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Beschreibung

Die letzten Zeugen von Auschwitz

Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.

Weltweit haben SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter nun ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers besucht und befragt, Susanne Beyer und Martin Doerry haben diese Berichte in einem Buch zusammengestellt. Die beeindruckenden Schilderungen der letzten überlebenden Zeugen von Auschwitz werden reich bebildert mit Porträts, die die Fotografen Sara Lewkowicz und Dmitrij Leltschuk für dieses Buch anfertigten.

Mit Beiträgen von Nicola Abé, Markus Feldenkirchen, Johann Grolle, Julia Amalia Heyer, Wolfgang Höbel, Karoline Kuhla, Christoph Scheuermann und Jurek Skrobala.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Das Buch

Für dieses Buch trafen SPIEGEL-Redakteure in Europa, Amerika und Israel zwanzig Holocaust-Überlebende, um sie nach ihren Erfahrungen in der Todesfabrik Auschwitz zu befragen. Aus den Gesprächen entstanden umfangreiche Protokolle, die von einer Zeit kaum vorstellbarer Ängste und Leiden zeugen.

Elf Frauen und neun Männer erzählen von den Deportationen, dem Verlust von Eltern und Geschwistern, dem Hunger und Elend im Lager, von den menschenunwürdigen Verhältnissen, den Gaskammern und den Krematorien. Und sie erzählen von dem unwahrscheinlichen Glück, den Holocaust überlebt zu haben. Für die nachfolgenden Generationen sind sie die letzten Zeitzeugen.

Die Autoren

Susanne Beyer, geboren 1969, ist seit 1996 beim SPIEGEL als Kulturredakteurin tätig, zuletzt als stellvertretende Leiterin des Kulturressorts. Seit Frühjahr 2015 ist sie stellvertretende Chefredakteurin des Nachrichten-Magazins.

Martin Doerry, geboren 1955, ist promovierter Historiker und kam 1987 zum SPIEGEL. Von 1998 bis 2014 war er stellvertretender Chefredakteur des Nachrichten-Magazins. Seither schreibt er als Autor für das Kulturressort. Bei der DVA erschienen von ihm die Biographie Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900–1944 (2002) sowie, in Zusammenarbeit mit der Fotografin Monika Zucht, der Bildband Nirgendwo und überall zu Haus – Gespräche mit Überlebenden des Holocaust (2006).

Susanne Beyer und Martin Doerry (Hg.)

»Mich hat

Auschwitz

nie verlassen«

Überlebende desKonzentrationslagers berichten

Mit Beiträgen von Nicola Abé, Markus Feldenkirchen, Johann Grolle, Julia Amalia Heyer, Wolfgang Höbel, Karoline Kuhla, Christoph Scheuermann und Jurek Skrobala

DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT

Inhalt

Einführung

Die Protokolle

Coco Schumann

Renate Harpprecht

Anna und Izzy Arbeiter

Marko Feingold

Raphaël Esrail

Philomena Franz

Helga Pollak-Kinsky

Esther Bejarano

Anita Lasker-Wallfisch

Zofia Posmysz

Bronia Brandman

Kazimierz Albin

Frederick Terna

Erna de Vries

Marta Wise

Jehuda Bacon

Frieda Tenenbaum

Morris Kesselman

Henri Borlant

Dank

Kurzbiographien der Zeitzeugen

Autorenverzeichnis

Fotografen

Literatur

Einführung

Am 27. Januar 1945 marschierten vermummte Gestalten in langen Mänteln durch den Schnee auf das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu. Noch am selben Tag befreiten die Rotarmisten der 1. Ukrainischen Front das von der SS aufgegebene Lager, nur ein paar Tausend Häftlinge fanden sie vor, die meisten von ihnen krank und hilflos.

Unter den Überlebenden befand sich auch die damals zehnjährige Frieda, ein jüdisches Mädchen aus Polen, zusammen mit ihrer Mutter. Sie erinnert sich daran, dass das polnische Rote Kreuz den Befreiten zuerst Vitamintabletten gegeben habe: »Ich weiß noch, wie sie aussahen: orange, dreieckig, mit einem glatten Überzug, wahrscheinlich aus Zucker.«

Frieda Tenenbaum sitzt nun, 70 Jahre danach, in der Küche eines Freundes im amerikanischen Cambridge. Sie erzählt dem SPIEGEL-Korrespondenten Johann Grolle von ihrer Zeit als Kind in Auschwitz, von der Befreiung und von ihrem Leben danach. Tenenbaum ist 80 Jahre alt und gehört zu den jüngsten Überlebenden. Kinder wurden in Auschwitz in der Regel sofort vergast, sie habe »Glück« gehabt, so sagt sie.

Für dieses Buch trafen SPIEGEL-Redakteure in Europa, Amerika und Israel 20 Auschwitz-Überlebende, um sie nach ihren Erfahrungen in der Todesfabrik zu befragen. Aus den Gesprächen entstanden umfangreiche Protokolle, die von einer Zeit kaum vorstellbarer Ängste und Leiden zeugen. Elf Frauen und neun Männer erzählen von Hunger und Elend im Lager, von den Gaskammern und Krematorien, von sadistischen Menschenversuchen. Und sie erzählen von dem unwahrscheinlichen Glück, den Holocaust überlebt zu haben.

Veröffentlicht wurden Auszüge dieser Berichte erstmals im SPIEGEL-Titel »Die letzten Zeugen« (Heft 5 / 2015), der mit acht verschiedenen Titelbildern erschien – acht Porträts, die, wie alle übrigen Fotos, von zwei namhaften Fotografen im Winter 2014/2015 gemacht wurden: Sara Naomi Lewkowicz fotografierte die Zeitzeugen in den USA und Israel, Dmitrij Leltschuk die in England, Frankreich, Österreich, Polen und Deutschland.

Die meisten Zeugen der Lagerhaft, die heute noch erzählen können, sind um die 90 Jahre alt. Sie liefern die letzten authentischen Berichte aus einer in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Mordmaschine.

Als zentraler Schauplatz des Holocaust steht der Name Auschwitz synonym für die Verbrechen des Hitler-Regimes. Die Verwandlung des Konzentrationslagers in ein Vernichtungslager war nicht allein Ergebnis strategischer Planung, sondern eine Folge der Eskalation nationalsozialistischer Kriegführung.

Im Sommer 1940 wurde das Lager in der Nähe der Stadt Oświęcim gegründet. Auf dem Areal standen noch Unterkünfte aus dem Ersten Weltkrieg, die für Saisonarbeiter gedacht gewesen waren. 10000 polnische Intellektuelle und Mitglieder des Widerstands sollten dort inhaftiert werden. Seit 1941 errichteten große Unternehmen aus dem Reichsgebiet im Umfeld des Konzentrationslagers Fabriken, die dort auf eine wachsende Zahl von Zwangsarbeitern zurückgreifen konnten. Die SS ließ zu diesem Zweck zwei Kilometer vom sogenannten Stammlager entfernt ein weiteres Lager errichten, Birkenau, in dem zunächst etwa 50000 sowjetische Kriegsgefangene untergebracht werden sollten.

Doch die meisten Gefangenen waren schon auf dem Weg nach Auschwitz verhungert. Stattdessen wurden Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie politische Häftlinge aus ganz Europa deportiert und – seit 1942 – bei der Ankunft in Birkenau einem bis dahin einzigartigen Verfahren ausgesetzt, das die Nazis Selektion nannten: Junge Männer und Frauen kamen zunächst mit dem Leben davon und mussten auf den Baustellen der neuen Fabriken und in diversen Nebenlagern arbeiten; Mütter mit kleineren Kindern, Schwangere, Kranke und ältere Menschen wurden zumeist sofort in den Gaskammern umgebracht.

Die Häftlinge waren regelrecht ausgeraubt worden. Die Befreier von Auschwitz entdeckten in den Tagen nach dem 27. Januar 1945 in den noch intakten Magazinen neben Tausenden Schuhen, Bergen von Brillen, Rasierpinseln und Zahnprothesen 348820 Herrenanzüge und 836255 Damenkleider und -mäntel. Außerdem fanden sie sieben Tonnen Haar, das, nach Schätzungen, von 140000 Frauen stammte. Die Asche der verbrannten Körper wurde auch im Straßenbau verwendet.

Schon am 31. Juli 1941, also wenige Wochen nach dem Angriff auf die Sowjetunion, hatte Reichsmarschall Hermann Göring den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, beauftragt, ein Konzept »für die Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage« vorzulegen. Die ersten Tötungsexperimente mit Zyklon B fanden dann im September 1941 im Stammlager Auschwitz statt. Wenig später setzten die Mörder hinter der Front im Osten Gaswagen ein und erschossen zudem massenweise jüdische Zivilisten. Am 20. Januar 1942 wurde in Berlin auf der erst später so genannten Wannsee-Konferenz ein Masterplan für die Vernichtung der europäischen Juden besprochen.

Zur gleichen Zeit begann in Birkenau (Auschwitz II) die systematische Vergasung der zumeist jüdischen Häftlinge. Die ersten Gaskammern wurden in zwei schon bestehenden Bauernhäusern eingerichtet, später folgten vier große Neubauten mit Krematorien und Gaskammern. Ebenfalls noch 1942 wurde ein drittes Lager eröffnet, Monowitz, das erste von einem Privatunternehmen finanzierte Konzentrationslager (Auschwitz III). Der Chemiekonzern I.G. Farben brachte hier vor allem die Zwangsarbeiter seiner Buna-Fabrik unter, die der kriegswichtigen Produktion von synthetischem Kautschuk dienen sollte.

In den Lagern Auschwitz I, II und III kamen bis Kriegsende mindestens 1,1 Millionen Menschen ums Leben, entweder in den Gaskammern, durch Erschießung, durch Hunger, Krankheiten oder im Verlauf medizinischer Versuche. Seinen Höhepunkt erreichte das Vernichtungsprogramm im Sommer 1944: Innerhalb von zwei Monaten verschleppte die SS etwa 400000 ungarische Juden nach Auschwitz, um sie – mit wenigen Ausnahmen – sofort zu töten.

Nach ihrer Ankunft und Selektion wurden die Deportierten von der SS direkt zu den Gaskammern getrieben. Entscheidend für den von den NS-Verbrechern erwünschten reibungslosen Ablauf des Massenmords war laut einer Studie des Soziologen Wolfgang Sofsky die »systematische Täuschung der Opfer«.

Die SS, so Sofsky, sei darauf angewiesen gewesen, »dass sich die Menschen bereitwillig selbst entkleideten, ihre Habseligkeiten ordneten und ohne Zögern in die Gaskammern gingen«: Die Gaskammern wurden als Duschräume getarnt, im Umfeld der Krematorien wurden Bäume gepflanzt und irreführende Schilder aufgestellt. SS-Führer hielten Ansprachen, um die Todgeweihten in Sicherheit zu wiegen.

Häftlinge allerdings, die schon länger in Auschwitz gelebt hatten und nun in den Tod geschickt wurden, wussten genau, was sie erwartete. Die Opfer waren jedoch meistens zu geschwächt, um Widerstand zu leisten; vereinzelt kam es vor den Gaskammern zwar zu Angriffen auf SS-Leute, die aber stets niedergeschlagen wurden.

Nur ein größerer Häftlingsaufstand ist überliefert: Im Oktober 1944 griffen Mitglieder des Sonderkommandos, Häftlinge also, die vor allem in den Krematorien arbeiten mussten, ihre Bewacher an, ein Krematorium ging in Flammen auf, drei SS-Leute wurden getötet, mehr als zwölf verwundet. Doch niemand konnte fliehen, fast alle Aufständischen wurden getötet.

Mit dem Heranrücken der sowjetischen Truppen wurden die Vergasungen eingestellt, der Abbau der Gaskammern begann, und Tausende Häftlinge wurden in westlich gelegene Konzentrationslager verschleppt.

Über die Psyche der Täter ist viel gerätselt worden. Wie konnte es geschehen, dass Väter tagtäglich zu Mördern wurden und den Feierabend wieder bei ihrer Familie verbrachten? Was sollte es bedeuten, wenn SS-Führer Heinrich Himmler behauptete, die SS sei beim Massenmord »moralisch anständig« geblieben?

Den Versuch einer Antwort hat die Historikerin Sybille Steinbacher gegeben: Die Ermordung der angeblich »Minderwertigen« habe der eigenen Zukunft im Osten gedient und sei somit »ideologisch gerechtfertigt« worden. »Der häusliche Frieden stand zum beruflichen Alltag der SS-Leute nicht im Widerspruch.« Vielmehr habe er »das Töten im Lager befördert«, wie Steinbacher erklärt, die SS-Männer hätten so »die nötige psychische Stabilität« erhalten.

Auschwitz sah die Vernichtung der Häftlinge vor, die Überlebenden sind Ausnahmefälle. Insofern zeichnen die Protokolle weniger ein Bild dessen, was Auschwitz faktisch gewesen ist, als vielmehr ein Bild dessen, wie sich Erinnerung heute präsentiert, und zwar bei denjenigen, die die Ausnahme gewesen sind. »Mich hat Auschwitz nie verlassen«, berichtet die Überlebende Zofia Posmysz.

Historiker, Journalisten, aber auch Gerichte brauchen möglichst viele Zeugen, um einen Sachverhalt aufzuklären. Jede neue Erzählung vervollständigt das Bild, nach und nach stellt sich heraus, wer die Hauptverantwortlichen gewesen sind. Mehrere der vom SPIEGEL befragten Zeitzeugen kamen beispielsweise von sich aus auf Josef Mengele zu sprechen. Der SS-Lagerarzt in Auschwitz hat bei Selektionen Verwandte der Zeugen in den Tod geschickt, hat die Zeugen untersucht und grausame Experimente an ihnen vollzogen.

Die Geschichtswissenschaft hat die Methode der Oral History, des ungehinderten Erzählenlassens, entwickelt, auch um herauszufinden, welche Gefühle sich bei Zeitzeugen mit historischen Ereignissen verbinden. Einige schaffen Distanz zu den Geschehnissen über Ironie oder durch den Wechsel der Sprache zum Beispiel vom Deutschen ins Englische. Andere versuchen, den Gefühlen von damals so nahe wie möglich zu kommen, indem sie den körperlichen Ausdruck der Not beschreiben. »Ich hatte wie in Trance gehandelt«, sagt ein anderer Überlebender.

Viele Zeitzeugen, die heute über die Erlebnisse sprechen, sind über Jahrzehnte nicht gehört worden, einige sahen sich aber auch nicht in der Lage, über die Exzesse der Entwürdigung zu reden. Inzwischen berichten viele Zeitzeugen bereitwillig, gern sogar an Schulen, damit die jungen Leute wissen, was war und was nie wieder sein soll.

Aber was geschieht, wenn keiner der Überlebenden mehr berichten kann? Der Friedensnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel hat diese Frage vor ein paar Jahren in einem Beitrag für ein SPIEGEL-Buch so beantwortet: »Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.«

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

© imago stock & people GmbH

Das Wissen um Auschwitz muss also von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wissen heißt allerdings nicht verstehen. Denn wer sich als Zuhörer oder Leser tief in das Innere dieser Mordmaschine begibt, steht am Ende wieder vor einem Rätsel.

Susanne Beyer und Martin Doerry

»Einmal muss es vorbei sein«

Coco Schumann wurde 1924 in Berlin geboren. Schumann schloss sich in den 30er Jahren den Berliner Swings an. Trotz der Nazi-Schikanen spielte er bald mit den Größen der Berliner Musikszene, mal als Schlagzeuger, mal als Gitarrist. Seinen Künstlernamen verdankt er einer französischen Freundin, die seinen Vornamen, Heinz, nicht richtig aussprechen konnte. »Sie sagte immer nur Einz zu mir, das konnte ich nicht leiden«, berichtet Schumann, »also nannte sie mich Coco.« Nach dem Krieg wurde Schumann zu einem der berühmtesten Jazz-Gitarristen Deutschlands. Heute wohnt er in einem mit Souvenirs und Gitarren vollgestellten Reihenhaus in Berlin-Zehlendorf. Erst in den 80er Jahren erzählte er, dass es vor seinem so glamourösen Leben auch ein finsteres Kapitel gab, eine Zeit, in der er um sein Leben fürchten musste. Warum so spät?

Heinz Schumann mit seinen Eltern, 1934

© privat

Wissen Sie, ich bin ja ein ziemlich bekannter Musiker. Und ich wollte nicht, dass die klatschen, weil ich im KZ war, sondern weil ich Musik mache, und das ein bisschen besser als viele andere.

Ich bin ein positiv denkender Mensch. Viele, die im Lager waren, sind nie wieder richtig rausgekommen, auch wenn sie längst draußen waren, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich jammer’ auch nicht darüber, dass ich drin war, ich jubel’ eher, dass ich rausgekommen bin.

Heinz Schumann bei der Einschulung, 1930

© privat

Meine Mutter war Jüdin, mein Vater ist erst bei seiner Hochzeit zum Judentum übergetreten. Innerlich hat er keine Beziehung zum Judentum gehabt, aber bei den hohen Feiertagen hat er darauf gedrängt, dass wir in die Synagoge gehen.

Ich besuchte die jüdische Schule in der Joachimsthaler Straße in Berlin. Dort hatten wir einen Dr. Ballin, der war Deutschlehrer, machte aber auch den Musikunterricht. Und der bestand darin, dass er seine Gitarre mitbrachte und uns singen ließ. Dem habe ich eines Tages erzählt, dass mir ein Cousin, der zum Militär eingezogen worden war, eine Gitarre geschenkt hat. Und dann hat er gesagt: Bring sie doch mal mit! Dr. Ballin hat mir dann die ersten Griffe gezeigt. Weil ich wohl ein bisschen begabt war, habe ich später auch einen Privatlehrer gehabt.

Dann kam das Schlagzeug. Mein Onkel Arthur, ein Bruder meiner Mutter, hatte ein gut gehendes Friseurgeschäft und spielte in einer Zigeunerkapelle Schlagzeug. Den haben sie immer ein bisschen braun geschminkt, damit er auch wie ein Zigeuner aussieht. Als er Deutschland verlassen musste, hat er mir sein Schlagzeug vermacht. Ich muss wohl ein gutes Rhythmusgefühl gehabt haben, schon als Kind. Ich habe später auch viel mit Zigeunerkapellen gespielt. Die haben sich ihre Gitarren ja selber gebaut. Und wenn ich, der kleine Coco, mit meiner großen Gitarre ankam, haben sie immer gesagt: Da kommt der Coco mit seiner Großmuttergitarre.

Unsere Clique, so sagte man damals, war musikbegeistert. Diese Musikfilme aus Amerika, mit Ginger Rogers und Fred Astaire, liefen schon vor dem Krieg im Kino. Als diese Musik dann verboten wurde, haben wir sie in einem Schallplattengeschäft unterm Ladentisch entdeckt. Damals habe ich zum ersten Mal Ella Fitzgerald gehört und sofort gewusst: Das ist meine Musik. Dass ich sie später mal begleiten würde, habe ich damals natürlich noch nicht geahnt.

Wir spielten im Groschenkeller in der Kantstraße nur verbotene Musik. Notfalls haben wir die amerikanischen Stücke mit deutschen Texten gesungen. »I can’t give you anything but love« hieß dann einfach »Ist dein kleines Herz für mich noch frei, Baby?«. Die Reichsmusikkammer machte allerdings Kontrollen. Die hatten immer Schlapphüte und Trenchcoats an. Und wenn sie so zu zweit ankamen, wurde oben an der Treppe gepfiffen, und unten stand noch einer, der pfiff auch. So haben wir gewusst, was los war, und schnell Rosamunde gespielt, bis die gingen, und der ganze Laden hat gewiehert. Zur Sicherheit haben wir bei den amerikanischen Noten oben die Titel abgeschnitten. Die Parteigenossen hatten ja von Musik nicht viel Ahnung.

Natürlich durfte ich als Jude nicht öffentlich auftreten, man musste in der Reichsmusikkammer sein. Wenn die Kontrolleure zum Podium kamen, dann sagten die anderen Musiker: »Der spielt nur mal mit, der ist eingesprungen.« Wir waren ganz schön abgebrüht.

Ich habe mit einer italienischen Band gespielt, der Band von Tullio Mobiglia, der war angeblich der schönste Saxophonist der Welt. Später bekam ich dann auch das Angebot, mit Tullio Musik in einem Film zu spielen, der hieß Philharmoniker, ein Film mit Will Quadflieg und Irene von Meyendorff.

Wir bekamen unsere Gage, 100 Mark netto am Tag, immer gleich ausgezahlt. Ich konnte mir damals alles leisten! Man musste allerdings eine Adresse angeben, um das Geld zu versteuern. Ich heiße ja Heinz Schumann. Also habe ich mir aus dem Telefonbuch einen »Heinz Schumann, Chauffeur« herausgesucht und dessen Anschrift genannt. Der wird sich gewundert haben, dass er vom Finanzamt Post bekam. Ich durfte ja meine richtige Adresse nicht angeben.

Es gab auch Rassenschande, wie die Nazis es nannten. Ich habe reichlich Rassenschande getrieben, und irgendeiner, dem ich die Braut ausgespannt hatte, hat rausgekriegt, dass ich den gelben Stern mit der Aufschrift »Jude« nicht trug. Im März ’43 wurde ich zum Alexanderplatz zur Kriminalpolizei hinbestellt. Und die haben mich der SS übergeben.

Ich war ja Jude und sollte gleich nach Auschwitz. Aber mein Vater ist dann zu dem Obersturmführer Dobberke in der Großen Hamburger Straße und hat gesagt: »Mein Sohn ist immer ein guter Deutscher gewesen, schicken Sie ihn bitte nicht nach Auschwitz.« Man hatte schon gehört, dass Auschwitz ein Konzentrationslager war, aus dem grausame Nachrichten kamen. Ich bin nicht nach Auschwitz gekommen, sondern nach Theresienstadt. Meine Großeltern waren damals bereits in Theresienstadt. Das galt als Vorzugslager. Es war eine alte Garnisonsstadt und ein Ghetto. Man fuhr in einem normalen Zug. Und dort habe ich gleich ein Kaffeehaus gesehen und gedacht: Da biste richtig, denn da wurde Musik gespielt. Aber nur wenn man gearbeitet hatte, bekam man eine Eintrittskarte für das Kaffeehaus. Und ich hatte natürlich noch keine.

Also bin ich über den Hof gegangen, wo die Musiker gerade Pause machten und rauchten, was eigentlich verboten war. Ich bin also rein und habe gesagt: »Ich bin Musiker und komme aus Deutschland.« Es gab viele Instrumente von Leuten, die nach Auschwitz gegangen waren, aber ihre Instrumente in Theresienstadt lassen mussten. Schließlich sagte einer: »Dann spiel doch mal!« Und ich kannte die ganzen amerikanischen Nummern, und die haben nur gestaunt. Ich spielte Honeysuckle Rose mit der Gitarre, das war sehr populär. Der sagte: »Mensch, was spielste gut. Aber schade, wir Ghetto Swingers können im Moment nicht auftreten, unser Schlagzeuger ist im vorigen Transport weggegangen.« Ich habe geantwortet: »Bevor ich Gitarre gespielt habe, habe ich Schlagzeug gespielt.« »Was?«, sagte er. »Komm mal gleich morgen zur Probe.« Damit war ich der Bubenik, auf Tschechisch der Schlagzeuger, von den Ghetto Swingers.

Meine Großeltern habe ich auch wiedergefunden: Meine Familie mütterlicherseits waren ja alle Friseure. Mein Großvater stand in Theresienstadt also auf dem Hof und hat Haare geschnitten, um sich etwas dazu zu verdienen.

Wenn Theresienstadt überfüllt war, ging ein neuer Transport von dort nach Auschwitz. Dann hingen Listen aus, und man konnte sehen, ob man dabei war. Nach zwei Monaten standen die Namen von meinen Großeltern auf den Listen. Ich habe sie nie wiedergesehen.

Dann kam Kurt Gerron nach Theresienstadt, der berühmte Schauspieler und Regisseur, der beim Blauen Engel mit Marlene Dietrich mitgespielt hat. Und der musste jetzt einen Propagandafilm drehen, der hieß Theresienstadt – ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet für das schwedische Rote Kreuz, das das Ghetto besichtigen wollte. Das Ghetto wurde dafür mit Blumen geschmückt, es gab plötzlich genug zu essen. Alle, die mitmachten, dachten, dass sie nicht nach Auschwitz kommen würden. Sie kamen dann aber trotzdem auf den Transport, ich auch, im Herbst ’44.

Die Zugfahrt im Güterwaggon war schrecklich. Furchtbar eng, unerträglicher Gestank. Wir sind einen großen Umweg über Berlin und Sachsenhausen gefahren. Irgendwann habe ich den SS-Mann gefragt, ob ich mal austreten dürfte, und merke, dass wir gerade durch Berlin fahren, durch Halensee, ganz langsam. Ich sehe mich nur da stehen und erkenne sogar die Wohnung meiner Eltern durch die offene Tür, den SS-Mann mit dem Gewehr daneben.

In Auschwitz-Birkenau dachten wir erst, als wir die Schornsteine gesehen haben, wir kommen in einen Ort mit Fabriken. Bis ein SS-Mann kam und sagte: »So ihr Saujuden, jetzt wisst ihr, wo ihr seid. Hier ist der Eingang durchs Tor, und dort der Ausgang durch den Schornstein.«

An der Rampe saßen die SS-Leute draußen am Tisch und haben jeden gefragt: »Wie alt bisste denn?« Ich habe gesagt: »18, Herr Obersturmführer«, was nicht stimmte, aber man hatte mir gesagt, ich sollte mich lieber etwas jünger machen. »Und was bisste von Beruf?« »Klempner, Rohrleger, Herr Obersturmführer.« Ich war ja dienstverpflichtet gewesen in Berlin, bei Klempner Dückert. Und ich dachte mir, Mensch, Musiker brauchen sie nicht. Aber Klempner schon eher.

Arbeitsfähige kamen auf die eine Seite, Alte, Kinder und Kranke auf die andere. Und dann gleich ins Gas. Ich habe das damals nicht gewusst. Also ich kam auf die richtige Seite. Ich habe so viel Glück gehabt.

In Theresienstadt gab es einen berühmten Bargeiger aus Prag, Otto Sattler. Mit dem war ich nach Auschwitz gekommen. Wir wurden in Baracken untergebracht, das waren ehemalige Pferdeställe, mit Stockbetten. Als ich das sah, sagte ich zu ihm: »Otto, das war es jetzt mit uns.« Da höre ich eine Stimme: »Woher kommst du denn, Coco?« Und ich drehe mich um und sehe einen Lagerkapo. So ein Lagerkapo war auch Häftling, wir mussten vor ihm stramm stehen, die Mütze abnehmen. Ich sage also: »Aus Berlin, Herr Kapo.« Der sagt: »Mensch, Coco, ich bin doch der Heinz.« Was ich aber nicht wusste. Der war wohl ein großer Fan von mir, aber natürlich kannte ich nicht alle Fans. Der war dann mein großes Glück. Er sagte zu mir: »Mensch, die haben hier die ganzen Zigeunermusiker vergast.« Er hatte sich jeden Abend von den Zigeunern vorspielen lassen. Wenn ein Musiker kam, haben sie sich den gekrallt, das war die einzige Ablenkung, die es gab. »Da kannste gleich heute Abend spielen«, sagte der Kapo. So habe ich mit Otto Sattler schon am ersten Abend Musik gemacht. Später bekamen wir Musiker sogar eigene Betten in der Schreibstube. Die ganze Organisation wurde ja von Häftlingen gemacht, fast alles.

ENDE DER LESEPROBE

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1. Auflage

Copyright © 2015 Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH und SPIEGEL-Verlag, Hamburg

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: BÜRO JORGE SCHMIDT, München

Typografie und Satz: DVA / Andrea Mogwitz

Gesetzt aus der Adobe Caslon Pro

Fotografien: Dmitrij Leltschuk und Sara Naomi Lewkowicz

Lithografie: Helio Repro, München

ISBN 978-3-641-17463-7

www.dva.de