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»Dieses Cahier de l’Herne erfasst die ganze Aktualität und Komplexität des literarischen und politischen Phänomens, das Houellebecqs Werk darstellt.« Yann Diener, CHARLIE HEBDO Für die einen faszinierend, für die anderen unerträglich – das Werk von und die Person Michel Houellebecq stellen unsere gewohnten Sichtweisen infrage und verunsichern uns. Man kann Houellebecq nicht festlegen: Er ist Romancier, Lyriker, Essayist, Dramatiker. Und er dehnt das Feld der Literatur aus: auf das Kino, die Musik und die bildende Kunst. Mit seinen Texten inspiriert er Künstler aller Art. Der vorliegende Band erschien im französischen Original als ›Cahier de l‘Herne‹, einer bekannten Reihe von Textsammlungen zu berühmten Autorinnen und Autoren. Es ist eine besondere Auszeichnung, wenn einem Schriftsteller schon zu Lebzeiten ein solches Cahier gewidmet wird. Michel Houellebecq zählt zu dem Kreis der Auserwählten. Das von Agathe Novak-Lechevalier, einer ausgewiesenen Kennerin des Werks von Houellebecq, herausgegebene Cahier enthält unveröffentlichte Texte des Autors; Gespräche mit literarischen Größen wie Bret Easton Ellis; Beiträge von Freunden wie Frédéric Beigbeder und Bernard Maris, von Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Yasmina Reza und Salman Rushdie, von Philosophen, Musikern, Journalisten und Journalistinnen. Alle Texte versuchen das Phänomen Houellebecq zu fassen und zu erklären, spiegeln die Komplexität seines Denkens und die Aktualität seines literarischen Werkes wider. Ein Muss für jeden, der diesem Schriftsteller, einem der wichtigsten unserer Gegenwart, auf die Spur kommen will.
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Seitenzahl: 1072
Veröffentlichungsjahr: 2021
»Dieses Cahier de l’Herne erfasst die ganze Aktualität und Komplexität des literarischen und politischen Phänomens, das Houellebecqs Werk darstellt.«
Yann Diener, CHARLIE HEBDO
Für die einen faszinierend, für die anderen unerträglich – das Werk von und die Person Michel Houellebecq stellen unsere gewohnten Sichtweisen infrage und verunsichern uns.
Man kann Houellebecq nicht festlegen: Er ist Romancier, Lyriker, Essayist, Dramatiker. Und er dehnt das Feld der Literatur aus: auf das Kino, die Musik und die bildende Kunst. Mit seinen Texten inspiriert er Künstler aller Art.
Der vorliegende Band erschien im französischen Original als ›Cahier de l‘Herne‹, einer bekannten Reihe von Textsammlungen zu berühmten Autorinnen und Autoren. Es ist eine besondere Auszeichnung, wenn einem Schriftsteller schon zu Lebzeiten ein solches Cahier gewidmet wird. Michel Houellebecq zählt zu dem Kreis der Auserwählten.
Das von Agathe Novak-Lechevalier, einer ausgewiesenen Kennerin des Werks von Houellebecq, herausgegebene Cahier enthält unveröffentlichte Texte des Autors; Gespräche mit literarischen Größen wie Bret Easton Ellis; Beiträge von Freunden wie Frédéric Beigbeder und Bernard Maris, von Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Yasmina Reza und Salman Rushdie, von Philosophen, Musikern, Journalisten und Journalistinnen.
Alle Texte versuchen das Phänomen Houellebecq zu fassen und zu erklären, spiegeln die Komplexität seines Denkens und die Aktualität seines literarischen Werkes wider.
Ein Muss für jeden, der diesem Schriftsteller, einem der wichtigsten unserer Gegenwart, auf die Spur kommen will.
Agathe Novak-Lechevalier hat eine Assistenzprofessur an der Universität Paris X Nanterre inne. Sie ist die Chefredakteurin des ›Magasin des XIXe sciècle‹. Neben Michel Houellebecq zählen die Werke von Honoré de Balzac und Stendhal zu ihren Forschungsgebieten.
Die französische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel ›Houellebecq‹ bei Éditions de L’Herne, Paris.
© Éditions de L’Herne, 2017
eBook 2021
© 2021 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Esther Hansen, Stephan Kleiner, Christian Kolb, Silke Pfeiffer, Jörg Pinnow, Julia Schoch, Bernd Wilczek
Umschlaggestaltung nach einer Vorlage von Éditions de L’Herne © Philippe Matsas /Leemage
Layout & Typografie: Angelika Kudella, Andrea Lang, Andrea Reffke; Köln
Satz: Angelika Kudella, Köln
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
Agathe Novak-Lechevalier
Profil einer Konstellation
Teil I Vor 1991: Die Anfänge
Michel Houellebecq
Auszug aus der monumentalen Geschichte der nördlichen Zivilisationen – Unveröffentlicht
Pierre Lamalattie
Ein Eremit im Nouveau Palace
Eine Reise nach Venedig
Danielle Laurent
80er-Jahre, rue de Picpus
Vincent Wahl
Ich schreibe dir aus der Picpus
Michel Houellebecq und Pierre-Henri Don
Neue Konfrontation – Unveröffentlicht
Michel Houellebecq
Etwas in mir
Teil II Werdegang des Schriftstellers
HOUELLEBECQ, DICHTER
Michel Houellebecq
Der Intelligenz entsagen
Jérôme Leroy und Dominique Guiou
Über Lebendig bleiben und Suche nach Glück
Michel Houellebecq
Präsenz des Körpers
André Velter
Roter Faden
Michel Houellebecq
Gedichte
Ich bin normal. Ein normaler Schriftsteller.
Michel Houellebecq, Sébastien Lapaque und Luc Richard
»Seit dem Mittelalter ist nichts passiert.« – Interview
Sophie Nauleau und Michel Houellebecq
Houellebecq in der Radiosendung Ça rime à quoi auf France Culture – Interview
HOUELLEBECQS ZEITSCHRIFTEN-VERÖFFENTLICHUNGEN
Russell Williams
Das unbekannte literarische Leben des Michel Houellebecq: 1988 – 1996
Michel Houellebecq
Lauf, Topee, lauf!
Rentrée littéraire bei den Navajo
Die Frage der Pädophilie
Die Feier
Der Konservatismus, Quelle des Fortschritts
2010
Samuel Estier
Der Club der verschwundenen Freunde
HOUELLEBECQ SCHRIFTSTELLER
Eine Auswahl
Zu Ausweitung der Kampfzone
Michel Houellebecq, J.-F. Marchandise, J.-Y. Jouannais und N. Bourriaud
»Ich glaube nicht wirklich an die Freiheit.« – Interview
Julian Barnes
Michel Houellebecq und die Sünde der Verzweiflung
Renaud Monfourny
Legende einer Fotografie
Salman Rushdie
Michel Houellebecq hat das Recht zu schreiben
Michel Houellebecq
Kommentar zu Salman Rushdies Artikel – Unveröffentlicht
Frédéric Beigbeder
Plattform
François Nourissier
Was werde ich am Tag der Goncourt-Abstimmung tun?
Sylvain Bourmeau
Angesichts der Unendlichkeit
Nelly Kaprièlian
Ein Engel aus dem Nichts
Teresa Cremisi und Michel Houellebecq
Korrespondenz – Unveröffentlicht
Alice d’Andigné, Soizic Molkhou, François Samuelson
Rund um den Goncourt
Agathe Novak-Lechevalier
Unterwerfung – Literatur als Widerstand
Bernard Maris
Michels Konversion
Luz
Die Vorhersagen des Magiers – Titelseite Charlie Hebdo, 7. Januar 2015
HOUELLEBECQ INTERNATIONAL
Martin de Haan
Übersetzen, Houellebecq
Sam Lipsyte
Das Muhen des Horntiers
Oliver Jungen
Michel Houellebecq in Köln – mit einer Einleitung von Agnieszka Komorowska
Antonio Scurati
Der neue (entsetzlich prophetische) Roman von Houellebecq – mit einer Einleitung von Francesca Lorandini
Teil III Michel Houellebecq von A bis Z
Michel Houellebecq
Buchstabe für Buchstabe (Kleines houellebecqsches ABC)
Jean-Louis Aubert
Kindheit
Aurélien Bellanger
Houellebecq, ein romantischer Autor
Emmanuèle Bernheim
Auf der Suche nach Glück
Sylvain Bourmeau und Agathe Novak-Lechevalier
Von der Kunst (und den Risiken) der Dispositive – Interview
Emmanuel Carrère
Houellebecq-Workshop in Phuket
Yan Céh
Strahlen sollst du (im Schein der Sonne) O verrückter Diamant
Thomas Clerc
Lebendig geblieben: Michel Houellebecqs antipoetische Poesie
Pierre Cormary
Ecce homo
Maurice G. Dantec
Cosmic Junction
Pierre Dos Santos
Eine Ethik der Kontemplation
Bret Easton Ellis und Michel Houellebecq
»Überall Bilder von perfektem Sex« – Interview
Jacques Henric
Von der einen und der anderen Einsamkeit – Houellebecq gegen Bataille?
Nelly Kaprièlian
Michel interviewen
Bernard-Henri Lévy
Vom richtigen Umgang mit dem Selbstmord
Bernard Maris
Michel Houellebecq, Ökonom
Philippe Muray
In allem das Ende nahen sehen …
Michel Onfray
Die absolute Einzigartigkeit. Spiegel des Nihilismus
Yasmina Reza und Agathe Novak-Lechevalier
Ungezähmt – Interview
Lydie Salvayre und Michel Houellebecq
»Wie kann man sich auf das Nichts stützen?« – Interview
Marin de Viry
Warum Mut?
Marc Weitzmann und Agathe Novak-Lechevalier
Der antimoderne Inrockuptible – Interview
Michel Houellebecq
Sterben
Sterben II
Teil IV Abzweigungen
KINO
Michel Houellebecq
Der verlorene Blick – Lob des Stummfilms
Leerer Himmel
Fata Morgana
Frédéric Mercier
Bewegte Worte
Julia Encke
Szenen aus der Hölle
Guillaume Nicloux
Michel Houellebecq entführen
MUSIK
Iggy Pop
Der Elefant im Raum
Michka Assayas
Underdog
Michel Houellebecq
Neil Young
Leonard Cohen
»Warum habe ich nicht solche Stücke geschrieben?«
Jean-Jacques Birgé
Établissement d’un ciel d’alternance
Gaspard Turin
Présence humaine oder Die andere Seite des Romans
KUNST
Michel Houellebecq und Jean de Loisy
Lebendig bleiben – Interview
Stéphanie Moisdon
Beverly Hills hält nicht, was es verspricht
Francesca Lorandini
Hier ist der Körper
Michel Houellebecq
Ein Heilmittel gegen die Anstrengung des Seins
Teil V Houellebecqsches Kaleidoskop
HOUELLEBECQ, AUS DER ZEIT GEFALLEN
Michel Houellebecq und Agathe Novak-Lechevalier
Bekenntnisse eines Zeitgenossen – Interview
Michel Bourdeau
Le Comte ist gut
Marc Atallah
Die Gegenwart erzählen: Michel Houellebecq und die Science-Fiction
DAS UNBERECHENBARE WERK
Bruno Viard
Die politische und historische Einstellung Houellebecqs
Martin Crowley
Totale Erkenntnis
Raphaël Baroni
Houellebecq – vom Werk zum transmedialen Wesen
»GEBEN SIE MIR MENSCHLICHES MASS«
Christèle Couleau
Human inside
Alain Vaillant
Michel Houellebecq, Genie des absoluten Komischen
Anhang
Mitwirkende
Quellennachweise
Übersetzer
Während das Gemälde ausgestellt war, haben ohnehin nur wenige Menschen den Hintergrund beachtet, da er durch die unglaubliche Ausdruckskraft der Hauptperson völlig in den Schatten gestellt wird. Der Autor, der in dem Augenblick festgehalten worden ist, da er eine vorzunehmende Korrektur auf einer der vor ihm auf dem Arbeitstisch ausgebreiteten Seiten entdeckt hat, scheint sich geradezu in Trance zu befinden, er wirkt wie von unbändiger Wut besessen, die so mancher ohne zu zögern als dämonisch bezeichnet hat. Seine Hand mit dem Korrekturstift, die aufgrund der Bewegung mit einer leichten Unschärfe dargestellt ist, stürzt sich »mit der Geschwindigkeit einer Kobra, die hervorschnellt, um ihre Beute zu erhaschen« auf das Blatt, wie Wong Fu Xin das auf bildhafte Weise ausdrückt, wobei er hier vermutlich das Klischee der Überschwänglichkeit der Metaphern ironisch überhöht, die Autoren aus dem Fernen Osten traditionellerweise zugeschrieben wird (Wong Fu Xin verstand sich vor allem als Dichter, aber seine Gedichte werden heute kaum noch gelesen und sind nicht einmal mehr ohne Weiteres erhältlich, während seine Essays über das Werk von Jed Martin von den Kunsthistorikern als grundlegend angesehen werden. Die Lichtverteilung, sehr viel kontrastreicher als in Martins früheren Gemälden, lässt den Körper des Schriftstellers weitgehend im Schatten und konzentriert sich nur auf den oberen Teil des Gesichts und auf die Hände mit den langen, mageren gekrümmten Fingern, die an die Fänge eines Raubvogels erinnern. Der Gesichtsausdruck wirkte zur damaligen Zeit so seltsam, dass er, wie die Kritiker in jenen Tagen schrieben, keiner existierenden Maltradition zugeordnet werden könne; man müsse ihn schon eher mit einschlägigen Fotos aus ethnographischen Archiven in Verbindung bringen, die bei einer Voodoozeremonie aufgenommen worden sind.
Michel Houellebecq, Karte und Gebiet
Ein verstörendes Porträt (der Persönlichkeit Michel Houellebecq) durch sich selbst (den Romancier Michel Houellebecq) in einem von einem Alter Ego (dem Künstler Jed Martin) gestalteten Bild; ein seltsames, von Schatten überwuchertes Gemälde, das den Schriftsteller so weit deformiert, bis aus ihm ein reines Hirngespinst geworden ist, halb Kobra, halb Raubvogel, ein vom Voodoozauber erweckter »Dämon«; ein offensichtlich ironisches Porträt, das die Unvereinbarkeiten und Spannungspunkte vervielfacht, dessen Humor jedoch kaum die betörende Magie aufzuheben vermag; insgesamt ein unmögliches Porträt, das nicht die Unveränderlichkeit eines Bildes zum Ausdruck bringt, sondern ein bunt gemischtes, sich im Wandel befindliches Phänomen wiedergibt. Und doch ist es ein getreues Porträt: Denn »Houellebecq« (man führt ihn häufig zwischen Anführungszeichen) bezeichnet heute weniger ein konkretes Individuum als vielmehr eine Fiktion, einen Kristallisationspunkt zahlreicher, häufig widersprüchlicher und sich unablässig wandelnder Darstellungen, derer sich die kollektive Vorstellungswelt bedient. Es ist in dieser Hinsicht also kein Zufall, wenn der Autor – von dem Sylvain Bourmeau auf den folgenden Seiten feststellt, er sei ein Schriftsteller des »Dispositivs«1 – zur Inspirationsquelle einer ganzen Generation zeitgenössischer Künstler geworden ist.
Als vielseitiger Schriftsteller erforscht Houellebecq alle Genres: Lyrik, Roman, Essay. Zugleich unternimmt er zahlreiche Ausflüge in Gebiete außerhalb der Literatur: ins Kino, vor und hinter der Kamera, in die Musik – sei es als improvisierender Sänger, sei es, dass seine Texte adaptiert werden (wobei das Spektrum von Iggy Pop bis Jean-Louis Aubert reicht, die beide in diesem Sammelband vertreten sind) – und nicht zuletzt in die bildende Kunst, und auch hier als eigenständiger Künstler und als Objekt der Inspiration.2 Diese Ausbreitung, die einen Sättigungseffekt verursachen könnte (auch dies im musikalischen Sinne – das wäre die rockige Seite von Michel Houellebecq), hat vor allem den Eindruck einer permanenten Allgegenwart zur Folge. Man könnte die Bilder von Mathieu Malouf, der aus dem Schriftsteller eine Art Warhol-Ikone macht, indem er ihn in einer Farbexplosion und in serieller Perspektive darstellt, somit als die Spur des zerspringenden Ichs interpretieren:
Mathieu Malouf, Ohne Titel, 2015
Michel Houellebecq im Plural, nie ganz der Gleiche, nie ganz ein anderer … Sich mit Michel Houellebecq beschäftigen heißt, sich notgedrungen unmittelbar der vielfachen Steigerung seines Forschungsgegenstands gegenüber zu sehen – einer zweifelsohne exemplarischen Steigerung dessen, was im Medienzeitalter aus der Figur des Schriftstellers wird.3 Was wäre also besser, als es in einem Cahier de L’Herne mit der Figur der Hydra selbst aufzunehmen?
Diese Fähigkeit zur Steigerung führt die Allgegenwart womöglich auf ihre Essenz zurück, das heißt auf eine Form der Abwesenheit: Bemüht man sich, eine position von Houellebecq zu bestimmen, sieht man sich schnell gezwungen zuzugeben, dass sie fast immer mit einer ex-position zusammenfällt, die den ursprünglichen Standpunkt destabilisiert und überdeckt. Man ist versucht zu behaupten, dass diese Ausstellung ihrerseits von einem fast fotografischen Phänomen der surexposition [Überbelichtung] ausgelöst wird, als wäre jeder Versuch der Erhellung von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Je mehr man Houellebecq ausleuchtet, umso mehr scheint er sich aufzulösen … Es ist sicher kein Zufall, dass die beiden Filme, deren Hauptfigur er ist, L’Enlèvement de Michel Houellebecq, den uns Guillaume Nicloux vorstellen wird, sowie Near Death Experience von Benoît Delépine und Gustave Kervern, jedes Mal, wenn sie die einzigartige Präsenz von Michel Houellebecq auf der Leinwand zeigen, und das oft in Großaufnahme, zugleich auch sein Verschwinden thematisieren: Auch hier scheint es so, als würde Houellebecq nur deshalb auftauchen, um besser verschwinden zu können.
Wenig überraschend für einen Autor, der sich bereits in seinen ersten Werken im Zeichen des Oxymorons präsentierte: Ganz Dichter, bezeichnete er sich als »lebendiger Selbstmörder«. Seltsame, am existenziellen Prinzip aufgerichtete walking ghost phase. Ist es nicht auch das, was das unten abgedruckte Bild von Ida Tursic und Wilfried Mille aussagt, ein Bild, von dem die Künstler mir freudig berichtet haben: »Das ist unser ›Schläfer im Tal‹«?
Ida Tursic/Wilfried Mille
Michel Houellebecq ist hier nur eingeschlafen; das ganze Bild ausfüllend, scheint er allerdings von der Präsenz erdrückt. Ganz offensichtlich jedoch hält er uns in diesem Porträt erneut eine Form der Vergänglichkeit und eine einzigartige Widerstandskraft entgegen; ganz so, als trüge ihn die Undurchsichtigkeit des Schlafs ins Jenseits, immer und hoffnungslos woanders.
Wie sich also dieser nicht zu greifenden Figur nähern? Um hinter die Leinwand zu gelangen, wird dieser Band alle Azimute in Angriff nehmen.
Erste Möglichkeit: die Vertiefung des Werks. Dies wird hier erreichbar zum einen durch die am Ende des Buches versammelten Untersuchungen zu Houellebecqs wichtigsten Themen, zum anderen durch seine zahlreichen unveröffentlichten und schwer zugänglichen Texte. Dabei findet sich einiges, das die Vielseitigkeit ein weiteres Mal vervielfacht: Michel Houellebecq, der sich in seinen Anfängen als Autor fürs Theater versucht (wer sagt so etwas?); Michel Houellebecq als Vorwortschreiber (für Remy de Gourmont oder den Künstler Marc Lathuillière); Michel Houellebecq als Chronist (von L’Idiot international über Perpendiculaire bis hin zu Les Inrockuptibles und 20 Ans); Michel Houellebecq als Briefschreiber, der Hunderte Mails an seine Verlegerin schreibt, oder als Verfasser eines autobiografischen Textes, dem das Unmögliche gelingt, keinerlei Ambiguität aufkommen zu lassen … Hielt man sein Werk bereits für vielseitig, erkennt man nun, dass es das in noch weit größerem Maße ist, als man bislang glaubte.
Zweite Möglichkeit also: zurückkehren zur Quelle, die Anfänge studieren, die Phase, in der Michel Thomas noch nicht zu Houellebecq geworden war; dem seltsamen Einstieg eines Autors in die literarische Szene nachspüren, den a priori nichts dazu vorherbestimmt hatte, ein solcher zu werden; sich in die Zeit begeben, in der er noch zusammen mit Pierre Lamalattie Agrarwissenschaften studierte, und in die Momente, als er seine ersten Gedichte im Literaturzirkel Échange Poésie in der Stadtteilbibliothek des XII. Arrondissements vortrug. Für einen Augenblick den von seiner eigenen Legende fortgetragenen Schriftsteller auslöschen und auf den harten Kern zielen: den Autor im Alltag entdecken, mit seinen Freuden und Sorgen, wie es die zugleich leidenschaftliche und lustige Korrespondenz mit Teresa Cremisi ermöglicht; den »Michel« hinter dem »Houellebecq« aufspüren, wie es Nelly Kaprièlian oder Guillaume Nicloux tun; wie Jacques Henric auf eine große Einsamkeit unter der Vervielfältigung seiner Figuren verweisen; oder wie Emmanuèle Bernheim unter der Trauer die konstante Suche nach Glück ausfindig machen. Und schließlich in den zahlreichen Berichten seiner Freunde die Zuneigung und Verbundenheit erkennen, die eine Person hervorruft, die, anders als in vielen Darstellungen, außergewöhnlich sensibel und beachtlich konstant zu sein scheint.
Schließlich die dritte Möglichkeit: im Gegensatz dazu sich zum Aufplatzen, zur Vervielfachung der Standpunkte bekennen, den Widerspruch, die Verschiedenartigkeit, die Diversität annehmen. Gar nicht erst versuchen, eine Kohärenz zu konstruieren oder eine eindeutige Sicht auf eine Persönlichkeit festzulegen, die sich doch offenbar derartig widerspenstig gegen das Einspannen vor einen beliebigen Karren wehrt, sondern sich über das Zögern, die Bruchstellen, die aufeinanderfolgenden »Abzweigungen« im Klaren sein, die zum Entstehen und Konfigurieren eines einzigartigen Werdegangs beigetragen haben. In gewisser Weise, wie es dieses Mal Clément Mitéran tut, Houellebecq im Modus eines Fragments und der gebrochenen Linie denken: Houellebecq als Mosaik.
Clément Mitéran, Michel Houellebecq
Die Cahiers de L’Herne, die die Fragmentierung und die Genremischung als Prinzip vertreten, sind der ideale Ort für diesen pluralistischen Ansatz: Sie bieten zweifelsohne damit eines der am besten geeigneten Hilfsmittel, um sowohl das Werk als auch die Person von Michel Houellebecq zu betrachten. Indem dieser Band seltene und bislang unveröffentlichte Texte, wissenschaftliche Aufsätze, Berichte von Wegbegleitern, Schriftstellern, Künstlern, Musikern, Freunden oder Feinden (zwischen diesen beiden Polen erstreckt sich das gesamte Spektrum) zusammenträgt, bietet er nicht nur ein getreues Abbild, sondern auch ein gebrochenes Porträt, eine Bewegung, die sich je nach Perspektive ändert. Die Folge: Dieses Cahier bevorzugt eine Lesart, die quer verläuft und den Blickwinkel öffnet. Ein Beispiel: 1996 präsentierte Michel Houellebecq vor zweihundert Zuschauern im Théâtre du Rond-Point seinen ersten großen Lyrikabend; er trug Gedichte aus Der Sinn des Kampfes vor. Verteilt in diesem Sammelband findet sich nun eine ganze Reihe von Zeugenaussagen über diesen Abend: die des Veranstalters, André Velter; die des Musikers auf der Bühne, Jean-Jacques Birgé; die eines Zuschauers im Saal, Michka Assayas; schließlich die eines Zuhörers der folgenden Übertragung im Radioprogramm von France Culture, Aurélien Bellanger. Es ist nun an der Leserin, diese Echos aufzugreifen und im Wechsel klingen zu lassen, um somit die schwankenden Konturen des für alle Beteiligten prägenden Abends besser fassen zu können: die verblüffte Anerkennung sowohl einer starken Bühnenpräsenz als auch des großen Einflusses eines Werkes.
Es ist sicher eines der größten Paradoxe im Werk Houellebecqs, dass es ihm gelingt, derartige Eingeständnisse hervorzurufen und sich zugleich offenbar all unseren traditionellen Koordinatensystemen zu entziehen. Er ist Autor eines Werkes, das selbst seine Gegner fraglos als anspruchsvoll anerkennen, zugleich aber auch »Bestseller«-Romancier, einer der in Frankreich und im Ausland bestverkauften Autoren; anfangs (nach eigener Aussage zu Unrecht) eher für links gehalten – heute immer wieder in die lange Liste der »neoreaktionären« Schriftsteller aufgenommen; Prix-Goncourt-Preisträger und Preisrichter bei der Tierschutzorganisation 30 Millions d’Amis; Verfasser zahlreicher Texte voller Rückgriffe auf Comte oder Schopenhauer, daneben aber auch auf den Chansonsänger Joe Dassin oder den Comic-Hund Pif; »urkomisch und grauenvoll« (Frédéric Beigbeder); er wird immer wieder als Frankreichs »bedeutendster Zeitgenosse« bezeichnet, dabei stammt der Großteil seiner kulturellen Bezugspunkte aus dem 19. Jahrhundert; er ist islamophob für die einen, islamophil für die anderen; »medienwirksam«, und zwar, weil er so »medienunwirksam« ist (Daniel Schneidermann, zitiert von Julian Barnes): Der (von Yasmina Reza hier so bezeichnete) »ungezähmte« Houellebecq entgleitet unserer Einteilung und versucht mit allen Mitteln, Verwirrung zu stiften. Dennoch ruft sein Werk, wie es viele der hier versammelten Texte belegen, bei seinen Lesern das Gefühl wach, die Welt, in der sie leben, wiederzuerkennen und sich auf gewisse Weise dort wiederzufinden. Es scheint, als hätte die Literatur seit langer Zeit nicht mehr eine solche Wirkung gezeigt. Im 19. Jahrhundert sprach Balzac dem Roman die Funktion zu, die postrevolutionäre Gesellschaft zu entziffern – und für mehrere Lesergenerationen stellte die Die menschliche Komödie (in einem außergewöhnlichen Moment) das Mittel der Aufklärung über die Welt und die Bildung ihrer historischen und sozialen Identität dar. Wie ging es weiter? Der Aufstieg der Presse hat in der Folge diese Aufgabe immer mehr an die Zeitung delegiert. Heute, da uns unsere Gesellschaft wohl ebenso unleserlich erscheint wie den Zeitgenossen zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ihre, zu einem Zeitpunkt, da es uns an Bezugspunkten mangelt und wir zunehmend an der Darstellung der Welt durch die Medien zweifeln, erscheint es nicht unmöglich, dass die Literatur ihre Stellung zurückerobert. So ist es gewiss kein Zufall, wenn man im Zusammenhang mit Michel Houellebecq immer wieder auf Balzac zurückkommt. Was hierbei entscheidend ist, wird zweifelsohne von Emmanuel Carrère auf den Punkt gebracht: Es ist dieser – für uns aus mangelnder Gewohnheit eher verwirrende – Anspruch, mit dem das Werk Houellebecqs eine »totale, eine allgemeingültige Wahrheit« liefern möchte, einen neuen Allgemeinplatz. In Elementarteilchen findet sich ein Auszug aus der Autobiografie des deutschen Physikers Werner Heisenberg: »Der Ausgang des Ersten Weltkrieges hatte die Jugend unseres Landes in Unruhe und Bewegung versetzt. Die Zügel waren den Händen der zutiefst enttäuschten älteren Generation entglitten, und die jungen Menschen sammelten sich in Gruppen, kleineren und größeren Gemeinschaften, um sich einen neuen eigenen Weg zu suchen oder wenigstens einen neuen Kompass zu finden, nach dem man sich richten konnte, da der alte zerbrochen schien.«4 Die Möglichkeit zur Entwicklung dieses neuen Kompasses möchte uns das Werk Houellebecqs liefern – sofern man es sorgfältig liest, anstatt es nur zu karikieren.
Denn die in Houellebecqs Werk angebotenen Bezugspunkte sind weder einzeln stehend noch eindeutig – sie verlangen von den Lesern stets eine intensive Aktivität. Sie erfordern zuallererst die Fähigkeit, sie zueinander in Beziehung zu setzen – denn der Sinn entsteht niemals nur aus dem Wiedererschaffen der Verknüpfungen, genauer: jener Verknüpfungen, die in der von Houellebecq beschriebenen, von der »Entflechtung« geplagten Welt so schmerzlich fehlen. Sein Werk verlangt zudem eine poetische Disposition – denn die Verknüpfungen gelten nicht nur als Zeichen, und sie ergeben nur dann einen Sinn, wenn die Leser ihre eigene Konfiguration, ihre eigene Menschlichkeit hineinprojizieren. Beziehungen knüpfen zwischen den getrennten Punkten, um ein Zeichensystem auf einen unklaren und beunruhigenden Raum zu übertragen, das diesen Raum in eine menschliche Dimension überführt – das ist die Besonderheit der Konstellationen.
Im September 2016 präsentierte das New Yorker Künstlerkollektiv Reena Spaulings in der Pariser Galerie Chantal Crousel eine Ausstellung mit dem Titel Pont du Carrousel, inspiriert von Rainer Maria Rilkes Gedicht »Das Karussell«. Die Ausstellung, die sich das astrologische Deckengemälde in einem der Säle des Palazzo Farnese im italienischen Caprarola zum Vorbild nahm, öffnete sich zu einem an der Decke befestigten »Himmel«, der die Konstellation der Sterne am Abend der Vernissage wiedergab. Hinzu kam eine Reihe von gezeichneten Figuren aus dem Spiel Pokémon Go und ein Porträt Michel Houellebecqs. Pont du Carrousel, so erläuterte es ein Begleittext, »ist eine Ausstellung, die sich und uns in Raum und Zeit verortet, und zwar durch zeitgenössischen Support wie die Malerei«; sie setze die astrologische Projektion, die Zerstreuung des Seins durch die neuen digitalen Anwendungen und die ewige Evolution der Kunst in neue Richtungen zueinander in Beziehung. Ich bin nicht sicher, ob ich die Aussage so verstehe, wie die Künstler von Reena Spaulings sie intendierten, und ganz gewiss verstehe ich sie nicht in ihrem technischen Sinne, aber das Werk enthält für mich die Stärke einer gewissen Faszination in dieser Assoziation: Houellebecq /erweiterte Realität.
Reena Spaulings
Oben rechts wird der geheimnisvolle, ungerührte und aus einem weit entfernten Himmel das Chaos unseres Des-asters betrachtende Houellebecq zu einer Konstellation neben anderen. Als solche hat er die doppelte Funktion, das Formlose zu konfigurieren (so wie die mythologischen Figuren die Dunkelheit des Himmels strukturieren und lesbar machen) und uns die Orientierung zu ermöglichen. Eine Konstellation – das ist in dieser Funktion auch der vorliegende Band selbst, der mit seiner fragmentarischen, aufgebrochenen Darstellung versucht, einen Autor in die intellektuelle, affektive, existenzielle Gemeinschaft, die die seine ist, wieder einzuschreiben; der aber vor allem auch durch seine Leerstellen den Leser zum Träumen, zur Wiederverknüpfung der Beziehungen, zur Erschaffung eigener Konfigurationssysteme ermutigen möchte – um damit ein ganz persönliches Porträt von Michel Houellebecq ins Auge zu fassen.
Ein Cahier de L’Herne ist von Natur aus ein Gemeinschaftswerk. Ich möchte zunächst jenen danken, die auf großzügige Art und Weise ihre Mitwirkung daran zugesagt haben: Es ist unmöglich, sie alle aufzuzählen, das würde nur das Inhaltsverzeichnis wiederholen. Eines der größten Vergnügen, die ich bei der Arbeit an diesem Cahier hatte (und es gab nicht wenige!), war die Begegnung mit derart vielen leidenschaftlichen Menschen. Ich denke auch besonders an jene Verstorbenen, die hier dank der Liebenswürdigkeit ihrer Rechtsnachfolger vertreten sind: Maurice G. Dantec, Pierre-Henri Don, Bernard Maris, Philippe Muray, François Nourissier. Ich möchte auch dem Verlag Éditions Flammarion danken, der uns den Nachdruck einiger Texte von Michel Houellebecq genehmigte, sowie allen Künstlern, die uns die Abbildung ihrer Werke in diesem Band erlaubten: Robert Combas, Gérard Lartigue, Luz, Masbedo, Mathieu Malouf und die Galerie Jenny’s in Los Angeles, Clément Mitéran, Ida Tursic und Wilfried Mille, Reena Spaulings und die Galerie Chantal Crousel in Paris.
Dieses Cahier verdankt den effizienten Mitarbeitern des Verlags Éditions de L’Herne und dem Elan des Drucks von Laurence Tâcu sehr viel. An dieser Stelle sei Elisabeth Lackner, Lucie Lallier und Luisa Palazzo für ihre Hilfe gedankt – ebenso wie Pascale de Langautier, deren Wohlwollen und Geduld ich sehr schätzte.
Ein sehr großer Dank geht auch an alle, die mich bei den Recherchen und der Zusammenstellung der zahlreichen Kontakte unterstützt haben.
Zunächst Teresa Cremisi, die mir nicht nur das Geschenk ihrer Korrespondenz machte, sondern mir dauerhaft half. Danke an Alice d’Andigné und Soizic Molkhou für die Spontaneität, mit der sie mir ihre Unterstützung zusagten.
Ein Dank auch an François Samuelson für seine Rückenstärkung und Hilfestellung bei einigen meiner Recherchen.
Wolfgang Asholt, Agnieszka Komorowska und Francesca Lorandini halfen mir, die Beiträge auszuwählen, deren Sprachen ich nicht spreche: Wie gut, dass sie da waren.
Stéphanie Moisdon wiederum half mir, neue, zeitgenössische Künstler zu entdecken, die sich von Michel Houellebecqs Werk inspirieren ließen. Damit hat sie mir ein fantastisches Forschungsfeld eröffnet – wofür ich ihr ungemein dankbar bin.
Der Verlag Éditions de la Difference, der als Erster Michel Houellebecq in größerem Umfang veröffentlichte, öffnete mir seine Türen und sein Pressearchiv, wodurch ich meine Kenntnisse über Michel Houellebecqs Anfänge als Autor erweitern konnte; genau wie es für die noch weiter zurückliegende Zeit Danielle Laurent, Vincent Wahl und Yvan Keller getan haben.
Ein Dank schließlich auch an die Forscher aus dem Houellebecq-Universum, die für meine Arbeit sehr wichtig waren. Die Freundschaft und Gelehrtheit von Samuel Estier, Martin de Haan, Francesca Lorandini und Russell Williams waren und sind mir sehr wichtig.
Zu guter Letzt: Dieser Band hätte ohne die Hilfe von Michel Houellebecq nicht zustande kommen können. Er gestattete mir freundlicherweise, bislang unveröffentlichte Texte und zahlreiche ikonografische Dokumente aufzunehmen. Das mir entgegengebrachte Vertrauen und die Freiheit, die er mir bei der Arbeit ließ, waren für mich eine große Freude.
Alle Einführungen zu den Texten des Cahier stammen, soweit nicht anders vermerkt, von Agathe Novak-Lechevalier.
1Sylvain Bourmeau untersucht in seinem Essay in diesem Band die Werkskonzeption des Autors; zur Beziehung zwischen Michel Houellebecq und der zeitgenössischen Kunst unter dem Gesichtspunkt seiner »auktorialen Haltung« sei hier auf die Arbeiten von Jérôme Meizoz verwiesen, vor allem auf L’œil sociologue et la littérature, Genf: Slatkin, 2004 (besonders S. 181 – 209), sowie auf den Artikel: »Cendrars, Houellebecq: Portrait photographique et présentation de soi«, in: COnTEXTES online, 14, 2014.
2Ich danke Stéphanie Moisdon, die mir ermöglichte, viele der hier erwähnten Künstler zu entdecken.
3Vgl. dazu beispielsweise folgende Analyse von Jean-François Louette: »Einmal in das Reich der Videosphäre eingetreten, hört der Schriftsteller nicht mehr auf, sich in seinen Doppelgängern zu verkomplizieren, sich um zahlreiche Porträts zu erweitern. Er wird wie Licht aufgespalten … und verschwindet gleichzeitig?«, in: J.-F. Louette und R. Y. Roche [Hrsg.]: Portraits de l’écrivain contemporain, Seyssel: Champ Vallon, 2003, S. 7.
4Michel Houellebecq, Elementarteilchen, Köln: DuMont, 1999, S. 23.
Obere Reihe links u. Mitte:Michel Houellebecq mit seiner Tante; Fotografie, aufgenommen in seiner Schule, 1963Mitte rechts:Im Wald von Dicy, Datum unbekanntUntere Reihe v. links n. rechts:Michel Houellebecq mit seinem Großvater in Dicy, Datum unbekannt; Michel lehnt sich über den Teich im Park von Galland, Algier, Datum unbekannt
Auszug aus der monumentalen Geschichte der nördlichen Zivilisationen ist zweifellos einer der ältesten erhaltenen poetischen Texte von Michel Houellebecq. Obwohl er keine Angaben dazu machen kann, wann genau er den Text verfasst hat, datiert Michel Houellebecq dessen Entstehung auf die Zeit, als er am AgroParisTech studierte bzw. auf die Zeit kurz danach – also Ende der 1970er-Jahre. Er war damals etwas über zwanzig Jahre alt.
Der Text, der sich nach Meinung von Michel Houellebecq zu sehr von seinen anderen Gedichten unterscheidet, um ihn in eine seiner Gedichtsammlungen aufzunehmen, blieb bisher unveröffentlicht. Mit seiner Länge (69 Verse, davon 65 Alexandriner) und seiner heroisch-fantasievollen Stimmung kontrastiert der »Auszug aus der monumentalen Geschichte der nördlichen Zivilisationen« in der Tat mit der Landschaft der bekannten houellebecqschen Gedichte. Dessen ungeachtet kann man darin die antizipative Ader erkennen, die später einige von Michel Houellebecqs Gedichten auszeichnen wird, ebenso wie das Heraufbeschwören erschöpfter und unterjochter Menschen, das Motiv des »letzten Kampfes«, die Vorstellung vom »Ende einer Rasse« … Insbesondere zeichnet sich der Text jedoch durch eine Art Vermischung von Poesie und Erzählung aus und erscheint damit als ein Vorgriff auf die Versuche, mit denen sich Michel Houellebecq später in seinen Romanen beschäftigen wird.
Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass dieses Gedicht in Die Möglichkeit einer Insel wieder auftaucht, demjenigen Roman Houellebecqs, in dem die versuchte Verschmelzung von Prosa und Poesie am weitesten gediehen ist. Als Daniel25, nachdem er seine neo-humane Enklave verlassen hat, über die verschiedenen Stadien der »Verringerung« der Menschheit nachdenkt, erinnert er sich daran, dass diese Geschichte »heute nur wenigen Spezialisten bekannt [ist], die sich im wesentlichen auf die monumentale, dreiundzwanzigbändige Geschichte der nördlichen Zivilisationen von Ravensburger und Dickinson stützen«, die »als Informationsquelle unübertroffen« bleibe, wie er behauptet, obwohl ihr »manchmal mangelnde Sorgfalt beim Recherchieren von Fakten vorgeworfen« worden sei.
Mögen in diesen Versen die Spuren von Michel Houellebecqs leidenschaftlicher Lektüre der gesamten Science-Fiction-Literatur unverkennbar sein, so zeugt die Geschichte der nördlichen Zivilisationen doch unzweifelhaft auch von der Bewunderung des Autors für Lovecraft sowie von der möglichen Versuchung, eines Tages ebenfalls einen »Gründungsmythos« zu verfassen.
***
Ravensburger und Dickinson, Band VI: Das Gleichgewicht der Welt verschiebt sich nach Norden.
Zweiter Teil: Das Ende der Sardoniten. Nach der Chronik von Herold dem Finnen.
Im bleichen Sonnenlicht, das flaches Land umhüllt,
Schien die Rebellion Teil eines Traums zu sein,
Und Rodan gefangen in allertiefstem Schlaf:
»Um acht Uhr heute früh war alles noch ganz ruhig.«
Die Sardoniten, aufgereiht in ihren Panzerwagen,
Bedrohten nun den Weltenraum, ein riesenhafter Stalaktit,
Voll wütender und düsterer Erwartung, Opium
Für die zum ewigen Pogrom verdammten Völker.
Rodan, der Unglücksmensch, schlief sanft im fahlen Licht
Des jungen Tages, der von Osten kam,
Des jungen Tages, der die Kälte trug,
Doch Rodan wusste nicht, was Angst und Kälte war.
Gottgleicher Spross bedeutender Beobachter,
Wog im ZK sein Urteil schwer,
Denn seine Macht war groß im Reich, er
Konnte kurz gesagt für Schrecken sorgen.
Der Angriff war geschickt, entschlossen und fatal.
Doch was passierte in der Tat?
Wir sind der Überzeugung: annähernd nichts.
Im Dunkel taumeln schemenhafte Schatten,
Gedächtnisfetzen, über die die Hunde lachen.
(Bericht des Horsa)
Postiert am Punkt, wo Raum und Zeit sich kreuzen,
Erkenne ich mit kaltem Blick den nahen Sieg des Nichts;
Der Marsch der Todesschar verbreitet Angst und Schrecken,
Und auch im schauerlichen Flug des Lämmergeiers
Erblicken irre Sternendeuter das Symbol
Des dritten Untergangs: den Untergang des Wortes.
Die Nacht umhüllt das große Eisenhüttenwerk;
Die Werkarbeiter streifen ihre Hüllen ab,
Begeben sich ganz matt zu ihrem Autobus,
Der sie am Abend heim- und morgens wiederbringt.
Erschöpfte Menschenschlangen schreiten stumm voran;
Nicht eine Stimme stört den immergleichen Takt,
Das Holz der Sohlen schlägt auf harten Grund aus Stahl.
Urplötzlich schreit ein Mann mit hagerem Gesicht,
Dem Himmel zugewandt, und hundert Blicke schrecken auf,
Wachsam, zögernd, wagen nicht, auf Wunder zu vertrauen …
Die Stahlwand, die das Heiligtum bewahrt,
Scheint rissig und sich in den Himmel hoch zu schwingen.
Ein Lied ertönt, verebbt, um klar vernehmbar wieder zu erklingen
Wie ein lauter Hoffnungsschrei, der die Erde erhellt.
Die Kontur der Stickstoffwolken wirkt verschwommen,
Dreht lautlos ihre Kreise wie ein Wirbeltrichter.
Hernach umhüllen zähe Dämpfe die weite Ebene
Und werden scheinbar immer dichter …
Ein Riss tut sich nun auf im weiten Himmelsraum,
Es bricht hervor das helle Licht der weißen Glut,
Hart wie ein Diamant, der jeden Stein leicht bricht.
Die Menschen klammern sich an ihrer Erde fest,
Erkennen sie doch ganz genau, dass in dem irren
Wirbel dichten Rauchs ihr Schicksal eingeschrieben ist.
(Nach dem Fall von Isranalabad ziehen sich die malachitischen Armeen ungeordnet in die Hauptstadt zurück. Da die gepanzerten Legionen Wald Erikssons sie von hinten angreifen, müssen sie sich dem Kampf stellen.)
Ein dichter blauer Dampf stieg in die Wolken auf.
Ersticktes Wehgeschrei erfüllte die Gewitterluft.
Als Folge dieser Kraft erbebten alle Leiber,
Und so marschierten wir zum Ort, wo es zu kämpfen galt.
Metallisch harter Klang modernster Feuerwaffen
Durchdrang den weiten Raum mit wildem Dröhnen.
(Verlorenes Fragment)
Der letzte Kampf der Menschen aus der Ebene
Fand statt im fahlen Licht des Erdtrabanten.
Majestätisch eisbedeckte Gipfel aus Kristall
Gemahnten fortan an das Ende eines Volkes.
Die drei Inseln ganz im Norden sind blockiert vom Eis;
Selbst klügste Lehren weichen voneinander ab;
Ein See sei eingestürzt, wird oft und gern gesagt,
Und tote Kontinente danach aufgetaucht.
Obskure Astrologen durchwandern unsere Provinzen,
Verkünden laut: Der alte Gott kehrt bald zurück;
Beschwingt besingen sie Alpha Centauris Glanz,
Geloben, dem Geschlecht der Fürsten treu zu sein.
(Die meisten Historiker bestätigen die Echtheit dieser Botschaft und halten es für erwiesen, dass der Kaiser von China Selbstmord beging, nachdem er sie erhalten hatte.
Battenburg jedoch vertritt eine andere Theorie. Seiner Meinung nach handelt es sich um einen einfachen sprachlichen Verdunkelungsversuch von Leiber-Jones, der dem Zweck dient, sein Eingreifen im Abschnitt von Fomalhaut zu verschleiern.)
Es war Anfang September 1975, als ich Gepäck ins Auto meiner Eltern lud, um zum Campus in Grignon aufzubrechen. Kurz zuvor hatte ich meine Zulassung für das Studium der Agrarwissenschaften erhalten, für das »Agro«, wie wir sagten, und das erste Jahr des Ingenieurstudiengangs verbrachte man in Grignon, inmitten von Wäldern und Feldern, vierzig Kilometer vor Paris. Kurz bevor ich den Kofferraumdeckel zudrückte, fiel mir Michel ein. Er wohnte in unserer Straße, zehn Häuser entfernt. Ich schlug ihm vor, bei mir mitzufahren. Er nahm das Angebot an. Um sein Gepäck wolle er sich später kümmern, er war kein komplizierter Typ.
Wir beide hatten zuvor Vorbereitungskurse für Agronomie belegt, im Pariser Lycée Chaptal, allerdings in unterschiedlichen Klassen. Michel war weder durch seine Familie noch durch persönliche Vorlieben zur Agrarwissenschaft gedrängt worden. Er hatte sich schlicht mechanisch eingeschrieben. Die Kurse in Chaptal waren wenig aufsehenerregend, und ich erinnere mich vor allem an riesige Pissoirs im neobyzantinischen Stil, an denen ich häufig erstaunt vorüberging. Michel trug stets einen grünen Parka und schien sich dabei von den Wetterumständen wenig beeindrucken zu lassen. In der Schule hatte er keinerlei Schwierigkeiten. So verlief unser beider Leben trostlos, aber ruhig. Michel war brav. Er bewarb sich um einen Studienplatz an der École Normale Supérieure (ENS) und im Bereich Agrarwissenschaften. Mit einem Studium an der ENS hätte er eine vielversprechende Karriere beginnen können, und seine Lehrer freuten sich bereits, schließlich war ein solcher Erfolg in Chaptal nicht alltäglich. Doch dann verweigerte Michel erstaunlicherweise die mündliche Prüfung. Die Erklärung, die man zu hören bekam, lautete, dass »die Prüfungen mit Geologie beginnen«. Und Geologie missfiel ihm wohl. Die mündliche Prüfung in Agrarwissenschaften bereitete ihm keine Mühe.
In Grignon angekommen, wurden wir im neuesten Gebäudeteil des Campus untergebracht, den die Verwaltung »Nouveau Palace« nannte. Eine solide Konstruktion, ganz im Stil der génie rural. Michels Zimmer befand sich am Ende des Gangs, drei Nummern von meinem entfernt.
Im Mittelpunkt des ersten Studienjahrs stand ein langes, über mehrere Jahreszeiten verteiltes Praktikum in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Michel hatte eine Aversion gegen derlei Projekte, länger als ein paar Tage hielt er es an keinem der Orte aus. Sein Praktikumsbericht bekam dennoch eine der besten Beurteilungen des Jahrgangs: Der Gutachter lobte Michels Beobachtungsgabe sowie methodische Strenge. Die Dozenten der Agrarwissenschaften, die sich an der Lektüre von Gaston Bachelard berauschten, hatten nämlich einen dicken Sammelband zu diesem Wissenschaftstheoretiker herausgegeben, der uns anregen sollte, die Abschlussarbeit zum Praktikum zu bachelardisieren. Michel gehörte zu den wenigen, die dieses seltsame Buch tatsächlich lasen und Spaß dabei hatten. Er zog die Sprachelemente daraus heran und verarbeitete sie zu einer gut gemachten, als Abschlussbericht getarnten Spinnerei.
Michel zeigte keine Begeisterung für sein Studienfach, allerdings hin und wieder ein lebhaftes Interesse an bestimmten wissenschaftlichen Fragen. So entwickelte sich seine Leidenschaft für die mathematische Katastrophentheorie und fraktale Geometrie. Ich erinnere mich an einen Abend mit ihm, den wir bei meinen Großeltern in Limousin vor dem Fernseher verbrachten. Einer der Väter der Katastrophentheorie, René Thom, sprang in der Sendung vor einer Tafel herum, die er mit einer Sturzflut an Gleichungen bedeckte, wobei knirschende Kreide besonders wichtige Abschnitte betonte. Ein großer TV-Moment im Dienste der öffentlichen Bildung. Meine Großeltern mochten Michel gern und legten ihm bei der Auswahl des Abendprogramms keine Steine in den Weg, schliefen dann aber augenblicklich ein. Er schien glücklich.
Man möchte glauben, dass unter den Unterrichtsfächern die Ökologie sein liebstes war. Und tatsächlich verhalf ihm diese im ersten Jahr zu seinen besten Noten. Im dritten Jahr spezialisierte er sich auf dieses Fach. Und doch war Michel, so wie ich ihn kenne, alles andere als ein »Öko«. Denn in Wirklichkeit ist die Ökologie, wenn man sich ernsthaft mit ihr beschäftigt, deutlich weniger unterhaltsam, als man vermuten mag. Man muss beispielsweise über Monate hinweg mit einem Messschieber in der Hand durch den Ozean tauchen, um Statistiken über das Wachstum von Seeohren zu erstellen, oder inmitten eines Blizzards das Vorbeiziehen hypothetischer Steinböcke abwarten. Das war nicht seine Art. Wenn er der Ökologie den Vorzug gegeben hat, dann vermutlich aus anderen Gründen, womöglich aufgrund einer Vorliebe für gewisse Dozenten oder der Stimmung in diesem Studiengang.
Das Studium der Agrarwissenschaft stellte weder Michel noch einen von uns anderen vor Schwierigkeiten. Wer einmal an der Ingenieurschule aufgenommen worden war, konnte mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, auch sein Diplom zu bekommen, sodass die Unterrichtsinhalte beinahe wie eine Nebentätigkeit wirkten. Man musste sich noch andere Beschäftigungen suchen.
Mit 19 gibt es da vor allem eine Sache: flirten. Allerdings stellte sich dies in einer Studentenschaft mit weniger als zehn Prozent Mädchen als ermüdende Aktivität heraus, vor allem für schüchterne Jungs, wie wir es waren, frisch von der Schule. Zudem war die Mehrzahl der Frauen, Pionierinnen in einer traditionell männlichen Umgebung, energisch und pragmatisch, kurz: Feministinnen. Für uns war es bereits schwer hinzunehmen, dass es derart viele Männer der Tat gab. Und dass nun auch die Frauen solche der Tat sein wollten, war für uns ein wenig deprimierend.
Wir haben dennoch von einigen Mädchen geträumt. Und während es wahrscheinlich so war, dass diese nie das Reich der Träume verlassen würden, ergab sich für uns daraus ein zusätzliches Gesprächsthema. Denn das Wichtigste überhaupt in diesem Studienjahr waren unsere Diskussionen. Ich traf mich häufig mit Michel und jenem anderen Freund, Gérard. Diskutierend machten wir uns auf den Weg zum Vorlesungssaal oder zur Kantine. Auf dem Rückweg hielten wir es ebenso, und auch in den folgenden Tagen. Das Reden hörte einfach nie auf.
Die Gespräche mit Michel bestanden von seiner Seite aus vor allem aus Schweigen, hin und wieder von einem »Hm?« oder einem »Ja!« unterbrochen. Manchmal entwischte ihm ein Glucksen. Ein paar wohlgesetzte Worte genügten ihm, um mit Unschuldsmiene den Diskurs seiner Gesprächspartner rissig werden zu lassen. Doch im Gegensatz zu den meisten Menschen, die bloße Standardphrasen in ein Gespräch einwerfen, dachte Michel beim Reden nach. Was den Austausch mit ihm so interessant machte. Allerdings verlangsamte dies seinen Redefluss erheblich, zuweilen so weit, dass er etwas seltsam wirkte. Seine Lippen nahmen zeitweise eine asymmetrische Form an, wenn er angestrengt nachdachte. Manche schalteten in diesen Momenten ab, ich jedoch liebte die vertrauensvollen Gespräche mit ihm in all den Jahren.
Michel war fast unaufhörlich in einem offenbar passiven Zustand, in dem er sich selbst vergaß und unbewusst beobachtete. Er zeigte keinerlei Interesse an sich selbst. Im Schauspiel der anderen hingegen fand er auf natürlichste Weise seine Unterhaltung. Ganz aus Gewohnheit und ohne Böswilligkeit sah er ihnen zu. Umgeben von fast zweihundert Studenten und ebenso vielen Dozenten hatten wir gewissermaßen eine Auswahl aller Menschentypen und aller denkbaren Lebensentwürfe in unmittelbarer Reichweite. Das Problem bestand nur darin, dass all unsere Vorstellungen diesen diametral entgegenstanden.
Die meisten Studenten waren »engagiert«, das heißt links, allerdings mit einer erstaunlichen Meinungsvielfalt. Es war die Zeit, in der unsere Dozenten als Propheten in die Dritte Welt eingeladen wurden. Nach ihrer Rückkehr ließen sie uns an ihrer Begeisterung für die chinesische Kulturrevolution teilhaben, für die erneuerte Demokratie in Laos, für Kuba et cetera. Tatsächlich war niemand am Agro stolz darauf, sieben Jahre lang unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing zu leben. Letzterer beging übrigens in aller Heimlichkeit die Gedenkfeier zum 150. Gründungstag der Schule, die man in den Sommer gelegt hatte, als kein Schüler anwesend war. Wir stellten dem Streben nach Produktivität in Frankreich das »Leben auf dem Lande« entgegen, sprachen uns nach dem Vorbild Pekings für das Radfahren in Paris aus und zögerten auch nicht, hier und da eine Agrarreform vorzuschreiben, mit anderen Worten: eine Revolution. Der stets in ein rotes Polohemd gekleidete René Dumont füllte die Hörsäle, und nie wurde vergessen, ihm sein berühmtes Glas Wasser zu reichen.
Vieles davon hätte auch Michel in Richtung linkes Engagement führen können. Er jedoch nahm kaum an den Debatten teil. Ich glaube, die politischen Diskussionen langweilten ihn. Was ihn daran anstrengte, waren höchstwahrscheinlich weniger die politischen Ideen als solche denn vielmehr der repetitive Charakter der Diskussionen, die um diese Ideen geführt wurden. Michel ging als apolitisch durch, das heißt als Rechter. Zu Unrecht, denn ich glaube, dass er, würde er auf einer einsamen Insel leben, ohne irgendeinen Aktivisten in seiner Nähe, wohl eher links wäre.
Die Christen waren damals noch zahlreich genug, um Abendandachten, Diskussionsrunden und Wochenendausflüge zu organisieren, häufig gitarrenunterstützt. Zweifellos wäre Michel zufrieden gewesen, hätte er erste Ansätze eines Glaubens in sich gespürt. Viele Aspekte seiner Persönlichkeit rückten ihn in die Nähe christlicher Traditionen. Doch den Glauben kann man nicht befehlen, schon gar nicht einem Rationalisten. Er hätte vielleicht das für die Christen sein können, was man zur Zeit der kommunistischen Partei einen »Weggefährten« nannte. Jemand, der sie wertschätzt, mit ihnen Umgang pflegt und an ihren Aktivitäten teilnimmt. Doch auch dazu kam es nicht wirklich. Michel stand den Katholiken nicht sehr nahe, und das aus ganz ähnlichen Gründen, aus denen er sich von den linken Studenten fernhielt: Er langweilte sich in ihrer Gegenwart, ihre Formulierungen erschienen ihm unehrlich. Für die meisten jungen Christen in unserem Jahrgang waren zudem ihr Seelenheil und die Präsenz des Göttlichen kaum von Belang. Sie wandten sich den in der Dritten und Vierten Welt zu vollbringenden guten Taten zu. Und Michel fühlte sich vermutlich nicht zu dieser modernen Kirche hingezogen, die am Ende des Tages beinahe einer NGO glich.
Auch mit der dritten wichtigen Gruppe an der Schule verband ihn nichts: mit all jenen, für die das Wort »Unternehmen« positiv besetzt war. Die meisten von ihnen betätigten sich in der Junior-Firma. Ihnen ging es darum, Kontakte mit Berufstätigen zu knüpfen, um erste kleine Aufträge zu ergattern, und darum, sich bei späteren Arbeitgebern bemerkbar zu machen. Das war zu einer Zeit, als man noch an die »Expansion« glaubte. Wer »Ingenieur« sagte, meinte Modernität und Wachstum. Man entwickelte Stallboxen aus verzinktem Stahl für Mutterschweine, die übrigens deutlich ansprechender aussahen als der Flaschentrockner von Marcel Duchamp.
Ich glaube, Michel ahnte vage, dass sein Leben kaum mit einem Unternehmen in Einklang zu bringen sein würde. Wobei sich diese Frage zunächst auch gar nicht stellte. Die Moderne wurde für ihn in Grignon durch das neue Einkaufszentrum Auchan verkörpert, in dem er gern spazieren ging. Ich glaube, er kaufte nicht besonders viel, genoss dafür aber die Stimmung dort. Manchmal summte er die Werbesprüche vor sich hin, etwa: »Auchan, das Leben, das echte«.
Die Sportler bildeten nur deshalb nicht eine gesonderte vierte Gruppe, da ohnehin fast jeder dazugehörte. Meines Wissens jedoch hat Michel niemals einen Sport ausgeübt. Das war ihm zu anstrengend, denke ich, und zwar nicht nur die körperliche Betätigung, sondern vor allem auch der Sportsgeist. Im ersten Jahr die Note »Sechs«, und in den folgenden Jahren wurde der Unterricht gar nicht mehr benotet. Bei mir lag die Sache ähnlich. Damals war Sport als Pflichtfach noch auf die Militärschulen beschränkt, weshalb eine Sechs auch nicht zum Sitzenbleiben führte.
So hob sich Michel von seinen Mitschülern im Jahrgang insgesamt ein wenig ab. Doch das Studentenleben war dennoch eher angenehm. Ich erinnere mich, wie er mir eines Tages einen Comic von Philippe Druillet gab. Er hegte offensichtlich Sympathien für den Helden des Bands, Lone Sloane, einen intergalaktischen Reisenden, losgelöst von den Welten, die er durchquerte, und an seinem eigenen Schicksal wenig interessiert. Michels Geisteshaltung ging ganz sicher in Richtung jener von Lone Sloane. Und recht bald begannen wir mit künstlerischen und schriftstellerischen Aktivitäten, was uns weit mehr interessierte als die Agrarwissenschaft.
Michel gehörte zu den Gründern einer kurzlebigen literarischen Zeitschrift, die im DIN-A5-Format veröffentlicht wurde. Vier oder fünf Studenten lieferten Beiträge, vor allem Gérard. Ich selbst fertigte einige Zeichnungen und kurze Texte an. Der bescheidene Titel der Zeitschrift lautete Karamazov und spiegelte die Leidenschaft für Dostojewski wider, die viele von uns verspürten. Unsere Faszination für diesen Autor war übrigens während des Bewerbungsverfahrens für das Agro einige Monate zuvor stark auf die Probe gestellt worden: Für die »Inhaltsangabe auf Grundlage eines Textauszugs« gab man uns ein ganzes Kapitel aus Die Brüder Karamasow, das wir zusammenfassen sollten. Was natürlich unmöglich war und allen sehr schlechte Noten einbrachte. Für unsere Zeitschrift schrieb Michel unter verschiedenen Pseudonymen, um die Idee einer zusammenhängenden Bewegung glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Einer seiner verwendeten Namen gefiel mir besonders: Dorian De Smythe-Winter. Damit unterschrieb er ein sehr schönes Gedicht, das der »Überweidung der Weißblauen Belgier«, also einer Rinderrasse, gewidmet war.
Zur gleichen Zeit machte sich Michel an den Dreh eines Films mit dem Titel Cristal de souffrance (»Leidenskristall«), der sich auf hypothetische Ergebnisse des Satzes von Bolzano-Weierstraß bezog. Lange Zeit strebten bei Michel die Empfindsamkeit und der Ehrgeiz eher in künstlerische denn in literarische Richtung – und womöglich ist das auch heute noch so. Seine bevorzugte Kunstform war das Kino. Er steckte enorme Energie in dieses Filmprojekt, was sehr ungewöhnlich für ihn war. Ich kann mich nicht mehr recht an das Drehbuch erinnern, auch wenn ich einen verrückten Maler darstellen durfte, was nicht die undankbarste Rolle war. Die weibliche Hauptfigur, ebenfalls eine Freiwillige, sollte knapp bekleidet im winterlichen Park von Grignon hin und her laufen und anschließend sogar ins eisige Meer der Normandie steigen. Beim Dreh erlebten wir einige sehr schöne Momente zusammen, vor allem als wir in Bayeux bei der Familie eines unserer Freunde aufgenommen wurden. Der ansonsten sehr ruhige Michel verwandelte sich dabei in einen umherwirbelnden Filmemacher.
An einem Wochenende, an dem ich nicht da war, verfassten Michel, Gérard und Thierry, ein weiterer Freund, ein kurzes Buch nach dem Vorbild des Wörterbuchs der Gemeinplätze von Gustave Flaubert. Es war ein Handbuch zu den wichtigsten öffentlichen Orten, die man aufsuchen musste, um sich gut in das Agro zu integrieren – eine beißende Satire auf die Kultur der Neu-Achtundsechziger. Ich lese sie noch heute mit dem gleichen Vergnügen wie damals. Freundlicherweise wurde das Skript in der Größe einer Viertelseite vom Rektor des Agro vervielfältigt, einem gewissen François Marchon. Im Büchlein fand sich übrigens unter dem Buchstaben »M« ein Eintrag »Marchon«: »Sagt man Schlechtes über ihn, wird einem sicher nicht widersprochen.«
Eines Tages – wir fingen gerade Flusskrebse in der Corrèze – fragte ich Michel, was das Schlimmste für ihn sei. Ohne zu zögern, antwortete er: »Die Einsamkeit!« Ich war sehr überrascht, dachte ich doch, gerade die Einsamkeit sei sein Element. Tatsächlich suchte und fürchtete er sie zugleich.
Michels Zimmer in Grignon, und auch das spätere in Paris, lag beständig im Halbdunkel und wirkte wie eine Art Zelle. Man erkannte keinen deutlichen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Übrigens konnte man ihn jederzeit besuchen, er war immer freundlich und ansprechbar. Auch schien er kein Bedürfnis zu verspüren, seine Mahlzeiten zu bestimmten Zeiten einzunehmen: Er aß, wann immer er Hunger hatte, Brot, Senf und Camembert. Ich habe viele Bilder im Kopf von Michel, wie er Käse isst. Das hatte immer etwas Zähflüssiges, etwas Symbiotisches und fast Erotisches. Er liebte zudem Whisky und selbstgedrehte Zigaretten. Weder hatte er das Bedürfnis, schöne Dinge um sich zu versammeln, noch jenes, seine liebsten Bücher für sich zu behalten. Damals war er noch nicht mit der Welt der Hunde vertraut, weshalb er, anders als Schopenhauer, sein Zimmer auch nicht mit Bildern von Hunden schmückte. Als freundliche Repräsentation der Bestialität heftete er Poster der unterschiedlichsten Persönlichkeiten an seine Wände, von Iggy Pop bis Jacques Chirac.
Ferien in Griechenland. Undatiert
Während der Weihnachtsferien in unserem ersten Jahr blieb Michel allein in Grignon zurück. Es war traurig, ihn so zurückzulassen. Die Kantine war geschlossen. Alles war geschlossen. Also kaufte er sich einen Vorrat seiner Lieblingskäse im Auchan. Mit diesem Vorrat gelang es ihm, sogar die härteste Winterzeit zu überstehen. Er hatte auch Bücher gekauft. Man könnte sagen, er war eine Art Eremit, der sein gesamtes Leben damit verbringen konnte, zu lesen und Camembert zu essen.
Im Zentrum von Pierre Lamalatties Roman 121 curriculum vitae pour un tombeau (»121 Lebensläufe für ein Grab«) steht Jonas, eine Figur, von der der Autor selbst sagt, sie sei direkt von Michel Houellebecq inspiriert.
***
Bei einem der letzten Male [meiner Treffen mit Jonas] fuhren wir mit dem Fernbus nach Venedig. Wir waren ziemlich blank, und er hatte diese wirklich günstige Reisemöglichkeit aufgespürt. Bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir am Place Denfert-Rochereau zu. Vorn im Bus hing ein Fernseher von der Decke, und ab der Porte d’Italie lief ein Film. Alle wünschten es sich absolut dunkel, um den Film schauen zu können, doch es war nichts zu machen. Jonas hatte sich etwas zu lesen mitgenommen und ließ an seinem Platz, mitten im Bus, das Licht brennen. Ich bin nicht sicher, ob er bemerkte, dass er sich damit die Verärgerung aller anderen zuzog. Nach 23 Stunden Busfahrt kamen wir schließlich in einem billigen Hotel auf dem Festland an, anderthalb Busstunden von Venedig entfernt. […]
Am letzten Tag, gegen 17 Uhr auf dem Markusplatz, wies ich Jonas darauf hin, dass wir zurückmüssten. Die Abfahrt nach Paris sollte um 19 Uhr sein. Er befand sich in einem halb komatösen Zustand, wobei ich nicht wusste, ob es der Markusplatz war, der ihn in diesen Zustand versetzt hatte, oder ob ihm schlicht die Verdauung Probleme bereitete. Es war nichts zu machen, ich musste alleine los. Am Treffpunkt angekommen, hatten die Reisenden bereits ihr Gepäck rund um den Bus gestapelt. Um 19 Uhr saßen alle im Bus – außer Jonas. Wir dachten, es würde sich nur um Minuten handeln. Jedes Mal, wenn ein Bus aus der Gegenrichtung, aus Venedig kam, wurden Hälse gereckt. Der Bus hielt an einer Haltestelle auf der anderen Straßenseite, und man musste warten, bis er wieder abfuhr, um erkennen zu können, ob jemand ausgestiegen war. Beim ersten Bus waren es Frauen mit Körben. Beim zweiten eine Gruppe Jugendlicher. Dann hieß es zwanzig Minuten warten, bis ein dritter Bus auftauchte, der jedoch nicht anhielt. Ich fing an, mich für Jonas einzusetzen. Gegen 20 Uhr erklärte der Fahrer, er werde noch zehn Minuten warten, nicht länger. Kurz darauf erschien ein vierter Bus. Er hielt kurz an und setzte dann seine Fahrt fort. Jonas war tatsächlich ausgestiegen. Alle dachten, er würde nun, so schnell er konnte, zu uns herübereilen und sich entschuldigen. Aber nein! Er blieb, wo er war, und stand im Bushäuschen. Man erkannte, dass er sich eine Zigarette drehte und versuchte, sie anzuzünden. Doch es war windig, weshalb er es mehrfach probieren musste. Schließlich überquerte er ruhig die Straße, zog an seiner Zigarette und kam zum Bus. Er trat die Kippe aus und stieg ein. Die Stimmung war extrem gereizt. Er setzte sich neben mich und schlug eine Frauenzeitschrift auf, die er in der Stadt gekauft hatte.
Nach Ninon de Lenclos, General de Lafayette, Georges Simenon und Patrick Modiano tauchte eine noch überraschendere Berühmtheit in dieser langen, diskreten und von kirchlichen und schulischen Gebäuden geprägten Straße des XII. Arrondissements auf. In der Nummer 70 der rue de Picpus präsentierte die Gemeindebibliothek in ihrem hundert Plätze umfassenden Auditorium kleine Ausstellungen, die die Bibliothekarinnen zu den unterschiedlichsten Themen ausgebrütet hatten, und lud der für die Bücherei zuständige Konservator zu verschiedenen Kulturveranstaltungen ein (Konzerte, Lesungen, Filmabende). In diesem Rahmen gründete sich eine Gruppe von Hobby-Autoren, um sich in der Bibliothek aus ihren Werken vorzulesen. Als 1984, nach zehn Jahren regelmäßiger Treffen, nur noch drei Mitstreiter beisammensaßen, beschlossen die Autoren, ihr einfach gehaltenes Angebot stärker bekannt zu machen. Man verfasste einen Text, verteilte ihn an passenden Orten, und rasch erschien rund ein Dutzend Autoren zu den nächsten Treffen. Einmal pro Monat versammelte man sich kurz vor Schließung der Bibliothek und verbrachte dann gut zwei Stunden miteinander. Kam jemand zum ersten Mal, versicherte ich dem Neuankömmling, dass hier kein Stil bevorzugt werde, dass kein Grüppchen den Vorrang bekomme. Ich selbst schrieb nicht und wollte auch keinen Einfluss auf die Auswahl oder das Genre der gelesenen Texte ausüben. Wir stellten Stühle im Auditorium im Kreis auf, und der Abend begann … Der Wunsch, gehört zu werden, überwand jegliche Schüchternheit. Ich erinnere mich gern, wie aufmerksam wir einander zuhörten und dass es sehr unterschiedliche Texte zu entdecken gab, die sich mal ergänzten, mal widersprachen.
In diesem Rahmen schloss sich uns Michel Thomas an – der damals noch nicht den Namen Michel Houellebecq trug. Ich weiß noch, dass eines der Projekte, die Michel am Herzen lagen, abgesehen von seinen Gedichten, die Mitarbeit an populärwissenschaftlichen Sendungen war, die er mit Marie-Odile Monchicourt für France Inter umsetzte … Schnell sorgten die Einzigartigkeit und Kraft der von Michel vorgetragenen Texte für eine Reaktion bei den anderen Teilnehmern. Der Gebrauch des Alexandriners zur Beschreibung von Gewalt in der Stadt war bestechend. Die Desillusionierung oder auch Misanthropie, mit denen die Texte seine Mitmenschen bedachten, sowie die Melancholie der Situationen ließen die Zuhörer aufmerksam werden, und man hielt ihn bald für revolutionär, nur um ihn kurz darauf als »reaktionär« zu bezeichnen. Um diese Treffen für die Nachwelt zu bewahren, wollten die Teilnehmer ihre Texte veröffentlichen, weshalb sie die Zeitschrift Échange Poésie aus der Taufe hoben. Zwischen 1985 und 1991 erschienen 13 Ausgaben. Die Textauswahl wurde gemeinsam getroffen, und Michel war damit einverstanden, dass einige seiner Texte dort abgedruckt wurden.
Einer seiner Beiträge durfte in unserer bescheidenen Zeitschrift allerdings nicht erscheinen: Die Leitung des Kulturamts der Stadt Paris besaß das Recht, die Texte vorab einzusehen, und zeigte sich wenig begeistert von der letzten Zeile des Gedichts »Für eine idealistische Problematik«, die folgendermaßen lautete: »Wir erwarten voller Ungeduld den Einmarsch der Sowjetunion«.
Besagte Leitung der Kulturabteilung wusste nicht – und weiß es übrigens bis heute nicht –, dass sie den zukünftigen Michel Houellebecq zensierte.
Wir sind recht stolz darauf, einen Autor in unseren Reihen begrüßt und veröffentlicht zu haben – wenn auch in kleiner Auflage –, der später eine derart prominente Laufbahn eingeschlagen hat. Die Wellen, die heute jede seiner Veröffentlichungen schlägt, stehen in starkem Kontrast zu meinen Erinnerungen an den jungen Schriftsteller, der in unserem Kreise saß: bescheidenes Auftreten, zurückhaltendes Benehmen, Allerweltsanzug, halblaute Stimme, die nicht weit trug … Michel antwortete seinen Gesprächspartnern wohlüberlegt und versuchte nicht, jene, die ihm widersprachen, von seinem eigenen Standpunkt zu überzeugen. Im Grunde bin ich mir nicht sicher, ob er sich seitdem so sehr geändert hat.
Lieber Michel,
es fällt mir nicht leicht, gedanklich in jene vier Jahre zurückzukehren, in denen wir gemeinsam die Gruppe Échange Poésie besuchten und uns dabei acht bis neun Mal im Jahr in der Bibliothek Picpus im XII. Arrondissement trafen. Mein erstes Gefühl sagt mir, dass ich nur wenige Erinnerungen an diese Zusammenkünfte bewahrt habe. Ich erinnere mich deutlich besser an unsere Treffen außerhalb der Gruppe, und du bleibst für mich vor allem derjenige, der mich mit Die Nacht des Jägers bekannt machte und dessen Lovecraft-Essay mir die Welt der Fantasy-Literatur eröffnete. Allerdings führte ich damals regelmäßig ein Notizbuch: Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit schaue ich heute hinein, und ich bin froh, mich wieder in eine vernachlässigte Zeit zurückversetzen und ermessen zu können, wie teuer sie mir doch war.
Meine Notizen enttäuschen mich jedoch: Voller Lücken bilden sie keine Chronik jener Treffen, die mir hätte verständlich machen können, was damals geschah, und mir die Fragen hätte beantworten können, die ich mir heute stelle. Sie sind eher wutschnaubend – nichts von einem »Liebes Tagebuch«, sondern vielmehr eilig hingeworfene Worte. Übrigens tauchst du in den Bemerkungen, die ich auf der Rückfahrt von Échange Poésie verfasste (es lebe die Metro!), nur sehr selten auf. Ich werde weiter unten versuchen zu erklären, weshalb du in meinen Notizen zur Gruppe fast nie vertreten bist. Zunächst jedoch will ich mich von meinen Aufzeichnungen ab- und meinen Neuronen zuwenden, denn du nimmst in meinen allerersten Erinnerungen an Échange Poésie einen großen Platz ein. Dann werde ich aus meinen Notizen berichten, sowohl über unsere Begegnungen und Gespräche außerhalb der Gruppe als auch über das, was sie bezüglich Échange Poésie mitteilen. Durch die Subjektivität, die das Verfassen dieser Notizen leitete, lässt sich womöglich etwas aussagen über das, was diese Treffen für mich, für dich, für alle anderen darstellten.
Ich weiß nicht mehr, auf welchem Wege ich von der Gruppe erfahren habe, womöglich über einen Zeitschriftenverleger – oder die Bibliothek des XIV. Arrondissements. Échange Poésie war zu diesem Zeitpunkt zweifellos einmalig in Paris. Keine öffentliche Lesung im engeren Sinne, keine Schreibwerkstatt, sondern, wie es der Name bereits verrät, ein Ort zum Meinungsaustausch über das, was die Teilnehmenden vorlesen wollten. Trotz meiner weiter unten ausgeführten Bedenken gegen einen extremen Zentrismus und einen gewissen vorherrschenden Konformismus war dies doch ein Ort, an dem Freiheit möglich war.
Die erste Sitzung, an der ich teilnahm, fand zwischen Juli und September 1987 statt. Meine erste Begegnung dort … warst du, im Fahrstuhl. Ich hatte das Gefühl, dich wiederzuerkennen, ohne mir allerdings wirklich sicher zu sein. Wir waren beide auf dem Agro gewesen, mit einem Jahr Abstand, doch die Jahrgänge waren getrennt, das erste Jahr verbrachte man in Grignon, die beiden folgenden in Paris oder anderswo. Beim vermutlich einzigen Mal, dass wir uns in der Eingangshalle des Vorlesungssaals in Grignon begegnet sind, kamst du mit Pierre Lacour und hattest gerade den Film Cristal de souffrance gedreht. Pierre sprach, du schwiegst und beobachtetest. Das lag nun etwa zehn Jahre zurück, und ich glaube nicht, dass wir uns in der Zwischenzeit noch einmal begegnet waren, obwohl wir beide für das Landwirtschaftsministerium arbeiteten, jedoch in verschiedenen Abteilungen und an verschiedenen Standorten.
Im Fahrstuhl erging es dir offensichtlich ähnlich wie mir, und wir verbrachten, jeder in seiner Ecke, einige lange Sekunden damit, uns nicht anzusprechen. Kaum aus dem Fahrstuhl hinaus, änderte sich deine Miene, du warst nun bei dir. Im Verlauf der Sitzung habe ich vor allem zugehört, um die Codes dieser neuen Welt aufzuschnappen und die für mich interessanten Menschen auszumachen. An diesem Abend drehte sich das Gespräch noch einmal um »Hypermarché novembre«, ein Gedicht, das du anscheinend in der Sitzung zuvor gelesen hattest. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Teilnehmer lebhaft und amüsiert diskutierten und den einen oder anderen Ausdruck wiederholten, »ein Junge in diesem Alter«, »ich stolperte in einen Gefrierschrank« etc. In der Gruppe herrschte eine Mischung aus Heiterkeit, Bewunderung für deinen Mumm, aber auch Gereiztheit vor. Trotz des zeitlichen Abstands glaube ich noch immer deine Stimme zu hören, durchschnittlich, eher langsam, gesetzt, höflich, mit einem leichten Anstieg auf der drittletzten Silbe. Ja, nur die Erinnerung an deine Stimme, vielleicht auch an deine Haltung, ein wenig gekrümmt oder zusammengerollt. Ich meine, du trugst schon damals deine Haare halblang. An diesen amüsierten Ton, diese so spezielle Reaktion auf deine Lesungen, was wie Provokation erschien, erinnere ich mich im Zusammenhang mit einem anderen Text, in dem es um eine wimmelnde, abstoßende Natur ging und ein »mächtiges Auto«, aus dem man besser nicht aussteigt. Eines Abends muss ein Teilnehmer sich gegenüber unserer Betreuerin Danielle über deine unveränderliche Verwendung der Alexandriner verwundert gezeigt haben, was er als Voreingenommenheit verstand. Sie erklärte dies mit deiner Vorliebe für Baudelaire. Später erzähltest du mir, dass du häufig Baudelaires Grab besucht habest.
Deine fast völlige Abwesenheit in meinen späteren Notizen über Échange Poésie verstehe ich folgendermaßen: Zunächst war meine Hauptsorge vermutlich, mich als Dichter zu definieren und zu positionieren, und meine Mitschriften konzentrieren sich auf das, was mir damals doppeldeutig oder gar hassenswert erschien. Das traf auf deine Texte nicht zu, und offenbar hatte ich die Unterschiede unserer ästhetischen Entscheidungen akzeptiert. Zudem warst du sehr zurückhaltend, reagiertest kaum auf die Lesungen der anderen und nahmst nur wenig am stürmischen Austausch teil, in den ich mich, ganz im Gegensatz zu dir, leidenschaftlich stürzte: Wenn ich mich nicht täusche, warst du toleranter, weniger erschüttert von anderen Herangehensweisen und in der Lage, mit dem nötigen Abstand an die Überlegungen heranzugehen. Eines Tages verrietst du mir, dass du »wegen der Ideen« zu den Treffen kommest.
