metalabor vier -  - E-Book

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Beschreibung

Der Reader "metalabor vier" enthält Beiträge von: Marcus Bohl, Sascha Büttner, Frank Eberhard, Björn Göbel, Ralf Homann, Daniel John, Dr. Matthias Kampmann, Dr. Christoph Klütsch, Kai Pelka, Markus Quiring, Jürgen Rinck, Cornelia Schlothauer, Dr. Christian Rabanus, Manuela Unverdorben. Einmal im Jahr gibt das metalabor, tief versteckt im Taunus, Raum und Zeit für noch nicht Gedachtes, noch nicht Gesagtes, noch nicht Getanes. Teilnehmer*innen werden vom unsichtbaren Komitee zum metalabor eingeladen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

metalabor 2016 - 2019

Das Was und das Wie

Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens

Katastrophen – eine Skizze

Lesbos 2020

Antifa auf dem Ärmelkanal

COOP WorkSpace

Wasser

Veränderungsschmerzen

Singularität

Provence Academy

Radio Walk

Wie der Franz dem Benedikt huldigt

nudek

Über das metalabor

metalabor

Raum und Zeit für

noch nicht Gedachtes,

noch nicht Gesagtes,

noch nicht Getanes.

metalabor 2016 - 2019

Björn Göbel

Das Was und das Wie1

Sascha Büttner

Aloha, nein, es ist nicht die Projektisierung der Welt, des Lebens oder der Gemeinschaften! Projektisierung ist Mittel, nicht Zweck. Auch wenn es hier und da so wirkt, als ob das Mittel Selbstzweck ist.

Wir müssen die Zustände größer, globaler, denken und verstehen. Da hilft kein Jammern, auch nicht auf hohem Niveau.

Es ist ein alter Hut, dass mit den autoritären, faschistoiden Herrschern. Wir sind aktuell nur furchtbar erschreckt, weil es so nah, so westlich ist. In den 1970ern haben wir, also eigentlich die USA und andere sog. Bananenrepubliken bei der Ausgestaltung von autoritären Herrschaftsregimen unterstützt. Wobei der Iran (hier der Sturz von Mossadegh und die Wiedereinsetzung des Schah) nicht wirklich als eine Bananenrepublik verstanden werden kann.

Zurück zur aktuellen Lage: Was haben Trump, Macron, Orban und all die anderen (auch Herr Salvini ist hier zu betrachten, selbst wenn er mit seinem Griff nach der Macht vorerst scheitert) gemeinsam? Folgt man der Lektüre „Die neuen Bonapartisten“, dann dass in all den Ländern das Kapital die Transformation der Gesellschaft vorantreibt. Dass die Anzahl der Verlierer zunimt, der Ausgebeuteten, der „Überschussmenschen“. Neoliberale Regime haben eine Verwüstung der Gesellschaften hinterlassen. Sprichwörtlich liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Weil die Verlierer in diesen Regimen sich selbst nicht vertreten können (weil ihnen dazu das Bewusstsein fehlt, eine Idee davon, nicht allein zu sein), schwingen sich die Killer-Clowns (so eine Kolumne im der Freitag) auf, um in bonapartistischer Manier diese Massen zu vertreten. Es fehlt, so die Analysen, an Klassenbewusstsein! Zum Klassenbewusstsein braucht es ein An-und-für-sich-Eintreten. Für die eigene Klasse. Für die eigenen Interessen.

Unsere AFD-Wähler, so kann man demnach feststellen, sehen sich nur an sich. Als Wende-Verlierer, Neoliberalismus-Verlierer, Grüne-SPD-Verlierer, als Hartz IVler u.s.w. Diese Massen verstehen es nicht, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln und rufen daher den starken Mann an, der sie und ihre Interessen vertritt.

Die Starken Männer (Psychopaten, Killer-Clowns, etc.) bedienen sich bonapartistischer Instrumente, gehen aber (bisher) nicht soweit, Parlament und Demokratie abzuschaffen. Lediglich Herr Salvini, ganz der Mussolini, greift nach der Macht im diktatorischen Stil.

Die Idee ist nun also, Klassenbewusstsein zu schaffen und auf Phantasmen wie (philosophische) Experten-Räte zu verzichten. Sie forcieren nur autoritäre Strömungen innerhalb der bonapartistischen Bestrebungen.

Wie nun wütet der Neoliberalismus im Kleinen, in den Arbeitswelten? Agile, Lean, Digitalisierung, Industrie 4.0 sind die hier zu nennenden Schlagworte. Wir erleben seit den 1970ern das Ende tayloristischer Arbeitsorganisation zu Gunsten agiler bzw. Lean-Methoden. Damit einher geht der stetig wachsende Druck auf die Arbeitnehmer, ihr Wissen preiszugeben, noch mehr Verantwortung zu übernehmen und in steter Selbstsorge für die Reproduktion ihrer Arbeitskraft einzustehen.

Industrie 4.0 steht als Synonym für die voranschreitende Automatisierung und Dequalifizierung von Arbeit und damit der Dequalifizierung der Subjekte. Agile und Lean-Methoden haben ausschließlich die Verdichtung der Arbeit zum Ziel. Eingebettet in Entwickler-Phantasmen von freier und selbstbestimmter Arbeit, vorangetrieben von einem Söldnerheer von prekär beschäftigten Beratern, umgarnt von Trainern und Coaches. Gerade letztere sind die Perversion von Sozialtechnikern, wie sie in den 1970er-Jahren Konjunktur hatten.

Hinter dem Schlagwort Digitalisierung steckt der Angriff des Kapitals, die neoliberalen Ideen in den Alltag, ins Private, in die Heimstatt zu bringen. Digitalisierung ist ein Kampfbegriff und eine Art Heilslehre. Sie verschleiert die Möglichkeit, das große Ganze in Frage zu stellen. Neoliberale Techniken kennen keine Alternativen.

Da nur variables Kapital Mehrwert schafft (gemäß der Arbeitswerttheorie), muss aus diesem variablen Kapital möglichst viel herausgepresst werden. Das setzt Grenzen für die Automatisierung und Digitalisierung, weil hier zum einen hohe Investitionen zu tätigen sind. Und zum anderen eben kein Mehrwert erzielt wird. Arbeitsabläufe werden stattdessen weiter prozessualisiert und durch Lean- und Agile verdichtet. Reproduktion wird mehr denn je auf den Arbeitnehmer abgewälzt. Kompetenzprogramme der Personalabteilungen sollen den Angestellten dabei helfen besser zu kommunizieren, resilienter und gelassener zu werden, trotz steigender Anforderungen. Digitale Gadgets runden das Bild ab: Die totale Selbst-Überwachung mit dem Ziel der perfekten Re-Produktion für den Job, eingebettet in Fantasmen der Selbstbestimmung, der Erholung und der Erreichung persönlicher Freiheit.

Wo digitale Gadgets nicht ausreichen, steht ein Heer von Coaches und Trainern Gewehr bei Fuß. Oft selbst Outdrops der neoliberalen Gesellschaft (die meisten Coaches begründen ihre Tätigkeitsausübung damit, dass sie selbst mal ein Burnout hatten oder geschäftlich gescheitert sind oder eben mal eine tolle Führungskraft waren), sollen sie dafür sorgen, dass die Subjekte wieder funktionieren. Dabei stellt sich nicht die Systemfrage (macht das System als solches Sinn?), sondern lediglich die Frage nach dem „Wie-komme-ich-wieder-in-das-große-Getriebe“. Coaching zur Reproduktion der Arbeitskraft.

Die Durchdringung der Lebenswelt schreitet voran. So werden zunehmend Prosumptions-Modelle der Wertschöpfung verprobt. Unbezahlte Arbeit für die Datenkraken, die großen Plattformbetreiber. Dabei denken wir nur allzu oft an Amazon, Google und Co., vergessen dabei aber die weitaus größeren und bedrohlicheren Industrieplattformen. Derzeit liefern sich GE und Siemens ein Wettrennen um Kunden und Marktbedeutung. Industrie-Plattformen haben zum Ziel, Kunden und Märkte zu bestimmen, Monopole zu bilden. Ein Vorgeschmack war die sog. „Grüne Revolution“, die seit den 1960er-Jahren die Produktion von Lebensmitteln umkrempelte: von Subsistenzwirtschaft in Profitwirtschaft. Monsanto ist ein herausragendes Beispiel: Veränderung von Saatgut und die Herstellung von dazugehörigem Dünger schuf in den Trikont-Ländern Abhängigkeiten. Die Schuldenberge der Kleinbauern wurden in der Folge durch Mikro-Kredite abgefedert. Dennoch war in den 2010er-Jahren für viele Schluss: In Indien gab es eine Welle von Suiziden von Kleinbauern. Dabei ist die Idee der Kleinkredite weit über 150 Jahre alt. F.W. Raiffeisen entwickelte sein Genossenschaftsmodell, dessen Kernstück neben der Solidarität (Mutualität) die Selbsthilfe war.

Wovon alle (im Westen) träumen, ist die Erlangung von Freiheit. Das ist das Narrativ seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des Kalten Kriegs. Freiheit ist die Mohrrübe, die uns vor die Nase gehalten wird. Dabei reicht ein wenig Grundlagenstudium bei den Philosophen in Ost und West, um zu wissen, dass Freiheit nicht zu erreichen ist, da sie eh in einem selbst da ist. Und ja, der Druck von außen, meine Freiheit zu erkennen und zu leben, ist immens (und war es immer schon). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Freiheitsdiskurs ist schlicht und einfach ohne Belang. Stattdessen geht es um Begriffe wie Solidarität, Mutualität, Frieden.

Zwei Frageformen für das metalabor reichen aus, das Handlungsfeld zu bestimmen: Was ist zu tun und wie tun wir es? Das Was und das Wie sind entscheidend.

1 Der Text wurde am 21.08.2019 in der Mailing-Liste metalabor-l veröffentlicht und liegt hier in einer leicht überarbeiteten Fassung vor.

Abschied von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens

Christian Rabanus

Dem Titel dieses Beitrags entspricht ein Appell: Ich werde in diesem Beitrag ein Plädoyer dafür halten, mehr Unkontrollierbarkeit im Leben zu akzeptieren; wohlgemerkt kann es m. E. nicht darum gehen, mehr Unkontrollierbarkeit zuzulassen, denn das würde implizieren, dass die Bestimmung des Maßes an Unkontrollierbarkeit im Leben in den Händen des Menschen liegen würde. Ob wir es nun wollen oder nicht: Das Leben bringt ein gerüttelt Maß an Unkontrollierbarkeit mit sich. Und oft wird viel darangesetzt, genau dieses nicht zu akzeptieren, sondern die Vision aufzubauen, dass das Leben weitgehend kontrollierbar sei. Dieser Vision anzuhängen, verstellt aber die Möglichkeit, sich mit der Realität der Unkontrollierbarkeit auseinander zu setzen und einen kreativen Umgang mit ihr zu finden.

Doch bevor es um diesen Umgang mit der Unkontrollierbarkeit gehen soll, sei erläutert, was ich unter der „Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens“ verstehe.

Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens – was ist damit verbunden?

Zunächst sei kurz geklärt, in welchem Sinne hier von einer „Vision“ die Rede ist. Der Begriff „Vision“ stammt ja aus dem Wortfeld sinnlicher Erlebnisweisen. Eine Vision in wörtlichem Sinne ist ein sinnliches Gewahrwerden von etwas mittels des Gesichtssinnes; es stammt vom lateinischen Wort videre ab, das in der Regel mit „sehen“ übersetzt wird. Aber schon im Mittelalter, noch viel mehr in der Moderne wurde dieser Begriff mit einer in gewissem Sinne kontrafaktischen und utopischen Bedeutung verwendet: Wer eine Vision von etwas hat, sieht etwas, das kein Gegenstand einer auf rezeptive Sinnlichkeit gegründeten Erscheinung ist. Im späten Mittelalter wurde der Begriff der Vision für Traumgesichter verwendet. Eine Vision bezieht sich oft auf zukünftige Ereignisse und steht für einen Wunschtraum oder eine Prophezeiung. Oft hat eine Vision auch einen religiös geprägten Offenbarungscharakter. Auf jeden Fall ist der Gegenstand der Vision in der Regel einer empirischen Nachprüfbarkeit nicht zugänglich – weder in dem Sinne, dass überprüft werden könnte, ob der Gegenstand der Vision einen Realitätsbezug hat, noch in dem Sinne, dass überprüft werden könnte, ob die Vision als Erlebnis wirklich so, wie von ihr berichtet wurde, auch tatsächlich stattgefunden hat oder sie nur erfunden wurde.

Während nun die Vision in der Regel eher mit einem zweifelhaften Ruf belegt ist, ist der Begriff des Visionärs positiv besetzt. Ein Visionär ist jemand, der voraus denkt, der sich in seinem Denken und seinem Handeln nicht von Konventionen und üblichen Gepflogenheiten einschränken lässt. Alexander von Humboldt war ein solcher Visionär, auch Alexander der Große, in der Neuzeit könnte man beispielsweise Mahatma Ghandi und Martin Luther King Jr. nennen. Wieder in einem anderen Sinne waren auch Willy Brandt und Michael Gorbatschow Visionäre.

Wer – wie es von Helmut Schmidt kolportiert wird – der Meinung ist, dass wer Visionen hat, zum Arzt gehen solle, verkennt letztlich die motivierende und befreiende Kraft, die Visionen haben können – und auch Helmut Schmidt hat seinen abschätzigen Satz auf Nachfrage in einem Interview 2010 relativiert: Es habe sich um eine „pampige Antwort auf eine dusselige Frage“2 gehandelt.

Soweit also hier von einer Vision die Rede ist, meint dieses Wort im aktuellen Kontext eine nicht empirisch überprüfbare Auffassung, dass sich etwas so und so verhalten würde.

Das So-und-so im aktuellen Kontext ist die Kontrollierbarkeit des Lebens. Damit ist ein Verständnis des Lebens als eines Prozesses gemeint, der kausal bestimmt und bestimmbar ist, wobei diese Bestimmung willentlich gesteuert ist, bzw. willentlich gesteuert sein kann.

Kontrolle kann dabei autonom oder heteronom sein: Wenn und soweit Leben kontrolliert wird, kann dies durch den eigenen Willen geschehen, kann aber auch durch äußere Macht unternommen werden.

Wenn nun von der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens hier die Rede ist, dann ist darunter die Auffassung des Lebens als autonom kontrollierbarer Prozess im Sinne einer positiv besetzten Vision die Rede. Kontrolle verspricht dabei Berechenbarkeit und die Vermeidung von (negativen) Überraschungen und Veränderungen, die nicht selbst und nicht willentlich initiiert oder herbeigeführt wurden. So verstandene Kontrollierbarkeit stärkt das subjektive Sicherheitsempfinden.

Viele Menschen zumindest in der westlichen Hemisphäre scheinen die Vision der Kontrollierbarkeit in dem geschilderten Sinne zu teilen – wie sich in ganz unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens zeigt: Das von der Werbung vertretene Narrativ beispielsweise, dass durch den Erwerb bestimmter Produkte oder die Inanspruchnahme von bestimmten Dienstleistungen das persönliche Leben besser, und zwar auf kontrollierte Art und Weise besser wird, bestätigen dies.3 Aber auch gesellschaftspolitisch lässt sich der Wunsch nach Kontrolle beobachten: Slogans wie „Take back control“ (Werbung für den Brexit) und politische Ziele wie „kontrollierte Migration“ sind Beispiele dafür. Schließlich zeigt sich der Wunsch nach Kontrolle im ganz privaten Leben auch in der Lebensberatung: Eines der häufigsten Anliegen, die in Therapie und Beratung zur Sprache gebracht werden, ist der Wunsch, die Kontrolle über das Leben auszuweiten, bzw. eine – vermeintlich oder wirklich – verlorene Kontrolle wieder zurück zu erlangen. Gegenstand der gewünschten Kontrolle ist in der Regel die eigene Berufsgestaltung und die Gestaltung des eigenen Lebens im Spannungsverhältnis des Individuums zu Ansprüchen von und Verpflichtungen gegenüber Familie und Beziehungspartnern, empfundene Fremdbestimmung durch Vorgesetzte, Eltern, Kinder und andere Menschen im persönlichen Umfeld soll abgebaut werden.

Freilich sind diese Wünsche oft nicht in sich widerspruchsfrei: Gerade der Wunsch nach eigenständiger Kontrolle des Lebens und der damit verbundene Wunsch, dass staatliche Institutionen für die Möglichkeit sorgen, ohne Bedrohungen und in möglichst weitgehender Absicherung diese eigenen Lebensgestaltung garantierten, geht oft mit Maßnahmen einher, die die persönliche Selbstbestimmung und die persönlichen Bürgerrechte beschneiden – und damit also zur Folge haben, dass die eingeforderte Kontrollierbarkeit des eigenen Lebens in vielen Fällen in die Hand der Obrigkeit gelegt wird und nicht in der eigenen Hand landet bzw. verbleibt.4 In diesem Text werde ich dafür argumentieren, sich zumindest von der Vision der weitgehenden Kontrollierbarkeit des Lebens zu verabschieden und ein größeres Maß an Unverhersagbarkeit und damit auch Unkontrollierbarkeit des Lebens zu akzeptieren. Damit plädiere ich für eine Verabschiedung von der zumindest kritiklosen Akzeptanz des Paradigmas der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, welches unsere Gesellschaft wesentlich bestimmt – und damit plädiere ich auch dafür, das zu akzeptieren, was eigentlich sowieso evident ist und von jedem Mitglied unserer Gesellschaft regelmäßig erfahren wird, nämlich dass sich die Gestaltung des eigenen Lebens aufgrund der Eingebundenheit in einen gesellschaftlichen und natürlichen Zusammenhang sich sowieso weitgehend einer eigenwillentlichen Bestimmung entzieht. Phänomene wie der Klimawandel und ganz aktuell auch die durch den SARS-CoV-2-Virus verursachte Pandemie machen das genauso deutlich wie das regelmäßige Scheitern persönlicher Lebenspläne aufgrund Veränderung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse bezüglich der Gestaltung des privaten und des beruflichen Lebens, bzw. aufgrund der Veränderung dieser Wünsche und Bedürfnisse von verbundenen Menschen.5

Ich will nun kurz erläutern, was ich unter dem wissenschaftlich-technischen Paradigma verstehe und warum das etwas mit der Vision der Kontrollierbarkeit des Lebens zu tun hat.

Das wissenschaftlich-technische Paradigma

Das wissenschaftlich-technische Paradigma basiert auf zwei fundamentalen Überzeugungen, aus denen sich eine Reihe von praktischen Konsequenzen ergeben.

Die erste Überzeugung des wissenschaftlich-technischen Paradigmas besteht darin, dass der theoretische Weltzugang mittels der Wissenschaften erfolgen sollte – und zwar mittels der Wissenschaften nach Art der mathematischen und formalisierten Naturwissenschaften. Dies bedeutet, dass das wissenschaftlichtechnische Paradigma quasi den Filter darstellt, durch den die Welt in den theoretischen Zugriff kommt. Das bedeutet weiterhin, dass alles das, was sich diesem (natur-)wissenschaftlichen Weltzugang entzieht, letztlich als nicht lebensrelevant und wirklich anzusehen ist, da es ja „nur“ subjektiv, träumerisch, phantastisch etc. ist. Insbesondere, so die Überzeugung des naturwissenschaftlich-technischen Paradigmas, sollen allzu subjektive und phantastische Gegebenheiten keine Grundlage für persönliches und auch keine Grundlage für politisches Handeln darstellen – sondern nur „harte“ Fakten, also Fakten der Naturwissenschaften.

Weiterhin bedeutet diese erste Überzeugung, dass in der Welt, die entsprechend dieser Überzeugung primär eine Welt der Naturwissenschaften ist, das Kausalitätsgesetz herrscht. Genau das macht die Naturwissenschaften bezüglich der Frage der Kontrollierbarkeit so attraktiv. Das Kausalitätsgesetz besagt dabei, dass ein Ereignis A auf ein Ereignis B nach einer notwendigen Regel folgt. Kennt man die Regeln (die von den Naturwissenschaften geliefert werden sollen), so weiß man, dass auf Herbeiführung von Ereignis A das Ereignis B folgt. Im Beispiel des Klimawandels: Nach der geltenden naturwissenschaftlichen Auffassung folgt aus einem nicht verminderten CO2- Ausstoß unweigerlich eine weitere Erwärmung der Erdatmosphäre, was wiederum gewaltige Naturkatastrophen wie Dürren, einen Anstieg des Meeresspiegels mit allen Folgen oder Unwetter nach sich ziehen wird.

Freilich folgt nach dem Kausalitätsgesetz logisch nicht die Umkehrung: dass nämlich das Ereignis B dadurch verhindert wird, dass das Ereignis A verhindert wird. Es folgt lediglich aus der Tatsache, dass das Ereignis B nicht eingetreten ist, dass auch das Ereignis A nicht eingetreten sein kann. Wieder im Beispiel: Wenn sich die Erdatmosphäre nicht weiter erwärmt, so kann sich auch der CO2-Ausstoß nicht weiter erhöht haben. Es folgt aber nicht: Wenn wir den CO2-Ausstoß nicht weiter erhöhen oder sogar reduzieren, wird sich die Temperatur in der Erdatmosphäre nicht weiter erhöhen. Auch bei reduziertem CO2-Ausstoß kann sich aus anderen Gründen die Erwärmung der Erdatmosphäre fortsetzen.

Und noch etwas wird durch diese erste Überzeugung impliziert: Sätze über naturwissenschaftliche Tatsachen sind entweder wahr oder falsch –