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In seiner "Apologie der Institution" erklärt Christoph Menke, warum es für die Freiheit des Einzelnen Institutionen braucht, obwohl sie ihr als solche entgegengesetzt sind. Natan Sznaider nimmt sich Pankaj Mishras neues Buch Die Welt nach Gaza vor – und käme bei allem Widerspruch gegen dessen Thesen gern ins Gespräch mit dem Autor. Warum in einem Sondervotum zum Solidaritätszuschlags-Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Kritik der Politischen Ökonomie Deutschlands steckt, erklärt Sebastian Huhnholz. Und Alexander Blankenagel sieht in Putins Kampf gegen vermeintliche "Feinde des Volkes" die Rückkehr der UdSSR-Unterdrückungspolitik. Tobias Janz fragt in seiner Musikkolumne, welche Auswirkungen die Dominanz des Streamens eigentlich auf die Klassische und Neue Musik hat. Jacob Weisberg schreibt über eine neue Biografie Ronald Reagans, die dessen autoritäre Züge nicht verhehlt – wobei sie sich im Vergleich mit Trump doch harmlos ausnehmen. Von einer Reise nach Syrien, einer Rückkehr nach vielen Jahren, berichtet Mounir Zahran. Mit der Bahn ist Michaela Maria Müller ins Baltikum gefahren, dass die Entwicklungen in den USA sie dabei begleiten, kann sie gar nicht vermeiden. Im Februarheft hatte Helmut Müller-Sievers, Professor in Boulder, Colorado, über seinen Versuch der Abkopplung von den Trump-USA geschrieben. Nun muss er einsehen: Die Entfaltung des autoritären Regimes macht das unmöglich. Christoph Paret denkt darüber nach, wie man intellektuell mit der schieren Dummheit zurechtkommt. Und in Anke Stellings Schlusskolumne geht es um "des, was do isch".
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 913, Juni 2025, 79. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12441-5
Umschlag
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Christoph Menke: Apologie der Institution Die Praxis der Kritik
Natan Sznaider: Die Welt vor Gaza: Normalität und Gewalt
Sebastian Huhnholz: Nach den Sondervermögen ein Sondervotum Das Karlsruher Urteil zum Solidaritätszuschlag
Alexander Blankenagel: Feinde des Volkes und Nomenklatur – die Untoten der UdSSR
KRITIK
Tobias Janz: Musikkolumne Hören
Jacob Weisberg: Der Glückspilz Die Reagan-Jahre
MARGINALIEN
Mounir Zahran: Syrien – eine Rückkehr
Michaela Maria Müller: Durch Mitteleuropa mit dem Zug – die Rail Baltica
Helmut Müller-Sievers: Sezession der Gemüter: Korrekturen I
Christoph Paret: »Dummheit des Gescheitseins«: Trump und die Fassungslosigkeit der Experten
Anke Stelling: Gönn dir dich selbst (Achtung: Heute mit Product Placement und Könnte Sie auch interessieren)
Vorschau
ChristophMenke, geb. 1958, Professor am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2022 erschien Theorie der Befreiung. – Bei dem Beitrag handelt es sich um die ausgearbeitete Abschiedsvorlesung vom Februar 2025. [email protected]
NatanSznaider, geb. 1954, Soziologe. 2024 erschien Die jüdische Wunde. Leben zwischen Anpassung und Autonomie.
SebastianHuhnholz, geb. 1980, Politikwissenschaftler, Gastwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. 2019 erschien Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt? Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberalisierungsschichten von Reinhart Kosellecks »Kritik und Krise«. [email protected]
AlexanderBlankenagel, geb. 1946, war Professor für öffentliches Recht, Russisches Recht und Rechtsvergleichung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2014 erschien Den Verfassungsstaat nachdenken (Hrsg.). [email protected]
TobiasJanz, geb. 1974, Professor für Musikwissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Mitherausgeber von Musik & Ästhetik. 2019 erschien Decentering Musical Modernity (Hrsg. zus. m. Chien-Chang Yang). [email protected]
JacobWeisberg, geb. 1964, Journalist. – Der Beitrag erschien unter dem Titel The Lucky One in der New York Review of Books vom 27. März 2025.
MounirZahran, geb. 1994, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. [email protected]
Michaela MariaMüller, geb. 1974, Schriftstellerin, Historikerin. 2024 erschien der Roman Zonen der Zeit, 2025 Klinsmann. Ein Briefroman. www.michaelamariamueller.de
HelmutMüller-Sievers, geb. 1957, Literaturwissenschaftler, Professor an der Universität Boulder, Colorado. 2025 erscheint The Novel Experience. Reading Fiction with Nāgārjuna, Nietzsche, and William James. [email protected]
ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2023 erschien Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? Maren Ades Rendezvous mit Alain Badiou. [email protected]
AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de
DOI 10.21706/mr-79-6-3
Der Name Trump findet sich in dieser Ausgabe auf 104 Seiten insgesamt 37 mal – und damit deutlich häufiger als in den vorangehenden vier Heften zusammen. Hinter dieser auffälligen Wellenbewegung steht keine bewusste redaktionelle Strategie. Sie ist allein den geistigen Lähmungserscheinungen zuzuschreiben, die Trumps programmatische Disruptionen bei nahezu allen ausgelöst haben, die seine polydestruktive Agenda nicht ausdrücklich befürworten. Die wenigen Analysen dazu, die uns in dieser Zeit überhaupt angeboten wurden, waren vor allem Dokumente tiefster Ratlosigkeit.
Mittlerweile scheint zumindest die Schockstarre sich allmählich zu lösen. Helmut Müller-Sievers, der in Colorado lebt und lehrt, die Folgen von Trumps »Dauerfeuer der Erlasse« also aus nächster Nähe erlebt, merkt zwar selbst, wie schwierig es ist, unter solchen Umständen »über das eigene Überleben hinaus Pläne zu machen, an Widerstand zu denken und Politik zu entwerfen«. Aber er berichtet doch auch von einer ganzen Reihe neuer intellektueller Kartierungsversuche aus unterschiedlichen weltanschaulichen Milieus der USA.
Jacob Weisberg wiederum geht in seinem Rezensionsessay der Frage nach, welche charakteristischen Züge des erratischen Interventionismus der derzeitigen Regierung schon unter Ronald Reagan zur politischen Normalität im Weißen Haus geworden waren. Das führt einerseits zum ernüchternden Fazit, dass dieses Vorgehen mittlerweile »ohne Hemmungen, Gewissen oder Geschmack« zelebriert wird, schärft jedoch andererseits den Blick dafür, dass Trump weniger singulär ist, als er selbst es glauben machen möchte.
Aber vielleicht hat ja auch Christoph Paret Recht, der das zähe Ringen, das Phänomen Trump intellektuell angemessen zu fassen, von vornherein für aussichtslos erklärt: »Es gibt eine Unschlagbarkeit der Dummheit, die darin liegt, noch die Kritik an ihr dumm zu machen.«
CD /EK
DOI 10.21706/mr-79-6-5
Christoph Menke
Die Praxis der Kritik
Die Diskussionen um die rechtspopulistischen Bewegungen und Politiken haben einen Begriff ins Zentrum gerückt, der in den Theoriearsenalen der letzten Jahrzehnte in den hinteren Kammern verstaubte (und, wenn überhaupt, nur in verschämt metaphorisierter Beugung Verwendung fand): den Begriff der Institution. Die Institution ist der Punkt, auf den die Angriffe sich richten. Es geht um »Disruption«: darum, die bestehenden Institutionen zu besetzen, um sie nicht nur zu delegitimieren, sondern sie auszuhöhlen und zum Einsturz zu bringen. Darin liegt die Wahrheit der elitären, in der Tendenz antidemokratischen Kritik am »Populismus« dieser Politiken: dass es nicht mehr bloß um andere Werte, Normen, Prinzipien geht, durch die die bestehenden Institutionen neu ausgerichtet werden sollen; ja, nicht einmal nur darum, deren Strukturen und Operationsweisen zu verändern. Sondern um die Form der Institution, die Institutionalität, als solche. Die Politiken der Disruption trennen die Institutionen von sich selbst, ihre Ordnungen und Verfahren von ihrer normativen Grundlage; sie instrumentalisieren die Institution, und damit, allein damit bereits, zerstören sie sie.
Die Klage über die Populisten und ihre Infragestellung der Institutionen geht häufig, wenn sie von Liberalen und (zumeist ehemaligen) Linken formuliert wird, mit einer Selbstanklage einher: Waren wir es nicht selbst, die die Institutionen erst so geschwächt haben, dass sie den Angriffen nun hilflos ausgesetzt sind? Hat nicht unsere Kritik an den Institutionen ihre Demontage erst möglich gemacht? Tritt man nur einen kleinen Schritt zurück, wird man dies für eine der typischen Selbstüberschätzungen von Intellektuellen halten, die in ihrer Kritik den Grund der Krise sehen wollen (so wie es ihnen, von der anderen Seite, Reinhart Koselleck mit Carl Schmitt vorgeworfen hat). Weniger oberflächliche Analysen sehen in der Schwächung der Institutionen, die ihre gegenwärtige Disruption überhaupt erst möglich gemacht hat, weit stärkere, gesellschaftliche Mächte am Werk als die des kritischen Denkens. Das sind die Mächte eines kulturellen Individualismus, der in Institutionen nichts als die Mittel des eigenen Wohlergehens, ja die Instrumente des eigenen Erfolgs sieht und damit dem Vorhaben zuarbeitet, die gesellschaftliche Reproduktion im Ganzen nach dem ökonomischen Modell zu formen. Die Krise der Institution ist nicht politisch, sondern gesellschaftlich. In ihr geht es um den Begriff, um die Form der Gesellschaft. Seit es die (»bürgerliche«) Gesellschaft gibt, stellt sich die Frage nach ihrer Differenz: der Differenz der Gesellschaft gegenüber der Ökonomie. Die Institutionen der Gesellschaft markieren diese Differenz.1 Sie sind die Dimension des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die irreduzibel ist auf die Ökonomie. Die Krise der Institutionen, die sie den Politiken der Disruption hilflos ausliefert, ist die Krise der Differenz der Gesellschaft gegenüber der Ökonomie. Sie gründet in der ökonomischen »Desorganisation« der bürgerlichen Gesellschaft.2
Die Zurückführung der politischen Disruption auf die gesellschaftlichen Tendenzen der Deinstitutionalisierung lässt eine entscheidende Frage aber unbeantwortet: Was ist das Problem an der Krise der Institution, ja, der Institutionalität? Was beklagen wir hier? Wozu sind (oder waren) Institutionen da? Was ist der – gute – Gebrauch der Institution, der Gebrauch, der ihrer Bestimmung entspricht, der ihrer Disruption entgegenzusetzen und gegen ihre Ökonomisierung zu verteidigen ist?
Die geläufige Antwort auf diese Fragen besagt, dass wir Institutionen zur Stabilität brauchen. Ohne Institutionen zerfällt der gesellschaftliche Zusammenhang. Wir brauchen also stabile Institutionen zur gesellschaftlichen Integration. Das gilt insbesondere für einen so fragilen Zusammenhang wie den moderner Gesellschaften, die ohne eine sie tragende sittliche Substanz operieren. In einer solchen Gesellschaft sind Institutionen Substanzsubstitute. Sie geben einen verlässlichen Rahmen, der vordefiniert, weniger, was man tun darf und soll, als vielmehr, wie man es tut. Nur innerhalb eines solchen Rahmens sind all die unterschiedlichen Weisen, zu produzieren, argumentieren, glauben, urteilen, forschen, lehren, unterhalten und was auch immer möglich. Institutionen sind demnach stabilisierend, weil sie die Unterschiede, die Unterschiedlichkeit begrenzen und dadurch ermöglichen: weil sie Bedingungen festlegen, unter denen das Unterschiedliche sich entfalten kann. Diese Bedingungen werden »neutral« genannt. Destabilisierung der Institutionen bedeutet daher gesellschaftliche Desintegration. Dann muss es zur Bewältigung der Krise also um die Restabilisierung der Institutionen gehen.
Dieses Programm ist aber nicht nur aufgrund seiner Ängstlichkeit, seiner blockierten Zeitlichkeit und seiner restringierten Fantasie – die sich die Zukunft bestenfalls als Rückkehr in die Vergangenheit, in eine Zeit vor der Krise, vorzustellen vermag – zum Scheitern verurteilt. Zum Scheitern verurteilt ist es vor allem, weil es vergisst oder verdrängt, dass die Stabilität verheißende Institution wesentlich instabil ist. Der Begriff der Institution ist instabil. Die Institution kann gar nicht begriffen werden, ohne ihren Widerspruch zu entfalten. Die Institution zu denken heißt, ihren Widerspruch zu denken; es heißt dialektisch zu denken. Oder »Institution« ist ein dialektischer Begriff (aber welcher Grundbegriff der sozialen Welt ist das nicht?), und das ist der Einwand gegen die Rede von der Stabilität der Institution: Sie ist undialektisch. Die Institution zu verteidigen, weil sie Stabilität und dadurch Integration gewährleiste, heißt, nicht die Institution zu verteidigen (sondern ihr Imaginäres). Die Apologie der Institution kann nur so erfolgen, dass sie ihren Widerspruch entfaltet: durch ihre Kritik.
Worin besteht der Widerspruch der Institution, der ihre Apologie zur Dialektik nötigt? In einer der Diskussionen, die Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno im Rundfunk geführt haben, ging es im Jahr 1967 um »Freiheit und Institution«.3 Dabei sind sich beide schnell einig, dass die Institution und die Freiheit einander weder gleich- noch entgegengesetzt werden können, sondern ihr Verhältnis »hintergründiger« (Gehlen) oder eben »dialektischer« (Adorno) gedacht werden muss. Nach Gehlen »entlasten« Institutionen die Subjekte davon, selbst über die letzten Zwecke und grundlegenden Normen entscheiden zu müssen, die ihr Leben bestimmen, und ermöglichen dadurch dasjenige Maß und diejenige Art der Freiheit, die Menschen – jedenfalls den Allermeisten, den Vielen – angemessen ist. Nach Gehlen ermöglichen Institutionen die wahre Freiheit, die er der modernen Idee autonomer »Selbstbetätigung« entgegensetzt. Sie ermöglichen die Freiheit durch begründungslose, begründungsentlastete wie -entlastende autoritative Vorgaben.4 Adorno gibt dem Begriff der Entlastung, den er von Gehlen aufnimmt, den genau entgegengesetzten Sinn. Auch nach Adorno braucht die Freiheit der Subjekte Institutionen als Voraussetzung. Aber nicht, um die Subjekte von grundlegenden Entscheidungen (und damit von der Verantwortung), sondern um sie von den Notwendigkeiten des Lebens zu entlasten, die sie zur Freiheit gar nicht erst kommen lassen. Institutionen sind für Adorno nur freiheitsermöglichend, wenn sie – das ist die unersetzliche Aufgabe der Kritik – von jedem Moment der Herrschaft »über Personen« gereinigt und rein funktional geworden sind: zur bloßen »Verwaltung von Sachen« (wie Adorno mit Friedrich Engels sagt), damit sich die Freiheit der Subjekte jenseits der Institutionen entfalten kann.
Die Übereinstimmung, die Adorno und Gehlen in ihrem Gespräch immer wieder bekunden, ist also keine. Dass es die Freiheit nur durch die Institution gibt, hat für beide einen strikt entgegengesetzten Sinn. Für Gehlen bedeutet es Freiheit durch institutionelle Autorität, für Adorno Freiheit durch institutionelle Funktionalität – und daher über die Institution hinaus, außerhalb von ihr. In der »verwalteten Welt«, unter Voraussetzung ihrer spezifischen Form der Autorität, gibt es nach Adorno keine Freiheit. Die durch institutionelle Autorität erlaubte Freiheit ist unfrei, wahre Freiheit dagegen ist antiautoritär und daher außerinstitutionell.
Dieser Gegensatz ist unversöhnlich und muss es bleiben; es ist der Gegensatz zwischen einem ehemaligen Faschisten und einem Linken und Juden, der von Glück sagen kann, der Gewalt dieser Leute durch Emigration soeben noch entkommen zu sein. Das Problem ist auch nicht Adornos schroffe Zurückweisung von Gehlens Feier der Unterordnung und Einordnung. Das Problem ist, dass Adorno die Freiheit des Subjekts auch nur, wie Gehlen, der sie als eine destruktive Illusion bekämpft, als der Institution äußerliche denken kann. Nach Gehlen bedroht die Freiheit die Institution von außen, nach Adorno entfaltet sie sich erst dort, wo das Subjekt sich von der Objektivität der Institutionen befreit und sie auf die funktionelle Besorgung der Notwendigkeiten des Lebens zurückgeführt hat. Die Übereinstimmung von Adorno und Gehlen ist der institutionelle Externalismus der Freiheit.
Hier haben die Nachfolger von Gehlen und Adorno, Schelsky von rechts, Habermas von links, eingesetzt und die Institutionen und die Freiheit zu vermitteln versucht: Schelsky, indem er beschreibt, wie die Institutionen reflexiv geworden sind und sich die kritische »Dauerreflexion« der Subjekte integriert haben; Habermas, indem er die Möglichkeit erkundet, die verselbständigten Institutionen aus der kommunikativen Freiheit der Subjekte neu zu gründen.5 Aber diese Vermittlungsversuche überspringen den unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Freiheit und der Institution, den Gehlen und Adorno in wiederum scharf entgegengesetzter Weise exponieren. Die Freiheit und die Institution lassen sich weder versöhnen noch trennen, sie sind weder zwei Seiten desselben noch einander äußerlich, weil ihr Gegensatz sie konstituiert. Die Freiheit des Subjekts und die Ordnung der Institution sind ihre Entgegensetzung. Sie bestehen nur, indem sie einander bekämpfen.
Das ist die Dialektik der Institution, die ihre Apologie entfalten muss. Sie muss zeigen, dass die Institution der Ort (und die Zeit) ist, an dem sich die Freiheit im Kampf gegen die Institution, gegen den Autoritarismus, der die Institution ausmacht, bildet. Adorno hat Recht: Die Freiheit des Subjekts ist antiautoritär. Aber das lässt sich nur verstehen, wenn die Wahrheit von Gehlen gegen ihn selbst gewendet und dadurch überhaupt erst zur Wahrheit wird: dass die Freiheit des Subjekts ein institutioneller Effekt ist – ein Effekt der Institution, ja, in der Institution, aber gegen die Institution. Die Freiheit, ein Gegeneffekt der Institution.
Um das Argument dieser Apologie zu skizzieren, bedarf es eines Zwischenschritts. Er gilt dem logischen Ort der Institution im Feld des Sozialen; daran zeigt sich, was sie ist.
Der Begriff der Institution wird häufig in einem weiten und laxen Sinn gebraucht. Dann ist die Institution nichts anderes (und vor allem: nicht anders) als die soziale Praxis, und die soziale Praxis ist wesentlich, immer schon, institutionell. Die Durkheim-Schüler Paul Fauconnet und Marcel Mauss greifen auf den Begriff der »Institution« zurück, nur um das anders zu bezeichnen, was Durkheim selbst bis dahin einen »soziologischen Tatbestand« genannt hat.6 Die sozialen Praktiken heißen hier »Institutionen«, einfach weil (und wie) es sie gibt: weil sie den Individuen vorgängig, wie ein »Ding«, sind. Ähnlich spricht Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen, § 199), ohne weiter zu unterscheiden, von »Gepflogenheiten (Gebräuchen, Institutionen)«.
Diese weite Verwendung übersieht aber etwas Entscheidendes. Sie übersieht, dass die Institution einen Unterschied im Sozialen macht. Sie ist ein spezifischer »Aggregatszustand« der sozialen Praxis.7Vor der Institution existieren soziale Praktiken im Modus der Gewohnheit; als Üblichkeiten, Routinen, Bräuche, die fortbestehen, bloß weil es sie gibt. Institutionen hingegen sind Einrichtungen – Institutionen sind instituiert. Institutionen machen explizit, sie »deklarieren« (wie John Searle sagt), was in Gewohnheiten jeder implizit schon weiß und tut. Die Gewohnheit ist also die Voraussetzung der Institution, und die Institution ist die Überschreitung der Gewohnheit. Die Institution verdoppelt die soziale Praxis in sich: in Gewohnheit und Institution, in Gegebenes und Gemachtes, in das, was von selbst ist, wie Natur, und das, was wir hervorbringen, das also künstlich ist. Die Existenz der Institution ist ein Akt der Unterscheidung, ein Akt der Differenz. Sie macht einen Riss im Gewebe des Sozialen.
Für die Existenz der Institution – für die Seinsweise der sozialen Praxis in der oder als Institution – ist entscheidend, dass sie eingesetzt ist; die Institution ist ein Akt, »Institution« heißt Institutionalisierung oder Instituierung (und »institutio« heißt Unterweisung, Ausbildung; Institutionalisierung bedeutet Subjektivierung). Dieser Akt bringt die Institution als Gebilde hervor. Aber der Akt der Institution verschwindet nicht in dem Gebilde, das er hervorbringt. Die Institution ist vielmehr die dauernde Wiederholung ihrer Einsetzung. So ist die Institution, das ist ihr Sein: Sie ist eingerichtet, und sie wiederholt ihre Einrichtung. Dass die Institution durch Institutionalisierung entsteht, bedeutet, dass die Institution nur als Institutionalisierung besteht. Die Institutionalisierung ist in der Institution nicht einmalig und vergangen. Institution heißt Re-Institutionalisierung.
Daher verändert sich durch die Institution grundlegend, wie es Regeln gibt – die Regelbefolgung in der sozialen Praxis. Soziale Praktiken werden durch Regeln konstituiert. Solche Regeln definieren das Gute, um das es in einer Praxis geht, indem sie festlegen, was etwas (oder jemand) sein oder tun muss, um als ein Teil (oder Teilnehmer) der Praxis zu gelten – um in einer sozialen Praxis zu zählen. In Gewohnheiten sind die Regeln (einfach) da; sie haben keinen Anfang, und weil sie nicht eingesetzt sind, werden sie auch nicht – ausdrücklich – angewandt. (Gewohnheiten, halte ich fürs Folgende fest, sind daher zeitlos, jedenfalls geschichtslos, eben: wie Natur.) In der Institution dagegen werden die ausdrücklich eingesetzten Regeln ebenso ausdrücklich angewandt; institutionalisierende Regeldeklaration bedeutet institutionelle Regelapplikation. Eine Regel – neu – anzuwenden, heißt – vorhergehende – Regelanwendungen zu wiederholen; das ist die wesentliche Geschichtlichkeit der Institution. Und vorhergehende Regelanwendungen zu wiederholen heißt, die Regeleinsetzung zu wiederholen. Das ist die institutionelle (als temporale) Grundlogik: Anwendung der Regel als Wiederholung ihrer Einsetzung. Die institutionelle Anwendung der Regel setzt nicht nur ihre bisherigen Anwendungen – nach vorne – fort. Die institutionelle Regelanwendung operiert rückwirkend. Sie setzt jedes Mal die Regel – retroaktiv und damit zugleich prospektiv, das Weitere festlegend – neu wieder ein.
Das kann man kürzer sagen. Es besagt, dass die Institution Repräsentation ist. Die Institution ist die Repräsentation der Institution – sie ist ihre Selbstdarstellung. Weil in jedem institutionellen Akt die Regel der Institution nicht nur angewandt, sondern der instituierende Akt wiederholt wird, stellt jeder institutionelle Akt den Akt der Instituierung und also die Institution als solche dar (oder mit dar). Wir können daher auch sagen: Die Institution ist transzendental – so wie es nach Friedrich Schlegel nicht nur eine transzendentale Philosophie und Poesie, sondern auch eine transzendentale Politik gibt, die etwas einsetzt und im Eingesetzten ihre Einsetzung mitdarstellt. Und wenn die Institution transzendental ist, weil ihr Sein ihre (Selbst)Darstellung ist, kann die Theorie der Institution nur eine Ästhetik sein. Die Apologie der Institution muss ästhetisch argumentieren.
Damit stellt sich die entscheidende Frage. Die Frage ist: Wie wiederholt die Institution? Wie wiederholt die Institution sich – ihre Instituierung? Das ist die Frage nach der Darstellung der Institution oder der Institution als Selbstdarstellung. Aber nicht in einem äußerlichen Sinn; es geht nicht um die Sonntags- und Gedenktagsreden, um die Weihnachtsbriefe und Neujahrsansprachen, in denen Institutionen ein Bild von sich malen. Sondern es geht um die Selbstdarstellung, die die Praxis der Institution ist, in der sie besteht. Denn das Sein der Institution ist die Differenz der Institution – die Differenz ihrer Praxis gegenüber der bloß gewohnheitsmäßigen. Diese Differenz besteht darin, dass die institutionelle Praxis in jeder Anwendung ihrer Regel nicht nur deren bisherige Anwendungen, sondern die Einsetzung der Regel wiederholt. In ihrer wiederholenden Anwendung wird die Regel rückwirkend immer wieder, immer wieder neu eingesetzt. Eben diese rückwirkende Wiedereinsetzung der gründenden Regel kann aber auf zwei radikal verschiedene, einander widerstreitende Weisen geschehen. Das definiert die Logik (und die Zeit) der Institution. Die Institution besteht in dem Streit um ihre Wiederholung.
