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»Skurrile Komik und worterfinderische Sprachlust bedingen sich hier gegenseitig.« Frankfurter Allgemeine Zeitung Tiefgründige Sprachpoesie und liebevolle Alltagsbeschreibungen gehen bei Jan Snela eine gelungene Liaison ein. Er sucht in seinen Geschichten Skurrilität und Schönheit in schiefen Bildern, wenn er Katzenfutter essenden Zimmermännern, Studenten verführenden Hermelinen und in Milch badenden, gehörnten Wellnessmaniacs durch ihre Welt folgt.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2016
Jan Snela
Milchgesicht
Ein Bestiarium der Liebe
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Klett-Cotta
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© 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: ANZINGER | WÜSCHNER | RASP, München
Unter Verwendung des Bildes »Jungfrau mit Einhorn«, 1604–05 von Domenico Zampieri © Palazzo Farnese, Rom / De Agostini Picture Library / Bridgeman Images
Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig
Printausgabe: ISBN978-3-608-98307-4
E-Book: ISBN 978-3-608-10926-9
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Milchgesicht
Neulich im Spooky Speaker
Eine Vigilie
Das Wiesel
Das Kind
Der Lehrling
Die Miriam
Die Alte
Klopstock
Grundieren
Dank
für A.
Täglich geh’ ich heraus, und such’ ein Anderes immer …
Friedrich Hölderlin, Menons Klagen um Diotima
Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen. Ich holte Sahne und Schmand aus der Küche und schüttete sie auf die neunzehn Liter drauf, die Melchior, der Schrank, noch hergegeben hatte. Wie’s aussah würde ich mehr Milch kaufen geh’n müssen. Nur wo?! Die Geschäfte hatten alle schon zu. Zur Tankstelle also? Im Grunde konnte ich’s mir ja leisten. Hatte ich doch Monate mit dem Weißeln von Wänden verbracht und Geld wie Heu. Ich zog also los.
Bevor ich aufbrach, präparierte ich aber noch ein Stirnband.
Meine Freundin Karen hatte vor vier Monaten mit mir Schluss gemacht und beim Auszug alles mitgenommen: den Sandwichmaker, das Hochbett, den Vorgänger Melchiors … Alles außer einer etwa vierzehn Zentimeter langen Messingschraube, mit der das Hochbett an der Wand befestigt gewesen war und mit der ich nun das Stirnband derart durchbohrte und mit Isolierband umwickelte, dass dort, wo vorher harmlos »Nike« gestanden hatte, nun ein Horn stand. Ich zog es mir auf und den Parka an und hinaus ging’s.
O und draußen, da … blühten die Linden! Nirgends lag mehr Schnee auf den Dächern der Autos, die leer, unanhebbar schwer, lautlos im Licht der Laternen, längs des Bürgersteigs, der mich hinantrug, matt schimmerten – es war Sommer geworden. Auf Armaturen lagen zärtlich per Einriss beschädigte Karten zu Reggaekonzerten, auf Beifahrersitzen Bikinis, Bermudashorts, Schnorchel, Pappteller voller Marmorkuchenkrümel, zerknautschte Zigarettenschachteln, auf Rücksitzen luftleere Luftmatratzen und bierleere Flaschen, gläsern vertrunkene Limo und Apfelsaftschorlen, sommerwiesig, zumzerfieselnstundenzeithabig etikettiert.
Gerührt und traurig, dass das Fest schon verrauscht schien, starrte ich in die sonst so rasenden Reliquienschreine, diese schneewittchenen, gläsernen Särge, in denen ein Mensch gewordener Sommer lag. Wäre ich ein Prinz gewesen, ich hätte ihn wachgeküsst. Ich hätte eine Scheibe eingeschlagen und eines der Autos geklaut. Wäre ich ein Dieb gewesen, wäre ich weggefahren, noch tiefer in den Süden hinein, in den Palmenwald menorcanischer Gefühle, der sich mir inwendig auftat. Ich lauschte der Gischt des Fernverkehrs, sah »den See« über den Dächern, diesen Kristall des Vorschwebens vom Schleifband himmelwärts gewundener Straßen geschliffener werden. Wie traurig, wie schön, wie erinnerlich und verrinnend doch dieser Abend war, und arglos, und wie er sich ganz leise schnaubend nüsternstupsig mitten in der Stadt gebärdete! (Der wippende Haselzweig, den ich meine.)
Die Tankstelle war ein schon von weitem zu spürendes Glimmen von kleinen Stängeln, ein Pulsen des Safts in den Schläuchen, ein Sich-Umdreh’n von Bäuchen, ein Kotzen von Schlangen in Tanks rein, ein in Gesichter geschriebenes Bangen, das Geld möge reichen, Verfluchung von Scheichen, Herumsteh’n an Teichen, in denen kein Fisch schwamm. Ein zarter Wind lag mir mit strotzendem Benzingeruch in der Nase. Ich musste niesen. Schon von weitem sah ich, in Blazern und schreienden Hemden, die hinter ihre beat-wummernden, türenschlagenden Schlitten geduckten, einander mit Zapfcolts bedroh’nden, Stutzen in seitliche, lackfarbumgrellte Löcher rammenden Kerle herumulkend um die Wette tanken. Vielleicht war es auch nur das Nacheinander rauchend volltankender Spaßpistoleros, aber die Sprache hier, der Erinnerung, ordnet mir alles zu gleißender Gleichzeitigkeit, Assonanz, und ich will sie gewähren lassen, will sie hier, im selben Satz noch, mich, den Spruch »Da geht das letzte Einhorn!« im Rücken, durch eine sanft sich aufschiebende Doppelglastür eintreten lassen lassen, ins Grelle.
Es ist wie immer. Ist wie mit Waren, die aber sehr wohl sind, hart und grell beworfen zu werden. Hart und grell und hagelnd. Eine Steinigung oder Kirschkernkissenschlacht der viel’n gegen einen, der klein ist, nein schlaksig. Der schlaksige Kerl, der hereinkommt, hält sich die Arme vors Gesicht, um sich vor den aus allen Richtungen auf ihn zufliegenden Chipstüten, Zigarettenschachteln, Redbulldosen, Busenbroschüren, Schokoriegeln, Weinflaschen, Sektflaschen, Bierflaschen, Kaugummipackungen, Magazinen, Gummibärchentüten, Blicken, Bierdosen, Boilern, Bachblütenbonbonbehältern zu schützen. Er heißt schlichtweg »Hannes«. Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber (der kein Lippenstift ist) einen Strichcode auf die Stirn, setzt ihm ihre Infrarotpistole auf diese Brust vor seinem Hirn, das ein Herz ist, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist, und geht vor den Augen der Verkäuferin, die, ein Namensschild verrät es gerade noch, »Carmen« heißt, ein. Unter, der Boden verschluckt ihn.
Da stand ich also, in der Tankstelle, im Attackenbunt, und dachte dunkel an meine Wohnung. Wie verlassen sie jetzt schien. Wie fern und leer und möbliert nur mit Melchior und einem einzigen Stuhl. Und wie sehr auf diesem Stuhl mein Wohnungsschlüssel lag und wie die drei sich ganz tonlos zuraunten, wo ich denn bliebe. Gerührt von diesem Wissen begann ich, mich ein wenig umzutun in dem Shop, der der der Tankstelle war. Ich blätterte zwei, drei der Hefte. Recht reißfest war’n Tüten mit Chips drin. Ich roch am Rund einer Pringlesdose und Dosen von Fett und Hydraten und Inhaltsstoffe studierte ich aufheul’nd. Prüfte Scheibenwischer auf ihre Intaktheit. Probierte einen Hupfball aus – bis der zu den Milky Ways fiel, ins Regal unterm Tresen. Da wusste ich plötzlich wieder, weshalb ich ja hier war. Ich wollte Milch!
O sie hatten Milch! Zwar nicht meine Lieblingsmarke, aber immerhin siebzehn Liter. – Aus dem stark, zu stark!, kühlenden Tankstellenkühlschrank, doch ich sah mich schon, diese Not zu einer Tugend verarbeitend, in der Küche stehen und köchelnde Milch zu herrlichem Badeschaum boxen … Ich bat einen Mann mit Muskeln, der in einer mit Redbulldosen gefüllten, durchsichtigen Halbkugel wühlte, mir, wie ich mich ausdrückte, »mal eben sehr plötzlich einen Gefallen zu tun«. Er sah mir zuerst in die Augen. Dann auf mein Stirnhorn. Dann auf die Schuhe. Dann ins Gesicht. Dann auf dessen Ausdruck und sagte dann »Oh…« und dann »käj…«. Ich führte ihn hin (zum Kühlschrank) und erklärte ihm, was und wie. Ich hielt meine Arme so, dass er in die Kehlen meiner Ellenbogen – wie Holzscheite – die Milchpackungen legen konnte, nahm aber vorher noch meine EC-Karte zwischen die Zähne. Er lud und lud. Sein Goldkettchen rutschte ihm am Stiernacken auf und ab, und er kam richtig ins Schwitzen.
Ab und zu trat ich ihm leicht mit meinen federnden Schuhspitzen gegens Schienbein, um ihn anzutreiben, rammte ihm ein Knie in die Magengegend, um ihn zu animieren, schneller zu stapeln, verpasste ihm, was ich, befrachtet, wie ich schon war, nicht konnte und deshalb unterließ, »a G’nackwoatsch’n«, damit es voranging. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis wir fertig waren. Als er sich, mit mir zugewandtem Gesicht, rückwärtsgehend, von mir entfernte, kam es mir so vor, als kennten wir uns schon seit Stunden. Ich entließ ihn mit einer Art würdevollem Nicken.
Caro, so hieß die Verkäuferin diesmal, hatte uns bei der Arbeit zugeschaut. Wir mussten das Bild zweier Holz zu holen sich bei einer Berghütteneinkehr erbietender Pfadfinder abgegeben haben. So etwas: männliche Sorge um ein Feuer, Holz holen, Holz hacken, Holz gekonnt in den Flammen positionieren, zieht immer gut bei den wollüstig fröstelnden, die Knie bibbernd aneinander pressenden, antörnend unsexy in schlotternde Wollpullover gekleideten Frauen, die sehnsüchtig in die Glut starren und leise, zu scheu zum Singen, zu angetan, um still zu sein, vor sich hin summen. Ich meinte, als ich mich anstellte, auf Caros sich aufhellendem Gesicht den flackernden Widerschein von Flammen und von fernem Sternenlicht erkennen zu können.
Zwei Longpapers-Käufer kamen noch vor mir dran. Dann griff sich Caro eine der Packungen von meinem wackeligen Berg. Sie ließ es piepsen, zählte durch und gab dann den Algorithmus mal siebzehn ein. Als sie mir die Summe, horrend war sie, nannte, hob ich die Brauen, um mich zu beschweren (wobei mir beinah das Stirnband hochgerutscht wäre!), und reckte dann meinen Hals mit dem Kopf, in dessen Mund die Karte steckte, in ihre Richtung.
Caro nahm mir die Karte mit spitzen Fingern ab, was mir die Möglichkeit, »Danke« zu sagen verschaffte, und steckte sie in den Schlitz des Apparats. »Geheimzahl bitte und zweimal bestätigen«, sagte Caro. Ich zog die Milch fester an mich und beugte mich vor. Mein Horn sauste auf die kleinen, leise aufpiepsenden Tasten nieder. Ein Bon wurde gedruckt. Ihn und die Karte im Mund, verließ ich die Tankstelle.
Mit meiner weißen Fracht galoppierte ich durch die Nacht.
Verschiedentlich um gehn die Geister, die Menschen mit ihnen (als wärn sie sie …). Manche erkennen einander nicht an den Merkmalen, die klar zu Tage liegen, und bleiben blind, auch dann noch, wenn sie sich längst entschweben spüren, in scheele Sphären. Bis schließlich alles – auch noch der Spuk! – zum Spuk wird. Ich muss es wissen und kann Euch davon ein Liedchen singen, verehrte Leser der Zeitschrift SPOOKY SPEAKER. Verfolgt das Fürchterliche, das mir jüngst widerfuhr!
Es war zur Stoßzeit, so um halb acht Uhr früh. Die S-Bahn war voller Menschen in kurzen Röcken, knallengen Hosen und knappen Shirts, mit gepiercten Stellen an den ins Surren der Stromesschnellen getauchten, aphrodisierten Leibern, die in die Arbeit fuhren. Ein blaues Blühen, an dem wir brachial vorüberpreschten, lag in der Luft. Ein Glühen. Ich sah sie beben – besagte Leiber – und wusste schon, wo es herkam, dieses Vibrieren, das denen, die fleisch-und-blutlich waren unter den Mitfahrgästen, ihre Gewebe wummern machte. Vom frühen Frieren, weil man zu leicht betucht war, kam es jedenfalls nicht die Tage … Ihr Delirieren war, was sie zittern machte, und »Wie die stieren!« war, was der Beau sich dachte, für den man recht schnell gehalten wurde in diesen Frühwindwochen. Der Zahl der Blicke nach zu schließen, die mein Gesicht befühlten, musste ich wahrlich passabel ausgesehen haben damals. Aber ich kümmerte mich gar nicht um ihre Schmachttiraden! War ich doch viel zu vertieft.
Ich las im SPOOKY SPEAKER (Heft Nummer hundertsieben). Er war mir erst nachts zuvor geliefert worden. Ich hatte ein Rascheln gehört, ein Flattern, das Kollisionsgeräusch von Papier mit Fliesen, doch, als ich die Wohnungstüre aufstieß, dann nichts gesehen außer der Zeitschrift mit ihrem Hochglanzeinband und der verblassten Schrift. So erging es mir jedes Mal! Unmöglich, ihn zu stellen, den mysteriösen Boten, der sie mir – der ich doch nie ein Abo abgeschlossen hatte – brachte, sich einen Sport draus machte. O er war schnell!
Der Artikel, der mehr mich verschlang, als dass ich ihn verschlungen hätte, verhandelte die Verdammnis tief im Detail. Ich las, was man tun kann, um zu erlösen, was, um zu bannen, und was man meiden sollte, um nicht letztendlich selber »umzugehen, ewig, im Gram«. Ein guter Beitrag, den ich wegen der allerdings kaum erfassten, auch schon verpufften Wörter des Stils des Autors nochmal von vorne lesen wollte, als sich abrupt mein Kopf bewegte. Wohl weil das Hirn darin meinen Muskeln (longus capitis, rectus capitis, sternocleidomastoideus und wie sie nicht alle heißen) einen Befehl zufunkte, da ihm die Sinne offenbar etwas durchgegeben hatten, das der Beachtung wert schien. Jedenfalls sah ich auf.
Mein Blick fiel auf eine drei Sitzgruppen entfernte Schöne, die mich, schon seit wer weiß wie langem, ansah – und mir sofort gefiel! Etwas an ihr war anders als an den andren Frauen, die sich in Tanktops (auf die Don’t Touch! gedruckt war) lasziv um Stangen wanden und sich den Hals verrenkten nach amouröser Anerkennung egal von wem. Das keusch geblümte, fast transparente Kleidchen, dessen Dekolleté ein schlicht gerüschtes Bustier oder Mieder freigab, stand ihr ausnehmend gut. Die vollen Lippen, auf denen kein Hauch von Lippgloss gleißte, waren wie im Erschrecken aufgeworfen, und ihr Gesicht verzog sich zu einer Art Schmerz-der-Verzückungs-Miene, die mir ad hoc das Herz zuschnürte. Das redlich Unverwandte ihres Mich-Ansehns zwang mich, es zu erwidern. Erstarrt im Hinstarrn saß ich da, krallte mich fest am SPOOKY SPEAKER, in den ich vergeblich versuchte, wieder den Blick zu senken. Ich war ihr bereits verfallen. Und dabei weiß ich noch, dass ich mich an jenem Morgen seltsam erfrischt und luzide fühlte, nachdem ich Stunden am Stück geschlafen hatte. (Verstummt die Stimmen erträumter Ungeheuer … Verblasst das Schimmern gramgrauer Nachtgesichte …) Es ist mir wichtig, bei allem, was folgt, dies einzuflechten: Ich war bei Sinnen.
Als die Station all derer nahte, die sich ihr Brot verdienen im Industriegebiet, stürzten die Mitfahrgäste sich ins gewohnte Handgemenge um die paar Knöpfe, auf denen HALT stand, und stiegen aus. Die S-Bahn setzte sich ruckelnd erneut in Bewegung, nunmehr fast leer. Die Schöne und ich waren allein im Abteil zurückgeblieben. Nichts als das Sirren schwelnder Elektrik im Schliff der Schienen und dumpfes Räderrumpeln sowie das Summen der Lieder, die meine Minne morphte, war mehr zu hören, und gelegentlich ihre Hüstelstimme. Ich sah sie glühend vor Glück durchs Fenster stieren: Statt frommen Frondiensts am Bruttoinlandsmammon würden wir heute zu zweit aufs Land rausfahren … Das schien ihr so klar wie mir!
In der nur ab und zu von der S-Bahnfahrerstimme unterbrochenen, surrenden Stille preschten wir aus der Stadt. Draußen hing Nebel. Kauernde Häuser, Weiblein mit Kräuterkörben, die über Wiesen staksten, stakende Vogelscheuchen, verblurrte Kühe geisterten fad vorüber im Dunst der Diesigkeiten. Ich merkte, wie mir zusehends flauer wurde, und auch die Fremde schien mir mit einem Mal bang umfangen. »Was, wenn er statt Fisimatenten anzuleiern doch nur zur Tante möchte, in eins der Bauernhäuser?«, spürte ich’s stumm herübermunkeln aus ihrer Miene, mit der sie Stirn an Stirn an der Scheibe klebte. In neuer Scheue, die – wiewohl frivoler, inkognitätsintimer, als ein Gespräch gewesen wäre – jeden von uns auf sich selbst zurückwarf, sahen wir raus ins Grau. Wie lau war, zum Lohn fürs Weiterfahren, uns aber dann die Luft denn bitte, als wir, uns jäh erhebend, zu zweit ins Freie traten, in die von Hummeln brummelnde, uns den Azur vom Himmel schummelnde Pracht dieses Tags.
»Oh! Splendidissimo!«, jubilierte ich in die Morgenhelle über dem Quai der Haltestelle, und ihre Augen antworteten im Duett ihres Flirrens: »Du kannst hispanisch?! Che admirabellissimo! Was für ein Mann!« Nach einer Andockphase, die von Verbalem bebte, das uns die Stimmen umschlug, spazierten wir nebeneinander her. Jeder ging seinen eigenen, zufällig sich mit dem des andern deckenden Weg ohne Ziel. (Nun ja … Das Ziel war, dass unsre Zungen föchten und wir die Haare ineinander flöchten im Tête-à-tête-Getümmel verkeilter Glieder. Was auch alsbald geschah …) Ein Hüne, der uns ins Gras zwang, mit seinen Wolkenmuskeln und seinem blauen Schauen, machte uns die Textilien fleckig. Bukolisch balgten wir, prallten wieder und wieder mit unseren Leibesstellen gegeneinander und, über Hügel talwärts rollend, lallten wir Lieder von Huld und Muld. Bis wir, es wurde Abend, erschöpft im Bachbett lagen, wie zwei Pantoffeltierchen fluxfusioniert im Überfließen, innig vereint.
Wir lauschten aufs Kieselschuckern am Grund des Gluckerns, sahen Forellen, die ihre Schnauzen, so sagt man glaub ich, zwischen den Strängen der Strömung hindurch in die Lüfte steckten, um nachzusehen, ob nicht irgendwo vielleicht eine Mücke schwirre, nach der man gemütlich schnappen könne. Und so viel andres Schönes. Zum Beispiel Hasen, die über die Wiese hoppelten. Und einen Reiher. Die Bäume entlang des Baches, der sicherlich einem – an seinem fernen Ende ins weite Meer einmündenden – Fluss zuströmte, wiegten sich wie Korallen. Ich hätte mich durchaus noch eine Weile treiben lassen können und dachte, das sei auch ihre Vorstellung vom Fortverlauf unseres Schäferstündchens. Doch weit gefehlt.
Beim ersten Schrei eines Käuzchens begann sie mich seltsam eindringlich anzusehen. Ihr Gesicht illuminiert vom Liebesfeuer, wie ich noch dachte … Und dann geschah’s. Sie fragte mich, erst ein erstes und dann, in mein erstauntes Schweigen hinein, noch ein zweites Mal, diesmal schon ziemlich drängend, geradezu quengelnd: »Gehn wir zu dir?«. Ich wusste, dass das nicht drin war, und zwar aus Gründen, die ich ihr leicht erklären hätte können, was aber auch nicht so wirklich drin war, weshalb ich »Gut, gut, wir gehen« seufzte. Wir standen auf. Die Wege, die ich durch Wälder wählte, vorbei an Weilern, in denen Weh sang, sollten uns mehr in die Irre führen als bald zum Bahnhof, wie ich hier gern gestehe. Irgendwann hätte dann eine Scheune kommen sollen, in der sie, am nächsten Morgen, mit einem Heuballen in ihren Armen, den ich dort sachte platziert hätte, glücklich erwachen würde, wär es nach mir gegangen. Es ging aber nicht nach mir.
Nach einer Weile des Durch-die-Gegend-Tingelns auf falschen Pfaden schwang sie sich auf meinen Rücken und sagte wieder – zum dritten Mal jetzt: »Gehn wir zu dir!« Sie hauchte es mir ins Ohr, an dem sie zugleich zu knabbern anfing, mir ihre Schenkel derart fest um die Hüfte schlingend, dass es mir fast die Luft abdrückte. Sie kletterte höher, stemmte sich an meinen Schultern hinauf in den Himmel, warf dabei ihren Kopf in den Nacken und seufzte auf. Was sie zu fassen bekam an Blüten der Schmetterlingsbüsche, Geißblattranken, Kastanienblättern, Glyziniendolden … flocht sie mir in die Haare. Sie sagte wieder und wieder: »Omanno! Hab dich schon jetzt so gerne! Wie wird’s nur dann?!« Ich hätte gerne mit ihr geredet drüber … Aber das stand gerade, wie es nicht nur den Anschein, sondern den festen Eindruck knochiger Fersen auf meine Flanken machte, partout nicht an. Schwitzend und wortlos trabte ich weiter, bis wir vor meiner Haustür angelangten, die sie uns, mit dem Schlüssel, den sie aus meiner Hosentasche gleichsam hervor-vorspielte, zielstrebig aufschloss. »Wir« stiegen Stiegen. In meiner Wohnung befahl sie mir, ihr mein Bett zu zeigen, was ich wohl oder übel tat.
Wir pflügten Äcker. Brachten die Saat aus. Bauten Volieren. Ließen die Sauen raus, die sich sogleich ins Bettzeug wühlten. Wir grunzten, schrien. Ich pflanzte Eichen, schwenkte mit Dengeln, zuzelte Zitzen. Sie spross mit Knospen und manövrierte Pferdestärken an Pferch und Stelle. Nach alter Arbeitsteilung bestellten wir Felder, die in Arkadien lagen, ganz ohne Mühen. Ich sah den Himmelsozean sich in sich selbst verlieren, durchschwirrt von Schwalben, die keine Fische waren. Spürte den Duft des Flieders wieder mir in die Nase steigen. Es muhten Kühe. Auf einmal stand auch ein Pfarrer (wohl der des Dorfes, in dem wir umgegangen waren) bei uns im Zimmer. In fleckenstarrender, grauer Soutane, mit dicker Brille, brüllte er, dass wir »Juwelen der Jeweiligkeit des Geschlechtes!« seien. Dann kam die Weihung. Wir waren ausgeliefert, fingierten Fummel, mit denen wir einander gerade noch so die Scham bedeckten. Schalmeien schallten von fern herüber. Bis ich entschlief.
Als ich erwachte, lag sie im Bett neben mir und schnarrte. Es war ein Surren, begleitet von leisem, regelmäßigem Rattern. Ein manchmal anschwellender, manchmal leiser werdender, alles in allem konstanter Ton. Er klang wie das Geräusch eines Förderbands, das die Myriaden vernaschter Männer auf eine Halde zuschob. Mit goldnen Ringen an ihren Fingern und schlaffen Dingern in jeder Form und Größe zwischen den müden Oberschenkeln, auf die sie entgeistert starrten, saßen sie kraftlos da. Aus Ehehimmeln sah man Konfettis von Fotohälften auf sie herunterschneien. Die, die so schnarrte, während die wohlgeformten, wohlfeilen Brüste sich ruhig hoben und senkten überm beseelten Mundgelächel, schien es noch nicht mal mitzukriegen. Mir war zum Schreien. Draußen hatte, wie ich nun tröpfeln hörte, es leicht zu regnen angefangen, was mich auf die Idee, mich eiskalt abzuduschen, brachte, um mal zu sehen, ob sich nicht alles, was sich seit heute Morgen zugetragen hatte, am Ende doch lediglich als ein Traum erweisen würde. (Was ich trotz der eben beschriebenen jüngsten Wendung so sehr befürchtete, wie ich es hätte hoffen sollen …) Vorsichtig, um sie nur ja nicht aufzuwecken, rollte ich mich aus dem Bett.
Langsam und tastend ging ich den kurzen Flur lang, zu einer Türe, durch die ich in einen kacheligen, seifenmuffigen Raum trat. Es war das Bad. Ich drehte am rechten Drehknauf, was einen Strahl hervorrief, der aus dem Duschkopfdunkel über mein Haupt in die Wanne stürzte. Ich duschte wild. Ich glaube – aber warum erzähle ich solche Nebensächlichkeiten?! –, dass das Wasser im ganzen Bad rumspritzte. Daraus, dass ich, auch als ich vor Kälte schon zitterte, nicht aus dem Schlaf aufschreckte, durfte ich schließen: Alles was ich seit heute Früh erfahren hatte – vom ersten Blickgebrizzel bis hin zum Schnarchgeschnarre – war wirklich wahr!
Mit solcher Einsicht ausgestattet, wollte ich nichts wie zurück in das Zimmer, in dem mein intim vertrauter, schlummernder, schöner Gast lag, auf den ich plötzlich erneut Appetit verspürte, erachtete es aber als vorher nötig, meinen nasskalten Körper ein wenig warm zu rubbeln, um sie nicht gleichsam abzuschrecken. Am Haken fehlte, wie ich bemerken musste, jedoch das Handtuch, das dort zu schweben pflegte. Stattdessen hing dort – sie hatte Duschen wollen, zwischen zwei unsrer Lustanstürme – ihr Kleid. Von seiner Weiblichkeitsleiblichkeits-Verhüllungs-Funktion enthoben, wirkte es merkwürdig schlaff. Gar nicht mehr, wie am Anfang, keuschzart im Frühwind flatternd, sattprall gefüllt. Was mir den Rest gab, war aber etwas anderes, das mir einen so großen Schreck einjagte, dass ich das Blut schier durch meine Adern klirren hören konnte: Das Kleid war feucht. Sicher vom Nieselregen draußen … Sie war, während ich schlief, beim Spuk gewesen, und hatte sich dann, als wär nichts, zurück ins Bett genestelt … Ganz schön gewieft!
Nach einer guten Stunde fand ich endlich den Mut, zu ihr zurückzukehren. Im Licht der Nachttischlampe lag sie im Bett und blätterte sich durch den SPOOKY SPEAKER, wieder und wieder »O Mann, wie abgefahren!« murmelnd. Sie mimte gut. Als sie mich in der Tür entdeckte, legte sie schnell die Geisterzeitschrift neben sich auf den Nachttisch und begann, mich zu sich ins Bett zu locken, indem sie sich auf die Seite drehte (wobei die Hüfte einen räkelnden Schlenker machte), ihren Kopf auf den Arm aufstützte und mir dann tief in die Augen blickte, triefend, verliebt. Das Vertrackte war, dass all das so raffiniert natürlich wirkte, kaum kalkuliert wie Flirtschachzüge. Ich hätte Dinge sagen sollen wie: »Nein … Bitte lass das … Verlass mich! Geh durch die Gegend heulen!« Aber, o ich Verfluchter, ich ließ mich, von ihrem Bannstrahl eingefangen, wieder auf alles ein. Ganz ohne Prachteinbußen, vergleicht man’s mit den vorangegangenen »Runden« lasziver Anverwandlung, fielen wir übereinander her. Wir weinten Lustsekrete bis in die Morgenstunden. Dann kam das Grauen.
Etwas halb fünf war’s, die hundert Vögel sangen, als ich im Schloss den Schlüssel hörte. Geistesgegenwärtig lief ich ins Bad, holte das Kleid vom Haken, huschte zurück ins Zimmer und gab es Ruth (wie ich die nenne, die mir die Nacht meines Lebens schenkte und von der ich bis heute noch keinen Namen kenne. Aber »Ruth« passt ganz gut …). Ich schob sie zärtlich zum Fenster und hielt’s ihr auf. Sie sagte »Spinnst du sag mal?!« Sie tat mir leid. So sehr verblendet war ich, dass sie mir auch noch leid tat. O ich Idiot! Zum Glück war ich als Leser des SPOOKY SPEAKER (den Manche mit der »Men’s Health« verwechseln) gut instruiert. »Jetzt mach mal, spring schon!«, sagte ich ruhig, wiewohl bestimmt dank SPOOKY SPEAKER. Sie sah mich an. Schmerzlich-entgeistert. Geradezu menschenähnlich … Doch ich blieb hart.
Am Ende offenbarte sie mir dann ihr Geisterwesen. Als ich sie dichter ans Fenster drängte – im Wohnungsflur hörte ich Kirstins vom Nachtdienstschieben erschöpften Schritte näher und näher kommen – zischte sie böse drohend: »Dass wir uns wiedersehen, da kannst du Gift drauf nehmen!« Und schwang sich fort.
Ich erwartete Amalie mit den Banani-Boxers unter den besten Hosen, die ihr mein Schrank zu bieten hatte, und einem Hemd, das weiß war (und noch von Frank herstammte). Ich roch nach Deo. Es brannten Kerzen auf hohen Messingleuchtern. Im Dekanter glänzte der Rotwein, schwarz im Shirazgeschimmer dunkleren Funkelns, als es der Tag bereithält. Polierte Gabeln flankierten Teller, die ich mehrfach gewaschen und abgetrocknet hatte, damit sie blitzten. Sie konnte kommen! Aber, verdammt, sie kam nicht. Was jedoch nicht verwundern durfte. War es doch erst halb sieben. Sollte sie Stunden vorher aufgebrochen und bereits da sein, sie würde dennoch nie schon geklingelt haben. Mir ihre weibliche Integrität und Würde nicht gleich zum Fraß vorwerfen. Ach ja, die Frauen …
Ich ging durchs Zimmer. Justierte Gabeln. Verrückte Teller. Verstellte Gläser. Strich übers Tischtuch. Zupfte Servietten bündig. Ich nahm das Steckenpferdchen, das in der Ecke lehnte, und ritt zum Fenster. Ich sah nach draußen. Das milchig trübe, absinthtürkise, schäumende Wasser des von den Regengüssen der letzten Tage reißenden Flusses lag schon im Nachtschwarz. Von den Laternen, die seine Ufer säumten, fiel wenig Licht ab. Soviel bloß, wie sie für nötig hielten, um jede sich selbst nur in ein vergilbtes Kleid zu hüllen, das schlicht gerüscht war. Die meisten verfluchten sie deshalb als »Funzeln«. Ich für meinen Teil war der Meinung, dass sie sich einfach wie Damen benahmen. Verglichen mit ihren deutschen Schwestern, die sich im Lichterbrechen weit vornüberbeugen, fand ich sie sehr vornehm! Da und dort sah ich ihre lasziv lancierten Mouchoirs
