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Thomas Etzemüller empfiehlt den Blick auf die Denker einer auf den ersten Blick nicht so heroischen Moderne: Planer und Designer, Sozialingenieure. Ein wenig ist inzwischen in den Hintergrund gerückt, dass der Rechtspopulismus in Skandinavien schon vergleichsweise früh einen Aufstieg erlebt hat. David Kuchenbuch zeichnet die Entwicklungen nach. Julika Griem macht als Patientin Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem – und analysiert, was sie mit eigenen Augen und am eigenen Körper erlebt. Trevor Jackson liest das neue Buch des im angelsächsischen Raum enorm einflussreichen Wirtschaftskommentators Martin Wolf – der nur leider, seufzt Jackson, vor vielen Auswüchsen des Kapitalismus weiter die Augen verschließt. Birger Priddat stellt zwei diametral unterschiedliche Vorschläge zum Umgang mit der Krise der liberalen Demokratien vor, den reaktionären Vorschlag von Patrick Deneen und den Rettungsversuch von Lisa Herzog. Michel Foucault, liest man, sei zum Kolonialismus nicht viel eingefallen – vielleicht aber, so Christoph Paret, hat man nur an der falschen Stelle gesucht. Ebenfalls der Frage nach den Zusammenhängen von Kolonialismus und Wissenschaft bzw. Theorie widmet sich Andreas Eckert mit seiner Lektüre neuerer Bücher von Onur Erdur und George Steinmetz. Auf Bürokratie als großes Problem können sich die meisten schnell einigen – vielleicht aber auch vorschnell, warnt Martin Küppers, und zeigt, dass beim Blick aufs Konkrete alles gleich kompliziert wird. Jens Kastner fragt nach den (nicht nur) historischen Zusammenhängen von Antiimperialismus und Israelfeindschaft. Und bei Anke Stelling ziehen die Ameisen durch.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 911, April 2025, 79. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12439-2
Umschlag
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Thomas Etzemüller: Ungeliebte, kalte, heroische Moderne Dezisionisten und Sozialingenieure
David Kuchenbuch: Kulturkampf, Kanon, Karikaturenstreit Zum Aufstieg der Rechtspopulisten in Dänemark und in Nordeuropa seit der Jahrtausendwende
Julika Griem: Warten, lernen
Trevor Jackson: Nie zu viel Martin Wolf und wie er die Welt sieht
KRITIK
Birger P. Priddat: Polyvalenz des Politischen Zur Neuvermessung des Demokratischen
Christoph Paret: Foucault bei den Galliern Die Dekolonialisierung des dekolonialen Diskurses
Andreas Eckert: Halbschatten des Kolonialismus
MARGINALIEN
Michel Küppers: Mehr Bürokratie wagen
Jens Kastner: Abschied vom Antiimperialismus
Anke Stelling: Eine Armada aus Adjektiven
Vorschau
ThomasEtzemüller, geb. 1966, Professor für Europäische Kulturgeschichte der Moderne an der Universität Oldenburg. 2021 erschien Henning von Rittersdorf – Das deutsche Schicksal. Erinnerungen eines Rasseanthropologen. Eine Doku-Fiktion; 2022 Landschaft und Nation: Rhein – Darlarna – England. https://uol.de/thomas-etzemueller/
DavidKuchenbuch, geb. 1980, Historiker, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt »Das Wissenschaftskolleg zu Berlin« an der Universität Oldenburg. 2023 erschien Globalismus. Geschichte und Gegenwart des globalen Bewusstseins. [email protected]
JulikaGriem, geb. 1963, Direktorin des KWI Essen, Professorin für Anglistik an der Universität Duisburg-Essen. 2024 erschien »Die Poesie der Reformen«. Zur Karriere des Diversity Management an Hochschulen in Deutschland (Hrsg. zus. m. David Kaldewey u. Il-Tschung Lim). [email protected]
TrevorJackson, Wirtschaftshistoriker an der University of California, Berkeley. 2023 erschien Impunity and Capitalism. The Afterlives of European Financial Crises, 1690–1830. – Der Beitrag erschien unter dem Titel Never Too Much in der New York Review of Books vom 16. Januar 2025.
Birger P.Priddat, geb. 1950, Professor emeritus für Ökonomie und Philosophie. 2023 erschien Geben, Nehmen, Teilen: Gabenwirtschaft im Horizont der Digitalisierung (Hrsg. zus. m. Michael Hutter).
ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2023 erschien Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? Maren Ades Rendezvous mit Alain Badiou. [email protected]
AndreasEckert, geb. 1964, Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2021 erschien Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. [email protected]
MichelKüppers, geb. 1995, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Historische Rechtsvergleichung und Doktorand an der Universität zu Köln.
JensKastner, geb. 1970, Soziologe. 2022 erschien Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik; 2024 Klassifikation und Kampf. Zur Aktualität der Kultursoziologie Pierre Bourdieus. www.jenspetzkastner.de
AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de
DOI 10.21706/mr-79-4-3
Bei kaum einer politischen Grundsatzfrage ist derzeit breiter gesellschaftlicher oder auch nur überparteilicher Konsens selbstverständlich. Das betrifft zwar keineswegs nur Deutschland, war aber hier zuletzt besonders gut zu beobachten. Die Endphase der Regierung Scholz war geprägt von der Betonung wechselseitig als unüberbrückbar empfundener Differenzen, und das potenzierte sich noch im öffentlichen Meinungskampf vor den Neuwahlen. Mit einer interessanten Ausnahme: Die Forderung nach massivem Bürokratieabbau traf von Anfang an und über alle Lager hinweg auf einmütige Zustimmung.
Eine naheliegende Erklärung wäre, dass es bei diesem Thema nun einmal nicht um politische Präferenzen geht, sondern um die politikneutrale Bewertung der allseits beklagten mangelnden Effizienz staatlicher Regelsetzung mit dem ebenfalls politikneutralen Ziel, diese im Bedarfsfall zu optimieren. Wie Michel Küppers in seinem Essay aufzeigt, handelt es sich dabei allerdings um eine Wunschvorstellung. Denn in Wahrheit ist bereits die Definition dessen, was überhaupt im schlechten Sinne als »bürokratisch« anzusehen ist, »zwangsläufig von politischen Wertungen bestimmt«.
Nicht zuletzt deshalb finden sich in der langen Geschichte des institutionalisierten Bürokratieabbaus zwar zahllose, von den unterschiedlichsten politischen Kräften getragene Appelle und Initiativen, zugleich aber nur sehr wenige überzeugende Beispiele für konkrete Verfahren, deren Ergebnisse parteiübergreifend auch tatsächlich als Erfolg bewertet worden wären. Die meisten galten ihren Kritikern bald schon als zu bürokratisch.
CD/EK
DOI 10.21706/mr-79-4-5
Thomas Etzemüller
Dezisionisten und Sozialingenieure
»Ungeliebte Moderne« hat der Freiburger Soziologe Wolfgang Eßbach eine Vorlesung genannt, die er 2009 hielt.1 Er musterte paarweise wichtige Diagnostiker der Moderne, nämlich Max Weber und Sigmund Freud, die sich an irrationalen Zügen einer »schwierigen Moderne« abarbeiteten, der der Glaube an den Fortschritt und den Siegeszug der Rationalität abhandengekommen sei; Ernst Bloch und Ernst Jünger, deren Denken nach dem Ersten Weltkrieg um das Problem einer zerfallenden Gesellschaft kreiste, der es ihrer Meinung nach an kultureller Integration gebrach, und um die Frage, wie man ihr wieder Form geben könne; Georg Lukács und Carl Schmitt, die diese Suchbewegung radikalisierten, was sie in die beiden Spielarten des Totalitarismus führte; während Wilhelm Reich und Arnold Gehlen Psyche beziehungsweise Technik als Grundlagen der menschlichen Existenz unter den Bedingungen der Moderne ausmachten. Sie alle, so Eßbach, durchforsteten die Ideengeschichte Europas auf der Suche nach Hilfestellung und Ansatzpunkten, um dem vermeintlichen Verfall der Ordnung etwas entgegenzusetzen.
Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen widmete sich in seinen Verhaltenslehren der Kälte einer »pessimistischen Anthropologie«, derzufolge »der Mensch ›von Natur aus‹ zur Destruktion neigt und die Zivilisation einen barbarischen Kern hat«.2 Seine Protagonisten – überwiegend Schriftsteller wie Ernst Jünger und Bertolt Brecht, aber auch der Sozialphilosoph Helmuth Plessner – waren von der Moderne im frühen 20. Jahrhundert verunsichert, versuchten, sich gegen die Umwelt abzuschirmen und zu verpanzern, »mit einem klirrenden Schematismus« alle Uneindeutigkeiten in Klassifikationen zu pressen; sie lebten in ständigem Alarmismus und waren fasziniert von entscheidungsfreudigen Gestalten mit einfachen Konturen ohne komplizierte seelische Tiefe. Entscheidung wozu, das blieb offen, es zählte die Geste der Tat. »Kalte persona« und »Kreatur«, Erstere als gepanzerter Tat-Mensch, Letztere ein Spielball der Zeitläufte, das war der Gegensatz. Der erschreckenden Vieldeutigkeit der Moderne war nur durch Kälte beizukommen.
Nur wenige Jahre zuvor hatte der Historiker Heinz Dieter Kittsteiner eine Geschichte der Moderne in drei Stufen projektiert.3 Für die dritte Stufe ab etwa 1880 prägte er den Begriff der »heroischen Moderne«. Kittsteiners Kollege Anselm Doering-Manteuffel bezeichnete den ideellen Kern dieser heroischen Moderne als antihistoristisches Denken.4 Dieses Denken reagierte auf die Erfahrung, dass die Gesellschaften des späten 19. Jahrhunderts zu desintegrieren drohten. Die ersten protototalen und maschinisierten Kriege wurden erprobt, Wirtschaftskrisen waren durch die klassische liberale Doktrin des Laissez-faire nicht mehr zu erklären, durch Urbanisierung, Industrialisierung, Feminismus und Sozialismus schien die Sozialordnung zu zerfallen. Die gesellschaftliche Entwicklung folgte offensichtlich nicht mehr der Vernunft der Geschichte. Vielmehr musste der Mensch selbst handeln, um diese unbegreiflichen, überindividuellen Entwicklungen zu bändigen.
Kittsteiner konnte diese Geschichte vor seinem Tod 2008 nicht mehr ausführen. In seinem Nachlass an der Viadrina in Frankfurt an der Oder finden sich jedoch einige wenige Entwürfe, die erkennen lassen, welche Richtung seine Darstellung genommen hätte. Er wäre, wie Eßbach und Lethen, der ideengeschichtlichen Spur gefolgt und hätte Großdenker der Moderne wie Spengler, Jünger, Schmitt, Heidegger, Lukács, Freud oder Marx in den Blick genommen. Einige von ihnen sollten nach 1918 auf die dezisionistische »Tat« setzen, um die Verwerfungen möglichst energisch abzuräumen. Sie radikalisierten das Politische und bereiteten dem Nationalsozialismus den Boden. Kittsteiner hätte wohl eine sehr deutsche, präfaschistische Geschichte verfasst, die Radikalisierung von Nietzsches Denken durch eine »Parade der Übermenschen«.5 Nur mit Simmel hätte er einen »der wenigen Versuche […], sich in der ›Entfremdung‹ zurechtzufinden« zur Sprache gebracht.6
Es wäre letztlich keine Geschichte der Moderne geworden, sondern eine der Modernewahrnehmung deutscher Intellektueller, die auf die deutsche Situation reflektierten und erst nach 1945 die »›heroische‹ Betrachtungsweise der Geschichte« verloren: »Was sich im ›Schicksalsrausch‹ 1933 amalgamiert hatte: die heroische Attitüde aus dem Geist Nietzsches und die geschichtsphilosophische Legitimation, daß ihre Verwirklichung das Gebot der Stunde sei, fällt nun wieder auseinander.« Sie hätten sich inmitten »der unheroisch gewordenen Geschichte« eingegraben, »die es gelernt hat, von Endlösungen aller Art Abstand zu nehmen, die darauf verzichtet, den dynamischen historischen Prozeß ›stillstellen‹ zu wollen, die aber […] Ausschau hält, wie man ihn vielleicht in jeweils erträgliche Richtungen steuern kann«.7 Den vormaligen Heroismus hatte Kittsteiner spöttisch auf die Formel »Rasse und Motoren« gebracht, das sollte vermutlich die Verbindung von Übermensch-Denken und Technikfaszination meinen. Wolfgang Eßbach hat die wunderbare Formulierung gefunden, der Dezisionismus habe es sich einfach gemacht: »Gedacht, entschieden, gemacht.« Es waren die Vertreter der Tabula rasa, des Wegholzens und Abräumens der alten Gesellschaft, um für die neue Zeit einen »Neuen Menschen« zu schaffen. Diese Heroen wollten sich von der Geschichte nicht in die Ecke treiben lassen, sondern sich mit einem Schwerthieb aus ihr befreien. Es war ein Heroismus der Abrissbirne, der, wenn wir Ernst Jünger Glauben schenken, in den Feuerwalzen des Stellungskrieges geboren worden war. Aber hat dieser Heroismus die Geschichte der Moderne wirklich derart entscheidend geprägt? Musste die Angst vor der Desintegration notwendig in die große Disruption des »Dritten Reichs« münden? Oder deuteten Eßbach, Lethen und Kittsteiner die Moderne mithilfe eines viel zu engen Personaltableaus, missdeuteten sie sie?
Das große Thema der Moderne war die Suche nach Ordnung, Stabilität und sozialer Harmonie. In der Vormoderne konnte man auf Gott vertrauen, der es richten würde, wenn das Equilibrium bedroht war. Mit der Industrialisierung schienen jedoch Kräfte an Bedeutung gewonnen zu haben, die die Ordnung nachhaltig zu zerstören drohten. Deshalb blühten seit dem 19. Jahrhundert Ordnungsvorstellungen unterschiedlichster Art. Einige setzten sich nicht durch, andere waren ihrer Zeit voraus, hatten gerade keine oder aber nur zeitweise Konjunktur: Ständestaatsideen, Pluralismus, organizistische Modelle, Faschismus, Laissez-faire, unterschiedlich rigide autoritäre Regime sowie Spielarten der Demokratie – Korporatismus in der Schweiz und Schweden, die »Versäulung« in den Niederlanden, Föderalismus in Deutschland und Belgien, agonale Praktiken in Großbritannien und Frankreich, sehr verknappt gesagt. Das Europa zwischen Jahrhundertwende und Kriegsende war ein Versuchsfeld für Ansätze, vermeintlich defekte Gesellschaftsordnungen zu reparieren. Anhänger des Ständedenkens versuchten, Dynamik in fixe Strukturen zu binden, Pluralismustheoretiker wollten sie von der Leine lassen, auf dass sie sich im freien Spiel der Kräfte selbst reguliere.
Eine Leitdifferenz spielte über all diese Lager hinweg eine wichtige Rolle, nämlich die zwischen organischer »Gemeinschaft« und atomisierender »Gesellschaft«, die der Soziologe Ferdinand Tönnies 1887 in einer Studie pointiert hat.8 Dieses Buch wurde zwar erst in den 1920er Jahren wirklich rezipiert und dann sehr einflussreich, aber seine Unterscheidung finden wir in zahllosen Texten europäischer und amerikanischer Autoren, selbst wenn sie andere Begriffe gebrauchen und ein Verweis auf Tönnies fehlt. Besonders prominent war sie bei denjenigen, die organischen Gesellschaftsvorstellungen anhingen, und das waren die meisten Antihistoristen und Dezisionisten. Sie behaupteten, intakte Sozialordnungen seien eigentlich »organisch« verfasst. In ganz Europa haben Soziologen und Biologen wie Herbert Spencer, Jakob von Uexküll, Albert Schäffle oder Claudius Wilkens »bewiesen«, dass biologische und soziale Entitäten einander strukturell entsprachen. Wie aus einer einzelnen Zelle der Mensch als komplexes Gebilde entstehe, so ein Volk aus der Familie. Dem körperlichen Bindegewebe entsprächen im Sozialen Verwandtschaftsverhältnisse, Nationalität oder Glaubensgemeinschaften, dem Knochengewebe das Wohnungs- oder Bauwesen, dem Hautgewebe das Gesundheitswesen, dem Muskelgewebe die technischen Einrichtungen.9 Diese »Socialhistologie« (Schäffle) wurde durch krude Analogien belegt: »Blood vessels acquire distinct walls; roads are fenced and gravelled«; Eisenbahnen bilden »a system of double channels conveying currents in opposite directions, as do the arteries and veins of a well-developed animal«, schrieb der Philosoph Herbert Spencer 1860. So fremd uns das klingt, das Denken prägte noch den Bau der überaus geschickt geplanten Bielefelder Großwohnsiedlung Sennestadt Ende der 1950er Jahre.
Diese Weltsicht ermöglichte die Biologisierung des Sozialen. Denn zum einen meinten deren Vertreter zu beweisen, dass »Gemeinschaft« der Natur entsprach, während sie Gesellschaft als »künstlich« denunzieren konnten. Zum zweiten postulierten sie, die Marx’schen Thesen von einer ungerechten Sozialordnung der Gesellschaft, die dem Kapitalismus geschuldet sei und deshalb eine Revolution bedingen würde, seien »widernatürlich«. Die unbestreitbaren Probleme verdankten sich aus ihrer Sicht vielmehr einer demografisch-biologischen Degeneration der Bevölkerung. Biologisch und sozial »minderwertige« Schichten zögen in die Städte, verelendeten und pflanzten sich überproportional fort. Dadurch werde ihr defektes Erbgut exponentiell vermehrt, während die »wertvollen« bürgerlichen Schichten dank Kindermangels allmählich ausstürben. Hier sei »Tat« gefragt, um der Destruktion Einhalt zu gebieten. Eigentlich halte die Natur sich selbst in Balance; allein menschliche Unvernunft setze diese Prozesse außer Kraft. Deshalb müsse der »Volkskörper« durch Sterilisierungen und andere biologische Eingriffe renoviert werden, nur dann werde er gesunden und die Nation stärken. Die sozialen Verwerfungen wären eliminiert, dem Marxismus Paroli geboten. Solche Vorstellungen mündeten im Vernichtungsprogramm des »Dritten Reichs«, aber auch in der skandinavischen Sterilisierungspolitik, die erst in den 1970er Jahren aufgegeben werden sollte.10
Das ist die Folie, vor der Eßbach, Lethen und Kittsteiner die Moderne deuteten: als Versuch, Equilibrium und soziale Stabilität herzustellen, indem man eine biologisierte Weltdeutung radikalisierte und durch Exklusion und Disruption Ordnung gegen systemische Desintegration erzwingen wollte. Und in der Tat war dieses Denken auch bei sozialdemokratischen und sozialistischen Akteuren in ganz Europa virulent. Eines unterschied dieses Personal allerdings von den Radikalen in Deutschland vor 1945: Wie radikal dachten sie und wie radikal wollten sie handeln? Und was genau verstanden Sie überhaupt unter »radikal«?
Ich finde den Begriff der »heroischen Moderne« reizvoll und möchte ihn Heinz Dieter Kittsteiner entlehnen. Er trifft, was Ulrich Herbert die »Hochmoderne« und Detlev Peukert die »klassische Moderne« genannt haben,11 aber Kittsteiner hätte vermutlich dem nicht hinreichend Rechnung getragen, was Zygmunt Bauman als Ambivalenz der Moderne ausgemacht hat, dass nämlich die technische Rationalität der industriellen Moderne immer zwei Möglichkeiten zuließ: den Fortschritt und den Holocaust.12 Die heroische Moderne Kittsteiners, Lethens oder Eßbachs dagegen ist zu eindeutig. Sie kreist um die Entgrenzung des gesellschaftspolitischen Denkens, das im Nationalsozialismus seinen Höhepunkt fand und noch heute Fluchtpunkt einiger Gesamtdarstellungen der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert ist.13 Hilft es da wirklich, Kittsteiners Begriff zu nutzen?
Der Begriff des Heroischen trifft auf eine ganze Reihe anderer Protagonisten zu, nämlich Experten, die beanspruchten, Verwerfungen moderner Industriegesellschaften präzise diagnostizieren und rational lösen zu können. Sie gingen – ihrem Selbstverständnis nach – strikt empirisch und ideologiefrei vor; ihre Haltung war konstruktiv. Ihr Credo lautete: »Make things happen by design and not by chance.«14 Ihr Framing der Moderne war ein Denken in »Problem« und »Lösung«. Weil sie auf Empirie setzten, waren sie davon überzeugt, dass sie, anders als Politiker oder Ideologen, nüchterne Urteile fällten, statt Einzelinteressen zu bedienen. Mit dem Gestus, ständig Annahmen und Entwürfe zu revidieren, die sich als nicht mehr adäquat erwiesen, inszenierten sie sich als über den politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen stehend. Heroisch war, dass sie Stück für Stück die Mühen eines permanenten Justierens auf sich nahmen, ohne je zu endgültigen Lösungen zu gelangen, sondern nur zu immer weiteren Adaptionen. Karl Popper nannte dieses Vorgehen »piecemeal social enginering«.15 Die große Geste, die Tabula rasa, war diesen Experten durchaus nicht fremd. Viel beeindruckender war ihr Wille, die Gegenwart auszuhalten, statt vor ihrer Unübersichtlichkeit zu fliehen. Ich nenne diesen Typus im Anschluss an Popper und die schwedische Historikerin Yvonne Hirdman »Sozialingenieure«.16 Mit den Dezisionisten teilten sie die Diagnose, dass die moderne Gesellschaft eine gigantische Maschine sei, die die Menschen zu verschlingen drohe: Die einen wollten sie mit einem Hieb stillstellen, die anderen durch Justierungen bändigen. Sie hatten die Gesinnung gemeinsam, doch die künftigen Gesellschaften, die sie imaginierten, waren grundverschieden, ebenso die Mittel, sie zu schaffen.17
Sozialingenieure waren Architekten, Stadtplaner, Ärzte, Sozialpolitiker, Publizisten, Haushaltsexperten, Soziologen, also im weiteren Sinne Techniker, die eine solide Expertise in ihrem jeweiligen Feld besaßen. Nur wenige, exemplarische Namen: Lewis Mumford, Alva und Gunnar Myrdal, Sigfried Giedion, Hans Bernhard Reichow, Margarete Schütte-Lihotzky, Hans Freyer, Le Corbusier … Einige dieser Protagonisten dienten sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten, andere wechselten mühelos in den Faschismus hinein und dann wieder heraus. Die einen wollten die Gesellschaft behutsam remodellieren, die anderen ihre Erneuerung disruptiv erzwingen. Auf den ersten Blick ist das eine heterogene Ansammlung in zahlreichen Ländern tätiger Akteure. Was sie als Gruppe aber einte, waren Haltung und Praxis.
Sie folgten der Leitdifferenz Gemeinschaft /Gesellschaft, außerdem einem Dreischritt, bei dem Vergangenheit und Zukunft über die Gegenwart hinweg miteinander korrespondierten: Eine integrierte, harmonische Sozialordnung der Vormoderne war im 19. Jahrhundert zersetzt worden und würde nun für die Zukunft restauriert werden – aber nicht als nostalgische Rückwendung in eine »goldene Vergangenheit«, sondern als dezidiert modernes Habitat mithilfe des technischen Instrumentariums der industriellen Moderne. Der Dokumentarfilm The City (USA 1939) führt das exemplarisch vor Augen.18 Er beginnt mit der dörflichen Gemeinschaft Neuenglands, in der die Menschen ein entspanntes, harmonisches, basisdemokratisches Leben führen, geht über zu den Slums und vermassten, gehetzten Großstädten und nähert sich dann aus der Vogelperspektive der Gartenstadt Greenbelt, in der eine überschaubare Zahl von Menschen wieder ruhig im Einklang mit der Natur lebt – freilich mit allen Errungenschaften der technischen Moderne.
Das hieß übrigens nicht, dass Sozialingenieure Dynamik oder Mobilität ablehnten. Sie sahen sie zwar durchaus als Bedrohung sozialer Balance, wollten sie aber weder ständestaatlich fixieren noch pluralistisch entfesseln. Vielmehr versuchten sie, die Grenze zwischen schädlicher und akzeptabler Dynamik zu kontrollieren. Ihre Interventionen zielten darauf, die Menschen anzuleiten, sich selbst zu erziehen, Gemeinschaft herzustellen. Gegen den angeblich exzessiven Individualismus des »liberalistischen« 19. Jahrhunderts führten sie die »Persönlichkeit« ins Feld. Das war ein Mensch, der er sich selbst treu blieb, sich aber in die Gemeinschaft einzuordnen vermochte. Walther Rathenau hat dessen Charakter 1918 so auf den Punkt gebracht: »Wir müssen nicht von uns die Einförmigkeit des Amerikaners verlangen, der sein Fahrrad grün verlangt, wenn alle Trustfahrräder grün sind, aber wir sollten nicht darauf bestehen, daß eine Tinte braun sein muß, weil alle anderen Tinten blau, schwarz oder rot sind.«19 Die »Persönlichkeit« sollte zwischen den Extremen »Individualismus« und »Masse« vermitteln.
Sozialingenieure dachten eher kühl, nicht kalt, und waren zugleich enthusiastisch und offen für ihre Klienten, nicht gepanzert, sie waren heroisch, weil sie Fehlschläge mit adjustiertem, optimiertem social engineering zu beantworten versuchten. Colin Ross, ein Apologet des veralltäglichten Taylorismus formulierte es 1925 so: »Der Gedanke der Vollkommenheit ist an und für sich nicht in dem Begriff der Normalisierung enthalten.«20 In Varianten denken und Revisionen einplanen, das war das Gegenteil totalitärer oder ideologisch grundierter Planungen. In einem Dokumentarfilm über die Sennestadt hieß es 1957 etwas pathetisch: »Die Häuser, die wir bauen, sind nur das Gehäuse, das der Mensch mit Leben füllen muss. Wenn dieses Leben beginnt, sich organisch zu entwickeln, dann lässt es sich nur noch schwer in den Grenzen des Planes halten. Diese Umwandlung vom Plan zur Tat ist immer Wagnis und Erlebnis zugleich […] Manches wandelt sich, passt sich neuen Erkenntnissen, neuen Bedürfnissen an.«21 Die Planungen der Sozialingenieure waren durchaus radikal, das Ergebnis aber sollte dezidiert maßvoll ausfallen. In dieser Haltung berichteten sie der Gesellschaft mit aufklärerischem Kampfgeist, was sie besser tun und lassen sollte, wie ihre Lage sei und wie mögliche Wege in die Zukunft aussehen könnten.
Natürlich ist es eine etwas romantisierende Folgerung, die abwägenden, moderaten und trotzdem tatkräftigen Experten stark zu machen, die sich von den sich auftürmenden Komplikationen des Jetzt nicht entmutigen lassen. Denn ist es angesichts des weiteren Verlaufs der Geschichte zulässig, nüchterne Fachleute zu idealisieren? Die Gewalt im 20. Jahrhundert lässt sich nicht relativieren, zumal deren totale Entgrenzung im Nationalsozialismus nicht. An all dem haben Sozialingenieure mitgewirkt.
