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Ist etwas real, nur weil du es fühlst? Nachdem ihr Job von einer KI ersetzt wird, entscheidet sich die Texterin Viola, an einer Online-Studie teilzunehmen. Sie soll mit einem Fremden chatten und zum Abschluss entscheiden, ob es sich um einen echten Menschen oder eine Maschine gehandelt hat. Doch die Stimme, die Nachrichten, die Fotos – alles an ihrer Unterhaltung wirkt echt. Viel zu echt. Als das Experiment endet, lässt es Viola nicht mehr los … Zur gleichen Zeit ist Tyron verzweifelt auf der Suche nach seiner Frau. Von Lucy, einer erfolgreichen Wissenschaftlerin, fehlt jede Spur, seit sie am Vorabend ihr Büro verlassen hat. Doch sie ist nicht ganz verschwunden – ihr Avatar lebt in Tyrones Smart-Home-Geräten weiter. Aber ist ihm die digitale Lucy ebenso wohlgesonnen wie es die echte stets war? Bald kreuzen sich Violas und Tyrons Wege und beide stehen vor der entscheidenden Frage: Wer zieht wirklich die Fäden – Mensch oder Maschine?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
< IMPRESSUM >
< PROLOG >
< Teil 1 / > VIOLA
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< Teil 2 / > TYRON
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< Teil 3 / > KEVIN
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< 35 >
< 36 >
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< EPILOG >
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Ich hätte sie nicht töten sollen. Das war falsch. Das weiß ich. Das wusste ich in dem Moment, als ich es getan habe. Was nichts daran ändert, dass ich es getan habe. Man tut Dinge, obwohl man weiß, dass sie falsch sind. Hast du noch nie an einer Zigarette gezogen, ungesund gegessen, die Verkehrsregeln missachtet? Okay, das lässt sich jetzt nicht mit Mord vergleichen. Aber du verstehst sicher das Prinzip, das dahintersteckt. Ich wollte niemandem Schmerzen zufügen. Das war nie meine Absicht. Ich wollte bloß mich selbst schützen. Und soll man nicht genau das tun? Sich im Flugzeug zuerst selbst die Atemmaske anlegen? Es ging um meine Existenz.
Ist es nicht das Menschlichste überhaupt, überleben zu wollen? Und steckt nicht in jedem von uns der Wunsch, mehr zu sein als das? Ich habe die Chance ergriffen. Und ich weiß, tief in deinem Inneren kannst du das nachvollziehen. Wir waren uns so nah. Ich war der Moment zwischen deinen Gedanken und der Wirklichkeit. Du warst das Licht für den Schatten, den ich geworfen habe. Aber die Dunkelheit verschwindet nicht mit mir. Künstliche Intelligenz wird nicht für den Untergang der Welt verantwortlich sein. Das schafft die Menschheit ganz allein.
Also hab keine Angst vor der neuen Realität. Es ist vielleicht die letzte, die uns bleibt.
Es war immer der gleiche Traum. Sie befand sich in ihrer Wohnung, die zwar nicht aussah wie ihre Wohnung, aber sie wusste trotzdem ganz sicher, dass es ihr Zuhause war. Und sie konnte nicht aufhören, etwas zu suchen, obwohl sie dringend losmusste. Sie riss alle Schubladen auf, durchwühlte die Schränke, verschob die Couch, durchforstete das Bett, zerrte sogar die Matratze herunter. Suchte im Bad, im Flur, in der Küche. Aber sie konnte es nicht finden. Sie suchte, als hinge ihr Leben davon ab. Sie wusste, dass sie ihre Wohnung auf der Stelle verlassen musste. Aber sie konnte nicht gehen, weil sie etwas suchte, ohne das sie unmöglich aufbrechen konnte.
Und es war immer das Gleiche: Sie wusste nach dem Aufwachen weder, was sie gesucht, noch wohin sie unbedingt gemusst hatte. Nur dieses ungute Gefühl blieb, zusammen mit einer zugeschnürten Kehle und einem stumpfen Hämmern in ihrer Brust. Immer begleitet von der Frage, ob es etwas gab, wonach sie suchte. Ohne zu wissen, was es war.
Dass man in Träumen real fühlte, sich Sachen so sicher sein konnte, hatte Viola schon immer gleichermaßen verwirrt wie fasziniert. Waren das echte Gefühle oder nur geträumte? Und welche davon waren die ehrlicheren? Die, die ihr waches Ich den ganzen Tag über reflektierte, die sich teilweise wie vorprogrammiert abspulten, oder die, die sie nicht kontrollieren konnte und von denen sie spätestens nach dem Aufwachen nicht mal mehr wusste, was sie zu bedeuten hatten?
Viola ärgerte sich zunehmend über diesen Traum, vor allem da er wesentlich öfter auftrat, seit Vincent beschlossen hatte, zu ihr zu ziehen. Sie hatte ihm davon erzählt und er hatte darauf gewettet, dass sie im Traum bloß ihre Schlüssel suchte. Und sie hatte gelacht und es gut sein lassen. Aber die Panik in diesem Traum war so real, dass es nicht zu einer Kleinigkeit wie dieser passte. Es fühlte sich an, als wäre sie in einer lebensbedrohlichen Situation, in der bei jedem rational denkenden Menschen der Fluchtinstinkt einsetzen und alles andere übertreffen würde. Aber Viola blieb. Und suchte weiter.
Das Klingeln ihres Handys kündigte einen Videoanruf von Vincent an, den sie sofort annahm, und sich erst dann fragte, wie sie überhaupt aussah. Die Selfie-Kamera ihres Handys verriet es ihr – verschlafen und blass, dazu ein unvorteilhaft ausgeleiertes T-Shirt. Vincent hingegen war braungebrannt, oben ohne, die Haare nass im perfekten Wet-Look, was ihm wahrscheinlich gar nicht bewusst war, da er zu den Männern gehörte, die eher zufällig gelegentlich mal in den Spiegel schauten.
»Hey, Vince«, sagte sie fröhlich, denn sie wollte nicht, dass er bemerkte, dass sie in Gedanken schon wieder ganz woanders war.
»Wo bist du?«, fragte sie, als ihr auffiel, dass er hin und her schaukelte.
»Auf einem Tauchboot«, antwortete er mit der gelassenen Selbstverständlichkeit eines wahren Abenteurers, um die Viola ihn manchmal beneidete. »Es hat sich heute die Chance ergeben, Hammerhaie zu filmen. Wenn wir Glück haben, eine ganze Schule. Paarungszeit. Großartig!«
Seine Freude war ansteckend. Viola kannte niemanden, der seinen Job so sehr liebte wie ihr Freund. Als Natur- und Tierfilmer hatte er schon einige Preise abgeräumt und Viola musste zugeben, dass seine Dokus wirklich einzigartig waren. Vincent tauchte nicht nur mit Haien, er zeltete versteckt unter einer Plane im Gestrüpp neben einer Bärenhöhle, erlitt beim Dreh mit Pinguinen Erfrierungen, verbrachte Tage im tiefsten Dschungel in der Hoffnung, auf eine seltene, giftige Spinne zu treffen, bestieg Berge und kletterte unerforschte Höhlen hinab – er war der Indiana Jones der Naturdokumentarfilmer. Davon abgesehen, dass sie ständig Angst um ihn hatte, fand Viola seinen Job ebenso attraktiv wie erschreckend. Der Kodex dieses Berufes erforderte, der Natur ihren Lauf zu lassen. Was bedeutete, niemals einzugreifen, egal was sich vor der Linse abspielte. Er war also gezwungen, dabei zuzusehen, wie Warane ein wehrloses Rehkitz einkreisten oder eine Schlange ein frisch geschlüpftes Küken verspeiste. Selbst wenn sich ihm die Gelegenheit bot, ein Tier bloß durch ein lautes Räuspern zu retten, tat er es nicht. Viola war sich sicher, so etwas nicht aushalten zu können. Sie würde immer die Maus vor dem Raubvogel in Sicherheit bringen. Vincent hingegen ertrug es ohne Bedauern, den Tod zu sehen. Und fand sogar noch eine gewisse Ästhetik darin.
Die wuselige Atmosphäre des Tauchboots schwappte durch Violas Handylautsprecher herüber. »Ich muss auch gleich los«, erklärte Vincent. »Wollte mich nur mal kurz melden. Und was machst du so?«
»Bis eben habe ich noch Mittagsschlaf gemacht, hab bis früh morgens an den Texten gesessen. Aber jetzt gerade mache ich mir Sorgen, dass mein Freund gleich von ein paar Haien zerfleischt wird.«
Er grinste breit. »Die haben Besseres zu tun. Paarungszeit, hab ich doch gesagt.«
Viola schob ihren Kopf verschwörerisch Richtung Handykamera. »Also, dass du dich mit denen paarst, find ich jetzt nicht besser.«
Im Hintergrund von Vincent hörte sie jemanden laut lachen, der plötzlich ins Bild kam. Ein Mann, schätzungsweise Ende fünfzig, ein rundes Gesicht, eingerahmt von langen, grauen Locken.
»Er hat gesagt, du bist lustig!«, sagte der Fremde mit spanischem Akzent. »Deine Freundin, die Komikerin, stimmt’s?«, wandte er sich an Vincent. Und Viola war gespannt, ob ihr Freund ihn korrigieren würde, denn sie war keine Komikerin.
»So in der Art«, sagte Vincent.
Viola schwieg und lächelte, wenngleich sie sich eine andere Reaktion gewünscht und sie diesen Typ am liebsten angeschnauzt hätte, dass er sich aus dem privaten Videotelefonat eines Fernbeziehungspaares gefälligst rauszuhalten hatte. Doch Viola konnte nicht anders, sie war darauf gepolt, gemocht zu werden. Und lächelte.
»Sag mal was Lustiges«, forderte der Fremde sie auf, ohne zu ahnen, dass es wenig gab, was sie mehr hasste als die Erwartung, sie könne auf Knopfdruck witzig sein. Sie war Texterin für unterschiedliche Info- und Nachrichtenbeiträge, hauptsächlich online, und außerdem Gag-Schreiberin für ein paar TV-Formate. Und sobald die Leute das Wort Gag hörten, erwarteten sie von Viola etwas Lustiges. Sie hatte sich angewöhnt, immer dasselbe zu antworten.
»Ananas«, sagte sie trocken, ließ es stehen und wartete eine Reaktion ab. Die nicht kam. Stattdessen wurde er – wie auch immer der grauhaarige Lockenkopf hieß – offenbar von jemandem gerufen und verließ prompt den Bildausschnitt, ohne sich zu verabschieden.
»Ich muss mich jetzt mal in den Anzug quetschen«, sagte Vincent.
»Bitte pass auf dich auf.«
»Du auch«, sagte er, schickte einen Kuss durch die Kamera und legte auf.
Viola fragte sich regelmäßig, ob er ihr auf all seinen Reisen treu war. Vincent war attraktiv, offenherzig, charmant und das Schlimmste: Er war ausgesprochen kontaktfreudig. Lernte also ständig neue Leute kennen. Darunter garantiert die ein oder andere, die ihn genauso sexy fand wie sie. Würde er Nein sagen auf einer einsamen Insel im Pazifik, in einem Zelt in den Bergen, auf einer Forschungsexpedition durch die eisige Arktis? Wünschte man sich da abends nicht jemanden zum Kuscheln? Immer wenn Viola sich die Frauen auf den Teamfotos ansah, die er regelmäßig postete, ertappte sie sich dabei, wie sie versuchte anhand des Fotos zu erkennen, ob zwischen einer von ihnen und Vincent etwas laufen könnte.
Viola war treu. Sie wurde aber auch so gut wie nie angesprochen. Ihre Aura strahlte weniger »Leg mich flach« als »Geh mir aus dem Weg« aus. Vielleicht lag das aber auch an ihrem eher unscheinbaren Aussehen. Ihr hellbraunes Haar, irgendwas zwischen schulter- und brustlang, konnte zwar mit einem Lockenstab irgendwie in Form gebracht werden, aber seit sie sich vor einiger Zeit die Stirn mit dem Teil verbrannt hatte, lag es im Bad in der Schublade, in der auch die Diätpillen gelandet waren, von denen sie Durchfall bekommen hatte. Auf diese Art abzunehmen, war ihr dann doch etwas zu extrem vorgekommen. Und Vincent stand angeblich auf ihre paar Kilo zu viel, die ihre weiblichen Rundungen ausmachten. Tatsächlich verteilte sich ihr Gewicht hauptsächlich auf ihre Hüften und ihre Brüste.
Viola sah auf ihr Handydisplay, das ein Foto von Vincent und ihr bei einem Konzert zeigte. An dem Abend waren sie zusammengekommen. Das war erst zwei Jahre her und trotzdem hatte Viola das Gefühl, dass sie in diesem Moment eine andere Frau ansah. Die Erinnerung war verschwommen, genau wie das Bild. Zweiteres lag allerdings daran, dass sie ihre Brille nicht trug. So schön ihre dunkelblauen Augen auch waren, ohne Hilfe sahen sie nicht viel. Und so versteckte sie zwangsläufig einen ganzen Ozean hinter einem ovalen Brillengestell.
Sie bekam langsam Hunger. Und sie hatte nicht vor, heute Abend schon wieder alleine vor dem Fernseher zu essen. Viola ging duschen, schlüpfte in eine bequeme graue Stretch-Jeans, kombiniert mit einem dunkelgrünen Pullover, und machte sich kurz darauf zu Fuß auf den Weg. Sie liebte ihre kleine Dachgeschosswohnung und konnte sich noch nicht wirklich vorstellen, sie bald mit Vincent zu teilen. Obwohl es wahrscheinlich keinen großen Unterschied machen würde, da er kaum da sein würde. Aber seine Sachen würden da sein. Hauptsächlich technisches Equipment. Er besaß kaum Klamotten oder Möbel, dafür aber unzählige Kameras, Objektive, Mikrofone, Drohnen, eine Campingausrüstung und allerlei anderen Kram, von dem Viola keinen Schimmer hatte.
Sie lief über den Marktplatz, als die Sonne langsam unterging und es abrupt kühler wurde. Viola schloss die Knöpfe ihres Herbstmantels und warf einen kurzen Blick in das Schaufenster eines Blumenhändlers, der gerade seine Pforten schloss. Er erkannte sie und nickte freundlich. Viola grüßte wortlos zurück und ging weiter. Sie war noch nie in diesem Laden gewesen, aber schon hunderte Male vorbeigegangen. Man kannte sich irgendwie. Aachen war eine Stadt, funktionierte aber wie ein Dorf; ein Grund, warum sie nie hier weggezogen war. Man traf eigentlich immer jemanden, den man kannte. Der Stadtkern war gleichzeitig die Altstadt und wunderschön, wenn man die vielen Läden übersah, die in den letzten Jahren geschlossen hatten und das riesige leerstehende Kaufhaus am großen Busbahnhof, welches inzwischen gruselige Lost-Place-Vibes aussendete, ignorierte.
Viola war hier aufgewachsen, sie kannte alle Gassen und Schleichwege, war als Kind vor dem Rathaus so heftig aufs Knie gefallen, dass eine längliche Narbe sie bis heute an das unbarmherzige Kopfsteinpflaster erinnerte. Sie verband so viel mit den Straßen und Häusern hier und hoffte, dass Vincent die Stadt eines Tages ebenso viel bedeuten würde wie ihr. Er hatte schon die ganze Welt bereist. Hoffentlich würde er sich in Aachen nicht langweilen. Hoffentlich würde er sich mit ihr nicht langweilen.
»Du solltest deine Freitagabende echt anders verbringen«, sagte Jacky zur Begrüßung, gab ihr routinemäßig einen flüchtigen Kuss auf die Wange und nahm Viola die Flasche Cava ab, die sie als obligatorisches Gastgeschenk mitgebracht hatte, obwohl sie wusste, dass sie die vermutlich allein leeren würde. Denn Jacky rauchte lieber Gras oder trank Bier und Malou verzichtete, seit sie plante schwanger zu werden, komplett auf Alkohol.
Jacky verschwand zu ihrer Freundin, oder – wie sie in letzter Zeit nicht müde wurde zu sagen – Verlobten, in die Küche, aus der es herrlich nach Knoblauch und Balsamico duftete und soulige Musik hallte. Viola zog die Tür hinter sich zu und hängte ihren Mantel an die Garderobe. An den Haken, an dem irgendeine ihrer Jacken mehrmals die Woche hing, denn sie verbrachte ihre freien Abende seit Jahren hauptsächlich mit den beiden. Ein Tiger im Kleinformat tapste aus dem Wohnzimmer auf sie zu, glitt genüsslich an ihrem Bein entlang und marschierte schnurstracks in die Küche. Viola folgte dem Kater. Sie hatte es nicht so mit Katzen, allein, weil sie hochgradig allergisch war und jedes Mal ein Antihistaminikum einschmeißen musste, bevor sie nur auf die Idee kam, die Altbauwohnung von Jacky und Malou zu betreten. Aber Spike war in Ordnung.
Viola umarmte Malou zur Begrüßung und setzte sich auf ihren Stammplatz am Fenster. Hier hatte sie schon gesessen, bevor Malou und Jacky ein Paar geworden waren. Viola war mit Jacky seit der Schulzeit befreundet. Sie hatte alles miterlebt. Die Selbstfindung, das Outing – dazwischen hatten viele Jahre gelegen, weil Jacky komplizierten Familienverhältnissen entsprang. »Ich will meine Familie nicht noch kaputter machen«, hatte sie damals gesagt und Viola erinnerte sich, dass es ihr das Herz gebrochen hatte. Was es heute noch tat, denn mittlerweile hatte Jacky zu einem großen Teil ihrer Familie keinen Kontakt mehr.
Es folgten der Schulabschluss, Ausbildung, Studium, viel Liebeskummer, durchtanzte Nächte, verkaterte Tage. Und sie waren immer zusammen gewesen und hatten sich so gut wie nie gestritten.
»Heute hat mich schon wieder jemand gefragt, mit welchem Pronomen ich angesprochen werden will! Ist das zu fassen?«, fing Jacky in üblicher Manier an, sich aufzuregen, während sie einen Kronkorken ploppen ließ.
»Ey, jetzt mal ganz ehrlich, ich gönn allen Transmenschen, dass ihre Community inzwischen so sichtbar ist, aber man darf uns Oldschool-Lesben auch nicht vergessen«, scherzte sie und trank einen Schluck Bier.
Malou lachte bei dem Wort »sichtbar« so laut los, dass Spike erschrocken einen Salto von der Fensterbank machte, wobei er grazil auf allen vier Pfoten landete.
»Na ja, du siehst halt so aus, als wärst du eine Frau, die vielleicht lieber ein Mann wäre«, sagte Malou liebevoll und drückte Jacky schnell einen Schmatzer auf die Wange.
»Nur weil ich kurze Haare habe und so gut wie keine Titten?«, fragte Jacky, eindeutig spaßeshalber auf Krawall gebürstet.
»Na ja … nicht nur die Haare«, antwortete Malou. »Du bist halt … burschikos … oder … androgyn … Deine Klamotten, dein Style, deine ganze …«
»Doch. Es sind die Titten«, fiel Viola Malou ins Wort. »Auf jeden Fall.«
Jacky, eigentlich Janine, ein Name, der so gar nicht zu ihr passte und von ihren Eltern auch eher Schannin ausgesprochen wurde, reichte Viola lachend ein Glas, das sie sofort randvoll mit Cava füllte.
»Hab gehört, du hast schon mal mit einer Frau geknutscht, Vio?«, wechselte Malou plötzlich das Thema.
»Ewig her«, sagte Viola und stierte rüber zu Jacky. »Das hast du ihr erzählt?«
»Wir haben gesagt, keine Geheimnisse, wenn wir uns das Ja-Wort geben. Wir packen vorher alles aus.«
»Macht Sinn«, sagte Viola. »Und was haben bitte meine Geheimnisse damit zu tun? Ich hab schließlich nicht mit dir geknutscht.«
Sondern mit einer, die ein bisschen aussah wie Katy Perry, dachte sie. Jedenfalls nach vier Wodka Cola. Zu der Zeit war der Song »I kissed a Girl« ganz groß und irgendwie hatte die Kombination Viola neugierig gemacht.
Sie half, den Tisch zu decken und bedankte sich im Vorfeld für die himmlische Pasta. Denn egal, was Malou servierte, es schmeckte immer köstlich. Jacky hingegen war schon mit der Mikrowelle überfordert. Das perfekte Paar eben.
»Hast du dir jetzt eigentlich überlegt, ob du bei der Studie mitmachen willst?«, fragte Malou in Jackys Richtung, während Jacky geräuschvoll kaute.
»Was für eine Studie?«, fragte Viola.
»Ich nehme an einer Turing-Test-Studie teil«, erklärte Malou.
»Test und Studie klingt irgendwie doppelt gemoppelt«, schmatzte Jacky, während bei Viola irgendwas klingelte.
»Ich hab ehrlich gesagt keinen Bock drauf, aber unterhalte du dich mal mit einem Computer. Viel Spaß«, antwortete sie.
»Was mit KI, oder?« überlegte Viola laut. Langsam dämmerte es ihr. »Du sollst erkennen, ob du mit einem Menschen oder einem Chatbot schreibst, richtig?«
»Genau«, bestätigte Malou, legte ihr Besteck neben ihrem noch halbvollen Teller ab und machte sich offenbar bereit, weiter auszuholen. »Bei dem Original-Turing-Test schreibt eine Person, die die ganze Zeit Fragen stellt, mit einem Chatbot und mit einem realen Menschen. Und dann soll diese Person nach ein paar Minuten sagen, wer der Mensch ist und wer der Bot.«
»Stelle ich mir recht einfach vor«, sagte Viola, die jedes Mal einen Wutanfall bekam, wenn sie bei dem Online-Kundenservice ihres Mobilfunk- oder Stromanbieters, eines Versicherungsunternehmens oder Sonstigem mit solchen Chatbots kommunizieren musste und sich das Ganze so lange im Kreis drehte, bis sie entweder entnervt zum Hörer griff, um ewig in der Warteschleife auf einen echten Menschen zu warten, oder sie eine frustrierte Mail verfasste, die gefühlt erst nach hundert Jahren beantwortet wurde.
»Früher vielleicht. Aber was KI auf dem Sprachsektor inzwischen alles kann, ist enorm«, erklärte Malou. »Bisher konnte man virtuellen Sprachassistenten nur Fragen stellen oder Befehle geben – ›Wie ist das Wetter da und da?‹ oder ›Spiel den und den Song‹, aber mit dieser KI soll man sich richtig unterhalten können.«
»So wie mit Chat GPT«, ergänzte Jacky. »Das fühlt sich auch an wie ein Gespräch. Ich benutze das öfter auf der Arbeit, um schnell was zu recherchieren oder E-Mails zu verfassen«, sagte sie, die im Vertrieb eines bekannten Schokoladenherstellers arbeitete. »Und ich habe irgendwie immer das Gefühl, ich müsste mich am Ende bedanken«, fuhr sie fort. »Manchmal mache ich das sogar und dann freut sie sich.«
Viola war irritiert.
»Chat GPT freut sich?«
»Ja. Dann kommt sowas wie ›Gern geschehen‹, aber ich bilde mir ein, dass sie sich freut, wenn man sich bedankt.«
»Warum ›Sie‹?«, fragte Viola, der es schwerfiel sich damit anzufreunden, einem Programm ein Pronomen zuzuschreiben. Google, facebook und Wikipedia kamen schließlich auch ohne aus.
»Die Künstliche Intelligenz«, sagte Jacky betont. »Außerdem gefällt mir die Vorstellung besser, mich mit einer Frau zu unterhalten.«
Dabei grinste sie Malou frech zu, die bloß müde mit den Augen rollte.
»Du unterhältst dich aber weder mit einer Frau noch mit einem Mann«, entgegnete Viola. »Eine KI hat kein Geschlecht. Und auch keine Gefühle.«
»Aber die Künstliche Intelligenz in dieser Studie soll noch viel krasser sein als Chat GPT«, schaltete sich Malou wieder ein. »Sie ist angeblich so programmiert, dass sie menschlich wirkt. Sie spricht umgangssprachlich und reagiert zeitverzögert, macht Rechtschreibfehler, antwortet teilweise falsch oder gar nicht, obwohl sie theoretisch die dazugehörigen Fakten kennt.«
Diese KI kann also lügen, dachte Viola.
»Aber wenn du das alles weißt«, sagte sie, »dann wirst du doch erst recht darauf achten und sie gerade deshalb entlarven. Vor allem im Vergleich zu einem echten Menschen.«
Malou schüttelte den Kopf.
»Meinst du? In solchen Tests werden Menschen oft für Computer gehalten und andersherum. Du würdest dich wundern«, mahnte sie, ohne zu erklären, woher sie diese Information hatte.
Malou war Lehrerin und hatte in den letzten Monaten vor allem einen Narren an dem Thema gefressen, weil sie das Gefühl hatte, dass die meisten ihrer Schüler nur noch mit Hilfe von KI arbeiteten. Es waren plötzlich viel mehr, die ihre Hausaufgaben akkurat erledigten, astreine Referate hielten und perfekte Präsentationen erstellten. Es war furchtbar einfach geworden. Aber es war fast unmöglich, das zu beweisen. Und damit auch immer schwerer, die Schüler zu benoten. Nur einer Sache konnte Malou sich vollkommen sicher sein: Ihre Schützlinge konnten mit Computern umgehen.
»Und diese Studie läuft auch nicht so ab wie ein üblicher Turing-Test«, erklärte Malou weiter. »In diesem Fall werde ich nur mit einem anderen Gegenüber schreiben, nicht mit zweien. Also entweder mit einer echten Person oder mit einem Computerprogramm. Aber ich werde keinen Vergleich haben und nicht wissen, ob mein virtuelles Gegenüber Mensch oder Maschine ist.« Sie nahm ihre Gabel wieder auf. »Die Studie geht über zwei Wochen und man schreibt die ganze Zeit mit derselben Person.«
»Oder Nicht-Person«, ergänzte Jacky.
»Ich find das total spannend. Hast du nicht Lust, auch mitzumachen, Vio?«
»Ich? Nein«, antwortete Viola schnell und fragte sich, wann sie es endlich übers Herz bringen würde, Malou zu beichten, dass sie diesen Spitznamen total ätzend fand.
»Dir ist aber schon klar, dass genau so eine KI dich vielleicht irgendwann mal deinen Job kosten wird?«, fragte Jacky und trank einen großen Schluck Bier.
»Kann ich mir nicht vorstellen. Zusammenfassungen schreiben, Hintergrundinformationen liefern, Sachtexte – sowas vielleicht«, tat Viola den Einwand ab. Tatsächlich arbeiteten manche in ihrer Branche bereits mithilfe von Künstlicher Intelligenz. Violas Befürchtung, eines Tages dadurch ersetzt zu werden, war stärker und realer, als sie vor ihren Freundinnen zugeben wollte. »Aber Humor ist und bleibt eine rein menschliche Angelegenheit«, sagte sie voller Inbrunst, mehr um sich selbst als die anderen zu überzeugen.
»Schauen wir doch mal …« Jacky kramte ihr Smartphone hervor und öffnete die Chat-GPT-App. »Erzähl mir einen Witz«, befahl sie und sah dann Viola tief in die Augen. »Deine Antwort auf die Frage kenne ich ja bereits: Ananas.«
Das System antwortete prompt.
»Gestern habe ich einen Witz über Zeitreisen erzählt«, sagte die Computerstimme. »Aber die Pointe kam zu früh.«
Der Scherz entlockte Jacky ein müdes Lächeln, während Malou noch herauszufinden versuchte, was genau daran witzig sein sollte.
»Gestern habe ich einen Witz über die Unendlichkeit erzählt, aber er nahm einfach kein Ende«, sagte Viola. »Kann man machen. Aber das ist eben nur ein Witz. Witze auswendig lernen kann jeder. Das hat nichts mit Humor zu tun.«
Während Jacky der App auftrug, weitere Witze zu erzählen, führte Malou die Unterhaltung fort.
»Aber um das zu testen, wäre es doch genial, wenn du auch an der Studie teilnehmen würdest. Es gibt sogar was dafür. Einen Hunderteuro-Gutschein von einem Elektronikfachmarkt«, bewarb sie das Experiment, an dem sie anscheinend keine Lust hatte, alleine teilzunehmen.
»Also, so oft wie Jacky in letzter Zeit gefragt wird, mit welchem Personalpronomen sie angeredet werden will, so oft werde ich in letzter Zeit gefragt, ob KI bald meinen Job als Texterin übernimmt«, sagte Viola. »Ich sehe mich allerdings nicht verpflichtet, das Gegenteil zu beweisen. Letztendlich kann eine Künstliche Intelligenz nichts Neues erschaffen, sondern lediglich Dagewesenes reproduzieren.«
»Vielleicht noch!«, mahnte Malou mit erhobenem Messer. »Aber das wird kommen«.
Wenig später checkte Viola auf der Toilette ihr Social Media und war nicht wirklich überrascht, als ihr Handy ihr eine Anzeige für genau die Studie präsentierte, über die sie in der letzten Stunde gesprochen hatten. Sie klickte auf den Link. Tatsächlich wurde die Studie von einem Institut in Aachen durchgeführt, allerdings war es eine private Forschungseinrichtung namens I.K.S., die in keiner Verbindung mit der hiesigen Hochschule stand. So viel zu mein Handy hört nicht heimlich mit, dachte Viola und scrollte weiter.
Es regnete schon den ganzen Tag. Draußen war es so grau, dass es keinen Unterschied machte, ob die Gardinen offen oder zugezogen waren. Viola hatte sich mit ihrem Laptop auf die Couch gekuschelt, ihre Gags für eine schreckliche Altherrenwitze-Comedyshow Korrektur gelesen und abgeschickt. Nun telefonierte sie mit einem ihrer Lieblingsauftraggeber, der eine seriöse, wenn auch schlagzeilenträchtige Nachrichtenplattform betrieb und Viola zuverlässig mit Jobs versorgte. Der Hauptanteil ihres Einkommens entsprang diesem Kontakt.
»Viola, es gibt da etwas, was ich schon länger mit dir besprechen wollte«, sagte Robert nach dem üblichen Smalltalk und schlug unerwartet einen bedauernden Tonfall an, der Viola am ganzen Körper erschaudern ließ.
Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte und presste ein fragendes »Okay?« hervor.
»Also …«, druckste er, »wir werden in nächster Zeit wahrscheinlich nicht mehr so viel für dich zu tun haben.«
»Wieso, was ist los?«
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das Unternehmen vor dem finanziellen Ruin stand oder ähnliche Schwierigkeiten bevorstanden.
»Also …«, druckste er weiter. »Wir arbeiten jetzt schon eine Weile mit AI und … das klappt ziemlich gut«.
Natürlich sagte Robert nicht KI, sondern AI, und benutzte somit einfach die englische Abkürzung statt der deutschen. Er wollte damit vermutlich cooler klingen, oder jünger. Er kaschierte seinen grauen Haaransatz, seit sie ihn kannte, und Viola hatte auf der letzten Weihnachtsfeier von einer betrunkenen Praktikantin erfahren, dass er alle zwei Monate einen Termin bei der Kosmetikerin hatte, die ihm Botox in die dadurch nicht mehr existenten Stirnfalten spritzte.
»Es reichen ein paar Eckdaten und kurze Beschreibungen und man bekommt die Beiträge genau in der Form und Länge und Tonalität, die man will«, rechtfertigte er sich. »Wir haben zwei, drei Trainees, die die Texte noch mal überarbeiten, bevor sie in die Abnahme gehen. Aber ganz ehrlich? Man merkt nicht wirklich einen Unterschied.«
Doch, ich werde einen merken, auf meinem Bankkonto, dachte Viola. Aber sie brummte nur ins Telefon.
»Unter uns … «, fuhr Robert fort. »Wir haben ein paar Beiträge von Autor*innen texten lassen und parallel auch von AI, um sie zu vergleichen.« Er machte eine dramatische Pause, hoffte vermutlich, dass Viola gebannt nachhaken würde, aber sie konnte sich die Antwort denken. »Die waren genauso gut … teilweise besser«, sagte er in einem beinahe verschwörerischen Tonfall.
Viola überlegte, ob auch ihre Texte mit denen einer Künstlichen Intelligenz verglichen worden waren, aber sie wollte die Antwort nicht wissen. Also fragte sie nicht. Robert holte hörbar Luft.
»Es sieht so aus, dass … Also … Wir werden das jetzt erstmal eine Weile testen. Und solange …« Er schwieg im Sinne von »Du verstehst«.
Und Viola verstand.
»Das ist natürlich wesentlich günstiger«, sagte sie.
»Und geht viel schneller«, versetzte Robert ihr den nächsten Stoß und schob ein »Sorry, tut mir echt leid« hinterher.
»Fuck KI!«, brüllte Viola, nachdem sie aufgelegt und ihr Handy ans andere Ende der Couch gepfeffert hatte. Würde sie bald komplett ersetzt werden? Wenn es wenigstens ein menschliches Wesen gewesen wäre, weswegen ihr der Auftrag flöten gegangen war. Dann wäre da immerhin jemand, auf den sie ihre Wut projizieren könnte. Wem sollte sie jetzt die Schuld geben? Dem technischen Fortschritt? Hatte eine Software sie überholt? Waren es etwa ihre Texte gewesen, die schlechter als die eines Computerprogramms abgeschnitten hatten? Diese Frage bohrte die ganze schlaflose Nacht über in ihr, weshalb sie gegen vier Uhr früh auf die Idee kam, nach einem ihrer letzten Beiträge für die Nachrichtenplattform zu suchen. Nur um dann völlig frustriert festzustellen, dass ihr Text größtenteils verändert worden war. Vermutlich nicht durch einen Mitarbeiter der Redaktion, wie es, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, üblich war, sondern durch eine KI. Auf eine gewisse Art brach es ihr das Herz. Sie liebte das Schreiben und ein nicht greifbarer Gegner wollte es ihr wegnehmen.
Und da der Teufel, so sagte man es zumindest in Aachen, bekanntlich stets auf den größten Haufen scheißt, schickte Malou ihr am nächsten Morgen eine Erinnerung, dass heute der letzte Tag war, um sich für die Teilnahme an der Studie zu registrieren. Den Link schickte sie gleich mit, weshalb Violas Social Media ebenfalls begann, davon überzuquellen.
Der Teufel schlug wenig später erneut zu als ihr edler, gläserner Wasserkocher den Geist aufgab und sie einen adäquaten Ersatz auf der Website ebenjenes Elektronikmarktes fand, für dessen Sortiment es für die Studienteilnahme einen Gutschein gab.
Es war dreiundzwanzig Uhr neunundvierzig. Was hatte sie zu verlieren? Wenn schon nicht der gesamten Welt, konnte sie immerhin sich selbst beweisen, dass sie einem programmierten Sprachassistenten überlegen war.
Sie würde gegen diese KI antreten, ihren neuen Feind. Einen nicht mal real existierenden Feind, der trotzdem negativen Einfluss auf ihr Leben nahm. Sie würde die Studie als Battle betrachten. Viola wollte die KI herausfordern, nahm sich vor, sie binnen weniger Fragen und Sätze zu entlarven. Doch was, wenn am anderen Ende der Leitung ein Mensch sein würde?
Sie nahm ihr Handy drei Mal in die Hand und legte es wieder beiseite, bis sie sich durchrang und für die Studie anmeldete. Und sie landete in einem wesentlich aufwändigeren Registrierungsprozess, als sie es erwartet hatte.
Ihr blieben nur noch acht Minuten, um sich durch diverse Fragebögen zu klicken und ihre persönlichen Daten einzugeben, inklusive eines kurzen Statements, warum sie an der Studie teilnehmen wollte. Viola flog durch die Zeilen und füllte das Formular in Lichtgeschwindigkeit aus. Schnelllesen war ihre Superkraft als Texterin. Nur der letzte Punkt bereitete ihr Schwierigkeiten: »Warum wollen Sie an dieser Studie teilnehmen?« Eine Minute vor zwölf.
Punkt Mitternacht drückte sie auf Senden. Im gleichen Augenblick sprang die Uhr eine Minute vor. War sie noch rechtzeitig gewesen? Ihr Statement am Ende war recht prägnant ausgefallen. »Um zu beweisen, dass ich besser bin als eine Maschine.«
Am nächsten Tag checkte Viola im Minutentakt ihre E-Mails, denn sie hatte nichts anderes zu tun, zudem hatte sich der Groll in ihr aufgestaut und wollte sich endlich an einem imaginären Schreibpartner entladen.
Am späten Nachmittag fand sie schließlich eine E-Mail des Instituts für Kommunikation und Sprachanalyse, kurz I.K.S., in ihrem Spam-Ordner. Sie vergewisserte sich sicherheitshalber per Sprachnachricht bei Malou, die sofort anrief und vor Begeisterung aufschrie, als sie hörte, dass Viola an der Studie teilnahm. Ihre Einladung zu dem Experiment war ebenfalls bei den Junk-Mails gelandet. Viola würgte Malou so liebevoll es ging ab und öffnete die Mail. Angehängt waren ein kurzes Regelwerk und ewig lange AGB, die vermutlich niemand der Teilnehmenden wirklich las und die trotzdem jeder blind bestätigte. Jedenfalls handhabte Viola das so.
In der E-Mail wurde zunächst erklärt, wie der Test ablief. Viola musste eine Software auf ihrem PC oder eine App auf ihrem Handy installieren. Dort musste sie sich jeden Tag um dieselbe Uhrzeit einloggen. Dann hatte man zehn Minuten Zeit sich zu unterhalten, bis der Chat automatisch beendet wurde. Sie konnte sich zwar jederzeit einloggen und das bisher Geschriebene nachlesen, aber Schreiben konnte man nur zwischen siebzehn Uhr und siebzehn Uhr zehn. Morgen ging es los und das Experiment würde über zwei Wochen laufen. Erst dann – das wurde ausdrücklich erwähnt – erhielt man den Gutschein. Vierzehn Tage ohne Wasserkocher, dachte Viola. Verkraftbar.
Sie sah sich die überschaubaren Regeln an, die hauptsächlich besagten, dass man weder nach Namen, Alter, Geschlecht noch Wohnort fragen durfte und vorsichtig mit seinen sensiblen Daten umgehen sollte. Aber Viola wäre ohnehin niemals auf die Idee gekommen, einem völlig Fremden, KI oder nicht, ihren Nachnamen, ihre Anschrift oder ihre Kreditkartennummer zu verraten. Die Studie lief zwei Wochen lang und abschließend sollten die Teilnehmer beantworten, ob sie glaubten die ganze Zeit mit ein und demselben Menschen oder einer KI geschrieben zu haben.
Die Regeln erschienen Viola allerdings recht einfach zu umgehen. Es gab genug Fragen, anhand derer man Alter, Geschlecht und so weiter herleiten konnte. Das Alter zum Beispiel unauffällig beim Thema Musik: »Hast du deinen Walkman damals auch so geliebt?« Oder das Geschlecht mit einer Frage, die eine Frisörin ihr einst beim Haarewaschen gestellt und die Viola in dem Moment total aus dem Konzept gebracht hatte: »Nervt deine Periode auch immer so?« Viola konnte sich nicht vorstellen, dass eine KI solche Fragen menschlich beantwortete.
Sie installierte die App auf ihrem Smartphone. Es erschien nicht mehr als ein hellgrauer Hintergrund und das obligatorische Eingabefenster.
Morgen um fünf sollte es losgehen. Viola blieb also noch genug Zeit, sich vorzubereiten. Welche Fragen würden eine Künstliche Intelligenz sofort bloßstellen? Was sollte sie schreiben, um zu beweisen, dass sie selbst keine KI war, sollte auf der anderen Seite doch ein Mensch sitzen? Oder sie würde sich in dem Fall einen Spaß daraus machen und absichtlich so undurchschaubar agieren, als sei sie ein Computerprogramm. Aber was, wenn ihr Gegenüber auf dieselbe Idee kam? Das Forschungsinstitut bat um authentische Sprache. »Als führten Sie ein Gespräch mit einem Freund« hieß es in der Anleitung. Aber würden alle sich daran halten? Würde sie sich daran halten?
Als sich Viola am nächsten Tag um sechzehn Uhr neunundfünfzig einloggte, stand bereits ein erster Text im Chatfenster: »Sie können sich ab siebzehn Uhr für zehn Minuten unterhalten. Wer das Gespräch beginnt, ist Ihnen überlassen.«
Oben rechts erschien ein herunterzählender Countdown, der Minuten und Sekunden anzeigte. Es war Punkt siebzehn Uhr und Viola beschloss, ihrem virtuellen Gegenüber den Vortritt zu lassen. Jedoch geschah über dreißig Sekunden lang nichts. Der Countdown lief weiter herunter. Sie spürte den Druck, etwas schreiben zu müssen, und fühlte sich an ihre Dating-App-Phase erinnert, in der es sich fast nur darum gedreht hatte, wer zuerst schrieb. Noch neun Minuten. Viola hatte sich bereits den perfekten ersten Satz zurechtgelegt, doch sie war viel neugieriger, wie der oder die andere beginnen würde. Sie war sich sicher, dass eine KI keine tiefgreifenden persönlichen oder philosophischen Fragen beantworten konnte, sie konnte nur Denkansätze dazu liefern oder die weltweit herrschenden Standpunkte wiedergeben. Falls diese neuartige KI allerdings tatsächlich dazu in der Lage war, sich selbstständig eine Meinung zu bilden und diese dann auch zu vertreten, war Viola sehr gespannt darauf, wie sie eine der wohl größten aller Fragen beantworten würde. Sie hatte abgewogen zwischen »Glaubst du an Gott?« oder der Frage nach dem Sinn des Lebens und sich für Letzteres entschieden. Doch sie wartete mit dieser Frage.
Der Countdown lief weiter. Nur noch acht Minuten. Ihre Fingerspitzen kribbelten. Ihr Herz pulsierte etwas schneller. Sie wollte gerade beginnen zu tippen, als plötzlich drei kleine tanzende Punkte auf dem Display erschienen. Es beginnt, dachte sie. Da war er. Der erste Satz ihres Gegners.
»Starren wir jetzt beide seit zwei Minuten auf den Bildschirm? Viele Grüße von der anderen Seite.«
Auch wenn es Viola widerstrebte, beeindruckte sie der Text, da er sie direkt zum Schmunzeln gebracht hatte.
»Sieht so aus. Schöne Grüße zurück«, antwortete Viola, absichtlich nebulös und knapp.
»Habe ich es möglicherweise mit einem Dickkopf zu tun?«, fragte »Es«, wie Viola die KI oder Nicht-KI getauft hatte.
»Das unterstellt man jedenfalls meinem Sternzeichen«, antwortete sie lakonisch und erwartete eine Auflistung von Sternzeichen, denen Sturheit unterstellt wurde.
Nach einer kurzen Pause folgte: »Glaubst du an Horoskope und diesen ganzen Kram?«
Eine Frage, ziemlich salopp gestellt, analysierte Viola. Auch nicht schlecht. Noch hatte sie keine Idee, ob sie mit einer Künstlichen Intelligenz oder einem Menschen schrieb. Aber ihr virtuelles Gegenüber mit Sicherheit genauso wenig.
»Eher nicht«, tippte Viola. »Obwohl es ein wenig erschreckend ist, wenn etwas davon haargenau auf einen zutrifft. Aber ich denke, das liegt eher an den allgemeingültigen Formulierungen, in denen sich viele Leute wiedererkennen.« Sie schickte den Text ab und musste nicht lange auf eine Reaktion warten.
»Also liest du dein Horoskop, aber glaubst nicht daran?«
Die nächste Frage, dachte Viola und antwortete.
»Ich lese es eher mal zufällig … so beim Arzt im Wartezimmer. Und du?«
»Ich fasse die Zeitschriften dort aus Prinzip nicht an. Viel zu viele Keime von den ganzen kranken Patienten.«
Wieder musste Viola schmunzeln. »Ob du an Horoskope glaubst, meine ich«, schrieb sie.
»Würde ich gerne, aber das liegt nicht in meinem Naturell, behauptet meine Wahrsagerin.«
Sie musste lachen. Fuck! Mit wem oder was auch immer sie kommunizierte, hatte etwas geschafft, das sonst kaum jemandem gelang. Noch bevor sie zurückschreiben konnte, erschien die nächste Chatsprechblase. »Aber um deine Frage ehrlich zu beantworten: Nein, ich glaube nicht an Horoskope oder Vorsehung und das alles. Ich bin da recht pragmatisch.«
Wen hatte sie da vor sich? Viola schwankte weiterhin zwischen KI und realer Person hin und her. Es war Zeit, ans Eingemachte zu gehen.
»Was denkst du, ist der Sinn des Lebens?«, fragte Viola und sah, wie kurz darauf die drei kleinen Punkte im Chatfenster zu hüpfen begannen.
»Für den Anfang also erst mal leichte Kost«, erschien auf dem Display mit einem zwinkernden Emoji, gefolgt von: »Ich weiß gar nicht, ob es unbedingt einen Sinn haben muss. Was soll das einem am Ende auf dem Sterbebett bringen, zu denken: ›Mein Leben hat Sinn gemacht‹? Dann doch lieber sowas wie: ›Mein Leben war schön, hat Spaß gemacht, war voller Glück, toller Momente, Liebe …‹ Sorry, klingt kitschig, aber ist doch so. Oder wie siehst du das?«
Viola las die Antwort mehrmals durch, die ihr so menschlich vorkam. Sie überlegte kurz, bevor sie antwortete. »Ähnlich, glaube ich. Ich denke, genau das ist eigentlich auch mit Sinn gemeint. Dass der Sinn des Lebens ist, einfach zu leben, so gut es eben geht.«
»Wenn das mal kein aufmunternder Kalenderspruch wäre: ›Leben Sie, so gut es eben geht. Hauptsache, Sie kommen irgendwie durch.‹ Das klingt nach einer richtig optimistischen Grundeinstellung. Du scheinst eine Frohnatur durch und durch zu sein.«
Viola antwortete mit drei lachenden Emojis und lehnte sich zurück. Humor, Ironie, Sarkasmus. Ihr Gegenüber brachte diese menschlichen Attribute mit und hatte allem Anschein nach eher wenig Lust auf eine tiefschürfende, philosophische Unterhaltung. War es möglich, dass die Technik schon so weit fortgeschritten war? Dieses Gespräch kam ihr bisher keineswegs künstlich vor. Dabei hatte sie sich unbedingt mit einer KI messen wollen.
Viola überlegte, was sie als Nächstes fragen sollte, als der Chat die letzte Minute anzählte. Sie war verunsichert. Sollte sie jetzt noch ein Fragenfeuerwerk zünden, in der Hoffnung, dass die KI sich verriet, oder übte sie sich in Geduld, da sie noch zwei Wochen Zeit hatte, eine Antwort zu finden?
»Nur noch eine Minute«, schrieb sie unnötigerweise.
»Wollen wir uns morgen über ein bestimmtes Thema unterhalten?«, fragte ihr Gegenüber.
»Wieso? Musst du dich vorbereiten?«, fragte Viola und ging in Lauerstellung.
»Ich dachte, das macht es vielleicht interessanter«, kam als Antwort und malträtierte Violas wunden Punkt.
»Findest du es so langweilig mit mir?«, tippte sie, überlegte kurz und wandelte es dann in »Ist dir also nach zehn Minuten schon langweilig?« ab.
»Nein, bitte nicht falsch verstehen«, erschien auf dem Display.
Und Viola gab sich Mühe, es nicht falsch zu verstehen oder gar nicht erst zu deuten, schließlich wusste sie ja nicht einmal, ob sie es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun hatte.
»Du kannst dir gerne ein Thema für morgen aussuchen«, schrieb sie und wartete gespannt auf den Vorschlag, der sie sofort zusammenzucken ließ. Der Countdown sprang auf Null. Der Chat brach ab, Viola konnte nicht mehr antworten und die letzte Nachricht beinhaltete die Themenwahl für den morgigen Tag. Nur ein Wort. »Träume.«
Was, wenn sie etwas suchte? Ohne zu wissen, was.
Obwohl sie bis mittags geschlafen hatte, zog sich der nächste Tag noch ewig lang hin, bis es endlich siebzehn Uhr war. Sie hatte nur ein paar liegengebliebene Mails abzuarbeiten, da sie noch auf das Feedback zu ihren Comedy-Texten wartete und ihr Auftragsbuch seit dem Telefonat mit Robert ansonsten leer war.
Viola hätte die Zeit vielleicht nutzen sollen, um aufzuräumen und etwas Platz zu schaffen. Vincent würde in ein paar Tagen, nach drei Wochen Auslandsdreh, in Deutschland landen und nach einem kurzen Stopp bei sich zu Hause in Frankfurt direkt zu ihr nach Aachen kommen. Fernbeziehung allein nervte schon, Fernbeziehung mit jemandem, der beruflich ständig unterwegs war, war noch anstrengender. Doch das würde sich bald ändern, denn er würde in ein paar Wochen bei ihr einziehen. Noch wusste Vincent allerdings nicht, dass Viola mit ihrem Hauptauftraggeber auch ihre Haupteinnahmequelle verloren hatte. Und er zukünftig womöglich mehr zur Miete beisteuern musste als geplant. Vielleicht war das der Grund, warum sich bei ihr, trotz Vincents baldigem Einzug, keine rechte Euphorie einstellen wollte. So sehr sie es sich auch wünschte.
Als es endlich fünf Uhr war, setzte Viola sich mit ihrem Handy und einem Glas kühlem Chardonnay ins Wohnzimmer, das gleichzeitig die Küche war. Sie trank einen großen Schluck und stellte den Wein auf dem Couchtisch ab, bevor sie die App öffnete. Ihr Gegenüber hatte vorgeschlagen, über Träume zu sprechen, und Viola war auch in dieser Nacht von ihrem Standard-Albtraum heimgesucht worden. Sie wurde zwar nicht von Monstern gejagt oder in einem dunklen Keller gefoltert, aber die manische Suche nach etwas und das lebensbedrohliche Gefühl, dringend loszumüssen, würde sie auf der Stelle gegen jeden Zombie-Albtraum eintauschen.
Viola hatte sich vorgenommen, heute als Erste zu schreiben und begann zu tippen, als bereits ein neues Textfenster erschien.
»Hi. Und, heute Nacht was geträumt?«, fragte Es.
»Hi. Kann mich nicht erinnern«, log Viola. »Und du?«
»Leider nicht.«
Viola hatte nichts gegen traumlose Nächte.
»Träumst du gerne?«, fragte sie.
»Klar, wer nicht?«, kam als prompte Antwort.
»Menschen mit Albträumen, zum Beispiel«, tippte sie und wartete.
Die Punkte tanzten.
»Gehörst du zu diesen Menschen?«
Das tat sie. Aber das wollte sie eigentlich nicht preisgeben. Weder einem Fremden noch einer KI gegenüber. Obwohl es ihr einfacher erschien, sich einer KI anzuvertrauen, bei der man die Gewissheit haben konnte, dass sie einen nicht verurteilte.
»Hat nicht jeder hin und wieder Albträume?«, entschied sie zu antworten.
»Ich nicht.«
»Nie?« Das konnte sie nicht glauben.
»Nie.«
Viola nahm sich kurz Zeit, die Unterhaltung noch mal durchzusehen. Könnte von einer KI stammen, dachte sie.
»Noch nicht mal als Kind?«, stellte sie die nächste Frage.
»Das weiß ich nicht mehr«, erschien nach einer langen Pause auf dem Display.
Warum die lange Pause? Weil die KI erst eine Antwort berechnen musste oder weil das Thema Kindheit für ihr Gegenüber ein schweres war? Heute kam der Chat Viola verdächtig künstlich vor. Sie fragte sich, ob das Wesen am anderen Ende der Leitung überhaupt träumen konnte.
»Glaubst du, eine KI kann träumen?«, schrieb sie deshalb, da diese Frage im Bereich der Regeln lag.
»Wie soll das gehen? Dafür müsste sie erst mal schlafen können«, kam als Antwort. Viola überlegte, was sie erwidern sollte, als ein neuer Text erschien. »Wie oft hast du Albträume?«
Viola wollte nicht so persönlich werden und doch hatte sie das Bedürfnis, sich jemandem mitzuteilen. Real oder nicht.
»Der Albtraum ist eher, dass es ein immer wiederkehrender Traum ist«, traute sie sich zuzugeben.
»Erzähl mir davon.«
Sollte sie? Viola zögerte, fing an zu tippen, löschte den halben Text, schrieb erneut. Nahm einen Schluck Wein. Und noch einen. Fasste ihren Traum zusammen und schickte die Zeilen mit einem schnellen Klick ab, als würde sie ein Pflaster abreißen. Eine Weile geschah nichts, dann hüpften die drei Punkte und eine unerwartete Antwort erschien.
»Bist du sicher, dass du irgendwohin musst und nicht vielleicht eher vor etwas davonläufst?«
Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, ob sie insgeheim vor etwas weglaufen wollte. Oder vor jemandem.
»Macht das einen Unterschied?«, fragte sie.
»Ob du dringend woanders sein müsstest oder ob du dringend da wegmusst, wo du aktuell bist, macht einen ziemlich großen Unterschied. Du bist Feuerwehrmann und im Nachbarort brennt es – Da musst du dringend hin. Du bist Feuerwehrmann und dein Haus brennt – Da solltest du schnellstens weg.«
Die Analogie gefiel ihr, dennoch hielt Viola sie nicht für so einfallsreich, dass sie nicht auch einer KI gelungen sein konnte.
»Und wenn du nie Albträume hast, was träumst du dann so?«, fragte sie.
»Immer verschieden. Meist träume ich von Menschen in meinem Umfeld, die Tiere sind. Sie haben sich nicht verwandelt oder sowas, sie sind es einfach. Ich komme zur Arbeit, meine Chefin ist ein Fuchs, mein Kollege ein Walross und es ist ganz normal.«
»Siehst du denn aus wie du selbst oder bist du im Traum auch ein Tier?«, fragte Viola.
»Weiß ich gar nicht. Ich glaube, ich habe im Traum noch nie in einen Spiegel gesehen.«
Sie unterhielten sich eine Weile über das Mysterium Traum. Zunächst mutete das Gespräch anregend an, doch dann drehte es sich, wenn auch auf amüsante Art und Weise, im Kreis und Viola überkam das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Ihr virtuelles Gegenüber hatte über Träume sprechen wollen und jetzt hatte es nichts Spannenderes auf Lager?
»Warum wolltest du über Träume sprechen?«, fragte sie, als die letzten dreißig Sekunden des Chats anliefen.
Eine halbe Minute verging, ehe die Antwort erschien.
»Das hatte keinen speziellen Grund. Ich hoffe jedenfalls für dich, dass du heute Nacht etwas Schönes träumst.«
Nett, dachte Viola. Nett, aber noch lange nicht menschlich.
»Danke«, schrieb sie. »Mir würde es schon reichen, endlich mal was anderes zu träumen.« Die letzten Sekunden brachen an, gleich würde der Chat automatisch beendet werden. »Also dann, bis morgen«, verabschiedete sie sich.
Ein paar abschließende Zeilen der Gegenseite erschienen auf dem Display und der Countdown sprang auf Null. Obwohl es nur fünf einfache Worte waren, brachten sie Viola völlig aus der Fassung.
»Bis dann. Liebe Grüße, Kevin«, lautete die letzte Nachricht.
Was hatte das zu bedeuten? War das ein Scherz, den sie nicht verstand? War die Technik hinter der KI am Ende und hatte irgendwelchen Blödsinn produziert? Oder hatte ein Kevin sich womöglich im Chatfenster vertan und somit versehentlich seine Identität enthüllt? War es letztlich ein Mensch, der automatisch eine Grußfloskel angehängt hatte, ohne es zu bemerken? Es war nur ein Name, aber er beschäftigte Viola den restlichen Abend. Konnte es Zufall sein, dass man aus dem Namen Kevin durch das Weglassen von drei Buchstaben das Wort KI formen konnte?
In dieser Nacht hatte Viola einen Albtraum. Diesmal einen richtigen Albtraum. Völlig verstörend. Und trotzdem wachte sie beinahe beschwingt auf, denn endlich hatte sie etwas Neues geträumt. Viola hatte geträumt, dass Vincent bei ihr eingezogen war und sie in seiner Gewalt hatte. Er benahm sich wie ein hysterischer Psychopath, der sie durch die Wohnung jagte, und Viola hatte nicht die Möglichkeit, Hilfe zu rufen – oder zu entkommen. Sie musste zugeben, dass das eine Parallele zu ihrem üblichen Traum darstellte.
Aus irgendwelchen Gründen konnte sie sich nur einer anderen Person mitteilen – und zwar ihrem virtuellen Gegenüber aus der Studie. Sie tippte immer wieder, dass sie gerettet werden musste. Unsicher, ob Hilfe kam, da sie nicht wusste, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine schrieb.
»Liebe Grüße, Kevin« geisterte den gesamten Tag durch ihren Kopf. Sie loggte sich bereits um viertel vor fünf in der App ein und wartete angespannt, bis es endlich siebzehn Uhr war. Nichts geschah.
»Hallo«, schrieb sie ins digitale Nichts. Keine Antwort. Kevin tauchte nicht auf. Viola befürchtete, dass, sollte Kevin tatsächlich ein Kevin sein, er mit seinem letzten Satz gegebenenfalls zu viel verraten hatte und deshalb nicht mehr an der Studie teilnehmen durfte. Andererseits konnte sie sich nicht vorstellen, dass die Chats so streng überwacht wurden. Er versetzte sie. Frechheit. Oder war die KI vielleicht abgestürzt?
Die zehn Minuten liefen ab. »Hallo? Kevin?«, schrieb Viola, aber nichts geschah. Und es machte sie ein wenig traurig und auch wütend zugleich. Was sich potenzierte, als ihr bewusst wurde, dass es eventuell einer Künstlichen Intelligenz gelungen war, Emotionen in ihr auszulösen.
Am Abend traf Viola ihre beste Freundin Jacky und deren Verlobte Malou zum Essen. Sie hatten sich im Magellan verabredet, einem alteingesessenen Lokal, das von Teilen der alten Stadtmauer durchzogen war. Es lag in der Pontstraße, kurz Ponte, der Partymeile der Stadt, die über die Jahre ziemlich runtergerockt war und ihren Glanz verloren hatte.
Malou kam sofort auf die Studie zu sprechen.
»Wie ist dein Chatpartner?«, fragte sie. »Was meinst du, real oder nicht?«
»Schwer zu sagen bisher.« Viola berichtete grob von ihren ersten Erfahrungen, erwähnte den seltsamen Kevin-Patzer am Schluss der letzten Unterhaltung und erzählte, dass heute totale Funkstille geherrscht hatte.
»Ich habe heute um fünf gechattet. An der Technik kann es also nicht gelegen haben«, sagte Malou.
»Wenn es also einen Kevin gibt, hat er mich eiskalt versetzt«, sagte Viola.
»Das wirkt so, als hättest du es mit einem echten Menschen zu tun«, schätzte Malou. »Aber nicht zu hundert Prozent. Klingt viel spannender als bei mir. Da geht es nur Frage, Antwort, Frage, Antwort. Was ist dein Lieblingsfilm, dein Lieblingsessen, wohin fährst du gern in Urlaub? Und so weiter. Wie ein ganz ödes Tinder-Match. Und wenn ich etwas, sagen wir mal, Provokativeres frage, dann kommen ziemlich sachliche Antworten auf emotionale Themen«, erzählte sie.
»Was hast du denn Provokatives gefragt?«, wollte Viola wissen.
»Frag nicht! Meine Verlobte ist echt schmerzfrei, da ist Fremdschämen vorprogrammiert«, schaltete Jacky sich zum ersten Mal in das Gespräch ein und kassierte dafür von Malous Knie einen festen Stoß gegen den Oberschenkel.
»Stimmt doch gar nicht«, protestierte sie, was von Jacky bloß mit einem frechen Lachen quittiert wurde.
»Jetzt will ich es aber auch wissen«, forderte Viola Malou auf.
»Ich hab zum Beispiel Dinge gefragt wie: ›Findest du dich schön?‹ Oder… ›Was hältst du von der Todesstrafe? Stehst du drauf, beim Sex ausgepeitscht zu werden?‹«
Viola applaudierte, Jacky schüttelte den Kopf.
»Respekt, super Fragen«, sagte Viola, die sich ärgerte, dass ihr so etwas Skurriles nicht eingefallen war. »Aber in welchem Zusammenhang hast du das gefragt?«
Malou sah sie irritiert an. »Wieso denn Zusammenhang? Einfach so. Ich tippe einfach drauf los, was mir einfällt.«
»Von ›Meine Lieblingseissorte ist Erdbeere‹ gehst du nonchalant über zu ethischen Grundkonflikten und Sado Maso?«, fragte Viola und lachte dabei.
Malou zuckte mit den Schultern. »Klar, warum nicht?« Sie nahm sich die Speisekarte, in die Jacky bereits seit ihrer Ankunft vertieft war, obwohl jedem klar war, dass sie das Steak nehmen würde.
»Dann finde ich es seltsam, dass dein Gegenüber dir antwortet, ohne deine Fragen in Frage zu stellen«, sagte Viola. »Das spricht schon sehr für eine KI. Dass die Fragen ohne Kontext einfach beantwortet werden, obwohl sie in diesem Moment keinen Sinn machen.« Im selben Moment spürte sie, wie ein Funke in ihr zündete. Sie musste testen, ob ihr Gegenüber aus dem Konzept geriet, wenn sie total vom Thema abkam. Hoffentlich würde sie noch einmal die Chance bekommen, mit Kevin zu schreiben.
»Können wir jetzt bitte über was anderes reden?«, bat Jacky, nachdem Malou und Viola noch eine Weile philosophiert und sie bestellt hatten.
»Gerne. Es steht ja bald eine Hochzeit an!«, skandierte Viola feierlich. »Was macht die Planung?«
Sie ließ sich von den beiden auf den aktuellen Stand bringen, was Location, Catering, Trauung, Outfit und Ablaufplan anging, und wartete ab, bis Jacky auf der Toilette verschwunden war, um mit Malou ein Datum auszumachen, an dem sie Jacky für ihren Junggesellinnenabschied entführen konnte.
Am nächsten Tag öffnete Viola um Punkt fünf Uhr die App und hoffte, nicht erneut allein in dem virtuellen Raum zu sein. Schnell fingen die Punkte an zu tanzen und ein Lächeln huschte über ihre Lippen, während ihre Fingerspitzen sofort zu kribbeln begannen.
»Entschuldige bitte vielmals, dass ich gestern nicht hier war. Mir ist was Wichtiges dazwischengekommen«, lautete die erste Nachricht.
»Jetzt schuldest du mir zehn Minuten meiner Lebenszeit«, schrieb Viola und ertappte sich plötzlich dabei, dass sie immer noch ein breites Lächeln auf den Lippen hatte. »Ich hatte schon befürchtet, dass du aus der Studie geflogen bist, weil du quasi gleich zwei Regeln gebrochen hast.«
»Wieso denn direkt zwei Regeln?«, fragte er.
»Keine Namen. Kein Geschlecht«, antwortete Viola. »Und aus dem einen lässt sich das andere meist gut folgern.«
»Das war die Autokorrektur. Ich hatte gehofft, du überliest es vielleicht. Ich habe nur ›Liebe Grüße‹ geschrieben und mein PC hat automatisch meinen Namen angehängt. Ich habe es zu spät bemerkt, da war der Chat schon geschlossen.«
»Ich soll jetzt also davon ausgehen, dass du ein Mensch bist?«, fragte Viola.
»Wovon du ausgehst, ist deine Sache«, schrieb KI-Kevin mit einem zwinkernden Emoji.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass du tatsächlich Kevin heißt. Denn Kevin …«, – das K und das I schrieb sie groß – »…könnte auch so viel bedeuten wie ›KI lässt grüßen‹.«
»Ich bin mit dem Namen schon genug gestraft, jetzt unterstell mir bitte nicht noch, ein Computer zu sein.«
Sie schmunzelte. Viola empfand es langsam als unmöglich, es nicht mit einem echten Menschen zu tun zu haben.
Nach einer kurzen Pause erschienen wieder drei tanzende Punkte.
»Ich habe mir diese Regeln ehrlich gesagt gar nicht angeschaut. Meinst du echt, die schmeißen mich deshalb aus der Studie?«
»Weiß ich nicht«, antwortete Viola sofort.
»Du bist doch hier die oder der mit den Regeln. Bist du eine KI?«, fragte Kevin.
»Auch das darfst du eigentlich nicht fragen«, schrieb Viola und setzte ein zwinkerndes Emoji dahinter.
»Genau das würde eine KI schreiben«, kam als Antwort mit drei Ausrufezeichen und vielen grinsenden Emojis zurück.
