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"Wir leben in einer Erbengesellschaft", stellt Andreas Reckwitz gleich zu Beginn seines Essays "Vom Erben" fest – und erklärt dann, in welchen Hinsichten davon die Rede sein kann. Von vielen Seiten wird das postkoloniale Denken in den letzten Jahren attackiert. Sebastian Conrad sondiert die Lage und betont dessen Verdienste. Daniel Ehrmann und Erika Thomalla mischen sich in die Debatte, die Gerhard Lauers Essay zur "neuen literarischen Öffentlichkeit" aus dem Märzheft des Merkur ausgelöst hat. In der dritten Folge seiner Reihe zur "sozialen Farbe" macht Timon Beyes vielfältig blau. Hanna Engelmeier liest in ihrer neuen Literaturkolumne Sachbücher und Literarisches zum Thema Menopause und Midlife-Crisis. Ernst-Wilhelm Händler fragt: Was leistet die Literatur, was kann sie leisten im Vergleich mit ihren medialen Rivalen aus den Bereichen Streaming und Pop? Und Christian Wiebe begibt sich auf die doppelte Spur von Hedwig Thun und Engelbert Kämpfer. Der Versuch, seinen Kindern die von ihm nicht mehr mühelos beherrschte eigene Muttersprache Vietnamesisch beizubringen, konfrontiert Trung Hoàng Lê mit seinem eigenen Verhältnis zu dem Land, aus dem seine Familie stammt. In einem Vorabdruck aus Ozan Zakariya Keskinkılıçs Roman Hundesohn träumt der Ich-Erzähler unter der Überschrift "Dede Issues" von seinem Großvater und der Türkei. In ihrer Schlusskolumne kann nicht nur Anke Stelling nicht wissen, was "Im Innern von Andern" so alles vorgeht.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2025
Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken
Der Merkur ist eine Kulturzeitschrift, wobei der Begriff der Kultur in denkbar weitem Sinne zu verstehen ist. Er erscheint monatlich und wendet sich an ein anspruchsvolles und neugieriges Publikum, das an der bloßen Bestätigung der eigenen Ansichten nicht interessiert ist. Mit kenntnisreichen und pointierten Essays, Kommentaren und Rezensionen hält der Merkur gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften. Die Unterzeile »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken« formulierte bei der Gründung im Jahr 1947 das Bekenntnis zu einer weltanschaulich unabhängigen Form von Publizistik, die über kulturelle und nationale Grenzen hinweg alle intellektuell relevanten Debatten ihrer Zeit aufnehmen wollte. Auch wenn der Horizont für ein solches Unternehmen sich mittlerweile deutlich erweitert hat, trifft das noch immer den Kern des Selbstverständnisses der Zeitschrift.
Heft 916, September 2025, 79. Jahrgang
Herausgegeben von ChristianDemand und EkkehardKnörer
Gegründet 1947 von Hans Paeschke und Joachim Moras
Herausgeber 1979–1983 Hans Schwab-Felisch1984–2011 Karl Heinz Bohrer1991–2011 Kurt Scheel
Lektorat / Büro: Ina Andrae
Redaktionsanschrift: Mommsenstr. 27, 10629 Berlin
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(D) 15 € (A) 15,80 € (CH) 18 SFr
ISSN Print 0026-0096 / ISSN Online 2510-4179 www.merkur-zeitschrift.de
ISBN 978-3-608-12444-6
Umschlag
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autorinnen und Autoren
Zu diesem Heft
BEITRÄGE
Andreas Reckwitz: Vom Erben
Sebastian Conrad: Postkoloniale Theorie und Antisemitismus
Daniel Ehrmann, Erika Thomalla: Die alte populäre Öffentlichkeit Die kulturellen Hierarchien eines sich wandelnden Buchmarkts
Timon Beyes: Soziale Farbe (III) Blau machen
KRITIK
Hanna Engelmeier: Literaturkolumne Neues über die Mitte des Lebens
Ernst-Wilhelm Händler: Warum Olivia, Taylor und Euphoria mega sind, und was das für die Literatur bedeutet
Christian Wiebe: »Verstrickt in das Netz der eigenen Linien« Hedwig Thuns Roman über Engelbert Kämpfer
MARGINALIEN
Trung Hoàng Lê: Sprachverlust und Migration
Ozan Zakariya Keskinkılıç: Dede Issues
Anke Stelling: Im Innern von Andern
Vorschau
AndreasReckwitz, geb. 1970, Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2024 erschien Verlust. Ein Grundproblem der Moderne.
SebastianConrad, geb. 1966, Historiker, Professor für Neuere Geschichte /Global History am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin. 2024 erschien Die Königin. Nofretetes globale Karriere. [email protected]
DanielEhrmann, geb.1985, Literatur- und Buchwissenschaftler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Buchwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2022 erschien Kollektivität. Geteilte Autorschaften und kollaborative Praxisformen 1770–1840. [email protected]
ErikaThomalla, geb. 1986, Professorin am Zentrum für Buchwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2025 erschien Die Wahrheit über Kid P. Wie ein Hamburger Punk den deutschen Popjournalismus erfand. [email protected]
TimonBeyes, geb. 1973, Professor am Institut für Soziologie und Kulturorganisation der Leuphana Universität Lüneburg. 2024 erschien Organizing Color. Toward a Chromatics of the Social. [email protected]
HannaEngelmeier, geb. 1983, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. 2021 erschien Trost. Vier Übungen. [email protected]
Ernst-WilhelmHändler, geb. 1953, Unternehmer und Schriftsteller. 2023 erschien der Roman Der absolute Feind. [email protected]
ChristianWiebe, geb. 1980, Germanist, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Braunschweig. 2022 erschien Engel Christine Westphalen: Charlotte Corday. Tragödie in fünf Akten. Mit einem Nachwort hrsg. v. Christian Wiebe; 2024 Thomas Mann lesen! (Hrsg. zus. m. Julia Schöll u. Franziska Solana Higuera).
TrungHoàng Lê, geb. 1979, Psychologe. [email protected]
Ozan ZakariyaKeskinkılıç, geb. 1989, Politikwissenschaftler, freier Autor, Lyriker. 2022 erschien der Lyrikband Prinzenbad, 2023 Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes. – Bei dem Beitrag handelt es sich um einen Vorabdruck aus dem Roman Hundesohn, der im September bei Suhrkamp erscheint.
AnkeStelling, geb. 1971, freie Schriftstellerin. 2018 erschien der Roman Schäfchen im Trockenen, 2020 die Erzählungen Grundlagenforschung. www.ankestelling.de
DOI 10.21706/mr-79-9-3
Zunge und Sprache, beides heißt auf Türkisch dil. Das vietnamesische Wort für Sprache ist tiếng. Davon, dass die deutsche Sprache in Deutschland schon lange nicht mehr alleine zuhaus ist, erzählt in diesem Heft Trung Hoàng Lê genauso wie Ozan Zakariya Keskinkılıç. Trung Hoàng Lê, der als Kind vietnamesischer Einwanderer erst in der DDR, dann in der Bundesrepublik aufwuchs, der Deutsch und dank Studium in Paris Französisch, la langue française, und auch Englisch fließender spricht als die Sprache der Mutter, tiếng mẹ đẻ. Und doch ist ihm viel darum zu tun, die Sprache seiner Herkunft nicht ganz zu verlieren, sie an die nächste Generation weiterzugeben. Auch wenn der fünfjährige Sohn zum Einschlafen manchmal lieber das fließende Vaterdeutsch als das stockende Vatervietnamesisch zu hören bekäme: »Und dann sage ich ihm, dass ich ihm so viele Worte wie möglich wiederfinden und ihm schenken werde.«
Anne, oder ana, ist die Mutter, auf Türkisch. Die Muttersprache ist ana dili. Der Ich-Erzähler in Hundesohn, dem grandiosen Roman von Ozan Zakariya Keskinkılıç, aus dem wir in diesem Heft einen Vorabdruck bringen, lebt und schreibt und denkt zwischen den Sprachen: Deutsch und Türkisch und auch Arabisch, dazu lernt er noch Chinesisch. Sein Vater, baba, wiederum hat das Deutsche, als er aus dem Türkischen kam, einst in Umschrift gelernt: Zind zî tsufrîdın mit ma’ynır a’rbayt? Der Sohn bewegt sich in seinen Sprachen, in ihren feinen Unterschieden liegen für ihn ganze Welten, zwischen Hund, was auf Arabisch kalb heißt, und Herz, das ist qalb. Und mindestens eine wichtige Lektion über den Zusammenhang von Sprache und Mensch hat er vom Vater gelernt: »Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. İki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen.«
CD /EK
DOI 10.21706/mr-79-9-5
Andreas Reckwitz
Wir leben in einer Erbengesellschaft. Dies gilt bereits für den einfachsten, den vordergründigen Fall: Seit den 2000er Jahren vererben in Deutschland die wohlhabenden Nachkriegsgenerationen an ihre Kinder und andere Verwandte jedes Jahr Vermögenswerte in Höhe von etwa 250 Milliarden Euro.1 Die Konsequenz ist einschneidend: Der soziale Status, den man im Laufe des Lebens erreicht, hängt für die Generationen, die nach 1970 geboren sind, der Tendenz nach immer weniger vom selbst erarbeiteten Einkommen und immer mehr davon ab, ob man erbt oder nicht. Das familiäre Erbe entscheidet so in erheblichem Maße über den Lebenserfolg – mit allen sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Gerechtigkeitsproblemen.
Die Erbengesellschaft der Gegenwart erschöpft sich jedoch nicht in Vermögensfragen. Es spricht vielmehr einiges dafür, dass sich in der Spätmoderne auf verschiedenen Ebenen generell das gesellschaftliche Bewusstsein dafür schärft, mit Erbschaften vergangener Generationen konfrontiert zu sein. Man betrachtet sich und andere unter dem Aspekt, dass man als Individuum, als soziale Gruppe, als Nationalgesellschaft, ja als Spezies Homo sapiens in der Gegenwart aus der Vergangenheit etwas erbt oder in der Zukunft etwas vererben wird. Dabei kann es sich um ein positives und erfreuliches, um ein negatives und desaströses oder ein von vornherein ambivalentes Vermächtnis handeln. Es gilt: Man kann nicht nicht erben.
Jacques Derrida argumentiert 1993 in seiner Schrift Marx’ Gespenster, richtig zu leben bedeute stets, mit der Gegenwärtigkeit der Toten zu leben.2 Die Toten seien niemals vollständig tot, sie seien wie Gespenster notwendig weiterhin anwesend. Die Gegenwart werde vom Erbe der Vergangenheit heimgesucht. Derrida formuliert eine allgemeine philosophische Position, aber kommentiert damit zugleich einen Zusammenhang, der seit den 1990er Jahren immer deutlicher wird: Die westlichen Gesellschaften sind mit einer Vergangenheit konfrontiert, die nicht vergehen will. Insbesondere die Gewaltgeschichte Europas und Nordamerikas, die bis in die Gegenwart hinein ihre Spuren hinterlässt, ist zu einem prominenten Gegenstand der spätmodernen Erinnerungskultur geworden.
Allerdings lässt sich das Erbe, mit dem die Gesellschaft als Ganze umgeht, keinesfalls ausschließlich auf eine belastende Hypothek reduzieren. Es ist bezeichnend, dass zeitgleich zur gesteigerten Sensibilität für das moderne Gewalterbe auch der Sinn für das gewachsen ist, was man das kulturelle Erbe der Vergangenheit, das cultural heritage, nennt. In institutionalisierter Weise wird es von der UNESCO in ihrem immer weiter expandierenden Programm des Weltkulturerbes verwaltet. Ihr Ausgangspunkt lautet, dass die Geschichte ihre eigenen, auch heute noch wertvollen Güter hervorgebracht hat, die als »Erbe der Menschheit« anhaltend eines Schutzes vor Zerstörung bedürfen.
Aber auch damit ist die Präsenz des Erbes in der Gegenwartskultur noch nicht erschöpft. Mir geht es um ein Panorama der auf den ersten Blick disparaten Kontexte, in denen in der zeitgenössischen Kultur das Erbe verhandelt wird, und um einen Problemaufriss der Perspektivverschiebung, die damit verbunden ist. Die Relevanz des Erbes in der Gegenwartsgesellschaft festzustellen ist nämlich kein nebensächlicher Befund. Vielmehr wird damit ein grundsätzlicher struktureller und kultureller Wandel deutlich, der einige der leitenden Kategorien dessen, was die gesellschaftliche Moderne klassischerweise ausmachte, außer Kraft setzt: In der Transformation von der klassischen Moderne zur Spätmoderne, wie sie sich seit den 1970er und achtziger Jahren vollzieht, wird eine Rekonfiguration des Verhältnisses der Gesellschaft und ihrer Subjekte zu Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit sichtbar. Das Phänomen des Erbes spielt für diese Rekonfiguration eine zentrale Rolle.
Spätestens seit Reinhart Kosellecks Studien zur historischen Semantik gilt als Konsens, dass die historische Außergewöhnlichkeit der modernen Gesellschaft, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert mit Aufklärungsphilosophie, Industrialisierung, Demokratisierung, Verwissenschaftlichung und Individualisierung entwickelt hat, in ihrer exzeptionellen Zukunftsorientierung wurzelt.3 Für die Modernen bricht die Kontinuität zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont auf. Die Zukunft, so lautet ihr Credo, werde ganz anders sein – und zwar besser. Zukunftsorientierung geht so mit Fortschrittsgewissheit einher. In diesem klassisch-modernen Zeitregime, wie es das 19. und 20. Jahrhundert beherrschte, büßt die Vergangenheit entsprechend ihren Stellenwert als Bezugspunkt für die Orientierung der Gegenwart ein. Sie erscheint vielmehr als ein überholter Zustand, den man glücklicherweise hinter sich gelassen hat.
Was den Stellenwert eines etwaigen Erbes angeht, hat diese Zeitstruktur eine einschneidende Konsequenz: Das Erbe steht in der Moderne unter Verdacht.4 In der Filiation von Erbschaften, von Erblassern und Erben zu denken und diese zuzulassen, erscheint nun als ein vormodernes, ein traditionales, ja illegitimes Relikt. Die Kontinuität des Erbe(n)s will die Moderne in ihrem Diskontinuitätsanspruch ein für alle Mal kappen. Sie suggeriert, dass es grundsätzlich nicht nur wünschenswert, sondern überhaupt möglich ist, das Erbe, mit dem die Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt, hinter sich zu lassen. Dies ist die doppelte Voraussetzung des modernen Fortschrittsversprechens: Man kann das Erbe überwinden, und man sollte es überwinden.
Dies gilt für die Individuen wie für die Gesellschaft als Ganze. Den Prinzipien der modernen Leistungsgesellschaft entsprechend sollen der soziale Status und die Identität des Individuums ganz aus seinem eigenen, selbstverantwortlichen Handeln resultieren. Mit Talcott Parsons gesprochen, schaltet die moderne im Verhältnis zur traditionalen Gesellschaft von »ascribed« auf »achieved« Identitäten um:5 Die Identität eines Individuums wird idealerweise nicht mehr durch Herkunft und Stand sozial zugeschrieben, sondern durch individuell zurechenbare Leistungen erarbeitet. Dazu passt, dass der juristische Diskurs um das Erbrecht, der um 1800 in Frankreich, Deutschland und den USA einsetzt, die Legitimität von materiellen Erbschaften in der Familie, das Risiko der Willkür der Erblasser sowie das Verhältnis zwischen Erbe und dem meritokratischen Selbstverständnis der Gesellschaft problematisiert.6
Die moderne Erbskepsis gilt jedoch auch für die Gesellschaft als Ganze: Der institutionalisierte Fortschrittsimperativ setzt darauf, mit dem Erbe der Vergangenheit zu brechen und dieses in einer endlosen Kette von Innovationen immer wieder neu zu überbieten – gleich, ob es sich um Wissenschaft und Technik, Ökonomie, Politik oder den soziokulturellen Wertewandel handelt. Am Erbe zu hängen, erscheint reaktionär. Nichts ist älter als die Neuheit von gestern, die es immer wieder durch »kreative Zerstörung« (Schumpeter) in Richtung einer offenen Zukunft zu überwinden gelte. In der Moderne erweisen sich so die jüngeren Generationen mit ihrer auf Erneuerung und Revolution geeichten Zukunftsorientierung gegenüber den älteren Generationen als »die schrecklichen Kinder der Neuzeit« (Sloterdijk), die sich vom Erbe ihrer Väter und Mütter lossagen.7 Oder mit Thomas Jefferson gesprochen: »the earth belongs in usufruct to the living […] the dead have neither powers nor rights over it«.8
Vor dem Hintergrund dieser Distanzierungsbewegung verweist das spätmoderne Erbenbewusstsein, das sich seit den 1980er Jahren herausbildet, auf einen markanten Bruch. Aus der spätmodernen Warte erscheint es nämlich weder ohne Weiteres möglich, das Erbe – welcher Art auch immer – hinter sich zu lassen, noch erscheint dies sinnvoll und wünschenswert. Diese Umkehrung der Perspektive vom illegitimen zum notwendigen Erbe zu vollziehen, setzt jedoch voraus, dass die zukunfts- und darin fortschrittsorientierte Zeitkultur der klassischen Moderne durch eine spätmoderne Zeitkultur überlagert wird.9 In dieser büßt die Zukunft ihre Aussicht auf eine Überbietung der Gegenwart in eine als fortschrittlich erkannte Richtung an Glaubwürdigkeit ein. Im Extrem droht aus der spätmodernen Perspektive vielmehr eine »Zukunft als Katastrophe« (Horn), etwa durch klimatische, autoritäre oder kriegerische Entwicklungen.10 Die Zukunft erscheint so nicht als Raum von wahrscheinlichen Verbesserungen, sondern von möglichen Verlusten. Wenn die Zukunftsgewissheit schwindet, ist es jedoch nur konsequent, dass sich die Perspektive auf die Vergangenheit verschiebt. Diese wird nun in einem doppelten Sinne als ein Erbe sichtbar: als positives und als negatives Erbe.11
Diese Janusköpfigkeit des spätmodernen Erbenbewusstseins ist bezeichnend: Einerseits kommt man nun nicht umhin anzuerkennen, dass die Vergangenheit wertvolle Güter anzubieten hat, die es in der Gegenwart zu kultivieren und zu nutzen gilt – sei es ein materielles oder kulturelles Familienerbe, sei es das kulturelle oder institutionelle Erbe der Gesellschaft. Die Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinwirkt, ist aus dieser Perspektive nicht überholt, sondern bietet Ressourcen und Werte, die in der Gegenwart und Zukunft Möglichkeiten eröffnen. Andererseits erkennt die Spätmoderne in der Vergangenheit auch und gerade ein negatives Erbe, ein Erbe als Last oder Hypothek, welches in der Gegenwart als Trauma oder Schuld, als Verschlechterung der Lebensbedingungen oder als epigenetische Einschränkung wirkt. Beide, das positive wie das negative Erbe, erweisen sich in der spätmodernen Kultur als zentrale Quellen mannigfacher Konflikte um Identität, Anerkennung und Gerechtigkeit. Die Identitätskämpfe der Spätmoderne stellen sich so nicht selten als Erbschaftsstreitigkeiten heraus.
In der Spätmoderne gilt also grundsätzlich: Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Sie lässt sich gar nicht abschließen, sondern betrifft als ein Erbe die Gegenwart (und Zukunft), in der sie weiterwirkt. Dieses Erbe ist ambivalent. Es enthält Ressourcen und Hypotheken, Wert und Schuld zugleich. Hinzu kommt: Grundsätzlich findet in jedem Erbe eine Übertragung statt, in der etwas – seien es Vermögen oder Gene, seien es Erfahrungen oder Schulden – von einem vorangegangenen zu einem späteren Zeitpunkt transferiert wird. In diesem Prozess der Übertragung gehen jedoch zwei Mechanismen Hand in Hand: die Faktizität einer Wirkung der Vergangenheit, die sich ereignet, ob man will oder nicht, und die Aneignung eines solchen Erbes in variablen kulturellen Praktiken des Erbens, in denen ein doing heritage /inheritance stattfindet.
Es gibt also auf der einen Seite eine – aus der Warte des modernen Glaubens an die Gestaltbarkeit von Biografie und Gesellschaft verstörende – Unverfügbarkeit des Erbes. Hier wird eine Vergangenheit sichtbar, die nicht vergehen will, die beispielsweise als ungleich verteiltes Vermögen, als Staatsschulden, als traumatische Spur in der Psyche oder als irreversible Veränderung in der klimatischen Struktur der Erde wirkt. Dies ist die Materialität des Erbes. Auf der anderen Seite ist das Erbe niemals unabhängig von den Praktiken zu denken, in denen es kulturell angeeignet wird, in denen es kultiviert oder abgelehnt, rechtlich reguliert oder musealisiert oder darüber debattiert wird, was als Erbe zählen soll und was nicht. Dies ist die Kulturalität des Erbens. Das Erbe erweist sich so als eine materiell-kulturelle Doublette.
Wenn in der Gegenwartskultur das Erbe zum Thema wird, dann betrifft dies zunächst die Individuen und ihr familiäres Erbe. Die Familie als Sozialform muss die Prinzipien moderner Gesellschaftlichkeit herausfordern, ja partiell außer Kraft setzen.12 In den Familien findet sich nämlich unweigerlich ein Restbestand, ein Überbleibsel der Filiationsbeziehungen traditionaler Gemeinschaften. Einerseits löst sich das moderne Modell der Kleinfamilie zwar von den großflächigen Verwandtschaftsnetzwerken traditionaler Gesellschaften mit ihren Privilegien und Einschränkungen. Andererseits wird die heranwachsende Generation in den Kleinfamilien auch unter Bedingungen der modernen Gesellschaft zwangsläufig mit einem Erbe belastet beziehungsweise mit einem solchen komfortabel ausgestattet. Über den Weg der biologischen Reproduktion, des familiären Sozialisationsprozesses und schließlich der Vermögenserbschaften selbst noch im Erwachsenenalter ist das moderne Individuum prägenden Einflüssen der Herkunftsfamilie ausgesetzt, die sich vollständig oder teilweise der individuellen Entscheidung und Verfügung entziehen und für eine entsprechend notwendig ungleiche Verteilung von Assets und Handicaps sorgen. Im Rahmen einer spätmodernen Gesellschaft, die den modernen Individualismus mit ihrem Selbstverwirklichungs- und Eigenverantwortlichkeitsideal auf die Spitze treibt, muss die Unverfügbarkeit dieser Ausstattung mit einem familiären Erbe vielgestaltiger Art als Irritation und Provokation erscheinen.
In Bezug auf das materielle Vermögen lässt sich dabei seit den 1990er Jahren eine strukturelle Verschiebung beobachten, deren Brisanz mittlerweile auch die öffentlichen Debatten erreicht hat. Der französische Ökonom Thomas Piketty macht in seiner historischen Untersuchung der Vermögensstrukturen in Frankreich einen grundsätzlichen Strukturwandel aus, der sich in ähnlicher Weise in den meisten westlichen Gesellschaften findet.13 Grafisch vorgestellt, nimmt er die Form einer U-Kurve an: Die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war in beträchtlichen Teilen eine postaristokratische Rentiergesellschaft, in der die privilegierten Schichten von ihrem ererbten Vermögen lebten. Im 20. Jahrhundert reduzierte sich die Vermögensungleichheit: Die Mittelschichtsgesellschaft, die in den Trente Glorieuses der Nachkriegszeit ihren Höhepunkt erlebte, war im Kern eine meritokratische Gesellschaft, in der sich die Erwerbsarbeit der Mittelschicht erfolgreich in (Immobilien)Vermögen umsetzen ließ. In der Spätmoderne verschärfen sich Piketty zufolge jedoch erneut die Vermögensunterschiede, und zwar insbesondere durch die ungleiche Vermögensvererbung.
Die tendenziell immobilen, stagnierenden Gesellschaften der Gegenwart, deren Ökonomien nur noch geringe Wachstumsraten aufweisen und in denen die massenhaften sozialen Aufstiegsgeschichten Vergangenheit sind, weisen damit erneut Züge der alten Rentiergesellschaft auf. Die Höhe des ererbten Vermögens erlangt dabei eine neue Relevanz als Sortiermechanismus für die Verteilung von Lebenschancen. Die Journalistin Julia Friedrichs hat mögliche Folgen dieses Prozesses bereits vor etwa zehn Jahren in Wir erben plastisch beschrieben:14 Das meist von den Eltern vererbte Kapital avanciert zum entscheidenden Startvorteil, der den Erben in der spätmodernen Mittelklasse beispielsweise den Immobilienkauf ermöglicht, der als Back-up den Berufseinstieg oder die Familiengründung erleichtert und der Mittel für Investitionen in die Bildungslaufbahn der eigenen Kinder freisetzt. Jene, die nicht erben, leben selbst als Akademiker mit Mittelschichtseinkommen demgegenüber in beengteren Verhältnissen. Vor dem Hintergrund des normativen Modells einer Leistungsgesellschaft wirft die Rolle des leistungslosen Vermögens immense Gerechtigkeitsprobleme auf.
Das Familienerbe erschöpft sich jedoch nicht im Geldvermögen. Mit Pierre Bourdieu gesprochen: Wirkungsmächtig ist nicht nur das ökonomische, sondern auch das kulturelle Kapital,15 vererbt wird in gewissem Umfang auch und gerade der kulturelle Habitus sozialer Klassen. Das ist soziologisch keine neue Erkenntnis. Neu ist jedoch, dass sich seit den 2010er Jahren der öffentliche Diskurs für die Folgen dieses Sozialisationserbes sensibilisiert. Augenfällig ist hier insbesondere das breit zirkulierende Genre der sogenannten Autosoziobiografien, das Sachbücher ebenso wie Romane sowie hybride Formen umfasst: Von Didier EribonsRückkehr nach Reims und Edouard Louis’ Das Ende von Eddy über J. D. Vance’Hillbilly Odyssee bis zu Christian Barons Ein Mann seiner Klasse und zu Romanen wie Saša Stanišić’ Herkunft oder Anke Stellings Schäfchen im Trockenen haben eine Reihe von Büchern Bestsellerstatus erreicht, in denen das komplexe kulturelle und soziale Erbe der sozialen Klassen zum Thema wird.16 Häufig handelt es sich um Darstellungen einer Herkunft aus der Arbeiterschaft oder einer prekären Unterklasse, aus der sich eine Spannung ergibt, die den Texten ihren besonderen Reiz verleiht: Die Autoren und Autorinnen, die über diese ihre Herkunft schreiben, sind als Schriftsteller ihrem Herkunftsmilieu entwachsen und demonstrieren mit ihrer Biografie, dass Klasse nicht Schicksal sein muss. Zugleich wird jedoch sichtbar, dass selbst in diesen Fällen das Erbe des Herkunftsmilieus weiterwirkt – sei es in Form einer Klassenscham, sei es in bestimmten Dispositionen aus dem Herkunftsmilieu, die so tief verankert sind, dass sie auch im »neuen Leben« weiterwirken.
Es gibt noch eine weitere Form des familiären Erbes, für die man in den letzten Jahrzehnten ein Bewusstsein entwickelt hat: das emotionale und epigenetische Erbe. Die Frage nach dem emotionalen Familienerbe, wie es Autorinnen und Autoren wie Galit Atlas, Peter Teuschel oder Mark Wolynn beschäftigt, geht dabei über die für die psychoanalytische Therapie von Beginn an zentrale Problematik der Kindheitserfahrungen und Familienkonstellation hinaus.17 Was nun in den Blick gerät, ist vielmehr die intergenerationelle Übertragung psychischer Probleme, nicht zuletzt von Traumata. Die Initialzündung für die Analysen zum emotionalen Erbe liefern die Symptome der erwachsenen Kinder von Gewaltopfern, zunächst insbesondere aus Familien von Holocaust-Opfern. Ein belastendes emotionales Erbe findet sich auch in Familien, in denen Eltern als Kinder oder Jugendliche Krieg, Flucht, Vertreibung, schwere Erkrankungen oder sexuellen Missbrauch erlebt haben. Sabine Bode hat auf das emotionale Erbe der »Kinder der Kriegskinder« in Deutschland hingewiesen, für das lange Zeit kaum ein Bewusstsein existierte.18
In der psychologischen und biologischen Forschung ist man seit den 1990er Jahren zu dem Schluss gekommen, dass die Übertragung dieses emotionalen Erbes nicht allein über den Weg der Sozialisation stattfindet. Vielmehr wirken hier zusätzlich sogenannte epigenetische Mechanismen, durch die sich Erfahrungen wie kindliche Traumatisierungen im Körper manifestieren und dort epigenetische Veränderungen bewirken, die wiederum später an die eigenen Kinder biologisch vererbt werden können.19 Die Traumata der Mütter und Väter schlagen sich so unter Umständen unabhängig von Sozialisationsprozessen in der körperlichen (epigenetischen) Programmierung ihrer Kinder nieder. Die Epigenetik erscheint jedoch ihrerseits nicht als fix, sondern als durch Verhalten veränderbar: Das intergenerationale emotionale Erbe im Sinne eines cycle breaking
