MERKUR 6/2024, Jg.78 -  - E-Book

MERKUR 6/2024, Jg.78 E-Book

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Beschreibung

Thorsten Holzhauser analysiert, wie unter dem Deckbegriff der "Normalität" rechte bis rechtsextreme Vorstellungen salonfähig gemacht werden sollen. Gegen die identitäre Festschreibung der Differenz von Homo- und Heterosexualität wendet sich Norbert Reck – das ist allerdings, wie er zeigt, eine knifflige Sache. Die Erneuerbaren werden immer günstiger – warum die ökologische Transformation trotzdem nicht zum Selbstläufer wird, erklärt William Davies mit der Profitlogik des Kapitalismus, wie sie Brett Christophers dargelegt hat.   In ihrer ersten Literaturkolumne überlegt Hanna Engelmeier mithilfe neuer Bücher von Nicole Seifert und Frank Witzel, was von der Literaturgeschichte bleibt, und warum. Tobias Janz wiederum fragt in seiner Musikkolumne, wie Musikgeschichtsschreibung heute, nach ihrem vermeintlichen Ende, aussehen kann. Sehr postum ist Michel Foucaults Buch Der Diskurs der Philosophie erschienen – Christoph Paret hat es gelesen.   Wie man an die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg ohne jeden revanchistischen Hintergedanken erinnern kann, führt Jens Kastner vor. Valentin Groebner war, nicht zum ersten Mal, auf Sri Lanka, und kann manches berichten. Warum wir wider besseres Wissen viel zu wenig gegen den Klimawandel unternehmen, versucht sich Martin Hartmann mit der Macht der Gewohnheit zu erklären. Thomas Schaefer porträtiert in der Der Antiquar einen vielleicht skurrilen, jedenfalls besonderen Mann. In Susanne Neuffers Aurora macht sich die Ich-Erzählerin auf und davon, und zwar ins All.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 901, Juni 2024, 78. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106 016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar.· Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 29. April 2024 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 € / 176 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 € / 176 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 € / 36 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12306-7

Inhalt

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Thorsten Holzhauser: Neue Normalisten

Norbert Reck: Die Zweiteilung der Menschheit

Zu den Ursachen homophober Gewalt

William Davies: Antimarkt

Profitlogik und ökologische Transformation

KRITIK

Hanna Engelmeier: Literaturkolumne

Kaum auszudenken

Tobias Janz: Musikkolumne

Musikgeschichte (nach deren Ende)

Christoph Paret: Das philosophische Unbewusste

Der neue Foucault

MARGINALIEN

Thomas Schaefer: Aus dem Leben eines Antiquars. (Geert Pötter, 1949–2023)

Valentin Groebner: Geister am Palmenstrand

Martin Hartmann: Klimawandel und Gewohnheit

Jens Kastner: Vertreibung. Über vererbte Traumata und listenreiche Nostalgie

Susanne Neuffer: Aurora oder Ich war da

ERRATUM

Vorschau

ThorstenHolzhauser, geb. 1985, Historiker. 2022 erschien Demokratie, Nation, Belastung. Kollaboration undNS-Belastung als Nachkriegsdiskurs in Frankreich, Österreich und Westdeutschland. [email protected]

NorbertReck, geb. 1961, freier Publizist und Theologe. 2021 erschien Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums; 2024 Kein anderes Ufer. Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen. [email protected]

WilliamDavies, geb. 1976, Publizist und Soziologe, Professor für Politische Theorie am Goldsmiths College in London. 2018 erschien Nervous States. How Feeling Took Over the World. – Der Text wurde im Original unter dem Titel Antimarket in der London Review of Books vom 4. April 2024 veröffentlicht.

HannaEngelmeier, geb. 1983, Gastprofessorin im Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin. 2021 erschien Trost. Vier Übungen. [email protected]

TobiasJanz, geb. 1974, Professor für Musikwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Mitherausgeber von Musik & Ästhetik. 2019 erschien Decentering Musical Modernity (Hrsg. zus. m. Chien-Chang Yang). [email protected]

ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2023 erschien Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? Maren Ades Rendezvous mit Alain Badiou. [email protected]

JensKastner, geb. 1970, Soziologe. 2019 erschien Die Linke und die Kunst. Ein Überblick; 2022 Dekolonialistische Theorie aus Lateinamerika. Einführung und Kritik. www.jenspetzkastner.de

ValentinGroebner, geb. 1962, Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern. 2023 erschien Aufheben, Wegwerfen. Vom Umgang mit schönen Dingen; 2024 Gefühlskino. Die gute alte Zeit aus sicherer Entfernung. [email protected]

MartinHartmann, geb. 1968, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern. 2023 erschien The Feeling of Inequality: On Empathy, Empathy Gulfs, and the Political Psychology of Democracy. [email protected]

ThomasSchaefer, geb. 1959, freier Autor, Kritiker, Lektor und Korrekturleser. 2023 erschien Guntram Vesper: Lichtspiele. Essays und Berichte (Hrsg.).

SusanneNeuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann; 2022 Sandstein. Zwei Novellen. www.susanne-neuffer.de

Zu diesem Heft

DOI 10.21706/mr-78-6-3

Geschichten der Gruppe 47 wurden schon manche geschrieben. Nicht zuletzt ihr Begründer Hans Werner Richter hat sich mehrfach bemüht. Was dabei meist unter den Tisch fiel, waren viele Autorinnen. Sie waren, wiewohl immer in der Minderzahl, regelmäßig vertreten und kamen hinterher oft nicht mehr vor. Nicole Seifert hat nun – unter dem Titel »Einige Herren sagten etwas dazu« (ein Ingeborg-Bachmann-Zitat) – eine Geschichte der Autorinnen der Gruppe 47 verfasst, die fast mehr noch eine Geschichte der unerträglichen Misogynie von Autoren und Kritikern ist. Mit diesem Buch setzt sich Hanna Engelmeier in ihrer ersten Literaturkolumne auseinander – und hält das jüngste Werk von Frank Witzel daneben, Meine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, das die Frage nach dem Erinnern und dem Vergessen auf durchaus hinterhältige Weise zu stellen versucht. Engelmeier resümiert: »Witzel und Seifert geben die Frage auf, wen wir aus welchen Gründen lesen. Und: ›Was uns entgangen ist‹. Nicht auszudenken – bis man es tut.«

Noch grundsätzlicher problematisch geworden ist das Schreiben von Musikgeschichten. Im Jahr 2005 hatte der Musikwissenschaftler Richard Taruskin sein Opus magnum, die sechs Bände und 4 000 Seiten umfassende Oxford History of Western Music abgeschlossen; 2012 startete Reinhard Strohm nach dem Gewinn des renommierten und hochdotierten Balzan Prize das vielbeachtete Balzan Musicology Project, das sich der globalen Geschichte der Musik widmet, dabei aber gerade die westliche Kunstmusik ausspart. Das ist der Ausgangspunkt von Tobias Janz’ Überlegungen in seiner Kolumne, in der er der Frage nachgeht, ob eine Gesamtperspektive noch möglich sein kann – und welche Rolle und welche Bedeutung der westlichen Musik dabei bliebe.

CD / EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-78-6-5

Thorsten Holzhauser

Neue Normalisten

Das normale Volk ist wieder da. Wo man hinschaut, reden politisch Handelnde darüber, was »normal« ist und was die »normale Bevölkerung« denkt und fühlt. Die Riege der neuen Normalisten ist bunt: Sie reicht von Friedrich Merz und Jens Spahn über Hubert Aiwanger bis hin zu Sahra Wagenknecht und Alice Weidel. Sie alle erklären sich mit Nachdruck zu Repräsentanten der »normalen Leute«, sie alle wollen »das Volk abholen«, und zwar dort, wo sie es inhaltlich und rhetorisch vermuten. Dabei spielt keine große Rolle, dass kaum einer von ihnen als ganz normaler Bürger in diesem Sinn gelten kann. Während Aiwanger immerhin noch das Volkstümliche des bajuwarischen Landwirts ausstrahlt, passen der Millionär Merz, die promovierte Ex-Kommunistin Wagenknecht und die stets kühl wirkende Unternehmensberaterin Weidel kaum in eine solche Imagination von Volkstümlichkeit. Wichtiger für ihr Auftreten als die eigene Herkunft und soziale Stellung ist ihr gemeinsamer Anspruch, die Wünsche und Gefühle des »normalen Volks« besser als andere zu verstehen und zu garantieren, dass dessen politische Präferenzen zur obersten Richtschnur ihres politischen Handelns werden.

Nun ist die Ausrichtung auf das »Normale« – in Abgrenzung vom »Anormalen« – nicht neu, sondern kann mit Jürgen Link als zentrale Leit- und Ordnungskategorie moderner Gesellschaften gelten.1 Auch die Tatsache, dass es bei politischem Handeln per definitionem um die Herstellung von Normen geht, ist ebenso unstrittig wie die, dass sich solche Normen in Demokratien grundsätzlich stärker an den Interessen der Mehrheit orientieren sollten als an denen der Minderheit. Der Normalismus in seiner aktuellen, populistischen Ausprägung geht darüber allerdings in doppelter Hinsicht hinaus: Er unterstellt nicht nur, das »normale Volk«, in dessen Namen er zu sprechen vorgibt, sei eine unproblematisch gegebene Größe. Er tut zugleich so, als handele es sich dabei um die maßgebliche Letztinstanz in Hinblick auf die Frage nach der Legitimität politischer Entscheidungen. Damit unterscheidet sich der neue Normalismus nicht nur von seinen historischen Vorläufern. Er tritt auch mit einem autoritären Anspruch auf, der nur durch die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte verständlich wird – versteht er sich doch als Gegenbewegung zur Rettung des Normalen vor seiner Auflösung.

Normalismus in der Bundesrepublik

Politischer Normalismus spielte als Ordnungskonzept in der bundesrepublikanischen Geschichte schon immer eine Rolle. Als wichtige Instanz in dieser Hinsicht fungierten lange Zeit die großen »Volksparteien« – ein besonderes politisches Kulturgut der Bonner Republik. Mit ihrem breiten Integrationsanspruch bei gleichzeitiger Gravitation zur politischen Mitte waren sie immer auch Normalitätsproduzenten: Wie in den Volksparteien gedacht und geurteilt wurde, konstituierte in hohem Maße das, was als politisch normal und damit legitim angesehen wurde – in Abgrenzung zum Anormalen, das sich in der bundesdeutschen Demokratie typischerweise mit dem Begriff des Extremismus verband. Während Extremisten schon von der Wortbedeutung her nicht als normal gelten konnten, beanspruchten die Parteien der Mitte, indem sie sich so nannten, eine besondere Repräsentation für die Mitte des Volkes und ihre Bedürfnisse – ein Selbstverständnis, das bis heute nachwirkt.

Dieser populäre, tendenziell konservative Normalismus blieb in der bundesdeutschen Geschichte allerdings nicht frei von Spannungen. In der Studentenbewegung der sechziger und der neuen Linken der siebziger Jahre bekam das Normale »Mundgeruch«, wie es Hans Magnus Enzensberger später ausdrückte.2 Viele Sitten und Denkweisen der »normalen« Bevölkerung, die bis dahin auch den Wertehorizont der Volksparteien geprägt hatten, vom sonntäglichen Kirchgang bis zur bürgerlichen Ehe, galten Teilen der jungen Generation als »klein-« und »spießbürgerlich« und als repressiv. Zugleich nahm der Anteil jener Bevölkerungsgruppen zu, die eben nicht mehr die gedachten und gelebten Normalitäten der Nachkriegszeit von deutscher Herkunft, bürgerlicher Kernfamilie, stabiler Ehe und industriell-fordistischer Normalarbeit repräsentierten.

Aus der »transnormalistischen« (Jürgen Link) Infragestellung des Normalen entwickelte sich ein neues, flexibleres Normalitätsregime: Homosexualität und vorehelicher Sex wurden »normaler«, während gewisse kirchliche Normen wie das Zölibat oder das Verbot von Präservativen in der hegemonialen Kultur als immer weniger normal empfunden wurden. Gegen diesen Wertewandel, der einigen als Wertverlust vorkam,3 stemmten sich in den 1980er Jahren vor allem die Unionsparteien und ihr Umfeld. Die von ihnen ausgerufene »Wende« war auch der Versuch, traditionelle Normalitätsvorstellungen zu re-etablieren. Je weniger das »normale Volk« noch als homogene Gruppe greifbar war, desto demonstrativer wurde der bürgerliche Normalismus betont.

Daran änderte die deutsche Vereinigung zunächst wenig. Während das Feuilleton in den neunziger Jahren Debatten über das Ende deutscher Sonderwege und die Rückkehr in das Konzert »normaler« Nationen führte, wurden etablierte Normalitätsvorstellungen nach innen gestärkt. Auf der einen Seite sollten aus den anders gearteten Ostdeutschen ganz normale Bundesbürger nach westlicher Lesart werden, auf der anderen Seite florierten in Ostdeutschland eigene Identitätsbildungen, für die das Bekenntnis eine zentrale Rolle spielte, zu den »ganz normalen Leuten« zu zählen.4

Die deutsche Vereinigungsgesellschaft wiederum grenzte ihre neugewonnene nationale Normalität gegen Nichtvolkszugehörige ab.5 In den Asyldebatten der frühen neunziger Jahre musste das »Volksempfinden« des latent xenophob gedachten Durchschnittsbürgers als Maßstab für politisches Handeln herhalten. Rechte Mobs in Springerstiefeln wurden mehrheitlich als Abweichung von der Normalität empfunden. Dass sich aber auch das »normale« Deutschland vor Überforderung und Überfremdung fürchtete, wurde zur gefühlten Wahrheit und sodann zum archimedischen Punkt des politischen Diskurses, der schließlich zum »Asylkompromiss« von 1993 führte. Dieser wurde prominent und wiederholt mit den Forderungen begründet, die »ganz normale Menschen wie Sie und ich« an die Politik herantrugen, wie es der Abgeordnete Wolfgang Ehlers in der entscheidenden Bundestagsdebatte ausdrückte.6 Um deren »Ängsten und Sorgen« zu entsprechen, schränkten Union, FDP und SPD die Rechte der nichtnormalen Bevölkerungsteile ein, namentlich jener, die um Asyl baten.

Transnormalismus

So sehr also das »normale Volk« mit seinen Denkweisen im Zentrum politischer Überlegungen blieb, so sehr wuchsen im vereinten Deutschland doch die Zweifel, ob dieses Begriffspaar im 21. Jahrhundert noch eine Zukunft haben könnte. Mit dem Antritt der rot-grünen Regierung Schröder im Jahr 1998, vom neuen Kanzler selbst als »Ausdruck demokratischer Normalität« apostrophiert,7 erlebte die publizistische Debatte über die »neue Normalität« der Berliner Republik einen Höhepunkt – zumal die neue Koalition mit ihrem Staatsbürgerschaftsgesetz und ihrem Zuwanderungsgesetz als überholt empfundene Vorstellungen davon, was das deutsche Volk definiert, herausforderte und zu reformieren bereit war.

Mit den Gesetzen änderten sich auch die Begriffe. Das Konzeptkunstwerk Der Bevölkerung, das Hans Haacke im Jahr 2000 im nördlichen Lichthof des renovierten Berliner Reichstagsgebäudes als bewussten Kontrapunkt zu dessen Giebelinschrift »Dem deutschen Volke« installieren ließ, löste noch hitzige öffentliche Kontroversen aus. Tatsache ist aber auch, dass politische Wahlkämpfe in Deutschland in der Folge kaum mehr mit dem Appell an das normale Volk gewonnen wurden. Stattdessen bemühten sich Politikerinnen im 21. Jahrhundert – von Angela Merkel bis zu Malu Dreyer – um »die Menschen« im Land, wie auch immer diese aussahen, dachten oder fühlten. Aus »Volksparteien« wurden, wenn man so will, »Bevölkerungsparteien«.

Den von Haacke in Kunst gegossenen und von politisch Handelnden nachvollzogenen Sprach- und Normwandel im frühen 21. Jahrhundert konnte die Geschichtswissenschaft bisher nur in Teilen greifen. Einen Interpretationsansatz hat der Historiker Andreas Rödder mit seiner These einer »Kultur der Inklusion« vorgelegt. Darunter versteht Rödder eine politische Norm der Vielfalt, die er als Kulminationspunkt postmoderner Entwicklungen deutet: Mit der »Zerschlagung der Gewissheit« habe die Postmoderne seit den 1970er Jahren zunächst autoritative Ordnungs- und Normalitätsvorstellungen dekonstruiert und an ihre Stelle die zunehmende Anerkennung von Pluralität und Diversität gesetzt.8 Was als Liberalisierung und Pluralisierung erscheint, ist zugleich ein Prozess der Renormierung: »Diversität ist zu einer normativen Ganzheitsvorstellung geworden«, die wiederum auf Integration und Inklusion pocht.9

Das Kennzeichnende an dieser neuen Ganzheitsvorstellung war ihre demonstrative »transnormalistische« Kritik am Normalitätsbegriff selbst. Dessen ausgrenzende Wirkungen wurden stärker denn je thematisiert, auch mehr als um und nach 1968. So wurde – und wird – im 21. Jahrhundert in der praktischen Pädagogik die Ausrichtung an einem etablierten Normschüler, nach einer langen Vorgeschichte, kritisch hinterfragt zugunsten differenzierender und inkludierender Ansätze. Statt Lerngruppen nach »normalen« und »behinderten« Kindern und Jugendlichen zu sortieren oder nach Norm- und Sonderschulen zu unterscheiden, sollten junge Menschen gemeinsam erzogen werden. Innerhalb der Lerngruppen wiederum sollte der Diversität durch Binnendifferenzierung entsprochen werden: so bunt die Gruppen, so unterschiedlich die Aufgaben und Methoden.

Aber auch weit über pädagogische Zusammenhänge hinaus wurde Normalität als Kategorie infrage gestellt. Mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz des Jahres 2006 sagte der Gesetzgeber Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Identität, der ethnischen Herkunft, der Religion, Weltanschauung oder aufgrund von Behinderungen den Kampf an. Wer andere diskriminierte, weil sie nicht »normal« waren, konnte damit in gewissen Grenzen sanktioniert werden. Auch sexuelle Orientierung wurde immer mehr als Spektrum gedacht, in dem bewusst kein klarer Normalbereich mehr markiert wurde. Die Öffnung der gesetzlichen Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften in vielen Ländern der Welt war ein symbolisch wirksamer Erfolg der Emanzipationsbewegung über die hartnäckige Vorstellung, dass nur die heterosexuelle »Normal«-Beziehung eine staatliche Förderung verdiene.

Begleitet wurde diese Entwicklung durch eine sich verändernde Sprache in Politik, Medien und Gesellschaft. So sollte zum Beispiel das Sprechen über Behinderungen seines diskriminierenden Effekts beraubt werden, indem von »special needs« und von »Beeinträchtigungen« gesprochen wurde. Mit dem Begriff der »mental health issues« sollten Vorstellungen von psychischer Normalität und Anormalität infrage gestellt werden. Auch waren Formen der grafischen und verbalen Geschlechterdifferenzierung, etwa das Binnen-I, dann der »Gender-Stern« oder der gesprochene Knacklaut, zwischen den 1990er Jahren und 2010er Jahren auf dem Vormarsch und drangen schließlich auch in etablierte Massenmedien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor. Dahinter lag die Idee, dass eine primär am männlichen Geschlecht orientierte Sprache nicht nur eine patriarchal-hierarchische Norm widerspiegelt, sondern diese aufrechterhält und damit gesellschaftliche Ungleichheit der Chancen wie der Ergebnisse reproduziert.

Am weitesten ging die Infragestellung des als normal Gedachten in der Kulturindustrie. Mit dem Ziel, eine multikulturelle, multiethnische und multi-identitäre Gesellschaft zu repräsentieren, porträtierten Filmemacher und Kulturproduzentinnen in den USA und Europa nicht mehr nur die Schicksale junger weißer Heterosexueller, sondern nicht zuletzt die Herausforderungen von Heranwachsenden im Hinblick auf sexuelle und geschlechtliche Identitäten sowie ihren Kampf mit ethnischen Stereotypen. »Interracial couples« oder multikulturelle Paare wurden auf der großen Leinwand und noch mehr bei den großen Streaming-Diensten zur Selbstverständlichkeit, und Praktiken wie »colour-blind casting« oder »race-reversed casting« setzten bewusst auf die Irritation – und Entnormalisierung – alter Sehgewohnheiten.

Als sich der grüne Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer 2019 lautstark über eine Werbekampagne der Deutschen Bahn echauffierte, weil die gleich mehrere nichtweiße Menschen abbildete, was seinem Bild von gesellschaftlicher Normalität widersprach, war diese Praxis auch in der deutschen Werbebranche längst Usus geworden: Mit der Darstellung einer »offenen und bunten Gesellschaft«, wie ein Sprecher der Bahn es nannte, zeigten Unternehmen nicht nur ihre gesellschaftspolitische Liberalität und Modernität an. Sie machten zugleich ihren Anspruch deutlich, eine in der Tat heterogene Gesellschaft in größerer Breite zu erfassen, nicht zuletzt als Konsumentinnen und Kunden.

Rückkehr des Normalen

Dass sich wesentliche Normalitätsvorstellungen in den vergangenen Jahrzehnten umfassend verändert haben, lässt sich auch empirisch belegen, wie zuletzt Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser deutlich gemacht haben – etwa anhand von Einstellungsbefragungen zu nichtheterosexuellen Orientierungen oder zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Infragestellung des Normalen hat dabei keineswegs, wie gern behauptet wird, zu einer eindeutigen Polarisierung der Gesellschaft geführt. Im Gegenteil sind aus ihr neue, meist liberalere Normalitätsvorstellungen entstanden, die von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert und mitvollzogen wurden. »Positive Diversitätsüberzeugungen und Bekenntnisse zur Gleichheit […] werden breit geteilt und nur von Minderheiten infrage gestellt«.10

Was der Historiker Rödder als Kultur der Inklusion beschrieben hat und Soziologen wie Andreas Reckwitz und andere als Teilphänomen eines gesellschaftlichen Auseinanderdriftens analysieren,11 erscheint vor dem Hintergrund der Link’schen Normalismus-Theorie als Übergangsprozess in eine »neue Normalität«. Dieser aber ist weder abgeschlossen noch schreitet er gleichmäßig voran oder hat ein klar definiertes Ende. Auch wenn größere Teile der Bevölkerung mitgehen, so hat der Prozess der Re-»Normalisierung« doch spürbaren Gegenwind erzeugt. Die Infragestellung alter Normalitäten wird von Teilen des politischen Diskurses als Zumutung und Entmündigung verstanden12 – als Umerziehung der Normalen durch die Anormalen.

Zum radikalsten Vertreter dieser Behauptung wurde hierzulande die »Alternative für Deutschland«: Schon ihr erstes Wahlprogramm 2013 versah sie mit einer emphatisch-populistischen Rückbesinnung auf den Volksbegriff: »Das Volk soll den Willen der Parteien bestimmen, nicht umgekehrt.« Mit dem endgültigen Wandel zur völkisch-nationalistischen Rechtsaußen-Partei in den Folgejahren entdeckte die Partei neben dem Volks- auch den Normalitätsbegriff für sich: Zu »zeigen, dass wir normale Bürger sind«,13 gehört mittlerweile zur politischen Strategie von AfD-Politikern. Mit dem Slogan »Deutschland. Aber normal« bestritt die Partei erfolgreich den Bundestagswahlkampf 2021 und trat dabei ihrer zunehmenden Markierung als extremistisch in der politischen Öffentlichkeit entgegen. Zugleich schaffte sie es mit ihrer Kampagne, den Zeitgeist der Corona-Jahre auf den Punkt zu bringen, in denen sich so viele nach einer »Rückkehr in die Normalität« sehnten. Wobei sich die Normalität, auf die sich die AfD beruft, stets in Abgrenzung vom dem definiert, was unausgesprochen als anormal figuriert: gesellschaftliche Minderheiten, Andersdenkende, Eliten – die anderen am unteren und am oberen Ende der Gesellschaft.14

Sahra Wagenknechts Normalitätsdiskurs

Mittlerweile ist der autoritär-populistische Normalitätsdiskurs aus der alternativ-rechten Domäne herausgewachsen, hat dabei aber auch Wandlungen und Differenzierungen erfahren. Zu einer zentralen Vertreterin – und Vordenkerin – des neuen Normalismus wurde in den vergangenen Jahren Sahra Wagenknecht. In ihrem 2021 veröffentlichten Buch Die Selbstgerechten rechnete sie nicht nur mit ihrer (damaligen) Partei ab. Vor allem unternahm sie eine Ehrenrettung traditioneller Normalitätsvorstellungen, die in ihrem Argumentationsgefüge stilbildend für den politischen Normalismus unserer Zeit ist: Mit dem doppelten Diktum von der »Norm als Befreiung« und der »Sicherheit durch Normalität« blickt Wagenknecht auf die Nachkriegsjahrzehnte als einer Zeit der Eindeutigkeit zurück. Die Normalbiografie machte das Leben planbar, das Normalarbeitsverhältnis sorgte für eine berechenbare Laufbahn, und die Normalfamilie bot Geborgenheit im Privaten. Das Aufbrechen dieser Normalitäten wiederum durch Liberalisierung und Wertewandel erzählt Wagenknecht als ökonomische, soziale – und kulturelle – Verlustgeschichte. »Orientierungen und Werte« seien ebenso verloren gegangen wie »Maß und Mitte«, so Wagenknecht.

Dabei geht Wagenknecht nicht nur mit dem »neoliberalen« Zeitgeist der 1980er und 1990er Jahre, sondern mehr noch mit den »linksliberalen« Großstadt-Akademikern und Weltoffenen ins Gericht. Denen sei das sicherheitsstiftende Normale zunehmend unattraktiv geworden. Der »Diversity-Rummel« habe einer »Heiligsprechung von Ungleichheit« das Wort geredet. Wagenknecht präsentiert sich damit als Kritikerin der transnormalistischen Inklusionskultur, die sie als anti-egalitär zu decouvrieren versucht. Und zugleich evoziert sie die Vorstellung einer – anormalen – Minderheit, die bei ihr automatisch und unterschiedslos als Bedrohung erscheint, sei es als »Minderheit der Reichen«, sei es als Menge der »immer kleineren und immer skurrileren Minderheiten« in der Gesellschaft. Deren Interessen und Identitäten werden als abnormale »Marotte« gekennzeichnet und zugleich zur Bedrohung für die traditionellen Normalbürger erklärt: »Wer nun mal weiß und hetero ist«, habe im identitätspolitischen Wettbewerb das Nachsehen.15

Normalität als Inklusionsangebot

Mit diesen Positionen bewegt sich das, was Wagenknecht als »Linkskonservatismus« bezeichnet, auf einer Linie mit weiten Teilen des bürgerlich-konservativen Spektrums,16 dessen maßgebliche Repräsentantinnen und Repräsentanten sich heute umso energischer als Anwälte des »normalen Volks« inszenieren. Nicht zuletzt die Führung der Bundes-CDU scheint unter Friedrich Merz darauf abzuzielen, den bedrohten Status der konservativen Volkspartei dadurch zu verteidigen, dass sie sich den Demos als Kollektiv konservativer Normalbürger vorstellt, dessen Ängste und Sorgen vor allzu viel kulturellem und politischem Wandel repräsentiert werden möchten. Wie die konservative »Wende« der 1980er Jahre den zeitgenössischen Wertewandel abzuwehren suchte, geht es auch heute darum, das als normal Verstandene zu bewahren, indem der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte – in Teilen zumindest – als anormal delegitimiert wird.

Die gleiche Strategie funktioniert aber auch für die Anführer kleinerer Parteien wie Hubert Aiwanger, der mit seinen Freien Wählern in Bayern ein ländliches und kleinstädtisches Milieu gegen die liberalen Großstadt-Eliten vertritt, so seine einfache wie durchschlagende Freund-Feind-Erzählung: die »ganz normale Bevölkerung«, die angeblich schweigende Mehrheit, gegen die Minderheit der unnormalen Großstädter, »Haubentaucher« und »Insektenfresser«, wie es Aiwanger ausdrückt.17 »Das Volk abholen« nennt er das.18

Indem bürgerliche Politiker wie Aiwanger und Merz die diskursive Unterscheidung von normal und anormal wieder derart prominent in die politische Debatte »der Mitte« eingeführt haben, versuchen sie für ihre Wählerinnen und Wähler Ordnung in einer unübersichtlichen politischen Wirklichkeit zu schaffen. Ganz wie bei Wagenknecht ist auch ihr Normalitätsbegriff deswegen so attraktiv, weil er in seiner Unbestimmtheit als ideale Projektionsfläche dient: Wer will schon als unnormal gelten?

Die Normalisten sprechen damit solche Bürgerinnen und Bürger an, die sich demonstrativ zu traditionellen Lebensweisen bekennen und sich gegen deren Infragestellung wehren: Steak-Essen, mit Gas heizen und Autofahren bleiben die Verhaltensweisen der gesellschaftlichen Mehrheit – und daher »normal«. Zum Teil werden auch neue Normalitäten erfunden, indem triviale Alltagshandlungen wie der Kauf von Weihnachtsbäumen oder die Frage, ob Männer nach dem Sport nackt oder in Badehose duschen, zum politischen Unterscheidungsmerkmal erklärt werden.

Zugleich wirkt der Normalismus aber auch auf jene, deren Zugehörigkeit zur Mehrheit infrage steht. Dass sich so unterschiedliche Politikerinnen und Politiker wie Jens Spahn und Alice Weidel fast im Gleichlaut zu ihrer Homosexualität bekennen, aber Zuschreibungen wie »queer« zurückweisen, ist nicht nur der Versuch, die gedachte Normalität der binären Geschlechterordnung gegen ihre Infragestellung zu verteidigen. Es handelt sich auch um ein Integrationsangebot an andere, die sich nicht als Teil einer gesellschaftlichen Minderheit fühlen möchten, sondern nach Zugehörigkeit zur Mehrheit streben: als Teil des ganz normalen Volks.