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Beschreibung

Sebastian Conrad erklärt, welche historisch nachvollziehbare Verschiebung die heftigen Auseinandersetzungen um die Erinnerungspolitik und das Verhältnis von Holocaust und Kolonialpolitik grundiert. Dann zweimal Theorie: Christoph Paret führt vor, wie Jacques Derrida schon das Erstarren der eigenen Denkbewegung zu "Posttheorie" vollzog. Und Geoffrey Katz-Jones beklagt, wie sich "Theory" in Amerika zwar politisch radikal dünkte, dabei aber zur Komplizin neolibera-ler Entwicklungen wurde. Bei Corey Robin lässt sich lernen, was Hannah Arendt und Philip Roth gemeinsam hatten (und was eher nicht). Die Theater standen angesichts der pandemiebedingten Schließungen vor einem Problem: Ekkehard Knörer lässt Revue passieren, was sie daraus gemacht haben – mit einem besonderen Fokus auf drei großen Inszenierungen von Sebastian Hartmann. Tine Hanrieder zeigt, wie schlecht es um die Sorgewirtschaft im Globalen Britannien bestellt ist. Herfried Münkler erwidert auf Philipp Oswalts Architekturkolumne zur Diskussion um die Frankfurter Paulskirche. Über rechtliche Abwägungen auf dem Grat zwischen Freiheit und Sicherheit in der Pandemie-Situation informiert der Rechtswissenschaftler Isa Bilgen. Seinen Weg zum "personal essay" schildert Stephan Wackwitz. Und Hanna Engelmeier berichtet in ihrer Schlusskolumne von der Austreibung des Zornebocks.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 867, August 2021, 75. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemandund EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Postfach 106 016, 70049 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar. ·Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 5. Juli 2021 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 14 €; im Abonnement jährlich 140 € / 162 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.volltext.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 140 € / 162 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 20 € / 28 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Kündigung des Abonnements muss spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraums in schriftlicher Form erfolgen. Ansonsten verlängert es sich automatisch um ein Jahr. Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr.

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-11191-0

Inhalt

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Sebastian Conrad Erinnerung im globalen Zeitalter.

Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert

Christoph Paret »Wenn der Epigone kommt, ist die Party vorbei«.

Geoffrey Bennington, Jacques Derrida und die Post-Theorie

Gregory Jones-Katz American Theory

Corey Robin Eine unheimliche Überschneidung.

Hannah Arendt und Philip Roth

KRITIK

Ekkehard Knörer Digitales Theater (Sebastian Hartmann).

Über Medienverhältnisse in der Krise

Tine Hanrieder Die Sorge um die Sorgewirtschaft im Globalen Britannien

MARGINALIEN

Herfried Münkler Gedenkorte der Demokratie – Denkorte der Demokraten.

Eine Erwiderung auf Philipp Oswalt

Isa Bilgen Zwischen Freiheit und Verantwortung Wider eine utopische Verfassungsinterpretation

Stephan Wackwitz Das Traumzimmer

Hanna Engelmeier Neigungsgruppe Zornebock

Vorschau

SebastianConrad, geb. 1966, Historiker, Professor am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. 2016 erschien What Is Global History?

ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2021 erschien Fabrikation der Freiheit. Über die Konstruktion emanzipativer Settings. [email protected]

GregoryJones-Katz, Kulturhistoriker, Lecturer an der Chinesischen Universität Hongkong, Shenzen. Demnächst erscheint Deconstruction. An American Institution.

CoreyRobin, geb. 1967, Professor für Politikwissenschaften an der City University of New York. 2018 erschien Der reaktionäre Geist, 2019 The Enigma of Clarence Thomas. – Der Beitrag erschien unter dem Titel Arendt and Roth. An Uncanny Convergence in der New York Review of Books vom 12. Mai 2021 (www.nybooks.com/daily/2021/05/12/arendt-roth-and-the-imperative-of-dissent/). coreyrobin.com

TineHanrieder, geb. 1980, Politikwissenschaftlerin. Assistant Professor in Health and International Development an der London School of Economics. 2015 erschien International Organization in Time. Fragmentation and Reform. www.lse.ac.uk/international-development/people/tine-hanrieder

HerfriedMünkler, geb. 1951, Professor emeritus für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2017 erschien Der Dreißigjährige Krieg; 2019 (zus. m. Marina Münkler) Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland.

IsaBilgen, geb. 1992, Akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Universität Potsdam. [email protected]

StephanWackwitz, geb. 1952, Schriftsteller. 2018 erschien Die vergessene Mitte der Welt (erweiterte Neuausgabe). [email protected]

HannaEngelmeier, geb. 1983, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Demnächst erscheint Trost. Vier Übungen. [email protected]

Zu diesem Heft

DOI 10.21706/mr-75-8-3

Historische Erinnerung ist immer umkämpft, Debatten dazu hat es, mal lauter, mal leiser, immer gegeben. Dennoch wird kaum jemand Sebastian Conrads Behauptung widersprechen, dass die Geschichte in Deutschland im öffentlichen Raum derzeit präsent sei wie lange nicht mehr – in Diskussionen über das Humboldt-Forum, im Streit um Achille Mbembe und das Verhältnis von Holocaust und den Genoziden unter kolonialistischem Vorzeichen. Nicht zu schweigen von den wieder aufgeflammten Debatten um das Kaiserreich und die Frage nach einem deutschen Sonderweg, davon zeugen die Essays von Heinrich August Winkler und Claudia Gatzka im Juni- und Juliheft des Merkur. Auch Philipp Oswalts polemische Intervention gegen die Umgestaltung der Paulskirche gehört in diese Reihe. In diesem Heft erwidert Herfried Münkler, den Oswalt direkt angegriffen hatte, und kritisiert dessen Denkmals-»Purismus« als nicht nur naiv, sondern gefährlich.

Sebastian Conrad geht in seiner Analyse der erinnerungspolitischen Gemengelagen zweifach auf Abstand: zum einen, indem er die oft sehr auf Deutschland fokussierten Diskussionen in globaler Perspektive, aber auch mit Verweis auf die internationale Genozidforschung in den Blick nimmt. Zum anderen, indem er die Erinnerungspolitik ihrerseits historisiert. Im Ergebnis kann er einen Paradigmenwechsel konstatieren: von einer »Erinnerung I«, die ganz auf dem Gründungskonsens der Bundesrepublik beruhte, zu einer »Erinnerung II«, die die kolonialen Verbrechen in angemessener Weise einbezieht und auch andere als die lange Zeit hegemonialen westlichen Perspektiven und Stimmen zu Wort kommen lässt.

CD /EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-75-8-5

Sebastian Conrad

Erinnerung im globalen Zeitalter

Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert

Geschichte lebt wieder in Deutschland, ist präsent im öffentlichen Raum wie lange nicht mehr. Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit »Nazihintergrund« und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides. Kein Tag, an dem das Feuilleton nicht bebt, die Twitter-Sphäre ohnehin. Die Dinge, um die es geht, liegen alle lange zurück, sehr lange; manche waren beinahe vergessen. Jetzt sind die Diskussionen gleichwohl so heftig, als ginge es um alles. Warum regen sich gerade alle so auf?

In dem gegenwärtigen Kampf um die historische Deutungshoheit mangelt es nicht an Kommentaren, Einlassungen, Deutungen. Aber meist geht es dabei um normative Fragen: Soll koloniale Kunst zurückgegeben, Immanuel Kant aus den Lehrplänen verbannt, sollen Straßen umbenannt werden? Sollte die deutsche Gesellschaft auf der Einzigartigkeit des Holocaust bestehen, oder gibt es eine Verantwortung für die Opfer des Kolonialismus? Diese normativen Fragen – was sollen wir tun? – sind wichtig; sie werden die Feuilleton-Öffentlichkeit noch auf absehbare Zeit beschäftigen. Bislang wird jedoch viel zu wenig thematisiert, worin die Gründe für die aktuelle Aufmerksamkeitsexplosion bestehen. Warum jetzt? Was sagt es über die Gegenwart, wenn die Geschichte wieder zum Gegenstand einer erbitterten, häufig polemischen Auseinandersetzung wird?

Was wir im Kern beobachten, sind die Effekte der Ablösung eines Erinnerungsregimes durch ein anderes: Das historische Narrativ der Nachkriegszeit (Erinnerung I) wird durch einen veränderten Erfahrungshaushalt in der globalisierten Gegenwart herausgefordert oder zumindest ergänzt (Erinnerung II). Die Erinnerungsdebatte ist dabei nur die Oberfläche, unter der grundlegende gesellschaftliche Veränderungen liegen, die keineswegs auf Deutschland beschränkt bleiben.

Erinnerung I – ein transnationales Produkt

Was heißt das? Lange Zeit hatte sich die (west)deutsche Gesellschaft in der Erinnerung I gut eingerichtet: Der Gründungskonsens der Bundesrepublik beruhte auf einer historischen Erzählung, die Deutschland auf dem Weg zu einer demokratischen, westlichen Gesellschaft sah. Seine Kernelemente: Distanz vom Nationalsozialismus, Demokratisierung, Absage an Krieg und Diktatur. Und im Zentrum: die kritische Aufarbeitung der deutschen Schuld, des Holocaust.

Im Rückblick sieht dieses Erinnerungsregime – gemeint ist: die hegemoniale Erinnerung im öffentlichen Raum – allerdings deutlich homogener aus, als es in Wirklichkeit war. Der Begriff »Erinnerung I« wird hier heuristisch gebraucht; er soll nicht davon ablenken, dass Erinnerungsdebatten höchst umkämpft waren. Politische Konflikte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit waren heftig, von den Diskussionen über die Wiedereingliederung belasteter und entnazifizierter Personen in den fünfziger Jahren bis zu der Kritik an der NS-»Vätergeneration« 1968. Der Höhepunkt dieser Erinnerungskriege war der Historikerstreit 1986, der noch einmal das konservative und linke Lager gegeneinander in Stellung brachte. Mindestens so wichtig wie diese ideologischen Gegensätze war aber eine andere Entwicklung: Erst in den achtziger Jahren fand die Erinnerung I im Holocaust ihr unangefochtenes Zentrum.1

Im Rückblick wird jedoch noch etwas ganz anderes deutlich: Die Erinnerung I war keineswegs nur ein deutsches Produkt. Das wird zu selten gesehen. Gewiss: Die Gesellschaft war stolz auf ihre »Vergangenheitsbewältigung«; der Begriff selbst wurde zum Exportschlager und zwang Übersetzer in anderen Sprachen zu gewagten Neologismen. Durchaus zu Recht: Die kritische Distanz vom Nationalsozialismus hat sich die deutsche Gesellschaft hart erarbeitet (wie viele Widerstände im Spiel waren, kann man am Beispiel von Fritz Bauer oder den Romanen von Ursula Krechel gut nachvollziehen). Aber die Rede vom kollektiven »Lerneffekt«, von der Emanzipation, von einer Gesellschaft, die sich Münchhausen gleich am eigenen Schopf aus dem braunen Sumpf zieht, wie etwa noch Daniel Goldhagen meinte, sie bleibt doch sehr einseitig.2 Mit etwas Abstand betrachtet ist klar, dass die deutsche »Vergangenheitsbewältigung« eng eingebunden war in transnationale Zusammenhänge – und nur in ihnen möglich.

Erinnerung ist ja nicht nur, nicht einmal in erster Linie, eine zeitliche Beziehung von der Gegenwart zur erinnerten Vergangenheit, auch wenn es häufig so aussieht; ihre Dynamik erklärt sich vor allem durch den Kontext in der Gegenwart, einen Kontext, der nationale Grenzen stets überschreitet. In der Bundesrepublik kamen viele solcher Faktoren zusammen und trugen zur Entstehung der Erinnerung I bei: die alliierte Besatzung, die Umerziehungsmaßnahmen, die Ansprüche der Jewish Claims Conference, bis hin zum Eichmann-Prozess in Jerusalem oder 1979 die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie Holocaust – die Geschichte der Familie Weiss. Eine ganz zentrale Rolle spielte dabei der allmähliche europäische Einigungsprozess: Die kritische – und das hieß hier: selbstkritische – Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust war die politische und kulturelle Voraussetzung für Deutschlands Wiedereingliederung, für seinen »Weg nach Westen«.3

Vergleich mit Japan

Wie zentral diese transnationale Einbettung war, macht ein vergleichender Blick nach Japan sehr gut deutlich. Die Ausgangslage war dort ganz ähnlich. Auch wenn es kein Pendant zum Holocaust gab, war die Zeit vor 1945 auch hier zur Negativfolie geworden, von der sich die Demokratie der Nachkriegszeit absetzte: Faschismus, Militarismus, Diktatur, Unterdrückung im Innern und nach außen, Angriffskrieg, zahlreiche Kriegsverbrechen. Der Tokyoter Prozess war nach dem Modell der Nürnberger Prozesse konstruiert. Und auch die amerikanische Besatzung – die ihre Sicht auf die Vergangenheit über Radioprogramme mit dem Titel »Die ganze Wahrheit« verbreitete – war eine Gemeinsamkeit. Deutschland und Japan saßen nach 1945 im selben Erinnerungsboot.

Aber eben nicht ganz. Was anders war: Die Integration in der Region fand in Ostasien nicht statt. Es gab keine Asiatische Union, keine Entsprechung zur Europäischen Gemeinschaft oder heute der EU. Für Japan spielten daher die Nachbarländer für den Umgang mit der Vergangenheit kaum eine Rolle. Im Gegenteil: Die Zweiteilung der Welt im Kalten Krieg löste Japan aus Asien heraus. Nicht nur politisch und ökonomisch, sondern auch erinnerungskulturell war die japanische Gesellschaft fortan beinahe ausschließlich auf die Vereinigten Staaten bezogen. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Die Bundesrepublik legte deutsch-französische Austauschprogramme auf, setzte auf Verständigung mit den Nachbarn (während gleichzeitig die Systemkonkurrenz mit der DDR zu einer Auseinandersetzung mit den sehr viel kritischeren Deutungen aus Ost-Berlin zwang). Solche Stimmen aus den Nachbarländern, so zentral für die deutsche Diskussion, blieben in Japan ungehört. Während die Bundesrepublik immer europäischer wurde, wurde Japan von Asien getrennt.

Ein Beispiel: Der Zweite Weltkrieg wurde, übrigens auf Geheiß der amerikanischen Besatzungsmacht, in Japan als »Pazifischer Krieg« bezeichnet, obwohl doch die Mehrzahl der Kampfhandlungen in China und Südostasien stattgefunden hatte. Der Begriff verschob den geografischen Schwerpunkt: Nicht China, wo japanische Armeen beinahe vierzehn Jahre lang gekämpft hatten (mit fast 20 Millionen Toten auf chinesischer Seite), sondern die Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten galt so als Zentrum des Krieges. Nicht in den Verbrechen auf dem chinesischen Festland lag der kriminelle Gehalt des Krieges verborgen, sondern im »unverfrorenen« Angriff auf die westliche Zivilisation. Man muss sich das einmal vorstellen: Das wäre so, als würde man in Deutschland nur über den Bombenkrieg mit England sprechen: nichts über die Ostfront und die Verbrechen dort; nichts über die Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, die in deutschen Lagern umkamen, und so fort. Die asiatischen Nachbarländer waren aus dem japanischen Erinnerungsdiskurs verschwunden – ganz anders als im Fall der Bundesrepublik. Kein Wunder, dass es zum Kniefall Willy Brandts in Warschau kein japanisches Pendant gab: Angesichts der einseitigen Ausrichtung an den Vereinigten Staaten gab es für japanische Entschuldigungen in Korea oder China weder Anlass noch Anreiz.4

1990 und die Expansion von Erinnerung I

Eine Vergangenheitspolitik, die das Land mit seinen Nachbarn kompatibel machte, setzte in Japan im Grunde erst nach 1990 ein. Dann allerdings mit voller Wucht: Die Grenzziehungen des Kalten Kriegs fielen weg, und Japan wurde wieder zu einem Land in Asien. In jeder Hinsicht: 1993 überstieg der Handel mit China erstmals den Austausch mit den USA. Vor diesem Hintergrund erhielten die Stimmen der asiatischen Opfer der japanischen Expansionspolitik – am bekanntesten die der Sexsklavinnen aus Korea – auch in Japan ein Gewicht, das ihnen jahrzehntelang nicht zugekommen war. Seitdem tobt ein heftiger Konflikt der Erinnerung, eine Art Kulturkampf. An seiner Schärfe lassen sich die Schwierigkeiten ablesen, mit der Veränderung der geopolitischen Lage Japans zurechtzukommen: vom amerikanischen Schutzschild in der Zeit des Kalten Kriegs zur Globalisierung, dem dramatischen Aufstieg Chinas und der Wiederkehr Asiens.5

In der Bundesrepublik stellte 1990 erst einmal keine tiefe Zäsur dar – jedenfalls nicht erinnerungspolitisch. Im Gegenteil: Die Erinnerung I wurde bestätigt, galt geradezu als Teil der moralischen Überlegenheit der Bundesrepublik; auch erinnerungspolitisch, so jedenfalls die Selbstwahrnehmung, hatte die Bundesrepublik (Holocaust) gegen die DDR (verordneter Antifaschismus) gesiegt. Der Fall des Eisernen Vorhangs führte zu einem umfassenden Transfer von West nach Ost: Die Volkswirtschaften in Osteuropa kollabierten, die politischen Systeme wurden angepasst – und auch der Umgang mit der jüngeren Vergangenheit gehörte zu den Standards, die nach 1990 nach und nach für ganz Europa, auch für die postsozialistischen Staaten, verbindlich wurden. Die Errichtung des Holocaust-Mahnmals, beschlossen 1999 durch den Bundestag, dokumentierte die Hegemonie der Erinnerung I im Zentrum der deutschen Hauptstadt. Die »Stockholmer Erklärung« aus dem Jahr 2000 deklarierte die Erzählung vom Holocaust als Zivilisationsbruch und die Kritik am Antisemitismus zu Elementen des gemeinsamen europäischen Erbes. Seit 2005 gilt für alle Mitgliedstaaten der EU der 27. Januar als verpflichtender Holocaust-Gedenktag.6

Im Grunde wiederholte sich hier die Geschichte: So wie die Europäisierung der Bundesrepublik mit der selbstkritischen Auseinandersetzung mit Krieg und Genozid einhergegangen war, galt das nun für die »neuen« europäischen Staaten auch. Eine Art Strukturanpassungsprogramm: Wer zu Europa gehören wollte, musste nicht nur das Rechtssystem anpassen, sondern auch die Deutung der Vergangenheit. Diese Anpassung an die Erinnerung I war dabei alles andere als konfliktfrei; wie in Japan nach 1990 führte sie auch in Osteuropa zu heftigen Reaktionen, zu einem regelrechten Bürgerkrieg der Erinnerung.

Das beste Beispiel ist die polnische Debatte über Jedwabne, die durch ein im Jahr 2000 erschienenes Buch des polnischen Historikers Jan Gross ausgelöst wurde.7 Gross argumentierte, dass das im Juli 1941 an den jüdischen Bürgern der Stadt Jedwabne verübte Massaker nicht auf deutsche Befehle, sondern auf die Aktivitäten der polnischen Bevölkerung zurückging. Er stellte damit den Konsens der Zeit des Kalten Kriegs – Polen als Opfer, als Hort des Antifaschismus – grundlegend in Frage. Nicht zufällig wurde die kritische Befassung mit der eigenen Täterrolle im Holocaust während der Beitrittsverhandlungen Polens mit der EU zum Thema: EU-Mitgliedschaft und Erinnerungspolitik gehören zusammen. Das machte die Akzeptanz nicht unbedingt leichter: Zwar ist das 2006 verabschiedete Gesetz, das die Behauptung einer polnischen Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen unter Strafe stellte, inzwischen wieder kassiert. Aber bis heute werden Historikerinnen, die zur Rolle polnischer Akteure an der Judenvernichtung forschen, diskreditiert und gerichtlich belangt.8

Die neunziger Jahre waren mithin eine Epoche der europäischen Erweiterung, ja zum Teil der Globalisierung der Erinnerung I. Das wurde in Deutschland keineswegs nur mit Beifall bedacht. Dass andere Länder ihre je eigenen Opfergeschichten durch die Holocaust-Rhetorik international salonfähig machen wollten – etwa die Bezeichnung der ukrainischen Hungersnot von 1932/33 als »Holodomor« –, stieß auf Kritik. Und als 1993 in Washington das Holocaust-Museum eröffnet wurde – eines von mittlerweile 22 Holocaust-Museen in den Vereinigten Staaten –, galt das vielen Kommentatoren als Anmaßung, als amerikanische Aneignung einer eigentlich und genuin deutschen Schuld. Ohne Zweifel: Das späte 20. Jahrhundert erlebte eine Stabilisierung und Institutionalisierung der Erinnerung der Nachkriegszeit, die nun weit über Deutschland hinausging.9 Aber ironischerweise ist es gerade dieses Ergebnis der unangefochtenen Hegemonie von Erinnerung I, das heute den Gralshütern dieser Erinnerung, die auf der Unvergleichbarkeit des Holocaust bestehen, ein Dorn im Auge ist.

Kolonialismus und Erinnerung II

Seit Beginn des neuen Jahrhunderts hat nun ein zweites erinnerungspolitisches Thema Konjunktur: der Kolonialismus. Scheinbar wie aus dem Nichts war das Thema plötzlich da – nachdem jahrzehntelang vielen Menschen gar nicht bewusst war, dass Deutschland überhaupt Kolonien besessen hat. Wie konnte es zu solch einem Comeback kommen? Die klassischen Erklärungsmuster der Erinnerungsliteratur helfen da kaum weiter: Trauma, Amnesie, Wiederkehr des Verdrängten. Vielmehr kann man die Aktualität des Themas nur verstehen, wenn man sie als Reaktion auf ganz grundlegende Veränderungen der Gegenwart versteht. Die Erinnerung II – die Erinnerung an koloniale Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt – muss im Zusammenhang neuer sozialer, kultureller und geopolitischer Herausforderungen begriffen werden.

Worum geht es konkret? Vier Felder haben sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert, auf denen in der Öffentlichkeit der Umgang mit der kolonialen Vergangenheit ausgehandelt wird: erstens die 2001 und 2019 eingereichten Klagen der Herero vor einem Gericht in New York mit dem Ziel, die Bundesrepublik zu Entschädigungszahlungen für den 1904 bis 1907 in Namibia (damals: Deutsch-Südwestafrika) verübten Völkermord zu zwingen. Zweitens die in immer mehr deutschen Städten geführten Debatten über die Umbenennung kolonialer Straßennamen, die von den vielen lokal operierenden postkolonialen Initiativen in Gang gebracht wurden. Drittens der öffentliche Konflikt um das Humboldt-Forum, das wiederaufgebaute Hohenzollernschloss in der Mitte Berlins. An der Stelle des Palasts der Republik und damit zunächst als Zeichen des Sieges über die DDR errichtet, sollte es dann ein Symbol für den Kosmopolitismus und die Weltoffenheit des neuen Deutschland sein, um nun zu einem Erinnerungsort für koloniale Herrschaft zu werden. Und viertens, eng damit verbunden, die Diskussion um die Restitution von Kunstobjekten, die in der Zeit des europäischen Imperialismus nach Deutschland gekommen waren.

Diese breitgeführten Diskussionen haben die öffentliche Wahrnehmung von Deutschlands und Europas kolonialer Vergangenheit und die Sensibilität im Umgang mit diesen Themen bereits grundlegend verändert. Man muss sich noch einmal vor Augen führen, wie groß diese Veränderung war: Die Kluft, die uns in dieser Hinsicht von den 1980er Jahren trennt, von der Hochphase der Erinnerung I, lässt sich heute kaum mehr ermessen. Die Perspektivenverschiebung kann man am Beispiel des Herero-Kriegs besonders gut verdeutlichen. Der Krieg gegen die Herero (und Nama) wurde von deutscher Seite mit großer Brutalität geführt und endete in einer dramatischen Dezimierung der Herero-Bevölkerung. Der Herero-Krieg hat insbesondere durch den »Vernichtungsbefehl« General von Trothas traurige Berühmtheit erlangt. Trotha hatte angekündigt, den Krieg bis zur völligen Ausmerzung der Herero zu führen und dabei auch Zivilisten, Frauen und Kinder nicht zu schonen. Ein Großteil der auf sechzig- bis achtzigtausend Personen geschätzten Herero fiel dem genozidal geführten Krieg zum Opfer. Die deutsche Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bat anlässlich eines Besuchs in Namibia 2004 »um Vergebung unserer Schuld«. Die Bundesregierung hat im Jahr 2016 den Herero-Krieg offiziell als Völkermord anerkannt.

In den 1980er Jahren war von dieser kritischen Sicht noch nicht viel zu spüren. Der Erlanger Historiker und FAZ-Leitartikler Michael Stürmer etwa erzählte in seiner Überblicksdarstellung des Deutschen Kaiserreichs den Krieg ganz unbefangen als deutsche Opfergeschichte: »Diese Kriege«, so heißt es da, »ähnelten in nichts dem Kriegsbild, mit dem Soldaten und Offiziere aufgewachsen waren […] Statt begrenzter Kriegsführung blinde Wut, […] Wasserstellen wurden zu Hinterhalten, gefangene deutsche Schutztruppensoldaten wurden qualvoll gemartert.« Von den Ursachen dieses Befreiungskriegs, von den Motiven der Aufständischen ist nicht die Rede; die Perspektive bleibt durchgehend die der Kolonisatoren: »Die Psychologie dieser Kriege war für die Deutschen ein Alptraum.«10 Kein Druckfehler: Stürmer schrieb tatsächlich: »für die Deutschen«! Stürmer, damals auch außenpolitischer Berater der Regierung Kohl, deckte den von Deutschen verübten Genozid mit rassistischen Formulierungen zu: »Alle taktischen Lehren, alle Strategie Europas war hinfällig, wo der Gegner überall und nirgends war, der Schlacht auswich und aus dem Dunkel der afrikanischen Nacht zuschlug, hilflos und zugleich heimtückisch und grausam. Krieg war in Afrika nicht Krieg, Friede nicht Friede.«

Die Situation hat sich seit damals grundlegend verändert. Michael Stürmers Text wäre heute so nicht mehr denkbar. In den Nachkriegsjahrzehnten wurden vor dem Hintergrund der europäischen Integration antisemitische Äußerungen nicht mehr sagbar; ganz ähnlich stehen heute rassistische Äußerungen außerhalb des legitimen Diskurses. Man muss allerdings festhalten, dass die Erinnerung an koloniale Herrschaft und Gewalttaten immer noch ganz am Anfang steht; von einer breiten Akzeptanz und Institutionalisierung, die auch im Fall der Erinnerung I mehr als dreißig Jahre gedauert hat, ist sie noch weit entfernt. Dennoch lohnt sich die Frage, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass koloniale Themen so stark in den Vordergrund gerückt sind und zunehmend als Bedrohung der Erinnerung I wahrgenommen werden. Und: Muss man sich zwischen beiden entscheiden?

Von Erinnerung I zu Erinnerung II

Der Historiker Charles Maier hat einmal von den beiden »moralischen Narrativen« gesprochen, die miteinander um die Deutung des 20. Jahrhunderts wetteifern: Holocaust /Stalinismus vs. Kolonialismus; eine westliche Erzählung gegen das Narrativ des globalen Südens.11