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Vor kurzem noch schienen die Stadtgärten von Havanna ein Erfolgsmodell für die Zukunft des ökonomisch desolaten Lands. Bei der Recherche vor Ort stellt Jan von Brevern fest, dass sie aber im Wesentlichen schon wieder Vergangenheit sind. Das Grundgesetz wird zu seinem 75. Geburtstag gerade allerorten gefeiert – Martin Sabrow nimmt bei der Gelegenheit zum Vergleich die Verfassung der DDR in den Blick. Oliver Schlaudt geht der Frage nach, wie sehr sich im Anthropozän zentrale Konzepte verändern (müssen), zum Beispiel das der "Schuld!. In seiner Reihe zu "Aufklärung und Kapitalismus" widmet sich Heinrich Bosse der Idee der "Verbesserung" durch (politische) Ökonomie. In Gunnar Hindrichs Philosophiekolumne geht es um den Jubilar Immanuel Kant, seine Schrift "Zum ewigen Frieden" – und den globalen Kapitalismus. Der Blick in die Gerichtsakten der Zeit der Sklaverei in den USA zeigt ein System von Rechten, das weniger monolithisch war als gedacht. Eric Foner stellt Dylan C. Penningroths auf ausgiebigen Archivrecherchen beruhendes Buch dazu vor. In der Literatur sind künstliche Intelligenzen schon länger präsent: Christian Wiebe stellt einschlägige Verbindungen her. René Aguigah fragt – in einem Vorabdruck aus seinem Baldwin-Buch – nach Universalismus und Partikularismus in James Baldwins Schreiben und Denken. In "Maschkera" erzählt Sibylle Severus von einem Maskierten, dessen Identität sehr rätselhaft ist. Um Spiel und Sprachspiel geht es in Andreas Dorschels Essay "Genug gespielt". In Susanne Neuffers Schlusserzählung drängen sich in die Gegenwart von Schwerin andere Orte und Zeiten.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2024
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 902, Juli 2024, 78. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
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Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 € / 176 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 € / 176 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 € / 36 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12307-4
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Jan von Brevern: Gärtnern in Havanna
Urban agriculture als Zukunftsmodell
Martin Sabrow: Die deutsch-deutsche Verfassungskonkurrenz vor 75 Jahren
Oliver Schlaudt: Schuld im Anthropozän
Heinrich Bosse: Aufklärung und Kapitalismus (III)
Improvements /Verbesserungen
KRITIK
Gunnar Hindrichs: Philosophiekolumne
Zum ewigen Frieden
Eric Foner: Die Rechte der Sklaven
Dylan C. Penningroth wirft ein neues Licht auf die Zeit vor der Bürgerrechtsbewegung
Christian Wiebe: Denkt da wer?
Die Intelligenz künstlicher Menschen in der Literatur
MARGINALIEN
René Aguigah: Partikular /Universal. James Baldwins Verhältnis zu Malcolm X und Martin Luther King
Sibylle Severus: Maschkera
Andreas Dorschel: Genug gespielt
Susanne Neuffer: Schwerin-Süd oder Die Zeitlang
Vorschau
Janvon Brevern, geb. 1975, Heisenberg-Professor für Kunst- und Kulturgeschichte an der Bauhaus-Universität Weimar. [email protected]
MartinSabrow, geb. 1954, war Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. 2023 erschienen Zeitenwenden in der Zeitgeschichte und Gewalt gegen Weimar. Zerreißproben der frühen Republik 1918–1923 (Hrsg.).
OliverSchlaudt, geb. 1978, lehrt Philosophie und Politische Ökonomie an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung HFGG in Koblenz. 2024 erschien Zugemüllt. Eine müllphilosophische Deutschlandreise.
HeinrichBosse, geb. 1937, Dozent. 2021 erschien Medien, Institutionen und literarische Praktiken der Aufklärung. [email protected]
GunnarHindrichs, geb. 1971, Professor für Philosophie an der Universität Basel. 2020 erschien Zur kritischen Theorie; 2024 Abseits des Krieges. Ein philosophischer Essay.
EricFoner, geb. 1943, Historiker, DeWitt Clinton Professor an der Columbia University. 2019 erschien The Second Founding: How the Civil War and Reconstruction Remade the Constitution. – Der Beitrag erschien unter dem Titel A »Wary Faith« in the Courts in der New York Review of Books vom 4. April 2024.
ChristianWiebe, geb. 1980, Germanist, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Braunschweig. 2021 erschien ›So kein Mund aussprechen kann‹. Barocklyrik von Frauen (Hrsg. zus. m. Zozan Karabulut); 2022 Engel Christine Westphalen: Charlotte Corday. Tragödie in fünf Akten. Mit einem Nachwort hrsg. v. Christian Wiebe.
RenéAguigah, geb. 1974, Kulturjournalist, Ressortleiter Literatur bei Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Im Juli 2024 erscheint James Baldwin. Ein Zeuge. – Bei dem Beitrag handelt es sich um den Vorabdruck eines Kapitels aus diesem Buch. [email protected]
SibylleSeverus, geb. 1937, Schriftstellerin. 2015 erschienen der Roman Nauenfahrt und die Erzählungen Die Große Kunst. [email protected]
AndreasDorschel, geb. 1962, Professor für Ästhetik an der Kunstuniversität Graz. 2021 erschien Wortwechsel. Zehn philosophische Dialoge, 2022 Mit Entsetzen Scherz. Die Zeit des Tragikomischen.
SusanneNeuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann; 2022 Sandstein. Zwei Novellen. www.susanne-neuffer.de
DOI 10.21706/mr-78-7-3
Keiner der Beiträge dieser Ausgabe antwortet bewusst auf einen anderen. Und doch gibt es zahlreiche thematische und argumentative Querverbindungen. »Wenn wir den Philosophen Locke ernst nehmen wollen«, heißt es etwa bei Heinrich Bosse, »müssen wir die Geschichte des Kapitalismus mit der Landwirtschaft beginnen lassen, nicht mit den Maschinen.« Locke zufolge war das unbestellte Land in den nordamerikanischen Kolonien nicht etwa Gemeinbesitz der Ureinwohner oder auch der Menschheit, sondern schlicht herrenlos. Wer immer als Erster Arbeit und / oder Kapital in seine Kultivierung investierte, hatte das Recht, es dauerhaft in Besitz zu nehmen. Die Natur wurde dabei als unerschöpflicher Rohstoff betrachtet, der Agrarinvestor als ein Einzelner, der seinen Profit ausschließlich der eigenen unternehmerischen Initiative verdankt und deshalb niemand anderem etwas schuldet.
Dass die Siedlerkolonisten des 17. Jahrhunderts wenig Interesse daran hatten, diese Auffassung zu hinterfragen, verwundert nicht. Dass die Frage nach dem Verhältnis von Profit und Schuld bis in die Gegenwart hinein eher selten und halbherzig gestellt wird, allerdings umso mehr. Schließlich ist der Kapitalismus, wie Oliver Schlaudt in seinem Essay darlegt, »kategorial betrachtet, ein Schuldsystem«. Und zwar eines, in dem perfiderweise nur das Kapital als Schuld gefasst und verbucht werden kann, während »Natur und Arbeit als bloßes Mittel zum Zweck von Erhalt und Vermehrung des Kapitals« betrachtet werden.
Zu den ungewollten Nebenfolgen dieser Praxis gehört nicht zuletzt die verheerende ökologische Gesamtbilanz der monokulturell betriebenen Landwirtschaft von heute. Wir schwer es ist, sich davon zu lösen und dabei auch ökonomisch überzeugende alternative Modelle zu entwickeln, zeigt Jan von Brevern in seinem Essay über die verwehten Spuren des urban gardening auf Kuba.
CD / EK
Beiträge
DOI 10.21706/mr-78-7-5
Jan von Brevern
Urban agriculture als Zukunftsmodell
Vom José-Martí-Denkmal an der Plaza de la Revolución überblickt man ganz Havanna. Ein Lift fährt auf die Aussichtsetage des 109 Meter hohen Betonturms. An diesem Mittwoch im Februar 2024 bin ich der einzige Besucher. Innen dröhnt die Klimaanlage und sorgt für Kühlschranktemperaturen, draußen kreisen schwarze Truthahngeier im Aufwind des Denkmals. Fast scheinen sie mit ihren gewaltigen Flügeln die dicken Glasscheiben zu berühren. Unten auf dem Platz hielt Fidel Castro früher zum 1. Mai seine gefürchteten Endlosansprachen (darüber, ob die Reden bis zu neun oder sogar bis zu zwölf Stunden dauerten, herrscht Uneinigkeit). Große Paraden finden hier – wegen akuten Treibstoffmangels – schon seit Längerem nicht mehr statt, und auch an diesem Tag warten auf der riesigen Fläche nur einige der farbenfroh lackierten Oldtimer-Cabrios auf Touristen. Gesäumt wird der Platz von Regierungsgebäuden: dem Zentralkomitee der kommunistischen Partei, dem Sitz der Streitkräfte, dem Innen- und dem Kommunikationsministerium. Dahinter erstreckt sich nach Norden das Vedado-Viertel bis zum Meer.
Der Vedado war Anfang des 20. Jahrhunderts als Viertel der Wohlhabenden entstanden, in den Villen wohnten die Zuckerfabrikanten. Dann, noch vor der Revolution 1959, versammelte sich hier der internationale Jetset, die amerikanische Mafia baute Hotels und Casinos. Neben dem ikonischen Habana Libre – dem ehemaligen, damals noch brandneuen Hilton, das die Revolutionäre 1960 bequemerweise zu ihrem ersten Regierungssitz machten – sieht man nun neue Türme in den Himmel wachsen, allen voran einen zweiundvierzigstöckigen Wolkenkratzer, der demnächst als Luxushotel eröffnet werden soll. Während die Stadt verfällt, die alte Bausubstanz buchstäblich zerbröselt, baut die vom Militär kontrollierte staatliche Tourismusindustrie neue Hotelanlagen. Doch der Tourismus ist nach der Corona-Pandemie eingebrochen, die bestehenden Hotels sind schon jetzt kaum ausgelastet, und die dringend benötigten Devisen bleiben aus.
Aber ich suche die Stadt von hier oben nicht nach Hochhäusern ab, sondern nach Gärten. Denn seit den frühen neunziger Jahren ist Havanna aus einem unerwarteten Grund in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Eine grüne Revolution fand hier statt, wie man sie nicht für möglich gehalten hatte. Auf Brachen und in Gärten wuchsen Wurzelgemüse und Kürbisse, Mais und Zwiebeln, Guaven und Bananen. Havanna wurde zum Modell für urban agriculture: ökologisch, sozial und nachhaltig. Es gab kleine und kleinste Anbauflächen, dazwischen größere Betriebe, Hühner und Ziegen wurden gehalten, lokale Märkte entstanden in den Vierteln. Alles staatlich unterstützt, finanziell und vor allem mit Wissen gefördert. Universitäre Forschungseinrichtungen wurden gegründet, die sich mit der Optimierung von städtischer Landwirtschaft befassten, PhD-Programme aufgelegt. »Cuba has emerged as a world leader in sustainable agricultural practices«, schrieb die amerikanische Forscherin Carey Clouse 2014, und zentral dafür sei ein »flourishing urban farming program«.1 Experten aus aller Welt reisten an, informierten sich, staunten: 1998 soll es 8000 registrierte landwirtschaftliche Gärten in Havanna gegeben haben, die ganze 30 Prozent des Stadtgebiets einnahmen. Ließe sich von Kuba, dem Land der ewigen Revolution im Leerlauf, tatsächlich etwas lernen?
Doch scheint es der urbanen Landwirtschaft in den letzten Jahren so schlecht ergangen zu sein wie dem einstigen Hoffnungsträger Tourismus. Zwei Tage lang war ich durch den Vedado gelaufen, hatte Ausschau gehalten nach Organopónicos und Mini Huertas, der staatlich organisierten, aber teils privat betriebenen innerstädtischen Landwirtschaft, von der ich so viel gelesen hatte und die angeblich halb Havanna mit Obst und Gemüse versorgte. Die großzügige Bebauung des ehemals reichen Viertels mit seinen üppigen Gärten bot dafür die ideale Umgebung. Mit einer zehn Jahre alten Karte in der Hand, die mir die Positionen der Anbauflächen genau angab, durchstreifte ich die Straßen. Und fand – nichts. Bis mir eine Kollegin von ihrer Entdeckung berichtete: Vom Martí-Denkmal aus habe sie Felder gesehen. Und tatsächlich, Richtung Westen, am Rand des Vedado, sind zwischen Wohnblocks und Regierungsgebäuden Äcker zu erkennen. Ich rufe den Lift, fahre hinunter und mache mich auf den kurzen Fußweg dorthin.
Wir – eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen, Architekten und Studenten aus Weimar – sind auf Kuba auf einer »fact finding mission«: Ließe sich hier eine akademische Partnerschaft aufbauen? Die Verbindungen der Bauhaus-Universität nach Kuba reichen in DDR-Zeiten zurück, als kubanische Architekten und Bauingenieure in Weimar ausgebildet wurden. Rubén Bancroft, bis heute eine der prägenden Figuren der kubanischen Architektenausbildung, promovierte in den 1970er Jahren in Weimar und gründete später die Architekturfakultät an der Technischen Universität Havanna (CUJAE). Mit ihm sind wir unterwegs, treffen Gesprächspartner an verschiedenen Universitäten, sprechen mit Stadtplanerinnen, informieren uns über die Situation der Architektur und Denkmalpflege auf Kuba, reden über mögliche Austauschprogramme für Studenten. Es dauert ein paar Tage, bis wir die grundlegendsten Dinge kapiert haben: dass zum Beispiel Architekten auf Kuba nicht als freie Architekten arbeiten dürfen (und wie sie es trotzdem machen); dass die Gehälter für Professoren so niedrig sind, dass viele von ihnen noch anderen, informellen Jobs nachgehen müssen; oder dass Universitätsseminare bisweilen per WhatsApp unterrichtet werden, weil aufgrund des Treibstoffmangels häufig keine Busse fahren und dann weder Studenten noch Dozenten an die Uni gelangen. Die Bedingungen sind schwierig, die Motivation von Lehrkräften und Lernenden aber ist hoch und das Interesse an internationaler Zusammenarbeit »auf Augenhöhe« groß. Wäre das kubanische Modell der städtischen Landwirtschaft, das, wie Jorge Peña, Professor für Architektur in Havanna, schreibt, reiche Anregungen für die Stadt der Zukunft bereithält, dafür nicht ein ideales Thema?2
Mein Interesse an städtischer Landwirtschaft hat sich aus Lehrveranstaltungen in Weimar seit dem vergangenen Jahr entwickelt, in denen die Studierenden und ich aus kulturhistorischer Perspektive über die Herausforderungen des ländlichen Raums nachgedacht haben. Überall auf der Welt werden Alternativen zur gegenwärtigen Landwirtschaft erprobt. Hightech-Ansätze wie vertical farming und pixel farming (das auf KI-Roboter setzt) stehen neben kleinteiligen urban gardening-Initiativen.3 Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh stellen kleinbäuerliche Betriebe mit staatlicher Unterstützung gerade auf Permakultur um, dort wachsen wieder verschiedene Fruchtpflanzen gemeinsam auf Feldern, wodurch der Einsatz von chemischen Düngern und Pestiziden überflüssig wird, die Felder Unwetter und Dürren besser verkraften, Erträge und auch die Biodiversität sich verbessern.4 Die großflächige, monokulturelle Landwirtschaft, wie sie heute in den entwickelten Ländern betrieben wird, sorgt zwar noch für verlässliche Ernten, produziert nebenbei aber enorme Probleme: Abhängigkeiten der Landwirte von der Agrarindustrie (Dünger, Pestizide, Hybridsaatgut), enormer Wasserverbrauch und Nitratverschmutzung, verminderte Widerstandskraft der Böden gegen Wetterextreme.
Häufig wird auch übersehen, in welchem Ausmaß die derzeitige Landwirtschaft auf Erdöl basiert und damit ein Treiber des Klimawandels ist – die großen Flächen müssen energieintensiv gedüngt und bewirtschaftet, die Produkte um den ganzen Globus transportiert werden. Umwelthistoriker weisen darauf hin, dass die enormen Produktionssteigerungen im Agrarsektor im 20. Jahrhundert auf die Umstellung von Sonnenlicht auf fossile Energie zurückzuführen sind. Die »Petromoderne«5 hat auch die Landwirtschaft erfasst: Eine Kalorie Nahrung benötigt heute durchschnittlich zehn Kalorien Erdöl. Bei Gewächshaustomaten kann das Verhältnis auch mal eins zu sechzig betragen. Vaclav Smil hat dafür ein schönes Bild gefunden: Es ist, als ob man jede einzelne Tomate mit einem Dressing aus 150 Milliliter Dieselöl anmachen würde.6 Man kann es noch kürzer sagen: Wir essen Erdöl.7 Aber wollen wir das eigentlich?
Zur Erderwärmung durch die industrielle Agrarwirtschaft kommt die beispiellose Zerstörung der Biodiversität. Die hübsch anzusehenden Mais-, Weizen- oder Rapsfelder, die auch die deutsche Landschaft prägen, sind ökologisch weitgehend tot. Tiere und Pflanzen finden inzwischen vielerorts im urbanen Raum bessere Lebensbedingungen und passen sich evolutionär bereits an die Stadt an.8 Wenn sich das Insektensterben fortsetzt, die Böden durch den Klimawandel erodieren und das Wasser knapper wird, bedroht das ganz konkret die Lebensmittelversorgung der nahen Zukunft.
Die Art und Weise, wie Landwirtschaft betrieben wird, muss sich grundlegend ändern, darin sind sich die Experten einig – auch wenn die Bauernverbände auf nationaler und europäischer Ebene ihre gewaltige Lobbymacht einsetzen, um den Status quo zu erhalten. Doch alles spricht dafür, dass der Wandel unausweichlich ist. Ein Element dieses Wandels könnte die partielle Rückkehr der Landwirtschaft in die Städte sein.9 »Urban agriculture« mag sich für das moderne Ohr paradox anhören, assoziieren wir Landwirtschaft doch mit dem ländlichen Raum – also mit dem Gegenteil von »Stadt«. Aber in der europäischen Geschichte war städtische Landwirtschaft immer eher die Regel als die Ausnahme, und nicht wenige Experten sehen darin ein Zukunftsmodell.10 Nicht zuletzt deshalb ist das auch für Urbanistinnen und Architekten ein drängendes Thema.
Kuba scheint ein unwahrscheinlicher Ort zu sein, um nach Lösungen zu suchen. Die kubanische Landwirtschaft hatte bis 1989 fast ausschließlich auf Tabak- und vor allem Zuckerrohr-Monokulturen gesetzt, Lebensmittel wurden aus den sozialistischen Bruderstaaten importiert. Als der Ostblock zusammenbrach, kam es zu Hungersnöten. Eine vollständige Umstellung des Agrarsektors wurde nötig. Aus der Sowjetunion hatte man bis dahin auch Landmaschinen, Dünger und Treibstoff bezogen. All das fehlte nun, die Felder konnten nicht mehr bewirtschaftet werden. Die »Sonderperiode in Friedenszeiten« begann, ein Notstandsprogramm, mit dem die Regierung auf den Kollaps der Wirtschaft reagierte. Teil dieses Programms war die Überführung staatlicher Agrarbetriebe in selbstverwaltete Kooperativen.11
Kuba war zwar jahrzehntelang ein Sehnsuchtsort der europäischen Linken, die nicht müde wurde, auf die hohen Standards in der Medizin und der Bildung hinzuweisen. Aber die Lebensmittelversorgung war immer schon die Achillesferse des kubanischen Sozialismus. Es gibt einen alten Witz, den auf Kuba jeder kennt: »Welches sind die Errungenschaften der Revolution? Gesundheitsvorsorge, Bildung und Sport. Und die Fehler? Frühstück, Mittagessen, Abendessen.« Die kubanische Landwirtschaft war chronisch ineffektiv und kaum darauf ausgerichtet, die Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten. Doch nach 1990 wurde daraus eine akute Krise: Es gab viel zu wenige Lebensmittel, und was im ländlichen Raum produziert wurde, erreichte aufgrund fehlender Transport- und Kühlmöglichkeiten nicht mehr die städtische Bevölkerung. »In response to this, city-dwellers started to produce their own food in balconies, gardens, yards and vacant lots in urban areas, individually or collectively.«12
Die Vorteile der städtischen Landwirtschaft liegen auf der Hand: lokale Produktion mit kurzen Transportwegen, die nicht nur ökologisch ist, sondern auch zur Ausbildung sozialer Strukturen beiträgt. Ab 1994 wurde städtische Landwirtschaft zur offiziellen staatlichen Strategie, um die Lebensmittelkrise in den Griff zu bekommen. Ein wichtiges Element dabei war, dass Bauern zumindest einen Teil ihrer Produktion selbst verkaufen durften und damit erstmals von den Ernten profitierten. Wer in Carey Clouses Buch blättert oder in einer der anderen Publikationen, die bis 2020 darüber berichten, spürt einen enormen Optimismus. Die »success story of ground-up urban agriculture« betraf nicht nur Kuba, sondern sollte Wege zur Stadt der Zukunft auch in den OECD-Staaten aufzeigen.13
Heute, nur vier Jahre später, scheinen von der blühenden Stadtlandschaft nur noch vereinzelte grüne Inseln übriggeblieben zu sein. Der Organopónico 5to Congresso, den ich vom Denkmal aus gesehen hatte, sieht aus der Nähe wenig betriebsam aus. Nur ein Teil der Fläche von etwa einem halben Hektar ist bepflanzt. Ein Container dient als Laden für den Direktverkauf – ein typisches Element der städtischen Farmen –, ist aber geschlossen. Im Schatten eines Baums sitzt ein älterer Herr und scheint auf den Garten aufzupassen, er winkt mich hinein. Ein Kunde kommt vorbei und bittet um etwas Oregano, ein paar Pesos wechseln den Besitzer. Ich laufe zwischen den Beeten umher, hauptsächlich Salate und Kräuter wachsen hier. Ein paar Meter weiter befindet sich ein weiterer, noch kleinerer Garten, auch hier ist der Verkaufsstand geschlossen, niemand ist zu sehen. Die Hochbeete sind mit Blattgemüse bepflanzt, Fläche und Ertrag könnten in etwa dem von zwei Schrebergärten entsprechen. Wenn so die kubanische »food revolution« aussieht, dann müsste es tatsächlich Tausende solcher Gärten geben – und es besteht wenig Zweifel, dass es sie auch gab.14 Was hat sie zum Verschwinden gebracht?
Die Stände auf dem Agromercado im Vedado-Viertel sind gut gefüllt. Tomaten, Paprika, Zwiebeln, Auberginen, Bananen und Guaven, sogar Fleisch gibt es zu kaufen. Aber die Preise sind zu hoch. »Millionärsmarkt« wird er in Havanna genannt. Zweihundert Pesos kostet das Pfund Zwiebeln, tausend Pesos ein Kilo Reis – unbezahlbar für die meisten, die mit dem regulären Monatseinkommen von etwa fünftausend Pesos (umgerechnet rund zwanzig Euro) auskommen müssen. Die Inflation der letzten Jahre hat, zusammen mit weiter sinkender Produktivität in der Landwirtschaft, Grundnahrungsmittel zu Luxusgütern gemacht.
Hier, auf dem Bauernmarkt, zeigen sich die Probleme der kubanischen Landwirtschaft unmittelbar. Der Markt werde privat betrieben, erklärt mir Luis, der gerade auf dem Nachhauseweg ist. Er arbeitet als Nachtwächter in einer Schule und verdient nur zweitausend Pesos im Monat. In den 1980er Jahren war er für einige Zeit in Neubrandenburg, arbeitete dort in einer Fabrik, immer noch spricht er ein wenig Deutsch. Reformen der letzten Jahre haben einige privatwirtschaftliche Nischen entstehen lassen, unter anderem im Lebensmittelhandel. Während die staatlichen Abnahmepreise für landwirtschaftliche Güter oft unter den Produktionskosten liegen, bezahlen die Betreiber dieses Marktes den Bauern etwas mehr. Daher gelangen die besseren Lebensmittel immer zuerst hierher. Luis kauft auf einem anderen, staatlich betriebenen Markt ein, der ein reduzierteres Angebot hat, aber ein wenig günstiger ist. Doch selbst dort entspricht der Preis für ein Pfund getrocknete Bohnen einem Fünftel seines Monatseinkommens. Über die Runden kommt Luis nur, weil sein Sohn nach Dänemark ausgewandert ist und ihm ab und zu Geld überweist.
Das kommunistische Kuba befindet sich derzeit in der schwersten Krise seiner Geschichte.15 Anfang März hat die Regierung zum ersten Mal beim World Food Programme der UN um Hilfe gebeten, denn Milchpulver für Kinder ist knapp. Für den Präsidenten Miguel Díaz-Canel, der 2018 Raúl Castro beerbt hat, ist das ein beispielloses Eingestehen des Scheiterns. Aber längst geht es nicht mehr nur um Milchpulver; es fehlt an allem. Es gibt keine Medikamente, kein Benzin, kein Baumaterial. In der Altstadt von Havanna, die seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben ist – Florian Borchmeyers Film Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen zeigte das schon 2006 eindringlich –, kollabieren die Häuser. Der öffentliche Nahverkehr ist weitgehend eingestellt, überall in der Stadt sieht man Gruppen von Menschen, die stundenlang auf Busse warten, um zur Schule, Universität oder an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Auf das hohe Niveau der medizinischen Versorgung war Kuba zu Recht lange Zeit stolz, doch inzwischen ist selbst das Gesundheitswesen zusammengebrochen. Der Staat ist nicht nur bei anderen Ländern, sondern auch bei ausländischen Firmen hochverschuldet, so dass medizinische Ausrüstung und Medikamente kaum noch ins Land kommen. Operationen können mangels Narkosemittel nicht mehr durchgeführt werden.
Nach Schätzungen leben heute fast 90 Prozent der Einwohner Kubas in Armut.16 Und anders als während der »Sonderperiode« Anfang der neunziger Jahre scheint es keine Hoffnung auf Besserung mehr zu geben. Die Schuld für die Krise den US-Sanktionen zuzuschieben und so von der eigenen Misswirtschaft abzulenken, überzeugt die Kubaner offenbar kaum noch. Nachdem die Regierung 2021 Proteste der Bevölkerung niedergeschlagen und Protestierende verhaftet hat, verlassen Hunderttausende Kubaner ihr Land. Eine halbe Million Menschen sollen allein in den letzten beiden Jahren ihr Glück in den USA und in Mexiko gesucht haben – obwohl die Reiserouten durch Mittelamerika immer gefährlicher werden. Es ist die mit Abstand größte Ausreisewelle seit der Revolution.17
Am dramatischsten aber steht es um die Lebensmittelversorgung. Hunger ist – lange undenkbar – wieder ein drängendes Problem, Teile der Bevölkerung sind mangelernährt. Die landwirtschaftliche Produktion ist von niedrigem Niveau in den letzten Jahren weiter gefallen, mehr als vier Fünftel des Bedarfs müssen importiert werden. Wäre urban agriculture nicht gerade jetzt dringend notwendig?
Am letzten Tag meines Aufenthalts habe ich es wieder meiner Kollegin, der Architektin Nadin Augustiniok, zu verdanken, dass ich doch noch einen Garten finde. Sie entdeckt den Micro Huerta »La Cacaotera« hinter hohen Mauern auf einer Brache im Zentrum von Havanna. Betonpfeiler, aus denen die rostigen Bewehrungen ragen, deuten darauf hin, dass auf der Parzelle einmal ein Gebäude geplant war. Jetzt wachsen hier Auberginen und etwas Mais, Bohnen, Passionsfrüchte und sogar Zuckerrohr. Ein Teil des Gartens ist mit Bananenpalmen bepflanzt. Zwei junge Frauen, die den Garten betreiben, führen uns herum. Die größte Schwierigkeit, erzählen sie, sei die Beschaffung von Saatgut. Ab und zu schicke ihnen ein Freund aus den USA ein paar Samen zu, ansonsten sei da kaum ranzukommen.
Eine Studie von 2017 kam zu dem Ergebnis, dass das zentrale Element der kubanischen urban agriculture die staatliche Unterstützung sei. Von der Bereitstellung von Saatgut und Knowhow über die Zuweisung geeigneter Flächen bis zu privatwirtschaftlichen Anreizen reichten die vom Landwirtschaftsministerium organisierten Maßnahmen.18 In einem Land, in dem es kaum Geschäfte gibt, in dem man im Grunde nichts kaufen kann – keine Gießkanne, keinen Gartenschlauch und schon gar kein Saatgut –, ist solche institutionelle Förderung grundlegend. Die Vermutung liegt nahe, dass genau diese staatliche Unterstützung vor kurzem weggefallen ist.
Die Herausforderung scheint überall auf der Welt ähnlich zu sein: kleinteilige, dezentrale Landwirtschaft zu etablieren, um eine stabilere und nachhaltigere Nahrungsmittelversorgung zu erreichen, die zugleich noch den sozialen Zusammenhalt stärkt. Und überall stößt das auf Hindernisse, denn – auch das gehört zur Realität der urban agriculture – eine solche Landwirtschaft ist teuer. Städtische Flächen müssen zur Verfügung gestellt (und kontaminierte Böden unter Umständen aufbereitet) werden, die Verteilung der vergleichsweise geringen Erzeugnisse ist eine logistische Herausforderung.19
