Mindful Doctor -  - E-Book

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Beschreibung

Die digitale Transformation dringt für Behandelnde wie für Patient:innen in die intimsten Bereiche des Lebens vor und revolutioniert die medizinische Versorgung. Akteure im Gesundheitswesen, die in diesen disruptiven Zeiten erfolgreich und nachhaltig arbeiten und führen möchten, müssen sich durch eine Vielzahl tiefgreifender Einflussfaktoren navigieren. Wie kann sich die Next Generation Leadership innerhalb dieser Transformationsprozesse orientieren? Wie eine Vision aufbauen, die sie sicher und beständig durch sämtliche unerwartete Disruptionen bringt? Durch den Mindful-Leadership-Ansatz wird deutlich, dass jeder im individuellen Einfluss- und Wirkungsspektrum Einfluss auf die Verbesserung seiner eigenen Umgebung nehmen kann. Der Beginn dieser Reise liegt dabei im eigenen Mindset: Mind – Health – Change. Mediziner:innen und Entscheider:innen im Gesundheitswesen arbeiten als High Performer. Von ihnen wird nicht nur ein ständiges mentales und organisatorisches Changemanagement verlangt, sondern auch eine neue Betrachtung der eigenen Gesundheit. Denn Leader müssen als Vorbilder vorangehen – nur so sind sie authentisch und glaubwürdig. Ausgewählte Expert:innen aus dem Gesundheitswesen teilen in diesem Buch wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, eigene Perspektiven und Anleitungen, die essenziell für ein zukunftsweisendes, digitalisierungsfreundliches und veränderungsoffenes Leadership sind. Nur wenn jeder bei sich selbst anfängt, ist eine nachhaltige, systemische Veränderung möglich. Mit einem Geleitwort von Vera Starker

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EPUB
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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Alvar Mollik (Hrsg.)

Mindful Doctor

Next Generation Leadership in Medizin und Gesundheit

mit Beiträgen von

C. Braun | V. Bindrum | B. Brinkhaus | G. Dobos | T. Esch | M. Gerigk | E. Heber | P. Heiler | M. Herrman | H. Hildebrandt | M. Kinderman | A. Kulin | K. Legl | D. Matusiewicz | P. Merke | A  Mollik | A. Nemat | A. Paul | D. Ruppert | N. Schack | H.U. Sappok | H. Schmidt | J. Tarrant | M. Weifenbach | J. Werner | J. Wolf

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Der Herausgeber

Dr. med. Alvar Mollik

Mindful Doctor

Stargarderstraße 9

10437 Berlin

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstr. 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-765-9 (eBook: PDF)ISBN 978-3-95466-766-6 (ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2022

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen wünschen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Anja Faulenbach, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout & Satz: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Vorwort

Die Gesundheitsbranche befindet sich mitten in der biologischen und digitalen Revolution. Diese Transformation geht mit einer Veränderung der Arbeitswelt einher und verlangt ein neues Mindset der Mediziner: innen.

In dem vorliegenden Buch werden interessante Vorbilder, Methoden und Techniken zur Trias Mind, Health und Change vorgestellt. Außergewöhnliche Autor:innen aus den verschiedensten Bereichen informieren über neue Modelle, um die Zukunft der Medizin zu verbessern. Leser:innen erhalten Inspiration für Transformationsprozesse, um eine eigene Vision von einem gesunden und innovativen Gesundheitssystem zu entwickeln.

Mind

Die kulturelle und digitale Transformation dringt in die intimsten Bereiche des Lebens vor, revolutioniert die medizinische Versorgung und ändert das Rollenbild des Arztes. In Zukunft stellt sich die Frage, wie wir uns als Menschen von Computern und Maschinen abgrenzen werden, ohne in der digitalen Welt unterzugehen. Das Kapitel über digitale Ethik soll deshalb dazu anregen, ein gesundes Wertesystem für das Zeitalter der Digitalisierung zu entwickeln (s. Kap. I.4).

Im ersten Abschnitt des Buches werden außerdem Erkenntnisse der Neurowissenschaften beschrieben, die deutlich machen, wie verschiedene Meditationstechniken die Neuroplastizität anregen und wie wir so unter anderem Freundlichkeit und Mitgefühl kultivieren können (s. Kap. I.2). Empathie und Selbstmitgefühl werden als eine Kernkompetenz der menschlichen Medizin verstanden und im Kapitel von “Medizin und Menschlichkeit” als wichtige Basis für eine gesunde Patientenversorgung eingefordert (s. Kap. I.5).

Achtsame Führungskräfte, die in diesen disruptiven Zeiten erfolgreich und nachhaltig leiten möchten, müssen durch tiefgreifende und systemrelevante Einflussfaktoren navigieren. Der Mindful-Doctor-Ansatz stellt das eigene Bewusstsein ins Zentrum der persönlichen Veränderung. Eine positive Selbstführung hilft, die Stressresilienz zu erhöhen und positiver an bevorstehende Herausforderungen heranzugehen. Achtsamkeit wird darüber hinaus als Möglichkeit vorgestellt, Neugier und Offenheit für Innovation zu kultivieren: Mindful Innovation (s. Kap. I.3).

Durch den vorgestellten Mindful-Leadership-Ansatz soll den Leser:innen deutlich werden, dass jeder Einzelne Einfluss auf die Verbesserung seiner eigenen Umgebung und sein Umfeld nehmen kann. Der Beginn dieser Reise liegt dabei im eigenen Mindset und im bewusstem Handeln.

Health

Mediziner:innen und Entscheider:innen im Gesundheitswesen arbeiten häufig als High Performer und kommen immer wieder an ihre Belastungsgrenzen. Von ihnen wird nicht nur ein ständiges mentales und organisatorisches Changemanagement verlangt, sondern auch eine neue Betrachtung der eigenen Gesundheit. In diesem Buch werden daher Methoden der Salutogenese vorgestellt, die Geist und Körper als eine Einheit begreifen. Durch körperliches und mentales Wohlbefinden sollen Krankheiten gar nicht erst entstehen (s. Kap. II.1 und II.2).

Außerdem werden kraftvolle Methoden beschrieben, die messbar die inneren Ressourcen aktivieren und das Immunsystem stärken. Mit der Kraft der Kälte und Neurofeedback-Methoden lassen sich körpereigene Kräfte mobilisieren (s. Kap. II.3 und II.4) und auch digitale Gesundheitsanwendungen können zur Stressreduktion beitragen (s. Kap II.5).

Ohne natürliche Selbstfürsorge und Gesundheitserhaltung wird dieses System unbezahlbar. Wir als Mediziner:innen können und sollten daher als Vorbilder andere Menschen positiv beeinflussen, denn die einfachste Veränderung beginnt immer bei uns selbst.

Change

Das smarte und nachhaltige Gesundheitshaus ist voll digitalisiert und verantwortungsvoll für die nächsten Generationen aufgebaut. Die dafür notwendigen Veränderungen werden zu einem Kulturwandel führen, der einen neuen Führungsstil erfordert. Die Next-Generation-Leadership hat ihn schon eingefordert und ist dabei, dieses neue Arbeiten zu etablieren (s. Kap. III.I und III.3).

Telemedizinplattformen und Patientenportale können die ersehnte Patientenzentriertheit ermöglichen, denn Digitalisierung soll vor allem den unnötigen Dokumentationsaufwand in Kliniken reduzieren, smarte Lösungen können Ärzt:innen dabei unterstützen, Daten abzugleichen und lebensbedrohliche Fehler zu vermeiden (s. Kap. III.4). Neue Technologien, wie Telemedizin, verändern die Arzt-Patienten-Beziehung, eine neue Kompetenz, die es daher zu erlernen gilt, ist die Digitale Empathie (s. Kap. III.2 und III.5).

Diese technischen Errungenschaften versprechen Ärzt:innen mehr Zeit, sodass wieder mehr Aufmerksamkeit in die persönliche Behandlung und Betreuung von Patienten fließen kann. Um die freiwerdende Zeit auch wirklich für die persönliche Patientenversorgung nutzbar zu machen, muss der Arzt/die Ärztin ein Mindful Doctor sein, denn Heilung benötigt Zeit und Fokus.

Alvar Mollik

Im August 2022

Geleitwort

„Man gibt immer den Verhältnissen die Schuld für das, was man ist. Ich glaube nicht an die Verhältnisse. Diejenigen, die in der Welt vorankommen, gehen hin und suchen sich die Verhältnisse, die sie wollen, und wenn sie sie nicht finden können, schaffen sie sie selbst.“ (George Bernard Shaw)

Ich glaube auch nicht an die Verhältnisse. Deswegen beschäftige ich mich mit Utopien. Vor über zehn Jahren von Doris Kirch, einer Schülerin von Jon Kabat-Zinn, in MBSR ausgebildet, schaue ich konsequent ressourcen- und kompetenzorientiert auf die Veränderungskraft von Menschen, wenn ich Organisationen in Veränderungsprozessen begleite. Und daher sprachen mich Titel und Idee dieses Buches sofort an.

Wer einen Blick auf das Inhaltsverzeichnis wirft, entdeckt 26 Expert:innen, die sich offensichtlich ebenfalls nicht von den Verhältnissen abhalten lassen, sondern neue Verhältnisse schaffen und damit Unterschiede im System herstellen. Unterschiedsbildung wiederum ist die Basis einer jeden Systemveränderung.

Mein persönlicher Erstkontakt mit „den Verhältnissen“ im Gesundheitswesen und im klinischen Alltag ergab sich aus der Begleitung eines Universitätsklinikums bei der Umsetzung seiner neuen Strategie. Die am häufigsten gezeigte Reaktion lautete: Geht nicht, weil …, zumeist kombiniert mit dem Hinweis auf das DRG-System. Dieser Einwand ist nachvollziehbar, denn die Effizienz- und Skalierungshöhenflüge des Industriezeitalters haben bedauerlicherweise auch das Gesundheitswesen nicht verschont, und der ursprüngliche binäre Code des Systems Medizin – „krank/gesund“ – wurde während der letzten 20 Jahre zum binären Code „wirtschaftlich/unwirtschaftlich“.

Das ist eine bittere Pille für Menschen, die sich in ihrer Ausübung eines medizinischen Berufs ganz in den Dienst anderer Menschen stellen und nun in unserem gewinnorientierten System zum Produktionsfaktor degradiert werden. Und da auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Systemen – das liegt in der Natur der Sache – jeglicher Schutzreflex für die in ihnen tätigen Menschen fehlt, sollte sich niemand über die steigende Zahl der (jungen) Ärztinnen und Ärzte wundern, die nicht mehr in unseren Klinken arbeiten wollen, und auch nicht über den alarmierenden Anstieg der Fallzahlen bei den krankheitsbedingten Ausfällen, nicht zuletzt wegen Burnout.

Wo liegt die Veränderungskraft, um das Geht nicht, weil … zu überwinden und in die Lösungsorientierung zu kommen? Wenn ich diese Fragen stelle, lautet die Antwort oft: Wenn sich das System ändert, dann … Das ist nachvollziehbar. Allerdings wird spätestens in diesen Momenten klar, dass nun jegliche Gestaltungs- und Veränderungskraft aus der Hand gegeben wird – wahlweise an das Management, das Gesundheitssystem, die Politik. Und dann bleibt man schlussendlich Opfer der Verhältnisse.

„Auch wenn du die Phänomene an sich nicht ändern kannst, bist du frei, deine Beziehung zu ihnen zu verändern.“ (Dr. Gunther Schmidt, Ärztlicher Leiter Systelios Klinik)

Die in diesem Buch dargestellten Perspektiven vereint die in ihnen liegende Möglichkeit, die Beziehungen zu den Phänomenen, zum System und nicht zuletzt zu sich selbst verändern zu können. Und das ermöglicht den Austritt aus einem erschöpfenden System – und aus der Opferrolle.

Mindfulness verringert nicht die Überstunden – zunächst. Achtsamkeit sollte auch nicht der Hebel sein, den man nur ansetzt, um den Irrsinn besser auszuhalten – und damit letztendlich das bestehende System zu stabilisieren. Mindfulness hat die Kraft, der Beziehung zu sich selbst einen anderen Stellenwert zu geben und dem eigenen Wohlbefinden, der eigenen Gesundheit eine Relevanz. Und hier liegt unter Umständen einer der wichtigsten Schlüssel zur Systemveränderung: nämlich das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und das Bestreben, alles auszuhalten – koste es, was es wolle –, eben nicht mehr als integralen Bestandteil der ärztlichen Tätigkeit zu betrachten, sondern in einen intensiven Kontakt mit sich zu treten und endlich als Mensch im System stattzufinden.

Mindfulness reduziert evidenzbasiert Stresserleben und Erschöpfung. Nüchtern betrachtet geht es einem mit der Praktizierung von Mindfulness schlicht besser. Sie können sich jetzt natürlich darauf konzentrieren und sich über Achtsamkeitspraktiken eine neue Dimension von Resilienz antrainieren, um in einem dysfunktionalen System zumindest weniger erschöpft Ihrer Arbeit nachzugehen. Oder – und hier wirft dieses sehr lesenswerte Buch seinen Anker aus – Sie werden über Ihre durch Mindfulness gewonnene Kraft zu Gestaltern des Systems. Der Aufbruch ist spürbar, und der neue Geist lässt sich nicht mehr in die Flasche zurückzwingen. Ich schließe hier mit den treffenden Worten von Viktor Hugo: „Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen“ und wünsche Ihnen spannende Erkenntnisse bei der Lektüre!

Vera Starker, Wirtschaftspsychologin, Autorin des Buches New Work in der Medizin. Wie uns die Utopie gelingen kann! und Co-Founderin des Berliner Think Tanks Next Work Innovation

Im August 2022

Inhalt

IMind

1Mentale Gesundheit für Ärzte durch Mindfulness – damit Stress gar nicht erst aufkommtAlvar Mollik

2Meditation für das 21. JahrhundertJeff Tarrant, Normen Schack und Marbod Kindermann

3Mit Mindful Innovation und New Work Wege in die Zukunft bauenMartina Weifenbach

4Digital Health Mindset – Neue EthikAndré T. Nemat

5Menschlichkeit in der MedizinChristin Braun und Hans-Ulrich Sappok

IIHealth

1Die innere und die äußere Natur – Prävention durch Planetary HealthGustav Dobos und Anna Paul

2Die Bedeutung der Selbstregulation in der Integrativen und Mind-Body-Medizin – Ein ÜberblickTobias Esch und Benno Brinkhaus

3Die Wim-Hof-Methode – ein homöostatischer WegDaniel Ruppert

4Stressbehandlung durch SensorikPhilipp Heiler

5Stressbewältigung per App: Digitale Gesundheitsanwendungen gegen Stress und BurnoutElena Heber und Victoria Bindrum

IIIChange

1Mindful Healthcare: Eine Therapie für die Organisation unseres GesundheitswesensHelmut Hildebrandt

EXKURS:Green Hospital – nachhaltiges Wirtschaften im KrankenhausJochen A. Werner

2Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung durch DigitalisierungHubertus Schmidt, Klaus Legl und Julia Wolf

3Raus aus dem Autopilot-Modus – Von der achtsamen Führung zur VerantwortungskulturPatrick Merke

4Patientenzentrierung durch DigitalisierungAdmir Kulin

EXKURS:Transformatives Handeln im Angesicht der planetaren GesundheitskriseMartin Herrmann

5Digitale EmpathieMonja Gerigk und David Matusiewicz

Sachwortverzeichnis

1Mentale Gesundheit für Ärzte durch Mindfulness – damit Stress gar nicht erst aufkommtAlvar Mollik

1.1Stressbelastung unter Medizinern

Laut einer Umfrage der Asklepios-Kliniken in Deutschland leiden rund 25% der Ärzt:innen unter einem hohen Stresslevel (Asklepios Kliniken Hamburg 2017). Jeder vierte Mediziner gab in der Umfrage an, dass er das Stresslevel eines durchschnittlichen Arbeitstages als hoch empfinden würde. 66% der Befragten gaben an, dass sie den Stress, der mit einem normalen Arbeitstag als Arzt einhergeht, als „mittel hoch“ empfinden, lediglich acht Prozent antworteten, dass ihre Stressbelastung nur „moderat“ sei. Dies sind die Ergebnisse der Studie „Stress und Resilienz“, die im Auftrag der Asklepios-Kliniken durchgeführt wurde (ebd.). Für die Studie wurden im Mai 2017 240 Pflegende aus allen Bereichen sowie 162 Ärzte aus Krankenhäusern und Arztpraxen online zu ihrem Stresserleben im Arbeitsalltag befragt.

Es zeigte sich, dass vor allem Ärzte in Krankenhäusern unter besonders hoher Stressbelastung stehen. 28% der Ärzte aus Krankenhäusern antworteten, dass sie unter einer hohen Stressbelastung in ihrem beruflichen Alltag stehen. Bei den Ärzten, die in Praxen tätig sind, waren es nur 22%. Auf die Frage, ob diese Stressbelastung als negativ empfunden würde, antworteten 43% der Klinikärzte mit „ja“. Bei den Ärzten, die in Praxen tätig sind, waren es 32% (ebd.).

Dass Stressbelastung nicht unbedingt immer negativ sein muss, wird später in diesem Kapitel noch diskutiert. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass vor allem immer wiederkehrender und langanhaltender Stress eine Gefahr für die Psyche und die Gesundheit darstellt, vor allem dann, wenn er von den betroffenen Menschen grundsätzlich als negativ und belastend empfunden wird. Dies ist in der Asklepios-Umfrage „Stress und Resilienz“ bei circa 33% der befragten Ärzte der Fall gewesen. Die betroffenen Ärzte gaben an, dass sie regelmäßig und vor allem häufig unter sowohl körperlichen als auch psychischen Symptomen leiden. Am häufigsten wurden hierbei Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen, Ohrengeräusche, Hörstürze, Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Probleme genannt. Auch Erkrankungen der Haut kamen bei den gestressten Ärzten häufig vor. Psychische Beschwerden gaben 22% der befragten Ärzte an. Dabei handelte es sich vor allem um niedergeschlagene Stimmung, Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, Nervosität, innere Unruhe, Ängste oder auch Panik. Als besonders empfindlich auf negativen Stress erwiesen sich vor allem die Assistenzärzte. 47% von ihnen leiden aufgrund der Stressbelastung im Beruf unter körperlichen Beschwerden. 32% der Assistenzärzte gaben an, dass sie unter psychischen Problemen aufgrund des hohen Stresslevels leiden (ebd.).

Als Gründe, weshalb die Stressbelastung bei der Arbeit so hoch ist, gaben die befragten Ärzte vor allem den Dokumentationsaufwand an, die hohe Arbeitsbelastung und den Zeit- und Arbeitsdruck. Sie beklagen, dass sie aufgrund des hohen Dokumentations- und administrativen Aufwandes zu wenig Zeit für ihre Patienten hätten. Pausen bleiben bei ihnen häufig auf der Strecke.

Als wie stark und belastend der jeweilige Stress empfunden wird, unterschied sich jedoch signifikant zwischen neuen und erfahrenen Ärzten. So empfanden vor allem junge, noch unerfahrene Ärzte die Anforderungen als besonders stressreich und belastend. Die jungen Ärzte reagierten mit besonders hohem Stressempfinden auf die vor ihnen stehenden Dokumentationspflichten (58%). Bei den erfahrenen Medizinern in leitender Position waren es hingegen 46%. Auch Ärzte in Praxen empfanden die Dokumentationsaufgaben als weniger stressreich.

Dass viele Ärzte erschöpft sind und sich ausgebrannt fühlen, zeigte auch eine Studie des Marburger Bundes aus dem Jahr 2019. Die Studie ergab, dass 5–10% der Studienteilnehmenden ein Vollbild und 80% zumindest teilweise Symptome eines Erschöpfungssyndroms aufwiesen (Marburger Bund 2019). Die Gründe hierfür waren vor allem Arbeitsverdichtung, Zeit- und Arbeitsdruck, Personalmangel und die ökonomischen Vorgaben der Klinikleitung.

1.2Routine, Gewohnheit und Stress

Auf junge und unerfahrene Ärzt:innen wirken während der ersten Jahre im Beruf zahlreiche neue Eindrücke, vor ihnen stehen eine Fülle an neuen und noch ungewohnten Aufgaben. Für solche Ärzt:innen gilt es, die mentalen Ressourcen gut einzuteilen und die eigene Resilienz zu stärken. Gerade in den ersten Jahren, mit Nachtschichten, vielen neuen Erlebnissen und Herausforderungen ist eine mentale Ressourcenstärkung essenziell, um mit Unsicherheiten und Stress umzugehen, sie stellt regelrecht eine Prävention gegen Burnout dar.

Konfrontation mit Unbekannten kann zu Stress führen, der bekannte Flight-or-Fight-Modus setzt ein (Schwitzen, Herzrasen etc.). Denn es sind die Gewohnheiten, welche das Gehirn schon seit der Geburt formen und gestalten. Dies beginnt schon als Kleinkind beim Spiel. Bei einem Puzzle beispielsweise muss sich ein Kind erst voll darauf konzentrieren, die richtigen Teile zusammenzusetzen. Hat das Kind das Puzzle gelöst, so erlebt es ein Erfolgserlebnis, das Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert. Wenn das Kind dann noch Lob von einem Elternteil oder Betreuer für das Lösen des Puzzles bekommt, dann wird dieser Belohnungseffekt noch verstärkt. Wir tendieren dazu, Tätigkeiten, welche eine Belohnung, bzw. die Stimulation des Belohnungssystems nach sich ziehen, zu wiederholen. Es wird zur Gewohnheit, zur Routine, dass das Kind nun erfolgreich ein Puzzle löst. Das Ausführen der Tätigkeit wird nun nicht mehr, wie am Anfang, vom frontalen Kortex gesteuert, sondern rückt jetzt in tiefere Regionen des Gehirns, teilweise ins Unterbewusstsein. Hierfür sind die Basalganglien im Gehirn zuständig. Während am Anfang das Gehirn noch voll aktiv war, ist es jetzt, während der Routinehandlung des Puzzle-Lösens, entspannt (Schutkin 2015).

Während der Mensch eine Routinehandlung durchführt, spart das Gehirn Energie. Bei Beginn der jeweiligen Tätigkeit erkennt das Gehirn, dass es sich um diese bestimmte Routinetätigkeit handelt und aktiviert dann unbewusst das bereits abgespeicherte Programm. Aktiviert wird das jeweilige Routineprogramm durch einen Reiz aus der Umwelt: Wenn ein Kind lose Puzzleteile sieht, oder ein Arzt/ eine Ärztin eine erkrankte oder verletzte Person vor sich hat. Auch bestimmte Operationsbestecke auf dem OP-Tisch können schon den Reiz für die die Routinehandlung eines bestimmten chirurgischen Eingriffes auslösen. Am Ende der jeweiligen Tätigkeit prüft das Gehirn, ob es hierfür eine Belohnung gegeben hat – sei dies das Lob eines Elternteils für das Kind oder die Dankbarkeit eines Patienten oder ein Lob seitens der Führungsperson (Schutkin 2015).

Routinen und Gewohnheiten entwickeln sich stetig im Laufe des Lebens, zahlreiche davon vor allem während der ersten zehn Lebensjahre. Sie erleichtern nicht nur das Leben von uns Menschen, sondern helfen dem Gehirn auch dabei, Energie zu sparen. Ist eine bestimmte Handlung zur Gewohnheit und Routine geworden, so kann das Gehirn es schneller und effizienter verarbeiten (Schutkin 2015). Dabei können sich sowohl gute als auch schlechte Gewohnheiten entwickeln, denn dies geschieht, sobald das Gehirn eine Belohnung für eine bestimmte Handlung wahrnimmt, also das Belohnungssystem stimuliert wird. In den Basalganglien sind nicht nur bestimmte Arbeits- und Alltagstätigkeiten abgespeichert, sondern auch sowohl positive als auch negative Denkmuster. So kann zum Beispiel das Denkmuster „Ich kann das nicht“ oder „Das schaffe ich niemals“ in den Basalganglien verankert sein. Automatisch, wenn wir vor einer neuen Herausforderung stehen, die uns gänzlich unbekannt ist, kann das Gehirn solch ein negatives Denkmuster abrufen. Das Ergebnis: Wir haben Angst. Dies kann zum Beispiel einem Arzt/einer Ärztin im Krankenhaus passieren. Die Arbeit ist neu, die Herausforderung, das erste Mal einen Patienten zu operieren ist neu, es kann Angst und Unsicherheit entstehen und das negative Denkmuster „Das schaffe ich doch nicht“ abgerufen werden. Die betroffene Person steht dann unter starker Anspannung, das Gehirn schüttet Adrenalin und Cortisol aus. Es entsteht negativer Stress (Kaluza 2012).

Ob eine solche Herausforderung wie oben beschrieben nun positiv oder negativ wahrgenommen wird, hängt jedoch von bereits in der Kindheit erworbenen Denkmustern ab. Während manche Menschen eine neue Herausforderung positiv betrachten und sich darauf freuen, zögern andere wiederum und trauen sich das nicht so recht zu. Sie „stehen dann unter großem Stress“, doch was ist damit eigentlich gemeint?

1.3Stress – Was ist das eigentlich?

Ursprünglich kommt der Begriff „Stress“ aus den Materialwissenschaften. Bis in die 1950er-Jahre wurde der Ausdruck lediglich in Rahmen der Materialverarbeitung verwendet. Wenn ein Material unter Stress stand, dann bedeutete das, dass es unter starker Anspannung stand und drohte zu brechen, zu zersplittern oder zu zerreißen. Der Arzt Hans Seyle führte den Begriff „Stress“ das erste Mal in den 1950er-Jahren in der Medizin ein. Stress kommt aus dem Lateinischen „stringere“ und bedeutet so viel wie „unter Anspannung stehen“. Dies gilt auch für den Menschen. Dabei werden „positiver Stress“, der sogenannte Eustress und „negativer Stress“, der sogenannte Disstress voneinander unterschieden. Eustress bedeutet, dass eine Person vor einer neuen Herausforderung, einer ungewohnten Aufgabe steht, aber sich darauf freut. Eustress kann auch entstehen, wenn ein Mensch unter hoher Arbeitsbelastung steht, dies aber als Motivation und positive Herausforderung empfindet. Stress ist also nicht immer schlecht, denn er hat seine evolutionären Vorteile, es ist entscheidend, mit welcher Intention und Emotion wir an eine Herausforderung gehen. Wir können uns unter Eustress besser konzentrieren, motivieren und bessere sportliche Leistung bringen. Bei Eustress erwartet die betroffene Person eine Belohnung für ihr Handeln und ist auch davon überzeugt, dass sie die erwünschte Belohnung, wie Lob der Führungskraft, Lob seitens der Angehörigen, mehr Gehalt, einen Bonus oder Beförderung erhalten wird. Bei Eustress ist der betroffene Mensch überzeugt von seinen Fähigkeiten und auch davon überzeugt, dass sein Handeln zum Erfolg führen wird (s. Abb. 1). Man spricht dann von einer positiven Selbstwirksamkeit. Eine negative Selbstwirksamkeit liegt vor, wenn ein Mensch eine neue Situation oder Aufgabe von vornherein negativ bewertet und an sich zweifelt (Schutkin 2015; Kaluza 2012).

Abb. 1 Optimale Leistungsfähigkeit im Eustress

Auf psychologischer Ebene haben negative Gedanken, wie z.B. ein Gefühl der Überforderung, das Potenzial einen Menschen daran zu hindern, zu funktionieren. Negative Gedanken und Glaubenssätze sind potent und können das eigene Scheitern beeinflussen oder sogar verursachen. Wenn wir ein bestimmtes Outcome erwarten, können wir dazu beitragen, dass dieses Verhalten oder Ergebnis auch wirklich eintritt. Beispielsweise haben Senioren, die eine größere Angst vor einem Sturz haben, auch häufiger einen solchen Unfall als ihre Altersgenossen, welche weniger Angst hatten (Liu et al. 2020).

Eigentlich sollte Stress uns einst vor gefährlichen Situationen bewahren. Der negative Stress, der Disstress ist ein von Natur aus angelegtes Selbstschutzprogramm des Körpers. Bei Gefahren dient er dazu, uns zu einem schnellen Handeln zu bewegen, um uns vor der drohenden Gefahr zu retten. Dies kann durch Kampf oder Flucht erfolgen. Bei Bedrohung durch ein wildes Tier beispielsweise steht dem Betroffenen die Möglichkeit des Kämpfens zur Verfügung – er kann das wilde Tier töten und vielleicht später auch essen, die Gefahr ist somit gebannt. Oder er kann fliehen und sich so aus der Gefahrensituationen begeben. Auch bei Naturkatastrophen verspüren Menschen großen Disstress, welcher sie dazu veranlasst vor der Gefahr zu fliehen und so einem großen Schaden oder gar dem Tod zu entgehen. Solch eine Stressreaktion wirkt sich nicht nur auf die Psyche, sondern auf den gesamten Körper aus. Denn: Dieser soll auf eine mögliche Flucht oder einen bevorstehenden Kampf vorbereitet werden (Kaluza 2012).

Die Hormone, die hierfür verantwortlich sind, sind hauptsächlich das Adrenalin, das Noradrenalin und das Cortisol. Die Stressreaktion setzt im Hypothalamus ein und beginnt damit, dass der betroffene Mensch eine neue Situation oder eine neue Herausforderung wahrnimmt und aufgrund der in den Basalganglien gespeicherten Denkmuster als negativ bewertet. „Das schaffe ich doch niemals“, kann die betroffene Person dabei denken. Die neue Aufgabe oder eine ungewohnte Situation können so als eine mögliche Bedrohung oder Gefahr bewertet werden. Der Hypothalamus sezerniert dabei CRH, das Corticotropin Releasing Hormone. Dieses wiederum stimuliert die Hypophyse und veranlasst sie zur Ausschüttung von POMC, dem Pro-Opiomelanocortin und ACTH, dem Adreno Corticotrophic Hormone. Letzteres stimuliert die Nebennierenrinde, welche daraufhin mit der Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol reagiert. Dieses Zusammenspiel zwischen dem Gehirn und der Nebennierenrinde wird allgemein als die „neuroendokrine Stressachse“ bezeichnet und ist für den Menschen überlebenswichtig (Kaluza 2012).

Aufgrund der oben genannten biochemischen Reaktionen im Körper kommt es nun zu einer Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks, die Perfusion des Gehirns ist nun verstärkt, damit die betroffene Person jederzeit die Situation korrekt bewerten und zügig die richtige Entscheidung treffen kann. Wir sind in solchen Situationen hellwach und vollkommen konzentriert. Sowohl die Blutgefäße als auch die Atemwege erweitern sich. So werden mehr Sauerstoff und Nährstoffe in den Blutkreislauf gepumpt und können von der Muskulatur aufgenommen werden. Der Blutzuckerspiegel erhöht sich, die Glykogenreserven aus der Leber werden freigesetzt, um für die Muskulatur zur Verfügung zu stehen. Die Muskeln werden somit auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion optimal vorbereitet. Sie spannen sich an und sind bereit für die entsprechende Handlung (Kaluza 2012).

Körperfunktionen, die weder einem Kampf noch einer Flucht dienen, werden hingegen heruntergefahren. Die Verdauung ist verlangsamt, Immunsystem und Libido werden herunterreguliert. Disstress hat also, wenn er kurzfristig auftritt, überlebenswichtige Funktionen (ebd.).

Negative Stressreaktionen verlaufen in vier unterschiedlichen Phasen:

1.Die Vorläufer-Phase: Dabei kommt es zu einer negativen Bewertung der aktuellen Situation.

2.Die Alarm-Phase: Die Stressreaktion wird nun in Gang gesetzt, es handelt sich um die oben beschriebenen Prozesse im Körper und im Gehirn.

3.Die Handlungs-Phase: Die betroffene Person hat sich für eine Kampf- oder Fluchthandlung entschieden und führt diese Handlung nun aus.

4.Die Regenerationsphase: Das Gehirn realisiert, dass die Gefahr vorbei ist, die Stressreaktion wird gestoppt, Körper und Psyche kehren wieder in den Normalzustand zurück.

Disstress wird erst gesundheitsschädlich oder gefährlich, wenn er über einen längeren Zeitraum immer wiederkehrend auftritt. In diesem Fall bleibt Körper und Psyche nicht ausreichend Zeit für die oben beschriebene vierte Phase, die Regenerationsphase (Kaluza 2012).

Chronischer Stress führt zu permanenten Veränderungen in den Hirnregionen, insbesondere der Amygdala. Diese stellt das „Angstzentrum“ des Gehirns dar und spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Emotionen. Es kommt bei Stress zu einer Vermehrung der Hirnzellen im Bereich der Amygdala und zu einer Zunahme der Verbindungen zu anderen Hirnregionen, was wiederum die Amygdala verstärkt aktiviert und stimuliert. Infolgedessen werden zahlreiche Eindrücke und Erfahrungen werden mit Angst verbunden (Liu et al. 2020). Erschöpfung und Schlafmangel können eine Depression verstärken oder entstehen lassen, da wir uns überfordert und hilflos fühlen. Stress und der damit verbundene erhöhte Cortisolspiegel können Herz-Kreislauf-Beschwerden, Appetitverlust, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme und eine nachlassende Libido zur Folge haben (Kaluza 2012). Auch wenn Stress die oben genannten Folgen auf struktureller Hirnebene hat, ist dieser Effekt reversibel (Kaluza 2012, Liu et al. 2020; Ghawadra et al. 2019). Können Ärzte demzufolge also ein gesünderes Leben führen? Und wenn ja, wie geht das?

1.4Mindfulness-Based Stress Reduction

Jeder Mensch hat sich in seiner frühen Kindheit bestimmte „Glaubenssätze“ angeeignet, die als Erwachsene bis heute im Unterbewusstsein verankert sind. Hat sich ein Kind von seinen Eltern und Betreuern als geliebt gefühlt, so hat er positive Glaubenssätze verinnerlicht wie „Ich bin okay“ oder „Ich bin gut so wie ich bin“. Andererseits können diese Glaubenssätze auch negativer Natur sein wie „Ich schaffe das niemals“, „Ich bin nicht gut genug“ oder „Dazu bin ich zu dumm“ (Stahl 2015). Diese bereits in der frühen Kindheit verankerten „Glaubenssätze“ entscheiden später, im Unterbewusstsein darüber, ob ein Mensch auf eine neue Situation mit Eustress, also positivem Stress, oder Disstress, negativem Stress und Angst reagiert (ebd.).

Mithilfe von mentalem Training und Mindfulnesstechniken können auf der psychologischen Ebene bewusst positive Glaubenssätze angewandt werden, um die vor sich liegenden Aufgaben oder die aktuellen Eindrücke mit reduzierter Angst und in einer gesunden emotionalen Verfassung zu verarbeiten.

Mit Mindfulness können wir eine andere Perspektive einnehmen und uns selbst führen.

Das Medizinstudium und der Arztberuf sind aufgrund ihrer Anforderungen sehr komplex. Eine positive und gute Selbstführung hilft, die Stressresilienz zu erhöhen und positiver an die bevorstehenden Aufgaben und Herausforderungen heranzugehen. Solche Übungen und Achtsamkeitstraining werden bereits in zahlreichen großen Unternehmen auf der Welt den Mitarbeitern angeboten.

Doch was bedeutet eigentlich Mindfulness? Bei der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) handelt es sich um eine bereits in den 1970er-Jahren entwickelte Methode zum Stressabbau. Ursprünglich war die Mindfulness-Based Stress Reduction für Schmerzpatienten gedacht, die bereits als austherapiert galten. Da es nichts mehr gab, dass diesen Menschen bei der Symptomlinderung hätte helfen können, sollten die betroffenen Patienten lernen, ihre eigene Einstellung zu ihrem Körper und ihrem Schmerz zu verändern, und zwar so, dass durch diese Veränderung der Einstellung die klinischen Outcomes verbessert werden können. Die Schmerzen sollten als weniger „schlimm“ empfunden werden und ein positiver und konstruktiver Umgang mit der aktuellen Situation sollte entstehen. Auf diese Weise sollten das Leid und die negativen Gedanken der betroffenen Personen reduziert werden. Mindfulness ist daher nicht nur reine Wellness, es hat wesentliche Auswirkungen auf den Körper und die Psyche (Ghawadra et al. 2019; Janssen et al. 2018).

Mindfulness-Based Stress Reduction basiert auf buddhistischen Techniken, die bereits seit mehreren Jahrhunderten erfolgreich angewendet werden. Dabei geht es darum, sich sehr bewusst dem aktuellen Moment zu widmen. Und zwar ohne jegliche Bewertung oder Beurteilung. Es sollen dabei ganz gezielt und bewusst die eigenen Körperempfindungen, Gedanken und Emotionen ohne Wertung erlebt werden. Dies soll die Psyche beruhigen und Unruhezustände, sowie Nervosität auflösen (Pascoe et al. 2017).

Auch die aktuelle Situation, die für den betroffenen Menschen möglicherweise überfordernd zu sein scheint, wird aus einer anderen, neutralen Perspektive betrachtet, was dabei hilft, die gegenwärtige Situation besser zu akzeptieren. Diese Fokussierung auf den aktuellen Augenblick lässt uns die gegenwärtig belastende Situation nochmals hinterfragen, das auftretende Stressgefühl wird relativiert. Die Mindfulness-Based Stress Reduction führt so zu (Ghawadra et al. 2019; Stahl 2015; Janssen et al. 2018; Pascoe et al. 2017):

Einer Reduktion der psychischen und körperlichen Beschwerden,

einer anderen Sichtweise auf die Stresssituation und damit auch zu einem anderen Umgang mit ihr,

mehr Entspannung und Gelassenheit im Umgang mit der Situation,

erhöhtem Vertrauen in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten.

Ein weiterer Effekt, der mit Mindfulness-Based Stress Reduction einhergeht, ist die Steigerung der Empathiefähigkeit. Der anteriore cinguläre Kortex, der für das Gefühl der Empathie verantwortlich ist, wird aktiviert und angeregt. Somit wird auch die Kollaboration und die Kooperation mit Teamkollegen und Führungspersonen gefördert. Mehrere Studien haben bereits gezeigt, dass MBSR nachweislich zu einer Reduktion der Stressbelastung und der damit verbundenen Beschwerden führt (Ghawadra et al. 2019; Stahl 2015; Janssen et al. 2018; Pascoe et al. 2017). Es kommt zu weniger Krankschreibungen, einer erhöhten Konzentrationsfähigkeit, mehr Zufriedenheit und Empathie.

Es gibt Kurse zum Erlernen von Mindfulness-Based Stress Reduction. Ein solcher Kurs erstreckt sich in der Regel über einen Zeitraum von acht Wochen. Im entsprechenden Kurs geht es darum, die Elemente der MBSR zu erlernen und gezielt anzuwenden. Die Teilnehmer lernen den sogenannten Body-Scan: Das bedeutet, dass sie sich voll auf ihre Körper konzentrieren und dessen Funktion und Signale lernen, bewusst wahrzunehmen. Sie hören in sich hinein und fokussieren sich dabei vollkommen auf ihren Körper. Ein weiterer Punkt stellt das achtsame Atmen dar. Die Kursteilnehmer fokussieren sich ganz bewusst auf ihre Atmung. Im Sitzen konzentrieren sie sich auf ihre Ein- und Ausatmung. Gedanken, die abschweifen, werden so schnell wahrgenommen und die Aufmerksamkeit kann wieder bewusst und gezielt auf die eigene Atmung zurück gerichtet werden. Hatha-Yoga stellt ebenfalls einen Teil der MBSR dar, wobei einfache körperliche Übungen ausgeführt werden. Zur MBSR gehören auch meditative Alltagsübungen, die fast überall und fast jederzeit kurz durchgeführt werden können. Dabei geht es darum, sich bewusst und vollkommen auf das zu fokussieren, was man in dem Moment gerade tut, sei das Arbeiten, sich waschen, essen, trinken, lesen oder Zähne putzen. Der Fokus wird dabei auf die gegenwärtige Tätigkeit gerichtet.

Die Wirksamkeit von MBSR zur Entspannung und zum Stressabbau wurden dabei bereits von mehreren wissenschaftlichen Studien nachgewiesen (Ghawadra et al. 2019; Stahl 2015; Janssen et al. 2018; Pascoe et al. 2017; Green u. Kinchen 2021). So fanden Pascoe et al. (2017) in einer Meta-Analyse heraus, dass die Yoga-Übungen im Rahmen der Mindfulness-Based Stress Reduction dabei helfen, die neuroendokrine Stressachse sowie das sympathische Nervensystem zu regulieren und Stressreaktionen zu reduzieren (Pascoe et al. 2019). Green & Kinchen (2021) fanden im Rahmen ihrer systematischen Literaturstudie Evidenz dafür, dass die Mindfulness Meditation effektiv zum Abbau von Stressreaktionen ist. Die Autorinnen der Studie untersuchten dabei die Effekte von MBSR bei Pflegenden. Die Ergebnisse liefern Evidenz, dass diese Technik nicht nur Stress reduzieren, sondern auch einem Burnout-Syndrom vorbeugen kann. Ferner fanden Green & Kinchen (2021) heraus, dass, falls ein Burnout bereits vorliegt, die Symptome mittels MBSR gelindert werden können (Green u. Kinchen 2021).

Für Menschen, die nicht meditieren können oder wollen, bieten sich Alternativen wie Yoga, Entspannungsübungen oder regelmäßiger Ausdauersport an. Auf psychologischer Ebene lassen sich auch einfach positive Glaubenssätze und positive Mantra anwenden, um in eine bessere emotionale Verfassung zu kommen. Auch können negative Einstellungen hinterfragt und durch positive ersetzt werden. Es gibt außer Mindfulness auch eine Vielzahl bewährter Entspannungstechniken, die ohne Meditation auskommen.

Heutzutage bieten große Unternehmen wie Google, General Mills oder SAP bereits Achtsamkeits- und Entspannungsprogramme im Rahmen einer betrieblichen Gesundheitsförderung an. In großen modernen Unternehmen wurde das Problem Stress und die damit verbundenen Folgen bereits erkannt und es wird gezielt dagegen angegangen – erfolgreich, wohlgemerkt! Auch junge Mediziner:innen wünschen sich ein Arbeiten in einer angenehmen Atmosphäre und vor allem einen gesundheitsfördernden Arbeitsplatz mit flachen Hierarchien und betrieblichem Gesundheitsmanagement. Hinzu kommt ein immer höherer Frauenanteil in der Medizin- und Gesundheitsbranche und der Wunsch nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Entspannungs-, Achtsamkeits- und Stressreduktionsprogramme können im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung angeboten oder auch eigeninitiativ praktiziert werden. Damit Stress gar nicht erst aufkommt.

Praxistipps für die Next Generation Leadership

Kenne deine Werte und Ziele und handle im Einklang mit ihnen.

Hinterfrage deine Glaubenssätze, falsche sabotieren dich.

Denke gesund und lebe gesund.

Literatur

Asklepios Kliniken Hamburg (2017) Unerfahrene Ärzte leiden am meisten unter Stress. URL: https://www.asklepios.com/default/presse/presse-mitteilungen/konzernmeldungen/unerfahrene-aerzte-leiden-unter-streess~ref=eb4b30af-4bd6-4365-9b67-31baebfb4962~ (abgerufen am 19.07.2022)

Ghawadra SF, Abdullah KL, Choo WY, Phang CK (2019) Mindfulness-based stress reduction for psychological distress among nurses: A systematic review. J Clin Nurs. 28(21–22):3747–3758

Green AA, Kinchen EV (2021) The Effects of Mindfulness Meditation on Stress and Burnout in Nurses. J Holist Nurs. 39(4):356–368

Janssen M, Heerkens Y, Kuijer W, van der Heijden B, Engels J (2018) Effects of Mindfulness-Based Stress Reduction on employees’ mental health: A systematic review. PLoS One 13(1):e0191332

Kaluza G (2012) Gelassen und sicher im Stress. Springer-Verlag Berlin, Heidelberg

Liu WZ, Zhang WH, Zheng ZH, Zou JX, Liu XX, Huang SH, You WJ, He Y, Zhang JY, Wang XD, Pan BX (2020) Identification of a prefrontal cortex-to-amygdala pathway for chronic stress-induced anxiety. Nat Commun. 11(1):2221

Marburger Bund (2019) MB-Monitor 2019: Überlastung führt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. URL: https://www.marburger-bund.de/mb-monitor-2019 (abgerufen am 19.07.2022)

Pascoe MC, Thompson DR, Ski CF (2017) Yoga, mindfulness-based stress reduction and stress-related physiological measures: A meta-analysis. Psychoneuroendocrinology 86:152–168. DOI: 10.1016/j.psyneuen.2017.08.008

Schutkin A (2015) Das Geheimnis des Neuen: Wie Innovationen entstehen. Springer Gabler Wiesbaden

Stahl S (2015) Das innere Kind in dir muss Heimat finden. 37. Aufl. Kalaish München

Dr. Alvar Mollik

Alvar Mollik ist HNO-Facharzt und Gesundheitsunternehmer. Neben seiner Führungsposition in einem europäischen Health-Tech-Unternehmen ist er begeisterter Gründer von Mindful Doctor, einer Leadership-Konferenz in Berlin für Ärzt:innen und Unternehmer:innen, die mentale Gesundheit, Erhalt und Optimierung der eigenen Gesundheit und Visionen für eine zukunftsfähige Medizin thematisiert. Da er den Stress und die Herausforderungen in medizinischen Berufen selbst erfahren hat, setzt er sich für Umstrukturierung und Modelle im Gesundheitssystem ein, von denen sowohl Ärzt:innen als auch Patient:innen profitieren können.

Alvar Mollik ist Referent und Podcast-Gast für psychische Gesundheit und Experte für High Performance. Seit seinem 16. Lebensjahr bildet er sich in Achtsamkeitspraxis und Persönlichkeitsentwicklung fort und wünscht sich, mehr Ärzt:innen für diese Themen begeistern zu können.

2Meditation für das 21. JahrhundertJeff Tarrant, Normen Schack und Marbod Kindermann

Die Institute für NeuroMeditation in den USA und in Deutschland haben es sich zur Aufgabe gemacht, Meditation für jeden praktisch erlernbar zu machen und dabei auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Publikationen, sowie eigene Untersuchungen zurückzugreifen. Hierbei wird insbesondere der Ansatz verfolgt, die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Menschen zu berücksichtigen und eine passende Form der Meditation zu finden, die zu den eigenen Bedürfnissen passt. Heute wissen wir, dass verschiedene Meditationsformen unterschiedliche Auswirkungen auf das Gehirn haben, je nachdem, wie die Aufmerksamkeit dabei gerichtet wird. Während Meditation zwar in der westlichen Welt angekommen ist, wird dennoch selten anerkannt, dass individuelle Bedürfnisse und Ziele einen spezifischen Meditationsstil benötigen, um einen bestmöglichen Nutzen zu erreichen.

Das esoterische Image, das Meditation lange hatte, konnte sie in den letzten 10–15 Jahren immer mehr ablegen und sie erlebt nun einen regelrechten Boom. Wir können heute beobachten, wie modernste bildgebende Verfahren in den Neurowissenschaften genutzt werden, um die Wirkmechanismen von Jahrtausende-alten Praktiken der fernöstlichen Welt zu untersuchen. Nicht zuletzt durch das Mitwirken des Dalai-Lamas und des „Mind and Life Institute“ in Virginia, USA ist Meditation als mentales Training seit den 2000er-Jahren in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Während seit den 70er-Jahren erste Studien durchgeführt und erste wissenschaftliche Artikel veröffentlicht wurden, steigt die Zahl der Publikationen seit ca. 20 Jahren exponentiell an (Goleman u. Davidson 2018). In den letzten Jahren wurden bereits über 1.000 Artikel pro Jahr veröffentlicht.

Insbesondere die stark verbesserten Möglichkeiten von Hirnscans haben diesen Boom mit ausgelöst. Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie (kurz SPECT von englisch Single Photon Emission Computed Tomography) und quantitative Elektroenzephalographie (qEEG) in Echtzeit mit 64 Kanälen ermöglichen uns mittlerweile Einblicke in die neuronalen Fähigkeiten von Meditierenden mit unterschiedlicher Meditationserfahrung. Gerade die außergewöhnliche geistige Kontrolle von Mönchen mit jahrzehntelanger Meditationspraxis (mit z.T. über 40.000 Meditationsstunden) haben die Wissenschaftler bei den ersten Untersuchungen überrascht.

2.1Erwiesene Wirkungen von Meditation