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Die Vorstellung, es ließe sich aus der Geschichte etwas für die Gegenwart (oder Zukunft) lernen, gilt längst als ausgesprochen naiv. Thomas Hertfelder gibt sich damit jedoch nicht zufrieden und erklärt, warum sich aus der Geschichte und dem Ende der Weimarer Republik doch Schlüsse für das Heute ziehen lassen. Im zweiten Teil seiner Essayreihe "Soziale Farbe" untersucht Timon Beyes die Nutzung von Farbe am Arbeitsplatz. Elon Musk ist seit einer Weile von dem besessen, was er "woke mind virus" nennt. Seine Kritik am nun auch zu woken Spieleklassiker "Dungeons & Dragons" nimmt Gregory Jones-Katz zum Anlass, die Verbindungen des Spiels zum technofaschistischen Komplex, der hinter Musk steht, genauer anzusehen. In ihrer KI-Kolumne erklärt Paola Lopez, wie und warum der chinesische LLM-Nachzügler DeepSeek die ganze Welt der KI in massive Unruhe versetzt. Gunnar Hindrichs legt in seiner Philosophiekolumne dar, dass der Populismus keineswegs einfach das Andere der bürgerlichen Gesellschaft ist. Der Rechtswissenschaftler Andreas Funke fordert in der aus seiner Sicht oft nicht ehrlichen aktuellen Diskussion über Migration Klärungen ein. Mit seinem neuen Ghibli-Filter hat ChatGPT Aufsehen erregt, aber auch viel Empörung geerntet. Für Johannes Franzen stellt sich hier die Frage nach der Werkherrscht in der Kunst noch einmal neu. Durch die Welt des Gifts und der Gifte führt Jens Soentgen. William Collins Donahue gibt Einblicke in die Erinnerungspolitik der Vereinigten Staaten. Und Anke Stelling begibt sich in ihrer Schlusskolumne auf einen Osterspaziergang.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 914, Juli 2025, 79. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 €; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 €; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12442-2
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Umschlag
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Thomas Hertfelder: Von Weimar lernen
Timon Beyes: Soziale Farbe (II) Farbe an der Arbeit
Gregory Jones-Katz: Die Fantasie ist ein Schlachtfeld Elon Musk, Technofaschismus und Dungeons & Dragons
KRITIK
Paola Lopez: KI-Kolumne DeepSeek
Gunnar Hindrichs: Philosophiekolumne Eine Sache des Volkes
MARGINALIEN
Andreas Funke: Urteile ohne Regel, Regel ohne Prinzip. Worüber in der Migrationspolitik (auch) zu diskutieren wäre
Johannes Franzen: Vergemeinschaftung des Stils?. Werkherrschaft im Zeitalter Künstlicher Intelligenz
Jens Soentgen: Philosophische Toxikologie
William Collins Donahue: Weltmeister des Vergessens. Zum amerikanischen Exzeptionalismus
Anke Stelling: Sommerschnee und Herbstzeitlose
Vorschau
ThomasHertfelder, geb. 1959, bis 2025 Geschäftsführer und Mitglied des Vorstands der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart. 2020 erschien Erfolgsgeschichte Bundesrepublik. Aufstieg und Krise einer Meistererzählung. [email protected]
TimonBeyes, geb. 1973, Professor am Institut für Soziologie und Kulturorganisation der Leuphana Universität Lüneburg. 2024 erschien Organizing Color. Toward a Chromatics of the Social. [email protected]
GregoryJones-Katz, geb. 1980, Ideenhistoriker, Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt in Bad Homburg. 2021 erschien Deconstruction: An American Institution.
PaolaLopez, geb. 1988, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Mathematik und Informatik der Universität Bremen, assoziierte Wissenschaftlerin am Weizenbaum-Institut in Berlin. 2025 erschien der Roman Die Summe unserer Teile.
GunnarHindrichs, geb. 1971, Professor für Philosophie an der Universität Basel. 2020 erschien Zur kritischen Theorie; 2024 Abseits des Krieges. Ein philosophischer Essay.
AndreasFunke, geb. 1972, Professor für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen. 2020 erschien Falldenken im Verwaltungsrecht. Ein systematisches Studienbuch. [email protected]
JohannesFranzen, geb. 1984, Literaturwissenschaftler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Siegen und Mannheim. 2024 erschien Wut und Wertung. Warum wir über Geschmack streiten. johannnesfranzen.com/
JensSoentgen, geb. 1967, Philosoph und Chemiker. Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg. 2024 erschienen Philosophie des Wassers und Indigenous Knowledge and Material Histories. [email protected]
William CollinsDonahue, geb. 1959, Cavanaugh Professor of the Humanities und Professor of European Studies an der University of Notre Dame. 2025 erscheint Beyond Germany: Cultivating Memory in an Age of Forgetting (Hrsg. zus. m. Jens Gurr).
AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de
DOI 10.21706/mr-79-7-3
Im akademischen Betrieb sind Fußnoten Pflicht. Als Beleg, dass man Behauptungen oder Thesen nicht aus der Luft greift. Als Dankesgruß für Gedanken, die man bei anderen vorfand. Wissenschaft ist Gespräch, und der Fußnotenapparat verhindert, dass der Eindruck des Monologischen entsteht.
Für den Essay ist die Fußnote dagegen nicht unbedingt Pflicht, eher Neigung. Viele Essays im Merkur können und wollen ihre Herkunft aus dem Akademischen nicht leugnen. Die Pflicht zum Beleg im bibliografischen Verweis ist ihnen darum mindestens zweite Natur. Einmal (Nr. 776, Januar 2014) haben wir ein ganzes Heft ohne eine einzige Fußnote gemacht. Das war die Ausnahme vom Regelfall in dieser Zeitschrift.
Der Merkur ist oft mit Fußnoten voll. Das aktuelle Heft vielleicht ganz besonders, auffällig bei den Texten von Paola Lopez oder Jens Soentgen. Was aber auch auffällt, hier und bei vielen anderen Texten: Die Orte und Zeiten, auf die sie weisen, sind in ihrer Herkunft historisch, disziplinär und in ihren Erscheinungsweisen von enormer Diversität. Von Cicero über Paracelsus bis Peter Thiel und den Studien zu KI. Ein reiches Schatzhaus der (nicht nur) abendländischen Kulturgeschichte. Dabei mathematisch genau, lateinisch zitiert, rechtlich fundiert. Und von der Redaktion überprüft und, soweit menschenmöglich, korrekt.
Es ist nicht ganz ohne Ironie, wie sehr eine als akademisch verschriene Kulturtechnik gerade in der neuesten Gegenwart einen entscheidenden Unterschied macht. Künstliche Intelligenzen erfinden und halluzinieren, wie man weiß, besonders gerne bibliografische Verweise. Bei uns dagegen ist darauf Verlass, dass alles von menschlichen Hirnen zitiert und gecheckt wird.
CD /EK
DOI 10.21706/mr-79-7-5
Thomas Hertfelder
Unsere Erinnerung an die Republik von Weimar unterliegt markanten Schwankungen. Galt diese in der alten, westdeutschen Bundesrepublik noch als Paradigma einer gescheiterten Demokratie und Schreckbild für eine stets auf Stabilität und Sicherheit bedachte Ordnung, so war es nach 1989/90 für eine ganze Weile erstaunlich still um sie geworden. Fast reflexhaft wurden in den mit Verve geführten Debatten um »Deutschlands Wiederkehr« (Peter Bender) das Kaiserreich und die NS-Diktatur aufgerufen; die Weimarer Republik spielte in diesem neuen Deutschland-Diskurs kaum eine Rolle. Vor allem aber fand sie in der gleichzeitig einsetzenden Hochkonjunktur der internationalen Holocaust-Forschung, die mit einer neuen, nunmehr gänzlich auf »Aufarbeitung« getrimmten Erinnerungskultur einherging, keinen Platz mehr. Dies mag im Rückblick insofern verwundern, als wichtige Studien, die von Detlev Peukerts prominenter Interpretation der Weimarer Republik als den »Krisenjahren der klassischen Moderne« inspiriert worden waren,1 inzwischen auf durchaus beunruhigende Weise eine ganze Reihe von missing links zwischen der liberalen Demokratie von Weimar und den Praktiken der darauffolgenden totalitären Diktatur zutage gefördert hatten. Jedenfalls war das »Lehrstück Weimar«, wie Andreas Wirsching noch im Jahr 2012 lapidar feststellte, dem »Lehrstück Holocaust« gewichen.2
Bereits damals hatte indessen jene Serie schockartiger Verwerfungen eingesetzt, die die Weimarer Republik nach und nach wieder ins öffentliche Bewusstsein zurück befördern sollten: Von der Weltfinanzkrise 2008/09 über den steilen Anstieg der Migrationsströme nach Europa in den Jahren 2015/16 und die beklemmenden Jahre der Pandemie bis hin zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erschütterte ein regelrechtes Stakkato von Krisenerfahrungen die westliche Welt, die seither zusehends aus den Fugen zu geraten scheint. Eine sich lange anbahnende und ebenso lange unterschätzte, zuletzt aber steil ansteigende Welle rechtsextremistischer Populismen tat ein Übriges, um das Gespenst der »Weimarer Verhältnisse« wieder auf den Plan zu rufen.
Unter dieser Überschrift stand auch jene Debatte, die namhafte Historikerinnen und Historiker 2017 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ausgetragen haben.3 Das Fazit: Allen Unkenrufen geschichtsbeflissener Kommentatoren zum Trotz sind wir von »Weimarer Verhältnissen« noch immer weit entfernt, weil die konkrete Konstellation unserer Tage doch eine deutlich andere ist als die zwischen 1918 und 1933. Damit scheint die alte Frage, ob wir aus »Weimar« überhaupt etwas für unsere Gegenwart lernen könnten, erneut ad acta gelegt. Mit dem definitiven Bedeutungsverlust der pädagogisch einst so wertvollen These vom deutschen Sonderweg scheint auch der didaktische Nutzen der Weimarer Erfahrungen endgültig verbraucht.
Historikerinnen und Historiker bestreiten ebenso gerne wie nachdrücklich, dass sich aus den Ergebnissen ihrer Forschungen ein Anwendungswissen zur Bearbeitung gegenwärtiger Probleme gewinnen lasse. Zur Begründung rufen sie in der Regel eine Autorität auf, der zu widersprechen im Fachdiskurs riskant erscheint: Reinhart Koselleck. Seit der »Sattelzeit« zwischen 1750 und 1850, so Koselleck, war die Geschichte in der Reflexion der Zeitgenossen aus naturalen Zeitbestimmungen wie dem Umlauf der Gestirne und der Abfolge der Dynastien herausgetreten, um sich neuartigen, geschichtsimmanenten Narrativen zu verschreiben. Aufklärerische Ideen einer Erziehung des Menschengeschlechts sowie eine neue Geschichtsphilosophie, die die aufkommende Veränderungsdynamik in robuste Fortschrittsnarrative umzudeuten wusste, haben den bis dahin wirksamen antiken Topos einer Historia magistra vitae definitiv aufgelöst. So ist aus jenen »Geschichten«, die eine vorrevolutionäre, pragmatische Geschichtsschreibung zum Zwecke exemplarischer Belehrung der Nachgeborenen noch aufgeschrieben hatte, die »Geschichte« als Kollektivsingular im Sinne eines universalen Ereigniszusammenhangs geworden – und damit ein Reflexionsbegriff, der in den ideologischen Debatten fortan eine zentrale Rolle spielen sollte. Diese Geschichte konnte zwar im Licht der Großideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zum Subjekt geadelt werden, aufgrund ihrer dramatischen Veränderungsbeschleunigung indessen nicht mehr als Exempel wirken, aus dem man unmittelbaren Nutzen hätten ziehen könnte.4
Das Argument ist schwer zu widerlegen. Geschichte wiederholt sich nicht. Es leuchtet ein, dass uns in der »neuzeitlich bewegten Geschichte« (Koselleck) ein unmittelbar anwendbares, historisches Erfahrungswissen unwiderruflich abhandengekommen ist. Zwar hatten nach dem Zerfall des Topos von der Historia magistra vitae fortschrittsfrohe Geschichtsphilosophen und modernistische Sozialingenieure für eine Weile noch geglaubt, der Prozess der Geschichte ließe sich gezielt steuern, wenn man nur sein wahres Subjekt identifiziert oder die richtigen Stellschrauben makroökonomischer Planung gefunden habe. Doch waren diese Utopien mit dem Ende der Trente Glorieuses offenkundig verbraucht. Übrig blieb das muddling through eines permanenten, weitgehend der Gegenwart verschriebenen Krisenmanagements.
Bei alledem wird die andere Seite des Koselleckschen Werks, die Stefan-Ludwig Hoffmann herausgearbeitet hat,5 gerne übersehen. Den beschleunigten Wandel nämlich, der der Vorstellung einer Historia vitae magistra den Boden entzogen hat, können wir nur deshalb konstatieren, weil uns überzeitliche Kategorien und Strukturen dazu in die Lage versetzen. Mehr noch – bestimmte Strukturen wiederholen sich: »Es gibt Dimensionen, diachroner und synchroner Art, die zeitlich verschieden tief gestaffelt sind und über die uns auch weit zurückliegende Historiker belehren können, weil die Geschichte sich strukturell wiederholt«, notierte Koselleck 1988.6 Dabei ging es dem Bielefelder Historiker nicht um zyklische Geschichtsverläufe, sondern um Konstellationen und Strukturen mittlerer Dauer, die in späteren Zeiten als »Erfahrungsmodelle« – so sein Terminus – diskutiert werden können.
In der Tat müssen wir jenseits formaler Kategorien, die uns historische Erkenntnis überhaupt erst ermöglichen, auch materiale Strukturen in Betracht ziehen, wenn wir historische Prozesse und Ereignisse angemessen begreifen wollen. Von einer Krise des Parlamentarismus können wir nur sprechen, weil der Parlamentarismus samt seiner Varianten in bestimmten Gesellschaften eine Struktur von relativer Dauer darstellt; ähnliches gilt für den Hoch- und Spätkapitalismus, der trotz seiner Stadien und Spielarten bestimmten Verwertungsimperativen gehorcht, nach bestimmten Mustern ökonomische und soziale Verwerfungen hervorbringt etc.7 Bei allem Wandel stellen solche Strukturen den Rahmen bereit, innerhalb dessen wir über mögliche »Lehren«, die wir aus historischer Reflexion gewinnen können, wieder nachdenken sollten.
Für die Frage nach möglichen »Lehren von Weimar« heißt dies zunächst: Um sie zu erwägen, braucht es keine Weimarer Verhältnisse. Insofern gilt weiterhin, dass die Geschichte sich nicht wiederholt. Was aber unsere und die Weimarer Zeit jenseits einer amorphen »Polykrise« verbindet, ist eine auf kapitalistische Verwertungsimperative gegründete ökonomische Ordnung, ein über Volkssouveränität sich legitimierendes politisches System, das in unterschiedlichen Gewichtungen auf parlamentarische Repräsentation setzt, eine hochdynamische Mediengesellschaft sowie schließlich eine kulturelle Moderne, die ihre eigentümliche Kreativität nicht zuletzt aus den vielfachen Fragmentierungen und Polarisierungen im sozialen Raum bezieht.
Vor diesem Hintergrund halte ich es für fruchtbarer, über mögliche, keineswegs zwingende Lehren, die wir aus den Weimarer Erfahrungen ziehen können, wieder zu diskutieren, statt sie mit dem reflexhaften Verweis auf das Verblassen eines antiken Topos beiseite zu wischen.8 Im Bann des Koselleckschen Arguments und im Wissen um die grenzenlose Komplexität ihrer Themen übt die zeithistorische Forschung – anders als eine diesbezüglich geradezu unbekümmert agierende Politikwissenschaft9 – größte Zurückhaltung, gegenwärtige Problemlagen im Licht historischer Erfahrungen zu diskutieren. Eine solche Abstinenz ist methodisch durchaus nicht zwingend und birgt praktisch die Gefahr der Selbstmarginalisierung der Disziplin.
Medien. Das Foto fand sich über Jahrzehnte hin fast in jedem Schulbuch: Reichspräsident Friedrich Ebert, Reichswehrminister Gustav Noske und einige Begleiter posieren am 16. Juli 1919, bekleidet nur in Badehosen, am Ostseestrand von Haffkrug lächelnd vor einer Kamera, deren Bedeutung im Dispositiv der neuen Mediengesellschaft die Herren vor Ort weit unterschätzt hatten. Das Foto, das ein Strandfotograf mit dem offenkundigen Einverständnis der Abgelichteten geschossen hatte, fand zunächst über die Deutsche Tageszeitung, sodann über die Berliner Illustrirte Zeitung seinen Weg in die Öffentlichkeit. Dass die Berliner Illustrirte mit der Aufnahme ausgerechnet am Tag von Eberts Vereidigung als Reichspräsident am 21. August 1919 großformatig aufmachte, war kein Zufall. Der Vorgang verweist vielmehr auf die Aufmerksamkeitsökonomie einer technisierten Mediengesellschaft und auf das Skandalisierungspotenzial, Privates im privatwirtschaftlich organisierten öffentlichen Diskurs jederzeit politisch auszuschlachten. Zu immer neuen Schmähbildern war das Foto verarbeitet worden – einzig zu dem Zweck, das demokratische Staatsoberhaupt und mit ihm die noch junge Demokratie verächtlich zu machen.10
Funktioniert hat dieser Coup im Kontext der sogenannten »Dolchstoßlegende«, jener Lüge also, der zufolge sozialdemokratische Politiker die Verantwortung für die Niederlage des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg trügen.11 Die Weimar-Forschung ist sich darin weitgehend einig, dass es der demokratischen Republik trotz beachtlicher Ansätze – etwa der Bemühungen des »Reichskunstwarts« Edwin Redslob – nicht gelungen ist, wirkmächtige Gegennarrative zu dieser gefährlichen Erzählung zu etablieren. Stattdessen muss die Naivität, mit der Verfassungsorgane wie Regierung und Reichstag auf die Dynamiken einer damals nachgerade explodierenden, zudem in politischen Echokammern zerklüfteten Mediengesellschaft reagiert haben, aus heutiger Sicht verblüffen.12 Das Badehosenfoto steht dafür emblematisch.
Die Conclusio aus diesem Befund kennen wir längst. Mehr noch als autokratische Systeme bedürfen Demokratien einer glaubwürdigen Kommunikation ihres politischen Selbstverständnisses, und zwar in dreierlei Hinsicht: Zum einen sind Demokratien auf spezifische Legitimationsnarrative angewiesen, die die demokratischen Institutionen und Prozeduren auch jenseits ihres »Output« in größere Sinnzusammenhänge einbetten. Demokratien tun zudem zweitens gut daran, kommunikativ (das heißt auch technologisch) auf der Höhe ihrer Zeit zu agieren. Im Interesse ihres eigenen Überlebens sind sie schließlich drittens gut beraten, jenen toxischen Narrativen und Produktionsweisen alternativer Fakten, die es auf ihre Zerstörung abgesehen haben, beherzt entgegenzutreten, und zwar mit Argumenten, die das Zerstörerische dieser Narrative dezidiert ins Zentrum rücken. Große Teile des politischen Liberalismus und des Bürgertums der Weimarer Zeit haben genau dies versäumt und stattdessen versucht, im radikalen, völkischen Nationalismus der extremen Rechten auch »aufbauende« Elemente, etwa eine »nationale Wiedergeburt«, zu identifizieren.
Politische Gewalt. Politische Gewalt war in den Weimarer Jahren weit verbreitet. Sie kam und ging in Wellen. Sie zeigte ihre unterschiedlichen Gesichter in Form von tödlichen Attentaten, Putschversuchen, Aufständen und Straßenkämpfen; die Forschung spricht von »punktuellem Bürgerkrieg« (Dirk Schumann). Die Ursachen der Weimarer Gewalteskalation sind vielfältig. Manche der Faktoren, die in der Debatte angeführt wurden, hat die Forschung inzwischen stark relativiert, etwa die von Eric Hobsbawm betonte Verrohung durch den Ersten Weltkrieg oder die These der »Gründungsgewalt«, wie sie Mark Jones vorgetragen hat.13
Gesichert ist, dass rechtsterroristische Geheimbünde die Gewalt gegen die Exponenten der Demokratie gezielt geschürt, geplant und generalstabsmäßig ausgeübt haben und in ihrem Treiben von einer halbblinden Justiz geduldet wurden. Spezifisch moderne Erlösungsideologien haben die Ausübung von Gewalt nicht nur als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele propagiert, sondern sie auch als Zweck an sich, als »autotelische Gewalt« (Jan Philipp Reemtsma), geradezu geadelt. In ihren Reaktionen hat die Staatsgewalt, wie sich nicht nur am Beispiel des »Berliner Blutmai« von 1929 minutiös zeigen lässt, oftmals maßlos eskaliert und damit die Gewaltspirale weiter in Gang gehalten. Und schließlich hat eine reich dokumentierte Sprache der Gewalt in Wort und Bild direkt oder indirekt zu deren Ausübung aufgerufen. Auch dazu liegen zahlreiche Forschungen vor, die zumindest die Prämisse plausibilisieren, dass die Sprache der Gewalt den Taten vorausgegangen ist, mithin ihren Rahmen und diskursiven Hintergrund zugleich bildete. Die Morde an Walther Rathenau und Matthias Erzberger wurden im Klima einer bis dahin beispiellosen Hetze begangen. Aus Worten – und Bildern – wurden Taten.14
Aufschlussreich sind auch Befunde zur organisierten politischen Gewalt, wie sie etwa der Rotfrontkämpferbund und insbesondere die SA ausübten. So konnte gezeigt werden, dass während eines vorübergehenden Verbots der nationalsozialistischen Kampf- und Terrororganisation zwischen 13. April und 14. Juni 1932 die Zahl der politischen Gewalttaten signifikant zurückgegangen war, nach der Aufhebung des Verbots durch die neu ins Amt gelangte Regierung unter Reichskanzler Franz von Papen hingegen wieder stark anstieg. Beide Befunde – der zur Sprache der Gewalt wie der zur organisierten Gewalt – legen die Schlussfolgerung nahe, dass gezielte Verbote sowohl von Gewaltpropaganda als auch gewaltbereiter Organisationen effektiv dabei helfen, politisch motivierte Gewalt einzudämmen. Diese Schlussfolgerung erscheint umso wichtiger, als politische Gewalt auf dem Umweg einer durch sie ausgelösten Bürgerkriegspsychose – auch dies ein Topos der Weimar-Forschung – geeignet ist, eine Demokratie zu destabilisieren und autoritäre Alternativen zu begünstigen.
Parlamentarismus. Als historisches Exempel hat der Parlamentarismus der Weimarer Republik eine reiche Tradition. Schon die Mitglieder des Parlamentarischen Rats, die das Scheitern der ersten deutschen Demokratie größtenteils selbst erlebt hatten, nahmen vielfach Bezug auf die Probleme der ersten deutschen Demokratie, um bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes die vielzitierten »Lehren aus Weimar« zu ziehen.15 Wenige Jahre später präparierte der Bonner Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher in einer bahnbrechenden Studie die Auflösung der Weimarer Republik nachgerade zu einem »Modell für die Probleme der Erringung und Erhaltung, des Abbaus und Verlusts politischer Macht« in der Demokratie in präventiver Absicht.16 Trotz aller Kontroversen, die seine Studie in der akademischen Geschichtswissenschaft sogleich auslöste, avancierte Brachers monumentales Werk in der Bonner Republik zu einem Klassiker der zeitgeschichtlichen Forschung, nicht zuletzt wegen seines expliziten didaktischen Anspruchs. Noch in einem neuen Vorwort aus dem Jahr 1978 meinte Bracher feststellen zu können, die Weimarer Republik sei »auf eine oftmals bestürzende Weise aktuell geblieben«.17 In der Antwort auf die Frage, ob seine Analyse der Erosion des demokratischen Systems der Jahre 1930 bis 1933 im Blick zum Beispiel auf die Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik tatsächlich handlungsleitende Gesichtspunkte bereithalten kann, liegt allerdings eine Herausforderung.
Bracher konstatierte eine konstitutive Schwäche des demokratischen Parteiensystems von Weimar, die sich in dogmatisch verhärteten, nur bedingt regierungsbereiten Parteien, einer zunehmenden Zahl von Splitter- und Interessenparteien sowie der geringen Bereitschaft sowohl zum Kompromiss wie auch zur Übernahme politischer Verantwortung zeigte – ein Syndrom, das vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise der Jahre 1930 bis 1933 schließlich in eine letale Aushöhlung des Parlamentarismus gemündet sei. Die sah der Historiker im Dualismus zwischen Parlament und einem plebiszitär legitimierten, als mächtiges Widerlager gegen die Parteiendemokratie gezielt in Stellung gebrachten Reichspräsidenten bereits konstitutionell angelegt.
Im Licht dieser Analyse hätte sich die parlamentarische Urszene zur Auflösung der Republik im Sommer 1930 ereignet: Nachdem eine seit 1928 regierende Große Koalition des sozialdemokratischen Kanzlers Hermann Müller an einem sozialpolitischen Konflikt unter den fünf beteiligten Regierungsfraktionen zerbrochen war, beantwortete der neue Kanzler Heinrich Brüning am 16. Juli die Ablehnung einer Steuernovelle durch den Reichstag mit dem Übergang vom parlamentarischen System zu einem autoritären Notverordnungsregime. Die folgenden Wahlen vom 14. September erbrachten einen Erdrutschsieg der Nationalsozialisten, die ihren Stimmenanteil von zuvor 2,6 auf nunmehr 18,3 Prozent erhöhen und mit 107 Abgeordneten in den Deutschen Reichstag einziehen konnten; auch die Kommunisten hatten mit einem Anstieg von 10,6 auf 13,1 Prozent der Wählerstimmen einen beachtlichen Erfolg verbucht: Die beiden extremistischen Parteien stellten nun nach den Sozialdemokraten die zweit- und drittstärkste Fraktion im Reichstag.
Der im Juli 1930 vollzogene Übergang zum autoritären Regime der präsidialen Notverordnungen begünstigte die Radikalisierung des politischen Diskurses noch einmal erheblich. Dies sollte sich nicht zuletzt im anschließenden, von schrillen Parolen und zahllosen Gewalttaten bestimmten Wahlkampf zeigen. Denn im Kampf um Wählerstimmen sahen die Parteien nunmehr wenig Grund zur Mäßigung, war doch im Zeichen des Notverordnungsregimes der Zwang zur parlamentarischen Regierungsbildung sowie zur legislativen Kompromissfindung weitgehend entfallen; das Parlament hatte zudem seine Funktion eingebüßt, jene »unnatürliche Primitivierung der politischen Technik«, die Hans Kelsen der »demokratischen Idee« eingeschrieben sah, zu moderieren.18 Historikerinnen und Historiker haben immer wieder darauf verwiesen, dass auch nach dem desaströsen Wahlergebnis eine demokratische Mehrheit im Reichstag zur Bildung einer parlamentarischen Regierung rechnerisch, aber eben nur rechnerisch, gerade noch möglich gewesen wäre. Doch wäre die Trennlinie im Reichstag dann nicht mehr zwischen der Regierung und einer sich als demokratische Alternative verstehenden Opposition verlaufen, sondern zwischen den republikanischen Regierungsparteien auf der einen und den auf Umsturz bedachten Parteien NSDAP und KPD andererseits, Parteien also, die mit ihrer Politik der systematischen Obstruktion den Begriff der parlamentarischen Opposition ad absurdum führten.
Mit dem Übergang zum präsidialen Notverordnungsregime im Sommer 1930 waren nicht nur die Legislativ-, Kontroll- und Integrationsmechanismen des parlamentarischen Systems weitgehend außer Kraft gesetzt, auch die Regeln parlamentarischen Sprechens verloren ihre Verbindlichkeit. Persönliche Angriffe, Zwischenrufe und Beleidigungen wurden zum parlamentarischen Alltag, moderierende Ämter politisiert, obstruktive Scheinanträge etwa zu Verfahrensfragen eingebracht, Legitimität und Bedeutung des Parlaments mit ostentativer Häme bestritten: »Meine Herren, treten Sie ab! Ihre Uhr ist abgelaufen! Das junge Deutschland ist hier einmarschiert!« – mit diesem Appell beendete der nationalsozialistische Abgeordnete Gottfried Feder am 17. Oktober 1930 in der vierten Sitzung des neugewählten Reichstags seine Rede.
In ihren Bemühungen, der systematischen parlamentarischen Obstruktion durch die Flügelparteien zu begegnen, überdehnten die republikanischen Parteien ihrerseits bald die Grenzen des Regelwerks, indem sie 1931 zur Abwehr der radikalen Kräfte eine fragwürdige Reform der Geschäftsordnung durchsetzten. In ihrem ebenso verzweifelten wie unzulänglichen Versuch, »echte« von »unechten« Anträgen zu unterscheiden und auf dem formalen Verfahrensweg die letzteren präventiv auszuschließen, verstrickten sie sich in offenkundige Widersprüche, die von den Vertretern der Flügelparteien genüsslich ausgeschlachtet wurden: In den Augen seiner Widersacher gab das durch permanente Obstruktion herausgeforderte parlamentarische Regelwerk seine Parteilichkeit zu erkennen.19
