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Die "Metamorphosen" des Publius Ovidius Naso haben auch nach über 2000 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren. Die Schülerinnen und Schüler der Lateinkurse Q1 und Q2 der Gesamtschule Kamen haben dies in einem Projekt bewiesen. Entstanden sind 19 mehr oder weniger kurze Verwandlungsgeschichten, die sich wie ihre antiken Vorbilder mit essenziellen Fragestellungen der Menschheit befassen: Liebe und Freundschaft, Schuld und Verantwortung, Leben und Tod.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Seit mehr als zweitausend Jahren faszinieren uns die „Metamorphosen“ des Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. – um 17 n. Chr.). Die große literaturgeschichtliche Leistung der „Metamorphosen“ besteht darin, dass sie „dem Abendland den griechischen Mythos vermittelt haben.“1
Dabei spielt neben dem Götterbild vor allem das Menschenbild eine wichtige Rolle, denn bei Ovid „ist der Mythos ein Repertorium typischer Schicksalsverläufe.“2 Häufig – und dabei sicher für junge Menschen besonders interessant – ist, „in den ‚Metamorphosen’ die Bewältigung oder Nichtbewältigung von Problemen (…) zu beobachten: (…) Ein unerschöpfliches Thema ist die Liebe.“3
Hierin zeigt sich in besonderer Weise die „Nähe zur (…) Tragödie“4, wie sie z. B. in der Sage von Arachne zu Beginn des sechsten Buches oder bei der Darstellung des Todes des Orpheus zu Anfang von Buch 11 deutlich wird.5
Die Beschäftigung mit dem Tragischen in verschiedenen Verwandlungsgeschichten bildete einen wesentlichen Aspekt des Unterrichts der Lateinkurse Q1 und Q2. Exemplarisch wurde dies am Beispiel der Geschichten von „Orpheus und Eurydike“ und „Pyramus und Thisbe“ untersucht.
Aus diesen Untersuchungen entstand schließlich die Idee zu dem Projekt.
Die Schülerinnen und Schüler standen vor der Herausforderung, eigene Verwandlungsgeschichten zu schreiben, die a) Elemente einer (antiken) Tragödie enthalten, b) maßvoll rhetorische Mittel für die Erzählung nutzen und – selbstredend – c) eine Metamorphose enthalten sollte.
Die Ergebnisse liegen nun mit diesem Büchlein vor. Sie können sich sehen lassen.
Und sie zeigen deutlich: Die Beschäftigung mit lateinischer Literatur lohnt sich auch noch nach über 2000 Jahren.
Arnd Joeres
Kamen, im März 2019
1 Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur. Von Andronicus bis Boethius. Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit. Bd. 1. München, New Providence, London 21994. S. 523. [= Von Albrecht 21994]
2 Michael von Albrecht: Interpretationen und Unterrichtsvorschläge zu Ovids „Metamorphosen“. Göttingen 21990. S. 7. [=Von Albrecht 21990.]
3 Von Albrecht 21990. S. 7.
4 Von Albrecht 21990. S. 7. Vgl. auch Michael Albrecht: Ovid. Eine Einführung. Stuttgart 2003. S. 154.
5 Vgl. Von Albrecht 21994. S. 629.
Arnd Joeres Vorwort
Marc Schuler Die ewigen Jäger
Alena Löw Verbotene Liebe
Ann-Sophie Althaus Das Königreich Xander
Melina Menzel Des Fischers Unglück
Hannah Hauschulte Silvanus und Anthea
Henri Heintze René und Mira
Judith Adler Anton und Oscar
Lena Dryden Tom und Carl
Lisa Kassing Megaira, die Rachegöttin
Luis Holzbrink Talent zum Fischen
Madita Bierkämper Shakespeare und Gaveston
Melina Baumann Die zwei Welten
Lina Dreher Zerreißprobe
Michael Kupka Arz-nein
Niko Neumann Der Schwur des Talis
Pia Schnürer Der Mann aus der Natur
Sarah Büscher Es sind immer die Falschen
Solveig Treinies Weiße Chrysanthemen
Henning Hackstein Der mutige Soldat
Mina starb zum zwölften Mal. Ein gezielter Schuss in ihr Herz beendete ihr Leben – schon wieder einmal –, als das Publikum gespannt zusah, wie sie ihre letzten Worte hinausschrie: „Wer hätte gedacht, dass solch ein Leben so enden würde?“
Als der Vorhang sich schloss und das Publikum jubelte, half Phillip Mina auf und zusammen gingen sie in die Garderobe. „Wieder einmal eine super Vorstellung!“, sagte Phillip. Sie sprang ihm in die Arme und küsste ihn. „Du warst auch nicht gerade schlecht“, antwortete sie lachend. Sie war erleichtert. Eine weitere Vorstellung, die absolut makellos verlaufen war.
Es war ihr Lieblingsstück: Eine alte Legende aus vergangener Zeit. Sie erzählte von einem zweigeteilten Tod. Er erschien immer dann, wenn ein Leben sein Ende fand. Während Mina sich immer freute, wenn sie dieses Stück aufführte, hielt ihr Geliebter davon nichts. Er glaubte nicht an die Legende der Jäger. Er glaubte, dass eine Seele wiedergeboren wird und das Leben nie endet.
„Eine schöne Vorstellung“, sagte Mina. Ein provokantes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Das ist doch jetzt auch egal. Ich wollte dich doch zum Essen ausführen, wenn du die Menge begeistert hast“, antwortete Phillip. „Habe ich das denn?“, fragte sie. „Wie keine andere“, erwiderte er und begleitete sie nach draußen.
Am Tag darauf brachen sie zusammen mit dem Rest der Theatergruppe auf, um die nächste Stadt zu erreichen, in der sie ihr Stück aufführten. Nachdem die Pferde vor die Planwagen gespannt waren, stiegen alle auf und fuhren los. Thea und Johannes, welche jeweils eines der beiden Todesgesichter spielten, waren enge Freunde von Phillip und Mina. Alle waren auf dem Weg nach Stillwater, wo das Publikum stets dankbar zu sein schien. Thea glaubte ebenfalls nicht an diese Legende. Sie vertrat die Ansicht, dass die Legende viel zu vorhersehbar erschien, als dass man aus ihr ein Theaterstück schreiben könne.
„Ein Mädchen erlebt etwas Tragisches, der Tod findet das Mädchen, der Tod holt das Mädchen“, hatte sie gerade gesagt. Johannes jedoch warf ein: „Eine komplexe Handlung lenkt doch viel zu sehr von einer gut inszenierten Szene ab. Ich habe lieber eine plumpe Geschichte, aber dafür eine mitreißende Darstellung durch uns.“
Kurz darauf hielt die Kolonne an. Die Sonne sank langsam am Horizont und es wurde Zeit, das Lager zu errichten. Nachdem alle ihre Schlafstätten errichtet und das Lagerfeuer entfacht hatten, erzählten sie sich Geschichten. Tea und Johannes schliefen währenddessen Arm in Arm ein, während Mina sich an Phillip kuschelte.
Die Nacht brach ein. Jeder schlief ein, nur Mina nicht. Sie war unruhig und dachte darüber nach, wie es dem Mädchen in ihrem Theaterstück wohl erginge. Sie dachte an das strahlende Publikum, welches nicht um das Mädchen trauerte, sondern gespannt nach dem tragischen Ende des Schauspiels gierte. „Was ist los?“, fragte Phillip, der gerade aufgewacht war. Mina erzählte ihm, was sie bedrückte. „Nimm dir das Ganze doch nicht so zu Herzen. Irgendwann muss halt jeder sterben. Und du siehst ja, wie das Publikum es sieht: Denen ist es egal, ob das Mädchen stirbt. Sie wollen nur die Szene ihres Todes sehen. Nur dafür haben sie bezahlt.“ Mina war entsetzt. Wie konnte Phillip so etwas sagen? „Sag doch nicht so etwas Dummes!“, murmelte sie.
Um sich zu beruhigen und ihre Gedanken zu sortieren, stand sie auf und ging leise fort. Sie wollte ein wenig Zeit für sich haben und ging in den Wald, wo sie keiner stören konnte.
Sie kam an eine Ruine. Zwischen den Trümmern eingestürzter Häuser standen Felsen, welche in einem Kreis angeordnet waren. Plötzlich vernahm sie ein Flüstern ganz dicht bei ihr, aber doch wie aus weiter Ferne. Sie erschrak und drehte sich um. Hinter ihr war niemand.
„Hoffentlich bilde ich mir das nur ein“, dachte sie sich. Doch als sie wieder nach vorne sah, erblickte sie eine weiße, hell leuchtende Kreatur mit Pfeil und Bogen auf einem der Felsen. Wenige Sekunden später schnellte eine weitere, dunkle Kreatur mit scharfen Fangzähnen hinter der ersten hervor. Von Todesangst ergriffen sank Mina auf die Knie.
„Pulsierende Adern. Ein kräftiges Herz! Kann ich es haben?“, fragte der Wolf.
„Vielleicht“, antwortete das Lamm. „Wie ist dein Name, Kind?“
Mina erschauderte. Ist die Legende wahr? Waren das wirklich Lamm und Wolf, die da vor ihr standen? „Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?!“, rief sie.
„Oh, du unwissende Schönheit“, sagte das Lamm. „Wir haben viele Namen: Im Norden sind wir der Hirte und der Schlachter. Im Süden der Poet und der Einfallspinsel. Doch egal wo ich bin, sind wir immer das Lamm und der Wolf: Die ewigen Jäger.“
Während Mina diese Worte vernahm, spürte sie, wie der Wolf langsam um sie herumschlich.
„Sag: Welches Ende wäre der Deiner würdig?“, fragte das Lamm.
„Wähle weise!“, warf der Wolf ein.
„Welche Wahl bliebe mir?“, antwortete Mina ängstlich.
„Das Lamm erschießt schnell und schmerzlos jene, die sich ihrem Tod stellen…“
„… während der Wolf jene jagt und zerfleischt, die vor dem Tod davonlaufen!“
„Wenn das so ist, würde ich das Lamm wählen“, antwortete Mina. Stille trat ein. Sie schloss ihre Augen und versuchte all das, was sie gerade gesehen hatte, einzuordnen. War all dies wahr? Passierte dies gerade wirklich? Als sie ihre Augen wieder öffnete, waren die Jäger verschwunden. Panik überkam sie und sie rannte zurück zu ihrer Gruppe, doch als sie ankam, lagen alle leblos auf dem Boden. Sie suchte alles ab und fand Johannes, welcher vor Thea lag. Beide hatten Bissspuren am Körper und lagen in ihrem eigenen Blut. Johannes schien sich vor Thea gestellt zu haben, um sie zu beschützen.
Mina hastete von Körper zu Körper und sah ihn: Ihren Geliebten, Phillip. Mit einem Pfeil in der Brust lag er am Lagerfeuer. „Du hast also auch das Lamm gewählt…“, schluchzte sie, während sie zu Boden sank. „Warum musstest du sterben und ich nicht?“ Da bemerkte sie ein gleißendes Licht auf der anderen Seite des Lagerfeuers. Noch bevor sie genauer hingeblickt hatte, wusste sie, es war das Lamm.
„Deine Zeit ist noch nicht gekommen.“
„Warum habt ihr ihn mir genommen? So früh hätte er doch nicht sterben müssen!“, schrie Mina verzweifelt.
„Sag, ist der Tod denn jemals gerecht?“ Mina verstummte. „Unsere Geschichte ist euch Menschen nur als Legende bekannt. Einige mögen an uns glauben, andere nicht. Doch jene, die nie an uns geglaubt haben, schreiten schneller ins Jenseits. Du, Kind, besitzt den Glauben. Ich sah dies schon immer.“
Selbst nach dem erneuten Verschwinden des Lammes, weinte Mina weiter. Sie blieb dort, die ganze Nacht. Umgeben von den leblosen Körpern.
Jahre später saß Mina in ihrer Garderobe und betrachtete sich selbst im Spiegel. „60 Jahre sind nun vergangen, doch ich trauere dir immer noch hinterher. Oh sag, mein Geliebter: Wie ist es so im Totenreich?“, sprach sie in den Spiegel. „Zumindest hatte ich nie unrecht mit der Legende, meinst du nicht?“ Sehnsüchtig betrachtete sie den Spiegel und stellte sich Phillip noch einmal vor. Nach ein paar Minuten kam ein junger Mann herein.
„Madame, wollen sie nicht ihr Kostüm anziehen?“
„Ich ziehe mein Kostüm immer erst im letzten Moment an.“
Da entgegnete der junge Mann: „Aber nun ist der letzte Moment.“ Mina zog sich um und trat auf die Bühne. Sie sah das Publikum, hörte nichts, doch sie spürte die Spannung. Als die letzte Szene beendet war, verbeugte Mina sich. Tosender Applaus ging von der Menge aus. Doch als Mina sich verbeugte, verspürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust. Sie erschrak und schaute auf. Sie sah nicht mehr die Gesichter der Menschen im Publikum, sondern nur die Gesichter des Lamms und des Wolfes an den jeweiligen Köpfen der Zuschauer. Mina fiel. Der Saal verstummte, während ihre letzten Worte durch das Theater hallten: „Wer hätte gedacht, dass solch ein Leben so enden würde?“
„Das Leben anzunehmen, bedeutet den Tod zu akzeptieren. Du hattest gewählt, Kind. Ziehe friedlich in das Reich der Toten ein, denn dort wirst du vereint sein mit jenen, die du verloren zu haben glaubtest.“
Leblos lag Minas Körper auf der Bühne. Ein Pfeil in ihrer Brust. Dies war ihr Ende.
„Sag mir, kleines Lamm. Hatte sie uns schon vergessen?“
„Sie alle kennen uns noch immer, versuchen aber dennoch uns zu vergessen. Früh genug werden sie alle erinnert werden.“
„Und was ist mit diesem Menschen?“
„Halte ein, lieber Wolf. Lass ihn weiterlesen. Doch es kommt der Moment, an dem auch er das Gesicht seines Todes wählen muss. Selbst der Mensch, dessen Augen gerade über unseren Worten schweben, muss entscheiden, welch ein Schicksal er bevorzugt. Und sei dir gewiss, lieber Leser: Das Wann bleibt immer eine Vermutung. Der Tod jedoch ist eine Tatsache.“
„Wähle weise, Mensch!“
„Fliehe, oder stehe still.“
„Es macht keinen Unterschied!“
„Denn die ewigen Jäger suchen bereits nach dir.“
Der junge, gutaussehende Arsenius, geboren im Wunderland Fantasia, lebt in seinem prunkvollen Schloss in einer paradiesischen Umgebung. Sein Vater, der Gott Caelius, beherrscht im Himmel dieses bunte, wunderschöne und fantasievolle Wunderland. Wenn er mit einem gewaltigen Gewitter als Geist am Himmel erscheint, zucken alle dort lebenden Fabeltiere und Insekten zusammen. Alle Pflanzen, Bäume und Pilze lassen ihre Blätter, Äste und Köpfe hängen. Die Sonne verschwindet und der Himmel verdunkelt sich. Das Wunderland verliert für einen Moment sein farbenfrohes Leuchten und wird in ein tiefes Schwarz getaucht. Caelius ist berüchtigt für seine Unbarmherzigkeit und seine strengen Regeln, die er mit aller Macht durchzusetzen versucht. Die Bewohner von Fantasia leben in Angst und haben den Wunsch nach Freiheit, die für sie aber so weit weg zu sein scheint. Wer sich nicht an die Caelius’ Vorgaben hält oder das Wunderland zu verlassen versucht, muss mit Bestrafungen rechnen, die mit Verwandlungen verbunden und nicht mehr rückgängig zu machen sind.
Dies bekamen auch die fünf Königinnen Fantasias und ihre Geliebten zu spüren. Da waren die junge, brünette Arbor, Königin der Bäume und ihr Geliebter Fortitudo, der für seine Stärke und seinen Mut bekannt war. Die wunderschöne, blonde Flora, Königin der Blumen und ihr Mann Pavor, der vor vielen Dingen Angst hatte und allen Streitigkeiten aus dem Weg ging. Die rothaarige Funga, Königin der Pilze und ihr Geliebter Comedus, der als Vielfraß bekannt war und auch seine Geliebte zum Anbeißen fand. stachelige Bestiola, die stachelige Königin der Insekten, lebte mit ihrem sensiblen Mann Luctus zusammen, der sehr nah am Wasser gebaut war und wegen jeder Kleinigkeit weinen musste. Die tierverbundene Fauna, Königin der Fabelwesen, und ihr Mann Vanus, der wegen seiner Eitelkeit und Arroganz verhasst war.
Früher wohnten sie als junge Traumpaare in ihren Schlössern in Fantasia. Jedes Paar lebte in seinem eigenen kleinen Königreich ein perfektes Leben in Reichtum und Harmonie, aber auch in Angst vor Caelius. Dieser machte die hübschen, jungen Männer zu hässlichen Gnomen und Zwergen, die von da an gemeinsam mit ihren kleinen Artgenossen die einzelnen Königsschlösser bewachen mussten und nicht mehr mit ihren geliebten Frauen zusammenleben konnten. Diese lebten von nun an als unsterbliche Königinnen einsam in ihren Schlössern und mussten sich an eine weitere Regel Caelius’ halten. Sie durften nie wieder mit einem Mann zusammenleben, auch wenn sie Liebe empfänden, und waren gefangen in ihrem Schloss, durften es also nicht verlassen.
Diese Katastrophe ereignete sich, nachdem die fünf Königspaare versucht hatten, unerlaubt Fantasia zu verlassen, um dem unberechenbaren Caelius zu entkommen und ein neues Zuhause zu finden, in dem sie friedlich bis zu ihrem Lebensende leben durften.
Arsenius hatte dieses Ereignis mitbekommen. Nun sah er seine Chance, endlich mit seiner Traumfrau zusammenzukommen und sie heiraten zu können. Denn niemand wusste, dass er sich bereits vor einiger Zeit in die Blumenkönigin Flora verliebt hatte. Da Pavor nun nicht mehr mit Flora zusammenleben durfte und als Gnom das Blumenschloss bewachen musste, stand Arsenius keiner mehr im Weg.
Wenn da nicht der Fluch seines Vaters Caelius wäre, der von Geburt an über ihm liegt. Er besagt, dass Arsenius sich in seinem gesamten Leben nicht verlieben darf. Wenn er dies doch täte, würde sein Vater seine Drohungen der Verwandlungen wahr machen und auch das Leben seines Sohnes für immer zerstören. Da Arsenius dafür bekannt war, sich des Öfteren den Regeln seines Vaters zu widersetzen, war es abzusehen, dass er den Kontakt zu Flora zu suchen begann.
Es ist ein warmer Sommertag und die Sonne lacht am Himmel. Ihre warmen Sonnenstrahlen fallen durch die Kronen der Bäume und lassen Fantasia in all seinen Farben hell erstrahlen. Arsenius läuft rastlos in seinem Schloss auf und ab und überlegt fieberhaft, wie er zu Flora gelangen könnte, ohne dass sein Vater davon etwas mitbekommt. Er weiß, dass dies eigentlich unmöglich ist, da Caelius von seinem Thron im Himmel aus alles beobachtet und sofort eingreift, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen abläuft. Arsenius ist sich bewusst, dass er es heimlich schaffen muss zu seiner Geliebten zu gelangen, und dafür auch an den Gnomen und Zwergen vorbeikommen muss, die Blumenschloss bewachen. Unter ihnen ist auch der in einen Gnom verwandelte Pavor, in dem von Tag zu Tag mehr Wut hochsteigt, was man von ihm gar nicht kennt.
Arsenius braucht einen Plan, aber er ist ratlos. Diese Ratlosigkeit wird zu Traurigkeit und Wut auf seinen Vater. Warum darf er sich nicht verlieben? Er ist doch ein ganz normaler Mensch mit ganz normalen Gefühlen, der sich verliebt hat – aber auch ein Mensch, der einen Gott zum Vater hat, einen Gott, der seinem Sohn das Glück der Liebe nicht gönnt.
Mit dem Mute der Verzweifelung schleicht sich Arsenius im Schutze der Dunkelheit – wie er meint – aus seinem Schloss, in der Hoffnung im Schutz der Dunkelheit zu Flora zu gelangen. Sein Weg führt durch die Welt der Fabelwesen und zauberhaften Blumen und Bäume, die jetzt, mitten in der Nacht, nachts jedoch gar nicht mehr so wunderschön und mit Sonnenstrahlen durchflutet aussieht. Die dunklen Pilzköpfe und schwarzen, langen Äste der Bäume begleiten Arsenius bedrohlich auf seinem Weg. Hinter den Pflanzen erkennt er die leuchtenden Augen der Fabelwesen, die ihm folgen. Die Pegasus-Dame Pulchritudo und der Phönix Flammeus gesellen sich zu Arsenius und begleiten ihn durch die Dunkelheit. Er fühlt sich nun sicherer und spürt mit jedem Schritt mehr Entschlossenheit in seinem Körper, sich seinem Vater zu widersetzen, endlich seinen eigenen Willen durchzusetzen und zu seinen Gefühlen zu stehen.
Nach einem langen Weg durch Fantasia kommt Arsenius erschöpft mit seinen beiden Begleitern am Floras Schloss der Blumen an. Sie bleiben vor einem Dutzend Gnome und Zwerge stehen, die ihnen finstere Blicke zuwerfen. Pavor erkennen sie sofort, denn er schaut noch etwas finsterer drein als die anderen. Arsenius teilt ihnen sein Anliegen mit, doch die kleine Armee lässt ihn nicht durch. Nach weiteren vergeblichen Versuchen mischt sich Flammeus, der Phönix ein und bietet den Gnomen und Zwergen an, sie aus Fantasia rauszubringen und so Caelius zu entkommen. Er weiß, dass auch sie den Wunsch nach Freiheit und einem neuen Zuhause haben. Arsenius ist überrascht über dieses Angebot und wartet gespannt auf die Reaktion ihrer kleinen Gegner, die ihre kleinen Köpfe zusammengesteckt haben, um zu beraten. Pavor ist zunächst nicht begeistert von der Idee, da es in ihm immer noch brodelt und er Arsenius sein Glück nicht gönnen möchte.
Plötzlich drehen sie sich mit einem breiten Lächeln zu den drei gespannt Wartenden um und verkünden ihr Ergebnis. Sie sind einverstanden mit dem Angebot und geben den prunkvoll mit Blumen geschmückten Eingang des Schlosses frei. Arsenius bedankt sich bei seinen Begleitern und den kleinen Helfern und betritt den Vorhof des prachtvollen Schlosses. Flammeus begibt sich mit der kleinen Armee der Gnome und Zwerge auf den Weg hinaus aus Fantasia, wie er es versprochen hat. Pulchritudo begleitet sie, um auch sich selbst den Wunsch nach Freiheit endlich zu erfüllen und an einem anderen Ort zu leben, ohne Angst vor Caelius.
Inzwischen kämpfen sich bereits wieder die ersten Sonnenstrahlen durch das Blattwerk der Bäume, und Arsenius weiß, dass er sich beeilen muss, um unbemerkt ins Schloss zu gelangen. Ihm fallen sofort die vielen bunten Schmetterlinge auf, die ihm entgegen geflogen kommen und er ist sofort umgeben von tausenden Blumen und blühenden Ranken. Fasziniert geht Arsenius auf das große Tor zu. Er durchschreitet es und gelangt in das leuchtende, rosa strahlende Schloss. Er schreitet durch ein weiteres Tor und steht in einem großen Saal, in dem sich noch mehr Pflanzen befinden. Weitere Schmetterlinge fliegen auf ihn zu und lassen sich auf seiner Schulter und seinem Kopf nieder. Erleichtert schaut er sich weiter um und überlegt, wie er Flora in diesem riesigen Schloss finden soll. Er begibt sich zu der langen Treppe, die nach oben zu den Türmen führt. Nachdem er hunderte Treppenstufen überwunden hat, sieht er in einem kleinen Zimmer Flora.
Sie sitzt auf einem mit Blumenschnitzereien verzierten Thron, kümmert sich um einige Pflanzen und singt ihnen liebevoll Lieder vor. Ihre langen wunderschönen blonden Haare sind zu einem Zopf geflochten. Ihr prachtvolles rosafarbenes Kleid ist bestickt mit bunten Schmetterlingen und der Rock besteht aus echten Blumen. Als Flora Arsenius bemerkt, bricht ihr Gesang ab, sie erschrickt. Fragend schaut sie ihn an. Arsenius spürt, wie Liebe ihn durchfährt, als ihr Blick ihn trifft, und kann kein Wort sagen.
Flora hingegen erkennt ihn und fragt, ob er nicht der Sohn des berüchtigten Caelius sei und wieso er bei ihr auftauche. Nach einem kurzen Schweigen findet Arsenius seine Worte wieder. Er berichtet Flora von seiner Reise zu ihrem Schloss und den Geschehnissen, die ihm widerfahren sind. Flora ist überrascht und weiß nicht, was sie darauf antworten soll. Ihr Verehrer zeigt Verständnis und versucht, Vertrauen zwischen ihnen aufzubauen. Sie erhebt sich und geht auf Arsenius zu. Ihre Blicke treffen sich und erzeugen eine Spannung zwischen ihnen. Da schüttet Flora ihm ihr Herz aus berichtet von ihrem Schicksal. Gerührt hört Arsenius ihr zu, tritt näher an sie heran, nimmt sie in den Arm.
Sie wissen beide, dass sie in diesem Moment etwas Verbotenes tun und sie mit einer Bestrafung rechnen müssen, wenn sie erwischt werden. Flora fragt, wie Arsenius sich seine Zukunft vorstelle. Sie könne ihr Schloss nicht verlassen und ihm sei es verboten, sie zu besuchen. Sie sei unsterblich und er ein Mensch. Sie werde nach Pavors Bestrafung einen weiteren Verlust nicht überstehen – aber er? Arsenius verspricht immer bei ihr zu bleiben, weil seine Gefühle für Flora einfach zu groß seien, auch wenn er genau weiß, dass er dieses Versprechen nicht halten kann. Nun blickt sie ihn lange an, dann küsst sie Arsenius. Beide vergessen in diesem Moment der Zweisamkeit all die Zweifel, Ängste und Caelius’ grausame Regeln. Sie haben nur noch Augen für sich, was ihnen zum Verhängnis wird.
Plötzlich ertönt mit tiefem Grollen eine donnernde Stimme. Erschrocken lösen sich die Liebenden voneinander, denn sie erkennen sofort, wessen Stimme das ist. Caelius spricht zu ihnen und ist außer sich vor Wut. Ein lauter Donner zerreißt die Luft und ein greller Blitz schlägt in das Schloss ein. Die Blumen in Floras Zimmer lassen ihre Blüten hängen und werden von dunklen Nebelschwaden umhüllt. Caelius schreit die beiden an und fragt, was sie sich bei ihrem Handeln gedacht hätten. Sein Sohn nimmt all seinen Mut zusammen und stellt sich schützend vor seine geliebte Flora. Er stehe zu seinen Gefühlen und bereue keine seiner Taten. Er empfinde Liebe und kämpfe von nun an nicht mehr dagegen an.
Die Wut seines Vaters wird immer größer und sein Gebrüll immer lauter. Arsenius fragt ihn, wie er herausgefunden habe, was er macht und wo er sich befindet, auch wenn er weiß, dass sein Vater von seinem Thron aus alles sieht. Seine Antwort schockiert und verwundert die beiden Verliebten, denn Bestiola, die Insektenkönigin, habe sie verraten. Die Schmetterlinge hätten ihr von Arsenius und Flora berichtet. Neidisch auf das Glück der beiden, habe sie das Alleinsein nicht mehr ausgehalten und Flora das Liebesglück mit Arsenius nicht gegönnt.
Was Caelius nun zu tun gedenke, will Arsenius wissen. Der antwortet, dass sie das ja bereits wüssten und er seine Drohungen wahr machen werde.
