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Beschreibung

In seinem Nachruf würdigt Kai Sina den Schriftsteller und Intellektuellen Hans Magnus Enzensberger als "Repräsentanten der Liberalität, als ein demokratisches Vorbild". In Tunesien ist es zu einem Staatsstreich von oben gekommen – Tom Stevenson erklärt, warum auch zuvor schon nicht mehr viel vom "Arabischen Frühling" im Land spürbar war. Was die Übernahme von Twitter durch Elon Musk bedeutet und wozu sie führen könnte, versucht Ekkehard Knörer zu klären. Andreas Braune warnt davor, die Aktivisten der "Letzten Generation" als Terroristen zu verteufeln, und sieht sie eindeutig in der Tradition des zivilen Ungehorsams. In einem weiteren Essay erinnert Konstantin Petry an radikalisierte Ökologen ähnlicher und anderer Art. In der letzten Folge seiner Sinneskolumne stellt Bodo Mrozek Überlegungen an zum Thema Synästhesie. Martin Hartmann liest Bücher der feministischen Philosophinnen Kate Manne und Amia Srinivasan. Ali Ansari stellt die Rebellion im Iran in den Kontext früherer Revolutionen. Günter Hack schildert eine Begegnung mit einem lädierten bayerischen Flusskrebs. Ein unerwartetes Theatererlebnis steht im Zentrum von Susanne Neuffers Erzählung "Kunst, du holde". Und David Gugerli beobachtet das Zirkulieren von Artefakten aus dem Neolithikum.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 885, Februar 2023, 77. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106 016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar. · Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 22. Dezember 2022 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 € / 176 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 € / 176 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 € / 36 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

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(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12169-8

Inhalt

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Kai Sina: Von der Republik als innerer Tatsache

Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger

Tom Stevenson: Tunesiens revolutionäres Jahrzehnt

Ekkehard Knörer: Musks Twitter: Was bisher geschah

KRITIK

Bodo Mrozek: Sinneskolumne

Neue Sinne: Die Digitalisierung der Wahrnehmung

Martin Hartmann: Feministische Philosophie

MARGINALIEN

Ali Ansari: Versagen der Vorstellungskraft

Der Kampf gegen das iranische Regime

Andreas Braune: Ziviler Ungehorsam Von Martin Luther King zur »Letzten Generation«?

Konstantin Petry: Ökologie und Radikalität

Anmerkungen zur »Letzten Generation«

Günter Hack: Mit nur einer Schere

Susanne Neuffer: Kunst, du Holde

Ein Kulturtrip

David Gugerli: Zirkulation des Publikums

Vorschau

KaiSina, geb. 1981, Lichtenberg-Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik an der Universität Münster. 2022 ist TransAtlantik. Hans Magnus Enzensberger, Gaston Salvatore und ihre Zeitschrift für das westliche Deutschland erschienen. [email protected]

TomStevenson, Journalist. – Der Beitrag erschien am 17. November 2022 in der London Review of Books unter dem Titel The Revolutionary Decade. [email protected]

BodoMrozek, geb. 1968, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Kolleg Kalter Krieg. 2023 erscheint Sensory Warfare in the Global Cold War. Partition, Propaganda, Covert Operations (Hrsg.). [email protected]

MartinHartmann, geb. 1968, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern. Anfang 2023 erscheint The Feeling of Inequality: On Empathy, Empathy Gulfs, and the Political Psychology of Democracy. [email protected]

AliAnsari, Professor für Iranische Geschichte an der University of St Andrews. – Der Beitrag erschien unter dem Titel Failures of Imagination am 16. November 2022 auf Comment is Freed (samf.substack.com).

AndreasBraune, geb. 1981, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena. 2016 erschien Das Andere der Freiheit. Zwang und Heteronomie in der politischen Theorie der Moderne; 2017 Ziviler Ungehorsam. Texte von Thoreau bis Occupy (Hrsg.) [email protected]

KonstantinPetry, geb. 1997, Student. [email protected]

GünterHack, geb. 1971, Autor und IT-Projektmanager. 2018 erschien Quiz.

SusanneNeuffer, geb. 1937, Schriftstellerin. 2015 erschienen der Roman Nauenfahrt und die Erzählungen Die Große Kunst. [email protected]

DavidGugerli, geb. 1961, seit 1997 Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich.

Zu diesem Heft

DOI 10.21706/mr-77-2-3

Das Handeln von Elon Musk als »volatil« zu bezeichnen, wäre noch stark untertrieben. Das gilt seit seiner Ankündigung, Twitter kaufen zu wollen, und seit der Ende Oktober erfolgten Übernahme gilt es erst recht. Jeden Tag eine neue Aktion, auf die nicht selten die abrupte Rücknahme folgt. So hat sich Musk kurz vor Redaktionsschluss per Umfrage auf der Plattform selbst als Chef abwählen lassen. Ob er sich, an das (höchst manipulierbare) Ergebnis halten wird, wer, wenn ja, an seine Stelle tritt, ob sich Twitter so retten lässt, was also bis zum Februar, in dem dieses Heft erscheint, passieren wird: Das ist jetzt, kurz vor Weihnachten, völlig offen. 

Als Tom Stevenson seinen Text über die Entwicklung Tunesiens seit der Arabischen Revolution verfasste, lag die Parlamentswahl, die der Präsident Kais Saied nach seinem Putsch angesetzt hatte, noch in der Zukunft. Sie fand am 17. Dezember dann tatsächlich statt, wurde aber mit einer Wahlbeteiligung von neun Prozent, wie von der Opposition erhofft, von der Wählerschaft weitgehend boykottiert. Damit ist ein Zeichen des Widerstands gesetzt, Lösungen sind aber noch lange nicht in Sicht. Wie sich die Dinge entwickeln werden, ist derzeit nicht absehbar.

Das gilt stärker noch für die Situation im Iran, die Ali Ansari in seinem Essay mit Blick auf die Revolutionen von 1906 und 1979 kontextualisiert. Er hat seinen Text Mitte November geschrieben. Inzwischen ist es zu weiteren Morden an Protestierenden, zu ersten Hinrichtungen gekommen. Ob die Proteste sich beruhigen, ob sie weiter anschwellen, ob das Regime und seine Institutionen noch brutaler und blutiger durchgreifen werden, auch das wird zum jetzigen Zeitpunkt niemand verlässlich vorhersagen können. Unruhige Zeiten sind solche, in denen eine Monatszeitschrift das Futur II nur mit Mühe erträgt: Wir können kaum ahnen, was bis zum Februar geschehen sein wird.

CD / EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-77-2-5

Kai Sina

Von der Republik als innerer Tatsache

Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger, der notorische Trickster und Renegat unter den Intellektuellen, der verspielte Ironiker und nie wirklich greifbare Metamorph – es ist diese oft erzählte Legende, die noch seinen Tod überdauern wird. In vielen Nachrufen, die in den deutschsprachigen Medien, aber auch in vielen internationalen Blättern erschienen sind, wird der wendige und schnelle Positionswechsel als hervorstechendes Charakteristikum seiner Autorschaft beschrieben. Die Bezugsgrößen Enzensbergers, deren Erwähnung ebenfalls nur selten versäumt wird, fügen sich mehr oder weniger bruchlos in dieses Bild. Es sind Denis Diderot und Heinrich Heine, die Aufklärer und Ironiker, die als historische Gewährsleute die gedanklichen Kapriolen des Fliegenden Robert – so Enzensbergers dem Struwwelpeter entnommenes Totem und lyrisches Selbstbild – in der europäischen Tradition verankern sollen.

Und es ist ja auch naheliegend. Wie sonst ließe sich ein derart vielstimmiges und formenreiches Werk, das ja gerade kein Werk im klassischen, also geschlossenen und einheitlichen Sinn mehr sein will, auf zumindest einen, wenn auch vergleichsweise schwachen Nenner bringen? Aus dieser Sicht erscheint es unmittelbar einleuchtend, das Prozesshafte und Diskontinuierliche im programmatischen Sinn zu deuten. Außerdem war es Enzensberger selbst, der an dieser Legende mitgestrickt hat, indem er – etwa mit dem Prosaband Diderots Schatten von 1994 oder mit der 1997 erschienenen Aufsatzsammlung Zickzack – die entsprechenden Referenzen und Schlagworte ins Spiel gebracht hatte.

Trotzdem ist diese Würdigung nicht ganz ohne Tücken. Zum einen erweckt die Betonung des Federnden, Leichtfüßigen, geradezu Schwebenden einen allzu relativistischen Eindruck. Der agonale Zug, die Schärfe und Intensität, auch die Provokationslust, die Enzensbergers essayistische Interventionen, aber auch viele seiner Gedichte auszeichnen, zumal in den ersten beiden Jahrzehnten seines Schaffens, geraten dadurch in den Hintergrund. Zum anderen – und wahrscheinlich noch folgenreicher – geht die Akzentuierung des Spielerischen oft damit einher, die Frage nach Zusammenhängen und Entwicklungen gar nicht mehr zu stellen. Die schiere Bewunderung der enzensbergerischen Flugkünste tritt an die Stelle einer differenzierten Würdigung seiner Autorschaft im ideen- und literaturhistorischen Kontext.

Dabei gibt es durchaus eine Grundbewegung, die seinem Lebenswerk eine gewisse elastische Kohärenz verleiht. Es ist ein zwar ungerader, aber doch klar nachvollziehbarer Weg, der allerdings weniger einem Spielverlauf folgt, als dass er einem Lernprozess entspricht. Er führt – in freier Anlehnung an Odo Marquard, der in den achtziger Jahren neben Niklas Luhmann zu einem wichtigen Impulsgeber Enzensbergers wurde – vom »großen Neinsagen« zum »kleinen Jasagen«, und das heißt von der entschlossenen Ablehnung der gesellschaftlichen Zustände hin zur unemphatischen Bejahung der offenen Gesellschaft und der westlichen Moderne.

Wer verstehen will, inwieweit gerade dieses charakteristische Zusammenspiel von Lernen und Liberalisierung Enzensberger zum eigentlichen repräsentativen Autor der Bundesrepublik macht, was sich ausgerechnet darin zum Ausdruck bringt, dass er im Gegensatz zu anderen Schriftstellern auf jeden staatstragenden Habitus gelassen zu verzichten wusste – wer dies verstehen will, muss sich sein literarisches und intellektuelles Leben zumindest in den wichtigsten Stationen noch einmal vergegenwärtigen.

Draußensein und mittendrin

Von ausdrücklichem Parteiergreifen, von unzweideutigem Engagement sind Enzensbergers frühe Gedichte nicht gekennzeichnet. Dass ihm die Zustände der Nachkriegsgesellschaft in hohem Maße verdächtig sind, daran lassen seine oft in expressionistischer Tradition stehenden Verse (»ich habe ein herz aus koks || naß von wasser und blut«) allerdings nirgendwo einen Zweifel: »makers of history!«, so etwa macht er sich über die Vertreter der Vorgängergeneration in seinem ersten Lyrikband verteidigung der wölfe von 1957 lustig, »geschminkte keiler, kastraten || mit herzklaps, affensaft || in der welken milz, eine hutzel || zwischen den beinen. […] steigt aus! ohne fallschirm! || sterbt! kein weib weint || hinter euch eine träne«. Anlass zu derlei Tiraden bieten die gesellschaftlichen Umstände mehr als genug, zugleich ist aber unübersehbar, dass sich der junge Enzensberger in der zornigen Pose gefällt – und in der lustvollen Abgrenzung seiner Bildung und worldliness von der stickigen Provinzialität seiner Zeitgenossen: Nichts könnte dem stiernackigen, übelriechenden »mann in der trambahn« mit seinem »scheitel aus fett und stroh« fremder sein als der »duft der scala« und »mein alter lucrez || mit marginalien von der hand diderots«. Das Gute, Wahre, Schöne sind nichts anderes als Perlen vor diese Sau: »vergebens zubereitet für dich, die welt«.

Mit der behaupteten Kulturlosigkeit des trambahnfahrenden, Bild-Zeitung lesenden Massenmenschen verbindet sich allerdings auch eine politische Gefahr, schließlich steht zu befürchten, dass Typen wie er schon bald wieder »das koppel || schnallen«, »zackig grüßen« und mit dem Kolben ihrer Maschinenpistole an die Türe schlagen. Der nur oberflächlich überwundene Faschismus lauert allerorten, so die sichere Annahme, und vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder hinter der dekorativen Kleinbürgerfassade hervorkriechen wird. Der Schoß ist fruchtbar noch, auch darin erweist sich Enzensberger als Schüler Brechts. Seine Gedichte, deren poetische Kraft einer immensen Negationslust entspringt, an der man als Leser noch heute seine Freude haben kann, beschreiben ziemlich präzise das, was der Ideenhistoriker Philipp Felsch und der Schriftsteller Frank Witzel vor einigen Jahren als »BRD noir« bezeichnet haben.

Die von geschichtswissenschaftlicher Seite gut erkundete Janusköpfigkeit der Nachkriegsjahre dringt derweil kaum durch die »Ritzen zwischen den Worten« (so beschreibt Enzensberger zu dieser Zeit die Beziehung zwischen dem Lyrischen und dem Politischen). In Jörg Laus Biografie, die ein ausgezeichneter Wegführer durch Enzensbergers Welt ist, wenngleich sie leider nur den Zeitraum bis in die späten neunziger Jahre abdeckt –, bei Lau wird dieser blinde Fleck unmissverständlich benannt: Während Enzensberger »Kraft aus dem zu saugen scheint, was ihn anwidert«, während er aufs immer Neue beklagt, »man lebe in einer korrumpierten, verlogenen und selbstzerstörerischen Welt«, gerät die »entschlossene Verwestlichung, die Abkehr von politischen und geistigen Sonderwegen, die Installation einer hochrespektablen Opposition als festes Element zunächst des kulturellen, dann auch des politischen Lebens«, nirgendwo in den Blick. Rundheraus bezeichnet er die Bundesrepublik in seinem zweiten Gedichtband von 1960, landessprache betitelt, als »arischen schrotthaufen«, als »nacht- und nebelland«, dessen Insignien »bockbier und blut« seien.

Einlässlicher auch gegenüber den niedrigen Erscheinungsformen der kulturellen Gegenwart erweisen sich dagegen die frühen Essays, die sich unter anderem dem Massentourismus, der Taschenbuchproduktion oder dem Versandhauskatalog widmen. Fraglos erweiterten sie das Spektrum dessen, was fortan überhaupt ins Blickfeld der kritischen Analyse geraten konnte, zumal sie darauf angelegt sind, die eingespielten Muster der Kulturkritik zu durchkreuzen. Trotzdem erweckt die Lektüre der streng an der Kritischen Theorie geschulten Texte den Eindruck, sie dienten letztlich nur der Bestätigung dessen, was im Vorhinein bereits festgestanden hat. Der Tourismus etwa, mit dem sich Enzensberger 1958 im Merkur befasst, sei »Freiheit als Massenbetrug«, den zu durchschauen die Menschen nicht daran hindere, sich ihm dennoch anzuvertrauen: »Indem wir auf die Rückfahrkarte in unserer Tasche pochen, gestehen wir ein, daß Freiheit nicht unser Ziel ist, daß wir schon vergessen haben, was sie ist.«

Die Fluchtbewegungen, die Enzensberger in diesen Jahren biografisch vollzieht, vor allem sein Rückzug auf eine Insel im Oslofjord im Jahr 1961, sind auch vor diesem Hintergrund zu lesen. Es sind Versuche, sich der »Ewigkeit der Hölle« zu entziehen, wie er beispielsweise über die verspießerten Kaffeehäuser von Düsseldorf schreibt. Aber auch die editorischen und übersetzerischen Tätigkeiten des Polyglotten und Kosmopoliten dürfen als publizistische Akte gegen den bundesdeutschen Provinzialismus verstanden werden, am wirkmächtigsten in Gestalt des 1960 erschienenen Museums der modernen Poesie, das auf mehr als vierhundert Seiten einen neuen Kanon der Weltliteratur präsentierte, von Ingeborg Bachmann und Nelly Sachs über René Char und Nâzım Hikmet bis zu William Carlos Williams und Octavio Paz. Der nach 1945 vielfach geforderte Anschluss der westdeutschen Literatur an die internationale Moderne wird vermutlich an keiner Stelle so entschieden vollzogen wie in diesem Buch, dessen literarische Wirkung – auch dies zeigte sich in einigen Nachrufen, namentlich etwa im Statement der Dichterkollegin Monika Rinck – bis in die Gegenwart reicht.

Wie man sieht, wird Enzensberger mit einer eigenwilligen »Kombination von Draußensein und Mittendrinsein«, so noch einmal Lau, und dazu in einem atemberaubenden Tempo zum Star eben jenes kulturellen Systems, gegen das er zugleich mit äußerster Energie angeht: Gruppe 47! Suhrkamp! Büchner-Preis! Alle Türen stehen ihm offen, auch die des Merkur, der in diesen Jahren neben dem bereits erwähnten Tourismus-Aufsatz Enzensbergers hochambitionierte kritische Abhandlungen zur Dramaturgie der Entfremdung (1957) oder zu den Aporien der Avantgarde (1962) veröffentlicht.

In anderer Hinsicht erweist sich das Geschäftsmodell des Nonkonformismus allerdings bald schon als volatil. Für die Vertreter der sich Anfang der sechziger Jahre zunehmend radikalisierenden Protestkultur ist Enzensberger keine Orientierungsfigur, sondern ein Repräsentant des Establishments – was ihm alles andere als gleichgültig ist. Entsprechend kommt seine Frankfurter Poetikvorlesung im Wintersemester 1964/65 mit einer doppelsinnigen Frage daher, die sich nicht nur auf die Lage der Gegenwartsliteratur, sondern auch und kaum verhüllt auf ihn selbst beziehen ließ: »Spielen Schriftsteller eine Rolle?« Derweil geraten in den Gedichten dieser Jahre, namentlich in dem Band blindenschrift, Zustände in den Blick, die unvergleichbar grausamer sind als das Leben in der »Hölle« Bundesrepublik: »massaker um eine handvoll reis, || höre ich, für jeden an jedem tag || eine handvoll reis: trommelfeuer || auf dünnen hütten«.

Schwimmen und heulen

Die Jahre als Herausgeber des Kursbuch und des aktivistischen Protests sind auch – bei aller politischen Dringlichkeit, die Enzensberger dabei empfunden haben wird – als Reaktion auf die Infragestellung seiner Sprecherposition zu deuten. Sie gehen nicht nur damit einher, dass er zunächst keine Gedichte mehr veröffentlicht, um sich stattdessen auf das Schreiben eingreifenderer Textsorten zu konzentrieren, auf Essays und Polemiken, Dokumentationen und Manifeste. Entscheidender noch laufen seine Aktivitäten innerhalb weniger Jahre auf einen folgenreichen Bruch hinaus: Das politische System der Bundesrepublik sei »jenseits aller Reparatur«, verkündet er 1967, man könne ihm nur zustimmen, wenn man es nicht »durch ein neues ersetzen« wolle. Seine Worte sind ebenso beflissen wie unzweideutig: »Tertium non dabitur«. Wieder ein Jahr später kehrt Enzensberger dem Kulturbetrieb vollends den Rücken. In einem offenen Brief, der nirgendwo anders als in der New York Times (und für das heimische Publikum in der Zeit) erscheint, verkündet er nicht ohne Stolz, auf das Stipendium einer Universität im behaglichen Connecticut verzichten zu wollen, um stattdessen »für eine längere Zeit« nach Kuba zu gehen, »wo die Vereinigten Staaten seit sieben Jahren versuchen, die […] Revolution auszuhungern«. Sicher könne er »den Kubanern von größerem Nutzen sein […] als den Studenten der Wesleyan University«.

Anders als geplant wird aus dem Aufenthalt auf Kuba allerdings eher der Wende- als der Höhepunkt seiner Politisierung. Aus dem, was sich vor Ort beobachten lässt, leitet Enzensberger die basale Erkenntnis ab, dass sich Theorien und Ideen niemals bruchlos in die gesellschaftliche Realität umsetzen lassen. Mangelwirtschaft, Korruption und Armut entlarven die westliche Revolutionsromantik als Phantasma. Zurück in Deutschland stellt er eine Kuba gewidmete Kursbuch-Ausgabe zusammen. Er selbst liefert dazu ein Porträt der Kommunistischen Partei, in dem er darlegt, »wie weit das marxistische Denken […] auf den Hund gekommen ist«. Es ist nicht nur der Beginn einer zunehmenden Distanzierung vom Projekt der Kulturrevolution, sondern auch und wiederum der Auslöser für eine persönliche und literarische Neujustierung.

Literarischen Ausdruck findet dies vor allem in dem großen Gedichtwerk Der Untergang der Titanic, das 1978 erscheint. In ihm schlägt Enzensberger poetische Funken aus der politischen Desillusionierung. Bei diesem hochkomplexen Textgebilde handele es sich um ein »Archiv der katastrophalen Fortschrittsgeschichte«, so erläuterte Nicolas Born seinerzeit der Leserschaft des Spiegel. Die titelgebende Schiffskatastrophe vom April des Jahres 1912, das Exempel für menschliche Hybris und verblendeten Technikglauben schlechthin, steht dabei zwar im Vordergrund. Das Kuba am Ende der sechziger Jahre, schreibt Born, sei allerdings ebenso eine Titanic, nur eben »aus anderem Stoff«: Untergegangen und durch »realen Sozialismus« ersetzt worden sei auf Kuba die »konkrete Utopie«.

Die Folgen dieses Verlusts, so macht das Gedicht klar, sind allerdings noch weitreichender. Jedes vermeintlich sichere Bescheidwissen über den Gang der historischen Dinge, jedes Einwirkenwollen des Intellektuellen auf Fragen des Politischen erscheint nun als eine bloße Donquichotterie. Am Ende jenes Gedichts, mit dem Der Untergang der Titanic schließt, erblicken wir das Ich als einen Überlebenden im Wasser, dem lediglich zu tun bleibt, was alle anderen tun: »Undeutlich, schwer zu sagen, warum, heule und schwimme ich weiter.« Vollends erledigt hat sich damit jenes energische Streben nach intellektueller Überlegenheit, wie es sich in den frühen Gedichten – in pathetischen Formeln wie »ich bin keiner von euch« oder »ich bin der andere« – zum Ausdruck gebracht hatte.

Den Abschied von unverrückbaren Standpunkten und in sich geschlossenen Weltbildern vollzieht Enzensberger aber nicht allein im Gedicht. So verteidigt er nunmehr beispielsweise die Leistungen und Vorzüge des Kleinbürgertums gegenüber den überhöhten Selbstansprüchen des intellektuellen Milieus, womit er auch seine eigenen früheren Äußerungen über Bord wirft, etwa jene zum Phänomen des Massentourismus. Fast schont etwas gewollt dezisionistisch erscheint in diesem Zusammenhang seine Anfang der achtziger Jahre im Merkur veröffentlichte Kritik an den Kritikern der Bild-Zeitung: Es sei die »Lebenslüge der ›besseren‹ Presse und ihres Publikums, auf Bild zu zeigen und zu rufen: Haltet den Dieb!« Ohne überhaupt etwas vom eigentlichen Phänomen verstehen zu können, befeuere man auf diese Weise lediglich das eigene Ressentiment.

Mit derlei provozierenden Revisionen, die mit einer programmatischen Hinwendung zu einem prinzipienlosen Denken und Schreiben einhergehen, vermag Enzensberger die öffentliche Aufmerksamkeit durchaus zu erregen. Gleichzeitig rufen sie vermehrt Ratlosigkeit und Enttäuschung hervor, ja sie ziehen sogar den Vorwurf des Verrats nach sich. Kritiker wie Wolfram Schütte erklären Enzensberger abschätzig zum »Dandy der westdeutschen Linken«, während ausgerechnet Armin Mohler, der ehemalige Privatsekretär Ernst Jüngers und Impulsgeber der Neuen Rechten, ihm eine Nähe zum konservativen Spektrum unterstellt.

BRD blanche

Nirgendwo findet Enzensbergers öffentlich erklärter Abschied von einer »Tradition der Rechthaberei« und die Suche nach einem »anderen Ton des Essays« allerdings so klaren Ausdruck wie in jenem Projekt, das zumindest von wissenschaftlicher Seite aus bislang nahezu ignoriert worden ist: in der gemeinsam mit Gaston Salvatore, dem engen Freund aus Berliner APO-Tagen, gegründeten Zeitschrift TransAtlantik. Die unter ihrer Ägide zwischen 1980 und 1982 erschienene Zeitschrift ist der Versuch, die Frage zu beantworten, welche Spielräume und Reize sich aus dem Scheitern der Revolution und dem Verlust der Utopie ergeben könnten. Das erklärte Vorbild ist der New Yorker, ihre Ästhetik die einer BRD blanche: Typografisch aufwendig gestaltet, mit Offenheit für die Welt des gehobenen Konsums, bietet die Zeitschrift literarische Reportagen und politische Essays auf höchstem Niveau. Enzensberger selbst beteiligt sich mit Stücken, die metakommunikativ auf seine Autorschaft und den Ansatz der Zeitschrift bezogen sind, darunter die entscheidende Abhandlung Das Ende der Konsequenz, auf die ich noch zurückkommen werde, und der Aufsatz Eurozentrismus wider Willen, der sich problemlos an heutige Ansätze der Postcolonial Studies anschließen ließe.

Von der frühen Medienkritik der fünfziger und sechziger Jahre sind zu diesem Zeitpunkt allenfalls begriffliche Versatzstücke übriggeblieben. Ohne jemals Anhänger einer allzu schlichten Manipulationstheorie gewesen zu sein, waren Enzensbergers kritische Analysen des Spiegel und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zutiefst geprägt von der Auseinandersetzung mit Adorno. Dies sollte sich mit dem neuen Vorhaben grundlegend ändern. Nun sind es die Anhänger einer in die Tage gekommenen Kritischen Theorie, die TransAtlantik ihrerseits als Zeugnis eines umfassenden Verblendungszusammenhangs diskreditieren: Für den Journalisten und erklärten Kommunisten Hermann L. Gremliza ist Enzensbergers und Salvatores neues Journal des Luxus und der Moden nichts anderes als »Kacke mit Glasur«.

Aber nicht nur hinsichtlich ihrer medientheoretischen Prämissen war die Zeitschrift ein Neuanfang. Ihre Planungen setzen zu einem Zeitpunkt ein, um noch einmal auf den Untergang der Titanic zurückzukommen, »wo die Hubschrauber fort sind, || wo nichts mehr schwelt oder heult, || […] wo das Schlimmste vorbei ist«. Ende der siebziger Jahre weckte diese Bildsprache unweigerlich auch Erinnerungen an den Deutschen Herbst. Wie befreiend muss es gewesen sein, in dieser Situation ein neues, eigenes Transatlantikschiff, einen frischgestrichenen Luxusliner auf den Weg zu bringen – einen Luxusliner zumal, der sein Ziel auch tatsächlich zu erreichen versprach! In gewisser Weise stellte TransAtlantik damit den Gegensatz zu dem Gemeinschaftsfilm Deutschland im Herbst (1978) dar. An die Stelle der national beschränkten, aus heutiger Sicht nicht anders als depressiv zu bezeichnenden Rückschau auf die Zustände und Ereignisse von 1977 mit ihrer düsteren Ästhetik tritt der international ausgerichtete Blick auf eine intellektuell ganz und gar offene, von allen ideologischen und politischen Festlegungen befreite Gegenwart.

Erste Dinge zuerst

Diesen Kurs setzte die Die Andere Bibliothek, 1985 gegründet und bis 2004 von Enzensberger herausgeberisch betreut, auf noch etwas gediegenere Weise fort. Kennzeichnend für die Wieder- und Neuentdeckungen der Buchreihe waren die Liberalität des Konzepts und die Luxuriösität der Ausstattung. »Anything goes«, dies war die erklärte postmoderne Losung des Vorhabens, das gleich im ersten Jahr unter anderem Boris Savinkovs Erinnerung eines Terroristen auf Driss ben Hamed Charhadis Leben voller Fallgruben und Lukians Lügengeschichten und Dialoge