Messias - Andreas Brandhorst - E-Book

Messias E-Book

Andreas Brandhorst

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Beschreibung

Der Auftrag: »Töten Sie Gott!« Die Zielperson: ein Mann namens Simon, der scheinbar Wunder bewirken kann. Aber kann er auch sich selbst retten?

Als eines Tages ein Mann ins Licht der Öffentlichkeit tritt und behauptet, die Menschheit zu erlösen, weiß niemand, wie damit umzugehen ist. Als er sogar echte Wunder zu vollbringen scheint, geraten die Regierungen und Religionen der Welt in Panik. Ist es der Messias? Woher kommt dieser Mann, der sich Simon nennt? Währenddessen steht Nathan, ein Auftragskiller, kurz vor dem Ruhestand. Bis er von einem mächtigen Konsortium einen geradezu unglaublichen Auftrag erhält: Töten Sie Gott! Doch das ist leichter gesagt als getan …

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Seitenzahl: 522

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Als eines Tages ein Mann ans Licht der Öffentlichkeit tritt und behauptet, die Menschheit zu erlösen, weiß niemand, wie damit umzugehen ist. Als er sogar echte Wunder zu vollbringen scheint, geraten die Regierungen und Religionen der Welt in Panik. Ist es der Messias? Woher kommt dieser Mann, der sich Simon nennt? Währenddessen steht Nathan, ein Auftragskiller, kurz vor dem Ruhestand. Bis er von einem mächtigen Konsortium einen geradezu unglaublichen Auftrag erhält: Töten Sie Gott! Doch das ist leichter gesagt als getan …

Der Autor

Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, hat mit Romanen wie Äon, Das Erwachen oder Das Schiff die deutsche Science-Fiction-Literatur der letzten Jahre entscheidend geprägt. Spektakuläre Zukunftsvisionen, verbunden mit einem atemberaubenden Thriller-Plot, sind zu seinem Markenzeichen geworden und verschaffen ihm regelmäßig Bestsellerplatzierungen. Zuletzt sind im Heyne Verlag seine Romane Der Riss und ORIGIN – Die Entdeckung erschienen. Andreas Brandhorst lebt im Emsland.

Mehr über Andreas Brandhorst und seine Romane finden Sie auf andreasbrandhorst.de und auf diezukunft.de.

AndreasBrandhorst

Thriller

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Originalausgabe

Copyright © 2026 by Andreas Brandhorst

Copyright © 2026 dieser Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Dieses Werk wurde vermittelt durch dieTextbaby Medienagentur, www.textbaby.de

Redaktion: Peter Thannisch

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (SvetaZi, Passatic)

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-30903-9V001

heyne.de

»Was der Mensch als Gott verehrt,

ist sein eigenstes Innere herausgekehrt.«

Johann Wolfgang von Goethe28.08.1749–22.03.1832

»Heute beim Aufstehen kam mir der Gedanke, wie es doch recht merkwürdig ist, dass gerade die Völker, denen die Sonne besonders heiß auf den Schädel brennt, sie als Gott verehren. Alle Sonnen- und Feueranbeter wohnten im heißen Süden, wie die Assyrer, Phönizier, Perser. Den Völkern des Nordens ist dieser Kult nicht in den Sinn gekommen, und doch hat man in unserem Klima gewiss mehr Grund zu Dankbarkeit und Freude, wenn die seltene Sonne am Himmel sich zeigt, als da, wo sie sengende Glut und oft Gefahr und Verderben bringt. Aber die alten Germanen verehrten nicht die Sonne, sondern den Blitz und den Donner. Auch hierin zeigt sich die Hundenatur der Menschen. Sie lieben und verehren den, vor dem sie sich fürchten.«

Otto Fürst von Bismarck01.04.1815–30.07.1898

Prolog

Extremely Large Telescope (ELT), Atacamawüste, Chile

Der Alarm erfolgte eine Minute und siebzehn Sekunden nach drei Uhr nachts.

Jayden Chapman, schlaflos wie so oft, saß im Auswertungsraum des ELT und sah sich die während der vergangenen Stunden aufgezeichneten Daten an. Sie betrafen mehrere Sonnensysteme mit Exoplaneten, darunter Formalhaut b und insbesondere Proxima Centauri b, einen nur gut vier Lichtjahre entfernten Gesteinsplaneten, der sein Muttergestirn, einen Roten Zwerg, in der habitablen Zone umkreiste und auf dessen Oberfläche Wasser in flüssiger Form existieren konnte. Im Jahr 2020 waren Radiosignale aus der Richtung von Proxima Centauri empfangen worden, und man hatte es zunächst für möglich gehalten, dass es sich dabei um eine Technosignatur handelte, um einen konkreten Hinweis auf die Existenz einer extraterrestrischen technologischen Zivilisation. Genaue Untersuchungen des BLC1 genannten Signals ergaben eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Signale von einer irdischen Quelle stammten – die Fachleute sprachen in diesem Zusammenhang von »verzerrten Echos elektrischer Oszillatoren«.

Aber selbst eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit bedeutete keine Gewissheit. Es gab immer noch Spielraum für Hoffnung. Jayden Chapman siebzig Jahre alt, hoffte seit seiner Jugend, als er im englischen Cornwall fernab jeder Lichtverschmutzung zum Sternenhimmel aufgesehen und sich all die Wunder vorgestellt hatte, die dort draußen bei den zahllosen Sternen existierten.

Der Alarm bedeutete, dass etwas Ungewöhnliches entdeckt worden war, etwas, das von den automatischen Systemen nicht identifiziert werden konnte.

Von einem Augenblick zum anderen war Jayden hellwach.

Er schaltete das beharrliche rhythmische Summen des Alarms aus, rollte seinen Stuhl zum nächsten Monitor, einem gebogenen Widescreen, und zog die Tastatur näher. In der Stille schien das Klicken der Tasten unter seinen flinken Fingern lauter zu sein als sonst.

Daten scrollten über den Bildschirm, Kolonnen aus Zahlen, Buchstaben und mathematischen Symbolen. Die KI-Systeme hatten bereits mit der Analyse begonnen, und die ersten Ergebnisse enttäuschten Jayden. Was auch immer entdeckt worden war, es schien sich nicht weit draußen im All zu befinden, sondern nahe der Erde. Er rief neue Daten ab und war so sehr in sie vertieft, dass er nicht hörte, wie sich wenige Minuten später die Tür hinter ihm öffnete.

»Was ist passiert?«, fragte sein Kollege, der chilenische Astronom Vicente Rojas Martínez. »Was haben wir gefunden?«

Der Alarm hatte ein Wecksignal ausgelöst, und Vicente war offenbar sofort aus dem Bett gesprungen und losgeeilt, mit zerzaustem grauem Haar, nur halb zugeknöpftem Hemd und einer Hose mit offenem Gürtel. Wer ihn zum ersten Mal sah, hielt ihn, obwohl zwei Jahre jünger als Jayden, für einen ausgemergelten Greis, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Doch dieser Eindruck täuschte. Er lief fast jeden Tag über die Straße, die zum etwas mehr als dreitausend Meter hohen Gipfel des Cerro Armazones führte, einige Kilometer weit hinab, bis in die Atacamawüste, und dann wieder herauf, zurück zum ELT. Er war nicht ausgezehrt und erschöpft, sondern körperlich und geistig außerordentlich fit. Darum beneidete ihn Jayden, der einen ewigen Kampf gegen die Pfunde führte und ihn fast täglich verlor.

»Eine elektromagnetische Anomalie«, antwortete Jayden und schrieb erneut auf der Tastatur. »Kein Sensorfehler, das können wir ausschließen. Das VLT hat die Messungen gerade bestätigt.«

Das Very Large Telescope befand sich nur zwanzig Kilometer entfernt auf dem Gipfel des Cerro Paranal. Die dort tätigen Wissenschaftler arbeiteten seit der Fertigstellung des Extremely Large Telescope eng mit den ELT-Forschern zusammen.

Vicente blies kurz die Wangen auf. »Also kein naher Asteroid? Oder Aliens?« Er knöpfte sein Hemd zu und sank auf den Stuhl am nächsten Bildschirm, der Auskunft gab über die Ausrichtung des Teleskops und die Aktivität der Sensoren.

»Wer weiß?« Jaydens Finger wanderten über die Tasten. »Wer weiß?«

»Sollen wir die anderen wecken?«, fragte Vicente.

»Sobald wir mehr wissen.« Was so viel bedeutete wie: Wenn sich herausstellt, dass es um eine ernste Sache geht.

Eine Zeit lang schwiegen sie, empfingen neue Daten, werteten sie aus und verglichen ihre Resultate mit den Analyseergebnissen der KI-Systeme.

»Leuchterscheinungen?«, kommentierte Vicente schließlich.

Jayden nickte. »Darauf läuft es hinaus. Im sichtbaren Teil des Spektrums. Die elektromagnetischen Störungen setzen sich im ultravioletten und infraroten Bereich fort. Es gibt Beeinträchtigungen bei der Satellitenkommunikation und Funktionsstörungen in den Stromnetzen insbesondere auf der Nordhalbkugel.«

»Aber der Süden ist ebenfalls betroffen.«

»Ja«, bestätigte Jayden und sah sich die neu eintreffenden Daten an. »Der Effekt breitet sich dort ebenfalls aus, mit einer kurzen Verzögerung.«

»Ursprung?«, brummte Vicente.

»Kein Sonnensturm«, sagte Jayden sofort, der bereits entsprechende Untersuchungen angestellt hatte. »Die solare Aktivität ist normal, ebenso die kosmische Strahlung.«

»Emissionsströme?«

Jayden schüttelte den Kopf. »Keine Supernovae. Keine Pulsare. Kein Fast Radio Burst. Wir sind auch nicht Zielscheibe eines kosmischen Gammablitzes geworden. Nichts dergleichen.«

Vicente lehnte sich zurück und wandte den Kopf. »Also?«

Jayden stand auf, ging zum Fenster und sah nach draußen. Nur hundert Meter entfernt erhob sich das Hauptgebäude des ELT mit dem zweitausendachthundert Tonnen schweren Primärspiegelsystem, bestehend aus siebenhundertachtundneunzig sechseckigen Segmenten, jedes von ihnen fünf Zentimeter dick und mit einem Durchmesser von eins Komma vier fünf Metern. Natürlich war das Teleskop mit einer adaptiven Optik ausgestattet: Mehr als sechstausend Aktuatoren dienten der Korrektur atmosphärischer Turbulenzen, und zwar mit einer Dynamik von mehr als tausend Korrekturen pro Sekunde, was gestochen scharfe Bilder ermöglichte. Die Leistungsfähigkeit des ELT ging weit über die des Hubble-Teleskops in der Umlaufbahn hinaus und ließ sich nur mit der des eins Komma fünf Millionen Kilometer von der Erde entfernten James-Webb-Teleskops vergleichen.

Hier blickte das größte Auge der Erde in die Nacht.

Der klare Himmel über dem Teleskop zeigte nicht nur Tausende Sterne, sondern auch leuchtende Schleier, die an Polarlichter erinnerten.

»Man kann es auch hier sehen«, sagte Jayden. »Ganz deutlich.«

Vicente stand auf und trat an seine Seite. Gemeinsam blickten sie hinaus, zum Nachthimmel hoch. Die roten und violetten Schleier im Nordwesten verblassten und wichen einer Ansammlung Dutzender funkelnder Lichter.

»Christbäume.« Jayden deutete nach oben. »Mein Großvater hat mir davon erzählt. So nannte man im Zweiten Weltkrieg die nächtlichen Zielmarkierungen für Bombenflugzeuge.«

Vicente sah ihn an und hob die Brauen. »Glaubst du etwa …«

»Wer weiß?«, murmelte Jayden. »Wer weiß?«

»Nach den letzten Daten zu urteilen, kann man die Leuchterscheinungen fast überall auf der Erde sehen.«

»Wo es derzeit Nacht ist, ja.«

»Woher kommen sie?« Vicente sah noch immer nach draußen. »Welchen Ursprung haben sie? Was bedeuten sie?«

»Versuchen wir, es herauszufinden.« Jayden kehrte zu seinem Platz am großen Bildschirm zurück. »An die Arbeit.«

Simon sagt:

»Ich komme zu euch.«

I

Ankunft

Nathan

Buenos Aires, Argentinien

Noch fünf Minuten bis zum tödlichen Schuss.

Nathan überprüfte noch einmal das Präzisionsgewehr, blinzelte in der Sonne und fühlte den Wind. Die Entfernung zum Ziel betrug dreihundertachtzig Meter, und vom Meer her wehte eine sanfte Brise, nicht stärker als Windstärke zwei. Sie trug den Geruch des nahen Ölhafens über die Stadt. Das Gewehr, so vergewisserte er sich noch einmal, war auf Distanz und Wind eingestellt.

Ein Blick nach oben zeigte Nathan einen klaren Himmel. Im Südwesten kreiste ein Helikopter über der Plaza Matheu und setzte den Flug dann in Richtung der Plaza Colombia nach etwas weiter im Westen fort – vermutlich eine Stadttour für zahlungskräftige Touristen. Nirgends zeigten sich Drohnen.

Noch vier Minuten.

Nathan saß auf einem kleinen Schemel auf dem Dach eines fünfzehnstöckigen Gebäudes in La Boca, einem der berüchtigsten Stadtviertel von Buenos Aires. Über die Brüstung hinweg, auf die er ein Stück Vlies für den Gewehrlauf gelegt hatte, sah er die Brücke Puente Avellaneda, unter ihr noch immer das Wandbild des argentinischen Fußballstars Diego Maradonna. Das Ziel befand sich ein Stück weiter im Nordosten: ein betongraues dreistöckiges Gebäude, neu errichtet zwischen Baracken, umgeben von einem hohen Sicherheitszaun, der gar nicht notwendig gewesen wäre, denn niemand hätte einen Einbruch in dieses besondere Gebäude gewagt, über dessen Eingang »Davos Systems« geschrieben stand. Angeblich gehörte es einer IT-Firma, die Netzwerksysteme installierte und wartete, aber hinter dem Namen steckte eins der neuen Drogenkartelle nicht nur mit Verbindungen nach Kolumbien und Mexiko, sondern auch zum argentinischen Geheimdienst AFI.

Noch drei Minuten.

Es war früher Nachmittag, auf den Straßen und in den Gassen von La Boca herrschte normaler Verkehr. Im Sonnenschein wirkte das Viertel ruhig und friedlich; nachts verwandelte es sich in einen Ort der Gewalt.

Eine silberne Limousine bog in die Straße mit der Firmenzentrale von Davos Systems, begleitet von zwei schneeweißen SUVs. Die Insassen ließen sich hinter den getönten Scheiben nicht erkennen, aber Nathan wusste, dass in den beiden großen Fahrzeugen jeweils drei Leibwächter saßen, Männer und Frauen. Die Limousine wurde von einem Chauffeur namens Arturo gefahren, und im Fond saß die vierundvierzig Jahre alte Catalina, Sekretärin und Partnerin von Luis Acosta, der sich gern »Máximo«, der Größte, nennen ließ und wie jeden Dienstag pünktlich um halb drei abgeholt wurde.

Die drei Wagen waren gepanzert, mit gewöhnlichen Waffen ließ sich nichts gegen sie ausrichten. Nathan hätte eine Bombe oder eine Panzerfaust benötigt, um Luis Acosta ins Jenseits zu befördern. Ein großer Aufwand und »schmutzig« obendrein, denn eine Explosion heftig genug, um die Limousine zu zerstören, hätte unbeteiligte Personen getötet und nahe Gebäude beschädigt. Das kam für Nathan nicht infrage. Er zog »saubere« Methoden vor, und sein Auftrag galt allein Luis Acosta.

Der letzte Auftrag. Noch einmal gute, zuverlässige Arbeit und dann der Ruhestand, zusammen mit Sierra.

Noch zwei Minuten.

Ein weiteres Mal überprüfte Nathan das Gewehr und blickte dann zum Himmel hoch, der leer blieb. Keine Drohnen, nichts, das sehen, hören oder eingreifen konnte. Im Westen flog der Helikopter mit den Touristen zur Plaza Constitución.

Nathan wusste nicht, warum Acosta sterben sollte. Er fragte nie, empfing seinen Auftrag und führte ihn aus. Natürlich stellte er Nachforschungen an, das gehörte zu den Vorbereitungen, doch dabei ging es vor allem um die Situation vor Ort, um die täglichen Routinen des Opfers. Luis Acosta, »der Größte«, bekleidete entweder einen hohen Rang im Kartell, das damit begonnen hatte, sich das organisierte Verbrechen von Buenos Aires einzuverleiben, oder er gehörte zum Geheimdienst. Vielleicht war er ein Bindeglied zur argentinischen Politik und dadurch gewissen Leuten ein Dorn im Auge.

In den vergangenen Wochen hatte Nathan alle notwendigen Informationen gesammelt, die vor allem Ort, Zeit und Gelegenheit betrafen. Luis Acosta legte großen Wert auf persönliche Sicherheit, war praktisch immer von Leibwächtern umgeben oder hielt sich in gesicherten Umgebungen auf, zum Beispiel in einer zur Festung ausgebauten Villa am südlichen Stadtrand oder in Geschäftsräumen ohne öffentlichen Zugang. Um an ihn heranzukommen, hätte Nathan in die Rolle eines Handwerkers, Dienstleisters oder Geschäftspartners schlüpfen müssen, und in dem Fall wären weitere aufwendige Vorbereitungen nötig gewesen. Aber sein Auftraggeber hatte ihm einen engen zeitlichen Rahmen gesetzt, eine Frist von höchstens sechs Wochen, die in wenigen Tagen ablief.

Das einzige Fenster für einen sauberen Job öffnete sich hier, und es war nicht größer als vier oder fünf Sekunden.

Noch eine Minute.

Nathans Blick suchte ein letztes Mal den Himmel ab – nach wie vor keine Drohnen, und der Helikopter flog weit im Westen –, bevor er das Präzisionsgewehr hob, den Lauf auf die Brüstung legte und durchs Zielfernrohr sah. Kalte Ruhe erfasste ihn. Das Universum schrumpfte, bis es nur noch Platz bot für ihn und das Ziel, das sich ihm gleich präsentieren würde.

Die drei Fahrzeuge hielten, ein weißer SUV vorn, die silberne Limousine in der Mitte, vor dem Eingang des betongrauen Gebäudes, und der andere SUV dahinter. Mehrere Männer und Frauen stiegen aus, sicherten Gehweg und Straße.

Nathan holte noch einmal Luft und hielt den Atem an, sein Zeigefinger am Abzug.

Die Tür des Gebäudes öffnete sich, und zwei Männer in dunkelblauen Anzügen traten nach draußen. Sie blickten nach rechts und links und zur Straße, dann gab einer von ihnen ein Zeichen.

Ein dritter Mann erschien, mittelgroß und hager, gekleidet in einen Anzug fast so grau wie das Gebäude. Auf dem Weg zur Limousine setzte er eine Sonnenbrille mit runden Gläsern auf, lächelte aber nicht wie sonst, weil er sich auf Catalinas Gesellschaft freute. Sein Gesicht wirkte verschlossen; vielleicht hatte er eine schlechte Nachricht erhalten.

Vier oder fünf Sekunden, dachte Nathan. Länger dauerte es nicht vom Eingang des Gebäudes bis zum wartenden Wagen. Einer der ausgestiegenen Leibwächter öffnete die Fondtür der Limousine.

Luis Acosta verlor keine Zeit, er ging mit langen Schritten, als hätte er es eilig, dem Sonnenschein zu entkommen.

Durch das Zielfernrohr war der Mann deutlich zu sehen. Nathans Zeigefinger krümmte sich am Abzug. Ein Körperschuss kam nicht infrage, denn vielleicht trug Acosta eine schusssichere Weste – das ließ sich auf diese Entfernung nur schwer feststellen. Aber der Kopf war nicht geschützt. Nathan brachte ihn in die Mitte des Fadenkreuzes.

Noch drei Sekunden.

Eine Leibwächterin trat zur Seite und geriet dadurch ins Schussfeld.

Nathan musste eine schnelle Entscheidung treffen. Sollte er schießen, erst auf die Leibwächterin, um das Hindernis aus dem Weg zu räumen, und dann auf Acosta?

Noch zwei Sekunden.

Die Frau wich wieder beiseite, der Kopf des Ziels kehrte ins Fadenkreuz zurück.

Noch eine Sekunde.

Luis Acosta erreichte die Limousine. Nathan schoss.

Es knallte nicht, ein Schalldämpfer schluckte das Geräusch. Es erklang nur ein dumpfes Plop, viel zu leise, um jenseits des Daches gehört zu werden. Nathan sah weiterhin durchs Zielfernrohr. Die Kugel traf den Kopf, sie schmetterte in die Schädeldecke; eine kleine Fontäne aus Blut, Knochensplittern und Hirnmasse spritzte. Nathan zweifelte nicht daran, dass Luis Acosta sofort tot war. Einen solchen Treffer konnte niemand überleben.

Er duckte sich, nahm mit ruhigen, routinierten Bewegungen das Gewehr auseinander und verstaute die Einzelteile in der bereitstehenden Tasche. Anschließend zog er behutsam das Stück Vlies von der Brüstung, fügte es dem demontierten Gewehr hinzu, schloss die Tasche und eilte noch immer halb geduckt übers Dach zur Tür des Treppenhauses.

Dort angelangt, musste er feststellen, dass sich die Tür nicht öffnen ließ. Sie war von innen blockiert.

Nathan

Nathan setzte die Tasche ab, stand für einige Sekunden reglos und dachte über die Situation nach. Jemand hatte von ihm gewusst und wollte verhindern, dass er das Dach verließ. Eine Falle?

Er bückte sich, öffnete die Tasche wieder und zog den Reißverschluss eines kleinen Seitenfachs auf, das mehrere in braunes Papier gewickelte Riegel enthielt, etwa zehn Zentimeter lang und anderthalb Zentimeter breit. Die Tür bestand aus Stahl. Es wäre sinnlos gewesen zu versuchen, das Schloss mit Schüssen aus dem Gewehr oder der Pistole im Achselholster zu zerstören. Aber dem hocheffizientem Plastiksprengstoff Composition C-4 konnte es garantiert nicht standhalten. Der Nachteil: Die Explosion war laut, man konnte sie kaum überhören.

Nathan heftete zwei Riegel neben das Schloss, fügte ihnen einen Zünder hinzu, der auf eine kleine Fernbedienung reagieren würde, nahm die Tasche mit dem Gewehr und wich hinter den Aufbau des Treppenhauses zurück, bevor er den Knopf der Fernbedienung drückte.

Es krachte. Eine Druckwelle fegte übers Dach und wirbelte Staub auf, der sich mit Rauch vermischte.

Die Tasche in der einen Hand und die Pistole aus dem Achselholster in der anderen kehrte Nathan zur Tür zurück, die einen Spaltbreit offen stand. Mit einem Tritt stieß er sie etwas weiter auf, trat durch dichten Rauch ins Treppenhaus und fragte sich, wie viel Zeit ihm blieb. Vermutlich nicht mehr als drei, höchstens vier Minuten.

Im vierzehnten Stock hielt er inne, hörte aufgeregte Stimmen aus dem Flur und überlegte kurz, ob er den Lift nehmen sollte. Er entschied sich dagegen. Es war der schnellste, offensichtliche Weg. Bestimmt hätte man ihn unten in Empfang genommen.

Damit blieb nur die Treppe.

Im dreizehnten Stock zögerte er, wich vom Geländer zurück und lauschte. Jemand kam ihm entgegen. Jemand, der versuchte, leise zu sein.

Nathan hielt sich nicht damit auf, einen Blick nach unten zu werfen. Auf leisen Sohlen huschte er wieder nach oben und erreichte das Ende des Treppenhauses, als eine Etage weiter unten einige Leute genug Mut fassten, ihre Wohnungen zu verlassen, um nachzusehen, was es mit dem großen Knall auf sich hatte.

Mehrere kleinere Knalle – Schüsse – führten zu Geschrei. Menschen ergriffen eilig die Flucht, Türen fielen zu.

Nathan schlüpfte nach draußen aufs Dach, wandte sich nach links, blieb hinter der Ecke des Aufbaus stehen und stellte die Tasche ab. Weit und breit gab es keine Deckung. Um eine Chance zu haben, musste er seine Gegner einen nach dem anderen ausschalten, wenn sie nach draußen kamen. Die Stahltür am Ende des Treppenhauses bildete ein Nadelöhr für sie.

Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die restlichen Riegel Plastiksprengstoff vor die Tür zu werfen, einen von ihnen mit einem Zünder versehen. Doch die Tasche zu öffnen, den Sprengstoff hervorzuholen und den Zünder zu präparieren hätte zu lange gedauert – Zeit genug für die Unbekannten im Treppenhaus, aufs Dach zu gelangen.

Nathan spähte um die Ecke zur aufgesprengten Tür und hielt die Pistole bereit.

Ein lauter werdendes Wummern weckte seine Aufmerksamkeit.

Der Helikopter, der im Westen über der Stadt geflogen war, näherte sich plötzlich mit hoher Geschwindigkeit von Norden. Es handelte sich, wie Nathan nun erkannte, um einen leichten Mehrzweckhubschrauber, vermutlich einen Leonardo AW09, der Platz bot für zwei Besatzungsmitglieder und bis zu acht Passagiere. Als die Maschine nur noch wenige Hundert Meter entfernt war, wurde die Tür auf der Kopilotenseite geöffnet. Jemand beugte sich mit einem Gewehr nach draußen.

Nathan ging in die Hocke, um ein kleineres Ziel zu bieten. Die geschrumpfte Welt war wieder viel größer geworden und enthielt Gefahren, mit denen er nicht gerechnet hatte. Sein Herz schlug schneller, die Gedanken begannen einen wilden Tanz.

Ein Gesicht erschien in der Treppenhaustür und verschwand sofort wieder. »Nathan?«

Er kannte die Stimme nicht, er konnte sie niemandem zuordnen.

»Wir wissen, dass Sie da sind, Nathan!«

Na so was, dachte er und hielt die Pistole auf die Tür gerichtet. Der Helikopter kam näher, der Mann mit dem Gewehr zielte auf ihn, schoss aber nicht. Seine Waffe blieb eine Drohung, woraus Nathan schloss, dass man ihn lebend wollte.

»Weg mit der Pistole!«, erklang erneut die unbekannte Stimme aus dem Treppenhaus. »Und heben Sie die Hände!«

Er konnte es hier und jetzt beenden, für immer, dachte Nathan in einem seltsamen Moment. Er konnte einen endgültigen Schlussstrich ziehen. Die Vorstellung übte einen gewissen Reiz aus.

Dann sah er Sierra vor dem inneren Auge, ihr von kastanienfarbenem Haar umrahmtes Gesicht, ihre großen nussbraunen Augen, in denen er nie Kalkül gesehen hatte, ihre Lippen, wie sie seinen Namen formten. In seiner Vergangenheit gab es viele Schatten, und Sierra war ein Licht, für das es zu leben lohnte.

Sie wollten ihn lebend. Es war noch nicht zu Ende.

Langsam richtete er sich, ließ die Pistole fallen und hob die Hände.

Der Hubschrauber schwebte direkt neben dem Gebäude. Der Gewehrschütze in seiner offenen Seite schoss noch immer nicht. Ein gutes Zeichen.

Zwei Männer und eine Frau traten durch die Treppenhaustür aufs Dach, alle drei bewaffnet. Nathan kannte niemanden von ihnen, im Gegensatz zu der vierten Person, die den dreien folgte. Es handelte sich um einen mittelgroßen, hageren Mann Mitte vierzig, gekleidet in einen grauen Anzug. Als er sich näherte, nahm er die Sonnenbrille mit den runden Gläsern ab.

»Überrascht, mich zu sehen?«, fragte Luis Acosta. Es klang fast freundlich.

»Sie sollten tot sein«, erwiderte Nathan.

Acosta breitete kurz die Arme aus. »Aber wie Sie sehen, bin ich quicklebendig. Sie haben nicht mich erschossen, sondern einen Doppelgänger.«

»Sie wussten Bescheid.«

»Das war nicht schwer zu erraten, oder?«

Die Pistolen der beiden anderen Männer zeigten auf ihn, trotzdem ließ Nathan langsam die Hände sinken. Plötzlich erschien die Frau an seiner Seite und drückte ihm etwas an den Hals.

»Schlafen Sie gut«, sagte Luis Acosta.

Das dritte Wort war für Nathan bereits so leise, dass er es nicht mehr hörte. Dunkelheit umfing ihn.

Am Himmel über Buenos Aires flackerte es, was im hellen Sonnenschein von den meisten Personen unbemerkt blieb. Die wenigen, die es sahen, vermuteten Lichtreflexe von einem hoch fliegenden Flugzeug.

Sie irrten sich.

Simons Weisheit

»Ich bin bei euch.«

Jayden Chapman

Extremely Large Telescope (ELT), Atacamawüste, Chile

Sie waren alle da, nicht nur die Astronomen und Datenspezialisten, sondern auch die Techniker und Assistenten. Eine lange Nacht lag hinter Jayden Chapman, aber er war noch immer hellwach, ebenso wie Vicente Rojas Martínez, saß vor dem Bildschirmen und verfolgte das Geschehen. Fernanda Torres, die »Nanda« genannte Direktorin des ELT, schritt von Monitor zu Monitor, klopfte Jayden und Vicente auf die Schulter, nickte anerkennend und verließ den Auswertungsraum, um ihre Inspektionsrunde durch den Rest des Gebäudes fortzusetzen.

Jayden nahm das Durcheinander um ihn herum kaum wahr. Er sah sich die Daten an, die von anderen Teleskopen und astronomischen Stationen übermittelt wurden, und suchte zusammen mit Vicente etwas, das die elektromagnetischen Störungen miteinander verband. Sie verloren nach und nach an Intensität, was dazu führte, dass die Funktionsbeeinträchtigungen bei Satellitenkommunikation und Stromnetzen aufhörten. Es gab jedoch vereinzelte Hotspots, Orte, wo es für wenige Minuten zu besonders energiereichen Phänomenen kam, vergleichbar mit der Entladung eines Blitzes – Sensoren hatten zwischen zweihundertfünfzig und dreihundert Kilowattstunden elektrischer Energie gemessen, mehr als genug, um Menschen zu töten und Gebäude zu zerstören. Aber Berichte über Tote oder Verletzte blieben aus, und offenbar zogen die seltsamen Lichter auch keine unbelebten Objekte in Mitleidenschaft.

»Noch immer nichts!«, rief jemand von der anderen Seite des Auswertungsraums. »Es lässt sich kein gemeinsamer Ausgangspunkt der Leuchterscheinungen feststellen.«

»Gibt es einen Ursprung, einen Auslöser?«, lautete eine Frage.

Jemand anders gab Antwort. Jayden hörte sie alle, die vielen Stimmen, er verstand sogar die meisten Worte, aber seine Aufmerksamkeit galt vor allem den Daten auf dem breiten Widescreen.

»Ein neuer Peak«, sagte Vicente neben ihm. Sein Haar war noch immer zerzaust, das Hemd inzwischen aber zugeknöpft und der Hosengürtel geschlossen »Ein neuer Hotspot. Diesmal in Europa, in Italien. Südliche Toskana.«

Eine Karte erschien in einem Bildschirmfenster vor Jayden und zeigte ihm den italienischen Stiefel. Ein Zoom brachte Mittelitalien näher, die westliche Küste mit dem Monte Argentario. Ein blinkender Punkt markierte eine Stelle auf der südlichen Landzunge zwischen Festland und Halbinsel.

»Das übliche Muster«, erklärte Vicente. »Unmittelbar vor dem Peak betrug die Spannung etwa hundertfünfzig Millionen Volt.«

»Wie bei einem mittleren Blitz«, murmelte Jayden, ohne den Blick vom Schirm abzuwenden.

Vicente verstand ihn trotz des lauten Stimmengewirrs. »Stimmt, ja. Die Stromstärke einen Sekundenbruchteil vor der Entladung belief sich auf ungefähr achtzigtausend Ampere. Die Daten stammen von einer meteorologischen Station in Orbetello, nur wenige Kilometer entfernt. Ganz sicher sind die Leute dort nicht. Es werden Nachforschungen angestellt, heißt es.«

Jayden betätigte Tasten. »Können wir von hier mehr herausfinden?«

Vicente verzog das Gesicht. »Himmel, Jay, wird sind Astronomen, keine Meteorologen!«

»Wir haben es nicht mit einem meteorologischen Phänomen zu tun.«

»Womit dann?«

Die Tür öffnete sich, und Fernanda Torres kehrte zurück. Sie trat in die Mitte des Auswertungsraums und hob die Hand.

»Der Mond, Leute«, sagte sie laut und deutlich. »Seht euch den Mond an!«

Jayden wechselte einen schnellen Blick mit Vicente und drückte Tasten. Ein großes Bildschirmfenster öffnete sich auf dem Widescreen vor ihm und zeigte den Mond mit zahlreichen Datenmarkierungen. Hervorgehoben waren unter anderem die Landeplätze der Apollo-Missionen und jüngsten Raumsonden sowie die Regionen, die von staatlichen Raumfahrtagenturen und privaten Unternehmen für die Einrichtung von bemannten Basen und automatischen Schürfanlagen vorgesehen waren.

»Wir sind nicht aufmerksam genug gewesen«, fuhr die Direktorin nicht ohne einen kritischen Unterton fort. »Das VLT und andere Teleskope sind uns zuvorgekommen. Vielleicht hätten wir uns nicht im tiefen All, sondern mehr in der Nachbarschaft umsehen sollen. Hier sind die Koordinaten: neun Grad, siebenunddreißig Minuten und zwölf Sekunden Nord, zwanzig Grad, vier Minuten und achtundvierzig Sekunden West.«

Die Daten klangen vertraut, Jayden musste nicht nachsehen. »Copernicus?« Wieder klickten Tasten unter seinen Fingern, und der Mond schwoll an, füllte das ganze Bildschirmfenster aus.

»Copernicus, ja.« Nanda Torres kam näher. Sie war nur wenige Jahre jünger als Jayden, eine schlanke, drahtige Frau, die gern graue Hosenanzüge trug, direkte Ansagen liebte und manchmal eine recht scharfe Zunge haben konnte. Vor allem aber mangelte es ihr nicht an Erfahrung und Kompetenz. Und sie teilte Jaydens großen Traum vom All und der großen Entdeckung.

Am südlichen Rand des etwa fünfundneunzig Kilometer großen und mehr als drei Kilometer tiefen Kraters leuchtete es hell wie von einem Meteoriteneinschlag, aber die rechts daneben eingeblendeten Daten zeigten, dass es sich nicht um ein Impaktereignis handelte.

»Das Ringgebirge wurde damals als möglicher Ort für eine Mondlandung im Rahmen des Apollo-Programms ausgewählt«, sagte Torres. »Für Apollo 20 kam es in die engere Wahl. Dummerweise wurde die Mission 1970 abgesagt.«

»Aus finanziellen Gründen,« Jayden erinnerte sich. »Angeblich kostete es zu viel.«

»Die üblichen Kosten-Nutzen-Rechnungen«, kommentierte Vicente. »Wobei die Kosten überbewertet und der Nutzen unterschätzt wurden.«

»Sehen wir uns die Sache einmal aus der Nähe an«, schlug Torres vor.

Jayden richtete den Zoom auf den Südrand des großen Kraters. Vicente rollte seinen Stuhl heran. Die anderen näherten sich, blieben rechts und links neben der Direktorin stehen und blickten auf den großen Widescreen vor Jayden.

»Eine leuchtende Wolke.« Ein weiterer Tastendruck vergrößerte den Bildschirmausschnitt. Neue Daten erschienen. »Kein Plasma. Kein Energieblitz.«

»Zumindest jetzt nicht mehr«, schränkte Torres ein. »Wir haben das ELT neu ausgerichtet. Dies sind Echtzeitbilder.«

Was wegen der Entfernung zum Mond eine Verzögerung von etwas mehr als einer Sekunde bedeutete. Jayden beugte sich vor und sah genauer hin. »Unter der Wolke …« Er rief weitere Daten ab. »Es sind keine energetischen Reflexionen.«

»Es ist ausgesprochen schade, dass Apollo 20 nicht dort gelandet ist«, bedauerte Nanda Torres. »Die Astronauten hätten sich vor Ort ein Bild von der Lage machen können. Wer weiß, was sie gefunden hätten. Aber wir haben Bilder, vom Vorher und Nachher. Wenn Sie gestatten, Jay …«

Jayden wich ein wenig beiseite, damit Torres die Tastatur erreichen konnte. Tasten klickten, und mehrere Bilder erschienen auf dem Schirm.

»So sah es beim Ringgebirge von Copernicus vor einigen Tagen aus.« Jayden, Vicente und die anderen sahen eine felsige Kraterlandschaft. »Und das haben wir jetzt.«

Unter der leuchtenden Wolke zeigte sich etwas, das nach einem halb fertigen Gebäude aussah. Stangen, Rohre und Verstrebungen bildeten ein Gerüst, das auf der einen Seite bereits feste Wände bekommen hatte, weiß wie Schnee. In der Mitte ragte ein saphirblauer Konus auf.

»Ein Gebäude?«, fragte Jayden. »Eine Station?«

»Eine Struktur«, sagte Nanda Torres. »Was es damit auf sich hat, wissen wir nicht. Hinzu kommt: Es gibt eine Frequenzkorrelation. Die Lichtwolke und die Leuchterscheinungen bei uns auf der Erde stehen miteinander in Verbindung. Das Gebilde dort könnte ihr Ausgangspunkt sein.«

»Was bedeutet das alles?«, fragte jemand.

Fernanda Torres sprach aus, was sich Jayden immer erhofft hatte. »Wir haben einen wahrscheinlichen Erstkontakt.«

Simons Weisheit

»Seht mein Licht.«

Nathan

Nördlich von Buenos Aires, am Rio San Antonio, Argentinien

Als Nathan die Augen aufschlug, verschwand die Sonne hinter hohen Baumwipfeln. Das Gesicht eines Mannes Mitte vierzig erschien vor ihm.

»Willkommen zurück bei den Lebenden und Wachen, Nathan«, sagte Luis Acosta. »Beziehungsweise Caleb Crawford. So lautet Ihr richtiger Name, nicht wahr?«

Nathan erinnerte sich kaum an ihn, so lange hatte er ihn schon nicht mehr gehört. Er blinzelte und stellte fest, dass er in einem mit weichen Kissen gepolsterten Korbsessel saß. Vor ihm stand ein niedriger Tisch mit eisgekühlten Getränken.

»Nur zu.« Acosta vollführte eine einladende Geste. »Nehmen Sie sich ein Glas.«

Nathan beugte sich langsam vor und streckte die Hand nach einem Glas aus, das gelbe Flüssigkeit und mehrere Eiswürfel enthielt. Aus den Augenwinkeln sah er zwei Bewaffnete am Rand der Terrasse, einen jungen Mann, der reglos wie eine Statue neben dem Verandapfosten stand, und eine etwas ältere und sehr wachsam blickende Frau – ihren dunklen Augen schien nichts zu entgehen. Die Erfahrung sagte Nathan, dass sie die Gefährlichere der beiden war.

Er trank einen Schluck, schmeckte Orangensaft und trank noch etwas mehr. Die Eiswürfel klirrten leise. Stimmen drangen aus dem einfachen Holzhaus hinter Acosta. Mindestens zwei weitere Personen, dachte Nathan und begann damit, nach einem Ausweg zu suchen.

»Möchten Sie wissen, wo wir sind?« Luis Acosta ging um den Tisch herum und nahm auf der anderen Seite Platz, nur zwei Schritte von der Haustür entfernt. Er trug keinen Anzug mehr, sondern eine wadenlange beigefarbene Hose mit weiten Beinen und ein weißes Polohemd. Eine Waffe war nicht zu sehen, aber vielleicht trug er auf dem Rücken eine Pistole hinter dem Hosenbund. Nathan berücksichtigte diese Möglichkeit bei seinen Überlegungen.

Er trank das Glas leer und stellte es auf den Tisch. »Na schön. Wo sind wir?«

Luis Acosta verschränkte die Arme. »Nördlich von Buenos Aires, an einem Fluss namens Rio San Antonio.« Er deutete nach rechts. »Das Boot, mit dem wir gekommen sind, liegt in einem kleinen Hafen dort drüben.«

»Ein abgelegener Ort.« Nathan sah sich um. Die ältere Frau behielt ihn im Auge, die ganze Zeit über. Der junge Mann beim Pfosten beobachtete den Weg, der durchs nahe Dickicht führte. Er rührte sich noch immer nicht, schien kaum zu atmen. Nathan bezweifelte, dass er so schnell reagieren konnte wie die Frau. Seine Aufmerksamkeit schien zumindest geteilt zu sein.

Acosta nickte. »Ruhig und ungestört. Hier können wir reden.«

»Worüber?«

»Zum Beispiel über den Zugangscode für Ihre Cloud-Daten.«

Ah, dachte Nathan. »Eine kleine Lebensversicherung.«

Der Mann auf der anderen Seite des Tisches nickte erneut. »Die durchaus funktioniert hat. Sonst säßen Sie jetzt nicht hier. Aber selbst die beste Lebensversicherung hat ein Verfallsdatum.«

»Tatsächlich?«

»Ihre läuft gerade ab, Nathan. Besser gesagt: Sie ist bereits abgelaufen. Die Eminenz hat Sie fallen gelassen.«

Völlig unerwartet kam das nicht. Es gab nicht viele Quellen, aus denen Luis Acosta erfahren haben konnte, dass ein Killer auf ihn angesetzt worden war. Außer der Eminenz, dem Auftraggeber, wusste praktisch niemand davon. Abgesehen von Sierra, und die war über jeden Zweifel erhaben.

»Sie wollten sich zur Ruhe setzen, nicht wahr?«, fuhr Acosta fort. »Wie alt sind Sie jetzt? Fünfundfünfzig? Ein ganzes Jahrzehnt älter als ich.«

Es wurde dunkler. Über der Terrassentür ging eine kleine Lampe an.

»Sie wollten aufhören und das Leben genießen, solange Sie es noch genießen können«, sagte Luis Acosta in einem neutralen Ton. »Zusammen mit Sierra, Ihrer Partnerin und Kollegin.«

Als er ihren Namen nannte, bildete sich ein Knoten tief in Nathans Magengrube. War sie ebenfalls in eine Falle geraten? War ihr etwas zugestoßen? Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Aber das gefiel Ihren Auftraggebern nicht«, erklärte Luis Acosta. »Die Eminenz mag keine ›loose ends‹, wie die Amerikaner sagen, nichts Unerledigtes. Und ich hatte mich bereits mit ihr geeinigt. Ein kleines Übereinkommen, das unseren Interessenkonflikt ad acta legt. Die Vereinbarung ist einige Tage alt, und Sie erfuhren nichts davon, weil man eine gute Gelegenheit sah, Sie zu beseitigen. Aber dabei gibt es ein kleines Problem.«

Nathan schwieg und hörte zu. Noch bestand keine unmittelbare Gefahr.

»Im Lauf der Jahre haben Sie belastendes Material gesammelt«, sagte Luis Acosta. »Es ist in Cloud-Dateien gespeichert, die natürlich passwortgeschützt sind. Darüber möchte ich mit Ihnen reden. Über die Passwörter.«

»Ich soll sie Ihnen nennen«, erwiderte Nathan. Das Licht der Lampe über der Terrassentür blendete ihn ein wenig. Dadurch wurden der junge Mann beim Verandapfosten und die wachsame Frau zu Silhouetten innerhalb von Schatten.

Acosta nickte. »Das wäre nett von Ihnen.«

»Sie erwarten von mir, ›nett‹ zu sein?«, fragte Nathan.

»Ich erwarte von Ihnen, vernünftig zu sein«, sagte Acosta. »Ich schlage Ihnen ein Geschäft vor.« Er beugte sich vor und legte die Hände flach auf den Tisch. »Die Eminenz wollte mich aus dem Verkehr ziehen, weil meine Geschäfte ihre Geschäfte störten, und das finde ich gar nicht nett. Zwar haben wir inzwischen eine Vereinbarung, aber wer garantiert mir, dass man es sich nicht irgendwann wieder anders überlegt? Wie auch immer die zukünftigen Entwicklungen beschaffen sein mögen, ich brauche ein … Faustpfand.«

»Meine Dateien.«

Luis Acosta richtete den Zeigefinger auf ihn. »Genau. Und das ist unser Geschäft: Sie geben mir die Passwörter für Ihre Cloud-Dateien, und ich gebe Ihnen Leben und Freiheit.«

»Wo ist mein Faustpfand?«, fragte Nathan. Neben Veranda und Terrasse verdichtete sich die Dunkelheit. Die Nacht kam schnell. Der Weg zum kleinen Hafen wurde zu einem schwarzen Tunnel im Dickicht.

Acosta lehnte sich wieder zurück, verschränkte diesmal aber nicht die Arme. Hinter ihm drangen noch immer Stimmen aus dem Holzhaus. Zwei Personen, mehr nicht, glaubte Nathan.

»Tut mir leid«, sagte Acosta. »Ich fürchte, Sie müssen mir einfach vertrauen.«

»Ich soll Ihnen vertrauen, obwohl ich versucht habe, Sie zu erschießen?«

»Darauf läuft es hinaus, nicht wahr?«

»Ein Unschuldiger ist gestorben.«

»Bedeutet dass, dass ich schuldig bin?«, erwiderte Luis Acosta. »Ein Doppelgänger. Es gibt noch zwei weitere Männer, die mir sehr ähnlich sehen. Dieser hatte einfach Pech.«

»Wenn ich Ihnen die Passwörter nenne, habe ich nichts mehr in der Hand«, sagte Nathan. »Ich wäre Ihnen ausgeliefert.«

»Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich auf mein Wort zu verlassen, Caleb Crawford.« Acostas Gesicht bekam Kanten, und in den Augen lag etwas Kaltes.

»Nein.«

»Das ist eine dumme Antwort.«

»Ich schlage Ihnen eine andere Art von Geschäft vor«, sagte Nathan und beobachtete aus den Augenwinkeln den jungen Mann und die ältere Frau, zwei Gestalten in der Dunkelheit jenseits des Lampenscheins. »Sie sind mit dem Leben davongekommen, und ich verspreche Ihnen, Sie in Ruhe zu lassen. Ich werde nicht noch einmal versuchen, Sie zu erschießen, obwohl der Auftrag nicht annulliert wurde und ich ihm nach wie vor verpflichtet bin. Sie lassen mich gehen, ich ziehe mich in den Ruhestand zurück, und alles ist gut.«

Luis Acosta sah ihn einige Sekunden lang an, stand dann auf und trat zur Seite des Tisches, wodurch Nathan den Rücken sehen konnte – offenbar trug er dort tatsächlich eine Pistole hinter dem Hosenbund.

»Es gibt zwei Wege für Sie, Crawford.« Das Eis in den Augen erreichte die Stimme. »Einen leichten und einen schweren. Der leichte besteht darin, mir die Passwörter der Cloud-Dateien zu nennen, jetzt sofort, und zu gehen, nachdem wir sie überprüft haben.«

»Und der schwere Weg?«, fragte Nathan.

»Wir könnten Ihnen Drogen verabreichen, die Ihre Zunge lösen.« Luis Acosta kam noch einen Schritt näher. »Und wenn das nicht genügt, gibt es noch immer das altbewährte Mittel der Folter. Wie viel Schmerz ertragen Sie? Ich verrate Ihnen: Wir können Ihnen in jedem Fall mehr zufügen. Irgendwann werden Sie reden. Warum nicht sofort?«

Er stand so, dass sein Schatten auf Nathan fiel – die Lampe blendete nicht mehr.

»Wie viel Bedenkzeit geben Sie mir?«, fragte er und stellte sich die Bewegungsmuster vor, unterteilt in einzelne Abschnitte. Die Chancen standen nicht besonders gut, aber es war vermutlich die einzige einigermaßen aussichtsreiche Möglichkeit.

»Keine. Sie entscheiden sich hier und jetzt. Nennen Sie mir die Passwörter!«

Nathan seufzte tief und schwer. »Na schön, wie Sie wollen.«

Er sprang.

Das war die erste Sequenz des inneren Films, den er gerade gesehen hatte, der Sprung aus dem Korbsessel, eine knappe Drehung, die linke Schulter nach vorn, damit sie gegen Acostas Seite stieß, gleichzeitig mit der rechten Hand nach der Waffe im Rücken greifen, sie ziehen und entsichern …

Luis Acosta wich erstaunlich schnell aus, aber Nathan schaffte es, das eigene Bewegungsmoment anzupassen. Die linke Schulter traf die Seite in Höhe der Niere, die ausgestreckte rechte Hand bekam die Pistole zu fassen …

Ein Schuss fiel, ein scharfer lauter Knall, und Nathan begriff plötzlich, dass er den jungen Mann am Verandapfosten unterschätzt hatte. Seine Reaktion war schneller als die der älteren Frau, ihre Pistole erst halb gehoben.

Nathan duckte sich hinter Acosta, benutzte ihn als Schild, schwang die erbeutete Pistole herum, bis sie auf den jungen Mann zeigte, und drückte ab. Die Kugel traf den Kehlkopf, Blut strömte. Der Mann ließ die Waffe fallen, hob beide Hände zum Hals und taumelte.

Nathans Hand mit der Pistole blieb in Bewegung, sie schwang noch etwas weiter und richtete sich auf die Frau, die versuchte, zu schießen und auszuweichen, was ein Fehler war, denn richtig bewerkstelligen ließ sich nur das eine oder das andere. Ihr Schuss verfehlte das Ziel, weil sie darauf achten musste, Acosta nicht zu verletzen, und da sie kostbare Zeit verloren hatte, erreichte sie nicht die anvisierte Deckung – eine mit Regenwasser gefüllte Tonne –, bevor Nathan auf sie zielte.

Sie starb mit einer Kugel in der Brust.

Eine halbe Sekunde später drehte Nathan die Pistole nach unten, schoss erneut und traf Luis Acostas rechtes Bein. Mit einem kleinen Aufschrei ging er zu Boden.

»Waffe weg!«, rief jemand.

Es war nicht alles so geschehen wie in Nathans innerem, Film. Manche Bewegungen hatten etwas länger gedauert als vorgesehen – Zeit genug für die beiden Personen im Innern des Holzhauses, die Tür zu erreichen. Dort standen sie, ein Mann und eine Frau, er mit einem Gewehr und sie mit einer Pistole. Das Gewehr zielte auf Nathans Kopf, die Pistole auf seine Brust. Es wäre vermessen gewesen zu glauben, dass beide Kugeln ihr Ziel verfehlt hätten, und eine genügte, um sein Leben zu beenden.

Nathan blickte auf den stöhnenden, zornigen Luis Acosta hinab. »Haben Sie nicht gehört?«, brachte der Mann hervor.

Plötzlich blitzte es am Himmel, so hell, dass sich die Nacht in Tag verwandelte und die Trennlinien zwischen Licht und Schatten wie mit dem Messer geschnitten aussahen. Der Mann und die Frau in der Tür ließen sich davon ablenken, wenn auch nur für einen Moment, und das genügte Nathan. Er hob seine Pistole und schoss zweimal schnell hintereinander.

Das Licht am Himmel flackerte mehrmals und verblasste langsam.

Das Paar aus dem Haus stand nicht mehr in der Tür, es lag auf der Schwelle.

Zwei oder drei Sekunden lang herrschte seltsame Stille.

»Hören Sie, Crawford«, ächzte Luis Acosta und hielt sich das verletzte Bein. »Überlegen Sie sich genau, was Sie jetzt tun …«

Nathan überprüfte seine Pistole und stellte fest, dass sie noch zwei Patronen enthielt. Er richtete die Waffe auf Acosta.

»Ein Geschäft …«, begann der Verletzte.

»Ich habe bisher jeden Auftrag erfüllt«, sagte Nathan und schoss. Die erste Kugel traf den Kopf, die zweite das Herz.

Er warf die nutzlos gewordene Waffe beiseite, nahm die Pistole der toten Frau auf der Türschwelle und blickte zum Himmel hoch, wo sich ein Rest von Licht zeigte.

»Danke«, sagte er und eilte über den Weg zum kleinen Hafen.

Simons Weisheit

»Ich bin gekommen, um euch zu helfen.«

Eric

Bei Porto Ercole, Monte Argentario, Italien

Er hatte diesen Ort immer geliebt. Nicht im Sommer, wenn er überlaufen war, wenn es überall auf dem toskanischen Monte Argentario von Touristen wimmelte, sondern im Herbst und vor allem im Winter, wenn die Römer nach Rom zurückgekehrt waren und ihre Villen leer standen, wenn sich Ruhe und Frieden auf die Halbinsel legten und man lange Spaziergänge im Pinienwald der Feniglia machen konnte, ohne einem Menschen zu begegnen.

Gab es einen besseren Ort, um zu sterben?

Der berühmte Maler Caravaggio hatte hier sein Leben beendet, vor mehr als vierhundert Jahren. Eine Stele in der Feniglia erinnerte an ihn – angeblich stand sie genau an der Stelle, wo man im Jahr 1610 Caravaggios Leiche gefunden hatte. Hoffman leuchtete mit seiner Taschenlampe, betrachtete sie und versuchte sich vorzustellen, wie das Leben damals gewesen war.

Schließlich ging er weiter und folgte dem Verlauf des Weges, der zum Strand führte. Das Rauschen der Wellen hörte er schon von Weitem, ein leichter Wind wehte und brachte erste herbstliche Kühle. Links zeigten sich die Lichter von Ansedonia.

Der Strand war leer, so weit der Blick reichte. Ein Stück weiter rechts, an den Hängen des Poggio Pertuso, brannten einige wenige Lichter bei Villen, die selbst jetzt bewohnt waren, aber von dort aus konnte ihn niemand sehen. Und selbst wenn ihn jemand sah: Es würde mindestens eine Viertelstunde dauern, bis ein herbeigerufener Notarzt aus Orbetello eintraf.

Eric Hoffman, Brite aus London, zweiundfünfzig Jahre alt und des Lebens müde geworden, trat bis zur Wassergrenze, setzte sich auf den dort festeren Sand und holte den Revolver hervor. Es war eine kleine Waffe, nicht einmal so groß wie seine Hand, und doch konnte sie über Leben und Tod entscheiden.

Sterne leuchteten über dem Meer, still und friedlich.

Hoffman versuchte, die Ruhe in sich aufzusaugen. Wie seltsam, dachte er. Dies war einer der schönsten Orte der Welt, aber hinter der Schönheit verbarg sich in einem verborgenen Winkel etwas Düsteres. In dem kleinen Ort Porto Ercole nahmen sich immer wieder Menschen das Leben, und oft wählten sie dafür den Pinienwald der Feniglia. Auch Fremde kamen hierher, um zu sterben, in den Archiven der Zeitungen gab es zahlreiche Berichte.

Licht und Schatten, dachte Hoffman, den kleinen Revolver in der Hand. Beides gehörte zusammen. Das eine ließ sich nicht vom anderen trennen.

Er hatte einen Abschiedsbrief für Tochter und Sohn vorbereitet, in dem er alles erklärte und betonte, dass sie sich nicht, aus welchen Gründen auch immer, schuldig fühlen sollten. Fast eine ganze Woche hatte er an dem Brief geschrieben, und seine Fertigstellung war eine große Erleichterung gewesen. Aber einen Tag später hatte er ihn zerrissen und verbrannt, weil ihm die vielen sorgfältig überlegten Worte plötzlich banal erschienen, wie ein posthumer Versuch, Mitleid zu erwecken.

Der richtige Ort, dachte er. Die richtige Zeit.

Er atmete noch einmal tief durch, hob den Revolver an die Schläfe und drückte ab.

Eric Hoffman starb.

Aber sein Tod blieb nicht von langer Dauer.

Licht rot wie Rubin flackerte am Himmel über dem Strand der Feniglia und sank tiefer, bis es direkt neben der Leiche erstrahlte. Es flackerte und wechselte die Farbe zu einem Smaragdgrün.

Eine Gestalt trat daraus hervor, wandte sich dem Toten zu und sprach …

Simons Weisheit

»Du sollst leben.«

Nathan

Buenos Aires, Argentinien

Gelber Lampenschein glitzerte auf dem dunklen Wasser des kleinen Hafens. Am Ende des Weges durchs Dickicht blieb Nathan stehen, die Pistole der toten Frau schussbereit in der rechten Hand, und hielt Ausschau. Nur drei Boote lagen an den Anlegestellen: ein einfaches Ruderboot, von dessen Seiten der Lack blätterte; eine mittelgroße Neptunus-Motorjacht und ein schlichtes Segelboot. Unter anderen Umständen wäre die Motorjacht Nathans erste Wahl gewesen, aber ihm fehlte der Schlüssel, und zum Haus zurückzukehren und danach zu suchen hätte zu lange gedauert.

Er ließ das Gebüsch hinter sich und schlich am Rand des Lampenscheins durch die Dunkelheit. Am Himmel flackerte und glühte es noch immer, wenn auch nicht mehr so hell wie zuvor. Vom Restaurant auf der anderen Seite des Hafens, hinter einer Ansammlung von Bäumen und Büschen, erklangen aufgeregte Stimmen. Bei den Anlegestellen befand sich niemand; die schmalen Stege blieben leer.

Das Ruderboot kam ebenso wenig infrage wie Luis Acostas Motorjacht. Blieb nur das Segelboot. Nathan sah sich noch einmal um, als er es erreichte, steckte die Pistole ein und löste die Leinen.

Er war kein geübter Segler, verstand aber genug davon, um einigermaßen sicher manövrieren zu können. Er verließ den Hafen, steuerte das Boot nach rechts und blieb auf dem Rio San Antonio in der Nähe des Ufers, um keine Kollision mit größeren Booten in der Mitte des Flusses zu riskieren. Die Gefahr einer Entdeckung bestand nur beim Restaurant, weil sein Licht bis zum Fluss reichte, aber die Menschen dort waren abgelenkt von den seltsamen, an Polarlichter erinnernden Leuchterscheinungen am Nachthimmel.

Der Wind stand günstig, Nathan kam schnell voran. Die dichte Vegetation am nahen Ufer wirkte wie eine dunkle Mauer, die nur dann Details bekam, wenn das Leuchten am Himmel für wenige Sekunden heller wurde. Er fuhr am Arroyo Dorado auf der linken Seite, der Backbordseite, vorbei und erreichte kurz darauf die Stelle, an der er nach rechts in den Canal Vinculaciòn fahren konnte, der kürzeste Weg zurück nach Buenos Aires. Er zögerte kurz, das Segel im Wind, und entschied, den längeren Weg nach Südwesten zu nehmen, in Richtung Meer, vorbei an der Isla Santa Monica.

Mehr als eine halbe Stunde verging, der Fluss wurde breiter, und schließlich zogen die letzten Inseln an ihm vorüber. Das Glühen am Himmel ließ nach, die Nacht wurde dunkler, das Meer öffnete sich vor ihm. Er lenkte das Segelboot fort vom Ufer, aber nur so weit, dass er noch die Licht der Stadt auf der Steuerbordseite sah – er wollte in der Finsternis nicht die Orientierung verlieren.

Eine ganze Stunde ließ er vergehen, bevor er den Kurs änderte. Wie sich herausstellte, hatte er sich ein wenig verschätzt und erreichte die Stadt nicht auf der Höhe des Ölhafens von La Boca, sondern etwas weiter südlich, beim Naturschutzgebiet Riserva Costera, das vom Ufer bis zu einem Kilometer ins Landesinnere reichte. Es bedeutete, dass ihm ein längerer Fußmarsch bis zu seinem Notfallquartier in Buenos Aires bevorstand. Und wenn schon, es gab ihm Zeit zum Nachdenken.

Nathan

Wie schnell würde die Eminenz erfahren, dass er noch lebte? Beim Holzhaus am Rio San Antonio gab es, soweit er wusste, keine Zeugen, die eine Nachricht weitergeben konnten. Nathan vermutete, dass ihm zumindest die Nacht und vielleicht sogar die Hälfte des Tages blieben, bis seine Auftraggeber erfuhren, dass etwas schiefgelaufen war. Er brauchte Bargeld und eine neue Identität; beides wartete im Notfallquartier auf ihn, einem Rückzugsort, der zumindest vorübergehend Sicherheit gewähren sollte. Noch wichtiger war eine Nachricht an Sierra, und dazu brauchte er ein Handy. Hier spielte die Zeit eine zentrale Rolle. Vielleicht hatte die Eminenz noch nichts gegen Sierra unternommen. Er musste sie so schnell wie möglich warnen, damit sie sich in Sicherheit bringen konnte.

Deshalb entschied Nathan um kurz vor Mitternacht, den langen Weg nach Nordwesten, in Stadtmitte, nicht zu Fuß fortzusetzen. Ein Taxi hielt er nicht für besonders ratsam – erstens hatte er kein Geld dabei, und zweitens würde sich der Fahrer vielleicht an ihn erinnern. In einer Seitengasse stahl er ein Fahrrad, ein altes, klappriges Ding, das sich anhörte, als könnte es jeden Augenblick auseinanderfallen. Damit kam er schneller voran, bis ihm einige Straßen weiter mehrere Jugendliche den Weg versperrten.

Sie richteten einige spanische Worte an ihn, und er zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe euch leider nicht. Bin als Tourist hier.«

»Tourist?«, wiederholte einer der jungen Leute, ein großer dünner Bursche mit Tätowierungen an den Armen und am Hals. Er kam näher und rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. »Zaster? Cash? Money?«

»Tut mir leid, Jungs, meine Taschen sind leer.« Nathan zögerte. »Das heißt, ganz leer sind sie nicht. Ich habe das hier.«

Er holte die Pistole hervor.

Der junge Bursche stob davon, gefolgt von seinen Kumpanen. Nathan sah ihnen kurz nach, steckte die Waffe wieder ein und trat in die quietschenden Pedale.

Nachts musste man aufpassen in Buenos Aires, und bestimmte Viertel galt es zu meiden, selbst mit einer Waffe – sie konnten so gefährlich sein wie die Seven Mile Road in Detroit, das Revier von Straßengangs wie den Crisps und Bloods.

Nathan machte einen Bogen um die Viertel, die nach seinen Kenntnissen das größte Risiko darstellten, und erreichte sein Ziel nach Mitternacht: ein siebenstöckiges Wohnhaus im Barrio Caballito, unweit der Plaza Giordano Bruno. Dort hatte er vor drei Monaten über Airbnb ein kleines Apartment gemietet, als neuseeländischer Tourist namens Grayson Bennett, und es nach seinem Eintreffen in der Stadt vor knapp vier Wochen als Safe House ausgestattet.

Nathan stellte das Rad vorher ab, auf der anderen Seite der Bahnschienen, die das Viertel durchzogen, mied das Licht der Lampen und beobachtete eine Zeit lang die Umgebung des Wohnhauses, wobei er insbesondere auf dunkle Hauseingänge in der Nachbarschaft und geparkte Fahrzeuge achtete.

Ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf.

Nach einer weiteren Viertelstunde löste er sich aus den Schatten seines Beobachtungspostens, überquerte die Straße, wandte sich vor dem Eingang des Wohnhauses nach links und trat zu den Mülltonnen an der Seite, in einem Verschlag, der sie vor Regen schützen sollte, dessen Dach jedoch faustgroße Löcher aufwies. Neben den Tonnen wies das Pflaster Risse auf. Nathan orientierte sich kurz, fand die gesuchte Stelle, hob ein handtellergroßes Stück Beton und fand darunter den von einem kleinen Plastikbeutel geschützten Schlüssel.

Perfekt war das Versteck gewiss nicht, gerade gut genug für zwei, drei Wochen. Jemand hätte durch Zufall darauf stoßen, den Schlüssel finden und ihn an den Wohnungen ausprobieren können. Aber selbst wenn sich ein Unbekannter mit dem Schlüssel Zugang zum Apartment verschafft hätte – Pass, Bargeld und Handy konnte man nur entdecken, wenn man wusste, wo es zu suchen galt.

Im Wohnhaus nahm Nathan nicht den Lift, sondern die Treppe. Leise trat er eine Stufe nach der anderen hoch, blickte immer wieder nach oben und hielt die Pistole bereit. Nichts rührte sich, das Haus war still.

Im vierten Stock öffnete er die Tür zum Flur und erstarrte, als sie laut und deutlich knarrte. Aber es blieb alles still, und nirgends regte sich etwas. Er schlüpfte in den Flur und stand wenige Sekunden später vor der Tür des gemieteten Apartments. Der Schlüssel glitt lautlos ins Schloss, er drehte ihn langsam und hörte ein Klicken.

Den Knauf drehte er mit der linken Hand, in der rechten hielt er die Pistole.

Die Tür öffnete sich, und zwar lautlos – er hatte die Angeln geölt.

Der dünne graue Faden lag noch immer dort bei der Tür, wo er ihn zurückgelassen hatte. Es war kein Beweis dafür, dass in den vergangenen Wochen niemand die Wohnung betreten hatte; Profis achteten auf solche kleinen, verräterischen Dinge. Aber es handelte sich zumindest um ein beruhigendes Detail.

Er betrat das Apartment, hielt den Atem an, stand reglos in der Dunkelheit und horchte. Nichts. Kein Laut. Er streckte die freie Hand aus, fand den Lichtschalter und betätigte ihn.

Der schmale Flur mit der Garderobe sah genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hatte, und das galt auch für die kleine Küche sowie Schlaf- und Wohnzimmer. Die dünne Staubschicht auf dem Tisch bot einen weiteren Hinweis darauf, dass seit Wochen niemand in der Wohnung gewesen war. So weit, so gut.

In der Küche zog Nathan die Schranktür unter der Spüle auf, kippte das Ablagebrett, langte unter das Abflussrohr und löste ein Stück der Fußleiste. Dahinter kam etwas zum Vorschein, das ein ganz normales Stück Wand zu sein schien und es bis vor einem Monat auch gewesen war, bevor er dort ein kleines Ablagefach eingerichtet hatte. Er drückte auf eine bestimmte Stelle, eine Klappe sprang vor, und er griff ins Innere des Fachs.

Nicht einmal eine halbe Minute später saß er im Wohnzimmer, im matten Licht der Stehlampe und bei heruntergelassenen Jalousien. Vor ihm auf dem Tisch lagen ein australischer Pass, ausgestellt auf den Namen Graham Whincup, ein Bündel Banknoten – zehntausend US-Dollar in Fünfzig- und Hundert-Dollar-Scheinen – und ein Handy samt Aufladekabel und einer Tüte mit mehreren SIM-Karten. Er nahm eine, fügte sie dem Handy hinzu und schaltete es ein. Der Akkustand war recht niedrig, also verband er das Handy mit der nächsten Steckdose.

Die Versuchung war groß, Sierra in Gibraltar anzurufen, aber damit hätte er sie vielleicht kompromittiert und sich selbst obendrein. Eine Verbindung, die länger als etwa zehn Sekunden dauerte, garantierte praktisch eine Ortung. Er schrieb eine Nachricht, die nur aus zwei Worten bestand – Ausweichquartier, sofort! –, schaltete das Handy aus und legte es auf den Tisch. Einige Minuten saß er still da, den Kopf voller Gedanken. Dann stand er auf, ging erneut in die Küche, kochte Kaffee und machte sich eine Kleinigkeit zu essen.

Mit Teller und Tasse kehrte er ins Wohnzimmer zurück, stellte beides ab und hielt die rechte Hand darüber. Sie zitterte nicht.

Gut, dachte er. Ruhig bleiben.

Das ausgeschaltete Handy lag neben der Kaffeetasse und wartete darauf, wieder eingeschaltet zu werden. Textnachrichten erforderten nur eine kurze Verbindung, aber selbst die stellten ein Risiko dar. Wie groß es war, hing von den Erwartungen und Vorbereitungen der Eminenz ab. Wenn sie eine großflächige Überwachung angeordnet hatte, würde kaum etwas aus ihrem Raster fallen. Nathan kannte die Ressourcen seiner Auftraggeber, an Geld und Möglichkeiten mangelte es ihnen gewiss nicht. Was an Expertise nicht unmittelbar zur Verfügung stand, konnte jederzeit eingekauft werden. Vorschriften, Regeln und Gesetze dienten allein der Orientierung für Maßnahmen, die ergriffen werden sollten. Wenn es Hindernisse gab, welcher Art auch immer, wurden sie beiseitegeräumt, den Umständen entsprechend auf subtile, hintergründige oder aber direkte, brachiale Art und Weise.

In den vergangenen Jahren hatte Nathan immer wieder bestätigt gesehen, dass es kaum möglich war, der Eminenz zu entkommen. Er musste einen Weg finden, für Sierra und sich selbst, wenn sie beide überleben wollten.

Und dann gab es da noch etwas. Eine offene Rechnung, oder gleich zwei. Er hatte seinen Auftrag erfüllt, Luis Acosta lebte nicht mehr, und dafür stand die zweite Hälfte des vereinbarten Honorars aus. Außerdem hatte die Eminenz versucht, ihn zu eliminieren, ein klarer Verstoß gegen den Kodex.

Eins nach dem anderen, dachte Nathan.

Er schob den leeren Teller zur Seite, nahm das Handy und schaltete es ein, den Blick auf dem Display. Fast eine ganze Minute wartete er, bevor er das Handy erneut ausschaltete. Keine Nachricht von Sierra, und das war keine gute Nachricht. Er sah auf die Uhr. Vielleicht schlief sie, obwohl ihr Smartphone so programmiert war, dass es sie weckte, wenn eine Nachricht von ihm eintraf. Nathan hielt es für wahrscheinlicher, dass sie aus irgendeinem Grund nicht antworten konnte.

Er öffnete das Telefon, nahm die SIM-Karte, ging damit ins Bad und spülte sie in der Toilette hinunter.

Wieder im Wohnzimmer, schob er eine andere SIM ins Handy und steckte es ausgeschaltet ein. Er sah sich noch einmal um. Ein langer, anstrengender Tag lag hinter ihm, und ein paar Stunden Schlaf wären nicht schlecht gewesen. Aber er hielt es für zu riskant, in der kleinen Wohnung zu übernachten. Er hatte das Handy zweimal benutzt, und so unwahrscheinlich es auch sein mochte, dass man es geortet hatte, ganz ausschließen ließ es sich nicht.

Im Schlafzimmer wechselte er die Kleidung und schnürte die alte zu einem Bündel zusammen. Er wusch Teller und Tasse, stellte beides an ihren Platz in der Küche zurück. Im Wohnzimmer nahm er die Tüte mit den anderen SIM-Karten, das Bargeld, den Pass und die Pistole. Anschließend kontrollierte er noch einmal die Zimmer, auf der Suche nach offensichtlichen Spuren. Er fand keine, ging zur Tür und lauschte einige Sekunden, bevor er in den Flur trat.

Das Wohnhaus war noch immer still. Mit leisen Schritten trat Nathan die Treppe hinunter.

Draußen verharrte er neben dem Gebäude in den tiefsten Schatten der Nacht und beobachtete die Umgebung. Die Bürgersteige waren leer, es rollten nur wenige Fahrzeuge über die Straße, und die geparkten Wagen schienen ausnahmslos leer zu sein.

Mit dem Kleidungsbündel unter den linken Arm geklemmt und der rechten Hand in der Jackentasche, um den Griff der Pistole geschlossen, ging er los und achtete darauf, abseits des Lampenscheins der Straßenlaternen zu bleiben. Der Himmel über der Stadt war dunkel, ohne das Glühen und helle Flackern, das ihm einige Stunden zuvor das Leben gerettet hatte.

Einige Straßen weiter ließ er das Bündel in eine Mülltonne fallen, sah sich erneut um und ging weiter in Richtung Bahnhof. Eine lange Reise nach Gibraltar lag vor ihm.

Simons Weisheit

»Ich sehe und höre.«

Eric

Bei Porto Ercole, Monte Argentario, Italien

Eric Hoffman setzte sich im feuchten Sand an der Wassergrenze auf, hob die Hand und tastete nach seiner Schläfe. Er fand ein Loch, das gerade dabei war, sich zu schließen.

»Ich lebe«, sagte er.

Ein grüner Schleier umgab ihn. Jenseits davon leuchteten die Lichter von Ansedonia am Ende der sechs Kilometer langen Feniglia-Landzunge, die das italienische Festland mit der Halbinsel Monte Argentario verband.

»Das überrascht dich, nicht wahr?«, erklang eine Stimme.

Hoffman drehte sich um. Ein lächelnder Mann stand nur zwei Meter entfernt im Wasser, das seine Füße jedoch nicht erreichte – die Wellen wichen ihnen aus, strömten um sie herum. Der Mann war mittelgroß, schlank und etwa Mitte vierzig. Er trug einen Anzug und dazu ein weißes Hemd ohne Krawatte, die oberen beiden Knöpfe offen. Das Gesicht mit der hohen Stirn, der geraden Nase und den dünnen Lippen wirkte freundlich und gleichzeitig irgendwie seltsam. Vielleicht lag es an den großen graublauen Augen, deren Blick eine sonderbare Tiefe hatte, als käme er aus Abgründen von Raum und Zeit.

»Wie kann das sein?«, brachte Hoffman hervor. »Ich habe mich erschossen! Da liegt die Waffe!«

Er nahm sie und klappte die Trommel heraus. Eine Patrone fehlte.

Er schloss die Trommel wieder und hielt den Revolver in der Hand.

»Willst du dich erneut erschießen?«, fragte der Mann. »Genügt dir ein Tod nicht? Beim nächsten Mal bin ich vielleicht nicht bereit, dich ins Leben zurückzuholen.«

Hoffmann sah zu ihm auf. »Wer sind Sie?«

»Ich bin Simon«, lautete die Antwort.

»Und Sie haben meinen Tod … rückgängig gemacht?« Es fiel Hoffman noch immer schwer zu verstehen, was geschehen war.

Simon nickte.

»Vielleicht …« Hoffman stand auf. Die Beine fühlten sich ein wenig steif an, weil er zu lange im Sand gesessen und gelegen hatte. Und er hatte Kopfschmerzen. Erneut hob er die Hand zur Schläfe und fragte sich, ob die Kugel in seinem Schädel steckte.

»Nein.« Simon streckte die Hand aus und zeigte einen kleinen Klumpen Blei. »Hat ziemlichen Schaden angerichtet.« Er holte aus und warf das, was von der tödlichen Kugel übrig war, ins Meer.

»Aber …«, begann Hoffman. »Bist du … sind Sie …«

»Gott?« Simon zuckte mit den Schultern. »Nun ja, immerhin habe ich dich von den Toten zurückgeholt.« Mit trockenen Füßen trat er aus dem Wasser.

»Aber …«

»Warum, fragst du dich vielleicht«, sagte Simon jovial. »Warum bin ich ausgerechnet hierhergekommen, um dich zu retten? Weil du ein Auserwählter bist, Eric! Ja, ich habe dich auserwählt. Das da brauchst du nicht mehr.« Er deutete auf den Revolver.

Hoffman gab ihm die Waffe. Simon nahm sie entgegen und warf sie der Kugel hinterher ins Meer.

»Leben sollst du«, sagte der seltsame Mann. »Für dich und auch für mich. ›Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.‹«

»Was?«, fragte Hoffman verwirrt.

»So steht es in einem eurer heiligen Bücher geschrieben. Na ja, es steht ziemlich viel in ihnen, und das meiste ist Unsinn, wenn du mich fragst. Wie dem auch sei: Du, Eric, sollst der erste meiner Jünger sein. Lass uns den Menschen die Wahrheit bringen.«

»Die Wahrheit?«