MERKUR 12/2024, Jg.78 -  - E-Book

MERKUR 12/2024, Jg.78 E-Book

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Beschreibung

Steffen Mau schlägt vor, die Probleme, die sozialer Wandel hervorruft, unter dem Aspekt ihrer Zeitverhältnisse zu betrachten – und warnt: "Alle Versuche, Politik mit der Brechstange zu machen und Gesellschaften einen grundlegenden Wandel aufzuzwingen, erweisen sich als hoch riskant." Ist klein manchmal fein? Das fragt Christian Demand im Blick auf das Wohnen und den architektonischen Umgang mit Beengung, vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Youtube-Gegenwart. Was man als Radfahrer auf Alpenpässen so alles erlebt und erfährt, kann Valentin Groebner aus eigener Anschauung und Anstrengung schildern.   In seiner Musikkolumne fragt Tobias Janz nach dem Zusammenhang von Musik und Bewegung. Von einer Vortragsreihe zu emanzipatorischen Potenzialen im Iran berichtet Nacim Ghanbari. Matthias Rothe sieht, wie von links wie von rechts an Michel Foucault gezerrt wird, und plädiert sehr dafür, die Komplexität wie die Ambivalenzen dieses Denkers zu wahren.   Eine etwas andere Geschichte der Nachkriegszeit im deutschen Osten wie Westen erzählt Felix Ackermann – und auch davon, wie es zur beabsichtigten Friedenskonferenz, die alle Opfer der Deutschen einschließen sollte, nie kam. Victor Loxen berichtet nicht ohne Skepsis vom Siegeszug der Informationsfreiheit als Recht gegenüber dem Staat in westlichen Demokratien. Susanne Neuffers (letzte) Schlusskolumne spielt am untersten Ende der Nahrungskette.

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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 907, Dezember 2024, 78. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106 016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar.· Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 30. Oktober 2024 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 € / 176 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 € / 176 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 € / 36 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12312-8

Inhalt

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Steffen Mau: Keine Zeit

Zum Verhältnis von politischen Entscheidungen und sozialem Wandel

Christian Demand: Homestorys (V): Never too small?

Valentin Groebner: Alpen autokinetisch

KRITIK

Tobias Janz: Musikkolumne

Bewegen

Nacim Ghanbari: How to Support a Revolution (II)

»Frau, Leben, Freiheit – emanzipatorische Potenziale«

Matthias Rothe: Michel Foucault und /oder die Aufklärung?

MARGINALIEN

Felix Ackermann: Der deutsche Nachkrieg und die abgesagte Friedenskonferenz

Victor Loxen: Der halb geöffnete Mund

Susanne Neuffer: Der Abnehmer

Vorschau

SteffenMau, geb. 1968, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2024 erschien Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt. – Bei dem Beitrag handelt es sich um die überarbeitete Fassung der Mosse-Lecture vom 4. Juli 2024 an der Humboldt-Universität zu Berlin. [email protected]

ValentinGroebner, geb. 1962, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern. 2023 erschien Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen; 2024 Gefühlskino. Die gute alte Zeit aus sicherer Entfernung. [email protected]

TobiasJanz, geb. 1974, Professor für Musikwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Mitherausgeber von Musik & Ästhetik. 2019 erschien Decentering Musical Modernity (Hrsg. zus. m. Chien-Chang Yang). [email protected]

NacimGhanbari, geb. 1979, Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. 2024 erschien Patronage und deutsche Literatur im 18. Jahrhundert. [email protected]

MatthiasRothe, geb. 1966, Associate Professor of German and Philosophy an der Universität von Minnesota. 2024 erschien Tropen des Kollektiven. Horizonte der Emanzipation im Epischen Theater. [email protected]

FelixAckermann, geb. 1978, Professor für Public History an der FernUniversität in Hagen. 2017 erschien Mein litauischer Führerschein. Ausflüge zum Ende der Europäischen Union.

VictorLoxen, geb. 2000, Student. [email protected]

SusanneNeuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann; 2022 Sandstein. Zwei Novellen. www.susanne-neuffer.de

Zu diesem Heft

DOI 10.21706/mr-78-12-3

Das Tanzen wird im Merkur eher selten thematisiert. Dass es diesmal in gleich zwei Beiträgen eine wichtige Rolle spielt, ist schlicht Zufall – und zugleich eine glückliche Fügung. Denn auch wenn Nacim Ghanbari und Tobias Janz sich dem Tanzen aus völlig unterschiedlichen Perspektiven nähern, ergänzen sich ihre Beobachtungen doch in einem wesentlichen Punkt.

Ghanbari zeichnet in ihrem Essay ein Panorama kultureller Gegenöffentlichkeiten, die sich dem Regime der iranischen Mullahs auf je eigene Weise widersetzen. Tanz-Performances kommt dabei nicht von ungefähr große Bedeutung zu: »Im Vergleich mit den anderen Künsten ist die Repression gegen den Tanz in der Islamischen Republik die härteste, was sich etwa auch daran zeigt, dass die Verwendung des Wortes (persisch ›raghs‹) in Publikationen verboten ist.« Kein Wunder, dass gerade Tanz-Videos während der Massenproteste im Herbst und Winter 2022 in den sozialen Medien auf überaus große Resonanz stießen.

Wobei, wie Tobias Janz in seiner Kolumne ausführt, das »Bewegen und Bewegt-Werden durch Musik« auch per se schon besonders intensive gemeinschaftsstiftende Kräfte freisetzen kann. Schließlich kann dabei im Idealfall gelingendes Miteinander in einer Intensität und Evidenz am und im eigenen Leib erlebt werden, deren Sog man sich schwer entziehen kann. Die zunächst eher befremdliche Aversion der Mullahs gegen das Tanzen wäre damit nicht zuletzt als Reaktion auf dieses besondere Sozialisierungspotential zu erklären, das sie als latente Bedrohung empfinden.

CD / EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-78-12-5

Steffen Mau

Keine Zeit

Zum Verhältnis von politischen Entscheidungen und sozialem Wandel

Die Initiation, Organisation und Bewältigung beschleunigten sozialen Wandels setzen Gesellschaften unter Stress. Anders als in relativ statischen Gesellschaften mit eingeführten Routinen, etablierten Arrangements und weithin akzeptierten Befriedungsformeln brechen in Wandlungsgesellschaften viele Konflikte auf. Zugleich steht die Politik unter Zugzwang, muss schnell Entscheidungen treffen und Weichenstellungen vornehmen, will sie nicht vom Lauf der Dinge überrollt werden. Die Politik ist zugleich Getriebene wie auch Treiberin des gesellschaftlichen Wandels. Mal tritt sie auf die Bremse, um einen Aufprall oder ein Aus-der-Kurve-Rutschen der gesellschaftlichen Verhältnisse zu verhindern, mal beschleunigt sie, um gewünschte oder notwendige Entwicklungen herbeizuführen.

Das Verhältnis von Politik und sozialem Wandel können wir uns als notorisch prekär vorstellen. Nur selten sind sie im Gleichklang und finden einen gemeinsamen Takt. Die Analyse politischer Entscheidungsfindung changiert nicht nur deshalb zwischen den Vorwürfen der Entscheidungsverweigerung einerseits und der Kritik an falschen oder irrationalen Entscheidungen andererseits. Politik steckt ja in der merkwürdigen Zwickmühle, zwar Entscheidungskompetenz simulieren zu müssen, aber zugleich in zahlreichen (rechtlichen, sachlichen, sozialen, organisationalen und politischen) Zwängen zu stecken, welche die Entscheidungsspielräume massiv einschränken. Sie kann also über die Grundlagen von Entscheidungen nicht frei disponieren – es gibt keinen »freien politischen Willen«.1

Entscheidungen sind aber nicht nur restringiert, so dass die politischen Akteure nur geringe Beinfreiheit haben und freies Malen im Grunde ausgeschlossen ist, sie sind auch zunehmend einem myopischen Politikmodus anheimgegeben, der sich vor allem am Gegenwärtigen abarbeitet. Man könnte von reaktiver Stehgreifpolitik oder von politischem Adhocismus reden. Man hat zwar Parteiprogramme, Koalitionsvereinbarungen und mittelfristige Veränderungsabsichten, doch dann kommen die großen und die kleinen Krisen immer wieder dazwischen (Corona, Russlands Krieg in der Ukraine etc.): Politik muss dann Entscheidungen treffen, die sie nicht vorhergesehen hat und für die es weder eine programmatische Fundierung noch eine durchdachte Blaupause gibt.

Sozialer Wandel

Unter sozialem Wandel fassen wir alle Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und Funktionsweisen, die die Lebensweisen, Handlungsroutinen und Orientierungen von Individuen dauerhaft beziehungsweise langfristig verändern. Gesellschaften wandeln sich fortwährend, oft ohne dass wir es bemerken: innerhalb von Lebensläufen, aber auch über Generationen hinweg. Veränderungen der Geburtenrate oder eine Verlängerung der Lebenserwartung würden vermutlich trotz wichtiger Folgen für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht als sozialer Wandel wahrgenommen werden (obwohl sie es de facto sind). Für die Wirkung auf die Gesellschaft kommt es auf das Ausmaß, die Richtung, die Reichweite und die Tiefe des Wandels an, etwa dass er bedeutsam ist oder als bedeutsam wahrgenommen wird. Auch die Zeitspanne, in dem Wandel passiert – also die Veränderungsrate –, ist relevant, denn ob Gesellschaften in der Lage sind, Wandel zu verarbeiten und sich anzupassen, ist auch eine Frage des »wie viel« und des »wie schnell«. Inkrementeller Wandel, also der Wandel in kleinen Schritten, ist oftmals unproblematisch, disruptiver oder transformativer Wandel hingegen in der Regel sozial umkämpft.

Man könnte die zwei Wandlungstypen vielleicht mit einem Fluss vergleichen, der ja auch beständig durch sein Flussbett fließt und doch nie derselbe ist: Fließgeschwindigkeit, Wasserstand oder Flora und Fauna ändern sich beständig, und doch würden wir erst dann eine wirkliche grundlegende Veränderung konstatieren, wenn sich beispielsweise das Flussbett verschiebt. Es gibt seit Parsons die bekannte Unterscheidung von Wandel innerhalb von Systemen und dem Wandel von Systemen.2 Wenn man sich beispielsweise ein sozialstrukturelles Positionsgefüge vorstellt, könnte man sagen, dass es durch soziale Mobilität eine Bewegung von Menschen zwischen unterschiedlichen (und relativ stabilen) Positionen gibt, was zu Veränderungen führt, aber fundamentaler sozialer Wandel erst dann stattfindet, wenn sich das Positionsgefüge insgesamt verändert. Es gibt also auch Wandel innerhalb der gegebenen Strukturen, andererseits Wandel als Umwandlung von Strukturen, Institutionen, Regeln etc.

Aber selbst bei dem genannten Beispiel ist die genaue Markierung des Übergangs nicht einfach. Wir würden ja auch von sozialem Wandel sprechen, wenn im Positionsgefüge alles stabil bleibt, aber nun plötzlich Arbeiterkinder und nicht Kinder aus dem Wirtschaftsbürgertum Konzernlenker und DAX-Vorstände würden. Hinzu kommt, dass wir viele Veränderungsprozesse kennen, die sich kumulativ aufschichten oder durch das Erreichen von tipping points aus langfristigem Wandel in eine gesellschaftliche Diskontinuität hineingeraten. Mit anderen Worten: Vieles hat sich schon verändert, es braucht aber ein auslösendes Moment, um diesen Wandel in einen anderen sozialen Aggregatzustand zu überführen. Inkrementeller Wandel kann sich also zu fundamentalem Wandel aggregieren; manchmal sprechen wir deshalb von »stillen Revolutionen«.

Warum sich Gesellschaften mit Wandel so schwertun, liegt eigentlich auf der Hand. Wir alle sind in unseren sozialen Rollen, den normativen Erwartungen, den zukunftsbezogenen Entscheidungen oder in unseren sozialen Beziehungen auf ein gewisses Maß an Kontinuität angewiesen. Sozialer Wandel, wenn er plötzlich und nicht über Generationen geschieht, ist ein Kontinuitätsbruch, er ist ein Destabilisierungsereignis, das eingespielte Verhältnisse derangiert und aus dem Gleis wirft. Je nach Position, Ressourcen und Verarbeitungskapazitäten kann dieser Wandel als optionserweiternd oder als risikoreich, gefährlich und belastend wahrgenommen werden. Nicht überraschend interpretieren Menschen Wandlungsprozesse häufig in Gewinn- oder Verlustkategorien und positionieren sich entsprechend. Hinzu treten Veränderungen von Sinnbezügen und Anerkennungsformen, die Einfluss darauf haben, ob eine Umwälzung als problematisch oder auch als chancenmehrend oder sogar emanzipatorisch wahrgenommen wird. Wandlungsprozesse sind immer auch Prozesse der Umwertung dessen, was als anerkannt und gesellschaftlich wertvoll angesehen wird oder eben nicht.

Zeitlichkeitsverhältnisse: Zur Kopplung von Politik und Gesellschaft

Wie aber gestalten sich die Zeitbeziehungen von Politik und Gesellschaft? Wie verknüpft sich sozialer Wandel mit politischen Entscheidungen?3 Welche Geschwindigkeitsverhältnisse herrschen vor, und mit welchen Implikationen? Ich beginne mit einer eher formalen Taxonomie, die die denkbaren temporalen Beziehungsverhältnisse erfasst.

Politische Entscheidungen können gesellschaftlichen Wandel nachvollziehen beziehungsweise ihm nachlaufen. Das sind Konstellationen, in denen gesellschaftliche Veränderungen schon am Laufen sind – demografischer Wandel, Liberalisierung, Wertewandel –, nun arbeitet die Politik nach. Ein Beispiel wäre sicherlich die späte politische Entscheidung für die Ehe für alle, die gesellschaftlich schon längst von großen Mehrheiten akzeptiert war, als die Politik sie gesetzlich verankerte. Dies ist in der Regel ein unproblematisches adaptives politisches Entscheiden. Hier droht eher die Gefahr der Verschleppung oder der Aufrechterhaltung eines gesetzlichen Korsetts, das der Gesellschaft aufgrund von Veränderungsprozessen schon längst nicht mehr passt.

Der zweite, weitgehend unproblematische Fall ist die Taktung oder Gleichzeitigkeit von politischen Entscheidungen und gesellschaftlichem Wandel. Beide sind aufeinander bezogen, ganz organisch ergibt sich ein Zusammenwirken von gesellschaftlichen Veränderungen und politischer Entscheidungsfindung. Dieser Fall wirft relativ wenige Probleme auf, Politik und Gesellschaft stehen in einem entspannten Verhältnis zueinander. Die Politik fällt die Entscheidungen, die die Gesellschaft braucht, um sich zu verändern, drängt ihr sozialen Wandel aber nicht auf.

Der dritte Fall ist der des politisch indizierten Wandels, der auf eine veränderungsunwillige, träge oder einfach nur routinisierte Gesellschaft trifft. Hier macht nicht die Gesellschaft Druck auf die Politik, sondern die Politik macht Druck auf die Gesellschaft, will deren Veränderung anreizen, vorantreiben oder erzwingen und Beharrungskräfte überwinden. Das ist auf der Ebene gesetzgeberischer Einzelmaßnahmen (zum Beispiel im Steuerrecht) recht unproblematisch und fortwährendes politisches Geschäft, aber viel anspruchsvoller, wenn soziale Handlungsroutinen, Selbstverständnisse, latente kulturelle Muster oder soziale Arrangements herausgefordert werden. Man könnte sagen: Je größer der politische Veränderungsschnitt, desto schwieriger die gesellschaftliche Vermittlung politischer Entscheidungen. Andererseits gibt es die verbreitete, aus der Technologieforschung stammende Vorstellung eines »cultural lag«,4 also eines zeitlich nachgeordneten kulturellen Nachvollziehens von Innovationen oder systemischen Veränderungen. Diese Denkfigur wird zwar mitunter auf politische Entscheidungen übertragen, dies wird der Sache aber kaum gerecht.

Es gibt – dieses wäre der vierte zumindest der Vollständigkeit halber zu erwähnende Fall – auch den Wandel als Störung, der sowohl seitens der Politik wie auch der Gesellschaft als Problem empfunden wird. Wandel passiert ja auch ungeachtet der Intentionen und Befindlichkeiten von Gesellschaft und Politik, etwa als exogener Schock (Konflikte, Kriege, ökonomische Krisen), als Aggregationseffekt vieler Einzelhandlungen oder ganz generell als nichtintendierte Nebenfolge sozialen Handelns. Soweit dieser Wandel nicht verhinderbar ist, muss er politisch wie gesellschaftlich verarbeitet werden. Politisch kommt es hier zumeist darauf an, durch kompensatorische Maßnahmen Folgeschäden zu minimieren oder Verlierer zu entschädigen.5 Auf der gesellschaftlichen Seite hingegen geht es um Coping, also um Bewältigungsverhalten, mit dem versucht wird, mit als belastend empfundenen Situationen oder kollektivem Stress umzugehen beziehungsweise Verluste und Konflikte aufzufangen.

Am interessantesten ist natürlich der dritte Fall, bei dem die Politik sozialen Wandel induzieren oder herbeiführen will. Hebt man das von der unmittelbaren politischen Betrachtung ab und interessiert sich allgemeiner für soziale Wirkungen und Folgen, dann lässt sich sagen: Viele soziale Prozesse brauchen eine sehr lange Zeit, um sich zu entfalten, zu diffundieren oder soziale Geltung zu erlangen. Die Temporalstrukturen der Politik weichen dann stark von den Temporalstrukturen der Veränderung von Handlungsorientierungen, Lebensweisen etc. ab. Oft ist lange Zeit unklar, ob es überhaupt zu einer Diffusion oder einem Einsickern politisch gesetzter Parameter kommt oder – um es plakativ zu sagen – ob Politik nicht »am Volk vorbei« gemacht wurde.

Im für veränderungsorientierte oder progressive Politik schlechtesten Fall werden politische Entscheidungen durch Festhaltementalitäten ausgebremst. Dann erscheint die Gesellschaft als träge Masse, die sich durch Politik nicht bewegen oder verändern lässt. Besitzstandswahrung, Kontinuitätsverteidigung oder Gewohnheitsfetisch sind hier typische Leitorientierungen, die sich politisch indiziertem Wandel entgegenstemmen. Politisch entspräche das dann eher einem konservativen Politikstil, der die Kontinuitäts- und Stabilitätsbedürfnisse der Gesellschaft ins Zentrum stellt. Es darf nicht zu schnell gehen, auch die Langsamen müssen Zeit bekommen, sich anzupassen und umzustellen. Wer am Vergangenen oder Kontinuierlichen festhalten will, soll sich nicht bedrängt oder provoziert fühlen. Armin Nassehi hat das konservative Bezugsproblem als eines beschrieben, bei dem sich »das Gelingen von Steuerungsmöglichkeiten vor allem daran bemisst, ob die Adressaten mit Veränderungs- und Transformationsgeschwindigkeiten und -zumutungen umgehen können«.6 Es geht hier um ein grundlegendes Verständnis für soziale Trägheit, die Entlastung durch Routinen und reduzierte Veränderungsbereitschaft.

Alle Versuche, Politik mit der Brechstange zu machen und Gesellschaften einen grundlegenden Wandel aufzuzwingen, erweisen sich als hoch riskant, da die gesellschaftliche Komplexität und die sozialen Eigensinnigkeiten dem entgegenstehen. Die Politik der »großen Geste« scheitert oft, sinnvoller sei daher – so meinen manche – eine Politik der kleinen Schritte.7 Aber es wäre sicherlich fatal, würde man der Politik raten, in jedem Fall auf die Gesellschaft zu warten. Der Klimawandel ist ja nichts, was man zeitlich auf die lange Bank schieben könnte, ein Zuwarten birgt große Risiken für das Überleben insgesamt. Wie also auf die Gesellschaft einwirken?

Ein erstes politisches Denkmodell orientiert sich an Aufklärung und Wissen, weshalb man es auch als kognitives Modell bezeichnen kann. Dreh- und Angelpunkt ist der aufgeklärte Bürger, der sich von guten Argumenten überzeugen lässt, die eigene Lebensweise umzustellen oder alte Gewohnheiten fallenzulassen. Menschen sind danach in der Lage, auf Grundlage ausreichender Informationen zu einer informierten Präferenzbildung zu kommen, die einer evidenzbasierten und gut begründeten Politik nicht entgegensteht.

Ein zweites politisches Denkmodell sieht die Gesellschaft als Herde, die man von hinten führen kann. Der sanfte Druck, das milde Mittel, wohlwollender Paternalismus und Nudging – ein Anfüttern der Herde – sind hier entscheidende, zumeist behavioristisch ausgerichtete Ansätze, um gesellschaftliche Veränderungen auszulösen. Eine andere Welt ist möglich, aber der Weg dorthin kommt ohne Disruption aus und kann viele im Grunde anstrengungsarm mitnehmen, wenn man sie nur richtig leitet. Das ist eine Art von Politik, die das Wort »Zumutung« aus dem Vokabelschatz ausschließt und darauf hofft, dass die Mitglieder der Gesellschaft politisch ausgelegten Ködern hinterherlaufen.

Ein drittes Denkmodell stützt sich auf Mobilisierung durch Außerordentlichkeit – man könnte auch vom Revolutionsmodell sprechen.8 Hier geht es um heroische Politik, die mit drastischen Apellen versucht, Mitmachbereitschaften herzustellen, Leidenschaften oder sogar einen revolutionären Geist der Veränderung zu wecken. Existentielle Fragen des Überlebens oder die Verteidigung der Grundwerte der politischen Ordnung sind zumindest in unserer Gesellschaft die Kernelemente einer solchen elektoralen Ansprache, allerdings erweist sich die Verstetigung dieser politischen Energieform als schwierig. Beständige Weckrufe oder Alarmsignale und eine übersteigerte politische Rhetorik erschöpfen sich mit der Zeit.

Dann müsste man noch die listige Politik als vierte Variante erwähnen. Wir wissen aus der Forschung, dass es ein ganzes Repertoire von Regierungstechniken gibt, um Wandel einzuleiten und gleichzeitig die Risiken einer elektoralen Revanche möglichst klein zu halten. Knackpunkt ist dabei die in der politikwissenschaftlichen Literatur vielzitierte »blame avoidance«:9 Die Politik bemüht sich dabei, zu verhindern, dass ihr bestimmte, als negativ empfundene Entscheidungsfolgen zugerechnet werden. In Koalitionsregierungen werden die Parteien sorgsam darauf achten, dass Reformkosten anderen angelastet werden. Es ist auch möglich, die Vorgängerregierung in Haftung zu nehmen. Stichworte aus der Debatte zu unpopulären politischen Reformen und der Minimierung sozialer und politischer Kosten sind Verantwortungsdiffusion und Obfuskation, also das Verschleiern oder Vernebeln von möglichen Wirkungen und Folgen, so dass sie weder gut nachvollzogen noch zugerechnet werden können. Ein anderer Weg ist die Verlagerung von Effekten in die Zukunft (das ist beispielsweise typisch für Rentenreformen). Dabei trifft man in der Gegenwart Entscheidungen, die dann erst in der Zukunft Wirkungen entfalten – eine Art der politischen Schmerzverzögerung, um einer unmittelbaren elektoralen Revanche auszuweichen.

Pioniere und Nachzügler: eine Grundkonstellation

Diese Betrachtungen sind natürlich stark vereinfachend, denn sowohl Politik wie auch Gesellschaft erscheinen hier als monolithische Blöcke und nicht selber in ihren Temporalitäten intern strukturiert. Wandel wie Entscheidungen werden ja gesellschaftlich höchst differenziert und nicht nach einem einheitlichen Muster verarbeitet. Strukturierend wirken hier ökonomische Ressourcen, Affektlagerungen und psychische Dispositionen sowie kognitive und kulturelle Kompetenzen, die bestimmen, wie man in der Lage ist, sich auf veränderte Umwelten einzustellen oder sich auf Neues einzulassen. Diese Ressourcen, Kompetenzen und Dispositionen sind sehr ungleich verteilt und korrespondieren mit der Stellung in der Sozialstruktur – obwohl sie nicht vollständig darauf zurückzuführen sind. Das gilt vor allem für die psychischen Dispositionen und die Frage, wie gesellschaftlicher Stress bewältigt werden kann. Die auf Temporalstrukturen ausgerichtete Konfliktlagerung in einer Gesellschaft zeigt sich nicht nur in den Generationenverhältnissen, sondern in der Stellung zu den Zeitverhältnissen insgesamt. Das ist ein Thema, das sich in statischen Gesellschaften nicht stellt, aber in dynamischen und stark beschleunigten schon: Wer sind die Langsamen, wer die Mittelschnellen und wer die Tempomacher, und durch welche sozialstrukturellen Fraktionen werden sie repräsentiert? Ob man will oder nicht, politische Entscheidungen sind aus der Perspektive einer Gesellschaft unterschiedlicher Geschwindigkeiten auch immer Begünstigungs- oder Benachteiligungsverhältnisse.

Deshalb kommt man dem prekären Verhältnis von Politik und gesellschaftlichem Wandel besser auf die Schliche, wenn man davon ausgeht, dass in jeder Gesellschaft eine Vielzahl von unterschiedlichen Geschwindigkeitsbefähigungen existiert und diese mit gesellschaftlichen Gruppen oder Bevölkerungssegmenten in Verbindung stehen, woraus nun eine spezifische Konfliktlogik resultiert. Pointiert formuliert: Es gibt die Langsamen und die Schnellen, die Flexiblen und die Starren, die Veränderungsbereiten und die Kontinuitätsbedürftigen, die auf je eigene Weise mit sozialem Wandel umgehen und auf je eigene Weise auf politische Entscheidungen reagieren, mit denen dieser Wandel vollzogen, initiiert oder durchgesetzt wird. Aus diesem Grund ist es unter Bedingungen des beschleunigten sozialen Wandels womöglich geboten, von einem engeren positionalen Konfliktmodell der Gesellschaft zu einem temporalen zu kommen, bei dem zu fragen wäre, wer – also welche Gruppen und sozialen Kollektive – sich wie zum Wandel verhält. Zugespitzt könnte man von der Gesellschaft unterschiedlicher Geschwindigkeiten sprechen, von sozialen Geschwindigkeitsklassen.

Der Pionier, so heißt es in Karl Mannheims Soziologie der Intellektuellen, »ist zu einer zentralen Figur in diesem Wandel geworden, denn er akzeptiert ihn als das, was er ist, und ist stets bereit, seine Position in einer veränderten Ordnung zu überprüfen«. Selbstprüfung, Selbstrevision und Anpassungsfähigkeit sind Merkmale des Pioniers. Das Gegenbild sind die Konservativen oder Traditionalisten, die sich in der sozialen Ausprägung durch Festhaltementalitäten, Veränderungsaversion und Inflexibilität charakterisieren lassen. Sie bleiben bei dem, was sie kennen, brauchen das Korsett des Gewohnten. Dabei können Kontinuitätsbedürfnisse so stark und so dominant werden, dass sozialer Wandel blockiert wird, man einfach »aus der Zeit fällt« oder den Anschluss verliert.

Das Gefühl, gesellschaftlich nicht mehr mitzukommen und von Richtung und Tempo des Wandels abgekoppelt zu sein, ist jedenfalls eine gesellschaftlich recht verbreitete Grundempfindung. So haben es Thomas Lux, Linus Westheuser und ich in unserem Buch Triggerpunkte