MERKUR 11/2025, Jg.79 -  - E-Book

MERKUR 11/2025, Jg.79 E-Book

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Beschreibung

Recht nah und recht exklusiv durfte der Schriftsteller Emmanuel Carrère mit Emmanuel Macron zum G7-Gipfel nach Kanada reisen: In "Das Rattenspiel" erstattet er davon Bericht. Eigentlich wollte Katja Kullmann einen Roman schreiben, der in Litauen spielt. Warum das nicht geklappt hat, erzählt sie in ihrem Essay "Netikrumas yra normalu". Robert Knight hat als Nachfahre von NS-Opfern einen österreichischen Pass erhalten – hält aber wenig davon, als Teil einer Opfergemeinschaft betrachtet zu werden.  Wie Trump von rechts – bei Adrian Vermeule und anderen – gerechtfertigt wird, seziert Jan-Werner Müller. Über das neue Streben zum Mond schreibt Bernhard Dotzler.  In der Gegenwart und der Vergangenheit von Beirut ist Mounir Zahran unterwegs. Über die kaum erträglichen Schwierigkeiten, die es bedeuten kann, trotz Ehe mit einem Deutschen mit einem afrikanischen Pass nach Deutschland einzureisen, berichtet Patrick Hönig. David Wagner hält fest, was ihm auf seinem "Mokkadrift" in und um Oldenburg, Cloppenburg und Delmenhorst herum auffällt. Anke Stelling sieht sich in ihrer Schlusskolumne nach dem Tod des Vaters mit dem Berliner Bestattungswesen konfrontiert.

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Seitenzahl: 193

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Impressum

Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 918, November 2025, 79. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, Fragen zur Produktsicherheit: [email protected], www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar, Ralf Tornow.· Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 2. Oktober 2025 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 €; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 €; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12446-0

Übersicht

Umschlag

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Cover

Impressum

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Emmanuel Carrère: Das Rattenspiel Zu Füßen von Hans Egede

Katja Kullmann: Netikrumas yra normalu* * Litauisch für: Verunsicherung ist normal

Robert Knight: Opfergemeinschaft Zwei freundliche Briefe und ein Bescheid

KRITIK

Jan-Werner Müller: Entfesselte Exekutive Was Trump (für postliberale amerikanische Juristen) rechtfertigt

Bernhard J. Dotzler: Lunare Planspiele Über die Rückkehr zum Mond

MARGINALIEN

Mounir Zahran: Beirut, Hauptstadt gebrochener Erinnerungen

Patrick Hönig: Die Farbe ihres Passes

David Wagner: Mokkadrift

Anke Stelling: Falsch-falsch-falsch

Vorschau

Autorinnen und Autoren

EmmanuelCarrère, geb. 1957, Schriftsteller und Filmregisseur. Auf Deutsch erschien 2023 V13 – Die Terroranschläge von Paris, auf Französisch ist gerade Kolkhoze erschienen. – Der Beitrag wurde in Le Nouvel Obs vom 24. Juli 2025 veröffentlicht.

KatjaKullmann, geb. 1970, Schriftstellerin und Journalistin. 2022 erschien Die singuläre Frau, 2025 der Roman Stars. www.katjakullmann.de/

RobertKnight, geb. 1952, pensionierter Historiker. 2020 erschien Politik der Assimilation: Österreich und die Kärntner Slowenen nach der NS-Herrschaft.

Jan-WernerMüller, geb. 1970, lehrt Politische Theorie in Princeton. 2019 erschien Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus, 2021 Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit: Wie schafft man Demokratie?

Bernhard J.Dotzler, geb. 1963, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Regensburg. 1991 erschien Der Hochstapler. Thomas Mann und die Simulakren der Literatur; 2020 Zurück zu Foucault. [email protected]

MounirZahran, geb. 1994, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. [email protected]

PatrickHönig, geb. 1966, Rechtsanwalt, wissenschaftlich tätig auf den Gebieten der Konfliktforschung und der Menschenrechte. 2025 erschien Wenn die Gewalt nicht endet. Erzwungene Migration in der Demokratischen Republik Kongo. patrick.hoenig@wiku-hamburg

DavidWagner, geb. 1971, Schriftsteller. 2024 erschien der Roman Verkin.

AnkeStelling, geb. 1971, Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. https://www.ankestelling.de

DOI 10.21706/mr-79-11-3

Zu diesem Heft

In diesem Heft ist ungewöhnlich viel Ich, aber der Blick geht dabei weit hinaus in die Welt. Emmanuel Carrère ist auf Einladung des Präsidenten mit Emmanuel Macron unterwegs, über Grönland nach Kanada zum G-7-Gipfel, wo dann auch Friedrich Merz und natürlich Donald Trump ihre Auftritte haben. Katja Kullmann ist mit einem Stipendium aus Hessen nach Litauen gefahren, einen vagen Plan für einen Roman im Kopf, aus dem aber angesichts der Konfrontation mit der Realität nichts werden kann. Statt des Romans liefert sie diesen Bericht. Der britische Historiker Robert Knight nimmt die Zuerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft zum Anlass, die Geschichte seiner jüdischen Vorfahren zu erzählen – und über die Frage nachzudenken, ob sich Traumata wirklich über die Generationen vererben. Von den kaum begreiflichen Schwierigkeiten seiner afrikanischen Frau, nach der Hochzeit in Dänemark ein Visum zur Einreise nach Deutschland zu erhalten, berichtet Patrick Hönig. Mounir Zahran, der vor dem Krieg in Syrien gelebt hat und nun in Deutschland Politikwissenschaftler ist, fährt nach Beirut, wo Syrer alles andere als beliebt sind und sich eine glanzvolle Vergangenheit und die krisenhafte Gegenwart unentwirrbar überlagern. Ganz anderer Schauplatz: David Wagner fährt mit einem gemieteten Opel Mokka durch den Nordwesten Deutschlands und berichtet von Alltäglichkeiten in den Nichtmetropolen Oldenburg, Cloppenburg und Delmenhorst. Aber selbst hier ist die geopolitische Gegenwart in Gestalt eines aus der Ukraine nach Berlin gekommenen turkmenischen Pärchens nur einen Anruf entfernt.

CD /EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-79-11-5

Emmanuel Carrère

Das Rattenspiel

Zu Füßen von Hans Egede

Nuuk, die Hauptstadt von Grönland, wirkt wie ein kleines Durcheinander aus orangenen Baukastenhäusern und grauen Wohnblöcken, die man auf einem Kieselstrand am Rand des Ozeans abgestellt hat. Kein einziger Baum, dafür ein Hügel, auf dessen Gipfel die Statue von Hans Egede steht – der dänische Missionar, der im 18. Jahrhundert die größte Insel der Welt christianisiert hat – und die deswegen kurz davorsteht, von kolonialismuskritischen Inuit gestürzt zu werden. Zu ihren Füßen warte ich auf die Rückkehr der Hubschrauber, die den grönländischen Premierminister Múte Egede (eine Verwandtschaftsbeziehung zu dem Missionar ist nicht sicher, aber wahrscheinlich), die dänische Premierministerin Mette Frederiksen (Grönland ist ein autonomes Territorium Dänemarks) und unseren Staatspräsidenten Emmanuel Macron (der als Président de la République die gesamte Reise über »PR« genannt wird) von ihrem Ausflug aufs Eis zurückbringen sollen. Ursprünglich hatte ich gehofft, selbst in einen dieser Hubschrauber steigen zu können, und schon geglaubt, das Spiel sei gewonnen, als er in dem Moment, da sich die Delegation in die Erwählten, die ihn in die Luft begleiten sollten, und die anderen teilte, mir vertraulich zuzwinkerte, wie er es oft und oft überraschend gegenüber Leuten tut, die ihm ins Sichtfeld kommen. Also gab ich klein bei: Es gibt zwar viel Platz in einem Flugzeug, aber wenig in einem Hubschrauber, und es handelte sich um ein PR+3-Event, das heißt der PR plus drei weitere Personen, und da bin ich nicht dabei. Als Schriftsteller, der in die französische Delegation beim G7 embedded ist – das heißt beim Gipfel der reichsten und theoretisch demokratischsten Länder, der dieses Jahr in Kanada stattfindet –, beginne ich, ab PR+6 oder +7 eine Chance zu haben, was schon nicht schlecht ist. Von meinem Beobachterposten aus sehe ich eine kleine Menge – die für Grönland groß ist – sich am Hafen um drei Redepulte scharen, an denen bald darauf die drei Staatschefs auftauchen.

Was ist der Kontext? In einer Sturzflut von Dekreten, Ankündigungen, verrückten Versprechungen und durchgedrehten Drohungen – die dem Ausdruck des MAGA-Ideologen Steve Bannon zufolge dazu dienen, »das Feld zu überfluten«, das heißt so zu agieren, dass kein Bürger auf Erden mehr weiß, an welchen psychischen Rettungsring er sich noch klammern soll – hat Donald Trump bei der Rede zu seiner Amtseinführung verlauten lassen, »die USA verstehen sich wieder als ein Land, das sein Territorium erweitern und seine Flagge zu neuen, großartigen Horizonten tragen wird.« (Gleichzeitig soll sich dieses Land aus jedem Engagement im Ausland zurückziehen.) Zu diesen neuen, großartigen Horizonten gehören in vorderster Reihe Kanada, das Trump zufolge prädestiniert ist, zum 51. Bundesstaat der USA zu werden, des Weiteren der Panamakanal und schließlich Grönland. Zu dessen Übernahme, so Trump, bedürfe es »wahrscheinlich keiner militärischen Gewalt«, »doch alle Optionen sind auf dem Tisch«. Kurz nach diesen Ankündigungen kam dem Vizepräsidenten J. D. Vance die Idee, seine zukünftigen grönländischen Kolonien zu inspizieren und in Begleitung seiner Frau Usha einem traditionellen Hundeschlittenrennen beizuwohnen, allerdings sagte man ihm ein so eiskaltes Willkommen voraus (etwas wie ein ganzes Volk, das einem geschlossen den Rücken zukehrt), dass er sich damit begnügte, die ebenso eiskalte Militärbasis zu besichtigen.

Unter diesen Umständen ist es von Seiten Macrons das, was politische Kommunikatoren eine »starke Geste« nennen, auf dem Weg zum G7 ein paar Stunden Zwischenstopp in Nuuk zu machen und zu zwei-, dreihundert Leuten zu sprechen, die gekommen sind, um seiner mal aufrüttelnden, mal verführerischen, gekonnt mit Pausen spielenden Stimme zu lauschen, die die Grönländer noch nicht die Zeit hatten sattzubekommen. In Frankreich ist der Hass auf Macron zu einem Volkssport geworden – den ich persönlich nicht mitspiele –, hier dagegen liebt man ihn. Zehn Tage zuvor wusste man zwar nicht mal unbedingt, wer er ist, aber heute wirkt Nuuk wie eine Hochburg von glühenden Macron-Verehrern. Seine Anwesenheit ist Balsam für die Seele, und der Enthusiasmus erreicht seinen Höhepunkt, als er nach einem schallenden Qujonaq! (»danke« auf Grönländisch) zuerst erklärt, Grönland stehe weder zum Verkauf noch zur Landnahme (ein so heftiger Applaus, als hätte er verkündet: »Ich bin ein Grönländer«), dann, Frankreich werde als Zeichen seiner unerschütterlichen Solidarität ein Konsulat in Nuuk eröffnen (etwas weniger Applaus), und schließlich, sein Hubschrauberausflug mit den beiden PMs habe ihm Gelegenheit gegeben, die Auswirkungen der Klimaerwärmung zu beobachten – denen Grönland, dessen Bewohner allesamt auf dem schmalen Küstenstreifen eines gigantischen, mit alarmierender Geschwindigkeit schmelzenden Gletschers wohnen, besonders ausgesetzt ist. In der Abfolge der kurzen Reden der drei Staatschefs ging es deshalb darum, wer am häufigsten das Wort »Klima« in den Mund nehmen würde – im Fall Macrons fünfmal, doch mir war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, wie provokant diese auf den ersten Blick banalen Erklärungen waren. Nach den Reden fragte eine Journalistin unseren PR, wie weit unsere Solidarität denn gehen würde, wenn Trump Grönland überfiele, und er antwortete mit einem Hauch von Ungeduld, er wolle seine Zeit nicht damit verlieren, über Fragen zu spekulieren, die sich im Moment nicht stellten.

Im Flugzeug

Fast sieben Jahre zuvor, im September 2017, war ich schon einmal im selben Flugzeug mit dem PR gereist, um ein Porträt von ihm für den Guardian zu schreiben. Es war der Beginn seiner ersten Amtszeit, und alles schien ihm zu glücken. Wir flogen nach Saint-Martin, einem Überseeterritorium, das von einem Zyklon heimgesucht worden war, und dann nach Athen, wo er eine große Rede über die europäische Zivilisation hielt. Im Rückblick wirken diese Zeiten fast sorglos, wenn man bedenkt, dass unsere jetzige Reise sich vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs, der systematischen Zerstörung von Gaza und der inzwischen unumkehrbaren ökologischen Katastrophe abspielt, wozu sich seit zwei Tagen noch die Schläge Israels gegen den Iran gesellen, die manche als Vorspiel zum Dritten Weltkrieg ansehen – und ich frage mich, ob wir uns in weiteren sieben Jahren nicht nach unseren aktuellen Kalamitäten zurücksehnen werden, so ausweglos wie exponentiell wachsend scheint das Chaos geworden zu sein.

In meinen Notizen von damals habe ich folgende Sätze von Macron gefunden und ihm vorgelegt: »Wenn wir uns nicht in einem tragischen Moment unserer Geschichte befänden, wäre ich nie gewählt worden. Für ruhige Zeiten bin ich nicht geschaffen. Mein Vorgänger (der fidele François Hollande) war es. Ich bin für Stürme gemacht.« »Nun denn«, kommentiert er das Zitat lächelnd, »jetzt ist es so weit.« Was die Innenpolitik betrifft, muss er allerdings zugeben, dass er den Sturm nicht gerade beruhigt hat, als er vor einem Jahr beschloss, die Nationalversammlung aufzulösen – ein in der Geschichte der Fünften Republik nie dagewesener politischer Elektroschock, den er sicher als Rosskur gegen seine Unbeliebtheit betrachtet hat, der das Land aber, wenn nicht völlig unregierbar, dann zumindest noch schwieriger als sonst zu regieren hinterlassen hat, viel schwieriger jedenfalls für ihn selbst. Da der PR der PR ist und wenig zur Selbstkritik neigt, bleibt er der Überzeugung, dass die Geschichte ihm Recht geben werde. Darüber hinaus hat er bei seiner letzten Neujahrsansprache eingeräumt, seine Entscheidung sei nicht richtig verstanden worden und für dieses Missverständnis sei zum Teil auch er verantwortlich – wer sonst noch, sagte er nicht.

Doch welche Schwierigkeiten auch immer es im Inneren gibt, die Außenpolitik bleibt traditionellerweise das Vorrecht des französischen Präsidenten, und man kann sagen, dass Macron auf nationaler Ebene zwar gegrillt werden mag, aber auf internationaler blüht er auf. »Good career move«, ließ angeblich Gore Vidal fallen, als er vom Tod Truman Capotes erfuhr. Genauso entpuppt sich die weltweite Unordnung für Macron als außergewöhnlicher Karrierebeschleuniger – und er weiß, dass es an der Spitze Europas einen Platz zu besetzen gibt. So sieht zumindest er es, und tatsächlich scheint er in Höchstform zu sein. Ich hatte angenommen, dass sich mein zweites Porträt gewaltig vom ersten unterscheiden würde – der Fall des Römischen Reichs nach seinem Aufstieg –, zumal mir manche ihn als inzwischen düster, verquält und von allen verlassen beschrieben hatten, mit blutig zerkauten Nägeln in den Gängen des Präsidentenpalasts herumirrend, in dem über nichts mehr entschieden wird.

Doch ich habe nichts Shakespeareskes dieser Art beobachtet und fand ihn ziemlich unverändert, abgesehen von der Tatsache, dass er inzwischen ganz offensichtlich Gewichte stemmt und sich unter seinem schwarzen T-Shirt – sein Flugzeug-Outfit – recht beeindruckende Bizepse abzeichnen, die er nicht nur gern zeigt, sondern auch mit sichtbarer Zufriedenheit abtastet. Früher war er immer cool, schnell und zugänglich, hielt seine blauen Augen auf die des Gegenübers geheftet, hielt einem die Hand fest und ließ sie nur ungern wieder los, und ich bin gern bereit zu glauben, dass er in echt (ich bin immer wieder überrascht, ihn diesen jugendlichen Ausdruck benutzen zu hören: en vrai) arrogant ist, sich nur um sich selbst dreht und sich für niemanden interessiert, doch zumindest an der Oberfläche (was meiner Meinung nach nicht heißt: in unecht) ist er immer noch genauso aufmerksam und präsent für seinen Gesprächspartner, wer immer das ist, als hielte er diesen für etwas ganz Besonderes. Ich weiß, dass Politiker die Fähigkeit haben, einem das Gefühl zu geben, man sei die einzige Person, die ihnen etwas bedeute, sie seien nur deshalb in dieses Flugzeug gestiegen, um die Freude des Zusammenseins voll auszukosten, und sie kennten einen besser als man sich selbst, doch er treibt es mit dieser Eigenschaft sehr weit, und alle, die je mit ihm zu tun hatten, können eine Anekdote erzählen, die sie auf fast übernatürliche Weise veranschaulicht. Hier ist meine.

Das Präsidentenflugzeug ist in vier Sektionen geteilt. Vorn die Suite des PR, zu der nur er Zugang hat. Dann ein Salon, wo man auf seine Einladung hin etwa ein Dutzend Personen an einem großen ovalen Tisch zu einer Arbeitssitzung, einem Gläschen oder sogar einer leichten Mahlzeit unterbringen kann – obwohl er selbst nichts als Pekannüsse zu essen scheint. Dann kommt eine Businesskabine für den inneren Zirkel, PR+18, und schließlich der hintere Teil des Flugzeugs, in dem das Sicherheitspersonal, die Logistik und die Journalisten Platz finden. Ich selbst war in der PR+18-Kabine, und während der drei Reisetage wurde ich dreimal an den ovalen Tisch neben den PR eingeladen, der begeistert schien, über französische Filme der siebziger Jahre sprechen zu können. Nicht über die Nouvelle Vague, nicht über Godard, nicht über Truffaut, nein, über Komödien und Thriller von populären Filmemachern, die französisches Kulturgut sind und deren Filme seit Ewigkeiten immer wieder im Fernsehen laufen, wie Henri Verneuil, Georges Lautner oder Claude Lelouch: Nicht alle Lelouchs seien brillant, räumt er ein, aber was würde man nicht alles jemandem verzeihen, der einen Film wie Die Entführer lassen grüßen gedreht hat, eine sympathische Kultblödelei, deren Dialoge er mit derselben Selbstsicherheit zitiert wie die Verse von Patrice de la Tour du Pin oder Aragons Die Französische Diana – vielleicht sein aktueller Lesestoff? Irgendwann während dieser Lawine von kinematografischer Expertise kommen wir auf die Filmadaption von Der Magier im Kreml zu sprechen – dem Roman von Guiliano da Empoli über Putins graue Eminenz Wladislaw Surkow –, für die ich gerade mit dem und für den Filmemacher Olivier Assayas das Drehbuch geschrieben habe. Jude Law spielt darin Putin, und ich ziehe mein Handy heraus, um dem PR ein Foto von ihm in dieser Rolle zu zeigen. »Nicht schlecht«, sagt er und reicht mir das Telefon augenblicklich zurück, und ich habe einen Moment lang den Eindruck, es nerve ihn, dass Jude Law Putin spielt und nicht ihn, Macron. Aber warum ich das Drehbuch geschrieben habe, fragt er, und nicht Giuliano? (Er sagt »Giuliano«.) Ich antworte, dass der Autor eines Buchs nicht immer der Geeignetste sei, um es auch zu adaptieren, es fehle ihm an Distanz, ich selbst würde mich auch nicht an den Adaptionen meiner Bücher beteiligen. Er hebt eine Augenbraue: »Aber Sie haben doch zusammen mit Claude MillerSchneetreiben adaptiert?«

An dieser Stelle muss ich für einen Moment um Aufmerksamkeit bitten. Der Film Schneetreiben, der auf einem Roman von mir basiert, ist fast dreißig Jahre alt. Meiner Meinung nach ist es ein schöner Film, aber er war kein bisschen erfolgreich, weder bei der Kritik noch kommerziell. Wenn man zehn mir nahestehende Personen danach fragen würde, hätten ihn vielleicht ein oder zwei gesehen, und abgesehen von meinem Agenten, der den Vertrag gemacht hat, wäre nicht eine davon in der Lage, zu sagen, ob ich an dem Drehbuch beteiligt war oder nicht. »Kein Grund zum Staunen«, sagt er mir, als ich ihm das erzähle, »ich bekomme Dossiers angefertigt, das ist alles.« Nein. Oder aber, wenn das die Erklärung ist, ist sie noch unwahrscheinlicher als die Tatsache an sich. Denn vorausgesetzt, dass Macron sich die Zeit genommen hat, ein Dossier über mich zu lesen, dann muss dieses Dossier mindestens fünfzehn Seiten umfasst haben, um eine solche Information zu enthalten. Ich bin platt und frage ihn: »Aber woher wissen Sie dieses Detail?« Darauf er: »Ich schlafe wenig, aber gut, das lässt mir Zeit, um mir Filme anzuschauen.«

Der Sherpa

Das Wort, das man aus der Bergwelt des Himalaya kennt, wo es für die Hochgebirgsträger steht, hat sich auch auf internationalen Gipfeln durchgesetzt: Der Sherpa begleitet den Staatschef und bereitet ihm zudem das Terrain vor. Seit 2017 ist Emmanuel Bonne der Sherpa Macrons und Chef der diplomatischen Zelle des Elysée-Palasts – was ihn zu einer weniger öffentlichen, aber sehr viel wichtigeren Figur macht als die verschiedenen Außenminister, die von einem Kabinett zum anderen wechseln (das behaupte ich, er würde so etwas natürlich niemals behaupten). Bonne ist ein ausgebildeter Diplomat und eleganter Mittfünfziger mit einer schönen, tiefen Stimme, der, ohne den im Umfeld des PR üblichen direkten, freundschaftlichen Ton zu übernehmen, sagt, er handhabe seine Beziehung zu diesem nach der Devise der Jesuiten: »Perinde ac cadaver«, gehorche »wie eine Leiche«.

Während des zweiten Teils der Reise von Nuuk nach Calgary in den kanadischen Rockys bat ich ihn, mir zu erklären, was bei diesem Gipfel konkret auf dem Spiel stehe, und hier ist, was ich mir notiert habe: Als Valéry Giscard d’Estaing 1975 den G7 gründete, repräsentierten die Mitgliedsländer (USA, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Italien, Kanada, Japan) 75 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Heute sind es 35 Prozent. Sie treffen auf gewaltige Konkurrenz und drohen, von Ländern abgehängt zu werden, die man früher Schwellenländer nannte und die inzwischen mehr als die Schwelle überschritten haben, allen voran die BRICS-Staaten. »Wir waren die Vorstandsvorsitzenden«, fasst Bonne zusammen, »jetzt sind wir nicht einmal Mehrheitsaktionäre«. Um nicht komplett von der Landkarte zu verschwinden, ist es deshalb überlebenswichtig, eine Lösung oder zumindest eine gemeinsame Position zu dem ein oder anderen großen Problem des Planeten zu finden: der Ukraine, dem Mittleren Osten, der Umwelt, Zollbestimmungen, egal was, aber zumindest irgendwas, es gibt genug Elefanten im Raum. Da das Ziel darin besteht, eine Erklärung zu verabschieden, die keinerlei verpflichtende Wirkung hat, sondern nur eine Absicht formuliert, eine Orientierung und geteilte Ziele, dürfte das eigentlich nicht so schwer werden, doch seit Trump II ist es schwer geworden, wobei das schreiendste Beispiel dieses Phänomens das Thema Klima ist.

Zu sagen, dass die Klimaerwärmung eine große Bedrohung ist und es eine absolute Priorität darstellt, alles dafür zu tun, sie einzudämmen, war bis jetzt ein so wenig polarisierender Zirkelschluss wie die Aussage, man sei gegen den Krieg, für den Frieden, für den Abbau von Ungleichheiten und so weiter. Einmal verkündet, tat man etwas oder tat nichts, aber es kostete nichts, es zumindest zu verkünden. Das ist vorbei. Der Weltherrscher findet, dass das Klima kein Problem darstellt, also setzt man es auch nicht auf die Tagesordnung, nicht einmal als frommen Wunsch. Das Wort »Klima« an sich ist eine Art K-Wort geworden, ein absolutes Tabu, genauso wie das Wort »inklusiv« oder die in der Trump-Welt als Provokation verstandene Vorstellung, wissenschaftlich bewiesene Argumente könnten und müssten im politischen Diskurs eine Bedeutung haben. Der politische Diskurs ist ein Witz, und wissenschaftlich bewiesene Argumente sind es auch. Die Wissenschaft ist nicht objektiv, die Wissenschaft irrt sich, die Wissenschaft ist woke, zum Teufel mit der Wissenschaft.

Da die Kanadier, die in diesem Jahr den G7 ausrichten, sich bewusst sind, dass der Handlungsspielraum nicht groß ist, haben sie deshalb von vornherein beschlossen, dass es keine gemeinsame Erklärung geben wird, sondern nur eine Art neutrales Resümee, bei dem jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird und möglichst jeder Bedeutung entbehrt. Neben der grausamen Verpflichtung, jemanden als Ehrengast zu empfangen, der klipp und klar angekündigt hat, sie sich einverleiben zu wollen, sind sie auch noch von der Erinnerung an den vorigen G7-Gipfel bei ihnen vor sieben Jahren traumatisiert, der so schlecht verlaufen war wie nur möglich. Trump I hatte sich aufgeregt und war vor dem Ende abgereist, hatte die Unterzeichnung der Erklärung verweigert und seinem Gastgeber Justin Trudeau