Metamorphosen - Ovid - E-Book

Metamorphosen E-Book

Ovid

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Beschreibung

Ovids 'Metamorphosen' ist ein Klassiker der antiken römischen Literatur, der eine faszinierende Sammlung von mythologischen Geschichten darstellt, die sich um das Thema der Transformation drehen. Der Autor präsentiert diese Geschichten in einem eleganter, poetischen Stil, der von vielen als Meisterwerk der lateinischen Dichtung angesehen wird. Mit einem reichen Vokabular und kunstvoller Verwendung von Metaphern entführt Ovid den Leser in eine Welt voller Götter, Helden und unerklärlicher Verwandlungen. Diese epische Dichtung reflektiert auch die politischen und kulturellen Entwicklungen des antiken Roms, was sie zu einem wichtigen literarischen Werk ihrer Zeit macht. Detailliert und mit großem Gespür für die menschliche Natur erzählt Ovid Geschichten von Liebe, Eifersucht, Rache und Erneuerung, die auch heute noch aktuell sind. Die 'Metamorphosen' sind ein zeitloser Klassiker der Weltliteratur, der sowohl Literaturbegeisterte als auch Studenten der antiken Mythologie fesseln und inspirieren wird. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ovid

Metamorphosen

Bereicherte Ausgabe. Mythologie: Entstehung und Geschichte der Welt von Publius Ovidius Naso
Einführung, Studien und Kommentare von Isabella Heinrich

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1075-6

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Metamorphosen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Nichts bleibt, wie es ist. In dieser radikalen Einsicht bündelt sich die Energie der Metamorphosen: eine Welt in dauernder Bewegung, in der Körper, Gefühle und Ordnungen ihre Gestalt wechseln. Ovid macht aus Veränderung nicht nur ein Thema, sondern eine Erzählmaschine. Was fließt, verbindet Episoden, Zeiten und Stimmen. Was sich wandelt, stellt Identität und Macht in Frage. Wer dieses Werk aufschlägt, begegnet keiner geschlossenen Handlung, sondern einem Panorama, das zeigt, wie Geschichten entstehen, sich überlagern und sich gegenseitig verwandeln. So werden Mythos, Poesie und Erinnerung zu Partnern in einem Spiel, dessen Ernst lange nachhallt.

Die Metamorphosen stammen von Publius Ovidius Naso, genannt Ovid, einem der bedeutendsten Dichter der römischen Antike. Entstanden im frühen 1. Jahrhundert n. Chr., um 8 n. Chr. abgeschlossen, bilden sie ein umfangreiches episches Gedicht in lateinischem Hexameter. In fünfzehn Büchern führt Ovid durch ein mythisches Universum, dessen Vielfalt von der antiken Vorzeit bis in die römische Gegenwart reicht. Formell knüpft das Werk an die große Epos-Tradition an und erneuert sie zugleich mit eigensinniger Eleganz und erzählerischer Beweglichkeit. Die Metamorphosen sind keine trockene Gelehrsamkeit, sondern ein poetisches Labor, in dem Sprache, Form und Welt gleichermaßen in Bewegung geraten.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es die Vorstellungswelt des Abendlands geprägt hat wie nur wenige Bücher. Handschriften übertrugen es durch das Mittelalter; Drucke, Kommentare und Übersetzungen sicherten ihm in der Frühen Neuzeit einen festen Platz. Dichter und Denker verschiedenster Epochen griffen darauf zurück. Die Erzählstoffe und Motive wirkten tief in die Literatur von Dante bis Shakespeare, in Drama, Lyrik und Erzählkunst. Bildende Künstler – von Renaissance-Malern bis zu Bildhauern des Barock – fanden darin einen nahezu unerschöpflichen Fundus von Szenen, Gesten und Metaphern. So wurde Ovids Werk zu einem Knotenpunkt kultureller Erinnerung.

Im Zentrum steht das Thema der Verwandlung: nicht als bloßer Effekt, sondern als Prinzip, das Welt und Selbst formt. Veränderung betrifft Körper ebenso wie Namen, Gefühle und Ordnungen. Sie stiftet Überraschung und Gefahr, öffnet Räume der Freiheit und legt Verwundbarkeit bloß. Die Gedichte untersuchen Begierde, Gewalt und Macht, aber auch Mitleid, List und zarte Solidarität. Sie fragen, wie Identität entsteht, wenn das Bleibende fehlt, und was Erzählungen leisten, wenn Wirklichkeiten brüchig werden. Transformation erweist sich dabei als ästhetisches, ethisches und politisches Thema, dessen Facetten sich je nach Perspektive verschieben – wie Farben in Bewegung.

Ovids Erzählen ist kunstvoll verschachtelt. Eine Geschichte führt in eine andere, ein Randmotiv rückt unerwartet ins Zentrum; Stimmen wechseln, Blickwinkel kippen. Übergänge sind nie bloß Brücken, sondern kleine Wunder der Erzähltechnik: Klang, Motiv oder Geste leiten weiter. Durch diese Kettenstruktur entsteht kein starres System, sondern ein atmender Organismus. Der Leser wird Zeuge, wie sich Erzählstoffe erinnern, variieren und ironisch kommentieren. Die Metamorphose ist deshalb nicht nur Gegenstand, sondern Methode: Sie verwandelt Tradition in Gegenwart und erlaubt, Bekanntes neu zu sehen, indem sie Form und Inhalt unauflöslich miteinander verschränkt.

Stilistisch verbindet das Werk epische Weite mit elegischer Feinheit. Ovid beherrscht den Hexameter mit Leichtigkeit; seine Verse tragen zugleich Witz, Akribie und rhythmische Energie. Ironie schärft den Blick, ohne Mitgefühl zu entwerten; Pathos wird gezügelt, ohne an Kraft zu verlieren. Bilder leuchten klar, Rhetorik bleibt beweglich, und selbst gelehrte Anspielungen werden in erzählerische Spannung übersetzt. Diese Kunst der Balance hält das Gleichgewicht zwischen Distanz und Anteilnahme. So gelingt eine Sprache, die verführt und prüft, die fesselt und zugleich zum Nachdenken zwingt – eine Sprache, deren Beweglichkeit das Thema Verwandlung in der Form spürbar macht.

Der Entstehungskontext ist das augusteische Zeitalter, eine Epoche politischer Konsolidierung und kultureller Blüte in Rom. Nach Zeiten der Bürgerkriege entstand das Bedürfnis nach Ordnung, Maß und repräsentativer Kunst. Ovid antwortet darauf nicht mit Zustimmung oder Widerspruch in programmatischen Slogans, sondern mit einer poetischen Welt, die Ordnung und Wandel in ein produktives Spannungsverhältnis setzt. Antike Mythen werden nicht museal präsentiert, sondern als lebendige Stoffe, die auf Gegenwart reagieren. So entsteht ein poetisches Klima, in dem Tradition fortbesteht, indem sie sich wandelt – ein Schlüsselgedanke dieser Dichtung.

Die Wirkungsgeschichte ist beeindruckend. Im Mittelalter wurde das Werk abgeschrieben, kommentiert und moralisiert; Künstler illustrier­ten es in prächtigen Handschriften. Die Renaissance entdeckte darin eine Schule der Erfindung: Maler wie Tizian oder Bildhauer wie Bernini griffen Motive auf und gaben ihnen neue Körper. Dichter lernten an Ovid, wie Variation und Montage funktionieren; Dramatiker der Frühen Neuzeit bezogen aus den Stoffen tragische und komische Energien. Bis in die Moderne hinein blieb das Werk ein Resonanzraum, in dem sich Fragen von Kunst, Liebe, Gewalt und Veränderung immer neu artikulieren konnten.

Heute lassen sich in den Metamorphosen Debatten lesen, die unser Zeitalter bewegen: Identitäten, die nicht starr sind; Körper, die neu definiert werden; Machtverhältnisse, die Beziehungen prägen; ökologische Aufmerksamkeit für Wandel und Kreisläufe. Ovid zeigt, wie Geschichten Perspektiven formen und wie Erzählung Verantwortung tragen kann. Die poetische Offenheit lädt dazu ein, alte Stoffe aus gegenwärtiger Sicht zu befragen – etwa im Theater, in der bildenden Kunst oder in literarischen Neuschreibungen. Dabei erweist sich die Dichtung als Werkzeug, mit dem Wirklichkeit nicht nur abgebildet, sondern kritisch reflektiert und imaginativ erweitert wird.

Wer dieses Buch liest, tut gut daran, es als Mosaik zu betrachten. Einzelne Episoden entfalten ihre Wirkung auch unabhängig voneinander; zugleich gewinnt das Ganze an Kraft, wenn man die Übergänge wahrnimmt. Hilfreich sind Ausgaben mit Anmerkungen, die Namen, Orte und Traditionen erhellen, ohne die poetische Bewegung zu bremsen. Es lohnt, auf wiederkehrende Motive, Spiegelungen und Kontraste zu achten: Stimmen sprechen zueinander, selbst über Buchgrenzen hinweg. So entsteht eine Lektüre, die langsame Aufmerksamkeit belohnt und der Vielfalt Raum gibt – in einem Werk, das seine größte Schönheit aus der Verbindung heterogener Teile gewinnt.

In knapper Zusammenfassung: Die Metamorphosen entwerfen eine große Erzählung, die von den ersten Anfängen der Welt durch mythische Zeiten bis in die römische Gegenwart reicht. Sie verknüpfen eine Fülle von Geschichten, die durch das Motiv der Verwandlung zusammengehalten werden. Figuren treten auf, verändern sich, treten ab; Schauplätze wechseln, Epochen überblenden sich. Ein Erzähler führt versiert durch diese Bewegungen, schafft Übergänge, setzt Akzente, variiert Perspektiven. So entsteht keine lineare Chronik, sondern eine poetische Topografie des Werdens – ein Strom von Stimmen, in dem Tradition, Erinnerung und Erfindung miteinander kreisen.

Warum ist dieses Buch heute noch relevant? Weil es zeigt, wie wandelbar Welt und Selbst sind – und wie Kunst diese Wandelbarkeit verstehbar macht. Ovid verbindet intellektuelle Schärfe mit erzählerischem Vergnügen, kulturelle Weite mit sprachlicher Präzision. Sein Werk lehrt, komplexe Erfahrungen in Bilder zu fassen, ohne sie zu vereinfachen. Es lädt ein, Empathie zu üben, Ambivalenzen auszuhalten und im Wechsel der Formen Sinn zu suchen. Diese Zeitlosigkeit entsteht nicht aus Starrheit, sondern aus Beweglichkeit. Wer sich darauf einlässt, wird entdecken, dass Verwandlung nicht nur Stoff der Dichtung ist, sondern Form des Denkens.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Ovids Metamorphosen, um 8 n. Chr. verfasst, ist ein episches Gedicht in Hexametern, das in 15 Büchern ein weites Panorama antiker Mythen entfaltet. Leitmotiv ist die Verwandlung: Körper, Formen und Schicksale wechseln, während die Erzählung von der kosmischen Frühzeit bis in die römische Gegenwart führt. Ovid verknüpft Episoden kunstvoll, sodass Figuren und Motive von einer Geschichte in die nächste übergehen. Das Werk untersucht Identität, Macht, Begehren, Gewalt und Kunstfertigkeit und stellt die Frage, wie Stabilität aus beständigem Wandel erwächst. Es bietet keine lineare Heldenreise, sondern ein Mosaik, in dem göttliche Eingriffe und menschliche Entscheidungen unaufhörlich neue Gestalten schaffen.

Zu Beginn schildert Ovid die Ordnung der Welt aus einem ursprünglichen Chaos, die Entstehung der Elemente und die Einteilung der Zeiten des Menschengeschlechts. Die frühen Zeitalter spiegeln moralischen Wandel, der schließlich göttliche Korrekturen nötig macht. Eine maßgebliche Krise kulminiert in einer reinigenden Flut, die als Neuanfang fungiert und das Motiv des Neubeginns unterstreicht. Dieser Umschlagpunkt setzt den Ton für das Folgende: Verwandlungen erscheinen als Antwort auf Übermut, Gewalt oder Bitte um Schutz. Zugleich deutet Ovid an, dass Erinnerung und Erzählung das Vergangene bewahren, auch wenn die Welt äußere Formen wechselt.

Es folgen Episoden, in denen Götter und Nymphen Grenzen überschreiten oder zu wahren versuchen. Begehrende Verfolgung und scheues Entziehen bilden ein wiederkehrendes Muster. Eine Nymphe entkommt einem Gott, indem sie in eine neue Gestalt flieht; eine Priesterin wird vor den Augen der Öffentlichkeit verändert, um Schuld zu verbergen; ein Sterblicher erleidet Strafe, weil er ein verbotenes Schauspiel erblickt. Die Verwandlung erscheint hier als Schutz, Bann oder Vergeltung, zugleich als Zeichen der ungleichen Machtverhältnisse. Ovid untersucht, wie Blick und Begehren Wirklichkeit formen, und wie Gesetz, Scham und göttliche Ehre auf Körpern Spuren hinterlassen.

Weitere Erzählungen entfalten die Spannung zwischen Maß und Hybris. Ein jugendlicher Lenker wagt eine Fahrt, die in der Ordnung des Himmels nicht vorgesehen ist, und löst eine Katastrophe aus, deren Folgen sich über mehrere Geschichten fortsetzen. Heldenhaftes Handeln tritt daneben: Ein Befreier nutzt den Blick einer besiegten Kreatur, um Unrecht zu beenden, und gewinnt dadurch Ruhm und Verbündete. Ein Wettstreit zwischen Sterblicher und Göttin über die Deutung von Welt in Geweben verhandelt künstlerische Wahrheit, Mut und Strafe. Ovid verknüpft Macht und Kunst, Sehakt und Darstellung, sodass der Stoff selbst zum Schauplatz von Verwandlung wird.

Ein thematischer Block kreist um Theben: Ein Gründer tötet ein Ungeheuer und sät ungewollt Konflikt, der Stadt und Familie prägt. Die Herkunft eines Weingottes zeigt, wie zerbrechlich Grenzen zwischen Sterblichen und Göttern sind. Widerstand gegen seine Feste endet in verheerender Verblendung. Zugleich beleuchtet Ovid innere Spiegelungen: Eine Stimme bleibt ohne Körper, ein Jüngling verliert sich im eigenen Bild. Diese Geschichten bündeln Fragen nach Selbstkenntnis, Maß und gesellschaftlicher Ordnung. Verwandlung fungiert als Echo moralischer Entscheidungen und als poetische Technik, widersprüchliche Wahrheiten parallel sichtbar zu machen.

In heroischen Zyklen begegnen wir List, Loyalität und Magie. Die Fahrt eines berühmten Schiffs wird von einer Zauberkundigen begleitet, deren Liebe Hilfe, Täuschung und bewusste Grenzüberschreitungen vereint. Das Spannungsfeld von Pflicht und Leidenschaft markiert einen Wendepunkt, an dem Recht und Treue neu verhandelt werden. Ebenso werden Irrfahrt, Labyrinth und Flucht zu Bildern technischer Kühnheit und ihrer Risiken. Eine grausame Familiensaga thematisiert Sprachverlust und künstlerische Gegenrede, in der Gewebe zur Anklage wird. Wieder erscheint Verwandlung als Notbehelf, Strafe oder Befreiung, der die moralische Ambivalenz menschlicher Entscheidungen nicht auflöst, sondern sichtbar hält.

Ovid weitet den Blick auf Krieg und Ruhm. Episoden im Umfeld des Trojanischen Konflikts zeigen Duelle, Redeschlachten und das Ringen um Waffen als Sinnbilder konkurrierender Tugenden. Der Übergang vom Einzelhelden zu kollektiver Geschichte wird vorbereitet, während Schicksale von Frauen und Alten das Leid des Krieges spiegeln. Apotheken und Entgrenzungen markieren die Schwelle zwischen Sterblichkeit und göttlicher Sphäre, während Wanderungen künftige Gründungen ankündigen. Zugleich treten Stimmen auf, die Wandel philosophisch deuten und zur Mäßigung mahnen. So verschiebt sich der Fokus von spektakulärer Tat hin zu Betrachtung und Ordnung, ohne die dramatische Energie der Erzählung zu verlieren.

Ein lyrischer Sänger führt daraufhin vor, wie Kunst Realität durchdringt. Sein Verlustmotiv rahmt Lieder über Liebe in ihren vielen Gestalten: Sehnsucht formt Bildwerk, das auf unerwartete Weise erwacht; ein Tabu führt in die Irre; Jagd und Begehren kreuzen sich mit fataler Wucht. Diese Geschichten variieren Hingabe, Maß und Grenzüberschreitung, wobei Verwandlung als Erkenntnismoment erscheint: Was begehrt wird, zeigt sein anderes Gesicht. Die Stimme des Sängers bindet disparate Stoffe, macht Form zum Thema und verdeutlicht, wie Erzählungen selbst verwandelnd wirken, indem sie Dinge lebendig, begehrenswert oder unheimlich erscheinen lassen.

Gegen Ende verknüpft Ovid griechische Mythen mit römischer Genealogie. Wanderungen führen zu Gründungen; Herrscher werden in neue Daseinsweisen erhoben; Heil und Ordnung gelangen nach Rom. Eine ausgedehnte Betrachtung über Wandel als Naturgesetz stellt kosmische, biologische und soziale Veränderung in einen Zusammenhang und deutet Enthaltsamkeit als ethische Antwort. Die Erzählung kulminiert im Aufstieg römischer Gestalten und einer politischen Gegenwart, die als Zielpunkt der Geschichte erscheint. Dabei bleibt der Ton doppeldeutig: Bewahrung entsteht durch Veränderung, Ruhm durch Erzählung. So endet das Werk mit einer Selbstreflexion über Dauer, Ruhm und die Macht der Dichtung über Zeit hinweg.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Metamorphosen des Ovid entstehen in der frühen römischen Kaiserzeit unter Augustus, etwa im ersten Jahrzehnt n. Chr. Rom ist politisches und kulturelles Zentrum eines ausgedehnten Mittelmeerreichs, dessen Institutionen sich nach den Bürgerkriegen neu ordnen. Der Prinzeps steht an der Spitze, doch Senat, Magistraturen und Priesterschaften bleiben als Träger alter Ordnung sichtbar. Diese doppelte Struktur – monarchische Realität bei republikanischer Fassade – prägt die geistige Atmosphäre. Ovid schreibt in Latein, knüpft an griechische Mythen an und richtet sich an ein gebildetes, urbanes Publikum, das Literatur in Vorträgen, Lesekreisen und über wachsende Buchmärkte rezipiert.

Vorausgegangen sind Jahrzehnte der Instabilität: Von Caesars Diktatur über die Triumvirate bis zur Entscheidungsschlacht von Actium 31 v. Chr. setzt sich Octavian als Augustus durch. 27 v. Chr. legitimiert er seine Stellung im Rahmen des sogenannten Prinzipats. Frieden, geordnete Finanzen und symbolische Einhegung der Macht gelten als Leitziele. Diese politische Konsolidierung fördert Literatur, die große Erzählungen der Herkunft und Sinnstiftung anbietet. Ovids weitgespannter Mythenzyklus trifft damit auf eine Zeit, die Vergangenheit kanonisiert, Gegenwart ordnet und Zukunft in die Sprache kosmischer und historischer Kontinuitäten fasst.

Zum augustäischen Programm gehören moralische und religiöse Reformen. Gesetze zur Ehe- und Sittenordnung (u. a. 18 v. Chr.) und die ergänzende Lex Papia Poppaea (9 n. Chr.) sollten Geburten fördern, Ehebruch sanktionieren und Eliten zur Familiengründung anhalten. Augustus positioniert sich als restaurator mos maiorum. Ovid steht dieser Normierung spielerisch-ironisch gegenüber; seine Liebesdichtung kollidiert mit den offiziösen Tugendbildern. 8 n. Chr. wird er nach Tomis relegiert – mit der berühmten Formel carmen et error, deren zweiter Teil unklar bleibt. Die Metamorphosen sind zu diesem Zeitpunkt weitgehend abgeschlossen; Ovid beanstandet, er habe die Endredaktion nicht vollenden können.

Die Hauptstadt selbst verändert sich sichtbar. Augustus rühmt, Rom aus Ziegeln übernommen und als Marmorstadt hinterlassen zu haben. Monumente wie das Forum Augustum (eingeweiht 2 v. Chr.) und der Ara Pacis (Altar des Friedens, 13–9 v. Chr.) entfalten ein ikonographisches Programm der Kontinuität von mythischer Frühzeit bis zur Gegenwart. Bibliotheken – Asinius Pollios Stiftung im Atrium Libertatis (späte 40er v. Chr.) und die palatinische Bibliothek des Augustus (um 28 v. Chr.) – bilden Knotenpunkte gelehrter Praxis. In diesem Umfeld werden mythische Stoffe nicht nur erzählt, sondern als kulturelles Kapital ausgestellt, kommentiert und aktualisiert.

Literatur entsteht in Netzwerken aus Patronage, Freundeskreisen und professionellen Buchhändlern. Förderer wie Maecenas oder Messalla Corvinus prägen Klima und Schutzräume für Dichtung. Ovid, aus einer ritterlichen Familie in Sulmo (43 v. Chr. geboren), durchläuft rhetorische Ausbildung und wendet sich der Poesie zu. Öffentliche Rezitationen, private Salons und die librarii der Argiletum verbreiten Texte. Die Metamorphosen, im epischen Hexameter komponiert, sind zugleich Gelehrtenprojekt und Massenereignis für die römische Elite: sie verlangen Bildung, bieten aber erzählerischen Reiz und eine Vielfalt an Episoden, die sich für Vorträge oder Auszüge eignen.

Die literarische Landschaft der Zeit wird von Vergils Aeneis, Horaz’ Oden und den Elegien von Properz und Tibull geprägt. Während Vergil einen nationalen Gründungsmythos entwirft, schreibt Ovid eine „Weltgeschichte“ in mythischen Verwandlungen von der Schöpfung bis zur eigenen Gegenwart. Er verbindet hellenistische Gelehrsamkeit mit römischer Formstrenge und gibt der epischen Tradition eine spielerisch-labyrinthische Gestalt. Der Wechsel vom elegischen zum epischen Medium ist für Ovid auch ein Positionswechsel im kulturellen Feld: vom Liebespoeten der Salonkultur zum Anbieter eines Gesamtpanoramas, das sich mit Staatsmythos und Universalgeschichte messen lässt.

Die Stoffe stammen vorwiegend aus dem griechischen Mythos und seiner römischen Rezeption. Ovid greift auf Autoren von Hesiod bis zu alexandrinischen Gelehrten zurück, deren Umgang mit Miniatur-Epen, Katalogen und gelehrter Allusion Schule gemacht hatte. Alexandrien und seine Bibliothek wirken als intellektuelles Modell fort, obwohl Rom das politische Zentrum ist. Die Metamorphosen arrangieren Hunderte von Erzählungen in Verkettungen, Spiegelungen und Kontrasten. Dieses Verfahren spiegelt die antike Praxis des Sammelns, Kommentierens und Umdeutens – eine Arbeit an Tradition, die der augustäischen Gegenwartsdeutung zugleich dient und sie ironisch relativieren kann.

Religiös knüpft Augustus an alte Kulte an, erneuert Tempel und fördert Priesterschaften. Gleichzeitig entstehen in den Provinzen Formen des Herrscherkults, während in Rom die Verehrung des Genius des Princeps dominiert. Die Vergöttlichung Julius Caesars (formell 42 v. Chr.) und der Komet als Zeichen fügen sich in eine Erzählung dynastischer Legitimation. Ovid integriert diese Thematik, wenn er die mythische Geschichte bis in die jüngste Vergangenheit führt. So verknüpft er göttliche Verwandlung, politisches Schicksal und römische Selbstdeutung, ohne die Distanz der poetischen Maske aufzugeben, die Ambivalenzen sichtbar macht.

Philosophische Strömungen liefern intellektuelle Koordinaten. Nachwirkungen epikureischer Naturlehre (Lucrez), stoischer Vernunftkosmologie und pythagoreischer Vorstellungen von Wandel und Seelenwanderung prägen Debatten über Natur und Ethik. Ovid nutzt diese Diskurse poetisch: Er lässt Reflexion über Stoffverwandlungen, zyklische Zeit und Ernährungsethik auftreten und verbindet sie mit Erzähltradition. Der philosophische Hintergrund dient nicht als Dogma, sondern als Register, in dem alternative Ordnungsmuster zur politischen Teleologie erklingen. So entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen kosmischer Veränderlichkeit und dem augusteischen Anspruch auf dauerhafte Ordnung.

Zentral ist die Verhandlung von Macht und Begehren. Augustäische Ehegesetze propagieren Kontrolle über Sexualität, während die Mythen zahlreiche Fälle göttlicher Übergriffe, Täuschungen und erzwungener Verwandlungen zeigen. Ovid entfaltet dabei Mitleid für Opfer, Ironie über Täter und ein Bewusstsein für die Instabilität sozialer Rollen. Diese erzählerische Energie lässt sich als indirektes Kommentar zum Normierungsanspruch seiner Zeit lesen. Sie verschweigt nicht die Gewalt unter zivilisatorischer Oberfläche und zeigt, wie Sprache, Namen und Körper formbar sind – eine Ästhetik des Fließenden neben einer Politik des Fixierens.

Auch das Recht erfährt eine Umgestaltung. Augustus betreibt Gesetzgebung, reorganisiert Gerichtswege und setzt moralische Prämissen in Normen um. Formen der Verbannung – darunter die relegatio, die Ovid trifft – sind Instrumente sozialer Disziplinierung. Die Existenz des Dichters an der Peripherie des Reiches, in Tomis am Schwarzen Meer, spiegelt die geographische und symbolische Distanz zur Hauptstadt. Aus dieser Erfahrung speist sich ein geschärfter Blick auf Zentrum und Rand, auf die Macht des Dekrets und die Ohnmacht des Individuums – ein Blick, der die Metamorphosen in ihrer Sensibilität für Grenzüberschreitungen plausibel begleitet.

Der propagierte Frieden steht militärischer Realität gegenüber. Römische Expansion benötigt Truppen, Infrastruktur und ständige Sicherung von Grenzen. Diplomatische Erfolge – wie die Rückgabe der Feldzeichen aus Parthien (20 v. Chr.) – kontrastieren mit Rückschlägen, etwa der Varusniederlage in Germanien (9 n. Chr.). Diese Ambivalenz zwischen Triumph und Verwundbarkeit prägt das Sicherheitsgefühl der Eliten. Ovids Poetik der Wandlung kann vor diesem Hintergrund als Reflex auf eine Welt gelesen werden, die politisch Stabilität behauptet, in der aber Natur, Fortuna und menschliche Leidenschaften beständig Ordnung in Frage stellen.

Ökonomisch erlebt das Imperium Integration: Fernhandel über Seewege, eine stabilisierte Währungspolitik und staatliche Großprojekte befördern Arbeitsteilung und Mobilität. Für Literatur sind Papyrusrollen, professionelle Schreiber und Korrektoren entscheidend. Der römische Buchmarkt, mit Werkstätten und Läden nahe dem Forum, ermöglicht rasche Verbreitung, aber auch Textvarianten. Öffentliche und private Bibliotheken sichern Prestige und Zugang. Diese technischen und ökonomischen Voraussetzungen erklären, wie ein umfangreiches Werk wie die Metamorphosen zirkulieren konnte, ohne offizielle Publikationsinstanzen, aber gestützt auf Nachfrage, Netzwerke und die Autorität des Autornamens.

Die schulische und rhetorische Ausbildung der Oberschicht ist ein zentrales Medium kultureller Kontinuität. Mythische Exempla, Redefiguren und die Kunst der variatio gehören zum Curriculum. Ovid schreibt für Leser, die mit Zitatspiel und intertextuellen Signalen vertraut sind. Gleichzeitig können einzelne Episoden unabhängig rezipiert werden. Diese Doppelstruktur – Gelehrsamkeit und Zugänglichkeit – passt zur urbanen Kommunikationskultur Roms, in der Dichtung Stoff für Gespräche, Aufführungen und Bildprogramme liefert. Die Metamorphosen funktionieren damit als Reservoir an Geschichten, die juristische, moralische und philosophische Fragen in poetische Formen übersetzen.

Die Bildkultur der Epoche verstärkt das mythische Repertoire. Wandmalereien, Reliefs, Gemmen und Statuen zeigen Götter und Heroen in ikonographischen Schemata, die der gebildete Betrachter entschlüsselt. Ovid reagiert darauf mit Ekphraseis und Szenen, die selbst wie bewegte Bilder wirken. Die wechselseitige Anverwandlung von Kunst und Poesie schafft eine gemeinsame Semantik der Macht, der Liebe und des Leidens. In einer Stadt, deren politische Monumente Mythen politisch codieren, bietet Ovids Text eine polyphone Gegenlektüre, die Deutungsspielräume öffnet und feste Bedeutungszuschreibungen unterläuft.

Zu Ovids Lebzeiten und kurz danach findet das Werk Resonanz in Kreisen, die an kunstvoller Erzählung und gelehrter Anspielung Freude haben. Zugleich wird spürbar, dass der Spielraum der Ironie enger geworden ist. Die Exilgedichte berichten von Hoffnungen auf Begnadigung und von anhaltenden Lektüren in Rom. Ein offizielles Verbot der Metamorphosen ist nicht überliefert; dennoch konnte die Nähe des Schlusses zur augusteischen Selbstrepräsentation heikel sein. Die Überlieferung über Antike und Mittelalter sichert dem Werk Dauerpräsenz, doch der unmittelbare Kontext bleibt die Spannung zwischen kaiserlicher Selbsterzählung und poetischer Autonomie.

Am Ende steht eine politische Theologie, die römische Geschichte in kosmische Ordnung einbettet. Die Apotheose politischer Gestalten und die Verheißung künftiger Stabilität knüpfen an offizielle Narrative an. Gleichzeitig insistiert das Gedicht auf prinzipieller Wandelbarkeit, auf der Unmöglichkeit, Natur und Sprache endgültig zu fixieren. Indem Ovid mythische Gewalt und göttliche Willkür nicht glättet, relativiert er den Anspruch totaler Kontrolle. Die Metamorphosen kommentieren ihre Zeit, indem sie sie zugleich bestätigen und befragen: ein Spiegel, der die Form der Macht zeigt – und die Ströme darunter, die sie ständig verändern.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Publius Ovidius Naso, geboren 43 v. Chr. in Sulmo und gestorben 17/18 n. Chr. in Tomis am Schwarzen Meer, zählt zu den prägenden Stimmen der augusteischen Dichtung. Sein Werk umfasst elegische Liebesdichtung wie die Amores und die Heroides, didaktische Spiele mit der Liebe in der Ars amatoria sowie das epische Großprojekt der Metamorphosen, das Mythen aus Griechenland und Rom in einen zusammenhängenden Strom von Verwandlungserzählungen bindet. Ovids Name ist untrennbar mit einer Kunst des Witzes, der Verführung und der gelehrten Leichtigkeit verbunden. Seine Verbannung durch Augustus rahmt Leben und Nachruhm.

Als letzter großer Vertreter der augusteischen Generation steht Ovid neben Vergil und Horaz, doch seine Stimme unterscheidet sich durch Ironie, narrative Beweglichkeit und eine souveräne Beherrschung des elegischen Distichons. Seine Mythen- und Festtagskunde prägten das europäische Imaginäre über Jahrhunderte; Maler, Dramatiker und Erzähler griffen unablässig auf ihn zurück. Die antike und mittelalterliche Überlieferung bewahrte sein Werk in zahlreichen Handschriften, wodurch es in Schulen und Höfen präsent blieb. Ovids Dichtung verbindet gelehrte Anspielung mit unmittelbarer Anschaulichkeit und macht ihn zu einem Autor, der jenseits akademischer Grenzen gelesen wurde und bis heute in Übersetzungen lebendig ist.

Bildung und literarische Einflüsse

Aus einer angesehenen Familie des Ritterstandes stammend, erhielt Ovid in Rom eine Ausbildung, die für eine Laufbahn im Staatsdienst vorgesehen war. Er studierte Grammatik und Rhetorik, übte die Kunst der Deklamation und gewann früh Sicherheit in Stimme und Argument. Nach eigenem Bericht reiste er zur Weiterbildung nach Athen und in den östlichen Mittelmeerraum, bevor er nach Rom zurückkehrte. Kurz bekleidete er niedere Ämter der Anlaufphase des cursus honorum, wandte sich jedoch bald entschlossen der Poesie zu. Diese Entscheidung stellte die Kunst über die Politik und prägt sein Selbstbild als Dichter, der Amtspflichten zugunsten literarischer Berufung hinter sich ließ.

Seine literarische Prägung speist sich aus der alexandrinischen Gelehrsamkeit, wie sie Kallimachos exemplifiziert, und aus römischen Vorbildern der Elegie, insbesondere Properz und Tibull. Auch Catulls Mischung aus Feinheit und Schärfe hinterließ Spuren, während Vergils epische Architektur einen Maßstab für groß angelegte Formen bot. Die Rhetorikschule vermittelte ihm Techniken der captatio, der Variation und der strukturierten Argumentation, die er in amorösen und mythologischen Kontexten spielerisch einsetzte. Griechische Mythen, antiquarisches Wissen und feinsinnig gebrochene Gattungsnormen traten bei ihm zu einer Poetik zusammen, die das Wandelbare bevorzugt und die Autorität der Tradition durch Eleganz transformiert.

Literarische Laufbahn

Als erster großer Auftritt gelten die Amores, ein Zyklus elegischer Liebesgedichte, in denen ein dichterisches Ich die Codes der Liebe und die Regeln der Gattung zugleich nachahmt und unterläuft. Daran schließen die Heroides an: fiktive Briefe mythischer Heldinnen, die Ovid in die Stimme von Figuren wie Penelope oder Dido versetzt. Die Innovation liegt in der psychologischen Feinzeichnung und der konsequenten Perspektivierung aus weiblicher Sicht, die Empathie und literarische Reflexion verbindet. Beide Projekte fanden früh breiten Anklang, setzten Maßstäbe für die römische Elegie und etablierten Ovid als Meister der Rolle und der stilistischen Leichtigkeit.

Die Ars amatoria, flankiert von den Remedia amoris und dem didaktischen Gedicht über Kosmetik, erweitert das Spiel der Elegie ins Lehrhafte. Ovid präsentiert ein Regelwerk der Verführung und ihrer Heilung, das die Ernsthaftigkeit des moralischen Diskurses unterläuft und zugleich seine Rhetorik virtuos vorführt. Das Publikum reagierte mit Faszination und Debatten, denn die Verbindung von Lehrton und ironischer Distanz war neuartig. Diese Texte verschafften ihm enorme Bekanntheit und rückten ihn in die Nähe gesellschaftlicher Konfliktlinien, an denen die offiziellen Sittenprogramme der Zeit mit der urbanen Kultur der Unterhaltung und Selbstinszenierung kollidierten.

Mit den Metamorphosen schuf Ovid ein in 15 Büchern angelegtes Gedicht in Hexametern, das Hunderte von Erzählungen durch das Thema der Verwandlung verkettet. Die Abfolge reicht von kosmologischen Anfängen bis zu römischen Gegenwartsbezügen und verbindet episodenhafte Dynamik mit thematischer Kohärenz. Ovids Erzählkunst entfaltet Stimmungswechsel, Perspektivsprünge und kunstvolle Übergänge, die Figuren und Motive in immer neuen Konstellationen erscheinen lassen. Das Werk wurde früh als Schatzhaus mythischer Motive gelesen und beeinflusste Bildkünste, Theater und Erzählliteratur nachhaltig. Es ist zugleich eine poetologische Reflexion über Formwandel, Erinnerung und die Möglichkeiten der Sprache.

Die Fasti, als poetischer Kalender konzipiert, erörtern in elegischen Distichen die römischen Monate, Feste und Götter. Aitiologische Erzählungen, antiquarisches Wissen und Erkundungen kultischer Praxis verbinden sich zu einem Panorama religiöser Traditionen. Das Projekt war auf zwölf Bücher angelegt; überliefert sind sechs, was die Zäsur der Verbannung reflektiert. In der erhaltenen Fassung treten Dedikationen an Germanicus hervor, die den neuen politischen Kontext markieren. Die Fasti zeigen Ovids Fähigkeit, gelehrte Stoffe unterhaltsam zu präsentieren, und vermitteln zugleich ein sensibles Bild der Beziehung von Dichtung, Erinnerung und römischer Ritualkultur in einer Zeit intensiver Neubestimmungen.

In Ovids Katalog finden sich weitere markante Projekte. Die Tragödie Medea ist verloren, doch antike Stimmen bezeugten ihre außerordentliche Qualität. Nach der Verbannung entstanden die Tristia und die Epistulae ex Ponto, Sammlungen elegischer Briefe und Klagen, die das Leben an der Reichsgrenze schildern, um Fürsprache werben und das eigene dichterische Profil verteidigen. Der Ibis, eine gelehrte Schmähdichtung, zeigt, dass Ovid auch im Exil zur aggressiven Virtuosität fähig blieb. Insgesamt bestätigt diese späte Produktion seine ungebrochene Produktivität und die Fähigkeit, neue Gattungsräume für Erfahrungen von Entfremdung, Loyalität und literarischer Selbstbehauptung zu formen.

Überzeugungen und Engagement

Dokumentierte Überzeugungen treten bei Ovid vor allem als poetische Haltungen hervor. Er kultiviert ein Bild der Kunst als Ort spielerischer Intelligenz, die geltende Normen ernst nimmt, indem sie ihre Rhetorik durchsichtig macht. Seine Liebes- und Verwandlungspoetik versteht Begehren, Macht und Sprache als Kräfte, die Menschen formen und umformen. In den Lehrgedichten kollidiert diese Haltung mit zeitgenössischen Moralprogrammen, ohne in manifeste Politik umzuschlagen. Die Exildichtung wirbt eindringlich um Milde und bekräftigt den Anspruch auf poetische Unsterblichkeit. Ovid verbindet so eine Ethik der Rede mit dem Bewusstsein, dass Dichtung gesellschaftliche Wirklichkeit sichtbar verändern kann.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Im Jahr 8 n. Chr. verbannte Augustus Ovid an das Schwarze Meer, nach Tomis. Als Begründung nannte der Dichter ein Gedicht und einen nicht näher erläuterten Fehltritt; über die Umstände äußerte er sich bewusst ausweichend. Die Entfernung von Rom war dauerhaft: Trotz zahlreicher Bittschriften und der Unterstützung einzelner Freunde blieb eine Rückberufung aus. In Tomis klagte Ovid über Klima, Sprachbarrieren und Gefahren der Grenzregion, hielt jedoch an seiner dichterischen Arbeit fest. Die Fasti blieben unvollendet, während die Tristia und die Pontusbriefe sein Spätwerk prägen. Er starb in Tomis, wahrscheinlich 17 oder 18 n. Chr.

Ovids Nachleben durchzieht die europäische Kultur. In der Spätantike und im Mittelalter dienten seine Texte als Schulautor und mythographische Quelle; Kompendien und Kommentare hielten ihre Deutung lebendig. Dichter von Dante bis Chaucer und Shakespeare nahmen Motive, Erzähltechniken und Figuren auf, während Renaissance-Künstler Szenen der Metamorphosen bildmächtig auslegten. Neuzeitliche Philologie rekonstruierte die Überlieferung, analysierte seine Intertextualität und würdigte die Konsequenz seines Gattungsdenkens. Heute gilt Ovid als exemplarischer Autor poetischer Freiheit unter politischen Zwängen: Seine Verbindung von Gelehrsamkeit, Ironie und narrativer Erfindungskraft prägt Vorstellungen von Literatur als beweglicher, selbstauslegender Kunst.

Metamorphosen

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch
Die Schöpfung
Die Weltalter
Lykaon
Deukalion
Daphne
Io
Zweites Buch
Phaeton
Kallisto
Der Rabe und die Krähe
Ocyrhoe
Battus
Aglauros
Europa
Drittes Buch
Kadmus in Thebe
Kadmus in Illyrien
Aktäon
Semele
Narcissus und Echo
Pentheus
Viertes Buch
Des Minyas Töchter
Leukothoe
Ino und Athamas
Fünftes Buch
Perseus
Die Musen
Ceres
Sechstes Buch
Arachne
Niobe
Die Frösche
Marsyas
Prokne und Philomela
Orithya
Siebentes Buch
Medea
Die Myrmidonen
Cephalus und Prokris
Achtes Buch
Scylla und Minos
Dädalus
Meleagros
Achelous
Erisichthon
Neuntes Buch
Des Herkules Tod
Galanthis
Dryope
Iphis
Zehntes Buch
Orpheus und Eurydice
Cyparissus
Hyacinthus
Pygmalion
Venus und Adonis
Elftes Buch
Midas
Thetis und Peleus
Cëyx und Halcyone
Der Taucher
Zwölftes Buch
Fama
Die Lapithen und Zentauren
Ajax und Ulysses
Dreizehntes Buch
Ajax und Ulysses
Polyxena
Acis und Galatea
Glaukus und Scylla
Vierzehntes Buch
Glaukus und Scylla
Picus
Des Äneas Vergötterung
Pomona und Vertumnus
Romulus und Hersilia
Fünfzehntes Buch
Pythagoras
Cäsars Vergötterung
Sphragis

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis

Die Schöpfung

Inhaltsverzeichnis

Vor dem Meer und der Erd' und dem allumschließenden Himmel, War im ganzen Bezirk der Natur ein einziger Anblick, Chaos genannt, ein roher und ungeordneter Klumpen: Nichts mehr, als untätige Last, nur zusammengewirrte Und mißhellige Samen der nicht einträchtigen Dinge. Niemals kreisete jetzt ein welterleuchtender Titan, Noch erneuere Phöbe des Monds anwachsende Hörner. Auch nicht schwebte die Erd' in rings umgossenen Lüften, Wägend sich selbst durch eignes Gewicht; noch streckte die Arme Weit um den Rand der Länder die mächtige Amphitrite. Wo die Erde nun war, dort war auch Luft und Gewässer. Nicht zum Stehn war jetzo das Land, noch die Woge zum Schwimmen, Noch voll Lichtes die Luft: kein Ding hatt' eigne Gestalt noch. Anderes war dem anderen feind: in dem selbigen Körper Übete Kaltes den Kampf mit Hitzigem, Feuchtes mit Trocknem, Weicheres rang mit Hartem, und Lastendes gegen das Leichte.

Solchen Streit hub endlich die beßre Natur und die Gottheit: Welche vom Himmel das Land, von dem Land abtrennte die Wasser, Und von der dunstigen Luft den gekläreten Himmel emporhub. Dieses nunmehr entwickelt, und frei aus der blinden Verwirrung, Schied sie in eigenen Räumen, und stiftete Frieden und Freundschaft. Siehe die feurige Kraft des gewichtlos wölbenden Himmels Schimmert' empor, und wählte den obersten Ort in den Höhen. Ihm ist nahe die Luft, wie an Leichtigkeit, also an Wohnung. Dichter denn beid' ist die Erd', und zog den gröberen Urstoff, Niedergedrückt durch Schwere von sich; die umflutende Nässe Nahm den äußersten Sitz, und band den gediegenen Erdkreis.

Als in Ordnungen nun, wer jener auch war von den Göttern, Abgeschichtet den Wust, und die einzelnen Schichten gegliedert; Formt' er die Erd' im Beginn, und schuf, daß nirgend ihr ungleich Wär' ein Teil, die Gestalt der groß gerundeten Kugel. Dann ergoß er die Sunde, damit sie empor in den Sturmwind Schwöllen, und rings die Gestad' umwalleter Lande bestürmten. Sprudel auch rief er hervor, Landseen und unendliche Sümpfe; Und abschüssige Ström' umdämmt' er mit schlängelnden Ufern: Die in verschiedenem Lauf teils untergeschlürft sich verlieren, Teils in das Meer ausgehn und, geherbergt von dem Gefilde Freierer Flut, anschlagen für grünende Borde den Felsstrand. Weit auch streckt' er die Ebenen aus, und senkte die Täler, Deckte mit Laube den Wald, und erhob die steinigen Berge. Wie zwei Zonen zur Rechten, und zwei zur Linken den Himmel Quer durchziehn, und dazwischen die heißere fünfte sich ausdehnt: So begrenzte die innere Last mit der selbigen Anzahl Sorgsam der Gott; und es ruhn gleichviel Erdgürtel darunter. Die in der Mitte sich dehnt, ist unbewohnbar vor Hitze; Zwei deckt türmender Schnee; zwei ordnet' er zwischen den beiden, Welchen er Mäßigung gab, mit Frost die Flamme vermischend. Über sie raget die Luft: die so viel, als gegen die Erde Leichter wiegt das Gewässer, an Last vor dem Feuer gewinnet. Dort auch hieß er die Nebel, und dort die Gewölke sich lagern, Und, um menschliche Herzen zu bändigen, hallende Donner, Und mit leuchtenden Blitzen die kalt anstürmenden Winde. Diesen auch verstattete nicht der Erschaffer des Weltalls, Wild zu durchschwärmen die Luft. Kaum jetzt wird ihnen verwehret, Da doch jeder für sich herweht aus gesonderter Gegend, Daß sie die Welt nicht zerreißen: so uneins toben die Brüder. Eurus entwich zu Aurora, zur nabathäischen Herrschaft, Und zu dem Persergebiet, und den Höh'n am Lichte des Morgens Hesperus, und die Gestade, von westlicher Sonne gewärmet, Sind dem Zephyrus nah. Der schaudernde Boreas nahm sich Szythia samt dem Wagen des Pols. Im entgegenen Lande Trieft aus stetem Gewölk der regenstürmende Auster. Oben verbreitet' er dann die geklärete Reine des Äthers, Ohne Gewicht, und ganz von irdischer Hefe geläutert. Kaum nun hatt' er das alles verzäunt in sichere Grenzen, Als, die lange gepreßt in der wirrenden Masse sich bargen, Alle Gestirn' anfingen hervorzuglühen am Himmel.

Daß auch keinerlei Raum lebendiger Wesen entbehrte, Herrschen Stern' auf himmlischer Flur, und Gestalten der Götter; Eigen ward das Gewässer den blinkenden Fischen zur Wohnung; Tiere durchstreiften die Erd', und die Luft ein Gewimmel von Vögeln.

Aber ein heiligeres, hochherziger denkendes Wesen Fehlt' annoch, das beherrschen die anderen könnte mit Obmacht. Und es erhub sich der Mensch: ob ihn aus göttlichem Samen Schuf der Vater der Ding', als Quell der edleren Schöpfung; Oder ob frisch die Erde, die jüngst vom erhobenen Äther Los sich wand, noch Samen enthielt des befreundeten Himmels. Aber Japetus Sohn, mit fließender Welle sich mischend, Bildete jen' in Gestalt der allversorgenden Götter. Und da in Staub vorwärts die anderen Leben hinabschaun, Gab er dem Menschen erhabenen Blick, und den Himmel betrachten Lehret' er ihn, und empor zum Gestirn aufheben das Antlitz.

Also ward, die neulich so roh noch war und gestaltlos, Umgeschaffen die Erde zum Wunderbilde des Menschen.

Die Weltalter

Inhaltsverzeichnis

Erst entsproßte das goldne Geschlecht, das, von keinem gezüchtigt, Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm. Furcht und Strafe war fern. Nicht lasen sie drohende Worte Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz Stand ein flehender Schwarm: ungezüchtiget waren sie sicher. Nie vom eignen Gebirg', um der Fremdlinge Welt zu besuchen, Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge: Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade. Noch umgürteten nicht abschüssige Graben die Städte. Nicht die grade Drommete von Erz, noch gewundene Hörner, Auch nicht Helm war jetzo, noch Schwert: und der Söldner entbehrend, Lebeten nun sorglos in behaglicher Ruhe die Völker. Selbst annoch, unbeschatzt, und dem Karst nie pflichtig, noch jemals Wund vom schneidenden Pflug, gab freudiger alles die Erde; Und mit den Speisen vergnügt, die sonder Zwang sich erhuben, Pflückten sie Arbutusfrucht, und des Bergtals würzige Erdbeern, Auch des rauhen Geranks Brombeer, und die rote Kornelle, Und vom gebreiteten Baume des Jupiter fallende Eicheln. Ewig waltete Lenz, und sanft mit lauem Gesäusel Fächelten Zephyrus Hauche die saatlos keimenden Blumen. Bald auch gebar Feldfrüchte der ungeackerte Boden, Ohn' Auffrischung ergraute die Flur von belasteter Ähre. Rings nun Bäche von Milch, rings walleten Bäche von Nektar; Rings auch tröpfelte gelb aus grünender Eiche der Honig.

Als Saturnus versank in des Tartarus Dunkel, und herrschend Jupiter lenkte die Welt; da erwuchs die silberne Zeugung, Weniger köstlich denn Gold, doch mehr als rötliches Erz noch. Jupiter engte nunmehr der Urwelt ewigen Frühling, Sonderte Winter, und Gluten, und herbstliche Ungewitter Vom kurzblühenden Lenz, und schuf vier Räume des Jahres, Jetzo geschah, daß die Lüfte, von trockener Schwüle gesenget, Glüheten, und vor dem Winde das Eis hartstarrend herabhing. Jetzo suchten sie Häuser zum Schirm: ihr Haus war die Höhle, Oder ein dichtes Gestaud', und mit Bast verbundene Reiser. Jetzt ward Samen der Ceres in langgezogenen Furchen Untergescharrt, und es seufzt' im drängenden Joche der Pflugstier.

Hierauf folgte das dritte Geschlecht, von eherner Zeugung, Wütender schon von Natur, und gewandt zu schrecklichen Waffen; Doch unsündig annoch. Darin schloß die eiserne Abart.

Stracks nun stürmte daher in die Zeit der schlechteren Ader Jeglicher Greu'l: es entflohen die Scham, und die Treu', und die Wahrheit; Deren Stell' einnahmen der laurende Trug und die Arglist, Heimliche Tück', und Gewalt, und die frevelnde Sucht zu gewinnen. Unbekannteren Winden entfaltete Segel der Schiffer; Und da sie lang' untätig auf luftigen Bergen gestanden, Wagten die Kiele den Sprung durch nie erkundete Wasser. Auch die Erde, zuvor wie Luft und Sonne gemeinsam, Zeichnete jetzt vorsichtig mit langer Grenze der Messer. Auch nicht Saaten allein und schuldige Nahrung erzwang man Herrisch vom reichen Gefild: man drang in die Tiefen der Erde, Und wie sorgsam versteckt, und entrückt zu den stygischen Schatten, Grub man die Schätze hervor, Anreizungen aller Verbrechen. Schon war schädliches Eisen, und Gold, heilloser denn jenes, Ausgewühlt; da erhub sich der Krieg, und kämpfte mit beidem; Und in der blutigen Hand erschüttert' er rasselnde Waffen. Nun lebt alles vom Raub, kein Gastfreund schonet den Gastfreund, Noch der Eidam den Schwäher; auch liebende Brüder sind selten. Meuchlerisch stellet das Weib dem Gemahl nach, dieser der Gattin; Und Stiefmütter bereiten aus falbem Kraute den Gifttrank; Selber auch späht voreilend der Sohn nach den Jahren des Vaters. Frömmigkeit sank vor Gewalt; Asträa selber, die Jungfrau, Floh, der Himmlischen letzte, die blutgefeuchteten Länder.

Lykaon

Inhaltsverzeichnis

Als von den obersten Höh'n Saturnius schaute die Greuel, Seufzet' er auf, und was, neulich geschehn, noch wenig bekannt war, Denkend den gräßlichen Schmaus des lykaonischen Tisches, Faßt' er im Geist endlosen und Jupiters würdigen Unmut. Schleunig beruft er den Rat; und es eilt die berufne Versammlung.

Hoch erstreckt sich ein Weg, am heitern Himmel erscheinend, Der, Milchstraße genannt, durch schimmernde Weiße sich ausnimmt. Hierauf gehn die Götter zur Burg des donnernden Vaters, Und in den Königspalast. Rechts wimmeln und links an dem Wege Vorhöf' edeler Götter mit offener Pforte des Saales. Abwärts wohnt die Gemeinde; doch vorn die Gewalten des Himmels, Groß an Macht und berühmt, in geheiligten Wohnungen hausend.

Als sich die Oberen dort im marmornen Raume gesetzet, Drauf, erhabner an Sitz, mit elfenbeinenem Zepter, Schüttelte dreimal und viermal des Haupts graunvolle Umwallung Jupiter, daß ihm die Erde, das Meer und der Himmel erbebten. Also entströmte nunmehr unwilligen Lippen die Rede:

Nicht um die Weltherrschaft war sorgenvoller in jenem Laufe der Zeit mein Herz, da der Schlangenfüßigen jeder Hundert Arme beschloß zum eroberten Himmel zu heben. Denn so wild auch tobte der Feind, so hing doch von einem Stande des Reichs, von einer gemeinsamen Quelle, der Krieg ab. Jetzo muß ich, so weit als Nereus hallt um den Erdkreis, Ganz austilgen das Menschengeschlecht. Bei den Fluten des Abgrunds Schwör' ich, die unter der Erd' im stygischen Haine sich winden: Alles versucht' ich zuvor. Doch unausheilbaren Schaden Müsse der Stahl abschneiden, daß nicht mitkranke Gesundes. Hab' ich ja doch Halbgötter, und ländliche Mächte, die Nymphen, Faunen und Satyre auch, und das Berggeschlecht der Silvane: Diese, von uns noch nicht der olympischen Ehre gewürdigt, Sollten zum wenigsten frei die verliehene Erde bewohnen. Glaubet ihr aber genug, ihr Oberen, jene gesichert; Da mir selbst, der den Donner, der euch handhabe und lenket, Meuchlerisch nachgestellt, voll ruchtbarer Wildheit, Lykaon?

Ringsum braust die Versammlung; in glühendem Eifer verlangt man Ihn, der solches gewagt. Mit Hand und Stimme bezähmte Jupiter jenes Gemurmel; und lautlos saßen sie alle. Als nun schwieg das Geschrei, durch Königswürde gebändigt, Brach von neuem die Stille Saturnius, also beginnend:

Schon hat jener die Straf' (entschlagt euch der Sorge!) gebüßet. Aber die Missetat und die ahndende Rache vernehmt jetzt. Unsere Ohren erreichte der Ruf des verdorbenen Alters: Diesen gefälscht mir wünschend, entschweb' ich den Höhn des Olympus, Und durchspähe die Erd', ein Gott in menschlicher Bildung. Säumnis wär' es, wie groß die Verschuldungen rings ich gefunden, Aufzuzählen; es war das Gerücht selbst unter der Wahrheit. Über den Mänalus ging ich, den struppigen Nährer des Wildes, Über Cyllene daher, und die Fichtenhöh'n des Lycäus. Jetzt in den unwirtbaren Palast des Arkaderkönigs Trat ich hinein, als Nacht der späteren Dämmerung folgte. Zeichen gab ich, ein Gott sei genaht; und die Menge begann mich Anzuflehn. Erst lachte des Flehns und Gelübdes Lykaon. Bald: Es entscheid' ein Versuch, so redet er, ob er ein Gott sei, Oder ein sterblicher Mensch; hier gilt's ungezweifelte Wahrheit Mich im Schlummer bei Nacht durch plötzlichen Tod zu verderben Trachtet er: also gefällt's den Versuch zu machen um Wahrheit! Noch nicht hatt' er genug: vom molossischen Volke gesendet War ein Geißel daselbst; dem bohrt' er den Dolch in die Gurgel; Und die zerhauenen Glieder, die halb noch lebenden, kocht' er Teils in siedender Flut, teils brät er sie über dem Feuer. Wie er das Mahl auftischte, da warf ich mit rächendem Strahle Auf die Penaten das Haus, die würdig waren des Eigners. Doch der Erschrockene flieht; und die Stille der Flur nun erreichend, Heulet er auf, und müht sich umsonst zu reden; es sammelt Wut von ihm selber der Mund; und er rennt in gewöhnlicher Mordlust Gegen das schwächere Vieh, und freut sich auch jetzo des Blutes. Rauh in Zotten zergehn die Gewand', und in Beine die Arme. Auch als Wolf behält er die Spur der vorigen Bildung: Gleich ist die Gräue des Haars, und gleich der Trotz in dem Antlitz, Gleich der funkelnde Blick, und gleich die Gebärde der Wildheit.

Hin ist geschwunden das Haus; doch nicht ein Haus nur verdient es, Unterzugehn. Wo die Erde sich ausstreckt, tobt die Erinnys. Alles rennt, wie verschworen zum Unheil. Alle sogleich denn Sollen uns, was sie verdient, so will's die Gerechtigkeit, büßen!

Jupiters Rede verstärkt ein Teil durch Worte, die mehr noch Fachen des Zürnenden Glut, die anderen deuten ihm Beifall.

Deukalion

Inhaltsverzeichnis

Jetzo beschloß der Vater, das frevle Geschlecht zu vertilgen Unter der Flut, Platzregen vom ganzen Himmel entsendend. Eilig sperrt er nunmehr in des Äolus Höhlen den Nordwind, Und was sonst für Hauche den Zug der Gewölke verscheuchen. Notus allein wird gesandt: und mit triefenden Schwingen entfleucht er, Sein scheusäliges Haupt pechschwarz in Dunkel gehüllet; Schwarz von Güssen der Bart; den greisenden Haaren entströmt Flut; Nebel umlagern die Stirn, ihm taut's von Gefieder und Busen; Und wie in breiter Hand abhängende Wolken er drückte, Donnert es; dicht nun stürzen die Regenschauer vom Äther. Auch die Botin der Juno, mit mancherlei Farben bekleidet, Iris schöpft nun Gewässer, und reicht den Wolken die Nahrung. Schon sind die Saaten gestreckt, schon liegen beweint des Bestellers Wünsch' und Gelübd', und des Jahrs langwieriger Schweiß ist verloren.

Nicht vorn Himmel allein zürnt Jupiter; sondern ihm sendet Sein blaulockiger Bruder des Meers mithelfende Fluten. Schnell die Götter der Ströme berufet er. Als sie versammelt Nun den Palast anfüllten des Königes: Langer Ermahnung, Sprach er, bedürfen wir nicht. Willfahrt mit aller Gewalt nun! Solches ist not! Eröffnet die Wohnungen eures Gestrudels, Räumt die Dämme hinweg, und spornt die entzügelten Ströme!

Jener gebot's, sie kehren zurück, und lösen der Quellen Mündungen; und mit Getümmel entrollen sie all in die Meerflut. Selbst nun schwang in die Feste der Gott den gewaltigen Dreizack; Und sie erbebt', und spaltet Raum weitbusigen Wassern. Über die Bord' entstürzen durch offene Felder die Ströme; Und mit der Saat Weinbäume zugleich, und das Vieh, und die Männer Raffen sie, Wohnungen auch, und der Götter geheiligte Kammern. Wenn ja der Häuser noch eins ausdauerte, und unerschüttert Trotzte dem Jammergeschick; doch überwallte den Giebel Höhere Flut, und es wankten im drückenden Strudel die Türme. Nirgend erschien durch Grenzen das Meer und die Erde gesondert: Offene See war alles, und flutete sonder Gestad' auf Einer erklimmt den Hügel voll Angst; der andere rudert Dort im gebogenen Kahn, wo er jüngst Pflugstiere gelenket. Über die Saaten hinweg und das eingesunkene Landhaus Schiffen sie dort und fangen den Fisch in dem Wipfel der Ulme. Oft, wie es trifft, wird der Anker in grünende Wiesen geheftet, Oft auch scharrt anstoßend der Kiel an dem unteren Weinberg. Und wo eben ihr Gras die schmächtigen Ziegen gerupfet, Lagern jetzt den gedunsenen Leib mißförmige Robben. Nereus' Töchter erstaunen, die Hain', und die Städt', und die Häuser Unter den Wellen zu sehn; in dem Bergwald hausen Delphine, Springen in hohem Gezweig' und stoßen an bebende Eichen. Schafe durchschwimmet der Wolf; gelbmähnige Löwen und Tiger Führet die Flut; nichts frommt die Gewalt des Blitzes dem Eber, Nichts dem enttragenen Hirsche der leichtgehobene Schenkel. Lange nach Erd' umbiegend, wo auszuruhen vergönnt sei, Sinkt mit ermatteten Schwingen ins Meer der streifende Vogel. Über die Höh'n stieg tobend der Tief' unermeßlicher Aufruhr, Und von befremdender Brandung erscholl das geschlagene Berghaupt. Meist entrafft das Gewoge die Sterblichen: welcher die Woge Schonete, diese bezähmt mit dürftiger Nahrung der Hunger.

Zwischen Hämonias Flur und der attischen breitet sich Phokis, Ehmals fruchtbares Land, da es Land war; aber anjetzo Meer, und ein breites Gefilde der schnell einbrechenden Wasser. Siehe, da klimmt zu den Sternen ein Berg mit doppeltem Gipfel. Schroff, Parnassus[1] genannt, und überschauet die Wolken. Als Deukalion hier (denn das übrige deckte die Meerflut) Samt dem vermähleten Weib anhaftete, fahrend im Schifflein; Flehn den korycischen Nymphen sie beid' und den Mächten des Berges, Themis auch, der erhabnen Verkündigerin am Orakel. Nie war besser gesinnt, noch mehr auf Billigkeit achtend, Irgendein Mann, nie frömmer ein Weib in Verehrung der Götter. Jupiter, der weitsumpfend den überschwemmeten Erdkreis, Und nur überig sah von so viel Tausenden einen, Und nur überig sah von so viel Tausenden eine: Ganz unsträflich sie beid', und beid' Anbeter der Gottheit, Trieb die zerstreuten Gewölk', und, die regnenden Lüfte mit Nordwind Reinigend, zeigt er dem Himmel die Erd', und der Erde den Himmel.

Ausgezürnt hat endlich das Meer. Hinlegend den Dreizack, Sänftigt der Herrscher die Wog'; und ihn, der empor aus dem Abgrund Ragte, die Schulter bedeckt mit angewachsenen Muscheln, Ruft er, den bläulichen Triton, heran; und die Schneckendrommete Heißt er ihn füllen mit Hauch, und zurück durch lautes Geschmetter Brandungen rufen und Ström'. Er faßt das gehöhlete Meerhorn, Welches gedreht in die Breit' anwächst von der untersten Windung: Welches Horn, wann Atem auch mitten im Meer es empfangen, Alle Gestad' umhallt vom Niedergang bis zum Aufgang. Jetzt auch, sobald es den Mund im triefenden Taue des Bartes Rührte dem Gott, und gehaucht ausrief den befohlenen Rückzug, Ward es von allem Gewässer der Land' und der Meere gehöret; Und so weit das Gewässer es hörete, ward es gebändigt.

Schon hat Ufer das Meer; voll wallen die Ström' in den Betten; Niedriger rollen die Bäche; hervor gehn sichtbar die Hügel; Mählich steigt das Gefild', und wächst aus versiegenden Wassern; Und nach daurender Frist hebt endlich der Wald die entblößten Wipfel empor, und zeigt nachbleibenden Schlamm auf den Blättern. Hergestellt war die Erde. Doch jetzt die Leere betrachtend, Und wie in Totenstille der Welt Einöde verstummt war, Sprach Deukalion so mit quellender Träne zu Pyrrha:

O du, Schwester und Weib, du einzige jetzo der Frauen, Welche gemeinsamer Stamm mir erst, und vervetterte Sippschaft, Dann das Lager verband, nun selbst die Gefahr mir verbindet! Rings in den Landen der Welt, die der Morgen bestrahlt und der Abend, Sind wir beide das Volk; das übrige raubte die Meerflut! Nicht ist auch noch jetzo die Sicherheit unseres Lebens Völlig gewiß; uns schrecken hinfort noch Wolken die Seele. Was, wenn ohne den Gatten verschont dich hätte das Schicksal, Was, Unglückliche, wäre dein Mut? Wie könntest du einsam Dann ertragen die Angst? durch wessen Tröstung den Kummer? Denn ich (glaube mir das), wenn dich auch hätte der Abgrund, Folgete dir, o Gattin, und mich auch hätte der Abgrund! Könnt' ich doch die Völker der Welt durch Künste des Vaters Wieder erneu'n, mit Seelen gebildete Erde belebend! Wir nun sind, wir beide, der Rest des Menschengeschlechtes, (Also gefiel's dort oben!) und Beispiel' unserer Gattung!

Jener sprach's; sie weinten. Der Schluß war jetzo, die Gottheit Anzuflehn, und Hilfe durch heilige Lose zu suchen. Ohne Verzug nahn beide sofort den cephisischen Wassern, Noch nicht lautere Bäche, doch schon bekannte, durchwatend. Als sie nunmehr dem Sprudel entschöpfete Taue gesprenget Auf die Gewand' und das Haupt; zum Tempel der heiligen Göttin Wenden sie jetzo den Schritt: dem oben das Dach in des Mooses Schändendem Wuste sich barg, und glutlos jeder Altar stand. Dann den geweiheten Stufen genaht, sank nieder aufs Antlitz Mann und Weib, und küßte das kalte Gestein mit Erzittern. Und: Wenn billigem Flehn, so sagten sie, himmlische Mächte Freundlich erweichen ihr Herz, wenn Zorn der Götter gebeugt wird; Sag', o Themis, wodurch der Verlust der Sterblichen heilbar Sei, und rette die Welt, o du Gütige, nun aus der Sintflut!

Aber die Göttin, gerührt, antwortete: Weicht aus dem Tempel; Hüllt euch beide das Haupt, und löst die gegürteten Kleider; Werft sodann die Gebeine der großen Erzeugerin rückwärts.

Lange stauneten sie; nun brach die schweigende Stille Pyrrha zuerst, und versagte dem Götterspruche Gehorsam; Und um Verzeihung bittet ihr ängstlicher Mund, wenn sie schaudre, Durch zerstreutes Gebein der Erzeugerin Schatten zu kränken.

Beide durchdenken indes die in wirrendes Dunkel gehüllten Worte des göttlichen Spruchs, und erwägen sie wohl miteinander. Dann zur Epimethide begann der Sohn des Prometheus Also mit sanfterem Laut: Entweder uns täuscht die Besinnung, Oder Frömmigkeit will, nicht Freveltat, das Orakel. Zeugerin ist ja die Erd', und die Stein' in dem Leibe der Erde Sind, wie mir deucht, das Gebein: dies sollen wir hinter uns werfen.

Ihres Gemahls Auslegung vernahm zwar froh die Titanin, Nur war in Zweifel die Hoffnung: so sehr mißtrauen sie beide Noch dem Göttergebot. Doch harmlos wird der Versuch sein.

Talwärts gehn sie, verhüllen das Haupt, und entgürten die Kleider, Heben gebotene Stein', und werfen sie hinter den Rücken. Alles Gestein (wer glaubt' es, wofern nicht zeugte die Vorwelt?) Legte die Härt' allmählich nun ab, und die trotzende Starrheit, Schmeidigte mehr sich und mehr, und geschmeidiger nahm es Gestalt an. Bald, als wachsend es schwoll, und mild schon seine Natur sich Äußerte, schien es beinah, wie einige, noch unenthüllte Menschengestalt; doch so, wie von angehauenem Marmor, Nicht vollendet genug, und roheren Bildnissen ähnlich. Welcher Teil des Gesteins mit etwas Safte gefeuchtet War, und der Erde verwandt, der gab dem Leibe die Glieder; Festeres, was unbiegsamer starrt, wird in Knochen verwandelt; Was als Ader erschien, das bleibt gleichnamige Ader. Und nur wenige Frist, so gewann durch Gnade der Götter Alles Gestein, das der Mann aussendete, männliche Bildung, Und dem Wurfe des Weibes entblühete weibliche Schönheit. Drum sind wir ein hartes Geschlecht, ausdauernd zur Arbeit; Und wir geben Beweise, woher wir zogen den Ursprung.

Daphne

Inhaltsverzeichnis

Phöbus liebte zuerst die peneïsche Daphne: wofür nicht Blindes Geschick ihn entflammt, nein wütender Zorn des Kupido. Delios schaut' ihn neulich, noch stolz von der Schlange Besiegung, Als er das schnellende Horn einbog mit gestrengeter Senne; Und: Was soll, mutwilliger Knab', ein so tapfres Gerät dir? Spottet' er: das zu tragen geziemt nur unseren Schultern, Die wir scharf das Gewild und scharf die Feinde verwunden! Die wir ihn, der Hufen mit gräßlichem Bauche belastet, Jüngst mit unzählbaren Pfeilen gestreckt, den geschwollenen Python! Wenn dein Fackelchen dir, ich weiß nicht, welcherlei Liebe Aufreizt, sei du vergnügt, ohn' unseren Ruhm zu begehren!

Drauf der Cypria Sohn: Und trifft dein Bogen, o Phöbus, Alles; der meinige dich! So weit dir alles, was lebet, Nachsteht, ebensoweit verschwindet dein Ruhm vor dem unsern!

Amor sprach's; und die Luft mit geschwungenen Fittichen schlagend, Kam er in Eil', und stand auf dem schattigen Haupt des Parnassus. Und er enthob zween Pfeile dem schmerzbeladenen Köcher, Beide verschiedener Kraft: der scheucht, und jener erregt Glut. Der sie erregt, ist golden, und blinkt mit spitziger Schärfe; Der sie verscheucht, ist stumpf, und enthält Blei unter dem Rohre. Diesen entsandte der Gott der peneïschen Nymphe; doch jenen Schnellet' er durch die Gebein' in das innerste Mark dem Apollo. Stracks ist einer verliebt; und den Liebenden meidet die andre, Nur an Gehölz, und an Jagd, und an prangender Beute des Wildes, Labend ihr Herz, nacheifernd der stets unbräutlichen Phöbe. Jüngferlich fesselt ein Band die gesetzlos hängenden Haare. Viel zwar warben um jene; doch sie, den Werbenden abhold, Flüchtig und scheu vor dem Manne, durchstreift Einöden der Wälder; Und nicht Hymen noch Amor bekümmert sie, noch die Vermählung. Oftmal sagte der Vater: Gewähre mir, Tochter, den Eidam! Oftmal sagte der Vater: Mein Kind, gewähre mir Enkel! Jene, die gleich dem Verbrechen die ehliche Fackel verabscheut, Färbt ihr schönes Gesicht mit schamhaft glühender Röte; Und um den Hals dem Vater die schmeichelnden Arme geschlungen: Gib mir, sprach sie, beständig, Geliebtester unter den Vätern, Mädchen zu sein! Dies gab ihr Vater vordem der Diana!

Zwar willfährt dir jener; doch hemmt dir, Mädchen, die Anmut Deinen Wunsch, und es strebt dem Gelübd' entgegen die Schönheit.

Phöbus liebt, und begehrt der gesehenen Daphne Vereinung; Was er begehrt, das hofft er; ihn täuscht sein eignes Orakel. Wie nach genommener Ähre die nichtige Stoppel verbrannt wird; Wie von der Fackel der Zaun aufflammt, die der Wanderer sorglos Näherte, oder vielleicht in dämmernder Frühe hinwegwarf: Also entbrannt' in Flamme der Gott; durch Mark und Gebeine Lodert er auf, und nährt unfruchtbare Liebe mit Hoffnung.

Kunstlos schaut er das Haar um den Hals ihr schweben: O was erst, Rufet er, wär' es gelockt! Er sieht, voll strahlenden Feuers, Äugelein, hell wie Gestirn; er sieht das rosige Mündlein, Was nicht genüget zu sehn; er lobt die Finger und Hände, Lobt die gerundeten Arm', und die halb vorscheinende Achsel. Besser scheint das Verborgene noch. Sie entflieht, wie des Windes Hauche dahin, nicht achtend des Flehenden, der sie zurückruft:

Bleib, peneïsche Göttin, o bleib! nicht feindlich verfolg' ich! Göttliche, bleib! So fliehet das Lamm vor dem Wolfe, die Hindin So vor dem Leun, und die Taube mit zitterndem Flug vor dem Adler; Jedes dem Feind zu entgehn: mich nötiget Liebe zu folgen. Wehe mir! falle doch nicht; und die Füß', unwürdig der Kränkung, Ritze kein Dorn! nicht sei ich dir selbst Ursache des Schmerzes! Rauh sind dort, wo du eilest, die Gegenden: mäßiger, fleh' ich, Lauf', und hemme die Flucht; dann mäßiger folg' ich dir selber. Wem du gefällst, erkundige doch! Nicht haus' ich in Berghöhn, Nicht hier schalt' ich als Hirt, nicht weidende Rinder und Schafe Hüt' ich in wüster Gestalt! Nicht weißt du es, Törin, du weißt nicht, Welchen du fliehst: das macht dich entfliehn! Mir huldiget Delphos[2], Klaros und Tenedos mir, und die pataräische Hauptstadt! Jupiter zeugete mich! Was war, was ist, und was sein wird, Weissag' ich, und heiße das Lied einstimmen den Saiten! Treffend ist unser Geschoß; nur war ein einziger Pfeil noch Treffender, welcher die Wund' in das ruhige Herz mir gebohret! Ich erfand die heilende Kunst; Heilbringer und Retter Nennt mich die Welt; und die Kraft der Genesungskräuter gehorcht mir! Ach, kein linderndes Kraut erwächst für die Gluten der Liebe, Und nichts frommt dem Besitzer die Kunst, die allen umher frommt!

Mehreres strebt' er zu reden; da ängstlichen Laufs die Penidin Floh, und mit jenem verließ die unvollendeten Worte. Hold erschien sie auch jetzt; es enthülleten Winde die Glieder, Vor dem begegnenden Hauch entflatterten ihre Gewande, Und ihr wallte das Haar rückwärts in dem leisen Gesäusel. Eile vermehrte den Reiz. Nicht trug's der unsterbliche Jüngling, Daß er noch länger umsonst liebkosete; sondern wie Amor Antrieb, folgt' er den Spuren mit angestrengterem Schritte. Wie wenn der gallische Hund im freieren Felde den Hasen Sah, und jener um Raub sich beschleuniget, dieser um Rettung; Immer erscheint anhaftend der Hund, nun, nun zu erhaschen Hofft er, und streitet die Spur mit weit vorragendem Maule; Jener dünkt sich beinah ein Gefangener, aber er reißt sich Selbst aus den Bissen hinweg, und verläßt den berührenden Rachen: Also der Gott und das Weib, die vor Angst hinstürmen und Sehnsucht. Doch der Verfolgende rennt, wie mit Amors Fittichen fliegend, Schneller daher, und versaget ihr Ruh; schon nahe dem Rücken Hängt er, und atmet den Hauch in die fliegenden Haare des Nackens.

Jetzt, nach geschwundener Kraft, erblaßte sie, matt von der Arbeit Jenes geflügelten Laufs, und schauend die Flut des Peneos: Rette mich, rief sie, o Vater, wenn Macht euch Ströme beseelet! Du, wo zu sehr ich gefiel, zerspalte dich unter mir, Erde! Oder verwandele diese Gestalt, die mir Kränkungen bringet!

Kaum war geendet das Flehn; und gelähmt erstarren die Glieder. Zarter Bast umwindet die wallende Weiche des Busens; Grün schon wachsen die Haare zu Laub', und die Arme zu Ästen; Auch der so flüchtige Fuß klebt jetzt am trägen Gewurzel; Und ihr umhüllt der Wipfel das Haupt: nur bleibt ihr die Schönheit. Phöbus liebt auch den Baum; und mit angelegeter Rechte Fühlet er noch aufheben in junger Rinde den Busen. Und mit zärtlichen Armen die Äst', als Glieder, umschlingend, Reicht er Küsse dem Holz; doch entflieht vor den Küssen das Holz auch.

Jetzo sagte der Gott: Da du mein als Gattin nicht sein kannst, Wenigstens sei als Baum du die Meinige! Immer umwind' uns Du das Haar, und die Leier, und du den Köcher, o Lorbeer! Du sei dem latischen Führer gesellt, wann froh der Triumphton Hallt, und ein langer Zug hochfeierlich zum Kapitol steigt! Selbst augustischen Pfosten hinfort der treueste Hüter, Sollst an der Pforte du stehn, die umschlossene Eiche beschützend! Und, wie jugendlich blüht mein ungeschorenes Haupthaar, Trag' auch du beständig die dauernde Ehre des Laubes!

Päan endigte so; der jüngst entsprossene Lorbeer Nickte dazu, und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.

Io

Inhaltsverzeichnis

Einen hämonischen Hain, dem ringsher starret ein Bergwald, Nennt man tempische Tale: wodurch Peneos[3], vom untern Pindus hervorgestürzt, mit schaumigen Wogen einherrollt, Und in gewaltigem Fall von flüchtigen Dämpfen umwallte Wolken zusammenzieht, und hoch mit Bespritzung die Wälder Übertaut, mit Getöse nicht bloß das Nähere müdend. Hier ist Wohnung und Sitz, hier stehn die Gemächer dem großen Stromgott: hausend allhier in der felsgewölbeten Grotte, Gab er den Wogen Gesetz, und dem Nymphengeschlecht in den Wogen.

Dorthin kamen zuerst die versammelten Ströme des Landes, Zweifelnd, ob Trost sie dem Vater, ob Glückwunsch, brächten um Daphne: Dort Spercheos in Pappeln, und dort der Stürmer Enipeus, Greisend Apidanos auch, und sanft Amphrysos und Äas; Bald auch andere Ströme, die, wo sie das wilde Gelust trug, Niederlenken ins Meer die der Windungen müden Gewässer.

Inachus fehlet allein. Denn tief in der Grotte verborgen, Mehrt er mit Tränen die Flut: voll Schmerz, als eine Verlorne, Klaget er Io, die Tochter. Er weiß nicht, ob sie noch lebe, Ob bei den Manen sie sei. Doch sie, die er nirgendwo findet, Scheint ihm nirgend zu sein; und er hegt nur düstere Ahnung.

Jupiter schaute jüngst, wie zurück vom Strome des Vaters Io ging, und: o Mädchen, die, Jupiters würdig, ich weiß nicht, Welchen Gemahl beseligen wird, komm, sprach er, zum Schatten Jenes erhabenen Hains (und er wies den Schatten des Haines), Während der Glut, die Sol von der Mittagshöhe daherstrahlt. Wenn du zagest allein in die Lager zu gehn des Gewildes; Sicher geleitet ein Gott dich tief ins geheimere Dunkel: Und kein niedriger Gott; nein, der den Zepter des Himmels Hält in gewaltiger Hand, der schlängelnde Strahlen entsendet. Fliehe mich nicht! Denn sie floh[1q]. Schon Lernas grasige Weiden Ließ sie zurück, und die Felder des baumbepflanzten Lyrkeos, Siehe, da hüllte der Gott in umzogene Nacht die Gefilde Weit umher, und hemmte die Flucht, und beschämte die Jungfrau.

Grad indessen herab auf die Gegenden schauete Juno. Voll Verwunderung nun, wie aus flüchtigem Nebel gedrängt sei Dunkele Nacht in der Helle des Tages, erkennet sie deutlich, Daß kein Fluß das Gedünst, kein sumpfiges Land es gesendet. Und, wo ihr Ehegenoß sich beschäftige, spähet sie ringsum, Weil sie die Schliche verstand des oft ertappten Gemahles. Als sie nirgend im Himmel ihn schauete: Trügt mich nicht alles, Sprach sie, so werd' ich gekränkt! und im Schwung aus der Höhe des Äthers Fuhr sie zur Erde hinab, und ein Wort verscheuchte den Nebel. Ahnend der Gattin Besuch, verwandelte Jupiter plötzlich Zur hellschimmernden Starke die inachidische Jungfrau. Auch als Kuh ist jene noch schön. Saturnia lobet, Ungern zwar, die Gestalt, und fragt, unkundig zum Anschein, Wessen sie sei, und woher, und zu welcherlei Trift sie gehöre? Aus der Erde gezeugt! lügt Jupiter, daß die Erkundung Endige. Schenke sie mir! antwortet Saturnia schmeichelnd. Was zu tun? Die Geliebte hinwegzuschenken, wie grausam! Nicht zu verleihn, wie verdächtig! Ihn drängt zuratende Scham hier, Dort abratende Liebe. Die Scham zwar wiche der Liebe: Doch würd' ein leichtes Geschenk der Genossin des Stamms und des Lagers, Eine Kuh, ihr versagt; nicht Kuh dann möchte sie scheinen.

Juno empfing die schöne Verführerin; dennoch entschwand nicht Ganz ihr die Furcht; sie besorgte von Jupiter heimliche Tücke: Bis sie Arestors Sohne die Hut vertraute, dem Argos. Rings war das Haupt dem Argos mit hundert Augen erleuchtet, Deren zween umeinander die wechselnde Ruhe genossen; Wachsam spähten indes die übrigen, haltend die Obhut. Wie er auch immer sich stellt', er schauete immer auf Io;