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Der Philosoph Robert Hugo Ziegler fragt sich nach der Bedeutung der ausländerfeindlichen Sylter Hassgesänge: Wie genau kommen hier Rassismus, Spaß, Transgression und Bürgertum zusammen? Danilo Scholz verfolgt die diskursiven Spuren, die vom französischen Kolonialismus und vom Algerienkrieg zur Situation in Palästina/Israel führen. (Er verfolgt das so genau, dass im kommenden Heft ein zweiter Teil folgt.) Über den Wandel des Begriffs der "Masse" – und seine angesichts des Populismus neue Aktualität – denkt Christian Geulen nach. Für die erste Folge seiner Theaterkolumne ist Ekkehard Knörer in Ostdeutschland unterwegs. Adom Getachew beschäftigt sich, auch aus autobiografischer Perspektive, mit dem Autor und Wissenschaftler Louis Chude-Sokei, der die Vielfalt der afrikanischen Diaspora betont. Die neue Frantz-Fanon-Biografie von Adam Shatz hat Andreas Eckert gelesen. Albrecht Koschorke legt dar, was in der aktuellen politischen Situation nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Einzelnen zu zerreißen droht. Über unser sich rasant prekarisierendes Leben im Anthropozän und die Möglichkeit des Aufschubs der Katastrophe schreibt Christoph Paret. Im Vorabdruck aus David Wagners neuem Roman ist nicht nur die Titelheldin Verkin, sondern auch der Istanbuler Stadtteil Galata im Bild. In Susanne Neuffers Erzählung Überlaufende Beichte geht es um einen Mann, der (fast) alle Menschen zum Reden bringt.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2024
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 903, August 2024, 78. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 € / 176 sFr; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 € / 114 sFr; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 € / 176 sFr; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 € / 36 sFr. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12308-1
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Robert Hugo Ziegler: Die Sylter Pfingstgemeinde und der grenzenlose Spaß
Rassismus wird Pop
Danilo Scholz: Der Algerienkrieg als Matrix für den Nahostkonflikt? (I)
Christian Geulen: Gesellschaft im Rohzustand
Der Populismus aus Sicht der Massentheorie
KRITIK
Ekkehard Knörer: Theaterkolumne
Osten
Adom Getachew: Black Atlantics
Andreas Eckert: Und noch einmal: Frantz Fanon
MARGINALIEN
Albrecht Koschorke: Fluch der Macht
Christoph Paret: Die Gesellschaft des Suspense und der Katechon der Ökologie
David Wagner: Galata
Susanne Neuffer: Überlaufende Beichte
Vorschau
Robert HugoZiegler, geb. 1981, Akademischer Oberrat am Institut für Philosophie der Universität Würzburg. 2024 sind Von der Natur; Kritik des reaktionären Denkens sowie Spinoza und das Flirren der Natur erschienen. www.philosophie.uni-wuerzburg.de/institut/allelehrsthlefrphilosophie/robertzieglerma/
DaniloScholz, geb. 1984, Historiker und Publizist. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. [email protected]
ChristianGeulen, geb. 1969, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Koblenz. 2017 erschien die vierte Auflage von Geschichte des Rassismus. [email protected]
AdomGetachew, Professorin für Politikwissenschaften sowie Race, Diaspora & Indigeneity an der University of Chicago. 2022 erschien Die Welt nach den Imperien. (2019 als Worldmaking after Empire: The Rise and Fall of Self-Determination). – Der Beitrag erschien unter dem Titel Black Atlantics in der New York Review of Books vom 20. Juni 2024.
AndreasEckert, geb. 1964, Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2021 erschien Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. [email protected]
AlbrechtKoschorke, geb. 1958, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. 2016 erschien Adolf Hitlers »Mein Kampf«. Zur Poetik des Nationalsozialismus. [email protected]
ChristophParet, geb. 1985, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Wien. 2023 erschien Wer hat Angst vorm alten weißen Mann? Maren Ades Rendezvous mit Alain Badiou. [email protected]
DavidWagner, geb. 1971, Schriftsteller. 2021 erschien Verlaufen in Berlin. – Bei dem Beitrag handelt es sich um den Vorabdruck eines Kapitels aus dem Roman Verkin, der im August erscheinen wird.
SusanneNeuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann; 2022 Sandstein. Zwei Novellen.www.susanne-neuffer.de
DOI 10.21706/mr-78-8-3
Der Skandal um die rassistischen Gesänge der deutschen Bürger auf Sylt hat den üblichen (sozial)medialen Empörungs-Schweinezyklus durchlaufen: Erst großes Entsetzen über die Verrohung der vermeintlich zivilisierteren Schichten, im Gegenzug dann Abwiegelung, Relativierung. Der Philosoph Robert Hugo Ziegler nimmt sich die Angelegenheit mit etwas Abstand und analytischer Genauigkeit noch einmal vor und fragt: Was genau ist hier eigentlich passiert? Was geht in den Singenden und Feiernden vor? Und vor allem: Warum bereitet die Grenzüberschreitung zum Rassismus diesen Menschen, die sich kaum als Rassisten begreifen, sichtlich so großen Spaß?
Die politische Polarisierung in vielen westlichen Gesellschaften und besonders der Hass auf die Regierenden sind Phänomene, deren affektive Überschüsse verstören. Albrecht Koschorke versucht in seinem Essay Fluch der Macht zu klären, was im Hintergrund dieses drohenden »Infarkts der kollektiven Krisenbewältigung« liegt. Die vielfachen Populismen beschreibt er dabei als Reaktionsmuster, die erfolgreich sind, weil sie Komplexität kollektiv und individuell bearbeitbar machen.
Immer wieder wird zur Erklärung des Nahost-Konflikts auf die Dekolonisierung Algeriens als mögliche Matrix der aktuellen Lage verwiesen – sei es, um den Terror vom 7. Oktober zum legitimen Widerstand zu erklären, sei es zur pauschalen Antisemitismus-Unterstellung gegenüber der postkolonialen Linken. Für Danilo Scholz ist das der Anlass zu einer gründlichen (Re)Lektüre einschlägiger Texte – im ersten Teil, den wir in diesem Heft drucken, geht es vor allem um Edward Said und Frantz Fanon (über die neue Fanon-Biografie von Adam Shatz schreibt Andreas Eckert in einem weiteren Text). Ein zweiter Teil, der sich unter anderem mit Fayez Sayegh und einem Themenheft von Jean-Paul Sartres Zeitschrift Les Temps modernes befasst, folgt im kommenden Heft.
CD / EK
Beiträge
DOI 10.21706/mr-78-8-5
Robert Hugo Ziegler
Rassismus wird Pop
Ein kurzes Video, mit dem Handy aufgenommen. Darauf eine Festgesellschaft, offenkundig gut betucht. Nicht nur, weil sie in einem feinen Lokal in Kampen feiert; auch Kleidung und Stil weisen sie unzweideutig einer gehobenen Klasse zu. Im Vordergrund eine junge Frau, Mitte, Ende zwanzig, blonde Haare, die Sonnenbrille lässig ins Haar geschoben, weißes Hemd, den dunkleren Pulli locker darübergelegt. Fast ein Modeklischee. Sie lächelt in die Kamera, vielleicht hält sie das Handy, zumindest wirkt es so. Es läuft Musik, die man nicht gut hört, die junge Frau lacht und singt mit. Sie singt: »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« Im Hintergrund steht ein Mann, etwa gleiches Alter, auf einem Stuhl oder Tisch, Zeige- und Mittelfinger der linken Hand unter die Nase gelegt, das Hitler-Bärtchen andeutend, die rechte macht eine uneindeutige Geste, eine Mischung aus Hitlergruß und Taktschlagen mit der flachen Hand. Vielleicht konnte er sich nicht ganz entscheiden. Die Musik im Hintergrund ist ein Song von Gigi D’Agostino, L’amour toujours von 2001. Die fremdenfeindliche Neubetextung kursiert in gewissen Kreisen offenbar seit 2023.
Die Aufnahmen sind zu Pfingsten 2024 in Kampen auf Sylt entstanden und wurden sofort zu einem Skandal, und das zu Recht. Mich interessiert hier aber nicht die Verurteilung des unverhohlenen Rassismus, nicht die Empörung und Entrüstung. Mich interessiert, was da passiert ist – und ich will das, bei aller Abscheu, nach seinen eigenen Maßstäben zu verstehen suchen. Was ist da also geschehen? Was genau?
Die Frage könnte überflüssig erscheinen: Da haben sich ein paar reiche Schnösel getroffen, gefeiert, sicher getrunken und dann ihrem sonst gut verkleideten Chauvinismus freien Lauf gelassen. Die Heftigkeit vieler Reaktionen kommt dann vielleicht auch daher, dass man endlich einmal sieht, was man auch wissen könnte, meist aber zu ignorieren vorzieht: dass Rassismus keine Sache nur für den tumben Pöbel ist, dass nicht einfach die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht der Motor der rechten Radikalisierung ist, sondern dass die Oberschicht genauso ihre Rolle spielt im Wiedererstarken rechter und rassistischer Agenden wie alle anderen Klassen auch. Eigenartig, dass das so schwer zu fassen ist. Die Narrative, wonach es die piefigen Kleinbürger sind, die den Faschismus besonders herzlich umarmen, scheint selbst eine wichtige Funktion in der Erledigung des Faschismusproblems zu erfüllen. Aber auch darum geht es mir hier nicht.
Ich gehe aus von zwei Beobachtungen, die vielleicht weniger eindeutig sind, aber die man ernst nehmen muss, um zu verstehen, was genau da geschehen ist. Ich habe das Video im Internet, auf YouTube, gefunden, und zwar in einer kurzen Meldung vom Welt-Nachrichtensender (ehemals N24).1 Als ich die Kommentarspalte durchgescrollt habe, ist mir aufgefallen, dass die meisten der Kommentare – zumindest die meisten, die mir angezeigt wurden – das Geschehen zu bagatellisieren und die Reaktionen darauf zu diskreditieren versuchten. Auch das war keine große Überraschung; anders steht es schon bei den Mitteln, mit denen das erreicht werden sollte: Neben dem Naheliegenden, vor allem dem allgegenwärtigen »whataboutism« (»Aber wenn einer nach dem Kalifat schreit, schert das keinen!«), stach vor allem eine Argumentationslinie immer wieder heraus: »Man darf wohl keinen Spaß mehr haben!« Dieses Argument, das sei doch alles nur Spaß gewesen, man habe wohl Dampf abgelassen, ordentlich gefeiert, und man solle das doch nicht überbewerten, begegnete einem im Kommentarfeld immer wieder.
Nun wäre die Entgegnung auf dieses Argument natürlich einfach: Man könnte zum Beispiel darauf verweisen, dass die Taktik inzwischen altbekannt ist: etwas zu setzen, was gegen die aus gutem Grund etablierten Tabus verstößt, und dann, wenn die Empörung hochkocht, erklären, das sei doch nur Spaß gewesen, man dürfe das nicht so ernst nehmen, und die, die es doch täten, wollten sich wohl nur wichtigmachen, und überhaupt verstünden sie, wie man ja sehe, keinen Spaß. Diese Taktik dient sowohl der Strategie einer fortdauernden Verschiebung der gesellschaftlichen Orientierungspunkte nach rechts als auch der, die liberalen und linken Kritiker als miesepetrige Spielverderber und lebensfeindliche Rigoristen dastehen zu lassen. Die ganze Sache ist inzwischen allzu bekannt – und leider immer noch hoch wirksam. (Warum, das wird noch klarer werden.)
Man könnte auch einfach sagen: Wenn deine Vorstellung von Spaß zwingend rassistische Ausfälle beinhaltet, stimmt doch wohl etwas mit dir und deiner Vorstellung von Spaß nicht. Im Grunde ist das doch ein ganz unsinniges Argument, da es ja implizit unterstellt, es gäbe keine anderen Arten von Spaß: So, als wäre es keine Party, wenn man nicht jemanden beschimpfen darf.
Aber mir geht es um etwas anderes: Wenn man nämlich das Video anschaut, dann stellt man eines fest: Die Leute hatten mächtig Spaß! Der Kommentar, der als Entschuldigung nicht funktioniert, verweist auf etwas ganz Richtiges. Vor allem die junge Frau – auch, weil man sie am besten wahrnimmt auf diesem kurzen Video – strahlt eine solch unbekümmerte Gelöstheit aus, eine – das Wort wirkt völlig deplatziert, aber es gehört hierher – unschuldige Freude, dass man von dort anfangen muss. Sie lacht und ist übermütig und kichert und singt die rassistische Parole mehr, als sie sie grölt. Ihre Heiterkeit ist fast ansteckend. Und das ist genau der Punkt, der mich interessiert.
Man muss sich nur vergegenwärtigen, mit welchen Bildern diese Parole sonst verbunden ist. Ich denke da an dunkle Keller, in denen sich Nazis zum Rechtsrockabend zusammengefunden haben, oder an die Menschentrauben vor den Flüchtlingswohnheimen in Hoyerswerda. Davon ist man meilenweit entfernt. Die tumben, brunftschreiartigen Sprechgesänge, die man dort hörte oder mindestens vermutete und die man für das Wesen des Rechtsextremismus hielt, haben sich hier in eine ausgelassene Feier der Verachtung verwandelt. Natürlich hatten auch die Neonazis vor den Wohnheimen in Hoyerswerda ihren Spaß. Aber das ist doch wohl ein anderer Spaß als der, den die Kaschmirpulli-Träger in Kampen hatten. Was kann das heißen, dass Rassismus Spaß macht?
Man muss eine eigentümliche Umkehrung der Rollen konstatieren. Vor allem in den Sechzigern und frühen Siebzigern waren es die Linken, die als die Avantgarde einer heiteren Befreiung der Menschen auftraten. Der Nimbus, den man sich – zu Recht oder nicht – damals zugelegt hatte, wirkte noch lange nach. Nicht nur waren die Ziele solche einer verallgemeinerten Befreiung, einer ständigen Durchbrechung der beengenden Schranken, einer Überschreitung derjenigen Grenzen, deren quasipolizeiliche Durchsetzung schmerzhaft ist und unablässig Pathologien erzeugt: Nicht nur also sollte durch die Arbeit einer radikalen und rücksichtslosen Befreiung eine soziale Existenz in Heiterkeit und Ausgelassenheit, in Spontaneität und Freude erreicht werden, so sehr, dass die zentrale Rolle der Sexualität und ihrer Befreiung für die Achtundsechziger und ihre Nachfolger kein Zufall war, sondern das freie Ausleben der Sexualität jenseits aller Grenzen geradezu paradigmatische Bedeutung für die politische Arbeit selbst erlangte. Sondern auch die Mittel der Befreiung sollten primär solche sein, die sich durch dieselbe Spontaneität, Ausgelassenheit, Nonkonformität, gelegentlich nachgerade Albernheit auszeichneten.
Die kreative Neuerfindung von allerlei Techniken der Provokation, der Störung, der Überschreitung ließ Mittel und Zwecke zusammenfallen und begründete zugleich eine neue Lust an der Politik, die diese als eine Sache für Lausbuben und -mädchen erscheinen ließ. Auch von dieser Seite ist klar, dass die Sexualität paradigmatisch für diese Arbeit an der Befreiung wurde (eine Arbeit, die demnach ebenso sehr ein Spiel sein durfte), denn wenn man guten, befreienden, befriedigenden, urteilslosen Sex haben will, dann gibt es nur den einen Weg: ihn zu haben. Mittel und Zweck fallen hier unmittelbar zusammen.
Das Problem ist aber, dass diese Sichtweise und diese Praxis von Politik leicht einer allzu naheliegenden, aber schwerwiegenden Verwechslung unterliegen. Denn es ist zweifelsohne richtig, dass beispielsweise die rigiden Disziplinierungen von Sexualität vor allem junger Frauen, die bis in die sechziger und siebziger Jahre fast durchgängig herrschten, schlicht und ergreifend tyrannisch und destruktiv sind; die Grenze, die hier überschritten wurde, war nicht nur eine willkürliche, sondern auch eine ungerechte. Ihre Überschreitung war ein Akt echter Befreiung oder zumindest Auftakt dazu, ein erster Schritt zu einer umfassenderen Befreiung. Das heißt aber noch lange nicht, dass jede Überschreitung deshalb auch schon Befreiung ist.
Genau das aber scheint der große Irrtum zu sein, der implizit oder explizit seit den späten Sechzigern durch emanzipatorische Philosophie und Praxis geisterte. In einem überaus kritischen Text hat Mark Lilla konstatiert, dass Foucault als ein privater Abenteurer in Sachen Transgression einzuschätzen sei, der sich eher zufällig zwischendurch auch in die Politik verirrt habe.2 Ob diese Diagnose zutreffend ist, muss hier nicht interessieren, entscheidend ist, was daraus folgt: Transgression ist nicht per se eine emanzipatorische Geste. Es kommt eben immer darauf an, was man überschreitet.3 Auch ein Hitlergruß ist eine Transgression. Dass die neuen Rechten sich strategisch großzügig bei den alten Linken bedienen, muss dann nicht mehr verwundern.
Andererseits kann es immerhin sein, dass jede Überschreitung eine spezifische Lust produziert. Das ist die These Lacans. In der Überschreitung der Grenze entsteht die »jouissance«, die sich vielleicht als eine rauschhafte, orgiastische Lust beschreiben lässt, die aber zugleich offenkundig politische Obertöne hat: Nicht nur kann in dieser (also der lacanianischen) Perspektive die Aufgabe nie in der Abschaffung der Grenzen bestehen, weil die »jouissance« auf deren Überschreitung angewiesen ist; eine völlige Diskreditierung des »Gesetzes«, wie Lacan es nennt, würde damit die »jouissance« ganz einfach unmöglich machen. Daher bleibt diese Perspektive statisch und (in einem weiten Sinn) konservativ – Lacan ist und bleibt guter Katholik.
Aber nicht nur das, sondern diese Konzeption von »jouissance« begreift diese, insofern sie Überschreitung ist, als eine Machtergreifung und -demonstration. Es ist dabei letztlich nicht irgendeine empirische Macht, die ich mir (sei es auch flüchtig) »aneigne«, sondern im Gegenteil erhalte ich Anteil an der einen großen Macht des Gesetzes und des großen Anderen. Das heißt, dass die »jouissance« mich in die Position dessen setzt (allerdings nicht dauerhaft und stabil), der außerhalb des Gesetzes steht, weil er es erlässt. Die Lust der »jouissance« ist dann der Taumel der momenthaften Abwesenheit des Gesetzes, als dessen Träger ich mich selbst verkennen kann – weshalb folgerichtig Perversion durch die Anmaßung definiert ist, sich selbst das Gesetz zu geben. Es geht da also um einen Moment absoluter Macht, der zugleich auf einen absoluten Machthaber verweist, der diese absolute Macht in einem engen Sinn verkörpert. Ob es den nun geben kann oder ob er nur eine psychische Instanz oder Projektion ist, ist dabei nebensächlich, solange diese Instanz oder Projektion oder Funktion wirkt. So ist man bei der Sehnsucht nach einem absoluten Machthaber, an dessen permanenter, konstitutiver Lust man teilhaben könnte.
Ja, so eine Überschreitung ist lustvoll. In ihr wirkt das Gefühl von Befreiung und Ermächtigung – und zwar einer Befreiung, die gerade nicht mehr an die gängigen Konzeptionen politischer Befreiung gebunden ist; diese Befreiung ähnelt vielmehr Fantasien wie der, in ein fremdes Land zu reisen, in eine neue Welt, ein ungeahntes Leben zu leben, ohne Restriktionen, ohne Urteile, ohne Druck und Beengung. Es ist der Schwindel, der einen erfasst, wenn man meint zu erkennen, dass nun wirklich alles erlaubt ist. Ähnliches haben vielleicht einige erhofft und ersehnt, die seinerzeit in die Kolonien gegangen sind, um dort vor einer Bevölkerung zu stehen, mit der man einfach machen konnte, was man wollte. Und manche haben es dort wohl auch gefunden.
Ist das die Befreiung, die die junge Frau in Kampen zelebrierte? Ich kann das natürlich nicht wissen, aber mir scheint, dass das noch nicht ausreicht als Beschreibung.
Meine Ausführungen könnten auf den Einwand stoßen, dass ich unablässig über die Beweggründe, Gefühle und das Innenleben von Leuten spekuliere, die ich nicht kenne. Müsste ich nicht mindestens Gespräche, am besten gleich wissenschaftlich strukturierte Interviews führen? Ist es legitim, sich dergestalt über die Gefühlslage von Menschen auszulassen, die man auf einem verwackelten Video gesehen hat, das ein paar Sekunden dauert?
Die methodische Schwierigkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Es kann sein, dass meine Deutungen ganz danebengehen. Etwa, wenn sich herausstellen sollte, dass die Feiernden auf Sylt alle bekennende Rechtsextreme wären. In diesem Fall aber würde auch gar keine philosophische Frage in Bezug auf das Phänomen bestehen, das ich zu umreißen suche. Meine Vermutung ist allerdings, dass die Sachlage etwas komplizierter ist und sich aus umfassenderen sozialen und politischen Ereignissen und Entwicklungen speist, deren Zeugen wir in den vergangenen Jahren werden konnten. Damit ist nichts Geheimnisvolles gemeint, sondern nur die Geschehnisse, die sich ganz öffentlich und medial weit verbreitet vollzogen haben. Im Übrigen stellt sich nicht einmal die Frage der Glaubwürdigkeit der Medien in diesem Fall – eine Frage, die, so wie sie heute meist gestellt wird, bereits Teil der Geschehnisse ist, die ich meine –, da es einfach um Entwicklungen und Wortmeldungen geht, die als solche gar nicht bezweifelt werden. Ich beschränke mich auf zwei Momente, die miteinander zu tun haben.
Auf der einen Seite steht die Tatsache, dass rechte, rechtsextreme, rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische, mit dem Faschismus liebäugelnde und faschistische Denkweisen, Redeformen und politische Zielsetzungen in vielen Ländern des globalen »Westens« an Boden gewonnen haben.4 In einigen Ländern sind mehr oder weniger offen rechte oder rechtsradikale Parteien und Politikerinnen an die Regierung gelangt. In praktisch allen Ländern des »Westens« haben die Wahlergebnisse dieser Parteien massiv zugelegt (im Fall von Deutschland verbunden mit der Radikalisierung der entsprechenden Partei).
Es geht hier nicht um die Ursachenanalyse, die man ohnehin nicht so einfach betreiben kann. Es geht zuerst nur um die triviale Feststellung, dass, wenn solche Parteien zunehmend an Wählerschaft und Zustimmung gewinnen, ihre ideologischen Grundzüge breitere Akzeptanz finden müssen, als sie sie vorher genossen. Es scheint mir wenig hilfreich, alles, was wir an rechter Mobilisierung sehen, auf die Aktivierung eines bereits bestehenden, aber latenten Rassismuspotentials zu schieben. Natürlich gab es immer Rassismus, latenten wie offenen, und manche, die früher ihre Gedanken lieber nicht laut ausgesprochen haben, tun das jetzt voller Stolz. Aber Umfragewerte von etwa 30 Prozent für die AfD in Thüringen wird man damit nicht mehr erklären können. Es ist – noch diesseits aller Deutung und Erklärung – so, dass es viele Menschen gibt, die die Radikalität der AfD (vor allem der Thüringer) akzeptieren und die das früher und bei Parteien mit vergleichbarer Rhetorik und Programmatik nicht taten. Sie akzeptieren das: Ob jubelnd oder widerwillig, genau das müssen zum Beispiel Umfragen klären; dass diese breitere Akzeptanz von oder Zustimmung zu rassistischen und rechtsextremen Politikformen da ist, steht diesseits der Deutung.
Auf der anderen Seite kontrastiert damit die mehr als anekdotische Tatsache, dass immer wieder solche, die in der einen oder anderen Weise rassistische Rhetorik oder Politik betreiben, versichern, sie seien keine Rassisten. Exemplarisch tat das zum Beispiel Donald Trump, als er erklärte: »I don’t have a racist bone in my body.« Man kann annehmen, dass Trump das auch in allem Ernst glaubt. Diese Annahme hat immerhin den Vorteil, dass sie bereit ist, eine Aussage auf ihrer öffentlichen Ebene zu würdigen, und nicht verborgene Absichten und Hintergedanken unterstellt, die per definitionem nicht öffentlich sind. Ich möchte weiterhin für die gegenwärtige Diskussion annehmen, dass die Feiernden von Kampen das ebenfalls von sich sagen würden. Es ist richtig, dass ich damit spekuliere, aber diese Annahme kann sich auf die lange Reihe aufrichtiger Rassismusleugnung stützen, und sie ist deshalb gerade nicht die wohlwollendste – schon gar nicht eine entschuldigende –, sondern in Wahrheit die verstörendste Hypothese, die (das ist zumindest die Vermutung) mit der ersten Tatsache in Zusammenhang steht.
Nehmen wir also zum Zweck der Analyse an, dass die Feiernden von sich sagen, sie seien »natürlich« keine Rassisten. Nehmen wir an, dass sie darin »ehrlich« sind – in dem Sinn, dass sie jedenfalls nicht eine ihnen ansonsten bekannte Wahrheit verschleiern, um soziale Ächtung zu vermeiden. Sie denken also vielleicht wirklich von sich, sie seien keine Rassisten. Manche werden zum Beweis darauf verweisen, dass sie doch eine iranische Freundin und einen schwarzen Kollegen haben, mit dem sie sich hervorragend verstehen.
Auch lässt sich die Frage nicht mit Definitionen lösen. Man könnte ja, die vermeintlichen Rassisten verteidigend, behaupten, der »linksgrüne Diskurs« habe nach und nach die Grenzen des Sagbaren so eng gezurrt, dass man fast nichts mehr sagen könne, ohne als rassistisch zu gelten. Dieses Narrativ ist sicher Unfug. Man kann sehr vieles sagen, ohne rassistisch zu sein. »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« gehört nicht dazu. Das ist aber ein interessanter Punkt, denn offenbar werden da heiter und spaßig alle Grenzen übersprungen. Hier werden nicht, wie etwa in den öffentlichen und halböffentlichen Kommunikationen der AfD regelmäßig, die Grenzen ein wenig ausgetestet, es wird nicht mit Zweideutigkeiten provoziert. Nein, da setzten sich welche entschieden weit ins Aus des öffentlich erlaubten Diskurses. So weit, dass keine Interpretation mehr möglich ist. Außer der einen – die auch nicht möglich ist, die aber eben bemüht wird, und nicht durch Zufall –, dass das Ganze doch nur Spaß gewesen sei. Diese Entschlossenheit scheint aber entscheidend zu sein.
