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Der Leser wird eine faszinierende Reise ins mittelalterliche Florenz unternehmen, die ihn mit der geheimen politischen Küche des Vatikans vertraut macht. Aber nicht nur das! Die Autorin berührt das Leben einflussreicher Kräfte von Palermo, gibt Eindrücke von den Straßen in St. Petersburg und Frankfurt. Wer Spaß haben will – muss etwas Geduld haben! Treffen eine sizilianische Studentin mit einem russischen Geschäftsmann auf einer fernen Insel. Was ist wichtiger – gegenseitige Sympathie oder die Suche nach dem Geheimnis? Das Rätsel Michelangelos führt den Leser von der Toskana zur Insel Sri Lanka, auf der viele unentdeckte Geheimnisse liegen. Die Nähe des Mysteriums und der seltsame Tod. Wie eng sind beide miteinander? Lesen Sie lieber das Buch, als den Vorspann!
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Seitenzahl: 441
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Lin Hendus
Michele
Mehr als nur ein Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Erläuterungen.
Impressum neobooks
„Damit sich der ehrbare Name des Michelangelo Buonarroti nach seinem Tode nicht verflüchtigt, habe ich dich zu meinem Biographen ernannt. Du notierst nur die Fakten, die ich dir diktiere, und man wird sie schwerlich widerlegen können. Es werden diese Fakten sein, die künftigen Generationen die Wahrheit über mein Leben berichten. Meine Wahrheit …
So habe ich entschieden.
So wird es sein.
Vielleicht wirst du überrascht sein, wenn ich dir erzähle, dass ich mein ganzes Leben lang Auseinandersetzungen mit dem Schöpfer geführt habe.
Ich bat ihn, die menschliche Güte stets umgehend zu belohnen.
Ich verlangte von ihm die sofortige Vergeltung für das begangene Böse.
Dem Herrn folgend, habe ich versucht, ein Himmelreich auf Erden zu errichten.
In jedes meiner Werke legte ich großes Vertrauen in die Schönheit des irdischen Himmelreichs. Immer habe ich versucht, mehr zu geben als zu nehmen. Jeder, der mich gut kennt, kann dies bestätigen.“
Michelangelo schüttelt seinen grauen Kopf und spricht:
„Ich werde der Menschheit ein Geheimnis hinterlassen.
Ich habe etwas geschaffen, das man nicht in die Hand nehmen kann.
Man kann es sich nicht auf die Zunge legen.
Es nicht anziehen.
Es weder schlagen noch zerstören.
Ich habe für alle Menschen der Welt eine Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens geformt.
An die Zerbrechlichkeit der Schönheit.
An ihre Harmonie.
An den Abgrund der Ewigkeit, zu der wir nach dem Tod gelangen.
An die Tatsache, dass Gott uns alle erschaffen hat, bis zum letzten Menschen, damit wir glücklich werden.
Für die Liebe und für die Anbetung der Schönheit.
Jede Schöpfung Gottes, in welchem Land auch immer er sein mag, wen auch immer eine Religion verehrt, sollte an das erinnern, was auch meine Schöpfung zeigen will:
Der liebe Gott schenkt dem Menschen den kurzen Moment, den sein Leben währt, für das Gute, nicht für das Böse.
Damit er die Vollkommenheit der Natur genieße, nicht die schlechten Taten.
Für die Liebe, nicht für den Hass, die Lüge oder den Neid.“
„Was ist es, was du geschaffen hast, Meister, was?“ Ascanio Condivi hat vor Aufregung seine Stimme verloren und kann das letzte Wort nur noch flüstern.
„Du bist so jung“, lächelt Michelangelo traurig, „aber auch bis zum Ende deines Lebens wirst du mein Rätsel nicht lösen können. Mein genialer Geist hat es für die nächsten Jahrhunderte geschaffen.
Die Welt muss erst zu meiner Weisheit reifen.
Sich beruhigen.
Die Kriege ruhen lassen.
Sich mit der Harmonie des Lebens füllen.
Der Liebe.
Des Guten.
‚Die Liebe bewegt die Sonn’ und andre Sterne …‘1)
Mein Rätsel wird sich ganz von selbst offenbaren.
Und dann sofort eine Lösung anbieten.
Um zur Einsicht zu gelangen, gebe ich der Menschheit einen Zeitraum von eintausend Jahren.
Wenn sie sich nicht retten kann, wird niemand sie retten.
Denke daran, mein Junge: es gibt keinen Tod.
Es gibt nur ein unehrliches Leben, das um ein Vielfaches schlimmer ist als der Tod.
Es führt zu den Toren der Hölle, aus der es kein Entkommen gibt.
Es führt zur ewigen Qual ...“
Michelangelo schweigt lange und fügt dann hinzu:
„O ihr mit dem besitz gesunder sinne
Gebt acht auf die belehrung die sich decke
Unter dem sonderbaren vers-gespinne!!“2)
Frankfurt am Main, Deutschland
Der feuchte, nasskalte November stürzte sich wie ein zerrissener Nebel auf die Landstraßen Hessens. Die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens, ausgestattet mit grellweißen LEDs, blendeten die Augen eines russischen jungen Mannes, der mit kalten Fingern das Lenkrad seines BMW umklammert hielt. Der moderne Sportwagen raste, deutlich über der erlaubten Geschwindigkeit, mit einhundertsechzig Stundenkilometern über die Straße. Geblendet vom Licht des auf ihn zukommenden Fahrzeugs bemerkte der junge Russe zu spät die scharfe Kurve vor ihm.
Mit der Grazie einer Ballerina löste sich der silberne BMW vom nassen Asphalt und vollführte in der Luft einen komplizierten Pas3). Es folgte ein Salto, bevor der schöne Wagen schwer auf dem von Bäumen bewachsenen Randstreifen der Landstraße aufschlug. Das Hupsignal ertönte, als der Fahrer schwer gegen das Lenkrad fiel, begleitet vom heftigen Knirschen berstender Äste. Dann verstummte das Signal abrupt hinter den nassen Zweigen. Stille. Seltsam anmutend lag der Wagen zwischen den Bäumen, fast gemütlich, auf der Seite, während die dicht bewaldete Umgebung vom Licht eines unbeschädigten Scheinwerfers beleuchtet wurde. Ein klebrig-nasses Spinnennetz, das nur vage an Regen erinnerte, bedeckte den Unfallort. Kein Laut war aus dem Inneren des Fahrzeugs zu vernehmen.
Eine Woche nach dem Unfall erschien vor dem Bett des in ein Korsett, Bandagen und Gips gekleideten jungen Russen eine ältere Dame. Nun, das Wort „ältere“ passte gewiss nicht ganz zu dieser gepflegten, schlanken, gutaussehenden Frau. Wer etwas genauer hinschaute, konnte zwar erkennen, dass sie schon weit über fünfzig sein musste, doch ihre schöne Haltung, das nahezu faltenlose Gesicht, ihr fliegender Gang und der hoch erhobene Kopf ließen an ihrem richtigen Alter zweifeln.
Die Frau stellte einen farbenfroh bemalten Topf mit einem Strauß zusammengesteckter rosa Alpenveilchen auf den Nachttisch des Zimmers. Dann nahm sie leise auf dem Stuhl Platz, der neben dem Krankenbett stand. Aufgeschreckt von der Bewegung an seiner Seite, erwachte der junge, regungslose Patient. Nur schwerlich gelang es ihm, die Augen zu öffnen und die Besucherin anzuschauen.
„Guten Tag, Sascha“, sagte sie zärtlich. „Du hast mich vielleicht erschreckt! Nach unserem letzten Gespräch habe ich auf Nachricht über den Tag deiner Ankunft gewartet. Du hast nicht angerufen. Ich dachte schon, deine Pläne hätten sich geändert und du würdest in Russland bleiben. Doch heute habe ich einen Anruf aus dem Krankenhaus erhalten ... Wie geht es dir?“
„Gut …“ Sascha Glebow keuchte, dann hustete er, um seinen Hals zu befreien. „Danke, Frau Kantor, für Ihren Besuch. In Deutschland habe ich keine Freunde, nur Geschäftspartner ... Die brauchen im Moment aber nicht zu wissen, was mit mir geschehen ist.“
„Das ist in Ordnung, Sascha. Aber wenn du möchtest, kann ich deine Eltern oder andere Verwandte benachrichtigen.“
„Auf keinen Fall! Es besteht keine Notwendigkeit, anderen Menschen Sorgen zu bereiten. Vor allem möchte ich weder Mitgefühl noch Mitleid ... Wenn es mir bessergeht, dann ... vielleicht.“
„Wie lange bleibst du im Krankenhaus? Sind wichtige Organe verletzt? Was überhaupt haben die Ärzte gesagt?“ Freundliche Augen voller Mitgefühl schauten den Patienten an.
Sascha schluckte schwer. Langsam wandte er den Blick zur Wand. Über seinen Gesundheitszustand sprach er eindeutig nicht gern. Eine große Wahl hatte er allerdings auch nicht: Es war seine Bitte an das Personal gewesen, die Nachbarin ins Krankenhaus zu rufen. Schließlich sagte er mit zusammengebissenen Zähnen:
„Die Ärzte hier sind sehr nett zu mir. Aber sie haben gesagt, dass meine Wirbelsäule verletzt ist und ich wahrscheinlich nicht in der Lage sein werde, jemals wieder zu laufen ...“ Sascha gelang es, ein Schluchzen zu unterdrücken, das aus seinem tiefsten Inneren ausbrechen zu wollen schien. „Ich bin erst fünfundzwanzig! Dieses Urteil kann ich nicht akzeptieren … Liebe Frau Kantor, Sie haben mir damals Ihre traurige Geschichte erzählt. Bitte, unterstützen Sie mich! Helfen Sie mir! Ich möchte nicht als Behinderter weiterleben. Helfen Sie mir!“
„Was sagst du da, Sascha? … Mache dir keine Sorgen: Natürlich helfe ich dir, wo ich kann.“ Die Besucherin nahm einen Karton vom Nachttisch, zog einige Taschentücher heraus und begann, damit die feuchte Stirn des Patienten zu trocknen. „Wirf nicht alles so schnell hin. Du weißt doch, auch Ärzte sind nur Menschen, wie du oder ich. Einige von ihnen glauben vielleicht, sie seien allmächtig wie die Götter, und hoffen, die Menschen und ihre Krankheiten vollständig durchleuchten zu können.
So ist es aber nicht.
Ärzte machen oft Fehler. Deswegen musst du jeder Diagnose mit Skepsis begegnen. Ich weiß dies sehr gut. Sei nicht traurig vor der Zeit. Ich werde dich alle zwei Tage oder auch täglich besuchen kommen, wie du möchtest …“ Abrupt stand sie auf. „Doch jetzt muss ich gehen. Morgen komme ich wieder. Einverstanden?“
Sie vernahm das mit angespanntem Flüstern herausgepresste „Ja“ des jungen Mannes. Dann schloss sie den Knopf ihrer hübschen Strickjacke, der aufgrund seiner Größe fast wie der Boden eines Weinglases aussah, und ging zur Tür. Davor blieb Andrea Kantor stehen, drehte sich um, fing Saschas Blick auf, tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Nasenspitze und drückte sie leicht nach oben. Während dieser typisch russischen Geste, die den Optimismus des Gegenübers beschwören sollte, lächelte sie ihm milde zu. Es war Sascha selbst gewesen, der ihr diese aufmunternde Geste seiner Heimat einst erklärt hatte.
Nachdem seine Besucherin den Raum verlassen hatte, schloss Sascha die Augen und versuchte, sich an die Anfänge ihrer seltsamen Beziehung zu erinnern ...
Vor ungefähr zwei Jahren war der junge erfolgreiche Unternehmer Sascha Glebow – Glebow junior – während einer Geschäftsreise nach Deutschland gekommen. Sascha hatte zuvor in Sankt-Petersburg eine „Akademie der Genies“ eröffnet, die er nun in Europa fortzuführen gedachte. Nur zu gut erinnerte er sich an die Anfänge seiner Idee von einer eigenen Akademie und an den Disput mit seinem Adoptivvater, dem berühmten Maler Anton Glebow, dessen Lebenswerk, das „Museum des Gewissens“, er mit seiner neuen Akademie zu demontieren gedachte.
„… Du hast das Museum des Gewissens gegründet, das nach deinem Tod in Vergessenheit geraten wird.
Aus dem Gedächtnis gelöscht wird.
Und ich eröffne eine Akademie der Genies, die Kinder wohlhabender Eltern besuchen werden. In dieser Akademie werde ich mehrere Fakultäten vereinen, in denen man für Geld wertvolle Erfahrung im Umgang mit berühmten und erfolgreichen Menschen sammeln kann.
Mit Berühmtheiten.
Reichen.
Glückspilzen.
Mit denen, die den öffentlichen Ruhm heiß begehren.
Mit denen, die einen hohen materiellen Status erreicht haben und ihre Erfahrungen gerne mit Interessenten teilen, die mit offenem Mund zuhören.
Und gewiss mit jedem, der bereit ist, eine anständige Geldsumme für die Vorlesungen hinzulegen. Umsonst gibt es nichts im Leben – das ist ein Axiom. Dennoch zahlt der eine für die Erfahrung seines eigenen kaputten Lebens – und der zweite für die Erfahrung der anderen. Bei meinen Lehrenden kann man lernen, wie man richtig leben muss. Wie man das Leben genießen kann, ohne sich an seinen Mitmenschen zu stören, ohne Rücksicht auf sie nehmen zu müssen. Ich will es wiederholen, die Zuhörer würden für fremde Offenbarungen zahlen. Doch hier spreche ich mit Vorbehalt: Womöglich hören sie statt Offenbarungen fremde Fantasien, was übrigens auch nicht schlecht ist. Die Wahrheit kann sowieso keiner überprüfen. Im Leben zählt das Endergebnis – Erfolg. Und meine Schüler werden erfolgreich sein, das garantiere ich.
Die Zuhörer der Akademie kommen, um für elterliches Geld fremde Erfahrungen zu sammeln. Sie werden keine Vereinbarung mit dem eigenen Gewissen schließen müssen. Oder jedenfalls nicht darüber, dass ihr Gewissen, das als dunkle Flecken auf einer hellen Leinwand ihres Lebens erscheint, ihnen in Zukunft schlaflose Nächte bereitet.
Du kannst mir widersprechen und sagen, dass ich meine Zuhörer betrüge, indem ich solche Art Studium organisiere. Weil man fremde Erfahrungen nicht erlernen kann. Ja, das stimmt. Weder fremde Erfahrung noch fremden Schmerz oder Kummer kann man durch seinen Körper und seine Seele ziehen lassen. Die Erfahrung kommt nur durch den eigenen Schmerz und eigene Fehler. Aber warum müssen alle davon wissen? Menschen glauben gerne an das, was sie leidenschaftlich zu glauben wünschen. Gib zu, wir betrügen nur diejenigen, die von uns betrogen werden möchten. Beide Seiten wissen davon, bewahren aber die Illusion gegenseitigen Anstands. Gegenseitiger Intelligenz. So war es, ist es und wird es auch immer sein. Und das nennt man nicht Betrug, sondern höchste Klasse.
Geld für die Organisation dieser Akademie finde ich problemlos. Alle deine Kunden, auf deren Porträts weder das Blut noch das Weinen der Opfer verschwunden ist, zahlen mir gerne jede Summe, damit ihre Kinder und Enkel ein reines Gewissen haben. Sie sollen nicht an dem leiden, woran ihre Väter und Großväter gelitten haben.
Sie tun es sich selbst zuliebe.
Ihrem Gewissen.
Ihrer eigenen Ruhe.
Aber die Belohnung für die Reinigung des Gewissens ihrer zukünftigen Generation bekomme ich, nicht du.
Anton, deine Vorstellungen von der Welt sind längst veraltet. Sei nicht beleidigt, aber du hast noch immer nicht verstanden, dass der heutige Pragmatismus die letzten Spuren gestrigen Anstands ausgelöscht hat.
Der Egoismus besiegt den Altruismus und zerfrisst die menschlichen Beziehungen.
Und das Geld fällt auf natürliche Weise in das fehlende Glied des Teufelskreises.
Zieht ihn zusammen und befestigt an ihm die modernen menschlichen Beziehungen mit den robusten Metallschrauben des eigenen Vorteils.
Entweder du bist ein Egoist und Pragmatiker mit Geld im sicheren Kreis, oder du bist außerhalb des Kreises und existierst nicht mehr als Persönlichkeit. Das ist das eindeutige Urteil der heutigen Realität.
Der nächsten Generation von Menschen, die von ihrem eigenen Gewissen gehetzt werden, bereite ich eine klare und qualfreie Zukunft. All diejenigen, die ihre Erinnerungen an falsche Taten, an Betrug und Gemeinheiten vernichten, die diese Last zusammen mit sich begraben möchten, damit ihr Gewissen nicht in das Familienleben der zukünftigen Generation sickert, kommen zu mir.
Ich programmiere das Gehirn dieser Sprösslinge einfach um, damit sie die Welt mit gewissenlosen Augen betrachten.“
Der anspruchsvolle Titel des Projekts „Akademie der Genies“ hatte den jungen Sascha Glebow nicht abschrecken können. Wie er sich ausrechnete, würden nicht nur die Leistungen seiner Akademie, sondern auch ihr Name wohlhabende Kunden anziehen. Die Zweifel des Adoptivvaters bestätigten sich nicht, und so eröffnete Sascha kurze Zeit später eine weitere Niederlassung in Moskau. Auch hier trug seine Idee reichliche Früchte. Als erfolgreicher Geschäftsmann beschloss er daraufhin, seine Erfahrungen im Ausland zu erweitern. Er lud einige Bekannte ein, auf die er sich verlassen zu können glaubte. Nach mehreren Treffen und Diskussionen wählte Sascha für sein erstes Auslandsgeschäft Frankfurt am Main, stieß damit aber auf viel Gegenwind bei seinen Freunden.
„Was machst du, Sascha?! Alle russischen Geldsäcke haben ihren Sitz in London, du musst unbedingt auch dorthin! Wieso verteidigst du ausgerechnet Deutschland? Nach Ansicht derjenigen, die Geld haben, ist es nur ein großes, langweiliges Dorf. Dort gibt es nichts zu fangen.“
Sascha hatte über die Naivität der Freunde gelächelt. Sie sahen nur seine heutigen Erfolge, aber er schaute weiter, in die Zukunft. Und zu den Vorstellungen eines jungen Pragmatikers von weiterreichenden Investitionen passte der Inselstaat nun einmal überhaupt nicht.
„Freunde, ihr wollt die heutige politische Situation einfach nicht verstehen“, sagte er in leicht herablassendem Ton.
„Deutschland ist das stärkste und reichste Land Europas.
England hängt noch an seinem Pfund, das es nicht verlieren möchte. Wer bitte hat heute noch diese Währung? Ein paar unbedeutende Inseln – und sonst kein Land mehr! In dem Fall, dass Großbritannien wieder autonom wird, wird Europa nicht verschwinden. Es bleibt so oder so am Leben. Ich weiß nicht, wie lange die Europäische Union noch bestehen wird, aber eine schwache Faust ist immer noch stärker als ein kräftiger Finger. Und vergesst nicht: die Europäische Bank befindet sich nicht in London, sondern in Frankfurt. Und genau dort konzentriert sich das gesamte Bankensystem Deutschlands – und Europas!
Wo die Bankiers sitzen, dort sind die Gelder und die Macht.
Und dann: Wer weiß denn, welches Schicksal die russischen Oligarchen erwartet, die die Hälfte der Hauptstadt von England schon gekauft haben. Für London waren und bleiben sie nur Migranten. Ja, mit viel halb-legalem oder sogar illegalem Geld, obwohl sie Fremde sind. Frankfurt ist anders. Diese Stadt ist nicht durch halbkriminelle Betrüger aus Russland reich geworden.
Dort lebt die reiche deutsche Geschichte!“
Weder seine Freunde noch seine Geschäftspartner hatten Sascha überzeugen können. Und so beschloss er, bereits bei seinem nächsten Besuch in Deutschland eine Wohnung zu kaufen, um das Geld für teure Hotelaufenthalte zu sparen.
Mit dem Makler, den er schließlich traf, hatte Sascha großes Glück: er war nicht nur kompetent, sondern unterbreitete dem lukrativen Kunden sofort mehrere Angebote. Am zweiten Tag seines Aufenthaltes, nach der Besichtigung fünf angebotener Wohnungen, zog Sascha aus der Mappe des Maklers das Foto eines besonderen Objekts.
„Dieses hier sieht gut aus, diese Wohnung gefällt mir am besten. Das Haus steht auf einem Hügel und hat Glaswände.
Viel Grün.
Ruhig, leise und sicher.
Bereiten Sie bitte einen Kaufvertrag vor und überlassen Sie ihn mir über meine digitale Adresse. Zu Hause werde ich ihn übersetzen lassen, und innerhalb von zwei Tagen erhalten Sie meine Antwort. Dann können wir ein Treffen beim Notar vereinbaren.“
„Aber Sie sprechen doch gut Deutsch“, wandte der Makler ein. Ihm lag viel daran, alle Formalitäten sofort zu erledigen: russische Käufer behandelte er mit Vorsicht.
„Das mag sein, aber ein juristisches Dokument möchte ich doch lieber gründlich prüfen lassen, dafür reichen meine Kenntnisse einfach nicht aus. Haben Sie ein Problem damit?“
„Nein, nein, alles ist in Ordnung. Ich werde diese Wohnung für zehn Tage auf Ihren Namen reservieren lassen. Länger geht es leider nicht.“
„Das wird auch nicht nötig sein. In zehn Tagen bin ich wieder da. Das Treffen beim Notar können wir auch telefonisch abstimmen.“
Tatsächlich waren beim nächsten Besuch alle Formalitäten erledigt und Sascha wurde Eigentümer der Wohnung. Sie besaß eine eingebaute Küche und ein Schlafzimmer, eine Ausstattung, mit der der junge Russe sich zunächst begnügte.
Zu seiner Einweihungsfeier lud Sascha einige Geschäftsfreunde ein, so dass sich sämtliche Gespräche auf Berufliches beschränkten. Spät in der Nacht fuhr er seine Gäste mit dem Auto zur U-Bahn und kehrte anschließend in die Wohnung zurück, die nun einem kleinen Schachtfeld glich: morgen Vormittag würde eine Aushilfe kommen und alles in Ordnung bringen. Die ihm noch unbekannte Frau sollte zweimal in der Woche seinen Junggesellensitz sauber halten, so hatten sie es am Telefon besprochen. Dankbar, sich um nichts kümmern zu müssen, trank der Herr des Hauses ein letztes Glas Bier und legte sich erschöpft schlafen.
Am nächsten Morgen wurde er von einer lauten Türklingel geweckt. Sascha öffnete die Augen, schaute auf die Uhr und verzog unzufrieden das Gesicht:
„Wer ist das so früh? Es ist erst neun Uhr!“
Der junge Mann zog einen dunklen Bademantel an und ging in den Flur. Er wusste, dass man die Menschen in diesem Teil der Stadt nicht ohne Grund weckte. Die Tür schwang auf und er sah sich einer sehr schlanken, älteren Dame gegenüberstehen, deren genaues Alter sich schwer schätzen ließ.
„Entschuldigen Sie die frühe Invasion, Herr Glebow“, sagte sie. „Ich heiße Andrea Kantor und bin Ihre Nachbarin aus dem Erdgeschoss.“
„Kommen Sie doch herein!“ Der gastfreundliche junge Mann machte eine einladende Geste, während er innerlich fluchte: ihm fiel ein, dass sich seine Wohnung nach der gestrigen Feier immer noch in einem chaotischen Zustand befand.
„Bitte, nennen Sie mich beim Vornamen, so können wir viel einfacher miteinander reden. Ich bin einfach Sascha. Aber erzählen Sie, was führt Sie zu mir? Tropft es aus meinem Badezimmer auf Ihren Kopf?“
„Nein, nein, es tropft nichts auf meinen Kopf.“ Die Frau schüttelte energisch ihren Kopf, so dass Sascha erleichtert aufatmete. „Ich schätze Ihren Humor, aber gestern haben Ihre Gäste in der Loggia ausgiebig geraucht und ihre Zigarettenkippen nach unten geworfen. Natürlich sind ein paar Zigarettenstummel auf meiner grünen Veranda keine tödliche Gefahr, aber ich möchte Sie doch bitten, Ihren Gästen beim nächsten Mal einen Aschenbecher anzubieten. Schließlich möchte ich nicht, dass mir demnächst eine brennende Zigarettenkippe auf den Kopf oder in meine Tasse fällt.“
Sascha lächelte. „Frau Kantor, für das schlechte Benehmen meiner Gäste bitte ich um Verzeihung. Ich verspreche Ihnen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird.“ Das Lächeln verschwand von den Lippen des jungen Mannes und wich einem besorgten Gesichtsausdruck. „Kann ich denn etwas tun, um alles wiedergutzumachen? Soll ich meine Haushälterin zu Ihnen schicken, damit sie dort alles beseitigt?“
Frau Kantor schüttelte freundlich den Kopf. „Nein, nein, ich habe schon alles in Ordnung gebracht. Aber ich danke Ihnen für das Angebot.“
„Nun, wenn Ihre Terrasse wieder sauber glänzt, müssen wir das feiern. Ich lade Sie in das Café in unserem Einkaufszentrum ein. Heute gegen fünfzehn Uhr. Bitte, sagen Sie Ja – dieses Café hat die besten Kuchen der Umgebung.“
Nachdem Frau Kantor eingewilligt hatte und gegangen war, schloss Sascha gut gelaunt die Tür. Er lobte sich für sein Gesprächsgeschick und die Einladung, die er zur rechten Zeit ausgesprochen hatte.
„Eine gute Nachbarschaft ist heutzutage eine Seltenheit. Ich habe Glück, dass diese Frau Kantor nicht nur intelligent ist, sondern auch ein Gefühl für Humor hat. Solche Menschen muss man schätzen und schützen.“
Pfeifend ging er ins Schlafzimmer, entledigte sich seines Bademantels und betrat das Bad. Der heutige Tag versprach, ein guter zu werden.
Florenz, 1489
Die toskanische Septembersonne stand im Zenit. Alle Lebewesen suchten Schutz vor den unbarmherzig auf sie niederbrennenden Strahlen. Die Stadt lag da, als sei sie in einen tiefen Schlaf gefallen.
Auf dem Gelände des Klosters von Santo Marco würde der Herrscher von Florenz, Herzog Lorenzo di Piero de‘ Medici, heute einen lang gehegten Traum zum Leben erwecken und eine Kunstschule eröffnen. Seit langer Zeit plante er, junge toskanische Talente unter einem Dach zu versammeln.
Den jungen Trieben eine Gelegenheit zu geben, ihre mit der Geburt empfangenen Begabungen zu entfalten.
Lorenzo de‘ Medici war ein kluger und weitsichtiger Herrscher. Er wollte sein geliebtes Florenz in der vordersten Reihe sehen, nicht nur in Italien, sondern mit Blick auf die gesamte europäische Kultur.
Die großen Pläne eines großen Menschen.
Er selbst war ein guter Dichter und stand jeder Kunstrichtung offen gegenüber. So war er auch in der Malerei, Skulptur und Architektur bewandert. Während der langen Zeit seiner Herrschaft war Lorenzo de‘ Medici in jeder Weise den talentiertesten Kunstrepräsentanten zugetan und zeigte sich ihnen als großzügiger Mäzen. Er war ein herausragender Diplomat, Bankier und Staatsmann, und er schonte weder öffentliche noch private Gelder, um Kunstwerke zu erwerben. Auch war er gebildet und hatte eine besondere Vorliebe für Bücher, die er in ganz Europa kaufte und sammelte. Im Italien des Mittelalters besaßen nur Mönche ihre eigenen Druckmaschinen, und der Herzog wusste nur zu gut um die Bedeutung von Wissen.
Um die Bedeutung gebildeter Menschen für sein Land.
Lorenzo de‘ Medici hatte nie aufgehört, neben der Kunst auch in luxuriöse Bauwerke, Paläste und Kirchen zu investieren. Und genauso wenig hatte er jemals davon Abstand genommen, für diese Arbeiten neue Talente zu suchen.
Für seine aktive und öffentliche Förderung der Künste war der Herzog de‘ Medici vom toskanischen Volk seit langer Zeit sehr anerkannt. Die Florentiner begannen, ihn zunächst zaghaft, dann mit lauter Stimme „Lorenzo il Magnifico“ zu nennen. Diese inoffizielle Bezeichnung, die der Liebe der Menschen entsprungen war, machte den Herzog sehr glücklich – war sie doch im Einklang mit seinen großen Plänen.
Der leitende Staatsmann von Florenz gedachte seit längerem, seinem Land einen besonders hervorragenden Dienst zu erweisen. Seine Vision war es, in der Toskana – ähnlich Rom oder Venedig – ein Zentrum für italienische und europäische Kultur zu etablieren. Der neue Name, il Magnifico, schien gleichermaßen unaufdringlich wie elegant seinen Ehrgeiz zu betonen: Die Idee ihres Herrschers, eine Schule für talentierte Maler und Bildhauer zu gründen, kam für die Florentiner keinesfalls unerwartet.
Nach ihrer Veräußerung wurde mit der Umsetzung begonnen.
Nach reichlicher Überlegung und einem Treffen mit den Mitgliedern seiner Familie schlug Lorenzo de‘ Medici den erfahrenen Lehrer und Bildhauer Bertoldo di Giovanni für den Posten des Hauptmentors und Direktor der Schule vor.
Die Wahl war nicht zufällig auf ihn gefallen.
Der gewichtigste Grund war Bertoldos Vergangenheit als Bildhauer: vor vielen Jahren war er Schüler und Gehilfe des großen italienischen Bildhauers und Medailleurs Donatello gewesen. Der begabte Schüler übernahm viele Stein- und Metallgeheimnisse von seinem berühmten Lehrer, doch noch wichtiger war sein pädagogisches Talent: Bertoldo vermochte es, seine erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten gleichermaßen leicht wie unaufdringlich weiterzugeben.
Außerdem gereichte ein weiterer Umstand Bertoldo als künftigem Direktor der Schule zum Vorteil: Bertoldo war bereits sehr alt.
So konnte Bertoldo nicht mehr selbst mit Steinen oder Metallen arbeiten und auch keine Aufträge mehr annehmen. Dies wiederum bedeutete, dass die jungen Schüler von der Pflicht befreit sein würden, dem Lehrer bei der Durchführung von Aufträgen zu helfen. Sie würden sich auf ihr Studium, auf das Verständnis ihrer Fähigkeit als Maler und Bildhauer konzentrieren können.
Und von diesen zwei Argumenten, die den Namen des zukünftigen Hauptlehrers und Mentors der Bildhauerschule bestimmten, einmal abgesehen, mochte sicherlich auch der große Ruhm, der dem Meister vorauseilte, seine Ernennung beeinflusst haben.
Die Eröffnung der der Kunstschule sollte feierlich vonstattengehen. Wie sich herausstellte, waren jedoch nur wenige Gäste geladen. Lorenzo il Magnifico hatte im Garten der Medici, beim Kloster San Marco, ein Freiluftmuseum einrichten lassen, in dem er Skulpturen vieler Länder versammelte und ausstellte. Genau hier kamen alle zusammen, die zur Eröffnung der berühmten Schule geladen waren. Bertoldo di Giovanni, der es eher gewohnt war, sich mit Kollegen zu unterhalten als mit den Mächtigen der Republik, versuchte, sich ganz auf seine Schüler zu konzentrieren. Die Ehre, der erste Direktor der florentinischen Kunstschule zu sein, machte ihn sehr nervös. Die Gäste konnten die Gefühle des alten Mannes indes gut verstehen.
„Meine lieben Kinder“, wandte der alte Meister sich an die kleine Gruppe seiner zukünftigen Schüler, „jeden von euch erwarten in der Zukunft anspruchsvolle Aufgaben. Zu Beginn eures Aufstiegs solltet ihr eines bedenken, das am wichtigsten ist: jede Idee, die im Kopf eines Bildhauers geboren wird, muss ein Licht ausstrahlen.
Ohne ein helles Licht werdet ihr in der Dunkelheit wandern.
Findet das Licht!
Entlang dieses Strahls, der eurer Absicht entspringt, werdet ihr euch zur Verwirklichung bewegen. Beim Vorankommen müsst ihr alles registrieren, auch jenes, das euch auf den ersten Blick unwichtig erscheint. Genau diese Bedeutungslosigkeiten werden es sein, die eure Arbeiten, wenn nicht weltberühmt, dann zumindest sehr namhaft machen. Ihr müsst wissen, dass es in einer guten Arbeit keine Kleinigkeiten gibt. Jeder Strich, jede Drehung, jeder Hinblick, jede geringste Bewegung – alles ist wesentlich.
Im Gegensatz zu einem Künstler, der Gesicht, Kleidung und Objekte auf eine Leinwand bringt, hat ein Bildhauer das innere Wesen der Figur zu belichten. Nicht die Farbe der Kleidung, nicht den Sonnenuntergang, keine Bilder der Natur. Der Bildhauer muss für alles seinen eigenen Leib in den Stein meißeln.
Er muss sich selbst im Stein sehen ...
Als Alphabet, als Lied der Skulpturen erscheinen uns ihre Entwürfe.
Diese sind ihr Beginn, wenn sie von dem hellen Schweif einer Idee eingefangen werden.
Diejenigen von euch, die es nicht vermögen, ihre Seele in die Entwürfe hineinzulegen, erhalten bei der Geburt des Werkes ein totes Kind.
Nur diejenigen, bei denen mit der Arbeit die Flügel wachsen, werden erfolgreich sein.
Glaubt mit ganzem Herzen an eure höhere Bestimmung!
Vertraut der göttlichen Kraft, die bei der Geburt in jeden Einzelnen von euch gelegt wurde.
Glaubt an euch, wie ich an euch und euer Talent glaube.
Unser Patron und Beschützer, Lorenzo il Magnifico, hat aus dem Garten des San-Marco-Klosters ein unschätzbares Freiluftmuseum gemacht.
Nicht jeder ist hier gerne gesehen.
Ihr aber seid die zukünftigen Schöpfer der Geschichte von Florenz und der gesamten italienischen Kultur. Dies solltet ihr schätzen! Ihr dürft frei im Garten spazieren gehen und die großen Schöpfungen der Bildhauer der Antike und der Gegenwart kennen lernen. Schaut sie an, lernt, begreift die Talente nicht nur unseres Italien, sondern auch der anderen Länder, die ich über die Dauer meines Lebens nie besuchen konnte.
Ihr aber habt Glück, dass jeder von euch mit den Voraussetzungen einer Begabung geboren wurde. Ihr dürft die Gelegenheit nicht verpassen, hier und heute das, was der Herr euch gegeben hat, weiterzuentwickeln.“
Bertoldo di Giovanni ergriff ein großes Stofftaschentuch und wischte sich die verschwitzte Stirn. Erneut bewältigte er die Aufregung seiner langen Rede und wies den Bick seiner Schüler mit ausgestreckter Hand in Richtung der im Garten stehenden Skulpturen:
„Achtet genau auf das, was ihr vor euren Augen seht. Das Beste, was ihr in den Skulpturen findet, werdet ihr in euren Arbeiten umsetzen müssen. Haltet Augen und Ohren offen, damit Gottes Gnade die Leere in euren Köpfen frei fluten kann ... Und jetzt geht! Morgen früh treffen wir uns im Kloster zur ersten Unterrichtsstunde.“
Bertoldo di Giovanni neigte leicht den Kopf, als er die dankenden Jubelrufe seiner Zuhörer vernahm, und ergriff aus den Händen eines der Mönche einen vollen Becher mit Wein.
Trotz der steigenden Hitze draußen war es in dem Saal des Klosters von San Marco, der an die Kunstschule übergeben worden war, angenehm kühl. Die Höhe und Dicke der Steinmauern und die glatten Basaltsteine unter den Füßen, welche nie die Sonne gesehen hatten, bewachten und sicherten die Räumlichkeiten vor der eindringlichen Glut des Sommers.
Auf den Hockern vor dem alten Lehrer saßen sechs Schüler. Der älteste von ihnen, Giuliano Bugiardini, war gerade sechsundzwanzig geworden. Seine starken kantigen Schultern und der dicke Hals verrieten ihn als einen erwachsenen Mann. Nur die jugendliche Neugier und Naivität, die in seinen Augen funkelten, zeigte seine Unreife.
Der jüngste in der Gruppe war Michelangelo Buonarroti – vor sechs Monaten war er fünfzehn geworden. Nach außen war er keine Schönheit: mittelgroß, mit einem scharfen Blick seiner hellbraunen Augen, einer rechteckigen Stirn und nach unten gezogenen Ohren.
Zuvor hatte Michelangelo zusammen mit seinem Freund, Francesco Granacci, in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio seine Ausbildung erhalten. Der hübsche Francesco hatte für seinen Lehrer Ölbilder gemalt, während der jugendliche Michelangelo die Farben zerstieß und anmischte. Der scharfsinnige Granacci vermutete nicht ohne Grund, dass Domenico Ghirlandaio sehr eifersüchtig auf das Talent Michelangelos war: der Schüler konnte aus dem Gedächtnis viel besser zeichnen und malen als sein Lehrer. Als Älterer der beiden gelang es Francesco, für sich selbst und seinen Freund eine Einladung in die neu eröffnete Kunstschule zu ergattern. Nach außen nichts von seinen wahren Gefühlen zeigend, atmete Domenico Ghirlandaio erleichtert auf, als die zwei unbequemen Schüler seine Werkstatt verließen, um sich bei Bertoldo di Giovanni in der Bildhauerei zu versuchen. Und so saßen Francesco und Michelangelo nun vor dem großen Meister und lauschten seinen Worten.
Bertoldo sprach langsam.
Der siebzigjährige alte Bildhauer wandte seinen Blick unter den weißen Wimpern von den Gesichtern der ihm zuhörenden Jungen zu der Wand hinter ihm. Sie war mit den Symbolen der Herrscher von Florenz bemalt. Mit warmem Gefühl besah Bertoldo die fünf roten und die blaue Kugel mit der gelben Lilie auf dem Wappen der Medici-Familie. Unter dem hohen Gewölbe klang seine Stimme fast heiser und die Schüler hörten ihm aufmerksam zu. Alle außer einem.
Der neunzehnjährigen Torrigiano war als der Streitsüchtigste der Gruppe bekannt. Heute hatte er den jüngsten Schüler zu seinem Opfer auserwählt. Wie versehentlich berührte er immer wieder den neben ihm sitzenden Michelangelo erst mit dem Ellenbogen, dann mit dem Fuß. Dem Streithammel wollte nicht gefallen, dass sein Nachbar nicht nur dem Lehrer zuhörte, sondern gleichzeitig Entwürfe in das Album auf seinem Schoß zeichnete.
Er mochte den Fleiß des neuen Schülers nicht.
Nicht die Leichtigkeit seiner Begabung.
Nicht seinen hochmütigen Charakter.
Vom ersten Tag des Erscheinens Michelangelos mit seinem untrennbaren Freund Francesco im Garten der Medici an hatte Torrigiano ihn als Konkurrenten betrachtet. Sofort waren ihm Michelangelos Besonnenheit, sein Fleiß und sein Ehrgeiz aufgefallen. Bei jeder passenden Gelegenheit versuchte er daher, seine Unzufriedenheit mit dem Anfänger zum Ausdruck zu bringen.
„Komm zu uns, es ist längst Mittagspause“, grinste der Unruhestifter wenig später und nahm erbost die Hartnäckigkeit wahr, mit welcher der neue Schüler das Motiv eines Wandgemäldes in sein Album übertrug. „Während du mit deinen Zeichnungen spielst, wird der ganze Wein in unsere Bäuche gelangen und für dich bleibt nur Wasser übrig. Beeile dich! Der altersschwache Bertoldo mit seinen alten Augen wird so oder so keinen Unterschied zwischen unseren Bildern feststellen. Du brauchst dich nicht zu bemühen.“
Michelangelo sah, auf dem Boden hockend, zu dem schönen schlanken Torrigiano auf und presste fest seine Lippen aufeinander: er hatte nicht vor, dessen verletzende Tiraden zu beantworten. Der talentierte Jugendliche war hierhergekommen, um zu lernen, und gedachte sich nicht durch andere Unterhaltungen oder Spötteleien ablenken zu lassen.
„Wieso ärgerst du uns alle?“ Francesco Granacci stand für seinen Freund auf und wandte sich dann an Michelangelo: „Michele, wirklich, beende deine Arbeit und komm zu uns. Die Oliven und das Brot sind heute besonders schmackhaft.“
Die übrigen Schüler hörten den Lästereien Torrigianos weiter zu und kommentierten sie mit abfälligen Bemerkungen. Sie fühlten sich wohl ohne die Aufsicht des Lehrers und entspannten bei leckerem Essen mit Wein, der stark mit Wasser verdünnt war.
In dem allgemeinen Trubel bemerkte niemand, dass Bertoldo den Speisesaal betreten hatte. Gedankenverloren beobachtete er seine Schüler und lächelte in seinen langen weißen Bart hinein. Als er sich umwandte, um den Saal leise wieder zu verlassen, berührte sein breiter Mantel, den er nicht einmal im Sommer abnahm, einen auf dem Boden stehenden Krug. Das aus Lehm bestehende Gefäß fiel mit lautem Getöse um. Wie auf Befehl wandten sich die Köpfe der Anwesenden zur Tür. Im Speisesaal herrschte augenblicklich Ruhe.
„Nun, meine Kinder, ihr seid alle mit Talent ausgestattet und wisst darum“, Bertoldo sah keine Notwendigkeit, sich weiter zu verstecken oder sich vor den Jugendlichen zu rechtfertigen. Als alter Mann hatte er sich dazu entschieden, die Möglichkeit zu nutzen und durch sein neues Amt etwas von der Jugend zu lernen. Es war kein Wunder, dass Lorenzo il Magnifico ihm die Lehrerstelle anvertraut hatte: der Herzog schätzte die Erfahrung, das Wissen und die Weisheit des alten Bildhauers.
„Einige von euch laufen schnell, um ihre Mägen zu füllen. Andere laufen schnell, um Stift und Papier in die Hand zu nehmen. Nun, es liegt in meiner Hand, jedem von euch eine Aufgabe zu geben und ihn zum Arbeiten zu zwingen.
Es liegt jedoch nicht in meiner Hand, euch dem Lernen und der Weisheit näherzubringen.
Ihr seid aus freien Stücken hergekommen, um mein und das Wissen meines großen Lehrers und Bildhauers Donatello zu erhalten.
Ihr habt eure Wahl getroffen.
Und wenn der eine oder andere von euch seinen Anreiz verloren hat, so habe ich nicht das Recht, ihm abzuraten.
Denkt daran: wenn man in dieser Welt etwas verstehen will, muss man sie studieren und sein Verständnis mit dem Wissen, das man hier erhält, nachjustieren.
Nur durch das Verständnis der Welt wird der Mensch sich ändern können.
Hier könnt ihr eure Fähigkeiten verbessern. Ihr werdet in der Lage sein, nicht nur die Welt, sondern euch selbst besser zu verstehen.
Ich bin hier, um euch zu helfen, diese Wahrheit zu erfassen. Und denkt an eines der einfachsten Gesetze des Lebens, meine Kinder: Nur die Dümmsten der Menschen oder aber die Intelligentesten und Weisesten hören mit dem Lernen auf. Nun, der Haut der Dümmsten seid ihr alle schon entwachsen, aber noch lange nicht reif für die Weisheit. Also beendet eure Mahlzeit und geht in die Kirche Santa Maria del Carmine.
Dort werde ich auf euch warten.
Es ist Zeit für euch alle, ein wenig zu wachsen, damit ihr in späteren Jahren einen Stand erlangt habt, der eines echten Mannes würdig ist.
Ab heute und alle folgenden Wochen werden wir die berühmten Fresken von Masaccio studieren und kopieren. Und wer von euch Sturköpfen diesen großen Meister noch nicht richtig kennt, wird endlich ein gewisses Maß an Weisheit erlangen.“
Der alte Bildhauer drehte sich um und verließ langsam den Saal. Dabei stützte er sich auf einen langen hölzernen Stock, den die Zeit fast vollständig poliert zu haben schien.
Frankfurt am Main, Deutschland
Nach dem gemeinsamen Besuch in dem Café als Entschuldigung für das unhöfliche Gebaren seiner Gäste hatten sich Sascha und Frau Kantor rasch näher angefreundet. Sascha war ein erfolgreicher russischer Unternehmer, der bei seinen Besuchen in Deutschland oft lange blieb, während all seine Freunde in Russland lebten. Er liebte seinen neuen Aufenthaltsort für seine Sauberkeit, Ordnung und Gemessenheit. Dennoch verspürte Sascha keine Eile, neue enge Beziehungen in Deutschland einzugehen, abgesehen von Geschäftskollegen und Mitarbeitern, die er hier traf.
Dies betrachtete er als ein Privileg. Andererseits stellte ein unbekanntes Land immer auch eine Gefahr dar, und diese mied Sascha intuitiv.
Seine Nachbarin, die 63-jährige Andrea Kantor, erzählte ihm gerne von ihrem Land, der deutschen Mentalität, den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen. Der junge Mann empfand sofort großes Vertrauen zu der ungewöhnlichen und interessanten Frau. Zudem erinnerte sie ihn äußerlich an seine Mutter Larissa, die er sehr vermisste. Doch erst nach einem unerwarteten Geständnis, das Andrea Kantor ihm eines Tages machte, verstand Sascha, dass ihre Verbindung mehr war als nur eine Freundschaft zwischen Nachbarn.
Ihre Beziehung erwies sich als der Beginn eines großen Rätsels.
„Hätte mein Sohn am Leben bleiben können, sähe er heute ungefähr so aus wie du ...“ An einem düsteren Abend saßen Sascha und Frau Kantor auf der Terrasse, jeder eine warme Decke auf den Beinen liegend. Vor ihnen auf dem Tisch standen Gläser mit Rotwein.
„Ich wusste nicht, dass Sie einen Sohn hatten.“
„Woher auch? Ich spreche ungern darüber. Seit seinem Tod sind viele Jahren vergangen ...“ Frau Kantor griff nach ihrem Glas, trank einen Schluck und fuhr fort: „Mein Ehemann Karl war Diplomingenieur von Beruf. Vor vielen Jahren beendete er sein Studium und gründete in Frankfurt ein kleines Unternehmen, das Teile für Zivilflugzeuge herstellte. Ich habe nie etwas von Technik verstanden, daher habe ich mich nie in seine Geschäfte eingemischt.
Unser Sohn Matteo war genau wie sein Vater. Er absolvierte eine technische Universität und stieg sofort in das Familiengeschäft ein. Nachdem er mit voller, junger Kraft und neuen Ideen dazugekommen war, war dies für unser Unternehmen wie ein zweiter Atem. Mein Matteo begann, genauso wie du, Sascha, Kontakte zu ausländischen Kunden zu knüpfen. Seine Ambitionen steigerten das Potential des Geschäfts um ein Vielfaches. Wir Eltern waren sehr stolz auf unseren talentierten, lieben Jungen ...
Eines Tages fuhren Matteo und ich von einem Verwandtenbesuch zurück. Meine Cousine hatte uns zur Verlobungsfeier ihrer Tochter eingeladen. Mein Mann war zu dieser Zeit krank und zu Hause geblieben, aber die Einladung hatten wir nicht absagen können.
Bis heute weiß ich nicht, was genau diesen Selbstmörder zu seiner Entscheidung gedrängt hat – das regnerische Wetter oder ein privates Drama. Aber dieser Verrückte steuerte plötzlich einfach auf die Gegenfahrbahn. Mein Sohn saß am Steuer und hatte keine Wahl: er konnte weder halten noch ausweichen. Das Auto des Selbstmörders raste wie ein Blitz auf uns zu und riss im nächsten Augenblick einen Teil unseres Mercedes ab, zusammen mit meinem Sohn. Matteo war sofort tot. Ich blieb, zum Glück, am Leben, nur schwer verletzt. Aber ach, was bedeuten die schlimmsten Verletzungen einer Mutter, wenn ihr einziges Kind stirbt ...“
Frau Kantor schwieg und blickte regungslos ins Leere.
„Frau Kantor, wenn es Ihnen zu schwer fällt …“ Auf eine gewisse Weise fühlte sich Sascha als Urheber der grausamen Erinnerungen seiner Nachbarin. Sie aber hörte den entschuldigenden Klang in der Stimme ihres Gesellschafters, drückte sanft seine Hand und schüttelte den Kopf.
„Erinnerungen an die Vergangenheit sind oft traurig, besonders, wenn sie mit einem Verlust verbunden sind. Wenn du aber nicht mehr möchtest ...“
„Doch, ich möchte! Bitte, setzen Sie Ihre Geschichte fort.“
„Sascha, letztes Mal haben wir vereinbart, dass wir ‚Frau Kantor‘ aus unseren Gesprächen raushalten. Wir wollten einander beim Vornamen nennen und duzen. Ich möchte auf keinen Fall wie deine alte Großmutter aussehen und älter wirken, als ich bin.“
„Natürlich, Andrea, nur die Vornamen. Duzen aber kann ich Sie nicht. Ich bin aus Russland und in meinem Land ist es nicht akzeptabel, einen fremden älteren Menschen zu duzen. Ich verspreche aber zu versuchen, mich der deutschen Mentalität anzupassen. Geben Sie mir nur bitte etwas Zeit.“
„Einverstanden. Auch ich muss die Mentalität deines Landes respektieren. Wir werden voneinander lernen.“ Andrea Kantor lächelte sanft, aber ihre Augen blieben dabei traurig. „Nun gut. Nach dem unglücklichen Unfall war es besonders schwer, dass ich mit meinen schwierigen Verletzungen nicht bei der Beerdigung meines Sohnes dabei sein konnte. Traurigerweise erfolgte seine Verabschiedung also ohne mich. Zur selben Zeit fügten die Ärzte die Teile meines Körpers wieder zusammen, was mich lange und fest ans Bett fesselte. Jedem war klar: zum Friedhof fährt man nicht mit dem Krankenwagen ... Nach einem Monat im Krankenhaus begann dann die wochenlange Reha … doch darüber gibt es kaum etwas zu berichten.
Der Tod unseres Sohnes ließ meinen Mann Karl fast vollständig zusammenbrechen. Auf Extremsituationen in der Familie reagieren Männer ganz anders als Frauen. Umso mehr, wenn es um der Tod des einzigen Sohnes und Erben geht. Karl begann, mich für das, was passiert war, zu beschuldigen, obwohl ich nur Beifahrerin gewesen war. Nicht einmal unser Matteo war doch schuld gewesen.
Es war ein Unfall.
Ein bösartiges Schicksal.“
Andrea Kantor schwieg, nahm erneut ihr Glas, trank den Rest des Weins und streckte es Sascha immer noch schweigend entgegen, damit er ihr nachfüllen konnte. Sie hielt das gefüllte Glas in der Hand und stellte es auf dem Tisch ab. Dann zog sie sich die Decke von den Knien bis zu den Schultern hoch und fuhr fort: „Sechs Monate nach dem Unfall wurde mir durch Zufall bewusst, dass mein Mann mich betrog. Den Familienbetrieb vernachlässigte er, Geschäfte und Zahlen erlebten eine Talfahrt. Doch es kam noch schlimmer. Ein junges Mädchen löste das nächste ab. Eines Tages sagte Karl, dass er mich verlassen würde.
Ehrlich gesagt war sein Weggang für mich keine große Überraschung. Ich hatte längst verstanden, dass mein Mann nie mit dem Verlust unseres Sohnes fertig werden würde. Karl liebte ihn viel mehr als mich.
Und er liebte in ihm sich selbst.
Matteo war seine Fortsetzung.
Sein Erfolg.
Weißt du, Sascha, was für eine seltsame Kreatur der Mensch ist?
Er trauert, wenn er Geld verliert oder sein Auto einen Kratzer hat.
Aber er stellt sich ahnungslos bei dem Gedanken, wie schnell die Monate und Jahre seines eigenen Lebens verloren gehen.
Als mein Mann aus unserem Haus ging, beschuldigte er mich nicht nur, für den Tod unseres Sohnes verantwortlich zu sein, sondern auch für den Verlust unserer ausländischen Kunden. Auch hier sah er nur meine Schuld. Ich aber wusste genau: diese Beschuldigungen besaßen kein einziges Gramm eines gesunden Menschenverstandes. Karl versteckte sich dahinter, um sich von seinen eigenen Schmerzen zu entlasten.“
Andrea Kantor schwieg für lange Zeit. Ihr aufmerksamer Zuhörer saß ruhig da und vernahm den leisen Ruf eines Vogels im Garten. Eine frische Abendbrise strich angenehm um seinen Kopf.
Endlich kehrte Andrea Kantor aus ihren Erinnerungen zurück. Sie wandte sich ihrem Gast zu und setzte ihre Geschichte mit einem etwas fröhlicheren Ton fort:
„Ich hatte damals großes Glück, dass Karl bei Verstand blieb, sich nach dreißig Jahren Ehe nicht von mir scheiden zu lassen. Nach mir hatte er zwar mehr als genug Frauen, aber keine von ihnen blieb länger bei ihm als zwei, drei Monate ... Mein Mann starb kurz nach dem Tod unseres Sohnes an Herzversagen, bereits ein Jahr später.
Allein in seiner großen Wohnung.
Ohne Familie.
Ohne Liebe.
Das ist die traurige Geschichte eines glücklichen Lebens, das ein unbekannter Selbstmörder brach ... Was mir bleibt, sind die Erinnerungen an meine Familie und die gute finanzielle Unterstützung durch das Erbe meines Mannes ... Ich hoffe, dass ich deinen Abend mit meiner Beichte nicht ruiniert habe, Sascha?“
„Ach was, Andrea. Das Drama Ihrer Familie hat mir tiefe Einblicke gegeben. Alles ist so kompliziert und traurig ...“
„Nun, Sascha, es handelt sich nur um einen kleinen Teil meines Lebens. Für den vollständigen Roman bräuchten wir mehrere Abende. Trotzdem bin ich froh, dass du ein interessierter und aufmerksamer Zuhörer bist. Bei uns in Deutschland heißt es:
Einen Ehepartner gibt uns der Himmel, ein Talent müssen wir selber finden, die Nachbarschaft schickt uns das Schicksal.
Ich weiß noch nicht, an welchem Wendepunkt das Schicksal die Notwendigkeit unserer Begegnung entschieden hat, aber sie geschah bestimmt nicht zufällig ...
Und jetzt lass uns den Abend beenden. Morgen hast du einen langen Tag. Ruf mich an, wenn du wieder aus deinem Russland zurückkehrst. Wenn du möchtest, hole ich dich dann vom Flughafen ab.“
„Danke, Andrea, für Ihr großzügiges Angebot, das ich aber ablehnen muss. Mein Mitarbeiter wird mich abholen, aber ich werde bestimmt anrufen, wenn ich wieder da bin – versprochen. Ich plane, nicht länger als sechs, sieben Wochen daheim zu bleiben. Eine Gute Nacht wünsche ich Ihnen!“
Als sie sich verabschiedeten, wussten sie noch nicht, dass ihr nächstes Treffen in einem Krankenhaus stattfinden würde.
Palermo, Sizilien
Dante Alessandro Massey saß auf der großen Terrasse und blickte in die Ferne. Vor ihm breitete sich das Panorama seiner geliebten Stadt Palermo aus. Seine Hände lagen auf den Lehnen eines alten Sessels, sein Kopf ruhte auf der hohen, leicht gebogenen Rückenlehne.
Dante Alessandro dachte darüber nach, wie es hatte passieren können, dass ihm bei der letzten Auktion eine Bronze-Skulptur von Alberto Giacometti so plötzlich vor der Nase hatte weggeschnappt werden können. Der mächtige Don hatte den Makler dafür bereits bestraft; nur durch seine Behäbigkeit hatte der Angestellte der Auktion ihm solche Unannehmlichkeiten bereiten können. Jetzt würde dieser Mann kaum einen ähnlichen, gut dotierten Job finden, es sei denn, er wechselte den Beruf. Doch auch die schwere Bestrafung änderte nichts daran, dass der Platz, den Dante Alessandro mit viel Liebe für die Skulptur vorbereitet hatte, leer blieb.
Don Massey gehörte zu einer der mächtigsten Familien Siziliens. Von Kindheit an hatte er gelernt, dass seine und die Wünsche der männlichen Vertreter seiner Familie zu erfüllen waren. Solange der reiche Don zurückdachte, hatte es bislang keine Misserfolge gegeben. Das Fehlen dieser Skulptur in seiner großen Sammlung traf ihn wie ein harter Schlag. Sein Ehrgefühl als Sammler war zutiefst getroffen. Wann immer seine Freunde und andere in einer Notlage waren, hatte er sie unterstützt. Nun würde er selbst Hilfe brauchen.
Während Don Massey über die wechselhaften Ereignisse des Schicksals nachdachte, betrat seine Tochter Juliane tanzend die Terrasse. Diesen einzigen unbezahlbaren Schatz hatte ihm seine Frau Damiana hinterlassen, bevor sie mit der Geburt des letzten Sohnes plötzlich verstarb.
Gemeinsam mit Damiana hatte Dante Alessandro fünfzehn glückliche Jahre gehabt. Während dieser Zeit hatte sie eine Tochter und fünf Söhne zur Welt gebracht. Keiner der Söhne hatte überlebt. Damiana machte sich schwere Vorwürfe, dass sie ihrem Mann keinen Erben schenken konnte: die Jungen wurden tot geboren, starben kurz nach der Geburt oder lebten nicht länger als ein Jahr. Dem unglücklichen Vater war es nicht gelungen, seine Frau von ihren Vorwürfen abzubringen.
„Santa Rosalia“, hatte er fast unhörbar geflüstert, während er in der Kathedrale Santa Maria Assunta vor den Reliquien der Schutzpatronin von Palermo kniete und betete, „heile meine Frau, wie du irgendwann unsere Stadt von der verfluchten Pest geheilt und gerettet hast. Hilf mir! Gib mir doch nur einen einzigen Erben! Du weißt doch – für meine Geschäfte brauche ich Männer.
Meine Frau und ich quälen uns, weil alle unsere Söhne starben. Nimm diesen Fluch von meiner Frau, heile sie, du Beschützerin! Santa Rosalia, Göttin, verlange dafür, was du willst! Ich werde jede deiner Forderungen erfüllen. Jede! Erhöre mein Gebet, schenke mir einen Sohn. Nur einen einzigen!“
Ob die Gebete des mächtigen Dons nicht eindringlich genug gewesen waren oder ob er für seine ungleich schwereren Sünden keine Gnade erwarten durfte: Santa Rosalia holte, statt seine Frau gesund zu machen und sie von ihrem Verderben zu befreien, Damiana gemeinsam mit dem letzten, totgeborenen Sohn zu sich.
Nach dem Tod seiner Frau zog sich Dante Alessandro Massey zwei lange Jahre lang auf sein Landgut zurück. Er schränkte seine Geschäftsbeziehungen ein und verlor eine Menge Geld. Dieser Verlust jedoch bedeutete ihm nichts. Er wusste, dass es noch viel zu verdienen geben würde. Zwei Jahre lang suchte der unglückliche Witwer zu sich selbst. Er fragte sich, wie es mit dem Leben weitergehen würde und was er noch von ihm erwarten könne.
Die Fragen zerrissen sein Herz.
Unsicherheit machte sich breit.
Ihm wurde schwindelig vom Kreisen der Gedanken.
Seine Seele schmerzte, und sie fand keine Antworten.
In dieser Zeit näherte sich Don Massey nicht einmal der weiblichen Bewohnerin des Hauses, seiner Tochter Juliane. Betreut wurde sie von seiner kinderlosen Schwester, Perlite Massey, und der alten Amme, einer entfernten Verwandten der Familie.
„Alessandro, willst du deine Tochter wirklich nicht sehen?“, sprach Perlite ihn oft an. „Das Mädchen fragt regelmäßig nach dir. Verweigere ihr bitte nicht den Besuch. Das arme Kind hat schon ihre Mutter verloren und möchte nicht auch noch ohne Vater leben.“
„Liebe Schwester, ich danke dir sehr für deine Bemühungen und dass du versuchst, Juliane ihre tote Mutter zu ersetzen. Aber zwing mich jetzt nicht, meiner Tochter zu begegnen. Mit Damianas Tod habe ich nicht nur meine liebe Ehefrau, sondern auch die Hoffnung verloren, dass sie mir einen Erben schenkt. Was ist schlimmer und unbarmherziger, als die Hoffnung des Fortbestehens zu verlieren?“
„Aber dein Mädchen ...“
„Schweig, Perlite. Ich muss erst mich selbst wiederfinden.
Du kennst noch nicht alles, was mich so traurig macht.
Wenn ich die Entscheidung, wie mein Leben weitergehen soll, getroffen habe, werde ich dich informieren. Juliane hat einen Vater, der sie liebt und nie im Leben verlassen würde. Sie weiß das. Aber für heute ist es genug. Irgendwann werde ich ihr alles erklären können. Nur dann wird sie mich verstehen und mir auch verzeihen. Nicht aber vorher. Und jetzt lass mich in Ruhe. Sprich nicht mehr über meine Tochter. Meine Entscheidung werde ich dir als Erste mitteilen.“
Mehr als zwei Jahre danach traf Don Massey seine endgültige Entscheidung über das Leben seiner Familie. Das Wort, das er seiner Schwester gegeben hatte, hatte festen Bestand. Eines Abends lud er sie zu einem Gespräch in sein Arbeitszimmer ein.
„Liebe Perlite, du kennst mein Leben fast genauso gut wie ich. Jetzt aber möchte ich dir mein Geheimnis anvertrauen. Es fällt mir schwer, über solch eine unangenehme Geschichte zu sprechen, aber du bist meine Schwester und hast mein Vertrauen verdient.
Die ganze Familie weiß, wie ungeduldig ich all die Jahre einen Erben und meinen Nachfolger erwartet habe. Nach dem Tod meines zweiten Sohnes ging ich zur Beichte und bat um den Segen des Priesters. Er verstand mein Problem sehr gut. Vor allem sagte er, es sei keine Sünde, ein Kind mit einer fremden Frau zu zeugen, wenn die eigene Ehefrau keinen Sohn gebären kann.“
„Alessandro, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Sag: um welche Spende ging es bei diesem Handel für deinen Segen?“ Die verurteilenden Augen Perlites trafen den Don.
„Meine Kirchenspenden haben nichts, aber auch gar nichts mit dem Segen des Priesters zu tun. Höre lieber zu und unterbrich mich nicht!“ Die Stimme des Herrn des Hauses klang wütend. Er erhob sich von seinem Platz, ging zu den hohen Fenstern und blieb mit dem Rücken zu seiner sitzenden Schwester stehen. Die Verlegenheit, in die ihn das unangenehme Gespräch brachte, suchte er hinter seiner selbstbewussten Haltung zu verbergen. Doch es war dringend erforderlich, all das auszusprechen, was er lange Jahre in sich getragen hatte. Eine bessere Zuhörerin als seine Schwester gab es nicht.
„Innerhalb von vier Jahren hatte ich drei Frauen. Alle wurden schwanger und brachten Kinder zur Welt. Als Ergebnis habe ich heute eine uneheliche Tochter, aber immer noch keinen einzigen Sohn. Zwei Söhne, die die Geburt überlebten, starben später bereits als Säuglinge. Genauso, wie es bei Damiana und mir geschehen war. Der Grund unseres Unglücks lag nicht an ihr, sondern an mir.
Ich bin schuldig, verstehst du?
Es ist mir unverständlich, warum, aber der liebe Gott hat mich verflucht. Er wird mir aufgrund meiner Sünden nie einen Sohn geben. Alle meine Versuche waren vergeblich.
Alles ist vergeblich.
Jetzt weiß ich dies genau.“
Als er von dem Fluch sprach, der auf ihm lastete, hatte Don Massey unbewusst die Hände in den Taschen seiner eleganten Hose verborgen. Es sah aus, als fürchte er, jemandem seine Hände zu zeigen, als seien diese in menschliches Blut getaucht. So stand er eine Weile da, verließ dann seinen Platz am Fenster und setzte sich in seinen Lieblingssessel, der mit einem bordeauxroten Jacquard-Stoff voller komplizierter Muster bedeckt war.
Die Farbe der schönen dunklen Augen des vierzigjährigen Mannes glichen die reifen Oliven. Das dichte Haare lag in ordentlichen Wellen um dem runden Kopf. Auch in seinem Unglück verlor Alessandro Massey seine Haltung nicht und saß, wie immer, stolz an seinem großen Schreibtisch. Er schien auf eine gewisse Art zufrieden – sein Geheimnis, das seit vielen Jahren wie eine schwere Last auf seiner Seele lag, hatte er endlich geteilt.
Auch die Entscheidung, wie er mit seiner Tochter umzugehen gedachte, war getroffen, doch brauchte er dafür die Zustimmung seiner Schwester. Sie war seine einzige unmittelbare Blutsverwandte – auch deshalb war das Wenigste, was er tun konnte, ihr in die Augen zu schauen, wenn er mit ihr sprach.
Die Zeit, in der beide ihren Gedanken nachhingen, fand ein Ende, als Perlite den Blick ihres Bruders auffing. Das belustigte Lächeln war längst von ihren Lippen gewichen und hatte dem Mitgefühl für einen starken Mann Platz gemacht, der ihre Unterstützung brauchte.
„Entschuldige meine Worte, Alessandro. Ich habe das alles nicht gewusst.“ Perlite sah die abwinkende Geste ihres Bruders und fuhr fort: „Nach unserem letzten Gespräch über Juliane habe ich lange nachgedacht und kann dir nur eines sagen: Egal, welche Entscheidung du getroffen hast, ich akzeptiere sie. Aber ich habe eine Bitte: Nimm mir nicht meine Nichte. Du hast eine Tochter, ach, sogar zwei. Ich aber bin unverheiratet und ohne Hoffnung kinderlos ... Nicht nur dich, sondern auch mich hat der liebe Gott mit der Unfruchtbarkeit bestraft...“
