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In "Midnight-Ladies" stehen sich Parteien gegenüber, die der Prostition nachgehen mit allen damit verbundenen kriminellen Begleiterscheinungen und die gut bürgerlichen Vermieter. Sie sind darum bemüht, Schaden von ihrer Wohnanschrift abzuwenden und die Zeit der Vermietung so kurz wie möglich zu halten. Dennoch sind die fünf Monate eine Ewigkeit für sie. Es entwickelt sich aus dem Zusammenleben eine Art Katz- und Mausspiel in einer durchaus realistischen Geschichte. "An einem Sonntagnachmittag" vollzieht sich die Trennung einer jahrzehtelangen Freundschaft. Es wird kein Dreiecksverhältnis geben, beschließen zwei der Betroffenen.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Midnight-Ladies
An einem Sonntagnachmittag
Die vorliegenden Verdachtsmomente reichen nicht aus, um eine fristlose Kündigung des Mietverhältnisses zu bewirken, schrieb unser Anwalt abschließend, nachdem ich die ihm überreichten Unterlagen abholte. In seiner Kanzlei überprüfte ich die Vollständigkeit der Belege - Mietvertrag, schriftliche Abmahnung, eine sicher nicht vollständige Liste mit Männerbesuchen unserer neuen Mieterin.
Die kritisch beobachtenden Blicke seiner Angestellten zeigten, dass es eher ungewöhnlich ist, einem Anwalt Untätigkeit zu unterstellen.
Eine schnelle Kündigung hatte er zugesagt, wenn ihm schriftlich formuliert der Kündigungsgrund zugeleitet würde. Noch am Nachmittag desselben Tages würde die Kündigung geschrieben werden, sagte er. Jedoch erhielten wir stattdessen ein Beschwichtigungsschreiben des Inhalts: So kurz nach einer Abmahnung könne man ja wohl auf Seiten der neuen Mieterin nicht reagieren, um häufige Besuche von Männern - Kunden? - abzustellen. Der Anwalt riet, weiterhin zu beobachten, möglichst mit Zeugen, Autokennzeichen aufzuschreiben und die Häufigkeit der Männerbesuche festzuhalten. Telefonisch war er in der Folgezeit nicht für mich zu sprechen. Von seinem Büro wurden mir Termine in vier bis sechs Wochen genannt.
Weitere vier Wochen untätig diesem unerträglichen Treiben vor unserer Haustür zusehen und sich möglicherweise später den Vorwurf der Duldung gefallen lassen zu müssen, erschien uns unzumutbar!
Als nächstes erreichte uns ein mehrseitiges Schreiben des Anwalts unserer Mieterin, das uns die Behauptung untersagte, seine Mandantschaft betreibe ein bordellartiges Unternehmen. Für die Verbreitung könnten wir gerichtlich belangt werden. Von dieser Möglichkeit sähe seine Klientin zur Zeit jedoch noch ab.
Hiernach unternahm ich einen weiteren Versuch, unseren Anwalt zu sprechen.
Dies war nur über seinen Anrufbeantworter möglich. Das Aktenzeichen eines Urteils des Münsteraner Amtsgerichtes teilte ich ihm mit, in dem es heißt, dass schon der bloße Anschein der Prostitution für eine fristlose Kündigung ausreiche.
Zeitweise war ich über die Untätigkeit unseres damaligen Anwalts fast ebenso zermürbt, wie über den Grund seiner Inanspruchnahme. Ich fühlte mich allein gelassen!
Bei der ersten Kontaktaufnahme signalisierte er noch reges Interesse. Nach den von mir geäußerten Beobachtungen und der Aussage, unsere Mieterin gehe offensichtlich der Prostitution nach, fragte er: “Inseriert sie?“ „Nein, das kann sie nicht! Sie ist Sozialhilfeempfängerin.“ „Aber dann sind sie doch arglistig getäuscht worden, oder hat sie ihnen mitgeteilt, dass sie häufig Männerbesuche erhält?“ „Nein, sonst wären wir ja hellhörig geworden.“
Alles begann mit der harmlosen Anzeige: Fünfunddreißigjährige sucht Wohnung bis 250,-- Euro.
Als ich anrief und unsere leerstehende Wohnung anbot, war eine der ersten Fragen: „Macht es ihnen etwas aus, wenn das Sozialamt die Miete bezahlt?“ Ich schluckte, erwiderte jedoch: „Warum fragen sie?“ „Das habe ich schon oft erlebt,“ lautete die sanft traurige Antwort. Mitgefühl breitete sich aus und ich verdrängte meine anfänglichen Bedenken, sagte mir, dass jemand schnell unverschuldet in die Abhängigkeit des Sozialamtes geraten könne.
Ich erwiderte jedoch unverblümt: „Was uns ganz bestimmt etwas ausmacht, sind unruhige Mieter.“ Dafür zeigte sie Verständnis und versicherte, sie sei alleinstehend und erzählte gemächlich, dass sie gerade eine Trennung hinter sich und ein starkes Bedürfnis nach Ruhe habe.
Wir verabredeten uns für den Nachmittag dieses Tages zu einer Wohnungsbesichtigung.
Es war ein warmer, sonniger Sonnabend im Juli.
Ich beendete rechtzeitig meine Gartentätigkeit und wartete. Eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin griff ich zum Telefonhörer und wählte die Nummer der Inserentin. „Hatten wir nicht einen Termin,“ fragte ich verstimmt.
Es seien noch so viele Anrufe eingegangen, erwiderte die Wohnungssuchende, so dass sie nicht weg konnte. Gerade habe sie ebenfalls anrufen wollen, um den Besichtigungstermin auf Montagnachmittag zu verschieben.
Zu diesem Termin erschien sie zu früh. Ich war noch nicht zu Hause und so stellte ihr mein Mann das Mietobjekt vor.
Als ich zur verabredeten Zeit daheim eintraf, war sie bereits fort.
„Welchen Eindruck hat sie auf dich gemacht?“ fragte ich Klaus.“Sie ist ziemlich dick! Gesagt hat sie nicht viel, hat sich umgeschaut und will sich melden.“
Kurze Zeit später klingelte das Telefon und sie teilte mit, sie wolle die Wohnung gern haben. Ich vertröstete sie und antwortete, mich noch nicht entscheiden zu können, weil am Vormittag bereits andere Interessenten eine Besichtigung vorgenommen hätten und gern einziehen wollten.
Meine Gesprächspartnerin am anderen Ende der Leitung betonte, wie gern sie diese Wohnung möchte. Es klang wie ein emotionaler Ausbruch der sonst stillen, wortkargen Frau. Da wir uns gerade verfehlt hätten, möchte ich sie kennenlernen, erwiderte ich und wir verabredeten uns zu einem Treffen in ihrer jetzigen Wohnung.
Die Gegend war nicht schlecht.
Vor dem Haus warteten zwei jüngere Männer, die mich auffällig betrachteten. Sie wirkten ungepflegt. Im Vorbeigehen dachte ich, `Hier wohnt ja doch ein komisches Volk´. Heute weiß ich, dass es Bekannte der Umzugswilligen waren, die sie wegen meines Besuchs vor die Tür geschickt hatte.
Die kleine Wohnung wirkte aufgeräumt. Das Wohnzimmer war spärlich möbliert. Es gab einige welkende Topfblumen. Obwohl die Balkontür geöffnet war, roch es stark nach süßlichem Zigarettenrauch.
Behäbig, scheinbar ruhig, saß die Wohnungssuchende auf dem Sofa des kleinen Zimmers, dessen Einrichtung im Wesentlichen aus der geometrisch lila-grau gemusterten Couchgarnitur, einem großen Fernsehgerät und einer Musikanlage mit überproportional großen Lautsprecherboxen bestand.
Mein Gegenüber zeigte eine Vorliebe für Leggings, wie viele Korpulente, die ihre schlankeren Körperpartien präsentieren, obwohl die üppigeren dann stärker hervortreten und Leggings längst aus der Mode waren.
Da der Küchenteil unserer Wohnung sehr klein ist, schaute ich mir ihre Küchenmöbel an und erkannte, dass die bei uns keinen Platz finden würden. Die seien so gut wie verkauft und sie würde sich einen Küchenblock anschaffen. Verschiedene Möbel müsse sie sowieso noch abgeben, da sie sich gerade von ihrem Mann getrennt habe. Sie sprach langsam und gemäßigt wehleidig. Trennungen sind heutzutage normal, sagte ich mir.
Nichts wies auf das hin, was sich in der Folgezeit ereignen sollte.
Alles machte einen ordentlichen Eindruck.
Wir sagten den anderen Interessenten ab, nachdem die Legginghosenträgerin mehrfach höflich bescheiden wegen der Wohnung mit uns telefonierte.
Wir glaubten, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Jemand, der kein Auto besitzt, lebt geradezu ideal bei uns. Einige Häuser weiter sind Bushaltestellen, den täglichen Bedarf an Lebensmitteln, Haushaltswaren und Textilien decken die Geschäfte in unmittelbarer Nähe ab. Das Sozialamt und weitere Behörden sind zu Fuß in wenigen Minuten erreichbar. Dafür ist nur der Marktplatz zu überqueren.
Die Wohnung ist ebenerdig, hat einen separaten Eingang, ist auf eine Person zugeschnitten und könnte bei entsprechender Möbelierung gemütlich sein. Die Fenster liegen zum großen, malerischen Garten, aus dem das Gackern unserer Hühner, das Krähen des Hahnes und Vogelgezwitscher zu vernehmen sind. Der romantische Garten lässt das geschäftige Treiben auf der Straße vergessen.
Unsere Entscheidung für diese Mieterin war mit Sicherheit durch so etwas wie Edelmut bestimmt. Wir glaubten, ihr eine Wohnung zu geben, in der man sich wohlfühlen konnte, deren Miete voll vom Sozialamt akzeptiert wurde, die durch ihre Lage viel Positives bot. Dass die Wohnung aus ganz anderer Sicht äußerst positiv bewertet wurde, bemerkten wir erst kurz nach dem Einzug.
Die Frau drängte auf Abschluss des Mietvertrages, da sie die alte Wohnung bereits gekündigt habe. Auf die Frage nach der Einhaltung der Kündigungszeit sagte sie, bei ihr sei nichts zu holen. Sie habe die sehr viel höhere Miete nur tragen können, weil sie eine Putzstelle habe, später sprach sie sogar von zweien, von denen ja niemand etwas zu wissen brauche.
Die Erwähnung der Putzstellen erzielte das gewünschte Ergebnis, gab vielleicht sogar den Ausschlag für die Entscheidung zu ihren Gunsten, denn wer putzen geht, ist fleißig, ehrlich und sauber, dachte ich zumindest in diesem Moment.
Sie habe sich auch schon in einer großen Fabrik für Autozubehörteile beworben, um möglichst schnell von der Sozialhilfe wegzukommen, sagte die Unattraktive. Eine Anstellung in der Fabrik schien mir wenig aussichtslos wegen des dort, wie überall, praktizierten Personalabbaus. Es war damals keine gute Zeit für Beschäftigungssuchende.
Beim Umzug half eine schwarzhaarige Frau tatkräftig mit. Es war die Freundin der neuen Mieterin. Sie war die Aktivere von beiden und wirkte patent.
Schwierigkeiten ergaben sich, weil niemand den gemieteten Kleintransporter fahren konnte, denn die Beiden besaßen keine Führerscheine und so bat man mich zu chauffieren. Ich lehnte ab und so tat dies ein Bruder der neuen Mieterin und half beim Möbeltragen.
Da an der Gasheizung noch Veränderungen vorzunehmen waren, verständigten wir einen Installateur. Der Handwerker glaubte, die beiden Frauen zu kennen, erzählte er Klaus. Sie hätten vor Jahren zusammen in einem Haus im Westen gewohnt, das neue Heizungen erhielt. „Den Mann von der Schwatten kennst du doch! Das hat doch in der Zeitung gestanden, dass der zwei Frauen ermordet hat,“ erzählte er.
Wir erschraken, beschwichtigten uns jedoch damit, dass man nicht die Frau oder die ehemalige Frau dafür verurteilen kann, wenn der Mann ein Mörder ist.
„Wer weiß, ob das überhaupt stimmt?“
Es traf zu!
Die Tat lag mehrere Jahre zurück. Wir konnten uns nicht mehr daran erinnern, wohl aber ein guter Bekannter. Er wusste sogar den Namen des Mannes und glaubte, er habe seinen Vater umgebracht und im Vorgarten seines Hauses verscharrt, sowie den zerstückelten Torso einer Frau in die Kanalisation geworfen, der dann im Düker stecken blieb, wurde das damalige Verbrechen konkreter.
Auch der Bruder der neuen Mieterin, der das Umzugsauto fuhr und die Küchenmöbel anschraubte - es wurden doch alle Schränke mitgenommen und aufzustellen versucht - hatte offensichtlich spezielle Kenntnisse, denn er zeigte sich äußerst bereitwillig beim Aufbrechen von Autos.
Ein Handwerker hatte seinen Autoschlüssel verlegt und spontan schlug der Bruder vor „knacken!“ Nein, bloß nicht! Die Heckklappe sei unverschlossen, nur starten sei unmöglich. „Ganz einfach – kurzschließen,“ so der Bruder. Seine Schwester warf ihm einen Blick zu, der ihn verstummen ließ.
Schon zu diesem Zeitpunkt war ich froh, dass wir zuvor die Mietwohnungsfenster zum Garten mit gutaussehenden Gittern versehen ließen. So konnte niemand, der dort nichts zu suchen hatte, in den Garten gelangen.
Schon nach dem Aushändigen des Wohnungsschlüssels bekamen wir einen gewaltigen Schrecken, weil wir den damaligen Freund unserer Mitbewohnerin als Trinker kannten, der häufig im Gefängnis saß wegen angeblich nicht gezahlter Unterhaltsleistungen für seine Kinder aus seiner geschiedenen Ehe. Er besichtigte die Räume, um bei technischen Fragen zu helfen.
Seine Bewegungen waren fahrig und er schwankte. Während er seinen fachmännischen Rat und seine Hilfe anbot, gestikulierte er mit seinem Gipsarm und erläuterte, dass in die rechte Hand eine Metallplatte eingesetzt worden sei. Ich fragte nicht, wie es zu dem Trümmerbruch gekommen war, konnte es mir irgendwie denken. Seine weiteren Vorschläge von geselligen Zusammenkünften der Hausbewohner in der Einfahrt erstickte ich mit „träum weiter,“ im Keim. Der Betrunkene erinnerte noch an die alten Zeiten vor seinem Absturz und prahlte mit seiner Tüchtigkeit als Baggerfahrer. Ja, selbst total betrunken habe er ein gefülltes Bierglas mit dem Löffel seines Baggers umsetzen können ohne etwas zu verschütten.
Eine nach Schnaps riechende Mineralwasserflasche blieb vom Tage des ersten Zusammentreffens in der soeben vermieteten Wohnung zurück.
Das Nächste vernahmen wir einige Nächte später von ihm. Gegen halb eins schellte es an unserer Tür. Im ersten Erwachen hörten wir jemanden sprechen, waren sofort hellwach und fragten durch die geschlossene Tür! „Wer ist da?“ „Ich bin 's – Erwin,“ lallte er. „Geh nach Hause. Du hast hier nichts zu suchen! Hau bloß ab, sonst holen wir die Polizei! Du hast hier Hausverbot!“ Verständnislos stammelte er: „Das fängt ja schon gut an! Eben der Krach beim Einpacken und jetzt hier!“
Er verließ unter unverständlichem Gemurmel die Einfahrt.
Ich dachte das Gleiche: `Das fängt ja schon gut an! Die Neue wohnt noch gar nicht hier und schon gibt es nächtliche Störungen und andauernd Kontakte mit Menschen, denen wir bisher aus dem Weg gegangen sind.´
Zwei Tage später informierte ich die neue Mitbewohnerin, als sie mit ihrer Freundin den Umzug plante, über Erwin´s nächtlichen Besuch. Sie schien erschrocken und fragte irritiert, was er denn hier gesucht habe? „Scheinbar wollte er sich ausweinen und schauen, ob es bei uns etwas zu trinken gibt. Mit Männern wie Erwin werden sie ganz sicher keinen guten Neubeginn haben, Frau Peters,“ sagte ich. „Ganz bestimmt nicht,“ gab sie mir Recht und fügte hinzu: „Aber arbeiten kann er! Er muss nur erst eine Entziehungskur machen.“
Ihre Stimme klang weich.
Sie bejahte meine Frage, ob sie ihn in der besagten Nacht rausgeworfen habe und räumte ein, dass er bereits mehrfach Randale und nächtliche Ruhestörungen in ihrer vorherigen Wohnung verursacht habe. Zweifel beschlichen mich wegen ihrer anfänglichen Beteuerung, sie sei eine ruhige Mieterin, wir könnten gern ihren Vermieter fragen.
Hätte ich das nur getan, schoss es mir durch den Kopf. Gern hätte ich bei Nachbarn Auskünfte über Frau Peters eingeholt, verbot mir mein von Anfang an vorhandenes Misstrauen, redete mir ein, dass jemand, der einen derart offenherzigen Vorschlag unterbreitet, kaum etwas zu verbergen haben würde. Inzwischen bezweifel ich, dass uns jemand zu diesem Zeitpunkt die Wahrheit über das Zusammenleben mit Britta Peters gesagt hätte. Die erfuhr ich, als sie kurze Zeit bei uns wohnte. An dem Tag, als ich dem Anwalt die Unterlagen für die fristlose Kündigung brachte, fuhr ich auch zur ehemaligen Wohnung der Peters.
Die Haustür wurde mir von einer Frau geöffnet, die gerade aus dem Keller kam. Meine Frage nach Britta Peters löste hellwaches Lauern aus. Sie fixierte mein Gesicht, als sie erwiderte: „Aus welchem Grund erkundigen sie sich nach ihr?“ „Wir wohnen jetzt mit ihr zusammen!“ „Sie Arme!“ Die ehemalige Nachbarin bat mich in ihre Wohnung. Wir tranken Kaffee und rauchten, während sie über die dreimonatige Mietzeit von Frau Peters in diesem Hause berichtete.
Als erstes zeigte sie mir Ohrenstöpsel und Beruhigungstabletten, die sie während dieser Zeit brauchte. „Um sechs Uhr morgens konnte man zur Ruhe kommen, dann ging die schlafen und stellte die Musik aus. Zuvor dröhnten die Bässe durch das ganze Haus! Ich arbeite im Akkord bei,“ nun folgte der Name eben jener Fabrik, bei der sich Frau Peters angeblich beworben hatte. „Können sie sich vorstellen, was Akkordarbeit bedeutet? Ich war kaum noch leistungsfähig. Die Kolleginnen haben mich verschiedentlich gefragt: `Wie siehst du denn aus? Was ist los mit dir? Hast du Sorgen, bist du krank?´ Mein Mann muss früh um vier Uhr aufstehen, weil er auswärts arbeitet. Ich weiß gar nicht, wie er die Zeit durchstanden hat mit dem wenigen Schlaf. Eine Familie mit einem zweijährigen Kind wohnt genau über der ehemaligen Wohnung der Peters. Das Kind ist laufend aus dem Schlaf geschreckt. Die Polizei wurde oft gerufen - von allen Hausbewohnern. Manche Nacht mehrfach!
Einmal hat sie eine Verwarnung bezahlen müssen. Da hat sie die Polizeibeamten fast rausgeschmissen. Jetzt wäre es aber an der Zeit, schnell ihre Wohnung zu verlassen - zak-zak! hat sie gesagt. Bei einem weiteren Einsatz drohte die Polizei, die Musikanlage mitzunehmen, wenn nicht unverzüglich Ruhe einträte. Dann dreht sie die Lautstärke kurzzeitig leise, um anschließend den Musikterror zu verstärken.
Die Polizei ist schon gar nicht mehr gekommen. Wir haben uns wiederholt an unseren Vermieter gewandt. Der hat sie angerufen, aber geändert hat sich nichts. Wir konnten es nicht glauben, als am ersten August ein Leihwagen vor der Tür stand und sie auszog. - Nein, eine Räumungsklage ist nicht erfolgt, sie ging ganz freiwillig. Es hieß, sie habe eine billigere Wohnung bekommen. - Wechselnde Männerbesuche, mehrere in einer Nacht haben wir nicht beobachtet.
Unsere Wohnzimmerfenster liegen hinten heraus und wenn man Fernsehen schaut, bekommt man nichts mit. Nur, wenn die woanders geschellt haben. Das ist allerdings öfter vorgekommen. Einmal bei uns um zwei Uhr! Mein Mann schaute zum Flurfenster. Der Besucher schrie: `Mach die Tür auf, oder ich trete die ein!´ Aber mein Mann ist fast zwei Meter groß und kräftig! Er rief nach unten: `Warte mal, bis ich mir den Jogginganzug angezogen habe, dann kriegst du was auf die Fresse!´ Da ist der andere abgehauen.
Manchmal ist ihr Mann gekommen. - Ja, wie sieht der aus? Er ist klein und schmächtig. Wenn sie den nicht rein ließ, bettelte er:`Britta, Britta, mach doch bitte, bitte auf.´ Einmal hat er vor der Haustür übernachtet.
Gleich, nachdem sie hier einzog - wir haben ihr noch die letzten Sachen transportiert, sie hat ja kein Auto - zu dem Zeitpunkt hatte sie noch den Georg Schwarzer. Den hat sie rausgeschmissen wegen dem Rudi Neumann und den hat sie rausgeschmissen wegen dem mit dem Gipsarm. - Nein, gekündigt hat sie nicht, hat einfach den Schlüssel in den Postkasten geworfen. In der Wohnung hat sie versucht, die Duschabtrennung auszubauen, aber sonst hielten sich Beschädigungen und Verunreinigungen in Grenzen. Wir sind alle froh, dass der Spuk vorüber ist. Anfangs haben wir uns noch mit ihr zusammengesetzt. Mir hat sie erzählt, sie wäre Raumpflegerin, aber die ist viel zu faul zum Arbeiten. Sie tun mir leid als Vermieterin. - Nein, vor Gericht möchte ich lieber nicht darüber reden. Ich weiß, was der Georg Schwarzer schon alles für krumme Dinger gedreht hat und auch der Rudi Neumann. Und dann kam auch ihre Freundin Uta immer häufiger. Dann ging es besonders laut zu! So jemand muss allein in einem abseits gelegenen Haus wohnen! Die macht andere krank!“
Nach diesem Gespräch war unser einziger Trost, dass sie auch bei uns nur drei Monate wohnen bleiben möge. Dies war die einzige Hoffnung in all den Schrecken.
Wir beschlossen, die Bedingungen zu verändern, um einen Auszug zu beschleunigen.
Zu erkennen, dass unsere Anschrift in ganz kurzer Zeit zu einer Anlaufstelle von Männern mit krimineller Vergangenheit und Gegenwart geworden war, versetzte mich in Angst. Ich fühlte mich hintergangen und gedemütigt von jemandem, dem ich dieses Treiben, entgegen meiner spontanen Bedenken, durch meine Gutmütigkeit ermöglicht hatte. Ich fühlte mich beschmutzt von den Blicken geiler Freier, wenn ich das Haus verließ.
Sobald die Gardinen angebracht waren, gab es keinen Zweifel mehr, um welche Tätigkeit es sich bei den vermeintlichen Putzstellen handelte.
Weitgehend wurden die Dienstleistungen in den Abendstunden erbracht. Männer huschten zur Tür, oft waren sie angetrunken und zu zweit. Alles spielte sich zunächst verhältnismäßig leise ab. Terror durch laute Musik gab es erst später.
In der Nacht, als sie zum ersten Mal mit Freundin Uta und einem dicken, alten, in Jogginganzug gekleideten Mann und einem blondhaarigen Brillenträger mittleren Alters nach Hause kam, während zwei weitere Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite warteten, ab und zu leise an die Tür klopften und von dem Jogginganzugträger weggeschickt wurden, weiterhin warteten und hörten, wie ich die Jalousie im Zimmer über unserer gemeinsamen Einfahrt hochzog, in dieser Nacht traute ich mich noch nicht zu fotografieren. Ich fürchtete Übergriffe.
Später hatten wir eine Überwachungskamera, die das Treiben vor unserer Tür festhielt.
Die unter einem Balkon auf der gegenüberliegenden Straßenseite Wartenden, die zuvor wiederholt an die Tür der Peters klopften, beobachteten das dunkle Fenster in der ersten Etage, versuchten zu ergründen, ob sie in jener Nacht noch zum Zuge kommen würden.
Mit einer Taschenlampe blinkten sie einem vorbeifahrenden Auto. Das hielt an. Der Größere von beiden sprach mit den Fahrzeuginsassen. Das Auto fuhr weiter.
Kurze Zeit später gingen die Wartenden, nachdem einer, wie mir später von einer Nachbarin überbracht wurde, gesagt habe, er habe keinen Bock mehr. Kurz vor vier Uhr morgens verließen Freundin Uta, ihr Schäferhund und die beiden Männer die Wohnung. In der Tür beantwortete Frau Peters eine Frage des jüngeren Brillenträgers mit den Worten: „Da mach dir mal keine Sorgen.“
War das die Antwort auf die Frage nach Aids?
Mein Kopf war leer.
Übernächtigt und überreizt fiel mir als einzige Möglichkeit ein, die Polizei einzuschalten. Meine journalistische Tätigkeit brachte manche Verbindung mit sich, die ich jetzt zu nutzen versuchen konnte.
Ich führte ein längeres Telefonat, in dem ich wiederholt um mehr Polizeipräsenz in unserer Straße bat. Mein Ansinnen wurde freundlich aber bestimmt abgelehnt. Mein Gesprächsteilnehmer gab wiederholt den Hinweis, einen Anwalt aufzusuchen. Dies sei eine privatrechtliche Angelegenheit, man könne nur zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung raten.
Trotz der offiziellen Ablehnung meines Ersuchens fuhren in der Folgezeit vermehrt Streifenwagen vorbei.
Mein Wunsch war keinesfalls überzogen, weil ganz in unserer Nähe eine Polizeistation liegt und es nur eine Frage der Einsatzleitung war, nicht brandeilige Fahrten über unsere Straße zu führen.
Ich schilderte mein Erschrecken, als sich abzeichnete, in welches Milieu wir geraten waren. Dem könne nur mit geeigneten Mitteln entgegengewirkt werden. In dem Telefonat zeigte ich auf, wo die Kontakte geknüpft werden. Die Information geschieht per Telefon oder Handy.
Uta mit Schäferhund und einer weiteren Frau, die Britta Peters sehr ähnelt, jedoch besser aussieht und nicht ganz so korpulent ist, sitzen auf einer Parkbank neben der Trinkhalle am Marktplatz. Dort werden Angebot und Nachfrage geregelt und der Weg in die Wohnung unserer neuen Mitbewohnerin gewiesen. Am Markt entlang, vorbei am Sozialamt, über den Parkplatz eines Lebensmittelgeschäftes an der efeuberankten Pergola in die Einfahrt!
Wenige Minuten Fußweg! Danach erwartet die Interessierten ein vermutlich günstiges und vielleicht gutes Erlebnis. Ganz besonders scheint sie Arbeitern einer international besetzten Großbaustelle in der Nähe über den Trennungsschmerz von Familie und Heimat hinweg geholfen zu haben. Sie waren anfänglich stete Besucher bei Britta Peters. Später baute sie die internationalen Kontakte mit einem in der Nähe gelegenen Kulturverein aus.
An dem Tag, an dem ich die Kündigungsunterlagen zum Anwalt brachte und mit der ehemaligen Nachbarin sprach, fuhr ich auf dem Rückweg an der Kontaktstelle am Markt entlang. Ich entdeckte Uta mit Hund und, so glaubte ich, Frau Peters! Als ich nur Minuten später in unserer Einfahrt hielt, wollte ich mich mit einem Blick durch die Glastür vergewissern, ob unsere Mieterin fort war, jedoch saß sie auf dem Sofa und öffnete mir freundlich die Tür.
Verblüfft entschuldigte ich mich wegen meines dreisten Blicks in ihre Wohnung und sagte, dass ich überzeugt gewesen sei, sie soeben auf der Bank beim Kiosk gesehen zu haben. Sie erschrak offensichtlich und erwiderte: „Nein, da sitze ich nicht.“
„Frau Peters, wenn sie glauben sollten, ihr Lebensstil sei unbeobachtet geblieben, dann irren sie sich. Die ganze Straße hat in den wenigen Tagen schon mitgekriegt, was hier geschieht. Sie glauben wohl, weil alles leise abläuft, fällt es nicht auf. Unter dem Balkon warten die Männer, bis sie eingelassen werden,“ sagte ich ohne jegliche Schärfe, eher mit einer gewissen Mutlosigkeit und fügte hinzu: „Morgen bekommen sie eine schriftliche Abmahnung, die ich ihnen mit Zeugen überreichen werde. Morgen werden auch Strahler in der Einfahrt angebracht. Hier kommt kein Freier mehr auf den Hof!“
Da war es heraus!
Während des gesamten Gesprächs stand sie traurig erschrocken vor mir, schien Besorgnis zu haben, dass das gutgehende Unternehmen Einbußen erleiden könnte.
Sie hörte mir widerspruchslos zu, sagte nur, sie habe gedacht, hier sei es besser als zuvor. Irgendwie fühlte ich mich, als täte ich ihr Unrecht.
Im Augenblick der Aussprache war ich völlig ruhig. Mein Herz raste erst, als ich einer Nachbarin davon berichtete, die mich während meiner Abwesenheit im Haus vertrat.
Seit nunmehr sechs Wochen ließ ich unsere Wohnung nicht mehr unbeaufsichtigt.
Alles war eine Frage der Organisation und Terminabsprache! Ich verzichtete auf meinen regelmäßigen Sport und den Chor, um unserer Mieterin, die jede unserer Gewohnheiten herausfinden konnte und ihrem gesamten Umfeld keine Gelegenheit zu bieten, bei uns einbrechen zu können. Sie musste Gewissheit erlangen, dass bei uns stets jemand anwesend ist, war meine Strategie.
Nach der mündlichen Abmahnung verließ Frau Peters sofort die Wohnung, vermutlich um ihrer Freundin und wohl ihrer Zwilligsschwester von meinen Vorwürfen zu berichten. Am Abend dieses Tages verwies ich den ersten ihrer Besucher vom Grundstück!
Er war kleinwüchsig mit slawischem Aussehen und verdutzt über den Rauswurf. Nach einigem Zögern ging er und soll gesagt haben: „Na, dann eben nicht,“ wurde gehört.
Am nächsten Tag überreichten wir Frau Peters die schriftliche Abmahnung. Ihr Vater und eine schwarzhaarige, elegante Frau saßen auf dem Sofa. Als wir schellten, öffnete Britta Peters behende die Haustür und sagte rasch: „Mein Vater ist gerade aus dem Krankenhaus gekommen. Er darf keine Aufregung haben.“
Aufregen wollten wir den hageren Mann nicht, lediglich seiner Tochter die schriftliche Abmahnung überreichen.
„Bitte schön, das Schreiben! Mein Mann ist Zeuge.“ Als dieser noch die Räumung der kurzfristig kostenlos überlassenen Garage ansprechen wollte, in der die übrigen Küchenmöbel lagerten, wurde die Tür vor unserer Nase zugemacht.
Kurze Zeit später schellten Frau Peters und Freundin Uta bei uns. Sie wollten mit mir über die Abmahnung sprechen.
Eine Unterredung lehnte ich ab.
Lügen der beiden Frauen waren mir nach meinem Empfinden genügend aufgetischt worden.
„Sie wussten beide, was sie hier vorhatten. Ich lasse es nicht zu, dass sie unsere Anschrift weiterhin beschmutzen. Sie sind beide vom Sozialamt abhängig. Denken sie mal über diesen Punkt nach! Das Nächste ist eine Meldung ans Gesundheitsamt.“ Frau Peters erwiderte, nur sie sei Sozialhilfeempfängerin. „Sie nicht,“ sagte sie und wies mit dem Finger auf ihre Freundin.
Beide geben immer nur das zu, was sowieso schon bekannt ist. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich die Tür verschloss.
Am Nachmittag kamen alte Freunde von uns, die die Scheinwerferanlage installieren würden. Der Lieferwagen ihrer Firma stand lange in der Einfahrt. „Beleuchtungs- und Sicherheitsanlagen“ stand auf den Türen des rotbraunen Mercedes-Transporters.
Die beiden Damen verließen kurz nach Eintreffen unserer Freunde die Wohnung.
Vermutlich verlegten sie ihr Betätigungsfeld in Utas Wohnung. Sie wohnt nur wenige Minuten entfernt am Markt in Sichtweite der Parkbank am Kiosk.
Der Abend mit unseren Freunden wurde lang. Wir besprachen, an welchen Stellen die Scheinwerfer und Bewegungsmelder installiert werden sollten, redeten über die unerträgliche Situation und konnten im Verlaufe des Abends dennoch herzhaft über neuere und alte Begebenheiten lachen.
Die Unterstützung vieler Freunde und unserer Geschwister war das einzig Positive in dieser Zeit. Das Erleben, nicht allein gelassen zu werden, registrierten wir dankbar. Unsere Besucher verschafften uns Ablenkung von Kummer. In unserer neuen Welt von Prostitution und Verbrechen waren das Lichtblicke.
Unsere Freunde fuhren den Lieferwagen gegen Mitternacht aus der Einfahrt. Wir winkten zum Abschied, waren entspannt und hofften, eine ruhige Nacht vor uns zu haben, als es Minuten später bei uns schellte. Vor der Tür stand ein hagerer, älterer Mann, der nach Britta fragte. Wir verwiesen ihn vom Grundstück!
