9,99 €
Innere Spannung und Dramatik garantiert der Roman über das Schicksal einer Flüchtlingsfamilie im Nachkriegsdeutschland. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen eine aus den Ostgebieten vertriebene Mutter mit ihren fünf Kindern im Säuglings- bis zum Teenageralter. Sanft wird in die Lebensbedingungen der Familie eingeführt, die Anfang der fünfziger Jahre aus der ehemaligen DDR nach Westdeutschland übersiedelt. Die Mutter bemüht sich, ihre Kinder vor den Einflüssen einer ihr fremden Welt und Lebensweise zu bewahren, flüchtet sich in Vergangenes und Isolation. Als das Realität wird, was alle lange Zeit erhofften, alles geordnet verlaufen könnte in eigener kleiner Neubauwohnung, mit Witwenrente, Vollbeschäftigung ihrer großen Kinder und der Schule ihrer Jüngsten, ist es gerade die Mutter, die den Kindern tiefste Wunden zufügt und unvergessliche Szenen liefert durch Depressionen und Medikamentenmissbrauch. Schwere Gemütsschwankungen, die in Selbstmordandrohungen gipfeln, variiert und steigert sie dramatisch. Sich zum Mittelpunkt der Gedanken und Sorgen ihrer Kinder zu machen, sie durch Druck und Angst an sich zu binden, ist ihr Ziel. Sie verliert sie gerade dadurch. Die Kinder geben sich gegenseitig Halt und fühlen sich schuldig am Leiden der Mutter. Im Vertuschen liegt das eigentliche Versäumnis der Kinder. Den Weg einer Entziehungskur scheuen sie wegen der "Leute". So festigt sich über zweieinhalb Jahrzehnte ein Schlafmittelkonsum, der durch den Tod der Mutter im Landeskrankenhaus endet.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 497
Veröffentlichungsjahr: 2020
Als teuflischen Kreislauf bezeichnete das Gericht die verhängnisvolle Drogenkarriere eines sechsunddreißigjährigen Angeklagten, der selbst scheinbar nicht fassen konnte, wie es so weit mit ihm gekommen war.
Er habe sich wieder völlig in die Drogen fallenlassen und sich aufgegeben, berichtete er fassungslos. Während der Verhandlung vor der
VI. Strafkammer des Dortmunder Landgerichts gestand er, unentwegt seinen Kopf schüttelnd, als könne er selbst nicht glauben, wovon er berichtete, den ihm zur Last gelegten Raubüberfall.
Der Rückfall in die Rauschgiftsucht hatte den erfolgreichen Jungunternehmer nach jahrelanger Abstinenz wieder im Würgegriff. Sein Bedarf an Heroin und Kokain sei zuletzt so hoch gewesen, dass er dafür täglich um zweihundert Euro benötigte, offenbarte er in der Verhandlung.
Zunächst stieg er aus seiner Firma aus, ließ sich von seiner Geschäftspartnerin auszahlen, um den Drogenbedarf zu finanzieren. Es folgte der Verkauf seiner Eigentumswohnung und des Inventars, so der Zeitungsbericht. Und weiter: Die übermächtige Sucht nahm ihm in kürzester Zeit alles, was er sich in mehreren Jahren harter Arbeit und strenger Abstinenz aufgebaut hatte.
Sein Weg verlief, wie schon fast zehn Jahre zuvor, irgendwo bei Bekannten unterzukriechen, fortwährend die drückende Sorge um Geld für den nächsten Schuss. Er beging Diebstähle in der City, bei denen er nie aufgefallen war, deren Erlöse schließlich nicht mehr ausreichten.
Der nächste Schritt war der Überfall auf eine Lottoannahmestelle. Hierzu hatte er ein Ladenlokal ausgespäht, von dessen Inhaberin er wegen ihres Alters wenig Gegenwehr erwartete.
Die beherzte Seniorin jedoch verhielt sich nicht seinen Vorstellungen gemäß und versuchte, ihn mit einer Ohrfeige zu verscheuchen. Während des anschließenden Handgemenges stürzte die Frau zu Boden und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu.
Er konnte mit einer Beute von vierhundertneunzig Euro flüchten, wurde jedoch kurze Zeit später in einer Gartenlaube festgenommen, wo er sich gerade Heroin spritzen wollte.
Als Karin den Zeitungsartikel las, überfiel sie schlagmals die Erinnerung. Szenen aus ihrer Jugend stürzten rasterhaft auf sie ein und zeigten ihr einmal mehr, wie mächtig Drogen sein können. Ihre Auswirkungen sind langzeitig und stark und beeinflussen sowohl die Charaktere der Konsumenten als auch die der unmittelbar Betroffenen, der Kinder, der Eltern, der Ehepartner.
In ihrer Jugend war die alles beherrschende Droge weiß, achteckig und hatte einen dreisilbigen Namen. Ihre Kraft war gewaltig. Auf der einen Seite war es die Kraft vergessen zu machen - auf der anderen Seite Unvergessbares zu erzeugen.
Viele Geschehnisse hatte sie verdrängt und gehofft, sich irgendwann einmal nicht mehr daran erinnern zu können, jedoch blieb der suchtbelastete Teil ihrer Vergangenheit unlöslich in ihrem Gedächtnis haften.
Sie konnte sich nicht erklären, warum der Bericht über diese Gerichtsverhandlung sie gerade jetzt so erregte und ihre Erinnerung aufwühlte. Sie fragte sich, womit sie beginnen würde, wenn sie jemandem ihr Leben erzählen könnte.
Würde sie mit ihrer Geburt anfangen, die im Ursprung ungewollt - schließlich hingenommen wurde in der Hoffnung, dass, wenn schon nicht zu verhindern, es zumindest ein Mädchen werden möge!
Drei Jungen hatte die Mutter bereits zur Welt gebracht und eine Tochter.
Ihre Zeugung verdankt Karin den unachtsamen, leidenschaftlichen Begegnungen zweier Menschen, die Abschied nehmen mussten. Nur für einige Tage, so hieß es, solle ihr Vater zum Volkssturm gezogen werden - nur für drei oder vier Tage. Jedoch wurde es ein Abschied für immer.
Vielleicht hatte der Vater eine Vorahnung von dem, was sich später sein Schicksal nennen sollte. Im Trennungsschmerz suchte er immer wieder Trost und Zuwendung bei seiner Frau.
In dieser leidenschaftlichen und zugleich wehmütigen Stimmung wurde das fünfte Kind der Familie gezeugt.
Kurze Zeit später musste die Mutter mit den drei ihr verbliebenen Kindern ihren Bauernhof verlassen, nachdem der älteste Sohn siebzehnjährig ebenfalls zum Volkssturm eingezogen worden war.
Mit Pferd und Wagen begann auf vereisten, verstopften Landstraßen eine wirre Flucht, die planlos verlief, weil der Treckführer sich mit seiner Familie kurz zuvor in Richtung Westgrenze abgesetzt und die ihm anvertrauten Frauen und Kinder sich selbst überlassen hatte. Bei einer zweiten Flucht gelangte die Familie mit dem Zug bis in die Gegend von Berlin.
Inzwischen war die Mutter von einem Mädchen entbunden worden. Es sollte Paula, Karin heißen. P. K. wären die Initialen der Neugeborenen gewesen, wie die ihres Vaters, so wünschte es die Mutter.
Der Hebamme verdankt Karin, dass ihre Vornamen in umgekehrter Reihenfolge eingetragen wurden, denn sie redete auf die Wöchnerin ein, dass Karin ein viel schönerer Name sei als Paula. Sie sagte: „Frau Klein, nennen sie das Mädchen doch Karin. Der Name ist moderner und klangvoller. Ihrem Mann wird er auch gefallen, wenn er Karin erst einmal in seinen Armen hält!“
Das überzeugte die Mutter und Karin ist jener Unbekannten noch heute dankbar, die sich erfolgreich in die Namensgebung des Säuglings einmischte.
Die Hebamme fand die kleine Karin allerliebst und niedlich. Sie wiegte sie oft in ihren Armen oder trat mit dem Neugeborenen hinaus auf den Balkon, wobei sie manchmal eine Zigarette rauchte. Karin war der einzige Säugling auf der Entbindungsstation während des nur zweitägigen Aufenthaltes, der so kurz ausfiel, weil sich die Mutter Sorgen um ihre anderen Kinder machte. Die berichteten zwar bei ihren nachmittäglichen Besuchen, dass die fremde Familie, bei der die beiden acht und zwölf Jahre alten Jungen und die fünfzehn-jährige Tochter Aufnahme gefunden hatten, die Kinder gut versorgte.
Als die Wöchnerin das Krankenhaus verließ, schlummerte der zwei Tage alte Säugling in einem Steckkissen, das ihr von der Hebamme mit Babywäsche, Windeln und Fläschchen geschenkt worden war. Dessen Fehlen würden vermutlich nicht auffallen in den Wirren des Zusammenbruches 1945.
In höchstem Maße erleichtert war die Mutter, als sie ihre drei Großen wohlbehalten in die Arme schließen konnte.
Als nächstes galt es, mit einem Zug weiterzukommen. Sie warteten zwei Tage und eine Nacht auf dem überfüllten Bahnsteig, wobei die Mutter die meiste Zeit kniend auf dem Pflaster zubrachte, den Säugling vor sich haltend, mit ihrem Mantel umhüllend, schützte sie ihn, wärmte und stillte ihn, berichtete sie später häufig.
Die Nacht war recht kalt und kündete vom nahenden Herbst. Als endlich ein Zug anrollte, schoben sich alle Wartenden an den Rand des Bahnsteiges. Die beiden Söhne der Kleins konnten sich durchzwängen. Sie schlängelten sich zwischen den in die Waggons drängenden Erwachsenen hindurch und es gelang ihnen, gegen die Widerstände der anderen Mitreisenden zwei Plätze für die Wöchnerin und deren kleine Schar zu reservieren. Trotz der drängenden Enge und des rücksichtslosen Geschiebes in dem hoffnungslos überfüllten Zug wurde die Familie nicht getrennt.
Aufgrund des inständigen Bittens einer jungen Frau aus einem Nebenabteil überließ die Mutter ihr den Säugling während der Dauer der Bahnfahrt, um die Unbekannte vor Zudringlichkeiten der durch den Zug drängenden Sieger zu bewahren. Frauen mit Kindern waren von Nachstellungen weitgehend ausgenommen. So wurde Karin in ihrem Steckkissen widerstrebend der jungen Mitreisenden übergeben. Jedoch waren Argwohn und Besorgnis der Mutter um ihr Baby unbegründet, denn sie bekam es unversehrt zurück, bevor die junge Frau an ihrem Zielort den Zug verließ. Die Kleins fuhren bis Berlin und schlugen sich zu Verwandten durch.
Die Wiedersehensfreude wurde von der Sorge getrübt, wie die ausgezehrte Cousine, deren Säugling und die unterernährten Kinder zu verköstigen seien. Nach kurzem Aufenthalt in der ausgebluteten Großstadt riet man ihnen, aufs Land zu ziehen. Man hoffte, dass dort das Überleben leichter fallen würde.
Zuvor wurde der Säugling auf den Namen Karin, Paula Klein in der Lietzensee-Kirche in Berlin-Charlottenburg getauft. Paten waren zwei Verwandte. Einer Patentante gelang das schier Unmögliche zu jener Zeit - sie besorgte einen Kinderwagen!
Mit Angst um die Zukunft zog die Familie Klein in eine neue Ungewissheit und strandete entkräftet in dem kleinen Dorf Ferbitz an der Elbe.
Da der Ort sein Kontingent an Flüchtlingen bereits erfüllt hatte, sollten sie keine Aufnahme finden. Jedoch war die Erschöpfung der Ankömmlinge so groß und die Mutter einem Zusammenbruch nahe, dass ihnen schließlich zu bleiben gestattet wurde.
Vorübergehend waren sie mit vielen anderen Heimatvertriebenen in einem Haus einquartiert, das gegenüber des kleinen Gasthofes lag. In großer Enge hauste man beieinander auf Stroh.
Die hygienischen Bedingungen waren unvorstellbar schlecht und so hatten alle innerhalb kürzester Zeit Läuse bekommen. Einige der ohnehin wenigen Kleidungsstücke, die aus Schafwolle bestanden, wurden unbrauchbar, weil Mengen von Läusen die Stricksachen schwärzlich färbten.
Mittel gegen Ungeziefer gab es nicht. Man hungerte, fror und war nicht gesund.
Nach einigen Wochen wurde der Familie Klein eine Wohnung im Wirtschaftsteil des Landsitzes eines Berliner Zahnmediziners zugewiesen, die geradezu komfortabel war. Die geräumige Küche war der größte Raum der Wohnung. Von dort aus gelangte man in das Wohnzimmer und weiter in die kleine Schlafkammer, in der entlang der Wände zwei Betten standen, die einen schmalen Gang freiließen. Die beiden Jungen schliefen im linken Bett - im anderen die Mutter, ihre älteste Tochter Elke auf dem Kanapee im Wohnzimmer und Karin im Kinderwagen.
Die Wohnung war möbliert und schön. Das Haus lag mit weiteren Gebäuden, in denen ebenfalls Heimatvertriebene einquartiert waren, oder die als Stallungen, Gewächshäuser, Remisen und Scheunen genutzt wurden, in einem ausladenden Park.
Trotz der angenehmen Wohnverhältnisse hungerten alle und die drückende Ernährungssorge nahm die allererste Stelle jeglicher Überlegungen ein.
Die Überlebensfrage musste täglich gelöst werden in der ländlichen Idylle Ferbitz. Der nahende Winter verschärfte die Lebensbedingungen. Eva Klein war dankbar, wenn ihr die Bauern Lebensmittel verkauften. Brennmaterial zum Heizen und Kochen sammelten die Familienmitglieder in den umliegenden Wäldern zusammen.
Bei der ersten, im Frühjahr anfallenden Feldarbeit bekam die Mutter, manchmal auch Elke und Kurt Arbeit bei den Bauern des Ortes.
Schon bald wurden in der einzigen Gaststätte wieder Tanzveranstaltungen durchgeführt, die an diesen Abenden Anziehungspunkt für viele war. Für eine gewisse Zeit fand so eine Vermischung zwischen Armen und Besitzenden statt. Man feierte häufig und ausgiebig. Überlebt zu haben war für viele Grund zur Ausgelassenheit, um die Trostlosigkeit für Stunden zu vergessen. Der Nachholbedarf war groß. Selbstgebrannter Kartoffelschnaps spülte die Sorgen hinweg. Sie tranken, um sich zeitweise über die Realität hinwegzutäuschen, sich der Erinnerung an schreckliche Bilder und Erlebnisse zu entziehen, die Nachwirkungen des Krieges verdrängend. Die Lebenden tanzten und tranken wegen ihrer Trauer um Getötete, wegen ihrer Verzweiflung um Vermisste, wegen ihrer Existenzsorgen. Dazu spielte die Tanzkapelle in der Dorfschänke die Ohrwürmer jener Zeit, in denen die Liebe, die Liebe zur Natur oder Mädchen namens Anneliese und Erika oder Tante Hedwig besungen wurden.
Wann immer es möglich war, ging Eva Klein mit ihrer großen Tochter zum Tanzvergnügen.
Karin schlief dann in ihrem unter den Wohnzimmertisch geschobenen Kinderwagen. Die Tischplatte verhinderte, dass die Kleine aus dem Wagen fallen konnte. Während der Abwesenheit von Mutter und Schwester hatten Kurt und Konrad das Kleinkind zu beaufsichtigen. Doch zog es die beiden Heranwachsenden meist ebenfalls fort. Sie streiften mit anderen Jungen ihres Alters durchs Dorf, schauten den Tanzenden an den Fenstern des Saales zu und ersannen gemeinsam Streiche, die an den folgenden Tagen Dorfgespräch waren.
Obwohl der Schabernack meist harmloser Natur war, sorgte er für Tratsch in dem sonst ereignislosen Dorfleben. Da machte der Ärger über ein aus den Angeln gehobenes oder schier unlöslich an den Pfosten gebundenes Gartentor schnell die Runde. Einmal wurden an einem jener Tanzabende fast die gesamten Pflaumen eines Baumes, dessen Krone niedrig über den Staketenzaun reichte, gestohlen. Diese Tat erregte die Gemüter längere Zeit hindurch.
Der Skandal umgeworfener Blumenvasen auf dem kleinen, zentral hinter der Kirche gelegenen Dorffriedhof führte zu strengen Befragungen der Jugendlichen. Auch Kurt und Konrad wurden von ihrer Mutter einem harten Verhör unterzogen.
Sie versicherten jedoch, von den verwüsteten Gräbern rein gar nichts zu wissen und gaben zu bedenken, dass hierfür nicht zwangsläufig Jugendliche verantwortlich sein müssten. Wer für solch eine Schäbigkeit in Frage kommen könnte, sei für sie nicht vorstellbar. Sie jedenfalls kämen schon aus dem Grunde nicht in Frage, da sie ja auf die Kleine aufgepasst hätten und folglich zu Hause waren.
Durchaus könne es sein, gab Kurt zu bedenken, dass ein Betrunkener die Abkürzung über den Friedhof genommen hätte, der an einer Seite an das Gaststättengrundstück grenzt. In seinem Querfeldeinmarsch könne er die Vasen umgeworfen und die Gräber zertreten haben.
Das sei bei dem sandigen Boden dieser Gegend besonders leicht, fügte er hinzu. Schon oft hätten die beiden Brüder Torkelnde lauthals auf ihrem Heimweg singen hören: „Nach Hause, nach Hause, nach Hause gehn wir nicht, bei Krause brennt noch Licht! Nach Hause gehn wir nicht!“
„Wieso könnt ihr behaupten, dass die torkelten? Wo konntet ihr das sehen? Ihr seid doch immer bei Karin, wie ihr selbst gerade gesagt habt, entgegnete die Mutter.
„Wenn wir jemanden singen hören, stehen wir an der Tür und sehen dann, dass er oft nicht mehr geradeaus laufen kann! - Ja, hier vorbei! - Wer das ist? Das können wir nicht erkennen. Dazu ist die Dorfstraße zu dunkel!“ beantwortete Kurt die eindringlichen Fragen seiner Mutter.
Sie glaubte ihm schließlich.
Auch für die Bewohner umliegender Orte war der Gasthof Krause bei Tanzveranstaltungen ein beliebter Anziehungspunkt. Die meisten Auswärtigen kamen mit Pferd und Wagen zum Ferbitzer Dorfschwof, wenige liefen zu Fuß.
Alle brachten schwarz gebrannten Korn oder Kartoffelschnaps mit und versteckten die Flaschen bei ihren Gespannen, in dunklen Winkeln des Krauseschen Anwesens oder hinter Chausseebäumen. In den Tanzpausen verließen vorwiegend die männlichen Gäste das Lokal, um Luft zu schnappen oder auszutreten, gingen jedoch nicht wieder in den Saal, ohne ihr Fuselversteck aufgesucht und einen tiefen Zug aus der Flasche genommen zu haben.
Auf dem Weg dorthin versicherten sie sich durch Umschauen nach allen Seiten, dass sie nicht beobachtet wurden. Aber für die Dorfjungen war es trotz aller Ablenkungsmanöver und Vorsichtsmaßnahmen nicht schwer, die Schnapsverstecke ausfindig zu machen und sich ebenfalls zu bedienen. Wenn die Musik verstummte, brauchten sie nur zu beobachten, wohin die aus dem Tanzlokal Kommenden gingen. Außerdem hielten die Bauern meist an ihren angestammten Aufbewahrungsplätzen für Selbstgebrannten fest um sicherzustellen, dass sie auch in alkoholisiertem Zustand ihren Schnapsvorrat immer wieder finden würden. Bei Schnee war die Suche der Jugendlichen nach Alkohol besonders leicht, die nur den Fußstapfen der Erwachsenen zu folgen brauchten.
Durch die niedrigen Fenster des Saales die Tanzenden und die Geschehnisse innerhalb des Gasthauses zu beobachten, der Musik zu lauschen und die Musiker zu bewundern, war für die Heranwachsenden ein ganz besonderes Vergnügen.
Schon zu dieser Zeit mag sich Kurts Wunsch verfestigt haben, einmal wie jene Musiker Schifferklavier zu spielen und andere durch seine Musik zum Fröhlichsein, zum Tanzen und Mitsingen zu veranlassen.
Während der letzten Jahre in Ferbitz stand ihm ein gebrauchtes Akkordeon zur Verfügung und er übte darauf Volksweisen und Heimatlieder. Sein Lieblingslied war schon zu jener Zeit „Lustig ist das Zigeunerleben ...“. Es wurde, so kann behauptet werden, zu seinem Leitspruch. Sein Streben nach Musikalität wurde nicht von allen mit Begeisterung aufgenommen. Er spielte ohne Noten, trat mit dem rechten Fuß den Rhythmus deutlich vernehmbar auf den Holzdielenboden, spielte stockend durch Pausen unterbrochen und erzürnte manchen, der es anhören musste.
Nach der Flucht in den Westen übte er nach Gehör „In The Mood“ - unerbittlich, ohne es jemals fehlerfrei zu können, wie auch die anderen Lieder seines eingeschränkten Repertoires.
Der Fußboden in der kleinen Sozialwohnung aus Beton mit Gussasphalt oder Kunststoffbeschichtung war hellhörig und durch Kurts Üben, besonders jedoch durch das Treten des Taktes, verdross er nicht nur die unter ihnen Wohnenden.
Noch immer spielt er ohne Noten, obwohl angenommen werden kann, dass er Notenkenntnisse hat. Seine Tastenfertigkeiten sind in all den Jahren nicht erkennbar gereift.
Dennoch ergreift er an jeder seiner Geburtstagsfeiern das Akkordeon, lässt die Gäste vom lustigen Zigeunerleben und von der Lüneburger Heide singen. Seit einiger Zeit wird das von Karin als eine Art Zwangssingen empfunden, bei dem Kurt den Takt angibt und zu fehlerbehafteter Begleitung vermeintlich unbeschwerte Zeiten auferstehen lassen möchte.
An einem jener Tanzabende in der Dorfschänke Krause kam Erik, der älteste Sohn Eva Kleins aus der polnischen Kriegsgefangenschaft. Er hatte flüchten können und sich nach Berlin zu den Verwandten durchgeschlagen, die ihm den Aufenthaltsort seiner Familie mitteilen konnten.
Abends gelangte er in Ferbitz an. Schon von weitem hörte er die Tanzmusik und fühlte sich trotz seiner Abgeschlagenheit beschwingt. Nach gefährlichen Fahrten auf Waggondächern und schmerzlich langen Fußmärschen hatte er sein Ziel erreicht. Er freute sich, seine Familie wieder zu treffen und empfand es als gutes Vorzeichen, dass bei seiner Ankunft Musik spielte. Nach dem Ortsnamen erkundigte er sich beim Wirtshaus Krause, wobei seine Stimme angespannt zitterte und er Tränen der Freude und Erschöpfung zurückdrängen musste, als er begriff, dass sein Ziel erreicht war.
Trotz der Finsternis fand er die Unterkunft der Familie Klein, das kleine Haus neben dem riesigen Nussbaum und klopfte erwartungsvoll an die Haustür. Sie blieb verschlossen.
Er pochte zum wiederholten Male an die Eingangstür, klopfte an die winzige Luke der Schlafstube, hämmerte gegen die Küchenfenster und an die Blendläden des Wohnzimmers.
Jemand wurde wach!
Deutlich vernahm er Kindergeschrei und lautes Knallen gegen Holz.
Geplärr und Gepolter müssten eigentlich jeden wecken, der hier schlief, war sich Erik sicher und gelangte zu der Überzeugung, dass das Kleinkind allein war. Gab es sonst niemanden hier?
Was mochte geschehen sein, das diese Mutter bewogen hatte, ihr Kind allein zu lassen, fragte er sich. War er überhaupt am richtigen Haus? Eine Erklärung für das Kleinkinderweinen fand er nicht, denn vor seinem Einrücken zum Volkssturm war ihm nichts von Familienzuwachs bekannt gewesen. Er wurde unsicher, während er ein weiteres Mal gegen die Fensterläden klopfte. Aus dem dahinter liegenden Raum wurde neuerliches Knallen an Holz und sich verstärkendes Gebrüll vernehmbar. Erik wartete, bis das Weinen abebbte, um erneut an die Fensterläden zu pochen und dadurch eine Wiederholung der Geschehnisse auszulösen. Als er die Abfolge der Ereignisse und zugleich deren Sinnlosigkeit erkannte, verhielt sich der Ankömmling eine Weile still, bis er nur noch Wimmern hörte.
Die einzige Anwesende in dieser Wohnung an diesem Abend war Karin in ihrem Kinderwagen unter dem Tisch, die erschreckt durch die Geräusche sich aufzurichten versuchte, mit ihrem Kopf unter die Tischplatte stieß und brüllte.
Erik suchte sich einen Schlafplatz im Stroh einer Scheune unweit des Hauses. Am nächsten Morgen ergründete er, ob es tatsächlich sein Zuhause war, das ihm in der vergangenen Nacht verschlossen geblieben war und traf freudig erstaunt auf seine größer gewordene Familie.
An diesem Tag kam ans Licht, dass seine Brüder die Kleine schon oft allein gelassen hatten, während die Mutter sie bei Karin wähnte. Die Streifzüge der Jungen und deren nächtliche Unternehmungen waren ihr nie aufgefallen. Wenn sie alkoholisiert spät mit Elke heimkehrte, lagen ihre drei jüngsten Kinder friedlich in tiefem Schlaf.
Ein mütterliches Donnerwetter war den Streunern sicher.
Der Heimkehrer sorgte dafür, dass seine kleine Schwester nicht mehr allein blieb und auch nicht mehr im Kinderwagen schlafen musste, dem sie längst entwachsen war und aus dem die Füßchen heraushingen.
Ihre neue Schlafstätte war im Bett der Mutter.
Bleibende Schäden haben die Beulen an ihrer Stirn nicht hinterlassen. Was andauerte war die Angst, unsichtbar und schier unüberwindlich, undurchdringbar wie das Dunkel der Nacht. Angst, über die man nicht spricht, um nicht verlacht zu werden. Selbst in dem Mehrfamilienwohnhaus im Ruhrgebiet hatte Karin lange Zeit große Ängste, wenn sie abends allein gelassen wurde, weil die anderen gemeinsam ins Kino gingen. Das geschah jedoch eher selten. Dann ließ sie das zur Straße gelegene Fenster der Wohnküche weit geöffnet, lauschte auf jedes Geräusch und wartete die Rückkehr der Familie ab, bevor sie ins Bett schlüpfte und sich schlafend stellte.
Mutter Klein, wie sie inzwischen von den meisten Dorfbewohnern genannt wurde, war unsäglich über die Wiederkehr ihres ältesten Sohnes aus der Gefangenschaft erleichtert und brachte ihre Freude darüber allenthalben zum Ausdruck, wie zuvor ihre Sorge. Tiefer Gram um ihr „großes Herz“, wie sie Erik oft nannte, hatte sie bis zu seiner Rückkehr beherrscht. Er, das Wunschkind, das sie in einer schweren Geburt zur Welt gebracht hatte, er, der ihr einziges Kind bleiben sollte, bereitete ihr Schwermut während der langen Zeit, in der sie kein Lebenszeichen von ihm erreichte. Nun hatte er unversehrt zu ihnen gefunden!
Ihre ganze Freude und Aufmerksamkeit galten fortan dem zurückgekehrten, verloren geglaubten Sohn.
Auch von ihrem Mann hatte sie keine Nachricht während der vergangenen zwei Jahre erreicht, jedoch war sie wegen dessen Schicksal unbesorgt.
In Gesprächen mit ihrer inzwischen in Berlin wohnenden Mutter drückte Eva Klein immer wieder die Ängste um Erik aus. Als ihre Mutter sie einmal fragte: „Eva, du jammerst immer nur um deinen Sohn. Machst du dir eigentlich keine Sorgen um Paul“, entgegnete sie zuversichtlich: „Ach, Paul, das ist ein Mann! Der wird schon durchkommen, da bin ich ganz sicher! Vielleicht ist er schon in der Heimat und wartet auf uns! Wie soll er uns eine Nachricht überbringen? Er weiß ja nicht, wohin es uns verschlagen hat! - Ja, da hast du Recht, er könnte seiner Cousine in Mahlsdorf schreiben. Die wissen, wo wir stecken. - Ach, nein, um meinen Mann mache ich mir keine Sorgen! Aber um Erik! Wie soll der Junge zurechtkommen? Wie mag es ihm ergehen? Ob er überhaupt noch lebt? Vielleicht erfahren wir nicht einmal etwas von seinem Tode,“ führte Eva Klein weiter aus und wischte sich Tränen aus den Augen.
Die Sorge um Erik machte einer übergroßen Freude und Erleichterung Platz, als er abgemagert, jedoch körperlich unversehrt, aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Seine Gesichtszüge wirkten gereift, fast alt für einen Neunzehnjährigen.
Er blieb nur etwas länger als zwei Jahre bei seiner Familie und kehrte eines Abends nicht wieder heim.
Es folgten Tage der Ungewissheit, bis seine Mutter und Geschwister die Nachricht erreichte, dass er sich in Westdeutschland befand.
Zuvor hatte sie einen Brief erhalten, in dem übermittelt wurde, dass ihr Ehemann Paul in einem russischen Gefangenenlager an Hirnhautentzündung verstorben war.
Die Todesnachricht übermittelte ein entfernter Verwandter, nachdem er aus der Gefangenschaft entlassen worden war und die Anschrift der Familie Klein in Erfahrung gebracht hatte.
Er habe Paul Klein tot am Rande eines Massengrabes liegen sehen, berichtete er. Zweifel an seiner Wahrnehmung und die Hoffnung auf eine Verwechslung schloss er während eines persönlichen Gespräches mit der Trauernden aus, als diese ihn, sobald eine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Gegend von Bolkenhagen möglich war, zusammen mit Kurt dort aufsuchte.
Trotz des Berichtes des Augenzeugen hegte Eva Klein Zweifel am Tode ihres Mannes und hoffte jahrzehntelang auf ein Wiedersehen mit ihm.
In den fünfziger Jahren verfolgte sie Nacht für Nacht die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes, bei denen stundenlang Namen von Heimkehrern im Radio verlesen wurden, wenn neue Gefangenentransporte aus Russland eintrafen. Mehrmals wurde während der ungezählten Nächte der Name Paul Klein genannt, aber die kurze Freude verebbte beim Vorlesen des Geburtsdatums.
Allabendlich wurden Hoffnungen wach gehalten, die sich für einige erfüllten, den überwiegenden Teil der Zuhörer jedoch auf weitere Nächte, Monate, Jahre vertröstete.
Karin betete jeden Abend inständig, ihr Vater möge aus Russland zurückkommen, oder wo immer er sich aufhielt. Sie glaubte unerschütterlich, dass es in Gottes Allmacht stünde, ihn der Mutter zurückzugeben, die so unter dem Verlust litt.
Ihr selbst fehlte ihr Vater kaum! Wenn er jedoch endlich käme, würde das schmerzliche Hoffen beendet sein.
Ihre Mutter hätte es nicht mehr so schwer mit den großen Kindern und von Karin wäre die Last genommen, die Mutter durch ihre Stimmungstiefs zu begleiten, zudem die häufig betonte, dass sie nur wegen Karins Existenz überhaupt noch leben würde. „Wenn ich dich nicht hätte, dann hätte ich schon längst Schluss gemacht!“
Karin hatte Angst um ihre Mutter.
Erik fiel, wenn er Kontakt zu seiner Familie hatte, die Aufgabe zu, den Vater in vielen Punkten zu ersetzen. Es war nicht klar erkennbar, ob er die Aufgabe genoss oder unter ihrer Last litt. Später sagte er einmal, dass es ihm sehr schwer gefallen sei, die Jüngeren zurechtweisen und erziehen zu müssen. Er fühlte sich in eine Verantwortung gedrängt, die er aufgrund seines Alters nicht leisten konnte und wollte.
Dies und auch die wirtschaftliche Lage in den Nachkriegsjahren der damaligen Deutschen Demokratischen Republik mögen ausschlaggebend für seine nicht ungefährliche Flucht über die „grüne Grenze“ gewesen sein.
Während seiner Zeit in Ferbitz arbeitete er in der Landwirtschaft. Sein Entgelt bestand aus der Verpflegung, einer Schlafmöglichkeit und wenigen, zusätzlichen Nahrungsmitteln, die er zur Mutter und den Geschwistern brachte. Wenn es ihm gelang, unauffällig weitere Lebensmittel zu organisieren, verbesserte das deren Versorgungslage zusätzlich.
Mit seiner Mutter und Schwester ging er zum Tanzvergnügen, nicht ohne vorher sicherzustellen, dass Konrad während ihrer Abwesenheit auf die Kleine achtgab.
Inzwischen hatten die großen Kinder Kontakte zu Gleichaltrigen des Dorfes geknüpft und häufig traf man sich in der engen, kleinen Wohnung Eva Kleins zu Gesellschaftsspielen oder Pfänderspielen wie „Schlapp hat den Hut verloren“.
Es wurde viel gelacht und geredet!
Häufiges Thema waren die schlechten Zeiten. Die Frage, wer kann was beschaffen, stellte sich stets.
Und wegen der erbärmlichen Lebensbedingungen fand Eva Klein das Interesse der Dorfbewohner, denn sie hatte als Einzige Verwandte in Westberlin und konnte durch häufige Besuche bei ihrer Mutter, ihrer Schwester und den Cousinen Westwaren und Medikamente besorgen.
Die Schieberfahrten entwickelten sich zu einem wirtschaftlichen Standbein der Kleins.
Von großer Wichtigkeit war hierbei, dass Eva Klein beim Passieren der Volkspolizeikontrollen unverdächtig wirkte, was ihr während all der Jahre glückte.
Neben der schlechten Versorgungslage nahm der Dorftratsch viel Zeit an den Abenden bei den Kleins ein.
Die Anwesenden konnten die neuesten Nachrichten erfahren oder berichten.
Lange Zeit nährte der Diebstahl von zwei Säcken voll abgeernteter Mohnköpfe den Klatsch. Ein Bauer hatte sie abends, um sich eine weitere Fahrt im Dunkelwerden zu ersparen, am Feldrand versteckt. Als er sie am nächsten Morgen holen wollte, waren sie verschwunden.
Diese Tat schlug hohe Wellen und es sprach sich herum, dass der Bauer Anzeige erstatten wollte. Mutter Klein wurde unruhig, als von Hausdurchsuchungen gemunkelt wurde, denn das Diebesgut lag in ihrem Keller. Kurt hatte die Säcke am Feldrand entdeckt und im Dunkeln nach Hause transportiert.
Sein Beitrag zur Entschärfung der Ernährungslage war beachtlich, denn Mohn sättigt und enthält Fett!
Eva Klein schimpfte mit Kurt, sie möge um des Himmels Willen so einen Diebstahl nie mehr erleben und welch eine Schande es wäre, wenn er herauskäme! Den anderen Kindern solle dies eine Lehre sein und sie abschrecken Ähnliches zu tun, wetterte sie ohne große Überzeugungskraft.
Es wurde sogar erwogen die Säcke zurückzugeben, was jedoch nicht unauffällig geschehen konnte und so verblieben sie und die Furcht vor Entdeckung bei den Kleins. Alle stellten sich wegen des Eigentumsdeliktes Fragen, jedoch wurde kein Schuldiger ermittelt, bis sich die Wogen allmählich glätteten und neuer Gesprächsstoff an Interesse gewann. Ein Unglück erregte längere Zeit die Gemüter. Die Pferde eines Bauern waren durchgegangen und die Dorfstraße entlang galoppiert. Erst ein Obstbaum hielt ihren unkontrolliert wilden Lauf auf. Der Anprall zerriss die Geschirre und beschädigte Zaumzeug und Deichsel, verletzte die wild gewordenen Tiere leicht, jedoch den Bauern besorgniserregend, der, dessen Fuß sich in den Geschirren verfangen hatte, eine Wegstrecke mitgeschleift worden war.
Über seinen Zustand kursierten abends bei Kleins die wildesten Gerüchte, bis man hörte, dass er auf dem Wege der Besserung sei.
Auch ein weiterer Unglücksfall brachte Aufregung in den sonst stillen Alltag des Ferbitzer Dorflebens.
Bei dem Kriminalfall, der sich einige Dörfer weiter auf der Landstraße zutrug, war zwischen zwei Chausseebäume quer über die Fahrbahn ein Drahtseil gespannt worden, in das in der Dunkelheit ein Motorradfahrer fuhr, der sich bei dem Unfall schwer verletzte.
Der Gesprächsstoff über diesen Anschlag war jahrelang aktuell und wurde noch in der Neubausiedlung im Ruhrgebiet erwärmt.
Ein Nachbar, Flüchtling aus Wittenberge, behauptete, eben jener Motorradfahrer gewesen zu sein, der damals in die Drahtabsperrung auf der Landstraße zwischen Lenzen und Wittenberge gefahren war.
Eva Klein glaubte ihm nicht, obwohl er Narben vorwies und detaillierte Schilderungen lieferte.
Auch, dass er Sympathie für sie empfand und sich ein gemeinsames Leben mit ihr vorstellen konnte, glaubte sie ihm nicht. Sie nannte ihn einen Spinner.
Eine neue Bindung zog sie nie in Betracht, denn sie wartete gegen jede Vernunft auf ihren Paul. Karin fand den Nachbarn kultiviert und amüsant. Wie Spinner aussehen, wusste sie nicht. Er war nicht besonders hübsch und ziemlich dünn.
Einige Jahre später heiratete er eine rundliche, aus Russland stammende Frau mit nur geringen Deutschkenntnissen.
Ein weiterer, ernsthafter Verehrer im Ruhrgebiet war ein Hiesiger, der einen kleinen Malermeisterbetrieb führte. Er war Witwer und Vater zweier erwachsener Töchter. Einige Straßen von der Wohnung der Kleins entfernt besaß er ein Haus.
Eine Zeit lang besuchte er Eva Klein häufig und hatte offensichtlich ernsthafte Absichten.
Vielleicht hätte ein Ehemann zu diesem Zeitpunkt ihr Schicksal und das ihrer Kinder zum Positiven gewendet, sie jedoch kokettierte mit den Männern, wobei die von Seiten ihrer Verehrer gewünschte Annäherung scheinbar nicht erreicht wurde.
Sie wartete weiterhin auf das Wunder, das ihr ihren Paul zurückgeben würde.
Es geschah nicht.
Natürlich sprach man an den Ferbitzer Abenden bei Mutter Klein über Krankheiten, Todesfälle, über den letzten und den nächsten Tanzabend bei Krause, fertigte Handarbeiten an, strickte aus Wollresten phantasievolle Kleidungsstücke und erzählte von der alten Heimat.
Einmal hat Karin mit Sicherheit, trotz ihres Alters von nur etwa vier Jahren, zum Dorfgesprächsstoff beigetragen. An ihr genaues Alter zum Zeitpunkt des Unglücks kann sich niemand mehr genau besinnen. Dessen Hergang ist ihr selbst jedoch noch bis zum heutigen Tage in genauester Erinnerung.
Ihre Mutter und ihre beiden ältesten Brüder halfen bei der Ernte, Elke arbeitete in der Gärtnerei auf einem entlegenen Grundstücksteil des riesigen Anwesens und so musste Konrad, wie so oft, auf Karin achten.
Die beiden jüngsten Kinder der Kleins hielten sich vor dem Haus auf, wo Konrad an seinem Fahrrad bastelte. Der gewaltige Walnussbaum warf bereits lange Schatten und so war es spätnachmittags an dieser Stelle schon herbstlich kühl. Karin entfernte sich ein wenig von der Haustür, um in der abendlichen Sonne zu spielen, wobei Konrad sie ständig ermahnte, sich in seiner Nähe aufzuhalten, während er konzentriert sein altes Fahrrad reparierte. Es war sein ganzer Stolz und er verbrachte viel Zeit mit Putzen und Instandhalten.
Wie sehr er sein Fahrrad liebte, war allen bekannt. So traf ihn ein Schabernack größerer Jugendlicher hart, die es in den Zweigen des ausladenden Walnussbaumes, nur wenige Schritte vom Hauseingang entfernt, versteckten.
Konrad suchte verzweifelt im ganzen Dorf nach seinem Rad und weinte über dessen Verlust, weil inzwischen alle von einem Diebstahl ausgingen, da es tagelang unauffindbar blieb. Konrad tat vielen leid und seine Mutter schimpfte, es sei eine Schande, sich an dem wenigen der Armen und Ärmsten zu vergreifen!
Einige Tage lang musste er den acht Kilometer langen Schulweg nach Lanz zu Fuß gehen, bis ihm ein Jugendlicher schließlich das Fahrradversteck verriet, unter dem er täglich mehrmals traurig entlanggelaufen war.
Die Freude über das Auffinden des unversehrten Gefährtes war groß, das er sofort wieder putzte und reparierte.
Sein Fahrrad beschäftigte ihn auch an jenem Spätsommernachmittag, an dem sich Karin unbemerkt von dem Tüftelnden aus dem Schatten des Walnussbaumes in die Abendsonne begab und an dem ihr ein zweites Leben geschenkt wurde.
Sie trug an jenem Tag ein altrosa Hängerkleidchen und lief barfuß.
Noch sehr genau weiß sie, dass ihr auffiel, wie schmutzig ihre Füßchen waren und so entfernte sie sich unbehelligt bis zu dem großen rechteckigen Zinkwasserbecken in der Gärtnerei. Auf der hölzernen Stirnseite eines Frühbeets balancierte sie hoch, bis sie sich auf den von der Sonne erwärmten, schmalen Bottichrand setzen konnte.
Ihre Füßchen baumelten ins Wasser. Sie strampelte kräftig, aber sie wurden nicht sauberer. So beschloss Karin, sie mit ihren Händchen abzurubbeln. Sie beugte sich vor und während sie mit einer Hand die Füße zu reinigen versuchte, bekam ihr Oberkörper Übergewicht. Instinktiv hangelte sie sich bis zur Mitte des weniger als zwei Meter langen Beckens vor, sich hastig rechts und links mit ihren Ärmchen am Bassinrand abstützend, bis ihre Kraft nachließ und sie kopfüber in eine tiefe Finsternis stürzte.
Während des gesamten Geschehens empfand sie keinerlei Angst. Es lief einfach ab und sie war ein Teil davon. An niemanden dachte sie, nicht einmal an ihre Mutter.
Ihr ganzes Interesse füllte ein warm erscheinendes, freundliches, dotterfarbenes Licht aus, das sie anlockte und sie sich wohlfühlen ließ.
Später fragte sie ihre Mutter nach diesem wegweisenden und zugleich fremden, verlokkenden Licht in der Dunkelheit, die dafür keine Erklärung hatte und sagte, es würden wohl Spiegelungen der untergehenden Sonne gewesen sein. „Ach, Kind, was weiß ich denn, was du gesehen hast!“
Auch ihre Geschwister konnten ihre Fragen nach der warmen Helligkeit aus der Wassertiefe nicht beantworten. Erik schloss Spiegelungen der Sonne in dieser von Karin beschriebenen Intensität aus.
Die Erinnerung an dieses ungewöhnliche und tröstliche Licht begleitete sie. Erst Jahrzehnte später wurde Karin klar, dass es das Licht war, das man am Scheideweg zwischen den Welten erblickt. Inzwischen weiß sie durch Schilderungen über Grenzerlebnisse, dass auch andere jener Helligkeit auf der Wanderung zwischen Leben und Tod begegneten.
Ihr zweites Leben verdankt sie dem unwahrscheinlichen Zufall, dass der Moment des aufspritzenden Wassers beobachtet wurde.
Ihre Schwester und zwei junge Arbeitskollegen hatten gerade Feierabend gemacht auf einem, durch eine gewaltige Wallhecke von dem übrigen Gelände abgetrennten Grundstücksteil der Gärtnerei.
Die Jugendlichen scherzten. Sie trugen ihre Gerätschaften und befanden sich gerade in der breiten Durchfahrt der Hecke, von wo aus der Blick auf das vor ihnen liegende Gelände frei war. Frei auf den sich zur rechten Seite erstreckenden Gemüsegarten, die daran grenzenden Volieren für Greifvögel, die noch an die Glanzzeiten dieses Landsitzes erinnerten, vor denen sich eine große Steingartenanlage befand.
Der Teil eines Hofraumes konnte eingesehen werden, der zum Gebäude des Ballsaals gehörte, dessen Giebel mit seinen vielen, klein gegliederten Fenstern geradeaus das Blickfeld einengte.
Zur linken Seite des Heckendurchganges erstreckte sich eine große Wiese, auf der im hinteren Bereich drei gewaltige Eichenbäume standen. Darunter befanden sich säuberlich, kegelförmig aufgeschichtete Holzstapel. Die Baumgruppe und Holzstöße beeinträchtigten den Durchblick auf die Frühbeete der Gärtnerei und das Wasserbecken.
Jedoch gerade, als das Wasser aufspritzte, nicht einmal sehr hoch, gerade in diesem Augenblick befand sich Elke an einer Stelle, von der aus man das Bassin sehen konnte und sie schaute zum richtigen Zeitpunkt auf den richtigen Punkt!
Sie sah das Wasser aufspritzen und die Jugendlichen rannten los!
Der größte und athletischtere fischte Karin aus dem Bassin!
Deren Wahrnehmung setzte erst wieder ein, als sie an der Hand ihrer Schwester in Höhe des Ballsaales entlang des niedrigen Mäuerchens lief, das den Steingarten zu dieser Seite begrenzte.
Ihre Augen waren von der Helligkeit des Spätnachmittags geblendet. Dieses grellkalte Licht ähnelte dem aus der Tiefe in keiner Weise.
Karin fror.
Ihr nasses Kleidchen kratzte auf ihren Schultern und klebte an den Oberschenkeln.
Inzwischen hatte Konrad das Fehlen seines Schwesterchens bemerkt und suchte es im hinteren Grundstücksteil.
Als er Elke und Karin begegnete, weinte er aus Angst.
Elke brachte die Kleine ins Bett.
Unterdessen stand Konrad am Küchenfenster und beobachtete die Dorfstraße. Als er seine von der Arbeit heimkehrende Mutter erblickte, rannte er ihr zitternd entgegen. Im Laufen berichtete er, was geschehen war und bettelte: „Mutti, Mutti, bitte, bitte, hau mich nicht! Ich kann doch nichts dafür!“
„Wie oft habe ich dir eingeschärft, auf die Kleine aufzupassen! Da kannst du noch so betteln, du bekommst deine gerechte Strafe. Gnade dir Gott, wenn meinem Engelchen etwas Ernsthaftes zugestoßen ist!“
„Aber Mutti, bitte, bitte, hau mich nicht so dolle!“
Die Verunglückte lag blass und teilnahmslos, bis zum Kinn zugedeckt, im Bett. Elke hatte sie mit einer Wärmflasche versorgt, nachdem das Feuer im Herd angebrannt und das Wasser warm geworden war.
Dieses Mal soll auch Karin geschlagen worden sein, wobei sie Wasser erbrochen, danach ihre Blässe verloren und erste Reaktionen gezeigt haben soll.
Erik sagte, als er von dem Unfall erfuhr, dass Schläge dagegen wenig nutzen würden.
Er fragte Karin, wie der Sturz ins Bassin geschehen konnte. Sie wäre ja viel zu klein, um auf den Beckenrand zu gelangen. Er ließ sich berichten, wie dunkel und gleichzeitig hell es um sie war. Er führte sie an der Hand und ließ sich den Ablauf an Ort und Stelle zeigen. Mit liebevoller Ernsthaftigkeit nahm er ihr das Versprechen ab, nie wieder allein zum Bassin zu gehen, nicht einmal in seine Nähe!
Sie versprach es und glaubt, es gehalten zu haben.
Zusätzlich wies er die Kleine auf die defekte Abdeckung des Brunnens im Hofraum des Ballsaalgebäudes hin und demonstrierte, wie schnell die wenigen Bretter umschlagen würden und jemand in den Schacht stürzen konnte. Wie dunkel und eng so ein Brunnenschacht ist, zeigte er ihr ebenso. „Aber da ist doch das Licht!“ „Darauf kannst du dich nicht verlassen!“ erwiderte ihr großer Bruder.
Erik ließ ein Steinchen hinunterfallen und zählte bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie es auf der Wasserfläche aufschlagen hörten und rechnete vor, wie tief der Brunnen mindestens sein müsse. Karin erschrak ob der gewaltigen Zahl und versprach ihrem großen Bruder, sowohl Wasserbecken als auch Brunnen zu meiden.
Von Zeit zu Zeit fragte er sie: „Weißt du noch, was du mir versprochen hast?“ „Ja!“
„Warst du am Brunnen oder am Bassin?“
„Nein!“
Karin wurde meist nur mit der bloßen Hand geschlagen, Konrad mit Elektrokabeln. Die Mutter zog die Plättschnur aus dem Bügeleisen und drosch auf ihn ein. Beim ersten Schlag um die Beine sackte er zusammen und kniete, den Kopf mit den Armen abdeckend.
Als Karin vielleicht fünf Jahre alt war, erwachte sie eines Nachts von Konrads Wimmern, während die Mutter zuschlug.
Sie fragte: „Mutti, was machst du da? Haust du Konrad wegen mir?“ „Schlaf weiter, mein Engelchen! Mit dir hat das nichts zu tun!“ „Ich kann aber nicht einschlafen. Komm doch wieder ins Bett! Was hat Konrad denn gemacht?“
„Schlaf jetzt endlich!“ klang die Stimme der Mutter scharf, während sie mit der Misshandlung fortfuhr.
Nach einiger Zeit meldete sich Kurt zu Wort und sagte, seine Mutter möge mit dem Theater aufhören. Niemand könne schlafen, selbst ihr Engelchen nicht. Hier würde es ja langsam immer verrückter.
„Kannst auch gleich was abkriegen! Ob ich schlafen kann, kümmert niemanden von euch!“
Sie ließ von Konrad ab, der unter der Bettdecke wimmerte.
„Wenn du nicht sofort still bist, kannst du gleich noch mal was erleben. Dann hast du wirklich einen Grund zum Flennen. Sonst wollt ihr immer so erwachsen sein und jetzt heult der wie ein kleines Kind!“
„Halt du da drüben endlich deinen Mund! Konrad, beiß die Zähne zusammen, damit die nicht noch triumphiert!“ Es wurde still.
Karin weiß nicht, was vorgefallen war.
Vielleicht war Konrad nicht rechtzeitig zu Hause eingetroffen, um noch mit dem Fahrrad in den Nachbarort zu fahren, um Schlaftabletten zu kaufen.
Wie viele ähnliche Nächte mag es gegeben haben, in denen Karin nicht vom Weinen des Bruders aufwachte, fragte sie sich später. Wie oft haben Kurt, der sich mit Konrad dasselbe Bett teilte und Elke auf ihrem Kanapee im angrenzenden Wohnzimmer etwas gehört und schweigend hingenommen?
Eva Klein behauptete unbeirrt, dass die Schläge einer Mutter weniger schmerzhaft seien als die eines Vaters. Um hier eine Anpassung zu erzielen, verwendete sie Kochlöffel und für Konrad die Plettschnur auf nackter Haut.
Karin kann sich nicht erinnern, dass ihr jüngster Bruder ein besonders ungezogenes Kind war. Sie glaubt, dass eher das Gegenteil zutraf.
Wenn er seine kleine Schwester beaufsichtigen musste, bezog er sie in seine Beschäftigung mit ein und bemühte sich, sie für Technik zu begeistern. Sie durfte die Pedale betätigen, wenn sein Fahrrad auf Sattel und Lenker stand und er lehrte sie, in der richtigen Geschwindigkeit zu drehen, damit er ergründen konnte, an welcher Stelle das Rad schliff. Dabei erinnerte er sie oft, auf ihre Fingerchen Acht zu geben.
Nach dem Vorfall, der sich zutrug, als Karin mit Konrad, wie so oft, vor dem Haus werkelte, er sich mit seinem Fahrrad beschäftigte, während Karin mit Handwerk-zeugen Schuster spielte und sich dabei mit einem Hammer auf ihren linken Daumennagel schlug, der sich später ablöste, gewellt nachwuchs und stets gespalten blieb, das Ereignis hatte natürlich auch für Konrad schmerzliche Folgen, war er noch fürsorglicher geworden.
Leidvoll für ihn wurde auch, als Karin auf einen im Stroh liegenden Flaschenboden trat, der an ihren Knöchel schlug, eine klaffende Wunde verursachte, die den Knochen sichtbar werden ließ. Die Wunde eiterte, platzte mehrmals wieder auf, heilte schließlich in einem längeren Prozess, ohne genäht zu werden und hinterließ eine dauerhafte Narbe.
Wegen seines handwerklichen Geschicks war Konrad bei den Dorfbewohnern beliebt, denn er erledigte viele Reparaturen, für die es im Ort keine Handwerker gab.
Von Kindheit an war er ein versonnener Tüftler und Perfektionist und glich hierin seinem Vater. Schon als Dreizehnjähriger reparierte er schadhafte Lichtleitungen und Elektrogeräte. Wenn etwas nicht funktionierte, rief man erst einmal nach Konrad.
Auch in der Gaststätte Krause flickte er Stromleitungen, brachte Schalter und Sicherungskästen in Ordnung. Bei seiner letzten Reparatur dort, für die er ein größeres Stück Butter erhielt, vertraute er Frau Krause unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, dass seine Familie in den nächsten Tagen in den Westen türmen würde. Er wirkte sehr traurig, als er über den Ortswechsel sprach. Und als sie ihn fragte: „Würdest du lieber hier bleiben?“ nickte er und unterdrückte Tränen. Ihn quälte die Ungewissheit der Zukunft.
In diesem kleinen Ort hatte er während der letzten sieben Jahre neue Kontakte geknüpft, Freundschaften geschlossen und bekam von Fremden Anerkennung für sein Können.
Zuvor hatte Frau Krause ihn einmal gefragt, woher er die ungewöhnlichen, blauen Flecken habe.
Er redete sich heraus und antwortete, er sei mit dem Fahrrad gestürzt. Dass man sich dabei so verletzten könne, bezweifelte sie und erwiderte: „Konrad, ich kenne dich nur als lieben und tüchtigen Jungen, aber jetzt hast du mich enttäuscht, denn bis gerade hielt ich dich auch für ehrlich. Aber bevor ich glaube, dass du lügst, frage ich dich noch einmal, ob ich das richtig verstanden habe: Du bist mit dem Fahrrad gefallen und hast dich im Nacken derartig verletzt? Wie kann denn das angehen? Zieh doch mal deinen Pullover hoch! Die blutunterlaufenen Stellen setzen sich ja noch weiter fort!“
Nach anfänglichem Sträuben entblößte der Junge seinen Rücken. Frau Krause erschrak: „Wer tut dir das an?“ fragte sie erschüttert. „Machen das deine Brüder? Warum wehrst du dich nicht gegen sie? Du bist doch auch schon groß!“
Zögernd erzählte ihr Konrad von den Schlägen seiner Mutter. „Ich glaube, du lügst schon wieder! Das ist gar nicht schön, deine Mutter zu beschuldigen! Traust du dich nicht, den wahren Schuldigen zu nennen? Mir kannst du doch verraten, wer es war! Ich werde es nicht weitersagen!“ Inzwischen weinte er und zitterte vor Erregung und beteuerte immer wieder, nicht gelogen zu haben. Er habe eine ehrliche Antwort auf ihre Frage gegeben. Sie nahm ihn bestürzt in den Arm.
Einmal berichtete er zu Hause, dass seine Klassenkameraden ihn wegen seiner blauen Flecken auslachten und ihn selbst die Lehrerin kürzlich darauf angesprochen und angekündigt habe, die Mutter zur Schule zu bitten, wenn die offensichtlichen Misshandlungen nicht aufhörten und er fügte hinzu, wie peinlich ihm dies sei. „Dann zieh doch deinen langärmligen Pullover an. Dann ist nichts zu sehen!“ „Hatte ich ja an!“ „Dann pass eben besser auf, dass er nicht verrutscht! Du kannst dich ja gestoßen haben! Was haben die denn darüber überhaupt Worte zu verlieren? Wo will deine Lehrerin denn blaue Flecken gesehen haben?“ fragte die Mutter.
„Hier, die lila Striemen am Hals haben sie gesehen! Die verdeckt der Pullover nicht! Ich halte den Kopf schon ganz schräg, damit keiner was sehen soll!“
„Wenn du nicht sofort den Mund hältst, ziehst du morgen zur Schule deinen kurzärmligen Pullover an! Dann haben die vielleicht was zu lachen. Dann sehen alle, was du für ein frecher Bengel bist, der so bestraft werden muss!“
Konrad war nicht schlechter als andere. In dieser Familie, bei dieser Mutter, fungierte er einfach als Prügelknabe. Er bezeichnete sich selbst oft als „Blitzableiter“, den es zu dieser Zeit immer traf.
Kurt blieb von den Gewalttätigkeiten weitgehend verschont. Vielleicht war er nicht gehorsam genug, wenn es hieß: „Komm, hol dir deine Schläge ab! Auf die Knie!“ Der Ältere rannte weg. Ihn traf oft nur ein Schlag, den der lachend quittierte und ließ sich erst zum Abend wieder blicken, wenn die Stube voller Besucher, die Wut verraucht war und die Mutter ob des Publikums aufblühte.
Sie lebte schon zu dieser Zeit in zwei Welten, so scheint es Karin heute, in der nach außen liebenswürdigen und der verdeckten, gewaltsamen und zynischen!
Die angepasste und arbeitsame Elke wurde wenig geschlagen.
Erik bat die Mutter einmal, seinen jüngsten Bruder nicht in der Weise zu traktieren. Er sei von jemandem darauf hingewiesen worden, dass die erzieherischen Mittel in seiner Familie das erlaubte Maß offensichtlich überschritten. Wer das gewesen sei, wollte er nicht sagen, fügte jedoch hinzu, dass auch er diese Züchtigungen verabscheuen würde. Sie solle aufhören, ihn ihr „großes Herz“ und „mein Bester und Allerliebster“ zu nennen.
Ihr kleiner Sonnenschein, ihr Engelchen und Abgott hatte eine fast schöne Kindheit. Karin bekam kaum Schläge. Die, die sie erhalten haben soll, als sie im Wasserbassin fast ertrunken wäre, sind ihr nicht erinnerlich.
Zu ihrer allergrößten Freude schenkte ihr nach dem Unfall eine Flüchtlingsfrau aus dem Ballsaalhaus ein Brötchen. Begeistert und zugleich ungläubig sagte die Beschenkte: „Das Ertrinken war gar nicht so schlimm! Dass ich dafür ein Brötchen bekomme?“
Das ungewöhnliche Backwerk warf bei den anderen die Frage auf, woher die Nachbarin es haben könnte und, wenn sie es selbst gebacken hätte, woher dann das Weizenmehl stammte. War sie in Berlin gewesen? Diese Fragen überdauerten die Zeit mehr als die Erinnerung an Karins genaues Alter beim Unglück.
Konrads Rolle als Prügelknabe mag gerade auch deshalb besonders unbegreiflich für ihn gewesen sein, weil er bis zu Karins Geburt der Liebling seiner Mutter war.
Allmorgendlich wurde ihm sein Milchfläschchen gereicht, nachdem er eine Reihe von zweiunddreißig Koseworten aufzählen musste, die begannen: „Ich bin Muttis Kind aus Gold und Silber und Edelstein und ...“ Die Aufzählung endeten mit „Goldfasan und Karnickelchen“ und mit einem Gruß an den damaligen Regenten. Nach der Litanei erhielt der Achtjährige dann jeden Morgen sein ersehntes Babyfläschchen.
Nachdem er dem Milchfläschchen endgültig entwachsen und er auch für Schläge zu groß geworden war, fiel Karin die Rolle der Geschlagenen zu.
Die Mittel waren humaner. Hand oder Kochlöffel, nur wenige Male ein Strick.
Nun war es Konrad, der sich für seine jüngere Schwester einsetzte und der Mutter untersagte, ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit an den Kopf zu schlagen.
„Haust du Karin noch einmal an den Kopf, wenn ich dabei bin, dann wirst du etwas erleben! Das, was du mit mir gemacht hast, passiert kein zweites Mal! Hier gibt es Behörden. Die werden dir schon zeigen, dass du nicht alles machen kannst. - Das wag mal! Karin wird mir schon erzählen, wenn du sie misshandelst! Wenn sie es verdient hat, dann versohl ihr den Hintern, aber schlag nicht immer an den Kopf! Die wird ja schon ganz blöd von den vielen Backpfeifen. Bei jeder Bewegung von dir zuckt sie zusammen und zieht den Kopf zur Seite! Was soll aus der mal werden?“ fragte er mit leiser bitterer Stimme.
Die Drohung wirkte! Fortan bekam Karin weniger Backpfeifen!
Elke und Kurt mischten sich nicht ein.
Sie habe ja eine leichte Hand, die schnell mal ausrutsche, aber das sei nicht so schlimm. Bis jetzt hätten es alle noch unbeschadet überstanden. Im Übrigen sei es um jeden Schlag schade, der daneben gehe. Ja, ihre Mutter habe nie ein Kind geschlagen, erzählte die Mutter oft. Sie sei sehr gutmütig gewesen.
Andererseits fielen häufig die Sätze: „Ich kann keine Frauen mit braunen Augen leiden. Meine Mutter hatte braune Augen!“ Für diese unmittelbar aufeinanderfolgenden Aussagen hat Karin nur Vermutungen.
Auch ihr Vater habe nie ein Kind zu schlagen brauchen, denn sie und ihre Schwestern hätten wie selbstverständlich gehorcht, erzählte die Mutter oft. Streng sei er gewesen. Ja, geschimpft habe er, aber nie ein Kind geschlagen. Umso mehr jedoch seinen auf dem Bauernhof verbliebenen Bruder, der unverheiratet und ein wenig wunderlich war!
Meist nachts, wenn der Bruder stöhnte: „Mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf!“ und seine offensichtlich unerträglichen Kopfschmerzen sein Stöhnen zum Schreien anschwellen ließen, in diesen Momenten des Schmerzes wurde er mit einem nassen Strick geschlagen.
Sie und ihre Schwestern verstanden die Handlungsweise ihres Vater nicht, berichtete die Mutter weiter, dennoch bediente sie sich häufig ihren Kindern gegenüber ähnlich gewaltsamer Mittel.
Diesen gelang es jedoch, die Spirale körperlicher Gewalt zu durchbrechen.
Für alle fünf Geschwister Klein waren Schläge kein Mittel bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder.
In einer milden Sommernacht beschlossen Erik und fünf weitere Jugendliche, über die grüne Grenze nach drüben in den Westen zu machen.
Jemand hatte gehört, wie und wo man Kontakt zu einem ortskundigen Führer aufnehmen konnte und sie setzten ihren Plan unverzüglich in die Tat um.
Erik kam nach Hause, holte unbemerkt einen geringen Betrag Westgeld, der sich von den Schieberfahrten der Mutter im Haus befand, sagte, er müsse noch einmal für einen Moment weg und kehrte nicht zurück.
Zu Fuß wollten die Jugendlichen bis zur Elbe, jedoch wurden vier der Fluchtwilligen bereits auf dem Marsch dorthin von aufkeimenden Bedenken geplagt, die sie untereinander tuscheln und immer weiter zurück bleiben ließen, um schließlich wortlos und unbemerkt von den beiden an der Spitze des kleinen Trupps Marschierenden umzukehren.
Die zwei Entschlossenen setzten ihren Weg fort, gelangten unbehelligt über Feldwege und Nebenstrecken bis zum Grenzfluss. Jemand erbot sich als Fluchthelfer, kassierte ab und führte sie mit einer größeren Gruppe Menschen zusammen.
Am folgenden Tag verbargen sich alle in einer Feldscheune.
Erik bekam Bedenken!
Es schien ihm ausgeschlossen, dass diese vielen Männer, Frauen und Kinder jemals schwimmend das westliche Elbufer erreichen würden und er überlegte, wie häufig der Fluchthelfer über die Elbe rudern müsste, falls es ein Boot geben sollte, um die Flüchtenden hinüber zu bringen. Warum war er nicht selbst im Westen geblieben, wenn die Flucht so einfach und drüben alles so golden war, fragte sich Erik Klein. Ihm und seinem Begleiter kamen seine Erfahrungen zugute, die er auf seiner Flucht aus der polnischen Gefangenschaft gesammelt hatte. Sie verließen die große Gruppe und suchten sich abseits im Gebüsch ein Versteck.
Dies sollte sich später als gute Vorsichtsmaßnahme herausstellen, denn in der darauffolgenden Nacht, in der die Flucht erfolgen sollte, kamen Volkspolizisten und verhafteten die Menschen in der Scheune.
Den Fluchthelfer konnte Erik nicht entdecken und so vermutete er, dass der die Fluchtwilligen verraten hatte. Er machte ein müheloses, einträgliches Geschäft, wurde den beiden aus Ferbitz klar. Sie blieben unentdeckt und schlugen sich, nachdem sich alles beruhigt hatte, allein zur Elbe durch.
Im Dunkeln war die Uferböschung tückisch und man konnte Stromschnellen und Strudel erahnen. Kleidung, Geld und Papiere in Rucksäcken, durchschwammen sie in einem kräftezehrenden Akt den Grenzstrom. Sie gelangten an unterschiedlichen Stellen ans andere Ufer, verloren sich, riefen einander, fanden nicht zusammen und so trennten sich ihre Wege. Erik schlug sich bis ins Ruhrgebiet durch.
Als er in Sicherheit war, ließ er seiner Mutter und den Geschwistern eine Nachricht zukommen.
Er fand Arbeit in der Eisenindustrie in Dortmund und bewohnte ein möbliertes Mansardenzimmerchen in der Nähe des Hüttenwerks.
In der Folgezeit erhielt seine Familie große Pakete mit Lebensmitteln, Schokolade und Kleidung. Eine ganz besondere Tafel Schokolade schickte Erik einmal für seine kleine Schwester, auf deren Pappverpackung bunte Zirkusszenen gedruckt waren. Alle Motive waren Karin unbekannt. Es gab Clowns, Artisten und Tänzerinnen sowie verschiedenartige Tiere. Die obere und untere Reihe der Schokoladentafel waren verschiebbar. So konnte man wundersame Zwitterwesen erstellen, wie einen Elefantenkörper mit den Beinen eines Straußens und einem Löwenkopf, oder der lieblichen Tänzerin das Gesicht des dummen August und seine langen Schlappen anfügen.
Konrad hatte an diesen Manipulationen mehr Gefallen als die Beschenkte.
Ein anderes Mal bekam sie einen Pompadour aus, mit hellbraunem Kunststoffleder umfassten, rotkariertem Schottenstoff. Er war wunderschön, nur eigentlich überflüssigen, denn die Kleine wusste nicht, was sie dort hinein stecken sollte.
Elke schenkte ihr daraufhin ein rundes Spiegelchen und suchte ein besonders schönes Taschentuch aus, um dem Beutelchen einen Sinn zu verleihen.
Karin holte diese beiden Gegenstände häufig aus dem Pompadour hervor, einerseits, weil sie von allen Erwachsenen gefragt wurde: „Was hast du denn in deinem wunderschönen Täschchen?“ – andererseits, weil sie zwischendurch überprüfen wollte, ob dessen Inhalt noch vollzählig war, wobei es ihr Vergnügen bereitete, mit den Kordeln, die durch eckig-spitze Kunststofflederblüten an den Enden zusammen gehalten wurden, das Behältnis zu verschließen.
In einem von Eriks Paketen befanden sich auch die ersten Luftballons, die Karin je erhielt.
Einer zerplatzte nach kurzem Spielen, so blies sie die weiteren nicht mehr voll auf, zog die Öffnung stramm auseinander und ließ die Luft quiekend entweichen.
Das hatte Konrad ihr gezeigt und es machte Spaß! Niemand wurde auf dem weitläufigen Gelände durch das schrille, lang gezogene Piepsen gestört. Karin blies die Luftballons immer wieder auf, ließ die Luft tönen und erkrankte.
Sie bekam Fieber, das mit Hausmitteln nicht gesenkt werden konnte und so wurde die Ärztin aus Lenzen geholt.
Sie horchte Karin Brustkorb ab und stellte fest, dass die Lunge rasselte.
Die Mutter erkundigte sich bei der Medizinerin, ob dies durch das häufige Aufblasen der Luftballons verursacht worden sein könne und fügte hinzu, dass sie das dem Kind immer wieder verboten habe, „aber die Kleine hört ja nicht!“
Es sei nicht auszuschließen, dass sich durch die Überbelastung Lungenbläschen gelöst haben könnten, so wenigstens wurde es Karin erklärt. Die genaue Ursache für ihre Erkrankung konnte jedoch nicht festgestellt werden. Wirksame Medikamente zur Überwindung ihrer Leiden standen in Lenzen und wohl auch in Wittenberge nicht zur Verfügung und so empfahl die Ärztin schwarzen Tee!
Die Kleins hatten keinen vorrätig und scheinbar konnten sie sich auch im Dorf keinen borgen.
So schrieb die Mutter Erik und bat um Zusendung schwarzen Tees.
Gewöhnlich benötigten Briefpost und natürlich besonders Päckchen zwischen den beiden deutschen Staaten damals lange Zeit und es dauerte über zehn Tage, bis das erwartete Heilmittel ankam. In der Zwischenzeit fragte sich die Mutter täglich besorgt, ob die Post vielleicht verloren gegangen war, was durchaus häufig geschah.
Der Zustand der Kranken blieb einige Tage lang unverändert besorgniserregend.
Warum die Mutter in diesem speziellen Fall nicht nach Westberlin fuhr, um schwarzen Tee oder weitere Medikamente für Karin zu kaufen, was sie sonst wegen anderer Anlässe durchaus häufig tat, kann nicht beantwortet werden. Sie wartete auf Eriks Päckchen, obwohl Elke angeboten hatte, während der Zeit, die die Fahrt beanspruchte, nicht zur Arbeit gehen und das fiebrige und schwer atmende, teilnahmslos im Bett liegende Schwesterchen betreuen zu wollen. Jedoch lehnte die Mutter diesen Vorschlag mit der Begründung ab, die Kleine brauche jetzt, da es ihr so schlecht gehe, mehr denn je ihre Mutter. Konrad veranlasste dies zu der Frage: „Wer weiß, was die mit Karin macht, wenn wir nicht da sind? Der Zustand wird ja immer schlimmer!“
Als der Tee von Erik eintraf, war die Krisis bereits überstanden.
In einer kleinen Mitteilung drückte er seine Besorgnis wegen Karins Erkrankung aus, wünschte ihr gute Besserung und teilte mit, dass er bei der ersten Gelegenheit das Päckchen zur Post gebracht habe.
Schon von dem Moment, als er seine kleine Schwester zum ersten Mal sah, war er um sie besorgt.
Das war an dem Morgen, an dem er aus dem Stroh gekrochen war und wie am Vorabend an die braun gestrichene Tür geklopft hatte. Die Bewohner schliefen zwar noch, aber nach kurzer Zeit fand er Einlass! Schlagmals waren alle wach und nüchtern.
Beim Anblick des Kleinkindes, das ihm wie ein elendes Würmchen erschien, fragte er seine Mutter: „Glaubst du, dass du die durchkriegst?“ Sie antwortete: „Ach, Karinchen hat sich doch prächtig entwickelt! Die hättest du mal vorher sehen sollen.“
Das Gesichtchen war weniger befallen, jedoch zeigten ihre Händchen und Füßchen Zeichen einer schweren Krätzeerkrankung und glichen rohem Fleisch.
Zwei taubeneigroße Abszesse am Hinterkopf setzten der Kleinen ebenfalls zu, so dass Erik ahnte, welche Tortur sie in der vorherigen Nacht erlitten hatte, wenn sie mit der Stirn unter die Tischplatte stieß und beim Zurückfallen auf die spartanische Unterlage ihres Kinderwagens auf die schmerzenden Eiterbeulen plumpste.
Karin weinte häufig in der Zeit, in der diese reiften, bis sie davon befreit wurde. Die Operation geschah unter Mithilfe von Elke, die das schreiende Kleinkind zwischen ihren Knien festhalten musste, während die Mutter die Abszesse ausdrückte, deren gelbklebrige, übel riechende Flüssigkeit bis an die Schlafstubentür spritzte.
Karin schrie bei jedem Eingriff schrill auf, beruhigte sich aber schnell, als sie die Befreiung von klopfenden Schmerzen verspürte. Sie wurde wieder fröhlicher und verbrachte ruhigere Nächte.
Eine weitere Geschichte, die ebenfalls mit Karins Schlaf zu tun hatte, erzählte man ihr wiederholt.
Sie war gerade vier Monate alt, als die Mutter nicht mehr stillen konnte, weil sie selbst völlig entkräftet war. Nach dem Abstillen wurde die Versorgung des Säuglings außerordentlich problematisch. Er konnte vor Hunger nicht schlafen und brüllte fortwährend. Als sein Geschrei in kraftloses Wimmern überging, entschloss sich seine Mutter, an die Verbindungstür zur vornehmeren Haushälfte zu klopfen und von Frau Professor, wie alle die Witwe des Zahnmediziners aus Berlin nannten, etwas für ihn zum Essen zu erbitten.
Sie erhielt eine Tasse voll Haferflocken, die in Wasser gekocht, dem Säugling verabreicht wurden. Der habe nach dieser üppigen Mahlzeit sechsunddreißig Stunden ununterbrochen geschlafen, während die Mutter und Geschwister viele Male zum Kinderwagen geschlichen seien um zu horchen, ob Karin noch atmete.
Als Erik einige Zeit in Westdeutschland lebte, hatte er die Anzahlung für ein Motorrad zusammengespart und besuchte mit der Neuanschaffung zu Beginn der fünfziger Jahre seine Familie.
Seine kleine Schwester, die inzwischen hoch aufgeschossen war, hatte er noch viel kleiner in Erinnerung. Die Hahnenkammfrisur aus hellblonden Löckchen, die sie zu der Zeit seiner Flucht trug, war zu langen Zöpfen geworden, die in Korkenzieherlocken endeten.
Schon damals und noch lange Zeit später wünschte sie sich glatte Haare, denn, wenn sie sich nicht recht fügen wollte, oft auch völlig ohne Grund, hieß es: „Krause Haare, krauser Sinn! Mitten steckt der Teufel drin!“ Sie wollte keinen Teufel mitten in sich stecken haben. Sie bemühte sich brav zu sein und war enttäuscht von denen, die diese Redensart auf sie anwendeten. Sie fühlte sich verletzt und überfordert, weil ihr Bemühen um Gehorsam unerbittlich zunichte gemacht wurde durch ihre krausen Haare.
Sie konnte sich nicht freuen, wenn sie von Fremden hörte: „Hast du aber schöne, goldblonde Löckchen!“ Und an die Mutter gewandt: „Ist das ein süßer Fratz! Dem kann man einen Pisspott auf den Kopf setzten, der wird immer niedlich aussehen!“
Auch das noch!
Die Erwähnung ihrer lockigen Haare war schlimm genug und die Vorstellung, ein Pipitöpfchen an dieser Stelle zu tragen, ängstigte sie obendrein. Kurt lachte über ihre Sorgen, Elke wusste nicht, ob man sie dazu zwingen könne, aber Erik sagte fest: „Das geht gar nicht. Der Nachttopf würde sofort runterrutschen, weil er zu rund ist. Das ist so ähnlich wie bei einem Kochtopf. Der hält auch nicht! Wenn du Zweifel hast, probier es mit einem Kochtopf auf dem Kopf einfach aus. Guck her, er hält nicht!“ Sie war, wie so häufig, verunsichert.
Bei seinem ersten Besuch nach der Flucht drehte Erik mit seinem schwarzen, chromblinkenden Motorrad eine langsame Runde auf der Dorfstraße mit Karin auf dem Sozius und ihre Zöpfchen wehten im Fahrtwind.
Sie hielt sich krampfhaft fest und war stolz!
Einmal fragte er sie, ob sie noch wisse, was sie ihm versprochen und ob sie die Zusage bezüglich des Bassins und des Brunnens auch eingehalten habe.
Sie redeten über die bevorstehende Einschulung und er wollte wissen, was sie davon halte. Sie antwortete artig, wie immer, dass sie sich auf die Schule freue, ohne jedoch rechte Vorstellungen davon zu haben. Manches darüber wusste sie von Konrad, der weit mit dem Fahrrad dorthin fahren musste, während er lieber repariert und gebastelt hätte.
Sie war dankbar, dass Erik nicht mehr versuchte, sie, auf seiner rechten Hand sitzend, hoch zu stemmen, wie er es oft tat, als sie noch kleiner war.
Dabei bückte er sich tief und sie hatte sich auf seine nach oben gedrehte Handfläche zu setzen.
Mit einer schwungvollen Vorwärtsbewegung richtete er sich auf und stemmte Karin kraftvoll über seinen Kopf, wobei sie das Zittern seines Armes ängstigte.
Manchmal gelang das Stemmen erst bei wiederholten Versuchen und Karin fürchtete jedes Mal, von der Hand geschleudert zu werden. Es passierte nie!
Wenn sie hoch über allen auf seinem bebenden Arm thronte, denn dieser Kraft- und Geschicklichkeitsakt wurde vor Publikum durchgeführt, sollte sie strahlend wie eine Zirkusprinzessin lächeln. Aber sie wusste nicht, was ein Zirkus ist und lächelte gequält.
Wirklich froh war sie, wenn sie nach schwungvoller Abwärtsbewegung von seinem linken Arm aufgefangen wurde und lachte hell auf, wenn er sie herzlich an sich drückte.
Glücklicherweise war sie inzwischen zu schwer für diese Übung geworden, obwohl Erik in Dortmund in einem Sportverein Gewichtheben und Ringen trainierte.
Als die Familie im Ruhrgebiet wohnte, besuchten die Mutter und Karin einen Ringkampf, den Erik in ihrem neuen Wohnort bestritt. Sein Gegner war größer als er und die Mutter sorgte sich und fürchtete, der Große
