aber, dass ihr die Einreise trotz Visum verweigert worden sei. Viel schlimmer noch: Sie wurde ohne weitere Begründung auf Lebenszeit zur persona non grata erklärt. So bitter das ist, so wenig wird es nach der Lektüre ihres Berichts noch überraschen.

Nicht weniger lange als Kerstin Holm ist Alexander Blankenagel, einst Professor unter anderem für Russisches Recht an der Humboldt-Universität zu Berlin, mit Russland befasst. Seit den neunziger Jahren war er immer wieder vor Ort als Experte in den Versuch involviert, Russland in einen Rechtsstaat zu transformieren. Vom fortgesetzten Scheitern dieses Versuchs handelt sein Bericht, der sich durch die Jahrzehnte bis in die mehr als finstere Gegenwart bewegt. Wirklich an den Rechtsstaat geglaubt haben unter den Juristen allerdings ohnehin die wenigsten, so Blankenagel. Schließlich hat sie die Erfahrung gelehrt, dass das Recht in Russland stets auf Seiten der Macht steht, egal was die Verfassung verspricht.

CD /EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-80-1-5

Dan Zimmer

Das Leben selbst

Ein neuer politischer Kompass

Im April 2025 verkündete Michael Kratsios, der Wissenschaftsberater des US-Präsidenten: »Präsident Trump hat uns allen, die im Dienste seiner Regierung stehen, eine monumentale Aufgabe aufgetragen – die Erneuerung unserer Nation.«1Frühere Staatschefs sprachen von moralischer oder geistiger Erneuerung, Trump versprach in seiner ersten Präsidentschaft eine Wiedergeburt in der Terminologie des Nativismus. Mittlerweile wiederum forciert er eine andere Form der politischen Erneuerung, mit Kratsios gesprochen: »Unsere Technologien und das, was wir mit ihnen machen, werden die Werkzeuge sein, mit denen wir das Schicksal unseres Landes in diesem Jahrhundert gestalten werden.«

Kaum jemand war darauf vorbereitet, wie energisch die zweite Trump-Regierung sich der Technologie zuwenden würde. Obwohl Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder die Finanziers Peter Thiel (Kratsios’ ehemaliger Chef) und Marc Andreessen sich scheinbar fest an die politische Rechte gebunden haben, gibt es nichts an diesen politischen Figuren, was in einem relevanten Sinn als »konservativ« gelten könnte. Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon warnte in einem Interview im Januar 2025 sogar ausdrücklich vor ihnen: »Du bist nur ein digitaler Leibeigener. Deinen Wert als menschliches Lebewesen […] bedenken sie nicht. Für sie ist alles digital […] Sie sind alle superprogressive Liberals. Sie sind alle Techno-Feudalisten. Sie kümmern sich einen feuchten Dreck um den Menschen.«2Damit liegt Bannon im Großen und Ganzen richtig, und je schneller wir begreifen, warum das menschliche Wohl keine Rolle mehr spielt, desto schneller können wir unsere politische Orientierung inmitten der anhaltenden Kämpfe zwischen Linken und Rechten, Liberalen, Konservativen und digitalen »Superprogressiven« wiedergewinnen.

Manchen schien es, als wäre die Übernahme der amerikanischen Regierung durch die Tech-Oligarchen aus heiterem Himmel erfolgt. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, dass es sich nur um die jüngste Phase eines Konflikts handelt, der die politischen Prioritäten unterschwellig seit mehr als einem halben Jahrhundert prägt. Die Gegner der jetzt an die Macht gelangten Tech-Fraktion sind weniger die traditionellen Linken oder Rechten, sondern eher die Umweltschützer mit den Regulierungen, die sie seit den 1970er Jahren schufen, um die Technologie im Zaum zu halten. Diese Spannung zwischen den Anhängern des technologischen Fortschritts einerseits und den Anhängern der Umweltbewegung andererseits steht quer zu traditionellen politischen Fronten, sie trennt in der MAGA-Bewegung eine Tech- und eine grüne Fraktion und spaltet die Linke zunehmend in ihr eigenes technosolutionistisches und ihr ökologisches Lager.

Während die traditionelle Linke ebenso wie die traditionelle Rechte den Fokus auf das menschliche Wohlergehen leg(t)en, wird die gegenwärtige Politik von Menschen neu geformt, die behaupten, sich für nichts Geringeres als das Leben selbst einzusetzen. Der Tech-Guru Musk etwa rühmt sich dafür, Ressourcen zu akkumulieren, »um das Leben multiplanetar zu machen und das Licht des Bewusstseins bis zu den Sternen auszuweiten«,3 während das Gegenlager für sich in Anspruch nimmt, das Leben hier auf Erden zu Stabilität zurückzuführen. Hier zeichnen sich künftige Auseinandersetzungen ab, die schon deshalb schwer zu befrieden sein dürften, weil beide Seiten sich als Vertreter des Lebens mit großem L inszenieren (die Gesamtheit aller Lebewesen, zusammengefasst in einem Prozess und unter einem Eigennamen). Auch wenn Musk und das von Trump angeführte MAGA-Movement (vorerst) getrennte Wege zu gehen scheinen, bestehen die tiefer liegenden Orientierungen, die sie ursprünglich zusammengebracht haben, fort.

Der politische Konflikt unserer Gegenwart erschöpft sich jedoch nicht allein in unterschiedlichen Präferenzen für technologische oder ökologische Lösungen, schließlich sind die neuen Diener des Lebens sich zugleich zutiefst darüber uneins, was das Leben überhaupt auszeichnet. Die eine Seite betrachtet es vorrangig als einen Informationsprozess, den es zu erweitern und verbessern gilt, während die andere es als komplexes System versteht, das man bewahren und im Gleichgewicht halten muss. Diese gegensätzlichen Perspektiven führen zu einander entgegensetzten politischen Visionen: Die einen blicken zu den kosmischen Eroberungen des Lebens hinauf, die andere blicken hinab und sind auf die innerplanetarischen Verflechtungen fokussiert. Diese neue Lage verlangt nach einer neuen politischen Sprache und einer neuen politischen Orientierung – weder links noch rechts –, die, so würde ich vorschlagen, am besten in dem Gegensatz zwischen einem technologischen Up und einem ökologischen Down erfasst werden kann.

Das Ende des Menschen

Seit sich 1789 in der Französischen Nationalversammlung die noch immer gängige parlamentarische Sitzordnung etablierte, haben die Linken in der Regel behauptet, dass der Mensch weitaus universellere, gerechtere und rationalere politische Ordnungen schaffen könne als die bestehenden. Demgegenüber tendierten die Rechten dazu, ein gewisses Maß an Ungleichheit, Irrationalität und Spaltung als notwendige Konsequenz menschlicher Unzulänglichkeit zu akzeptieren. Trotz der erbitterten Debatten, die beide Lager trennten, waren sie sich jedoch darin einig, dass die Politik sich um den Menschen und seine Bedürfnisse drehen sollte. Tatsächlich war der humanistische Konsens so unerschütterlich, dass bis weit ins 20. Jahrhundert einige seiner schärfsten Kritiker, wie etwa Martin Heidegger, bloß protestierten, dass »gegen den Humanismus gedacht […] wird, weil der die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzt«.4 Ebenso ruft Michel Foucault sorgenvoll eine Zeit in Erinnerung, »in der man die humanistischen Werte, repräsentiert vom Nationalsozialismus, hochhielt, und in der selbst die Stalinisten behaupteten, sie seien Humanisten«.5

Doch obwohl die Wurzeln des politischen Humanismus tief in das Fundament der westlichen Philosophie reichen, erodierten die Grundlagen des Glaubens an den menschlichen Sonderstatus im Laufe des 19. Jahrhunderts rapide. Die Chemie stellte fest, dass Menschen aus den gleichen Elementen zusammengesetzt sind wie alles andere auch, während die sich entwickelnden Forschungsgebiete der Neuropsychologie, Ökologie und Evolutionsbiologie entdeckten, dass Menschen weitaus stärker als zuvor angenommen anderen Organismen ähneln und zugleich von diesen abhängig sind.

Im frühen 20. Jahrhundert gab die Wissenschaft ihre jahrhundertelange Suche nach einer das Leben stiftenden Substanz auf. Stattdessen kam sie zunehmend zu dem Ergebnis, dass die Essenz lebender Wesen nicht in der Substanz ihrer Materie liegt, sondern in der Weise, wie diese angeordnet ist. Der Scheidepunkt war mit Erwin Schrödingers berühmtem Vorschlag aus dem Jahr 1943 erreicht: »Das, wovon ein Organismus sich ernährt, ist negative Entropie.«6 Innerhalb eines Jahrzehnts wurde dieses Konzept der sogenannten Negentropie in »Information« umgetauft, was die Möglichkeit eröffnete, die Natur sowohl der Menschen als auch anderer lebender Wesen grundsätzlich neu zu betrachten: als ein System, das komplexe Informationen verarbeitet.

Das Leben als neues Paradigma

Zahlreiche Denkströmungen haben zum Aufstieg des Lebens mit großem L beigetragen, doch erst Mitte des 20. Jahrhunderts verbanden sich diese Entwicklungen zu einem kohärenten Ganzen. 1948 führte der Mathematiker Norbert Wiener den Begriff »Kybernetik« ein, um eine neue wissenschaftliche (Meta)Disziplin zu begründen, die sich mit der Frage beschäftigte, wie komplexe Systeme in einem feindlichen Universum überleben können. Wiener fragte sich: Warum sind einige Systeme dazu in der Lage, die erforderlichen Informationen zu verarbeiten, um die Energie zu sichern, die zur Aufrechterhaltung ihrer Komplexität benötigt wird, obwohl doch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik unaufhaltsam darauf abzielt, Unterschiede in Gleichheit aufzulösen? Lebende Wesen, so Wieners Beobachtung, stellten eine »Insel hier und jetzt in einer sterbenden Welt dar«. Dementsprechend schlug er vor, den Begriff des Lebens auszuweiten, um »alle Phänomene zu beschreiben, die lokal gegen den Strom der zunehmenden Entropie schwimmen«.7

Diese Neubestimmung machte klar, dass das Leben ein Kontinuum zunehmend komplexer Systeme ist, die irgendwo zwischen Kristall und Virus Form annehmen. Aus dieser Perspektive umfasst das Leben einzellige Organismen, das Spektrum der mehrzelligen Lebewesen, die Ökosysteme, die diese Wesen bilden, und die Masse der Ökosysteme, die sich gegenseitig erhalten und gemeinsam die planetare Ökosphäre bilden. Zugleich wurde es dadurch, dass man Lebewesen als komplexe, informationsverarbeitende Systeme begriff, möglich, menschengemachte Artefakte entlang des gleichen Kontinuums anzuordnen. Allem, vom einfachen Thermostat über analoge und digitale Computer bis hin zu menschlichen Kommunikationssystemen, Gesellschaften und Ökonomien, konnte ein Ort auf der gleichen Achse zugewiesen werden.

Die neue, kybernetisch geprägte systematische Ökologie der 1960er Jahre kam schnell zu der Erkenntnis, dass die Ströme von Materie, Energie und Information, die diese Systeme erhielten, alle untereinander verbunden waren. Im Lauf der 1970er Jahre nahm so das Leben selbst Gestalt an; als das System der Systeme, die von Menschen, ihren technischen Erzeugnissen und allen irdischen Organismen in ihrem Anschwimmen gegen den Strom der Entropie geformt wurden.

Gegen Ende der siebziger Jahre war der Einfluss der Kybernetik derartig ubiquitär geworden, dass die Außengrenzen des Feldes sich auflösten und unzählige Tochterdisziplinen entstanden. Auch wenn die vielen Nachfahren der Kybernetik die Welt als Gewirr komplexer Informationsverarbeitungssysteme betrachteten, interessierten sich einige stärker für das Leben als komplexes System. Weil jedes komplexe System eines beständigen Fließens von Materie, Energie und Information bedarf, kann kein System vollständig isoliert von seiner Umwelt begriffen werden. Diese Umwelten wiederum konstituieren ihre eigenen Systeme, die ihre eigenen Umwelten haben.

Beginnt man einmal damit, diese Verbindungen von System und Umwelt zu kartieren, wird schnell deutlich, dass »jedes Ding mit jedem anderen in Beziehung steht« – Barry Commoners erstes Gesetz der Ökologie.8 Die Kybernetik stellte ein neues Set von Werkzeugen zur Verfügung, um diese komplexen Abhängigkeitsverhältnisse wesentlich detaillierter darzustellen. Dies wiederum prägte neue Wissenschaftsgebiete wie etwa die Systemökologie, die Erdsystemwissenschaft und – vermutlich am berühmtesten – James Lovelocks und Lynn Margulis’ Gaia-Hypothese, von Lovelock schlicht als »ein praktischerer Begriff als ›biologisch-kybernetisches System mit homöostatischen Tendenzen‹« bezeichnet.9

Andere interessierten sich stärker für das Leben als Prozess der Informationsverarbeitung. Im Lauf der 1960er Jahre kamen einige Forscher zu dem Schluss, dass menschliche Gehirne und Maschinen strukturell ähnliche Muster der Informationsverarbeitung aufweisen. Neue Forschungsrichtungen, wie etwa die Kognitionswissenschaften, die Erforschung Künstlicher Intelligenz und die Bioinformatik, begannen diese Analogien zu studieren. Mit den 1970er Jahren sahen immer mehr Computer-, Ingenieurs- und Informationswissenschaftler keinen funktionalen Unterschied mehr zwischen den Rechenprozessen, die in einem menschlichen Gehirn ablaufen, und denjenigen in einem Silikonchip. Während also diejenigen Erben der Kybernetik, die sich für die Erde als komplexes System interessierten, sich zunehmend zum Geflecht des irdischen Lebens hingezogen fühlten, neigten diejenigen, die sich auf die Informationsverarbeitung konzentrierten, zu einer immer stärkeren Abstraktion von der organischen Welt.

Hätte es die ökologische Krise der sechziger und siebziger Jahre nicht gegeben, wären die wissenschaftlichen Nachfahren der Kybernetik möglicherweise immer weiter auseinandergedriftet. Angesichts von brennenden Flüssen, tödlichem Smog, saurem Regen und einem wachsenden Ozonloch überzeugten frühe computersimulierte Modelle viele davon, dass das Ausmaß der globalen Zivilisation begonnen hatte, den Planeten unbewohnbar zu machen.

Konfrontiert mit den menschengemachten Schäden auf der Erde schlugen Vertreter des System-Lagers vor, dem menschlichen Wachstum Grenzen zu setzen, um das Leben auf dem endlichen Planeten zu erhalten. Dies bedeutete eine Verlagerung hin zu einem ganzheitlicheren Verständnis davon, in welcher Beziehung die Menschen zum nichtmenschlichen Leben stehen. James Lovelock verglich seinen Perspektivwechsel später mit einer Art Bekehrungserfahrung: »Ich begann immer mehr, die Dinge mit ihren [Gaias] Augen zu sehen, und legte langsam, wie einen alten Mantel, meine Treue zum humanistischen christlichen Glauben an das menschliche Glück als dem einzig Wichtigen ab. Ich begann, uns alle als Teil der Gemeinschaft der Lebewesen zu sehen, die unbewusst die Erde zu einem angenehmen Zuhause machen, und sah, dass wir Menschen keine besonderen Rechte haben, sondern nur Pflichten gegenüber der Gemeinschaft von Gaia.«10 Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte begannen diejenigen, die eine solche, nichtanthropozentrische Perspektive auf die Erde als Gaia eingenommen hatten, sich als Posthumanisten zu bezeichnen.

Zugleich waren die informationstheoretischen Nachfahren der Kybernetik nicht weniger beeinflusst von der Nachhaltigkeitskrise der 1970er Jahre – sie kamen allerdings zum entgegengesetzten Ergebnis. Während die Posthumanisten die Erhaltung des Ökosystems der Erde priorisierten, sahen die selbsterklärten »Transhumanisten« die Beschränkungen der irdischen Biologie nicht mehr als zu respektierende Grenze, sondern als zu überwindende technische Hürde. Die Transhumanisten suchen Möglichkeiten, den Körper zu optimieren, mit der Maschine zu verschmelzen und in letzter Instanz die große Beschränktheit des Fleisches zu überwinden, um die unbeschwerte Unsterblichkeit einer rein digitalen Existenz zu erlangen.

Die Transhumanisten behaupten, dass, wenn die Erde kein unbeschränktes Wachstum ermöglicht, die Zukunft des Lebens außerhalb der Erde liegen muss. Anstatt nach der posthumanistischen Vision einer tieferen ökologischen Verflechtung mit der Erde zu streben, betrachten sie den menschlichen Einfallsreichtum als Ausweg, den das Leben geschaffen hat, um sich von all seinen irdischen Beschränkungen zu befreien.

Die Up-Down-Unterscheidung

Soweit ich weiß, war die erste Person, die vorgeschlagen hat, die Links-Rechts-Unterscheidung durch die Unterscheidung von Aufwärts und Abwärts zu ersetzen, der Pionier des Transhumanismus FM-2030 (geboren als Fereidoun Esfandiary). In seinem wegweisenden Manifest Up-Wingers von 1973 wies er den linken wie den rechten Anthropozentrismus zurück und verkündete stattdessen: »Das Leben selbst ist die größte Revolution.«11 In nicht gerade subtiler Manier verwendete FM-2030 den Begriff »Up«, um diejenigen zu bezeichnen, die seine transhumanistischen Visionen von der Zukunft des Lebens teilten, während er das Label »Down« denjenigen vorbehielt, die vom Transhumanismus abgehängt worden waren.

Dieser Essay verwendet die Up-Down-Unterscheidung neu, um die trans- und posthumanistischen Prioritäten nuancierter zu betrachten. Während ich Up (in Übereinstimmung mit FM-2030) weiterhin verwende, um transhumanistische Positionen im weitesten Sinne zu bezeichnen, verwende ich Down enger als Begriff für spezifisch posthumanistische Positionen. Das bedeutet, dass die Up-Down-Unterscheidung nicht die ganze Breite der gegenwärtigen Politik umfasst. Sie bezieht sich stattdessen nur auf diejenigen, die die Menschen als komplexe, informationsverarbeitende Systeme in den Blick nehmen und auf diese Weise den Schwerpunkt vom Menschen zum Leben verschieben.

Links und rechts sind anthropozentrisch aufgeteilt, Up und Down hingegen biozentrisch. Die entscheidende Spannung zwischen Up und Down betrifft nicht nur die Frage, ob man Technik oder Ökologie bevorzugt, sondern, auf einer grundsätzlicheren Ebene, ob man das Leben vorrangig als Information oder als System begreift. Die Up-Down-Unterscheidung operiert daher unabhängig von der Links-Rechts-Unterscheidung, sie entsteht aus der ontologischen Verschiebung, die den Menschen als komplexes, informationsverarbeitendes System begreift. Auf diese Weise erscheint das abwärtsgerichtete Denken komplementär zu – wenn auch in letzter Instanz unterschieden von – ähnlichen Positionen, etwa aus dem Buddhismus oder indigenen Ontologien.

Ebenso wie die Links-Rechts-Unterscheidung, bewegt sich auch die Up-Down-Unterscheidung auf einem Spektrum, auf dem ein moderater mittlerer Bereich sich an beiden Enden auf ein Extrem zubewegt.

Ziel

Far Up

Erreichen technologischer Transzendenz, schnellstmögliche Verwirklichung der kosmischen Zukunft des Lebens, unabhängig von den menschlichen Kosten.

Up 

Entwicklung von Technologien, um die biologischen Grenzen der menschlichen Wahrnehmung und Lebensdauer zu überwinden und das postbiologische Potenzial des Lebens freizusetzen.

Center Up

Selektives Annehmen von Technologie, um das Leben zu fördern, indem menschliche Eingriffe in das System Erde verstärkt werden.

Up-Down

Centrist

Förderung des Wohlergehens des Lebens als Ganzem, indem die Unterschiede zwischen dem Wohlergehen von Menschen, Tieren und Ökosystemen aufgehoben werden.

Center Down

Technologie selektiv annehmen und aufgeben, um das Leben zu fördern, indem die Störung des Erdsystems durch den Menschen verringert wird.

Down

Gleichgewicht zwischen Menschen und Erdsystem erreichen, selektiv auf Technologie und auf Wirtschaftswachstum verzichten, um das Leben zu fördern.

Far Down

Das Gedeihen des irdischen Lebens fördern, indem die Macht des Menschen, sich einzumischen, bis zur Bedeutungslosigkeit minimiert wird.

Zugleich kann diese Aufteilung auf das existierende Links-Rechts-Spektrum angewandt werden – zumindest bis zu dem Punkt, jenseits dessen die Visionen von der Zukunft des Lebens aufhören, mit menschlichem Gedeihen kompatibel zu sein, und jegliche Links/Rechts-Orientierung verlieren.

Weisheit: Tugend des Down-Wing

Das bestimmende Charakteristikum des Down-Wing ist die Akzeptanz von Vergänglichkeit, Endlichkeit und Selbstbeschränkung. Die Down-Winger treiben das tragische Ethos, das Wiener in das Herz der Kybernetik pflanzte, auf die Spitze, wenn sie das Leben als »Insel, hier und jetzt in einer sterbenden Welt« betrachten. Die Grundlagen des Down-Wing liegen in der Überzeugung, dass wir, wie es Wiener formuliert, »wie die Herzkönigin (in Alice im Wunderland) nicht bleiben können, wo wir sind, wenn wir nicht rennen, so schnell wir können. Wir kämpfen nicht für einen endgültigen Sieg in der unbegrenzten Zukunft. Der größtmögliche Sieg besteht darin, zu sein, zu bleiben und gewesen zu sein […] Das ist kein Defaitismus, es ist eher ein Gefühl für die Tragödie in einer Welt, in der Notwendigkeit durch ein unvermeidliches Verschwinden von Differenzierung dargestellt wird.«12

Mit den siebziger Jahren wurde den Systemwissenschaftlern klar, dass, auch wenn das gesamte System des Planeten erhebliche Kräfte der Selbststabilisierung besitzt, es zugleich auch über Feedback