MERKUR 10/2025, Jg.79 -  - E-Book

MERKUR 10/2025, Jg.79 E-Book

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Beschreibung

Jonas Rosenbrück sieht Donald Trump mithilfe von Psychoanalyse und Theweleit einmal in einem etwas anderen Licht: als einen Mann, hinter dessen kompensatorischer Begeisterung für das Hypermaskuline sich allerlei Queeres verbirgt. In qualitativen Interviews sondieren Uwe Schimank und Nils Kumkar, wie sehr die berufliche Prägung bestimmt, was die Leute als gute politische Entscheidungsverfahren begreifen. Thomas Holzhauser zeigt, wie sehr die Metapher des (womöglich gescheiterten) "Ankommens" der Ostdeutschen im Westen vielfache Ost-West-Verwerfungen verfehlt.  Auch in Ekkehard Knörers Theaterkolumne geht es um den Osten, namentlich Neustrelitz, Görlitz und Cottbus, und drei sehr unterschiedliche Versuche, den in jeder Hinsicht schwierigen Zeiten zu trotzen. Dominik Flügel liest zwei neue Bücher zur Geschichte der Ökonomie, von Clara E. Mattei und Fritz Bartel, die sich mit Absichten und Wirkungen von Austeritätspolitiken befassen.  Mit der absehbar endenden Geschichte des Auto-Verbrennungsmotors beschäftigt sich Jan Wetzel. Werner Krauß berichtet von den Erfahrungen mit Prostatakrebs am eigenen Leib. Um "Gestreiftes" geht es in einer Erzählung von Sibylle Severus. Tim Lanzendörfer kommt auf die von Christoph Paret im Juniheft aufgeworfene Frage nach dem Zusammenhang von Trump und Dummheit zurück. Anke Stellung schreibt aus der Divadlo-Wohnung im tschechische Jihlava, und ihr Vater ist tot.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Impressum

Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 917, Oktober 2025, 79. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, Fragen zur Produktsicherheit: [email protected], www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar.· Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 3. September 2025 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 €; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 €; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12445-3

Übersicht

Umschlag

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Cover

Impressum

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Jonas Rosenbrück: Donald Trumps Männerfantasien

Nils C. Kumkar, Uwe Schimank: Wie Arbeitserfahrungen Vorstellungen »guten« politischen Entscheidens prägen

Thorsten Holzhauser: Vom »Osten« und vom Ankommen in der Demokratie

KRITIK

Ekkehard Knörer: Theaterkolumne Osten (Abschiede)

Dominik Flügel: Wozu Austerität? Antworten aus dem 20. Jahrhundert

MARGINALIEN

Jan Wetzel: Tod und Nachleben des Verbrenners

Werner Krauß: Liebe, Sex und Prostata

Sibylle Severus: Gestreiftes

Tim Lanzendörfer: Die Dummheit ist der Punkt –. Elemente einer resignativen Betrachtung der amerikanischen Gegenwart

Anke Stelling: Schnelles Sterben II

Vorschau

Autorinnen und Autoren

JonasRosenbrück, geb. 1991, Assistant Professor of German am Amherst College. 2024 erschien Common Scents: Poetry, Modernity, and a Revolution of the Senses. [email protected]

Nils C.Kumkar, geb. 1985, Soziologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik Socium der Universität Bremen; Thomas Mann Fellow 2025 der Universität Bremen. 2022 erschien Alternative Fakten; 2025 Polarisierung. Über die Ordnung der Politik. [email protected]

UweSchimank, geb. 1955, Professor im Ruhestand für Soziologische Theorie am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik Socium der Universität Bremen. 2017 erschien Das Regime der Konkurrenz: Gesellschaftliche Ökonomisierungsdynamiken heute (mit Ute Volkmann). [email protected]

ThorstenHolzhauser, geb. 1985, Historiker, Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. 2022 erschien Demokratie, Nation, Belastung. Kollaboration und NS-Belastung als Nachkriegsdiskurs in Frankreich, Österreich und Westdeutschland. [email protected]

DominikFlügel, geb. 1996, Doktorand in Politikwissenschaft an der Universität Genf. https://dominikfluegel.de

JanWetzel, geb. 1991, Promovend an der TU Dresden zur historischen Soziologie moderner Gestaltung. 2020 erschien Die Vertrauensfrage. Für eine neue Politik des Zusammenhalts (mit Jutta Allmendinger). [email protected]

WernerKrauß, geb. 1957, Ethnologe, forscht zu Klimawandel und Biodiversität in den EU-Projekten »Climateurope2« und »Rewrite« am artec Forschungszentrum der Universität Bremen. 2013 erschien Die Klimafalle (mit Hans von Storch).

SibylleSeverus, geb. 1937, Schriftstellerin. 2015 erschienen der Roman Nauenfahrt und die Erzählungen Die Große Kunst. [email protected]

TimLanzendörfer, geb. 1981, Amerikanist am Institut für England- und Amerikastudien der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2023 erschien Utopian Pasts and Futures in the Contemporary American Novel. Laufendes Buchprojekt zur Rolle der Literaturwissenschaft in der Gesellschaft: Nichtfaschisten machen. https://platonicmonkeywrench.wordpress.com/

AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de

DOI 10.21706/mr-79-10-3

Zu diesem Heft

An Donald Trump kommt man einfach nicht vorbei – so sehr man es sich wünschen würde. Seit er im November 2022 seine erneute Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen in den USA öffentlich bekanntgegeben hat, sind fast fünfzig Beiträge im Merkur erschienen, die sich aus den unterschiedlichsten Perspektiven mit ihm beschäftigt haben.

In vielen davon kommt das schmerzliche Gefühl der Hilflosigkeit angesichts von Trumps öffentlich zelebriertem Sadismus, seiner schamlosen Rachsucht und seiner unverhohlenen Verachtung aller etablierten Standards politischer Zivilität zur Sprache. Mit den üblichen intellektuellen Analysewerkzeugen kommt man hier offenbar nicht weiter. Das liegt vor allem daran, dass, wie Jonas Rosenbrück feststellt, »die Enthüllung, das Schlüsselwerkzeug jeder Hermeneutik des Verdachts,« in der Auseinandersetzung mit Trump »nicht nur ineffektiv, sondern sogar kontraproduktiv« ist. Diesem Problem entkommt auch Rosenbrück bei seinem Versuch einer Charakterologie des US-Präsidenten nicht vollständig. Zugleich gelingt es ihm mit dem psychoanalytischen Blick nicht zuletzt auf Trumps schillernde Gender-Performance, diesen auch dem keineswegs wohlwollenden Betrachter als Faszinosum begreifbar zu machen.

In diesem Monat beginnen wir mit unserer Podcast-Gesprächsreihe »Krumme Straße«. Kooperationspartner bei diesem Experiment ist das Kulturwissenschaftliche Institut Essen. Die einzelnen Folgen der Reihe werden künftig jeweils zum Monatsanfang über unsere Website (www.merkur-zeitschrift.de) verfügbar sein. Auch wenn wir uns darin immer wieder mit Autoren und Autorinnen unterhalten werden, die auch im Merkur publizieren, ist »Krumme Straße« nicht primär als Ergänzung zum Heft gedacht, sondern als eigenständiges publizistisches Forum. Wir freuen uns darauf.

CD /EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-79-10-5

Jonas Rosenbrück

Donald Trumps Männerfantasien

Seit seiner triumphalen Rückkehr ins Weiße Haus am 20. Januar 2025 macht Donald Trump, was er will: exorbitante Steuerkürzungen für Superreiche, massive und häufig grausame Abschiebungen von Einwanderern, das Streichen von Fördergeldern für Entwicklungshilfe und Krebsforschung, transphobe Exekutivaktionen, die vorbehaltlose Unterstützung von Israels eskalierenden Kriegsverbrechen im Gazastreifen, die autoritär vorgehende Bestrafung von ihm nicht genehmen Individuen, Kanzleien und Universitäten – the list goes on.

Doch wirklich Spaß scheint der 47. Präsident der Vereinigten Staaten zu haben, wenn er sich Aufgaben fern der Tages- und Weltpolitik widmet. Wie die New York Times berichtet, verbringt Trump seit seiner Amtseinführung viel Zeit damit, Lampen und Vorhänge für die präsidiale Residenz auszusuchen, Empfänge für den Women’s History Month abzuhalten, einen neuen Ballsaal zu entwerfen und den Rosengarten des Weißen Hauses umzugestalten. (Wenn es regnet, ist er zu nass »für die Frauen in ihren Stöckelschuhen«, so der amerikanische Präsident.) Ein bemerkenswerter Rollentausch: Es sind dies die traditionellen Aufgaben der First Lady. Melania Trump jedoch ist seit der zweiten Amtseinführung ihres Mannes so gut wie nie im Weißen Haus zu finden, und so spielt an ihrer Stelle der Präsident die Rolle der ersten Frau der Vereinigten Staaten.

Solch eine Geschlechterverwirrung, solch ein gender trouble fiel auch schon während des letzten Wahlkampfs auf, als Trump immer wieder – anstatt über »Frauen in Stöckelschuhen« bewundernd oder lüstern zu sprechen, wie er es noch am Anfang seiner politischen Karriere häufig tat – seiner Verehrung gutaussehender Männer in der Öffentlichkeit emphatischen Ausdruck verlieh. Bei seinem dreistündigen Auftritt im populärsten Podcast der USA, der verschwörungstheoretisch-hypermaskulinen Joe Rogan Experience, sprach Trump ausführlich darüber, wie schön »seine« Piloten der Air Force One seien – »besser aussehend als Tom Cruise, sogar größer, wie perfekte Prachtexemplare«. Bei so offen zur Schau getragener, homoerotischer Bewunderung konnte Joe Rogan nur unsicher-gequält lachen. Für Trump hingegen ist das detaillierte Lob männlicher Körper Teil seiner Standardroutine geworden. Auch bei seinen fünf anderen Besuchen von »Manosphere«-Podcasts hielt sich der Präsident mit seinem detaillierten Männerkörperkommentar nicht zurück, zur bemerkenswerten Desorientierung seiner Gesprächspartner.

Neben den traditionellen Aufgaben der First Lady und der Bewunderung männlicher Körper frönt der Präsident immer wieder den Leidenschaften und Interessen eines (prä)pubertären Jungen. Im Oval Office hatte er eine Zeitlang ein Modellflugzeug der Air Force One, mit dem er JustinTrudeau beeindrucken wollte. Bei einem Besuch von CEOs der Logistikindustrie im März 2017 trug er einen »I love trucks«-Button und stieg vor einer Gruppe begeisterter Männer in einen Lastwagen, um ein paar Mal auf die Hupe zu drücken. Während seines Staatsbesuchs in Saudi-Arabien im Juni 2025 erhielt er ein Geschenk des saudischen Königshauses, das ihn fast noch mehr begeisterte als die milliardenschweren Investitionen, die ihm Kronprinz Mohammed bin Salman zusagte: zwei arabische Leoparden. Laut Brandie Smith, der Direktorin des amerikanischen Nationalzoos, wollte Trump alles über die »Persönlichkeit« dieser Leoparden wissen: »Wie groß sind diese Tiere? Was essen sie? Wie gefährlich sind sie?« Als dann wenige Tage später Israel den Iran angriff und eine ungeahnte Eskalation der Kriegshandlungen im Nahen Osten riskierte, verbrachte Trump mehrere Stunden auf dem Rasen des Weißen Hauses, um der Installation von zwei Fahnenmasten beizuwohnen, den »besten Fahnenmasten des Landes, der Welt sogar«, den größten und schönsten Fahnenmasten, die man je gesehen hat. Den schlüpfrigen Witz über die offensichtlich phallische Bedeutung dieser »flag poles« lieferte der Präsident dann auch selbst.

Hypermaskuline Kompensation

Trump als Frau, Trump als Homoerotiker, Trump als Junge – ein solches Bild des US-Präsidenten zu skizzieren, skandalisiert: Ist Trump nicht vielmehr das Urbild toxischer Männlichkeit, ein Mann, der protzige Militärparaden abhalten lässt und mit sexuellen Übergriffen auf Frauen angibt? Ein Mann, der von E. Jean Caroll erfolgreich auf zivilen Schadensersatz wegen »sexual battery« verklagt wurde und sich öffentlich mit Vergewaltigern wie Mike Tyson solidarisiert?1 Ein von Dominanzfantasien besessener Mann, der permanent damit prahlt, dass er der Größte ist und die größte Wirtschaft, das größte Militär, das größte Publikum (wir verstehen: den Größten) hat?

Wer Donald Trumps Verhältnis zum dichten Knotenpunkt »Geschlecht« verstehen will, muss genau dieses Paradox zu denken versuchen: Trumps Hypermaskulinität – seine gewalttätige, misogyne, sadistische, konventionell-patriarchale Männlichkeit – ist die intime Kehrseite seines permanenten Flirts mit der eigenen Feminisierung, Homoerotisierung und entmannenden Regression. Das Übertriebene und Extreme dieser Hypermaskulinität ist Kern und Ergebnis ihrer Kompensationsfunktion: Hier wird ein fundamentaler Mangel hysterisch überspielt.

Die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Essayistin Andrea Long Chu hat in ihrem Buch Females – teils Gender Studies-Manifest, teils Memoiren ihrer Transition – folgendermaßen argumentiert. Die Erfahrung von Lust und Begierde ist immer die Erfahrung einer Überwältigung: Ich begehre meine Begierde nicht aktiv; meine Lustobjekte werden von mir nicht frei gewählt, sondern die Lust überkommt mich und drängt sich mir auf. Insofern ist jegliches Verlangen eine feminisierende Kraft, da als »weiblich« in der westlichen Kultur all das kodiert ist, was als passiv-unterwürfig angesehen wird. Wenn ich etwas begehre, werde ich der Behälter einer mir fremden Kraft. Die entscheidende Wendung von Chus Argument ist: »everyone is female«. Als begehrende Wesen sind alle Menschen, ganz gleich welche »Geschlechtsidentität« sie annehmen, dieser feminisierenden Kraft unterworfen. In diesem Kontext lässt sich Männlichkeit dann als eine Bewältigungsstrategie zweiter Ordnung verstehen: »Everything that we think of as masculinity – even the worst kind, the kind that you find in seedy subreddits and at white nationalist marches – [is] really a way of negotiating, and learning to enjoy, the feminizing force of desire.«2

Trumps immer wieder beteuerte Hypermännlichkeit wäre dementsprechend eine Art Feuerschutz, unter dem Feminisierung, die er deutlich intensiver und freimütiger lebt als seine Rivalen, genossen und gleichzeitig verleugnet werden kann. Das Geheimnis von Trumps anhaltender Attraktivität für seine Wähler und Anhänger ist dies: Er erlaubt mir, etwas zu genießen, das ich gleichzeitig verleugnen muss, nämlich, dass auch ich in den Positionen »Frau«, »Homoerotiker«, »Junge« stehe und stehen möchte. Die Angst vor der Feminisierung, die sich in der toxischen Hypermaskulinität ausdrückt, ist nicht so sehr Angst vor dem Verlust der Männlichkeit (was im psychoanalytischen Vokabular unter dem Begriff »Kastrationskomplex« behandelt wird), sondern Angst davor, dass ich meine Kastration genießen werde. Im Angesicht dieser Angst ermöglicht Trump es sich und uns, auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Er gibt sich seiner Feminisierung hin und verleugnet sie mit aller Kraft – seine Männlichkeit ist das Endergebnis dieser in zwei verschiedene Richtungen strebenden Vektoren.

Aus der Perspektive der Männlichkeit als Kompensationsstrategie und Verleugnung von Feminisierung lässt sich auch die manisch-grausame Panik über Transfrauen, die von Trump (und zunehmend auch von deutschen Politikern) immer mehr angeheizt wird, besser verstehen. Es geht hier nicht darum, Cis-Frauen vor angeblich lüsternen und übergriffigen Transfrauen, die keine »echten« Frauen sind, zu schützen; es geht hier nicht einmal darum, die vermeintliche Binarität der Geschlechter aufrechtzuerhalten. Es geht vielmehr darum, dass Transfrauen ein Verlangen verkörpern, das die verleugnete Wahrheit kompensatorischer Männlichkeit darstellt: Sie wollen feminisiert werden. Dass jemand – dass ein Mann – eine Frau sein wollen könnte, ist ein größtmöglicher Affront und muss deshalb unter großen Anstrengungen verworfen werden.

Schein ist Sein

Niemand ist ein »echter« Mann; es gibt nur Personen, die sich durch ihre Körperpraktiken überzeugender in der Nähe des Idealtyps »Mann« positionieren können. Das Interessante an Trump ist, wie fern er von diesem Idealtyp steht: Er benutzt viel Make-up und färbt sich die Haare. Er hat weder ein konventionell gutaussehendes Gesicht noch ist sein Körper nach den Standards dominanter Männlichkeit geformt. Die permanente Bedrohung von Trumps Körper lässt sich mit dem Titel des zweiten von Werner Schwabs Fäkaliendramen zusammenfassen: ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM. Der Präsident ist unförmig und ungelenk, zu schwer, zu weich, zu wabbelig. Und dies schon seit Jahrzehnten. Dem Militärdienst im Vietnamkrieg entzog er sich aufgrund einer Diagnose von Knochenvorsprüngen (Osteophyten) in seinen Fersen; nicht einmal gehen konnte er gut genug, als dass er soldatisch seine Virilität hätte beweisen können. (Die Diagnose wurde aller Wahrscheinlichkeit nach gefälscht, damit Trump der Wehrpflicht entgehen konnte. Es ist unklar, welche Option – Wahrheit oder Lüge – entmannender ist.)

Der Kontrast zu den anderen Hauptfiguren der Trump-Show ist in dieser Hinsicht instruktiv. Protagonisten wie Verteidigungsminister Pete Hegseth, Heimatschutzministerin Kristi Noem oder auch seine Tochter Ivanka fallen eher durch ihre Hypernormativität auf. Seit Jahren ist Trump dafür bekannt, sich mit Menschen zu umgeben, die aussehen, als kämen sie aus dem »central casting«: von den bestaussehenden Piloten der Air Force One bis hin zu »seinen« Generälen. Wenn die Natur nicht ganz mitspielt, lässt sich dem auch medizinisch nachhelfen. Politico berichtete, dass die Anzahl kieferchirurgischer Eingriffe bei Männern, man verlangt ein markantes Kinn, seit Trumps zweiter Amtseinführung bei Schönheitschirurgen in Washington D. C. exponentiell angestiegen ist.3

Im aktuellen Diskurs werden solche geschlechtsangleichenden Maßnahmen (gender-affirming care) bezeichnenderweise primär im Kontext von Transpersonen diskutiert. Doch auch für Cis-Personen fungieren Brustvergrößerungen und -verkleinerungen, Penisimplantate und Haartransplantationen, Hormone gegen Haarausfall und für stärkeren Sexualtrieb, Steroide und Nahrungsmittelergänzung zum Muskelaufbau, selbst die anhaltende Fitnessstudiokultur ebenso als geschlechtsangleichende Maßnahmen. Sie gleichen mich dem Idealtyp meines Geschlechts an und bringen meinen Körper dem strukturell unerreichbaren Ideal näher – gender-affirming care ist en vogue für alle.

Im Vergleich zu den »central casting«-Protagonisten und Protagonistinnen seines Umfelds sind Donald Trumps eigene geschlechtsangleichende Maßnahmen auffallend minimal. Im Zentrum der Macht entscheidet Präsident Trump, wie es einem (Pseudo)Souverän zusteht, dass er die Ausnahme darstellt. Seine Virilität steht nicht zur Debatte; er muss sich dem Idealtyp nicht anpassen und kann sich Distanz zum Standard konventioneller Männlichkeit leisten. Es ist von zentraler Bedeutung, dass genau dieses Versagen seiner Männlichkeit Trumps Attraktivität für seine Wähler ausmacht: Es ermöglicht Identifikation im Modus der Idealisierung.4Trump erlaubt mir, etwas zu glauben, von dem ich weiß, dass es falsch ist: nämlich dass er, dass ich ein »echter«, »viriler« Mann bin, ein Mann, wie es sich gehört. Er macht vor, wie man Männlichkeit behauptet und durch den bloßen Akt der Behauptung herbeiredet. Trump verkörpert den Glauben an Männlichkeit als performativen, perlokutionären Sprechakt: Ich bin ein Mann – der männlichste Mann, den es je gab –, weil ich es sage.

Doch wie alle Sprechakte hat auch das Herbeireden von Männlichkeit Möglichkeitsbedingungen, die sozial konstituiert sind. Insofern verlangt die Performanz der Männlichkeit immer ihre soziale Anerkennung durch den Blick des Anderen, oder wie es Chu formuliert: »Gender exists, if it is to exist at all, only in the structural generosity of strangers.« Wenn mich absolut niemand, nicht einmal ich selbst, als Mann anerkennt, bin ich auch keiner. (Die Trans-Rechtsbewegung stellt im Kern die Forderung nach einer Umverteilung dieser Anerkennungsbedingungen dar.) Um diese Großzügigkeit zu erhalten, übe ich mich in Körperpraktiken, die mir am vielversprechendsten im Hinblick auf dieses Anerkennungsziel erscheinen, Körperpraktiken, die so immer eine Art Forderung und Bitte ausdrücken.

Der Trick des US-Präsidenten, mit dem er um die Anerkennung seiner Männlichkeitsperformanz bittet, ist nun folgender: Donald Trump ist eine inkognito, campy, extravagante Drag Queen. Er versteht, dass er das Versagen seiner Männlichkeit nicht überwinden kann, und verschiebt das Problem folglich auf die Ebene des Scheins. Der Schein der Männlichkeit wird durch Trumps theatralische Übertreibungen hervorgebracht. Denn bei ihm finden sich alle klassischen Elemente des Drag. Er übertreibt, er ist ironisch, er ist affektiert, er liebt das Artifizielle und Manierierte, eine Art Rokokostil dominiert seine Welt (überall blitzt es golden, selbst im Oval Office). Er ist »Camp« ganz in Susan Sontags Sinne, denn »the essence of Camp is its love of the unnatural: of artifice and exaggeration«.5 Und da die Extravaganz dieses manieristischen Stils immer auch primär die eigene Künstlichkeit explizit ausstellt, sieht man in Trumps Performanz wie in einer Kippfigur beides: dass er sich als »echter« (hyperbolischer) Mann produziert und dass er keiner ist. Auch die Gefahr dieser Haltung der Politik-als-Camp ist klar. Nach Sontag ist Camp das »Lösungsmittel der Moralität«; in ihm wird jegliche moralische Empörung neutralisiert und im ästhetischen Phänomen des ironischen Spiels aufgelöst. Jeglicher Zugriff auf das Phänomen Trump, der primär mit Moral- oder Realitätsbegriffen vorgeht, begeht somit einen Kategorienfehler.

Die Klage der Männlichkeit

Das Ideal der Männlichkeit kann nie erreicht werden: An irgendeiner Stelle bin ich immer zu klein oder zu schwach, von der Formel ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM bedroht. Insbesondere für heterosexuelle Männlichkeit geht es beim Verfehlen des männlichen Ideals, das sich primär durch Autonomie, Autarkie und Stärke definiert, um ein strukturell unüberwindbares Problem: Der heterosexuelle Mann begehrt etwas (Frau, Weiblichkeit), was er selbst nicht hervorbringen kann. In der Mitte heterosexueller Männlichkeit liegt eine Leere, die nicht nur die Insuffizienz des Mannes anzeigt, sondern auch Autonomie in unhintergehbarer Heteronomie auflöst.6 Flussabwärts der Quelle dieser unzureichenden Männlichkeit finden sich dann die typischen Symptome toxischer Männlichkeit: emotionale Unverfügbarkeit (Abschottung als Verneinung von fehlender Autarkie), misogyne, homophobe und transphobe Gewalt, die sich gegen all diejenigen richtet, die das Verleugnen dieser Quelle durch ihre eigenen Körper- und Lustpraktiken destabilisieren.

In dieser Hinsicht ist homoerotisches Verlangen sicherer: Meine Begierde richtet sich auf etwas, mit dem ich mich gleichzeitig identifizieren kann. Der Mangel wird begrenzt und stabilisiert; die Lücke scheint narzisstisch schließbar. Die Gefahr dieser Ausweichstrategie wiederum liegt in einem möglichen Identifikationskurzschluss. Man ist sich zu gleich und löst somit die notwendige sexuelle Differenz auf, in der sich ein Mann durch sein Nichtfrausein definieren könnte (Robert Stoller: »The first order of business in being a man is don’t be a woman«). Der Sperrbildschirm von Trumps iPhone zeigt ein Bild von ihm selbst, auf dem er in die Kamera, und damit auf sich selbst, zeigt: Im reinen Narzissmus löst sich Geschlecht als Zwischenspiel von Differenzen auf, und zurück bleibt eine unendliche, aber darum leere Mise en abyme.

In diesem Double Bind – sowohl Hetero- als auch Homo-Orientierungen drohen mit der Auflösung der Männlichkeit – staut sich der Affekt auf, den Trump in herausragender Art verkörpert: Ressentiment. Alles muss abgelehnt werden; nie kann er mit der Welt und anderen Menschen im Einklang sein. Dass er sich in einem permanenten, einsamen Belagerungszustand zu befinden scheint, zählt zu seinen auffallendsten Charakteristika. Immer und von allen Seiten will die Welt ihm Böses. Konsequenterweise ist, wie sich in Maggie Habermans Biografie nachlesen lässt, Rache eines der zentralen Themen seines Lebens.7

Doch Rache oder, präziser formuliert, das Ressentiment, wie Friedrich Nietzsche es in der ersten Abhandlung seiner Genealogie der Moral formuliert, ist nicht nur reaktiv. Es sagt »von vornherein Nein zu einem ›Ausserhalb‹, zu einem ›Anders‹, zu einem ›Nicht-selbst‹: und dies Nein ist ihre schöpferische That«.8 Das große Kunststück Trumps ist diese schöpferische Tat aus dem verbitterten Nein heraus. Er ist ein Priester im nietzscheanischen Sinn, denn »der Priester ist der Richtungs-Veränderer des Ressentiment«: »Jeder Leidende nämlich sucht instinktiv zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen Thäter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen schuldigen Thäter.« In Trumps Händen wird »jener gefährlichste Spreng- und Explosivstoff, das Ressentiment« umgeleitet und findet eine (neue) Zielscheibe: Für mein ökonomisches Leiden müssen China, Japan und all die anderen Länder, die uns über den Tisch ziehen, verantwortlich gemacht werden (und nicht die kapitalistische Ausbeutungs- und Klassenstruktur).9 Wenn das ländliche Krankenhaus schließt, liegt das an all den illegalen Einwanderern, die umsonst Gesundheitsversorgung erhalten (und nicht daran, dass Trumps Republikaner Medicaid gekürzt haben). Die Schuld am Zerfall der Infrastruktur liegt bei den »woken« Umweltschützern, die es zu schwer machen, zu bauen (und nicht an chronischer Unterinvestition und Klimakatastrophe). Und natürlich: An meinem Leiden an der Männlichkeit sind die Transfrauen, die Feministinnen und die Schwulen schuld (und nicht die Generalstruktur zeitgenössischer Maskulinität, die Männer an der Männlichkeit selbst leiden lässt). Der »Richtungs-Veränderer« Trump bringt eine Abkehr von den eigentlichen Quellen des Leidens hervor und bietet andere Zielscheiben an, welche die rassistischen, misogynen und xenophoben Strukturen der Psyche seiner Anhänger mit großem Lustgewinn bedienen. Sein politisches Genie liegt in der Umwandlung der Klage der Männlichkeit, des Ressentiments und der maskulinen Versagen-Verleugnen-Struktur in ein Spektakel, das Wählerenergien libidinös an ihn bindet und politisch effektiv macht.

Trump, der Hysteriker

Trumps Grundstruktur ist die des Ressentiments noch in einem weiteren Sinn: Seine Männerfantasien sind immer nur Wiederholungen, ein Noch-einmal-Fühlen, wie es das »Re« in Ressentiment anzeigt. Gegeben wird ihm (und uns allen) der Idealtyp des Mannes von außen, von den diffusen Anderen, dem großen Anderen, um es psychoanalytisch zu formulieren. Die eigene geschlechtliche Körperpraktik kann dann nur reaktiv-wiederholend sein, wenn sie sich diesem Typus anzugleichen versucht. Das Befolgen von Normen ist dementsprechend immer ein sich Unterwerfen, ein sich den Wünschen des Anderen Fügen. Trumps Standardsatz »Nobody tells me what to do« zeigt seine Wahrheit präzise im Modus der Verneinung: Ihm (wie uns allen) wird gesagt, was er zu tun und wie er zu sein hat.

Dies bedeutet wiederum, dass die Wahrheit meines Seins im Anderen liegt, denn nur von dort aus kann die mich konstituierende Anrufung (Althusser: Interpellation) ausgehen: Sag Du mir, wer ich bin. In dieses Schema fallen auch Trump