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Der Silicon-Valley-Investor Peter Thiel wird von vielen als Tausendsassa gefeiert, wurde unlängst gar mit dem Schirrmacher-Preis ausgezeichnet. David Runciman stellt nach der Lektüre eines neuen Buchs fest: In Wahrheit ist da sehr viel heiße Luft und wenig Substanz. Franziska Davies schreibt über die widersprüchliche Erinnerungspolitik der Ukraine im Hinblick auf sowjetische Gewaltherrschaft und Schoah. Vieles, das gerade unter der Überschrift "Identitätspolitik" diskutiert und kritisiert wird, ist in der Bundesrepublik, wie Florian Hannig aufzeigen kann, unter dem Stichwort "Betroffenheit" in den vergangenen Jahrzehnten schon ähnlich Thema gewesen. Marco Bitschnau kann die ständige und scharfe Kritik an deutschen Spitzenpolitiker/innen nicht nachvollziehen, schon gar im Kontext vergleichbarer Länder. In seiner Sinneskolumne fragt Bodo Mrozek nach den Zusammenhängen von Sinneswahrnehmung, Bewaffnung und Krieg. Anlässlich des Erscheinens ihres neuen Romans "Ein von Schatten begrenzter Raum" stellt Ekkehard Knörer das Werk von Emine Sevgi Özdamar vor. Mit der Wie-derveröffentlichung von Johannes Keplers "Der Traum, oder: Mond-Astronomie" beschäftigt sich Bernhard Dotzler. Wolfgang Fach denkt über den Sinn des Wählens, des Nichtwählens und über Wahlmüdigkeit nach. Joseph Beuys und Kurt Schwitters sind auf den ersten Blick zwei diametral unterschiedliche Künstler – Lambert Wiesing zeigt, wie sich ihr künstlerisches Programm an einer entscheidenden Stelle aber doch kreuzt. Gerne wird, wenn es um die Modernität des Kaiserreichs geht, auf die Fortschritte der Gewerkschaftsbewegung verwiesen. Dass man sich da mal nicht täuscht, meint der Historiker Michael Kittner. In ihrer Schlusskolumne (die übrigens im neuen Jahr fortgesetzt wird) widmet sich Hanna Engelmeier dem Videospiel Crossy Roads.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2021
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 871, Dezember 2021, 75. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemandund EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15
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Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 14 €; im Abonnement jährlich 140 € / 162 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 140 € / 162 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 € / 28 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.
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ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-11195-8
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
David Runciman: Wettbewerb ist für Verlierer
Franziska Davies: Gewaltherrschaft und Schoah in der Ukraine
Florian Hannig: Eine kurze Geschichte der Betroffenheit(skritik) in der Bundesrepublik
Marco Bitschnau: Keine Lust auf niemanden
KRITIK
Bodo Mrozek: Sinneskolumne
Bewaffnete Organe: Sensory Warfare
Ekkehard Knörer: Schattengeboren
Zum Werk von Emine Sevgi Özdamar
Bernhard Dotzler: (K)eine Mondreise, oder: Astronoetik nach Kepler
MARGINALIEN
Wolfgang Fach: Wählen gehen
Lambert Wiesing: Schwitters und Beuys: Stile der ästhetischen Weltverbesserung
Michael Kittner: Was heißt hier modern?
Das Kaiserreich und die Arbeiterbewegung
Hanna Engelmeier: Crossy Road (Ein Text über Liebe)
Vorschau
David Runciman, geb. 1967, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Cambridge. 2021 erschien Confronting Leviathan. A History of Ideas. – Der Text ist im Original unter dem Titel Competition is For Losers in der London Review of Books vom 23. September 2021 erschienen.
Franziska Davies, geb. 1984, Akademische Rätin auf Zeit am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Florian Hannig, geb. 1980, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Fachjournalistik Geschichte der Universität Gießen. 2021 erschien Am Anfang war Biafra. Humanitäre Hilfe in den USA und der Bundesrepublik. [email protected]
Marco Bitschnau, geb. 1993, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Schweizerischen Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien der Universität Neuenburg. [email protected]
Bodo Mrozek, geb. 1968, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Kolleg Kalter Krieg. 2022 erscheint Sensory Warfare in the Global Cold War. Propaganda, Partition, Covert Operations (Hrsg.). [email protected]
Bernhard Dotzler, geb. 1963, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Regensburg. 2020 erschien Zurück zu Foucault.
Wolfgang Fach, geb. 1944, Professor emeritus für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Leipzig. 2020 erschien Trump: Ein amerikanischer Traum?
Lambert Wiesing, geb. 1963, Professor für Philosophie an der Universität Jena. 2020 erschien Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins. [email protected]
Michael Kittner geb. 1941, Professor emeritus für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Universität Kassel. Langjähriger Justitiar der IG Metall. 2020 erschien (zus. m. Wolfgang Däubler) Geschichte der Betriebsverfassung. [email protected]
Hanna Engelmeier, geb. 1983, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. 2021 erschien Trost. Vier Übungen. [email protected]
DOI 10.21706/mr-75-12-3
Peter Thiel ist eine der schillerndsten Figuren aus dem Milieu des Silicon Valley: Investor, Milliardär, Propagandist eines radikalen Libertarismus und nicht zuletzt Mythopoet seiner selbst. In seinem Rezensionsessay zu Max Chafkins Biografie Peter Thiels rückt David Runciman manche um Thiel gesponnene Legende zurecht: »Nichts ist dabei so ganz, was es scheint.« Seine visionären Investitionen, etwa in Facebook, waren sehr viel weniger visionär als behauptet. Auch erwies er sich schnell als zu durchgeknallt selbst für den Geschmack von Donald Trump. Umso bemerkenswerter, dass in diesem Jahr die Jury des Frank-Schirrmacher-Preises (neben anderen sitzen darin Mathias Döpfner und Jürgen Kaube) der Ansicht war, es komme mit Thiel und diesem Preis zusammen, was zusammengehört.
Demokratie lebt von Kritik. Für Marco Bitschnau war die Grenze zum nur noch Destruktiven im letzten Bundestagswahlkampf allerdings klar überschritten. Wie er in seinem Essay Keine Lust auf niemanden darlegt, waren die Häme und die Verachtung, die den Spitzenkandidatinnen Laschet, Scholz und Baerbock entgegenschlugen, aus seiner Sicht vollkommen unangemessen. Vor allem, weil aus ihnen das Unvermögen und der Unwille sprechen, sich in die Voraussetzungen des Handelns im politischen Raum hineinzuversetzen. Was auch heißt, dass das für die Demokratie notwendige eigene Engagement zusehends schwerer vorstellbar wird.
Wolfgang Fach befasst sich in seinem Text Wählen gehen mit einer anderen Erscheinungsform desselben Problems. Statistiken zeigen, auch wenn es immer wieder Ausschläge nach oben gibt, eine stetig wachsende Wahlmüdigkeit. Auch das ist Ausdruck einer Entpolitisierung und läuft im schlimmsten Fall hinaus auf Kritik als Komplexitätsreduktion: »Man gewöhnt sich daran, im ledernen Sessel zu räsonieren – und findet endlich sogar Gefallen am Glasperlenspiel.«
CD / EK
Beiträge
DOI 10.21706/mr-75-12-5
David Runciman
Peter Thiel tanzt auf so vielen Hochzeiten, dass man gelegentlich nicht mehr mitkommt. Er hat PayPal mitgegründet, womit er die Grundlage für seinen frühen Reichtum legte, wie auch für den Elon Musks. Er ist der Mann, der in Sachen Mark Zuckerberg und Facebook eine etwas unheimliche Vorahnung besaß und beiden als Investor den Weg zur globalen Vorherrschaft ebnete. Er ist der Mann, der die Online-Gerüchte-Website Gawker in den Bankrott zwang, indem er Hulk Hogans Verleumdungsprozess finanzierte. Das war der Abschluss einer jahrzehntelangen Vendetta, die damit begann, dass Thiel von Gawker als schwul geoutet wurde. Zwar hat Thiel selbst einen Stanford-Abschluss, rief aber trotzdem ein Stipendienprogramm ins Leben, das es schlauen jungen Leuten ermöglicht, aufs College zu verzichten und sogleich ins Leben ihrer Träume unter der Obhut von Peter Thiel im Silicon Valley zu starten.
Er war ein früher und lautstarker Unterstützer von Trumps Präsidentschaftskandidatur und hielt 2016 eine unvergessen gruselige Rede auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner. Als Vorsichtsmaßnahme angesichts der drohenden Apokalypse hat er die neuseeländische Staatsbürgerschaft erworben und sich dort ein rund 2000 Quadratkilometer großes Grundstück zugelegt, auch wenn er kaum je Zeit im Land verbringt. Er war ein wichtiger Finanzier des Seasteading Institute, das auf den Ozeanen unabhängige Communitys ins Leben rufen will, frei von jeder staatlichen Kontrolle. Wie einige andere Tech-Titanen ist Thiel sehr daran interessiert, dem Prozess des Alterns zu trotzen, oder besser noch, ihn ganz zu besiegen. In der Biologie ist er dem neuartigen Feld der Parabiose besonders verbunden, das sich mit Bluttransfusionsexperimenten von jungen zu alten Menschen befasst. Als er 2018 auf einer Veranstaltung der New York Times dazu befragt wurde, antwortete Thiel: »Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich kann öffentlich versichern: Ich bin kein Vampir.«
Gibt es eine Philosophie, die dieses verwirrende Spektrum von Aktivitäten verbindet? Max Chafkin sucht nach einer solchen in seiner Schilderung von Thiels Karriere und Leben, aber sehr gründlich ist er, um ehrlich zu sein, dabei nicht.1 Dafür leistet er hervorragende Arbeit, wenn es darum geht, die einzelnen Elemente der Thiel-Mythologie je für sich zu analysieren. Nichts ist dabei so ganz, was es scheint. Nehmen wir etwa Thiels Ruf als weitsichtiger Investor und früher Entdecker weltverändernder Talente. Es ist wahr, dass er 500 000 Dollar in Facebook steckte, als das gesamte Unternehmen noch kaum zehn Mal so viel wert war. In Aaron Sorkins Drehbuch zu The Social Network wird Thiel als der rücksichtslose Schlipsträger porträtiert, der begreift, dass das Unternehmen nur eine interne Restrukturierung vom Riesenerfolg entfernt ist. (In Mike Jugdes’ Serie Silicon Valley taucht Thiel als der schräge Visionär Peter Gregory auf, der Verbindungen erkennt, die alle anderen übersehen, wie etwa die zwischen den Mustern auf Burger-King-Brötchen und dem Preis von Sesamsamen-Termingeschäften.)
Aber kaum hatte Thiel sein Geld in Facebook gesteckt, unternahm er alles, um es wieder aus dem Unternehmen zu ziehen. 2006 versuchte er, Zuckerberg zu überreden, die Firma für eine Milliarde Dollar an Yahoo zu verkaufen, in der Annahme, damit seien die Erfolgsaussichten von Facebook noch massiv überschätzt. Zuckerberg lehnte das Angebot ab, und Thiel trennte sich darauf von vielen seiner Anteile und verpasste so die sagenhaften Gewinne, die das Unternehmen in der Folge abzuwerfen begann (gegenwärtig ist Facebook mehr als eine Billion Dollar wert). Als Facebook 2012 an die Börse ging, hielt Thiel das Unternehmen ein weiteres Mal für überbewertet und verkaufte erneut, so viel er nur konnte. Der Aktienpreis ist seitdem auf das Zehnfache seines Werts gestiegen.
Da er stets nach Anzeichen des Untergangs Ausschau hält, kann Thiel sich zugutehalten, einer der wenigen gewesen zu sein, die den Crash von 2008 kommen sahen, und er machte seinen Investmentfonds tatsächlich auf die Möglichkeit aufmerksam, dass sich mit der Wette auf den Niedergang der US-Ökonomie sehr viel Geld machen ließe. Leider hat sein Fonds darauf aber nicht wirklich reagiert, und Thiel und seine Investoren hatten gar nichts davon. Woraufhin er in Panik geriet und schon Anfang 2009 wieder massiv investierte, im Glauben, das Schlimmste sei überstanden. Und als er seine Aktien dann vor der tatsächlichen Kehrtwende wieder verkaufte, zahlte er ein weiteres Mal heftig drauf. Thiel ist kein Investitionsgenie. Er ist, wie fast alle anderen auch, ein nervöser Investor, der Entscheidungen bald bereut und schnell in Panik gerät. Ein ganz normaler Hedgie auf der Jagd nach seinem eigenen Schwanz.
Auch Thiels Anti-Universitäts-Stipendien-Projekt für windschnittige und hungrige Teenager, die ihn an ihn selbst erinnern, ist weit weniger disruptiv, als es klingt. Er ist sicher nicht der Einzige, der die Universitätsbildung in den USA für ein riesiges Betrugsunternehmen hält, bei dem man fadenscheinige Zeugnisse für viel zu hohe Gebühren und lähmende Schulden erwirbt. Er glaubt außerdem, dass die Elite-Universitäten eine kultartige Brutstätte für liberale Frömmeleien sind, und da ist er sich mit den Rechten um Trump völlig einig. Die Thiel-Stipendien, die 2011 erstmals ausgezahlt wurden, boten anfangs jedem unter den ausgewählten Highschool-Absolventen mit großen Ideen zur Veränderung der Welt 100 000 Dollar.
Die erfolgreichen Kandidaten waren allesamt Mini-Thiels: selbsterklärte Libertäre, voller Verachtung für die Universität und ihre sinnlosen Rituale. »Es waren – fast ausnahmslos – Jungs«, so Chafkin, »und fast ebenso ausnahmslos ähnelten sie Thiel in ihrer sozialen Unbeholfenheit.« Ein Siebzehnjähriger hoffte darauf, das individuelle menschliche Leben um dreihundert Jahre verlängern zu können; ein Sechzehnjähriger arbeitete an einer Umgehung der Großen Firewall Chinas. Wenig überraschend wurde aus alledem nichts. Die Thiel-Stipendiaten kreuzten im Silicon Valley auf und bekamen Zugang zu den Netzwerker-Veranstaltungen in Thiels Haus. »Das sind die deprimierendsten Partys, die man sich vorstellen kann«, erinnerte sich einer der Stipendiaten später, und das Programm verkam rasch zu einem gnadenlosen Wettrennen, um ein paar Minuten beim Boss zu erhaschen, mit der Hoffnung auf eine Anschubfinanzierung für die gepitchten Projekte. Thiel versprach den Fellows eine Community gleichgesinnter Individuen, die ihnen beim Entwickeln ihrer Ideen behilflich sein würden. Stattdessen bekamen sie die Chance, Profit aus Thiels Namen zu schlagen.
»Es war wie ein College ohne Seminare, ohne Wohnheim und ohne Studieren – also ohne das meiste, was den Besuch der Universität zur Bereicherung macht«, wie Chafkin schreibt. »Es war kein Angriff auf das Bewertungssystem; es war einfach eine andere Sorte Qualifikation.« Was das angeht, war sie allerdings fadenscheiniger als die meisten anderen. Thiel hatte keine große Lust, viel eigenes Geld in die Startups seiner Nachwuchs-Fellows zu stecken, aus Angst vor dem Vorwurf ungerechter Bevorzugungen, und die, die er doch unterstützte – zum Beispiel Hello, ein Hersteller von Weckern und Schlaf-Trackern zum Preis von 149 Dollar, gegründet von einem Neunzehnjährigen –, entwickelten sich zu Flops. Es dämmerte den Thiel-Fellows bald, dass sie es eher schwerer hatten als die anderen auf ihren konventionelleren Wegen. Die, die nach Beendigung des Programms doch noch erfolgreich waren, haben es später bereut, dort ihre Zeit verschwendet zu haben. »Vergiss die Strategien, die du als Neunzehnjähriger entwickelt hast«, meinte einer. »Im Nachhinein ist das ja eigentlich auch keine große Einsicht.«
Thiels lange, heimliche und am Ende zerstörerische Kampagne gegen Gawker ist auch ein wenig rätselhaft. Nicht die Rachsucht, die hinter ihr steckte: Ein stark entwickelter Sinn fürs Gekränktsein war immer schon typisch für Thiel. Auch nicht die Rücksichtslosigkeit, mit der sie durchgeführt wurde. Thiel war schon eine ganze Weile auf der Suche nach einer plausiblen Verleumdungsklage gegen Gawker, die er im Hintergrund unterstützen konnte, und als er auf Hulk Hogans Klage stieß, die dieser wegen der Veröffentlichung eines ohne seine Zustimmung gefilmten Sex-Tapes gegen Gawker angestrengt hatte, war er voll dabei. 2016 gab eine Jury in Tampa Bay Hogan Recht, ohne zu wissen, dass Thiel die Klage finanziert hatte, und verhängte eine Strafe von 140 Millionen Dollar gegen Gawker. Es wurde ein Treffen zwischen Thiel und dem Gründer und Verleger von Gawker, Nick Denton, anberaumt, um eine Einigung zwischen beiden herbeizuführen, ihrer gegenseitigen Verachtung füreinander zum Trotz.
Thiel kam zwar zu dem Treffen, zeigte sich aber zu keiner Verständigung bereit. Als es um die Möglichkeit eines Vergleichs ging, erklärte er Denton, er wolle »das Magazin auslöschen«. Und das tat er dann auch. (Gawker ist dieses Jahr neu gestartet, ohne Denton.) Warum aber war Thiel über das Outing durch Gawker überhaupt so empört? Im Herbst 2007, als es passierte, war Thiels Homosexualität schon ein offenes Geheimnis. Er hatte immer vorgegeben, sich um konventionelle Moral wenig zu kümmern, und seine Empfindlichkeit bei diesem Thema schien nicht zu seinen libertären Einstellungen zu passen, von seinem Hedonismus ganz zu schweigen (es gab im Thiel-Anwesen sehr viel aufregendere Partys als die für die Thiel-Stipendiaten). Gawker hatte ihn wegen seiner philosophischen Prätentionen, seiner zweifelhaften Geschäftspraktiken und wegen des Unsinns, den er zum Thema neue Technologien in die Welt zu setzen pflegte, immer wieder verspottet. Aber es war dieser Kommentar zu seinen sexuellen Präferenzen, der ihm dann richtig zu schaffen machte. Warum?
Thiel behauptete, es gehe ihm ums Prinzip: Weit davon entfernt, seinen Reichtum dazu nutzen zu wollen, öffentliche Meinungsäußerungen zu unterdrücken, sei es ihm gerade um die freie Presse zu tun, die er von einem schwarzen Schaf, das alle in Verruf bringe, zu befreien versuchte. »Eben weil ich Journalisten respektiere, glaube ich nicht, dass der Widerstand gegen Gawker sie irgendwie gefährdet«, erklärte er nach dem Urteil zugunsten Hogans. »Es geht weniger um Rache als um eine spezifische Abschreckung.« Allerdings gibt es wenige Hinweise darauf, dass Thiel Journalisten tatsächlich respektiert, so wenig wie andere geschlossene Milieus liberal gesinnter Eliten mit Hochschulabschluss. Was ihn stattdessen am Interesse von Gawker an seinem Liebesleben verstört zu haben scheint, waren die Konsequenzen, die das Outing für seine Unternehmen haben würde. Der ursprüngliche Gawker-Text war alles andere als spekulativ oder lüstern. Unter der Überschrift »Peter Thiel ist so was von schwul, Leute« hatte Denton versucht, das Outing Thiels seinerseits als Sache des Prinzips zu verkaufen. Der für das Silicon Valley zuständige Redakteur Owen Thomas (selbst schwul) hatte geschrieben: »Wie viele offen schwule Venture-Capital-Investoren kennen Sie? Ich glaube, dass das einiges an Thiel erklärt: seine Verachtung für die Konvention, seine Mission, alle etablierten Regeln auf den Kopf zu stellen. Wie für die jüdischen Immigranten, die vor einem Jahrhundert Hollywood geschaffen haben, gibt es für einen schwulen Investor oder eine lesbische Investorin keine Chance, sich ins etablierte System einzufügen. Das gibt ihm oder ihr die Freiheit, ein anderes, hoffentlich besseres System zu schaffen, das talentierte Individuen erkennt und belohnt und ihr Können auf die Welt loszulassen erlaubt. Darum halte ich es für wichtig, das zu sagen: Peter Thiel, der smarteste Venture-Kapitalist der Welt, ist schwul. Umso besser.»
Thiel selbst sah das völlig anders. 2008, als die Weltwirtschaft ihre Kernschmelze erlebte, stand auch Thiels Investmentfonds unter Druck. Er fürchtete, unruhige Investoren könnten durch das Gawker-Gerücht abgeschreckt worden sein. Besonders sorgte ihn, dass das Outing sich als toxisch für die arabischen Staatsfonds erweisen könnte, die er aufgelegt hatte, viele davon waren von Regierungen kontrolliert, in deren Ländern Homosexualität als Verbrechen gilt. Thiel hatte einen Ruf als Außenseiter, aber sein Geschäftsmodell hing daran, den Mächtigen möglichst nahe zu sein. Ihm war klar, dass man bei ihnen Zugriff auf das ganz große Geld bekommt. Ihm war ebenfalls klar, dass es sich in der Welt der staatlich kontrollierten Vermögen – anders als in der Welt der Silicon-Valley-Startups – nicht lohnt, Grenzlinien zu übertreten.
Wenn es einen Schlüssel zu Thiels Philosophie gibt, ist es dieser: Führe deine Feinde öffentlich vor, aber wahre Schweigen über deine Freunde. Das erklärt den vermutlich am wenigsten überraschenden Aspekt der Thiel-Story – seine Begeisterung für Trump. Viele andere Unternehmer des Silicon Valley, auch Zuckerberg, die gerne jene liberalen Prinzipien im Munde führen, die sie mit ihren Unternehmen zugleich untergraben, waren schockiert, dass Thiel sich so offen auf die dunkle Seite der Politik schlug. Thiel selbst nannte es »seine am wenigsten aus purem Widerspruchgeist geborene Wette«. Seit seinen College-Tagen – als er die gegen alles Liberale hetzende, antifeministische Stanford Review gegründet hatte – hatte er seinen schlechten Ruf in politischen Dingen in den Zugang zu den Reichen und Mächtigen umgemünzt. Mit seiner Unterstützung für Trump würde er, wie er begriff, gewinnen, egal, wie es ausging. Hätte Trump die Wahl verloren, wovon so gut wie alle ausgegangen waren, hätte Thiels Parteinahme doch zur öffentlichen Persona eines Mannes gepasst, den es nicht kümmert, was der Rest der Welt denkt. Dass er wieder einmal den Provokateur spielen wollte, würde nur mit allgemeinem Achselzucken quittiert. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall von Trumps Sieg hätte er einen privilegierten Zugang zur neuen Regierung. Der Rest des Silicon Valley, und sogar große Teile der Wall Street, fänden sich vor den Mauern der Trump-Welt wieder. Er aber säße mittendrin.
Tatsächlich hatte Thiel nach Trumps bemerkenswertem Sieg gleich zwei verschiedene privilegierte Zugänge. Die unmittelbare Belohnung für die Treue zum Kandidaten – er hatte sich nach der Veröffentlichung von Trumps »Grab ’em by the pussy»-Kommentaren gleich noch einmal für ihn erklärt – war ein Sitz im Exekutivkomitee des Übergangsteams. Thiel sollte Kandidaten für das Kabinett benennen, mit denen »die Disruption des Verwaltungsstaats« möglich sein würde. Er präsentierte am Ende eine Liste mit mehr als 150 Namen für hohe Regierungsfunktionen. Viele waren entweder Ultra-Libertäre oder Reaktionäre. Fast keiner kam durch. Die Liste war selbst für diese so unwahrscheinliche Regierung einfach zu starker Tobak.
Für die Position des wissenschaftlichen Beraters schlug Thiel etwa William Happer vor, Amerikas prominentesten Klimaskeptiker, einen Mann, der die Dämonisierung fossiler Energien mit Hitlers Behandlung der Juden verglichen hatte. Happer wurde von Trump am Ende mit einer niedrigeren Position abgespeist, und selbst das war nicht haltbar: Er verließ die Regierung, nachdem er behauptet hatte, der Glaube der Offiziellen im Weißen Haus an die Gefahren des Klimawandels sei nur durch eine »Gehirnwäsche« zu erklären. Dann versuchte Thiel es mit David Gelernter, einem Krieger gegen die politische Korrektheit, dem Autor von America-Lite: How Imperial Academia Dismantled Our Culture (and Ushered in the Obamacrats). Thiel versuchte, Trump Gelernter als Märtyrer des technologischen Fortschritts schmackhaft zu machen, da dieser bei einem Anschlag des Unabombers einen Teil der rechten Hand verloren hatte. Das zeigt aber nur, wie wenig Thiel begriffen hatte, wie sein neuer Boss tickte. Trump kann körperliche Einschränkungen gar nicht ertragen. Bei seinem Gespräch mit Gelernter konzentrierte er sich fast obsessiv auf die Verletzung, auf die Frage, wie es dazu gekommen war und auf den Gesundheitszustand Gelernters. Am Ende entließ er ihn barsch. »Den Job kriegen Sie nicht«, war alles, was er sagte.
Als Antreiber einer Politik der Disruption war Thiel ein Flop. Dass Steve Bannon ihn als zu unzuverlässig für die Kärrnerarbeit in der Regierung einschätzte, will durchaus etwas heißen. Doch darauf war Thiel ohnehin nicht aus gewesen. Von der Show als solcher einmal abgesehen, ging es ihm darum, in größtmögliche Nähe zu Regierungsaufträgen zu kommen. Am 14. Dezember 2016, einen Monat vor Trumps Amtseinführung, arrangierte Thiel ein Treffen zwischen dem zukünftigen Präsidenten und den CEOs der größten Unternehmen des Silicon Valley. Es fand im 25. Stockwerk des Trump Tower statt. Tim Cook von Apple nahm daran ebenso teil wie Sheryl Sandberg von Facebook, Jeff Bezos von Amazon sowie die Chefs von Microsoft, Cisco, Oracle, Intel und IBM. Die Botschaft war unmissverständlich: Thiel war jetzt der Mann, der das Geld der Tech-Industrie und die politische Macht zusammenbrachte. Die Tatsache, dass fast jeder der Teilnehmer von der Westküste im Gegensatz zu Thiel offen Hillary Clinton unterstützt hatte, unterstrich den Vorführungscharakter der Veranstaltung: »The greatest liberals in the history of the world here«, sagte Trump an einer Stelle über seine Gäste, mit einem leicht ironischen, zugleich aber auch nicht zu überhörenden bedrohlichen Unterton. Thiel überschüttete er nur so mit Lobeshymnen. Dieser »real special guy« habe etwas gesehen, »very early – perhaps even before we saw it«. Thiel fühlte sich unwohl dabei, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber er freute sich zugleich darüber, dass jeder andere in der Runde weit mehr Grund hatte, sich unwohl zu fühlen, als er. Überdies war er ausgesprochen glücklich über die Gästeliste. Musk war darunter, und das zu einem Zeitpunkt, als Tesla an der Börse kaum ein Fünftel so hoch notiert war wie das nächstgrößere Unternehmen Cisco. Auch Alex Karp war dabei, der CEO von Palantir, der einzigen Firma im Panel mit Rüstungsaufträgen. Im Vergleich zu den anderen im Haifischbecken war sie ein kleiner Fisch. Palantir hatte die US-Armee wegen eines nicht zustande gekommenen Vertrags in Höhe von 200 Millionen Dollar verklagt, allenfalls Kleingeld in den Augen der anderen Gäste der Runde. Karp war vordergründig das Gesicht von Palantir. Doch Thiel hatte das Unternehmen gegründet und kontrollierte es auch weiterhin.
