Messi. Dreams Pequeña - Michael Kröchert - E-Book

Messi. Dreams Pequeña E-Book

Michael Kröchert

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Beschreibung

Der fünfzehnjährige Jago ist am Boden zerstört: Er wird nicht weiter wachsen. Die Diagnose der Ärzte ist eindeutig. Damit sind seine Aussichten auf eine Karriere als Fußballprofi dahin, er muss die Jugendakademie von PSV Eindhoven verlassen. Georg, sein Onkel, der seinetwegen nach Holland gezogen ist und ihm zum Freund und Gefährten wurde, bereitet bereits die Abreise vor. Doch Jago kann und will seinen Traum nicht aufgeben. Über einen anonymen Hinweisgeber erfahren die beiden von einem amerikanischen Arzt, der eine neuartige Therapie anbietet. Jago ist fest entschlossen, in die USA zu fliegen und diese nicht zugelassene Behandlung zu riskieren. Doch seine Mutter Maria verweigert ihr Einverständnis zu diesem gefährlichen Experiment. Georg verspricht, Jago zur Vernunft zu bringen, fliegt aber dennoch mit ihm nach Miami. "Messi. Dreams Pequeña" ist eine dramatische Reise durch die globale Fußballwelt. Die Odyssee eines Mannes, der seinen Neffen dorthin begleitet, wo man sich in Träumen verlieren kann. Wo Menschen an Fußballmärchen glauben. Märchen die wahr werden, ganz sicher. Ein Buch über Miami, über lichtdurchflutete Bars und palmengesäumte Freeways, wo Fußballgott Messi unter Vertrag steht, den das gleiche Schicksal ereilte wie Jago.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Michael Kröchert, 1975 in Hildesheim geboren, studierte an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, unternahm ausgedehnte Reisen durch den Nahen und Mittleren Osten, Asien und Ozeanien, und arbeitete als Fotograf, Rettungssanitäter und Bühnenbauer. Er veröffentlichte in Fuβballanthologien, u. a. in „Alles auf Rot“ (Blumenbar, 2017) und „Das Spiel meines Lebens“ (Rowohlt, 2017). 2020 erschien seine Reportage- und Essay-Sammlung „Autobahn – Mythos und Alptraum“ im Tropenverlag. 2023 folgte der Roman „Wasserläufer“. Michael Kröchert lebt und arbeitet in Berlin.

© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2025

Lektorat: Helge Pfannenschmidt

Reihen-Hrsg. IKONEN: Frank Willmann

Umschlaggestaltung und Satz: Guerillagrafik

ISBN 978-3-86391-427-1 voland-quist.de

eISBN 978-3-86391-447-9

Druck und Bindung: BALTO print, Litauen

Verlag Voland & Quist GmbH Gleditschstr. 66 D-10781 Berlin

[email protected]

www.voland-quist.de

INHALT

Sonntag

1

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Montag

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Dienstag

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18

Mittwoch

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Donnerstag

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Freitag

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Samstag

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32

Sonntag

33

/ Nunca estarás solo

/ You'll never walk alone

Sonntag

1

Es waren synchrone Bewegungen. Wie eine Choreographie. Jago beugte sich vor, drehte seinen Kopf in Richtung Fenster, und im selben Moment richtete sich Georg auf, lehnte sich leicht zurück und gab so den Blick frei.

Das Flugzeug neigte sich unmittelbar nach dem Start und sie konnten Eindhoven in allen Einzelheiten sehen. Wohnblocks, Bäume, Autos, auch Autobahnen und Einkaufszentren – alles gestochen scharf. Georg versuchte, ihre Straβe und das Krankenhaus zu erkennen, doch plötzlich schob sich die Akademie in sein Sichtfeld. Der groβe Rasenplatz im Zentrum, der Wald drumherum, das Hauptgebäude mit der Restaurantterrasse. Man erkannte sogar die Netze der Tore. So als würde der Pilot diese Kurve absichtlich fliegen. Als wüsste er, wer in seinem Flugzeug saβ und worum es diesen Menschen ging, aus welchem Schicksal sie entkommen wollten, koste es, was es wolle.

Das Bild veränderte sich rasch. Sie gewannen an Höhe. Einzelheiten verwischten. Nun dominierten die dunkelgrünen, unregelmäβigen Flächen der Wälder, das helle Grün der Weiden, das Schwarzbraun der Äcker, die dünnen, grauen Straβenbänder. Nordwesteuropa im April. Jago hatte sich abgewandt.

Georg drückte seinen Kopf in das mickrige Kissen und fragte sich, ob er würde schlafen können. In den letzten Monaten war er immer gegen drei Uhr aufgewacht – mit einer seltsamen, teuflischen Pünktlichkeit. Dann war er in Jagos Zimmer gegangen, bevor das Grübeln ihm zusetzen konnte. Dort hatte er sich auf die Bettkante gesetzt, das leise Atmen seines Neffen beruhigte ihn. Und immer hatte er gewusst, ob Jago ebenfalls wach war oder nicht. Als Kind hatte Georg es genauso gemacht. Ruhig geatmet, sich zur Wand gedreht; manchmal geweint. Den Erwachsenen nicht erlaubt, ihm in die Karten zu schauen.

Georg wollte nichts als sich auszuruhen, und endlich stellten sich die Wolken in den Weg. Dichte, aufgebauschte Gebilde, die den Blick auf das Land und die Städte, die Küsten und Gewässer versperrten. Grelles Sonnenlicht flutete ihre Oberseite. Ein Naturschauspiel, das von der Erde aus niemals zu sehen war. In Madrid würde sie umsteigen müssen.

Anders als Jago, der im Herbst ein Turnier in Italien und zum Jahreswechsel ein Trainingslager in der Türkei absolviert hatte, war Georg von Eindhoven aus immer nur nach Berlin geflogen. Die Tatsache, dass sie nach Florida reisten, hätte ihn vor einiger Zeit froh gemacht. Doch jetzt – Jagos und sein Leben war im Begriff, sich um 180 Grad zu drehen – spürte er nur die Erinnerung an etwas wie Vorfreude. Irgendwo tief in sich hatte er diese Empfindung noch eingekapselt.

2

So wie fast immer in den letzten Wochen trug Jago eine Kapuze und darunter Kopfhörer, die seine Ohren vollständig bedeckten. Er lehnte sich über den Klapptisch, wischte bedächtig mit dem Zeigefinger über den Screen seines Handys und schaute den Trainingsplan durch, der für die freie Zeit vorgesehen war. Danach öffnete er die Tabellen mit den Daten seiner Leistungen und einen Text über Angriffspressing und Relationismus, den ihnen Scholz – der Trainer der U15 – geschickt hatte.

Jago sah mit der schwarzen Kapuze und der gebeugten Haltung aus wie ein Mönch beim Gebet. Oder wie ein Asket, der bereit war, barfuβ bis ans Ende der Welt zu laufen, um seinem Gott: dem Gott des Fuβballs nahe zu sein und das Schicksal zu wenden. Auf der Lehne spürte Georg die ganze Zeit den Unterarm seines Neffen, spürte Nähe und Verbundenheit. Er war jedes Mal froh, wenn Jago zockte oder Trickfilme schaute, Chips oder Süβigkeiten aβ, irgendwie seine Zeit verschwendete oder etwas tat, das nicht dazu diente, seine Leistung zu steigern. Aber nicht mal hier auf dem Flug lieβ er locker. Jago stellte eine Box vor sich auf den Klapptisch. Darin waren Gurkenscheiben, Paprikastreifen und Apfelschnitze, dazu ungesalzene Nüsse.

Während Georgs Blick auf das Obst und Gemüse fiel, das Jago am Morgen selbst geschnitten und eingepackt hatte, stellte er sich vor, wie eine Welle ihn anhob und mit dem Rücken auf einen Felsen warf, wo er zertrümmert und zerbrochen liegen bleiben würde. Im selben Moment zuckte Jago heftig mit den Schultern – ohne ersichtlichen Grund. In den letzten Tagen überkam Georg immer öfter das Gefühl, dass ihre Empfindungen, ihr Denken, dass alles zusammengewachsen war. Ja, dass er gemeinsam mit ihm verrückt vor Stress werden könnte. Sie waren dabei, die schwierigste Reise ihres Lebens zu unternehmen. Hatten noch diese eine Chance. Würde die Behandlung in Miami zu nichts führen, wäre Jagos Traum vom Profifuβball aus.

3

Georg beobachtete die Stewardessen, die sich mit dem Servierwagen in den vorderen Teil des Airbus begaben, um Reihe für Reihe ihre Waren zu verkaufen. Er drehte sich zu Jago, der die beiden wegen der hohen Sitzlehnen nicht sehen konnte.

Jago war mit den Mitspielern seines Jahrgangs regelmäβig zu den Heimspielen ins Philips Stadion gegangen (sofern ihr eigener Spielplan es zulieβ). Dort besuchten die Jugendlichen die Katakomben, um Tuchfühlung mit den Profis aufzunehmen. Oder sie hielten sich in der Mixed Zone auf, um die Abläufe kennenzulernen und sich an diesen Ort zu gewöhnen. Immer begannen diese Nachmittage oder Abende im VIP-Bereich, und auch dort waren Servicemitarbeiter, die den Imbiss brachten, Wasser und Säfte reichten. Zu Dutzenden, zu Hunderten bewirtschafteten sie die Arenen, hielten die Dinge am Laufen. Mit schwarzen engen Tops oder Hemden und weiβen Schürzen.

Georg war aufgefallen, dass Jago und seine Mitspieler diesen Angestellten im Stadion nie die geringste Beachtung schenkten, sie für selbstverständlich nahmen. Das hierarchische System, das überall im Fuβball herrschte und in das sie eingebunden waren, hatten sie von klein auf verinnerlicht.

Neben den Trainingslagern und Turnieren im Ausland, dem Individual-Training, der Betreuung durch die Physiotherapeuten und Mental-Coaches, der permanenten Erfassung und Analyse ihrer Leistungen, umgab alle Spieler der Akademie eine 3D-Aufmerksamkeit. Dazu hatten sie ununterbrochen die Privilegien und Klunker einer Profikarriere vor Augen. Die Ferraris, Bentleys und Porsches auf dem Parkplatz vor der Akademie, wo auch die 1. Mannschaft trainierte. Die Millionen Follower von Ivan Perišić oder Luuk de Jong auf Instagram. Die konkrete Aussicht, in wenigen Jahren vor dreiβig-, vierzigtausend oder noch mehr Zuschauern in den legendären Arenen aufzulaufen. Aber jeder wusste: Das Einzige, was zählte, war, dass sie ihre Leistung erbrachten, dass sie funktionierten und ablieferten.

Georg hatte immer wieder versucht zu erahnen, was es hieβe, wenn das vorbei war. Er stellte sich vor, wie Jago und er so einen Verkaufswagen durch ein Flugzeug schoben und Waren anboten, Geld entgegennahmen, Nachschub holten. Von einem Monat auf den anderen zurück in das andere, normale, kleinere Leben?

Er blickte zu Jago. Sein Neffe hielt diese Vorstellung konsequent von sich fern. Auch Georg tat sein Bestes, um sie zu verdrängen. Dabei war es normal, dass Jungen aussortiert wurden und die Hoffnungen ihrer Familien erloschen. Zum Ende jeder Saison musste rund ein Viertel der Junioren die Leistungszentren verlassen. Schmerz und Verzweiflung waren an der Tagesordnung. Das Scheitern war alltäglich. Er dachte an Solveigh. Er dachte an ihren Sohn Nils, einen von Jagos Mitspielern, den dieses Schicksal ereilt hatte.

Plötzlich griff er nach Jagos Hand und drückte sie. Als er spürte, wie sein Neffe den Druck erwiderte – kurz und intensiv –, seine Hand dann gleich wieder wegzog, um weiter über sein Handy zu wischen, hätte er Jago gerne umarmt und gesagt: Ja, es gibt noch Hoffnung. Wir versuchen alles! Wir ziehen es durch! Aber mehr können wir nicht tun. – Was für ein Wahnsinn das alles war. Glaubte er denn selbst noch daran?

Noch vor einem halben Jahr – bei dem Turnier in Turin – hatte ein Journalist Jago zu den fünf besten offensiven Mittelfeldspielern seines Jahrgangs in Europa gerechnet. Aber er war zu klein. Die Ärzte in Eindhoven und an der Berliner Charité hatten aufgrund der Entwicklung seiner Handwurzelknochen die sichere Prognose gestellt, dass er maximal 1,65 werden konnte. Und da die bereits erfolgte zwölfmonatige Hormonbehandlung wirkungslos geblieben war, schien selbst das fraglich. Von einer weiteren Therapie rieten die Mediziner ab.

„Hallo?“

Die Stewardess lächelte, als sie Jago sah, und hielt ihm einen Bonbon und eine Tüte mit einer Spielfigur hin. Doch der lehnte wortlos ab und sank noch ein Stück weiter in sich zusammen. Georg fühlte den Schmerz. Er bestellte sich zwei Dosen Carlsberg und öffnete die erste sofort.

4

Nach der Landung durchströmten Georg Empfindungen, die er schon gar nicht mehr kannte. Er hatte sich nicht viel von diesem Ortswechsel versprochen, doch beim Anblick der Palmen und dem Gefühl der Wärme auf seiner Haut hellte sich etwas in ihm auf. Erinnerungen an Urlaubsreisen in warme, sonnige Länder.

Als er vor der Flughafentoilette auf seinen Neffen wartete und hinter der riesigen Glasfront die Jets starten sah, war er durch und durch zuversichtlich: Ja. Es würde klappen, Jago würde doch noch weiter wachsen, diesmal würde die Behandlung anschlagen, und sie beide, Jago und er, konnten weitermachen wie bisher. Und falls es nicht klappte, gingen sie einfach hinein in ein anderes, neues Leben, dann stünden ihnen trotzdem Wege in alle Richtungen offen. Hier am Flughafen erschienen ihm beiden Möglichkeiten real, gut, erstrebenswert, ganz anders als auf dem Flug. Doch er schüttelte den Kopf, weil er sich nicht täuschen lassen wollte, weil er vernünftig sein wollte, weil er sich doch nur von der Wärme und der Sonne mitreiβen lieβ.

Sie liefen zur Metrostation. Neben einem Taxistand sah er eine Frau, die Eis verkaufte und einen Kunden anlachte. Ein alter Mann in einer blauen Uniform, der den Parkplatz betreute, wirkte seltsam zufrieden, während er in eine Palme blickte, aus der ein Schwarm Papageien flatterte.

Jago dagegen wirkte missmutig. Georg fragte sich, woran das lag, sprach ihn jedoch nicht darauf an. Vielleicht hatte es keine Pissoirs für kleine Menschen gegeben. Über Nils hatte Georg erfahren, dass Jago vor Kurzem bei einem Auswärtsspiel in Utrecht deswegen in der Kabine ausgelacht worden war. Von seinen Mitspielern. Zum ersten Mal. In der Metro strich Georg seinem Neffen kameradschaftlich über den Rücken, spürte aber, dass der diese Berührung nicht wollte. Und da waren sie wieder, die unerbittlichen Gedanken: Niemand wird ihn aufhalten. Er ist stärker als sein Schicksal.

Georg zog seine Hand weg und checkte sein Handy. Er hatte neue Nachrichten von Isa, Jagos Mutter, aber er öffnete sie nicht, er wusste, was sie wollte.

Nur eine Stunde nach der Landung bezogen sie ihr Zimmer im Colonnade Muriel, einem Vier-Sterne-Hotel in Coral Gables, südlich von Downtown.

Das Zimmer im vierten Stock wirkte wie vakuumverpackt. Dennoch fühlte sich Georg darin nicht unwohl. Es war groβ und hell, es ging nach vorn raus, war nicht zu kitschig eingerichtet. Die Fenster lieβen sich allerdings nicht öffnen, zumindest gelang es Georg nicht. Die Klimaanlage regelte die Raumtemperatur auf achtzehn Grad, die sich anfühlten wie zwölf, was Jago und Georg – ohne dass sie ein Wort wechselten – als so unangenehm empfanden, dass sie nur ihre Koffer abstellten, sich Shorts anzogen, die Klimaanlage ausschalteten und sich in die Lobby setzten. An die bodentiefen, offenen Fenster, die zum Pool raus gingen.

Georg schaute auf das Wasser und in die Palmen, beobachtete einen roten Vogel, der aussah wie eine Kreuzung aus Papagei und Spatz. Neben dem von weiβen und blauen Fliesen umrahmten Becken wuchsen Hibiskus und Bougainvillea.

In diesem Hotel kostete ein Zwei-Bett-Zimmer inklusive Frühstück 285 Dollar. Der PSV hatte Jagos Hormonbehandlungen über die gesamte Saison finanziert, sich dann zurückgezogen, als die negative Prognose gestellt wurde. Zum Saisonende musste Jago, wenn sie keine neuen, positiven Ergebnisse vorlegen konnten, den Campus in Eindhoven verlassen. Die Behandlung in den USA bezahlte Isa, damit hatte PSV nichts mehr zu tun, der Verein wusste nicht mal von diesem Alleingang. Doch in der Aufregung der letzten Wochen war nicht genau besprochen worden, wer die Hotelkosten übernahm oder wie sie das aufteilten. Georg hätte ganz sicher ein günstigeres Hotel genommen.

5

Während Georg in einem Sessel saβ, überkam ihn schwere Müdigkeit, nicht diese angespannte Erschöpfung der letzten Monate, die ihn nie zur Ruhe kommen lieβ. Er lauschte auf das Plätschern des künstlichen Wasserfalls. Konnte hier nicht doch noch alles gut werden?