MERKUR 8/2025, Jg.79 -  - E-Book

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Beschreibung

Navid Kermani sieht das Ende des Westens, wie wir ihn kannten, gekommen – und hofft auf Europa, oder Teile davon. Hat sich die Vorstellung eines moralischen Fortschritts der Menschheit angesichts des katastrophalen Stands der Dinge erledigt? Nicht unbedingt, meint Axel Honneth. Helmut Müller-Sievers und Greg Laugero haben sich Christian Meiers epochales Athen-Buch zur Lektüre vorgenommen und staunen, wie sehr vieles darin an die amerikanische Trump-Gegenwart erinnert.   In ihrer Rechtskolumne erläutert Marietta Auer, was zweckwidriges Recht ist. Und sie hat auch ein gutes oder eher schlechtes Beispiel dafür: das so heftig umstrittene Wiss(enschafts)ZeitV(ertrags)G(esetz). Was hat das einst reiche Venezuela nur so ruiniert? Rachel Nolan kann nach der Lektüre neuerer Bücher zum Thema nicht alles, aber doch so manches erklären.   Jürgen Osterhammel erinnert an den von Joseph Nye formulierten Begriff der "Soft Power", zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die US-Regierung von jedem Anspruch darauf gründlich zu verabschieden scheint. Aus eigener Erfahrung kann der Soziologe Stefan Kühl schildern, warum Expertenkommissionen selten zu überzeugenden Ergebnissen kommen. Susanne Neuffer bekommt es mit dem Erinnern und dem Vergessen zu tun, und mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In Auszügen aus Marius Goldhorns neuem Roman Die Prozesse geht es um reale und virtuelle Wirklichkeiten. Und Anke Stelling sagt in ihrer Kolumne nur so viel und sicher nicht, wer.

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Cover

Impressum

Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken

Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.

Heft 915, August 2025, 79. Jahrgang

Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer

Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras

Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel

Lektorat / Büro: Ina Andrae

Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin

Telefon: (030) 32 70 94 14 Fax: (030) 32 70 94 15

Website: www.merkur-zeitschrift.de

E-Mail: [email protected]

Der Merkur wird unterstützt von der Ernst H. Klett Stiftung Merkur.

Partner von Eurozine, www.eurozine.com

Verlag und Copyright: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart, Tel. (0711) 66 72-0, Fragen zur Produktsicherheit: [email protected], www.klett-cotta.de · Geschäftsführer: Dr. Andreas Falkinger, Philipp Haußmann, Tom Kraushaar.· Leiter Zeitschriften: Thomas Kleffner, [email protected] · Media-Daten: www.merkur-zeitschrift.de/media · Manuskripte: Für unverlangt und ohne Rückporto eingesandte Manuskripte kann keine Gewähr übernommen werden. · Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 4. Juli 2025 · Gestaltung: Erik Stein · Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann-Satz GmbH & Co. KG, Lemförde

Bezugsbedingungen: Der Merkur erscheint monatlich. Preis 15 €; im Abonnement jährlich 152 €; für Studenten gegen Vorlage einer Bescheinigung 96 €; alle Preise jeweils zzgl. Versandkosten. · Die elektronische Version dieser Zeitschrift mit der Möglichkeit zum Download von Artikeln und Heften finden Sie unter www.merkur-zeitschrift.de. Der Preis für das elektronische Abonnement (E-Only) beträgt 152 €; für Studenten und Postdocs gegen Vorlage einer Bescheinigung 48 €; für Privatkunden, die gleichzeitig die gedruckte Version im Abonnement beziehen, 26 €. Im jeweiligen Preis der elektronischen Abonnements ist der Zugriff auf sämtliche älteren digitalisierten Jahrgänge enthalten. Preise für Bibliotheken und Institutionen auf Anfrage. Alle genannten Preise enthalten die zum Zeitpunkt des Kaufs gültige Mehrwertsteuer. In Drittländern jenseits der Schweiz (und außerhalb der EU) gelten die angegebenen Preise netto. · Die Mindestbezugsdauer beträgt ein Jahr. Erfolgt keine Abbestellung spätestens vier Wochen vor Ende des Bezugszeitraumes, verlängert sich das Abonnement auf unbestimmte Zeit; dieses kann sodann jederzeit mit einer Frist von einem Monat gekündigt werden. Es gelten unsere allgemeinen Bezugsbedingungen für Zeitschriftenabonnements (ABBs).

Abonnementverwaltung (falls vorhanden, bitte Ihre Kundennummer angeben): Leserservice Verlag Klett-Cotta, Postfach 13 63, 82034 Deisenhofen, Telefon (0 89) 8 58 53-868, Fax (0 89) 8 58 53-6 28 68. E-Mail: [email protected]

(D) 15 €  (A) 15,80 €  (CH) 18 SFr

ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179     www.merkur-zeitschrift.de

ISBN 978-3-608-12443-9

Übersicht

Umschlag

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Cover

Impressum

Autorinnen und Autoren

Zu diesem Heft

BEITRÄGE

Navid Kermani: Der Westen, in dem ich geboren bin

Axel Honneth: Der Standpunkt moralischen Fortschritts Eine Verteidigung im Geiste Kants

Helmut Müller-Sievers, Greg Laugero: Christian Meiers »Athen« in der Ära Trump Ein Lektüregespräch

KRITIK

Marietta Auer: Rechtskolumne Die Kosten zweckwidrigen Rechts am Beispiel des WissZeitVG

Rachel Nolan: Was soll ich hier noch? Der Niedergang Venezuelas

MARGINALIEN

Jürgen Osterhammel: Bye, Bye Soft Power

Stefan Kühl: Wertekataloge, Sprichwörter, Leerformeln. Zur Arbeit von Expertenkommissionen

Susanne Neuffer: Recherche

Marius Goldhorn: Die Prozesse

Anke Stelling: Nur so viel (Sechs Superlative)

Vorschau

Autorinnen und Autoren

NavidKermani, geb. 1967, Schriftsteller und Orientalist. – Der Beitrag ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Fassung der Keynote vom 14  Mai 2025 beim Medienempfang des Hamburger Senats im Hamburger Rathaus. Die vollständige Rede erscheint am 21. August 2025 in Navid Kermani, Wenn sich unsere Herzen gleich öffnen. Über Politik und Liebe bei C. H. Beck.

AxelHonneth, geb. 1949, Jack C. Weinstein Professor of the Humanities an der Columbia University in New York. 2023 erschien Der arbeitende Souverän. Eine normative Theorie der Arbeit. – Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung der Jan Patočka Memorial Lecture, gehalten im Dezember 2024 am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

HelmutMüller-Sievers, geb. 1957, Literaturwissenschaftler, Professor an der Universität Boulder, Colorado. 2025 erscheint The Novel Experience. Reading Fiction with Nāgārjuna, Nietzsche, and William James. [email protected]

GregLaugero, geb. 1965, Software-Unternehmer. [email protected]

MariettaAuer, geb. 1972, Direktorin am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt am Main. 2024 erschien Zur Aktualität der Privatrechtstheorie Adolf Reinachs. [email protected]

RachelNolan, Assistant Professor of International History an der Universität Boston. 2024 erschien Until I Find You: Disappeared Children and Coercive Adoptions from Guatemala. – Der Beitrag erschien unter dem Titel There’s Nothing For Me Here in der New York Review of Books vom 29. Mai 2025.

JürgenOsterhammel, geb. 1952, bis 2018 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Konstanz. 2024 erschien Rethinking Global History (Hrsg. zus. mit Stefanie Gänger). [email protected]

StefanKühl, geb. 1966, Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld. Er war Mitglied der Kommission »Verantwortungskultur statt Überregulierung« der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. 2025 erschien Führung und Gefolgschaft. Management im Nationalsozialismus und in der Demokratie. [email protected]

SusanneNeuffer, geb. 1951, Autorin. 2019 erschien Im Schuppen ein Mann, 2022 Sandstein. Zwei Novellen.

MariusGoldhorn, geb. 1991, Autor. – Der Beitrag besteht aus mehreren Auszügen aus dem Roman Die Prozesse, der in diesem Monat bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de

DOI 10.21706/mr-79-8-3

Zu diesem Heft

»Der Exzeptionalismus war die politische Grundstimmung meiner Jugend«, erinnert sich Greg Laugero, geboren 1965. Die längste Zeit seines Lebens über gab es für ihn wenig Zweifel daran, dass die Vereinigten Staaten, in denen er aufgewachsen war, letztlich »eine Kraft für das Gute in der Welt waren«. Wie fremd und fern ihm diese Perspektive mittlerweile geworden ist, wird in dem Zwiegespräch mit Helmut Müller-Sievers deutlich. Die beiden Freunde tauschen sich darin über einen 1993 erschienenen Klassiker der Geschichtsschreibung der Antike aus: Christian Meiers Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte.

Auf den ersten Blick hat Meiers Studie denkbar wenig mit dem heutigen Amerika zu tun. Vor dem Hintergrund der Politik des offenen Zynismus aber, für den die Regierung Trump sich selbst regelmäßig öffentlich feiert, erschienen Laugero Episoden wie der Aufstieg der skrupellosen Populisten Alkibiades und Kleon geradezu schmerzhaft aktuell: »Mir ist es beim Lesen kalt den Rücken heruntergelaufen.«

Auch Navid Kermani, zwei Jahre jünger als Laugero, zeigt sich fassungslos angesichts der völligen Preisgabe ideeller politischer Ziele unter Trump. Als Sohn iranischer Eltern in Deutschland aufgewachsen, war sein Grundvertrauen in die Freiheits- und Emanzipationsversprechen der amerikanischen Außenpolitik von vornherein brüchiger. Immerhin hatte die CIA 1953 den Putsch gegen Mohammad Mossadegh, den parlamentarisch legitimierten Premier des Iran, zu verantworten. Der Bruch mit der Vergangenheit liegt für Kermani deshalb auch nicht darin, dass Trump die westlichen Werte verrät, sondern darin, dass Trump diese Werte gar nicht erst vertritt: »Der Unterschied mag gering wirken, ist jedoch bei näherer Betrachtung enorm.«

CD /EK

Beiträge

DOI 10.21706/mr-79-8-5

Navid Kermani

Der Westen, in dem ich geboren bin

Wie es aussieht, erleben wir dieser Tage das Ende einer Epoche – die meisten von uns zum ersten Mal in ihrer Lebenszeit. Zwar fanden seit dem Zweiten Weltkrieg in vielen Teilen der Welt und ebenso an den südlichen und östlichen Rändern Europas Kriege, Umbrüche, Revolutionen, Systemwechsel statt, die das Unterste zuoberst kehrten, sich bis in den Alltag auswirkten, fast schon messianische Hoffnungen weckten oder geradezu apokalyptische Ängste hervorriefen. Aber jedenfalls im Westen Deutschlands, im Westen Europas, waren wir dabei jedes Mal nur Zuschauer. Unser eigenes Leben glich einem langen, historisch betrachtet ungewöhnlich ruhigen Fluss, dessen Stromschnellen und Wasserfälle vor allem privater Natur waren, Krankheiten, persönliche Krisen, berufliche Wenden, Unfälle, Liebe, Elternschaft, Trauer, Sterben. Sicher, auch unsere Lebenswelt hat sich drastisch verändert, seit wir Kinder waren, wenn ich allein an das Internet denke oder daran, dass noch 1990, also in meiner Studienzeit, auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik 96 Personen wegen homosexueller Handlungen verurteilt wurden und zehn Schwule deswegen in Haft saßen. Allerdings geschah der Wandel so langsam und immer zunächst untergründig, dass wir gar nicht recht mitbekamen, wie uns geschah, und uns heute kaum noch erinnern, dass es jemals anders gewesen ist.

Dieser Tage hingegen – man kann kaum mehr die Nachrichten einschalten oder eine Tageszeitung aufschlagen, ohne in seinen Gewissheiten erschüttert zu werden, sei es über den Krieg in Gaza, sei es über die Verteidigung der Ukraine, sei es über Deutschland selbst, wo eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, in Umfragen erstmals auf Platz eins gelandet ist. Das hat natürlich zuvorderst mit den Entwicklungen in den Vereinigten Staaten zu tun seit dem neuerlichen Amtsantritt von Donald J. Trump als Präsident. Amerika hat unser Bewusstsein, unsere Politik, unsere Populärkultur wie keine andere Nation geprägt, und wenn Amerika nicht mehr dasselbe ist, gehören auch wir einer Welt von gestern an, mag es im Alltag noch eine Weile wie gewohnt weitergehen mit Regierungswechseln, Bahnchaos und jeden Abend dem gleichen Krimi im Fernsehen. Ich jedenfalls reibe mir jeden Tag die Augen, wenn ich durch die Nachrichten, Tweets und Bilder aus den Vereinigten Staaten scrolle, ich brauche das nicht alles aufzuführen. Genannt seien nur die Preisgabe der Ukraine, der Riviera-Plan für Gaza mitsamt des obszönen KI-Videos, die Drohung, sich Panama, Grönland und Kanada einzuverleiben, ja, sogar mit militärischen Mittel gegen einen NATO-Verbündeten vorzugehen, die weitreichenden Sprechverbote an öffentlichen Einrichtungen und der Frontalangriff auf die angesehenste Universität der Welt, der römische Gruß Elon Musks und seine Machtdemonstration im Oval Office zusammen mit seinem vierjährigen Sohn, der dem Präsidenten eine Nase dreht, die Missachtung höchstrichterlicher Urteile, die Verhaftung einer Richterin und die versuchte, teils bereits gelungene Erpressung der amerikanischen Großkanzleien, der Stopp der Entwicklungshilfe von einem auf den anderen Tag, die den Tod von Tausenden und Abertausenden Menschen in den ärmsten Ländern der Welt zur Folge haben wird, die in Szene gesetzten Massendeportationen, die bewusst die Bildsprache des Faschismus aufnehmen, die Leugnung des Klimawandels und damit verbunden die Priorisierung fossiler Energien gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis, überhaupt die Wissenschaftsfeindlichkeit und damit verbunden der Förderstopp für die Forschung in lebensrelevanten Bereichen wie Medizin oder Pharmazie – und so weiter und so fort. Wer von uns hätte auch nur eine dieser Meldungen noch bis vor kurzem für möglich gehalten? Dabei waren die meisten Maßnahmen bis ins Detail beschrieben in den Übernahmeszenarien der … nein, konservativ kann man jene Denkfabriken nicht nennen, die der Regierung nahestehen, sie sind das genaue Gegenteil, nämlich im Geiste nicht weniger umstürzlerisch als die Kapitolstürmer des 6. Januar 2021, die vom neuen Präsidenten denn auch am Tag eins seines Amtsantritts amnestiert worden sind, schwere Gewaltverbrecher unter ihnen.

Allein schon am Bedeutungswandel des Wortes »konservativ« ließe sich ablesen, dass an unseren Begriffen kaum noch etwas stimmt. Die europäische Rechte möchten jubeln über den Nationalismus, der mit Trump gesiegt hat, aber merkt zugleich, dass die Interessen der jeweils eigenen Nation, ob Deutschland, Frankreich oder Italien, den amerikanischen diametral entgegengesetzt sind. Vollends verwirrt ist die politische Linke, die doch immer amerikakritisch war. Ein guter – oder in meinen Augen: der schlechtere Teil von ihr argumentiert, was die Ukraine oder die Globalisierung betrifft, neuerdings proamerikanisch, wohingegen ein eingefleischter Transatlantiker wie der neue Bundeskanzler am Abend seines Wahlsiegs in martialischen Worten dazu aufruft, sich gegen Amerika zur Wehr zu setzen. Und angesichts der Übermacht der Tech-Konzerne führen Ordoliberale das Wort Enteignung im Mund, das man aus dem Sozialismus kennt. Ganz zu schweigen von den verdutzten Tesla-Fahrern, die sich gestern noch für umweltfreundlich hielten und heute als Faschisten angepöbelt werden. Weitgehend Konsens ist es inzwischen – und mit inzwischen meine ich keinen Zeitraum von Jahren und Jahrzehnten, sondern die kurze Zeit seit der Demütigung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Weißen Haus am 28. Februar –, dass es den Westen nicht mehr gibt, den Westen, in dem die meisten von uns geboren sind.

Nun beginnt keine Revolution am Tag ihres Ausbruchs. Auch Umstürze, Kriege, Systemwechsel, so plötzlich und unerwartet sie geschehen, haben stets eine Vorgeschichte, die mit größerem zeitlichem Abstand erkennbar wird. Und was das vermeintliche oder tatsächliche Ende des liberalen Zeitalters betrifft, so sind wir mittendrin und können daher nur spekulieren, ob künftige Historiker das Jahr 2025 dereinst in eine Reihe stellen mit 1914, 1933, 1989 oder 2001. Könnte es nicht sein, dass die Amerikaner bei den Zwischenwahlen im nächsten Jahr für eine demokratische Mehrheit im Kongress sorgen und bei der nächsten Präsidentschaftswahl gerade noch rechtzeitig verhindern, dass sich ein oligarchisches Machtsystem etabliert oder eine Datendiktatur, wie sie Elon Musk und Peter Thiel vorzuschweben scheint? Durchaus spricht manches für die Resilienz der amerikanischen Demokratie und sehr viel für ein Scheitern Donald Trumps, dessen Bildungshorizont, Disziplin und strategische Fähigkeit offenkundig begrenzt sind. Der Tweet, den der ehemalige Schachweltmeister und russische Dissident Garri Kasparow nach Trumps wieder einmal kuriosem Auftritt mit dem neugewählten kanadischen Premierminister absetzte, fasst den Eindruck ganz gut zusammen, der sich vielen aufdrängt: »Wenn Sie betagte Eltern hätten, die so plappern, würden Sie ihnen Kreditkarten und Scheckbuch wegnehmen.« Nimmt man noch sein Team hinzu, das im Wesentlichen aus Geschäftsfreunden und Fernsehmoderatoren besteht, politisch weitgehend unerfahren, muss man es erst recht für abwegig halten, dass die neue Administration tatsächlich amerikanische Interessen gegen die ausgebufften Führer Chinas oder Russlands durchsetzen könnte. Vor allem aber könnten schon bald die Konflikte zwischen den widerstreitenden Unterstützern Trumps ausbrechen, insbesondere zwischen klassischen Nationalisten und den global ausgerichteten Tech-Industriellen.

Aber selbst wenn auf Trump wieder ein liberaler Präsident folgen sollte oder eine Präsidentin – ausgeschlossen scheint es, dass der Westen jemals wieder sein wird, was er für uns war, wenn man in drei Jahren überhaupt noch vom Westen sprechen wird. Denn die tektonische Verschiebung in der Weltpolitik hat lange vor dem jetzigen Erdbeben begonnen, noch vor dem Einstieg Donald Trumps in die Politik, und sie wird sich auch fortsetzen, sollte sich die Entwicklung in den Vereinigten Staaten äußerlich wieder beruhigen. Von einer Zeitenwende haben wir bereits 2022 beim Vormarsch Russlands auf Kiew gesprochen, und erinnern wir uns, einige Monate zuvor, im August 2021, als die Vereinigten Staaten mitsamt ihrer übertölpelten Verbündeten aus Afghanistan flohen, lautete die Überschrift zahlreicher Kommentare und Talkshows, dass dies das Ende des Westens sei. Und damals war es mit Joe Biden ein Demokrat, der an der gewählten afghanischen Regierung vorbei das schändliche Abkommen mit den Taliban umsetzte und insbesondere die Afghaninnen in die Knechtschaft entließ.

2004 war ich für einige Tage zu Besuch in Harvard, also etwa ein Jahr nach dem Angriff der Vereinigten Staaten auf den Irak. In Erinnerung geblieben ist mir unter anderem eine Begegnung mit dem berühmten Orientalisten Roy Mottahedeh, einem schnauzbärtigen, sehr höflichen, damals schon älteren Herrn. Ich fragte ihn, wie den USA mit all ihrer wissenschaftlichen Expertise und den anerkannt besten Nahost-Forschern der Welt ein solches absehbares Fiasko wie im Irak unterlaufen konnte.

Sie haben auf niemanden gehört, sagte Mottahedeh.

Hat die Regierung denn keine Berater? fragte ich: Niemanden, der sich mit dem Irak auskennt?

Nein, hat sie nicht. Wir waren die Berater, also auch ich. Ich war ständig in Washington, um Regierungen zu beraten, und manchmal haben sie auf mich gehört und manchmal nicht. Aber die Bush-Administration hat uns Nahost-Experten alle vor die Tür gesetzt.

Ist das nicht dumm?

Ja, es ist dumm, seufzte Mottahedeh: Bevor es bösartig ist, ist es dumm. Und wegen dieser Dummheit übernimmt jetzt unser Erzfeind Iran den Irak und fühlt sich wieder stark. Das heißt, wir haben nicht nur den Irak verspielt, sondern auch die Herrschaft der Mullahs für ein, zwei weitere Jahrzehnte zementiert. Das muss man erstmal schaffen.

Und dann auch noch die Lüge im Sicherheitsrat mit Saddams angeblichen Massenvernichtungswaffen, erinnerte ich.

Und die Fotos aus Abu Ghraib, fügte Mottahedeh hinzu: Nicht nur unsere Vormacht im Nahen Osten ist dahin, sondern auch unsere Glaubwürdigkeit.

Und Hunderttausende Tote obendrauf.

Ja, und Hunderttausende Tote obendrauf.

Die Vereinigten Staaten haben immer schon kalte Interessenpolitik betrieben, genauso wie alle anderen Großmächte der Welt. Sie waren niemals so altruistisch und allein den Werten von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten verpflichtet, wie es in Sonntagsreden klang. Vor einigen Wochen erst sah ich im Kino einen Dokumentarfilm über den Putsch im Kongo 1961, in dem sich CIA-Veteranen in aller Offenheit über die Ermordung des jungen, charismatischen und hochintelligenten Ministerpräsidenten Patrice Lumumba auslassen, der bei der Ausbeutung der Bodenschätze störte. Und ich dachte, wow, dagegen nehmen sich Trumps Grönlandpläne oder der Knebelvertrag, den er der Ukraine aufzwingen will, geradezu völkerverbindend aus. In dem Land meiner Eltern haben die Vereinigten Staaten 1953 den gewählten Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh aus dem Amt geputscht, der es gewagte hatte, das iranische Öl für die Iraner selbst zu beanspruchen. Mossadegh war nicht nur ein glühender Anhänger der amerikanischen Demokratie, der es sich zwei Jahre zuvor bei seinem Staatsbesuch nicht nehmen ließ, nach Philadelphia zu fahren, um vor der Freiheitsglocke die Vereinigten Staaten feierlich zum Vorbild der iranischen Freiheitsbestrebungen zu erklären. Als es bereits überall in Teheran Gerüchte über eine bevorstehende Aktion des CIA gab, wiegelte Mossadegh gegenüber den eigenen Beratern ab, nein, nein, keine Sorge, Russland vielleicht, Großbritannien vielleicht, aber die Vereinigten Staaten würden niemals so etwas Schändliches tun. Noch am Vorabend des Putsches saß Mossadegh treuherzig beim amerikanischen Botschafter, der natürlich in das Komplott eingeweiht war. Keine zwölf Stunden später zog der Mob auf, der vom CIA bezahlt worden war.

Oder denken wir an den Putsch gegen Salvador Allende, denken wir an Vietnam, denken wir an die Contras, die Ronald Reagan in Nicaragua einsetzte und die eine regelrechte Mörderbande waren. Und falls wir Europäer uns auf die Schulter klopfen, weil unsere Außenpolitik im Vergleich zu den imperialistischen USA halbwegs anständig gewesen sei, sollten wir uns an all die Kolonialkriege erinnern, in Algerien, in Kenia oder noch in den siebziger Jahren in Mosambik, die grausamer nicht hätten sein können. Und weshalb eigentlich die Vergangenheitsform? In Libyen unterstützten Italiener und Franzosen jeweils unterschiedliche Milizen, deren Krieg bis heute das Land ruiniert, und im Sudan ist jener General Daglo, der 2002 am Genozid in Darfur beteiligt war und dessen Rapid Support Forces in Darfur dieser Tage offenbar einen weiteren Genozid begehen, ein alter Partner der Europäischen Union, der sich zweihundert Millionen Euro für die Abwehr von Flüchtlingen bezahlen ließ. Und weshalb nur die anderen? Noch in den achtziger Jahren haben wir braven Deutschen die Anlagen zur Produktion von Giftgas geliefert, das Saddam Hussein in Halabdscha eingesetzt hat, und erst vor zweieinhalb Jahren hat unsere feministische Außenpolitik die Frauen im Stich gelassen, die in Iran so mutig gegen die klerikale Herrschaft aufbegehrten.

Der Bruch mit der liberalen Weltordnung, den Donald J. Trump verkörpert, liegt nicht darin, dass er die westlichen Werte verrät. Der Bruch liegt darin, dass er die Werte gar nicht erst vertritt. Der Unterschied mag geringfügig wirken, ist jedoch bei näherer Betrachtung enorm. Denn der Westen war nicht einfach ein imperiales Riesenreich unter Führung der USA. Er zeichnete sich durch mal besser, mal schlechter funktionierende Demokratien aus, durch Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, die Ächtung der Folter, sozialen Ausgleich, Minderheitenrechte, beispiellosen Wohlstand, religiöse ebenso wie zunehmend sexuelle Toleranz, die Unabhängigkeit von Forschung und Wissenschaft und so weiter. Der Westen hat seinen eigenen Bürgern, darunter Millionen und Abermillionen Einwanderern aus allen Teilen der Welt, enorme Freiheiten, Sicherheiten und Gestaltungsmöglichkeiten beschert sowie eine Kultur hervorgebracht, deren Faszination sich nicht einmal seine Systemgegner entziehen konnten, siehe die fantastischen Jazzclubs in der UdSSR. Und auch im Verhältnis zu nichtwestlichen Ländern hat der Westen nicht immer nur Diktaturen an die Macht gebracht oder Bodenschätze geraubt. Er hat ebenso Demokratiebewegungen unterstützt, das Völkerrecht etabliert, Entwicklungshilfe geleistet, Flüchtlinge aufgenommen, in Konflikten vermittelt, Menschenrechte angemahnt, Umweltschutz propagiert und dazu beigetragen, autochthone Traditionen zu bewahren. Um von meinem eigenen Fachgebiet zu sprechen: Die maßgeblichen Editionen der großen Werke der islamischen Geistesgeschichte wurden nicht etwa in Beirut, Kairo oder Mekka erstellt, sondern an den orientalischen Seminaren in Tübingen, Paris oder London. Der Westen, das waren nicht nur seine Regierungen, das waren offene, kreative, neugierige und wissensdurstige Gesellschaften, in denen die Selbstkritik vom Staat gefördert wurde in Form von Subventionen, Preisen, Kultureinrichtungen und Universitäten. Die Spannung zwischen universalistischem demokratischem Sendungsbewusstsein und der Verfolgung nationaler und ökonomischer Interessen hat es gegeben, seit sich der Westen mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg als politische Gestaltungsmacht konstituiert hat, ja, eigentlich ist diese Spannung seit der Amerikanischen und der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts für die westliche Moderne konstitutiv. Die gleiche Bundesregierung, die so lange wie keine andere westliche Regierung zu den Protesten in Iran schwieg, hat zahlreichen Künstlern, Oppositionellen und Frauenrechtlerinnen Schutz gewährt, die aus dem Land fliehen mussten.

Es ist dieser Westen gewesen trotz, mit oder auch vielleicht sogar wegen seiner Widersprüchlichkeit, der eine enorme Anziehungskraft ausgeübt hat auf Menschen aus aller Welt, auf meine Eltern natürlich, die in den fünfziger Jahren nach Deutschland emigrierten, aber bereits auf meinen Großvater, der Ende des 19. Jahrhunderts als erstes Kind aus Isfahan in einer Kutsche an die Amerikanische Schule in Teheran geschickt wurde. Nach deren Gründer und Direktor, dem presbyterianischen Pfarrer Dr. Samuel Jordan, wurde die zweitgrößte Straße Teherans benannt, die Chiyâbân-e Dschordan. Ja, die zweitgrößte Straße der Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, die zugleich ihre Ausgehmeile ist mit Cafés, Fastfood, Restaurants, Boutiquen, heißt im Volksmund und für jeden Taxifahrer bis heute Chiyâbân-e Dschordan. Und nicht nur das, sogar ein ganzer Stadtbezirk Teherans trägt den Namen eines christlichen Missionars aus dem Reich des Großen Satans. In den Memoiren meines Großvaters, die zur Grundlage meines Romans Dein Name wurden, ist viel von Dr. Jordan und der Amerikanischen Schule die Rede, an der fast die gesamte Elite des frühmodernen Iran ausgebildet worden ist. Dr. Jordan lehrte die jungen Iraner nicht etwa den westlichen oder christlichen Führungsanspruch, sondern ganz im Gegenteil, er leitete seine Schüler und bald auch schon Schülerinnen an, ihr Schicksal und das Schicksal der iranischen Nation selbst in die Hand zu nehmen und gegen die ausländische Ausbeutung anzukämpfen. »Ich wollte die Iraner immer von Amerikas lauteren und uneigennützigen Absichten überzeugen, dem Wohlergehen Irans zu nützen und eine Nation von herzlicher Gutwilligkeit zu schaffen«, schrieb Samuel Jordan selbst über seine Mission. Was heute wie neokonservative Propaganda klingt, scheint bis in die vierziger Jahre tatsächlich der amerikanischen Strategie entsprochen zu haben, Iran zu einem Musterbeispiel für Demokratie, Menschenrechte, Pressefreiheit und die Befreiung vom Kolonialismus zu entwickeln, wie Präsident Roosevelt es 1943 bei seiner Abreise von der Teheran-Konferenz jedenfalls so überzeugend erklärte, dass ihm die meisten Iraner glaubten – so wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen an Amerika zu glauben begannen, das den Besiegten die Hand reichte und ihnen beim Wiederaufbau half.

1952 starb Samuel Jordan