Mit Aussicht auf Sommerregen - Cecilia Klang - E-Book

Mit Aussicht auf Sommerregen E-Book

Cecilia Klang

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Beschreibung

Neuanfang auf Schwedisch - ein wunderbar sommerlicher Roman über zweite Chancen und den Mut, auch mal gegen den Strich zu leben ...

Der 50. Geburtstag liegt gerade hinter ihr, doch Susanne fragt sich: Was liegt noch vor ihr? Die Söhne sind aus dem Haus, ihr Mann poliert lieber seine Golfschläger als ihre Beziehung, und ihre Mutter ist gerade verstorben – und was ist jetzt mit IHR? Einen Sommer lang will sich Susanne in der baufälligen Blockhütte ihrer Mutter Zeit geben. Zeit, um nachzudenken über ihr Leben, ihre Zukunft und das, was sie eigentlich will – und dabei die Füße im erfrischenden Waldsee baumeln zu lassen und Erdbeeren mit Sahne zu essen …

Doch just da paddelt der etwas unbeholfene, dafür umso attraktivere Stockholmer Carl im Kanu vorbei und Susanne wird klar, dass sich im Leben – ähnlich wie beim schwedischen Wetter – nichts vorhersagen lässt. Denn genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet, wird man von einem warmen Sommerregen überrascht – oder vom eigenen Mut …

Ein lebensbejahender Roman für alle Leser*innen von Ildiko von Kürthy.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Neuanfang auf Schwedisch – ein wunderbar sommerlicher Roman über zweite Chancen und den Mut, auch mal gegen den Strich zu leben …

Der 50. Geburtstag liegt gerade hinter ihr, doch Susanne fragt sich: Was liegt noch vor ihr? Die Söhne sind aus dem Haus, ihr Mann poliert lieber seine Golfschläger als ihre Beziehung, und ihre Mutter ist gerade verstorben – und was ist jetzt mit IHR? Einen Sommer lang will sich Susanne in der baufälligen Blockhütte ihrer Mutter Zeit geben. Zeit, um nachzudenken über ihr Leben, ihre Zukunft und das, was sie eigentlich will – und dabei die Füße im erfrischenden Waldsee baumeln zu lassen und Erdbeeren mit Sahne zu essen …

Doch just da paddelt der etwas unbeholfene, dafür umso attraktivere Stockholmer Carl im Kanu vorbei, und Susanne wird klar, dass sich im Leben – ähnlich wie beim schwedischen Wetter – nichts vorhersagen lässt. Denn genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet, wird man von einem warmen Sommerregen überrascht – oder vom eigenen Mut …

Cecilia Klang stammt aus einer schwedischen Provinzstadt und hat als freie Texterin und in der Unternehmenskommunikation gearbeitet, bevor sie 2018 ihren ersten Roman veröffentlichte. Ihr Roman »Schwarzsehen für Anfänger« machte sie auch international bekannt. Sie lebt mit Mann, zwei Kindern und ihrem Hund in Gävle, einer kleinen Stadt an der schwedischen Ostsee.

»Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an das Leben und eine Erinnerung, sich selbst zu lieben.« Gefle Dagblad

www.cbertelsmann.de

Cecilia Klang

Mit Aussicht auf Sommerregen

Roman

Aus dem Schwedischen von Marie-Sophie Kasten

Die Originalausgabe erschien 2023

unter dem Titel I SÖDRANORRLANDVÄNTASREGNbei Polaris, Stockholm.

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Copyright © der Originalausgabe by Cecilia Klang 2023

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

C. Bertelsmann in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Published by arrangement with Albatros Agency, Sweden.

Redaktion: Angela Küpper

Umschlaggestaltung: Favoritbuero

Umschlagabbildungen: © bridgeman, © shutterstock

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-641-32714-9V001

www.cbertelsmann.de

Lebt man in einem Ententeich und ist vollkommen glücklich

Glaubt man leicht, der Tümpel sei ein Ozean

Da werden Seerosen zu einem Urwald

Und man selbst wird ein Mensch

Björn Afzelius

Dezember

1

Die Fußgängerzone im Zentrum von Forshammar war glatt. Nicht wegen des Eises. Es lag an den Schneemassen, die in den letzten Monaten gefallen waren, und den vielen, schwerfällig stapfenden Füßen, die den Boden hart und glänzend gemacht hatten. Susanne Åkesson versuchte, sich mit Eleganz zu bewegen, obwohl sie auf ihren hochhackigen Stiefeln ins Rutschen geriet. Sie nickte den vorbeieilenden Gesichtern zu, dem ehemaligen Sportlehrer ihrer Söhne, einem Nachbarn, dessen Namen sie sich nie gemerkt hatte, und der unglückseligen Kosmetikerin, die Susannes Augenbrauen einmal so schlecht gefärbt hatte, dass sie ausgesehen hatte wie einer der Marx Brothers.

Am Einrichtungsladen, der noch nicht geöffnet hatte, blieb sie stehen und spiegelte sich in dem mit Kunstschnee dekorierten Schaufenster. Ihr neuer Mantel war vorteilhaft. Ein Gemisch aus Kaschmir und Wolle und ein Schnitt, der ihre Büste hob und den konturlosen Teil ihres Körpers verbarg.

Sie betrachtete die papiernen Weihnachtssterne, die im Laden hingen, die roten Kerzen und grünen Servietten und fragte sich, wie wohl die Geschäftsinhaberin Weihnachten verbrachte. Gerüchten zufolge hatte sie Mann und Kinder einer heißen Liebschaft wegen verlassen, und Susanne fand, dass schöne Einrichtungsgegenstände nicht halfen, wenn man von innen ein Müllhaufen war.

Sie wechselte die Straßenseite und stellte am Eingang zum Hochhaus ihre Tüten in den Schnee. Dann zog sie die Handschuhe aus und tippte den vierstelligen Code ein. Die lädierte Aluminiumtür, deren eingefasste Glasscheibe mit Aushängen zu Bridgeabenden und Nordic-Walking-Touren vollgeklebt war, glitt auf. Susanne stampfte die Schneereste von den Stiefeln und trat ein.

Innen war es still. Neben einem Eimer Sand, der laut Etikett früher Mayonnaise enthalten hatte, standen drei Rollatoren. Susanne fischte eine Weihnachtsmannmütze aus der Manteltasche, setzte sie auf und betrachtete sich in der Kamera ihre Handys. Durch den Schnee war die Wimperntusche verschmiert, und die Kälte ließ ihre Wangen rot leuchten, obwohl sie sorgfältig Foundation aufgetragen hatte. Sie befeuchtete einen Zeigefinger und rubbelte die Mascaraflecken weg. Dann rückte sie die Mütze so zurecht, dass man die Perlenohrringe sah, und versuchte, in die Kamera zu lächeln.

Sie wusste jetzt schon, wie ihre Mutter reagieren würde. Sie würde die Hände zusammenschlagen, ein paar Schritte zurückgehen und so lachen, dass ihre Zahnprothese komplett entblößt würde und sie wie ein junges Fohlen aussähe. Wahrscheinlich würde sie auch sagen, dass Susanne unglaublich sei.

Für mich brauchst du dir doch nicht solche Mühe zu geben. Du verwöhnst mich, Sussie.

Susanne steckte das Handy in die Tasche, betrat den Aufzug und hielt sich den Mantelärmel vor Mund und Nase. Das einzige Hochhaus von Forshammar wurde von Menschen bewohnt, die nicht mehr alle in der Lage waren, ihre Körperöffnungen zu kontrollieren, und vielleicht würde auch ihre Mutter demnächst dazugehören. Windel? Katheter? Künstlicher Darmausgang?

Zwischen dem fünften und dem sechsten Stock schüttelte Susanne diesen Gedanken wieder ab, verließ den Fahrstuhl und stand vor der Tür ihrer Mutter, der einzigen mit einem selbst gemachten Namensschild. Åkesson war unbeholfen in ein Stück lackierte Birke geschnitzt. Susanne erinnerte sich noch daran, dass sie eine Vier dafür bekommen hatte, der Handarbeitslehrer das Schild abfotografiert und das Bild in einen Ordner geklebt hatte.

Sie drückte auf die Klingel. Kurz darauf vernahm sie von innen ein Räuspern, dann Schritte und dass ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Als die Tür aufging, beugte sich Susanne vor und schaute mit ernster Miene durch den Spalt.

»Guten Morgen, Frau Åkesson.«

Ihre Mutter starrte sie verständnislos an, bevor sie die Tür wieder schloss. Susanne hörte sie mit der Sicherheitskette hantieren, dann öffnete sie erneut.

»Ich dachte, es sei wieder die Nachbarin. Diese Opernsängerin.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf.

Susanne betrat die Wohnung.

»Sie ist schrecklich«, erklärte ihre Mutter, während sie zusah, wie Susanne ihren Mantel aufhängte. »Sie klingelt dauernd, um sich irgendetwas auszuleihen, und sie schreit so laut, dass mir die Ohren wehtun. Sogar wenn ich im Schlafzimmer bin.«

»Aber jetzt ist sie ja nicht da«, sagte Susanne und setzte sich im Flur auf die Bank, wo sie ihre Stiefel auszog. Maj-Lis folgte ihren Bewegungen. Gleich würde sie die Weihnachtsmannmütze kommentieren, sagen, dass es schön sei, Susanne dazuhaben, oder wenigstens schimpfen, dass es Unsinn sei, in hochhackigen Stiefeln herumzurennen, sie solle sich lieber ordentliche Schuhe kaufen. Aber ihre Mutter sagte nichts. Schweigend stand sie da, die Strickjacke fest um den Körper gewickelt, und blickte ernst drein.

Susanne richtete sich auf und zog ihre Bluse zurecht, zupfte an dem seidigen Stoff, der an ihrem Rücken klebte. Dann trug sie, gefolgt von ihrer Mutter, die Tüten in die Küche.

»Wunderst du dich nicht, dass ich hier bin?«, fragte Susanne, während sie drei beschlagene Plastikbeutel mit Safrangebäck auf die Arbeitsplatte legte. »Ich hatte die Idee, Lars mit einer Safranschnecke zum Frühstück zu überraschen, deshalb bin ich um fünf aufgestanden und habe einen Hefeteig angesetzt.«

Sie sah ihre Mutter an, wartete auf einen Kommentar. Aber Maj-Lis schwieg weiterhin, sagte nicht einmal etwas im Stil von Der frühe Vogel fängt den Wurm. Also fuhr Susanne fort.

»Aber Lars verträgt kein Gluten mehr, deshalb hat er keine Schnecke gegessen. Und da dachte ich, ich könnte stattdessen dir etwas Gutes tun, immerhin ist heute Sankt Lucia. Und schließlich kann ich nicht alles allein essen.«

Susanne erwartete, dass ihre Mutter nun lächeln, sie vielleicht sogar umarmen würde. Aber Maj-Lis starrte mit leerem Blick auf die Beutel, und erst jetzt fiel Susanne auf, dass sie unter der Strickjacke noch ihr Nachthemd trug. Außerdem hatte sie eine Jogginghose und Pantoffeln an, obwohl es bereits mitten am Vormittag war, und das kurze, dauergewellte Haar war zerzaust. Ihr Gesichtsausdruck wirkte anders als sonst, um ihren Mund lag ein trauriger Zug.

»Was ist los, Mama? Bist du gerade erst aufgestanden?«

Maj-Lis ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken.

»Ich habe heute Nacht so komisch geträumt. Überall war Wald, und plötzlich befand ich mich wieder in unserer Hütte, und alle Kinder wollten gleichzeitig etwas essen.«

Susanne legte die Einkaufsbeutel zusammen, öffnete den Putzschrank und stopfte sie zu den anderen leeren Tüten.

»Waren Tove und ich die Kinder, oder waren das die Kinder aus der Schule?«

»Das weiß ich doch nicht. Es war alles so chaotisch und laut.«

»Aber, sag mal. Bist du gerade erst aufgewacht? Es ist schon fast halb zehn.«

Susannes Mutter schaute sie verständnislos an.

»Bist du schon lange wach?«, fragte Susanne jetzt lauter. »Oder bist du erst vor Kurzem aufgestanden? Du trägst noch dein Nachthemd, Mama.«

Maj-Lis verzog das Gesicht.

»Was schreist du denn so.«

»Entschuldige! Ich dachte, du verstehst akustisch nicht, was ich sage.«

Susanne drehte sich zur Küchenarbeitsplatte um, wischte mit einem Lappen darüber und schrubbte Flecken von den Küchenschränken. In der Wohnung war es ungewöhnlich ruhig. Das Radio, das normalerweise auf den Lokalsender P4 eingestellt war und im Hintergrund lief, war ausgeschaltet. Genauso der Fernseher im Wohnzimmer.

»Soll ich nicht das Radio anmachen?«

Ihre Mutter antwortete nicht.

»Oder den Fernseher? Hast du den Lucia-Umzug heute Morgen verfolgt?«

»Warum sollte ich?«

Susanne lachte auf.

»Solange ich mich erinnern kann, hast du jedes Jahr den Umzug angeschaut.«

Maj-Lis schüttelte den Kopf. Susanne fand, dass sie alt wirkte. Ihre Haut war matt und aufgequollener als sonst.

Susanne hängte den Lappen über den Wasserhahn und griff nach der Kaffeekanne.

»Verstehst du, warum sie die Wege nicht mehr richtig freiräumen?«, fragte Maj-Lis. »An der Schule sind große Schneehaufen. Man kann nirgendwo sein Fahrrad abstellen.«

»Dann ist es ja gut, dass du nicht mehr Fahrrad fährst.«

»Ich vielleicht nicht, aber andere. Man muss sich doch fortbewegen können.«

»Möchtest du Kaffee? Ich nehme auf jeden Fall ein bisschen.«

Maj-Lis zuckte mit den Schultern, während Susanne die Kanne füllte, Kaffee abmaß und die Maschine startete. Bald ging das vertraute Rauschen in ein leises Röcheln über.

»Du wirkst müde«, sagte sie, während sie einen der Küchenschränke öffnete und nach Geschirr suchte. »Vielleicht solltest du ein bisschen raus an die frische Luft gehen. Ich habe unten gelesen, dass Nordic Walking angeboten wird. Wäre das etwas für dich? Dann hättest du auch ein bisschen Gesellschaft.«

Maj-Lis gähnte, und Susanne stellte zwei Tassen und zwei Teller mit einem grünen Blumenmuster auf den Tisch. Dann befühlte sie mit dem Finger ein weihnachtliches Gesteck, das sie selbst gemacht und ihrer Mutter zum ersten Advent geschenkt hatte. Moos, Hyazinthen und kleine Plastikpilze in einem Korb. Sie füllte die Gießkanne, die auf dem Fenstersims stand.

»Bald werden die Hyazinthen blau blühen«, sagte sie und goss das Gesteck. »Siehst du das? Dann wird es hier nach Weihnachten duften.«

Ihre Mutter riss den Blick vom Fenster.

»Lass das. Du brauchst hier nicht herumzuwerkeln. Das kann ich nachher selbst machen.«

»Warum solltest du? Ich kann das doch schnell erledigen«, erwiderte Susanne zufrieden mit sich. Schon vor mehreren Jahren hatte sie Maj-Lis gegenüber verkündet, dass diese nie eine Haushaltshilfe einstellen oder ins Heim gehen müsste. Susanne hatte versprochen, sich bis zu ihrem Tod um sie zu kümmern, worüber sich Maj-Lis gefreut hatte, auch wenn sie ein wenig skeptisch gewesen war.

Du brauchst nicht auf mich aufzupassen. Ich komme zurecht. Du hast doch dein eigenes Leben.

Susanne hatte beteuert, dass es kein Opfer für sie darstelle, und da Maj-Lis ja nun in einer praktischen Wohnung im Hochhaus wohne, sei das alles ohnehin ganz einfach. Anfangs war sie nicht begeistert gewesen, als ihre Mutter erklärt hatte, dass sie ihr Reihenhaus aufgeben und in eine Zweizimmerwohnung in dem unpersönlichen zehnstöckigen Kasten ziehen wolle, das von den Leuten in Forshammar »letzte Station« genannt wurde. Susanne fand das traurig und viel zu früh, als gäbe ihre Mutter auf. Susannes kleine Schwester Tove war hingegen positiv eingestellt gewesen.

Sie macht es ganz richtig. Laut Forschung leben Menschen, die frühzeitig für ihr Alter vorsorgen, länger.

Tove hatte nichts dagegen, dass ihr Elternhaus verkauft und von Fremden bewohnt wurde. Von Menschen, die vollkommen unsentimental über die Tapeten im Kinderzimmer strichen, die Küche austauschten, Wände einrissen und alte Apfelbäume und Beerensträucher dem Erdboden gleichmachten, um eine Terrasse und eine Glasveranda zu bauen.

Susanne füllte noch einmal die Gießkanne, um die Pflanzen im Wohnzimmer zu wässern, während die Kaffeemaschine zischte. Goldfruchtpalme, Fikus, Monstera. Sie zupfte ein paar vertrocknete Blätter ab, klopfte die Sofakissen zurecht und ging dann weiter ins Schlafzimmer. Das Fenster war zugezogen, das Bett ungemacht, die Nachttischlampe brannte.

Susanne stellte die Gießkanne auf den Schreibtisch, strich rasch das Laken glatt, legte die Tagesdecke auf das Bett und versuchte, das Gefühl zu verdrängen, dass irgendetwas nicht stimmte. Vielleicht lag es einfach an diesem Traum, dachte sie, während sie das Rollo hochzog. Ihre Mutter war immerhin achtzig. Vielleicht reichte eine schlechte Nacht schon, jemanden durcheinanderzubringen, der allein lebte und zudem ein künstliches Hüftgelenk und ständige Schmerzen in den Handgelenken hatte.

Susanne goss die Friedenslilie auf dem Fensterbrett und warf einen Blick hinaus. In der Ferne sah sie Rauch aus den Schornsteinen der Forshammar-Werke aufsteigen. Wenn das Fenster offen wäre, würde man den Lärm bis hierher hören. Das Schlagen, Zischen, Scheppern einer Produktion, die die ganze Gegend am Laufen hielt. Susanne fühlte ein Ziehen im Bauch.

»Klassische Magenschleimhautentzündung«, hatte ihre Schwester gesagt. »Nicht so viel Stress, leichtes Essen, weniger Kaffee und Alkohol.« Wie immer hatte Tove die Gelegenheit genutzt, einen bösen Kommentar abzugeben. »Schon seltsam, dass jemand, der eigentlich keinerlei Grund hat, sich zu stressen, eine Gastritis entwickelt.«

Susannes kleine Schwester schien vergessen zu haben, wie es war, mit der Ungewissheit zu leben. Als große, fette Schlagzeilen über die Fabrik die Lokalzeitungen beherrscht und alle gewusst hatten, dass das Forshammar-Werk und damit die Gemeinde, ja, sie selbst kurz vor dem Aus standen, war es schwer gewesen, nicht daran zu denken. Die Leute sprachen über fast nichts anderes.

Susanne goss den letzten Rest Wasser aus der Gießkanne und kehrte in die Küche zurück. Maj-Lis saß mit den Händen im Schoß da. Sie sah jämmerlich aus.

»Ich denke, du solltest dich nachher einen Moment hinlegen und ausruhen, Mama. Tove sagt, es sei gut, wenn man im Alter ab und zu ein Schläfchen macht. Und sie hat meist recht, nicht wahr?«

Ihre Mutter sah sie kurz an, bevor sie wieder aus dem Fenster schaute.

Susanne verstaute die Gießkanne und holte einen Kuchenteller. Dann suchte sie ein paar der gelungensten Safranschnecken aus, richtete sie auf dem Teller an und stellte diesen auf den Tisch. Maj-Lis schien das Gebäck nicht zu interessieren. Sie schwieg, während Susanne die Kaffeetassen füllte und ihrer Mutter gegenüber Platz nahm.

»Was die Fabrik angeht, sieht es momentan übrigens ganz positiv aus«, berichtete Susanne. »Lars hat erzählt, dass vor Weihnachten einige einflussreiche Leute aus Stockholm erwartet werden, die sich die Produktion anschauen. Das ist wohl das erste Mal seit Jahren, dass die Aktionäre herkommen. Das letzte Wort bezüglich Estland ist also noch nicht gesprochen.«

Ihre Mutter verzog keine Miene.

»Aber das darfst du auf keinen Fall weitersagen. Karin nicht und auch keiner anderen Nachbarin oder Freundin. Das ist noch total geheim. Nur die Chefs der Fabrik wissen Bescheid.«

Ihre Mutter blinzelte.

»Ich hoffe wirklich, dass sich eine Lösung findet«, fuhr Susanne fort. »Für Lars und mich wäre es keine Katastrophe, wenn die Fabrik schließen müsste. Er würde eine ordentliche Abfindung bekommen und geht sowieso bald in Rente. Aber ich denke an alle anderen.«

Sie verspürte wieder einen Stich im Magen, aber sie brauchte auch nichts weiter zu sagen. Ihre Mutter wusste, was geschehen würde, wenn die Fabrik schloss. Viele Menschen wäre gezwungen, Forshammar zu verlassen. Geschäfte würden Konkurs machen, Häuser verkauft und Schulen geschlossen werden. Sie dachte an die Leute ihres Alters. Diejenigen, die über fünfzig waren und nicht einmal Abitur hatten. Was für eine Arbeit bliebe für sie, wenn es die Fabrik nicht mehr gäbe?

»Ich bin so froh, dass ich nicht davon abhängig bin«, sprach Susanne weiter. »Hast du es gelesen? Die Gemeinde will dafür sorgen, dass sich diejenigen, die arbeitslos werden, zu Hilfspflegern ausbilden lassen können. Ich weiß nicht, wie sie sich das vorstellen. Die meisten in der Fabrik sind schließlich Männer, die dreißig, vierzig Jahre lang an einer Maschine standen. Wie sollen die sich um Menschen kümmern? Würdest du dich gern von einem alten Schweißer pflegen lassen? Denk an Papa. Er konnte nicht einmal ein Ei kochen.«

Maj-Lis erwiderte nichts. Susanne schob den Teller mit dem Gebäck näher zu ihr hin.

»Greif doch zu. Eine Schnecke musst du mindestens essen.«

Maj-Lis hob langsam den linken Arm, nahm eine Safranschnecke und legte sie auf ihren Teller. Susanne fand selbst, dass sie gut geglückt waren. Innen waren sie saftig, ohne teigig zu sein, und sie schmeckten deutlich nach Safran. Sie hatte das Gewürz vorher mit einem Spritzer Rum getränkt und es eine halbe Stunde ziehen lassen.

»Probier mal, ich will wissen, wie sie dir schmeckt«, forderte Susanne ihre Mutter auf und nahm sich ebenfalls eine Schnecke.

»Sieh mal, es schneit«, sagte ihre Mutter mit belegter Stimme. Sie sah wieder aus dem Fenster, und Susanne wurde langsam sauer.

»Ja, Mama. Es schneit seit einem Monat. Können wir nicht einfach … Hast du nichts zu meinem Gebäck zu sagen? Zur Fabrik? Oder irgendetwas anderem? Du scheinst vollkommen abwesend zu sein.«

Maj-Lis blickte sie beunruhigt an.

»Aber wie sollen wir denn zur Hütte kommen?«

Susanne wurde innerlich kalt.

»Wovon redest du?«

»Die Hütte«, wiederholte Maj-Lis irritiert.

»Aber Mama. Ich verstehe nicht, was du meinst … Du warst doch seit vielen Jahren nicht mehr in der Hütte. Die ist inzwischen ganz verfallen. Leer.«

Maj-Lis’ Blick änderte sich, als begriffe sie in diesem Moment selbst, dass sie etwas Komisches gesagt hatte. Susanne war durcheinander. War so etwas normal? Konnte das Gehirn im Alter Purzelbäume schlagen, ohne dass Demenz oder eine andere schreckliche Ursache dahintersteckte? Sie sollte nachher Tove anrufen, fragen, was sie davon hielt. Vielleicht hatte es einen einfachen Grund. Vitaminmangel? Ihre Mutter hatte immer zu wenig Gemüse gegessen. Vielleicht brauchte sie nur eine Tablette, und alles wäre wieder gut. In dem Alter schluckten schließlich alle Leute Medikamente, sie hatten lange, verworrene Krankenakten, und zu Hause auf dem Nachttisch standen volle Tablettendöschen. Das hatte Tove erst letzten Sommer gesagt. Dafür war Maj-Lis bisher ungewöhnlich gesund.

»Soll ich für dich einkaufen, bevor ich nach Hause gehe?«, erkundigte sich Susanne. »Brauchst du etwas? Ich habe gesehen, dass es sehr schöne Orangen gibt. Außerdem günstig. Sonst komme ich morgen, da ist Donnerstag. Staubsaugtag.«

Maj-Lis zwinkerte. Ihre hellblauen Augen wirken müde und gläsern.

»Willst du nicht einen Schluck Kaffee trinken, Mama? Und die Safranschnecke probieren?«

Maj-Lis murmelte etwas Unverständliches.

»Wenn ich etwas einkaufen soll, musst du es nur sagen«, fuhr sie fort.

Wieder wurde es still. Die Wanduhr im Wohnzimmer schlug zur halben Stunde. Susannes Herz klopfte.

»Ich denke, Tove sollte dich mal untersuchen, wenn sie an Weihnachten nach Hause kommt. Vielleicht kann sie ein paar Proben nehmen. Nur um sicherzugehen, dass du nicht krank bist.«

Ihre Mutter starrte sie an.

»Stell dir vor, er wäre nie gekommen«, sagte sie, ohne das Gesicht zu verziehen.

Susanne schluckte.

»Sprichst du von Papa?«

Ihre Mutter nahm ihre linke Hand vom Schoß und griff nach der Tischplatte, als wollte sie sich zum Aufstehen abstützen.

»Jetzt muss ich aber … Entschuldige mich!«

Susanne sah, wie das Gesicht ihrer Mutter starr und leer wurde, die Augen erloschen. Ihr linker Mundwinkel verzog sich nach unten. Dabei fiel sie vom Stuhl, langsam und leise rutschte ihr Körper zu Boden.

Susanne sprang auf und lief um den Tisch herum.

»Mama!«

Maj-Lis’ Kopf schlug auf der Sitzfläche des Stuhls auf, der daraufhin umfiel. Susanne versuchte, ihre Arme zu packen, aber der Körper war zu schwer. Er rollte zur Seite wie ein Schiff mit Schlagseite.

»Mama!«

Susanne rüttelte an ihren Schultern, versuchte, sich bei ihr bemerkbar zu machen, aber ihre Augen verdrehten sich nach innen.

Die in der Schule gelernten Wiederbelebungsmaßnahmen schossen Susanne durch den Kopf. Die Puppe mit dem Gummikopf, pusten und drücken.

Atmete sie noch?

Immer zuerst den Alarm absetzen!

Sie rannte in den Flur zum Telefontisch, griff nach dem Hörer und wählte die 112.

Danach ging alles sehr schnell und zugleich unendlich langsam.

Ein Rettungswagen ist unterwegs.

Susanne saß bei ihrer Mutter, strich ihr über die Stirn, hielt ihre Hand und dachte daran, dass immer alles anders kam, als man es sich vorstellte. Man hörte keine lauten Rufe, keine heulenden Sirenen, es floss auch kein Blut. In der Wohnung herrschte eine lähmende Stille, während ihre Mutter auf dem Boden lag und starb.

Bald darauf flackerte das Blaulicht draußen über die Hauswand, und sie vernahm die bedächtigen Schritte der grün gekleideten Sanitäter. Susanne beantwortete leise ihre Fragen, sah zu, wie sie Utensilien aus einem Rucksack zogen und ihre Hände den schmalen Körper ihrer Mutter untersuchten.

Das konnte nicht das Ende sein. Gestern hatten sie Gulasch gegessen. Ihre Mutter hatte gutes, günstiges Rindfleisch gefunden, und Susanne hatte angemerkt, dass sie es stärker hätte würzen können.

Auf die Trage, in den Aufzug, hinaus auf die Straße.

Ihre Mutter sah aus wie ein Vogelbaby. Die Augen waren geschlossen.

»Haben Sie einen eigenen Wagen?«, fragte einer der Grüngekleideten sie. Susanne verneinte und erklärte, sie würde Lars anrufen, dass sie gemeinsam nachkämen.

Sie schlossen die Hecktür, fuhren rückwärts auf die Straße und ließen Susanne einsam zurück. Noch nie war ihr Forshammar so still vorgekommen. Die Luft, der Himmel, das ganze Universum.

Bald begannen die Menschen sich wieder zu bewegen. Ein junger Mann mit Handy und hochgeklapptem Jackenkragen ging den Gehweg entlang, ein Hund hob das Bein an einem Laternenpfahl, ein Mann zog an der Leine. In den erleuchteten Fenstern der Boutique drehten sich neugierige Gesichter weg.

»Wie geht es Ihnen? Alles in Ordnung?« Die Frau aus dem Einrichtungsladen sah sie durch die halb geöffnete Tür an.

Susanne fror. Ihre Bluse war vom fallenden Schnee feucht und klebte kalt auf der Haut. Die nur halb hochgezogenen Stiefel hingen wie braune Flügel um ihre Knöchel.

»Es geht schon«, erwiderte sie. Dann fiel ihr ein, dass sie ihren Mantel holen musste. Lars anrufen. Tove Bescheid geben.

Die Ladentür schloss sich mit einem Klingeln. Eine helle Kinderstimme ertönte zwischen den Häusern.

»Schau mal, Mama! Die Frau hat eine Nikolausmütze auf.«

Januar

2

Das einzige Geräusch, das man im Gemeindehaus von Forshammar hörte, war ein kollektives Schlürfen. Dazu sah man gebeugte Köpfe, Löffel, die langsam angehoben wurden, bleiches Januarlicht auf ernst blickenden Gesichtern, mit Servietten und weißen Tischtüchern gedeckte Tische.

Die Kerzenständer hatte Susanne von zu Hause mitgebracht, denn die des Gemeindehauses waren plump und voller Wachs. Das galt auch für das Leinzeug. Die dortigen Tischdecken waren fadenscheinig, und die Servietten hatten alte Kaffeeflecken, die Gemeinde hatte also nicht sehr viel zu diesem Tag beigetragen. Lediglich den möblierten Raum sowie die lustlose Frau, deren Aufgabe es war, Kaffee zu kochen und hinterher abzudecken und zu spülen. Das überraschte Susanne allerdings nicht. Sie wusste, dass es kaum noch Menschen gab, die sich engagierten. Wenn etwas gemacht werden sollte, kümmerte man sich am besten selbst darum. Erstellte Listen, hakte ab, führte Telefonate, heftete Dokumente ab, schrubbte das Waschbecken, füllte den Kühlschrank mit Essen und feierte Weihnachten, so wie man es immer gefeiert hatte, auch wenn jemand gestorben war. Susanne hatte ihren Kindern versprochen, dass alles genauso sein würde, wie sie es gewohnt waren. Deshalb hatte sie gekocht und gebacken, dekoriert und geschmückt und sogar achtundvierzig kleine Adventsgeschenke in Weihnachtspapier gewickelt und für die Jungs aufgehängt.

»Das ist doch verrückt, dass du das immer noch machst«, hatte Lars dazu gesagt. »Die Jungs sind über dreißig. Ich glaube kaum, dass sie noch so einen Krimskrams haben wollen.«

An Heiligabend waren die Söhne dann nicht einmal gekommen. Lars und Susanne hatten allein gefeiert, und Susanne hatte ohne ihre Mutter die obligatorische Weihnachtssendung gesehen, ohne ihre Mutter Geschenke geöffnet, ohne ihre Mutter das Brot in die Brühe getunkt. Ihr war von dem salzigen Weihnachtsschinken schlecht geworden. Am zweiten Weihnachtsfeiertag waren die Kinder dann endlich gekommen, und Susanne hatte mit Pflaumen gefüllten Braten mit Sahnesauce zubereitet, genau wie Maj-Lis es immer gemacht hatte.

»Mehar isst kein Fleisch«, hatte Filip verkündet und den Arm um die Taille seiner neuen Freundin gelegt. Susanne hatte daraufhin die Reste einer vegetarischen Lasagne aus dem Tiefkühlfach geholt und wäre am liebsten gestorben.

»Was für ein Sturm«, sagte die Pfarrerin und blickte aus dem Fenster des Gemeindehauses. Es rüttelte an den Fensterläden, und Susannes Tante Gunilla zog ihr Cape fester um die Schultern.

»Findet ihr es hier drin kalt?«, erkundigte sich Susanne und sah zu Karin Bengtsson, Maj-Lis’ langjähriger Freundin, die gerade versuchte, ihren Mund mit dem Löffel zu treffen. Ein Rinnsal Brühe lief von ihrem Mundwinkel über das Kinn hinab. Susanne hielt ihr eine Serviette hin.

»Ich kann nachschauen, ob wir die Heizung ein bisschen höherstellen können«, sagte sie und hoffte, dass die Lustlose wenigstens ein paar Decken organisieren würde.

Karin protestierte.

»Es spielt keine Rolle, ob die Heizung aufgedreht wird oder nicht. Ich friere sowieso immer. Meine Durchblutung ist schlecht. Alles steht still.«

Susanne zwang sich zu einem Lächeln und spürte ein Magenstechen.

»Die Suppe ist zumindest heiß«, fuhr Karin fort und nahm noch einen Löffel.

Die Pfarrerin griff nach einem Flaschenöffner, während Tante Gunilla mit offenem Mund Brötchen kaute.

»Als wir heute Morgen in Stockholm losgefahren sind, hat es gehagelt«, sagte sie langsam, wobei der Brötchenklumpen in ihrem Mund zum Vorschein kam. »Golfballgroße Körner. Ich dachte schon, die Windschutzscheibe würde zerspringen.«

Susanne blickte auf ihren Teller hinunter. Fettaugen, zerkochtes Gemüse und sehniges Rindfleisch. Hätte Maj-Lis ihre Beerdigung nicht genauso sorgfältig geplant wie alles andere im Leben, hätte Susanne niemals so etwas serviert.

Fleischbrühe und Brot, kaltes Bier und ein schmackhafter Hartkäse (nicht Grevé) hatte sie für den Leichenschmaus notiert. Tropicana Eis von Ica zum Nachtisch. In der Kirche: »Bridge Over Troubled Water«, legere Kleidung und ein einfacher weißer Sarg.

Susanne hatte alles besorgt, worum ihre Mutter gebeten hatte, obwohl sie gebratenen Lachs oder Bœuf Bourguignon standesgemäßer gefunden hätte. Oder zumindest Häppchen mit handgeschälten Garnelen. Stattdessen hatten sie Fleischsuppe in ihren Schüsseln, und demnächst würde Lotta Jönsson, die Filialleiterin von Ica, hier auftauchen und in Folie verpackte Platten mitbringen. Die waren die Spezialität der plumpen Ladenbesitzerin. Exotische Platten, Grillplatten, Halloweenplatten, Weihnachtsplatten, Fußball-WM-Platten und Valentinstagsplatten. Alles, was gerade günstig im Einkauf oder kurz vor dem Ablaufdatum war, drapierte Lotta auf einer Platte, umwickelte sie mit Folie und verkaufte sie zu einem horrenden Preis.

Susanne stand von ihrem Platz auf und ließ den Blick über den Tisch wandern.

»Fehlt irgendetwas? Soll ich Wasser nachfüllen?«

Niemand antwortete, manche schüttelten den Kopf, und Susanne griff nach ein paar Wasserkaraffen, ging damit in die Küche, stellte sie dort ab. Dann suchte sie ihre Söhne.

»Schmeckt’s?«, fragte sie über Filips Schulter gebeugt.

Filip nickte, während Felix das Brot in kleine Stückchen brach.

»Werdet ihr satt?«

Die beiden sahen müde aus.

»Sonst essen wir eben mehr.«

Susanne richtete sich wieder auf. Manche hatten immer noch Suppe vor sich stehen, obwohl es bereits Stunden her war, dass die kleine, schweigende Gesellschaft die fünfhundert Meter von der Kirche zum Gemeindehaus gelaufen war. Es war eine schöne Beerdigung gewesen. Einfach und stilvoll, genau wie ihre Mutter es sich gewünscht hatte. Susanne war gefasst gewesen. Nicht einmal am Grab hatte sie Tränen vergossen. Sie hatte Rosen ausgeteilt und das durchnässte Küchenpapier eingesammelt, das die Blumen feucht gehalten hatte. Sie hatte daran gedacht, das Brot mit Folie abzudecken, die Suppe umzurühren und die Wasserkaraffen zu füllen. Filip und Felix hatten hingegen so geweint, dass ihre schmalen Schultern in den Jacketts gebebt hatten.

Susanne wischte ein paar Krümel neben Felix’ Teller weg.

»Jetzt setz dich, Mama. Entspann dich mal ein bisschen«, sagte er und sah sie genervt an.

Susanne ging zu ihrem Platz zurück, wo sich Karin Bengtsson nach dem Brotkorb streckte.

»Das hast du selbst gebacken, Susanne?«

Susanne nickte.

»Wie hast du das denn gemacht?«

Die Pfarrerin zeigte auf das Petersiliensträußchen, das Susanne vor dem Backen auf den Teig gelegt hatte, sodass jedes Brot ein Blumenmuster erhalten hatte.

»Maj-Lis hat ihr das beigebracht«, erklärte Karin. »Sie war eine unglaublich gute Köchin.«

»Unglaublich gut«, bestätigte die Pfarrerin. »Und so hübsch.«

»Und das mit der Fleischsuppe ist so typisch für Maj-Lis«, fuhr Karin fort. »Genau so war sie. Einfach und ehrlich. Sie hat nie viel Aufhebens um sich gemacht. Sie hat sich mit dem Kleinen begnügt.«

Karin lächelte Susanne kurz an, bevor sie weitersprach.

»Wie traurig die ganze Geschichte ist. Dass es so schnell gehen kann. Hatte sie eine Hirnblutung?«

Susanne bejahte die Frage und fand sich sogleich in die Situation zurückversetzt. Der zähe Arbeiterkörper der Mutter auf dem Boden. Der gräuliche Brustkorb, der sich zu einem letzten Atemzug hob, während die Weihnachtsbeleuchtung im Fenster des Krankenzimmers anging.

Karin räusperte sich.

»Oder nennt man das Schlaganfall?«

»Ja, das war ein Schlaganfall«, bekräftigte Susanne.

Karin schüttelte den Kopf.

»Wie scheußlich. Was sagt denn Tove dazu? Sie ist schließlich Ärztin.«

Susanne versuchte, sich daran zu erinnern, was ihre kleine Schwester gesagt hatte. Tove hatte die Neuigkeit wie alles andere aufgenommen: schroff und mit selbstsicherem Ton.

Hoher Blutdruck, hohe Fettwerte. Eine der gewöhnlichsten Todesursachen bei Menschen über fünfundsiebzig. Sei froh, dass es so schnell ging. Sonst hättest du dich um sie kümmern müssen, ich wäre jedenfalls nicht nach Forshammar zurückgezogen.

Susanne sah zu Karin Bengtsson und der Pfarrerin.

»Tove spricht nachher dort über den Monitor zu uns. Dann hörst du, was sie sagt …«

Sie deutete mit dem Kopf auf die heruntergezogene Leinwand am kurzen Ende des Raumes. Toves zwanzigjährige Tochter Evelina, die aus einer Affäre mit einem Herzchirurgen in Israel hervorgegangen war, hatte sich um die Technik gekümmert, und gleich würde es an der Zeit sein, eine Verbindung in die USA herzustellen. Tove wollte vorab eine SMS schicken. Bei ihrer Begabung, immer den unpassendsten Zeitpunkt zu erwischen, würde das wahrscheinlich passieren, wenn sie gerade beim Kaffee saßen.

Karin schlug begeistert die Hände zusammen.

»Fantastisch! Ich habe sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Dich trifft man ja immer wieder, aber Tove hat so viel zu tun, dass sie wohl nicht oft hierherkommt. Wo ist sie denn jetzt gerade?«

»Auf einer Konferenz. In den USA. Sie konnte nicht mehr umbuchen.«

Karin sah beeindruckt aus, wandte sich an die Pfarrerin und setzte in vertraulichem Ton fort:

»Tove, Maj-Lis’ jüngere Tochter, ist Ärztin. Und sehr erfolgreich. Sie wohnt in Lund und forscht dort. Das da drüben ist ihre Tochter. Evelina. Sie wohnt in Stockholm.«

Die Pfarrerin nickte, während Karin weiter mit dem Finger auf die Gäste zeigte. »Und dort sitzen Susannes Söhne. Der eine lebt in Linköping, der andere in Umeå. Fragen Sie mich nicht, was sie machen. Irgendetwas Technisches.«

»Sie sind Ingenieure«, sprang Susanne ein. »Filip arbeitet bei Saab. Felix macht demnächst sein Examen.«

Karin sprach weiter.

»Es ist schon erstaunlich mit diesen beiden Töchtern. Ich meine Susanne und Tove. Sie sind das komplette Gegenteil voneinander, sowohl was das Aussehen angeht als auch ihre Art.«

Susanne drehte an ihrem Perlenohrring und sah in die andere Richtung. Sie wusste genau, was jetzt kommen würde.

»Tove war als Kind sehr zurückhaltend, irgendwie griesgrämig und mürrisch. Ich hätte nie gedacht, dass sie mal so erfolgreich wird. Sie ist um die halbe Welt gereist und hat alles Mögliche studiert und erforscht. Und mit Susanne war es genau andersrum. Sie war ein Musterkind, hatte wahnsinnig gute Noten, war immer ordentlich und korrekt. Maj-Lis war überzeugt davon, dass sie von hier weggehen würde. Aber dann tauchte Lars auf, und …« Karin drehte die runzligen Hände nach oben. »Das Leben verläuft immer anders, als man denkt. Aber gut wird es trotzdem.«

Die Pfarrerin nickte, und Karin fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Susannes Mann ist ein hohes Tier hier in der Fabrik, wissen Sie. Lars Lohtz. Vielleicht haben Sie von ihm gehört?«

Die Pfarrerin schüttelte den Kopf.

Karin sah zu Susanne und fragte laut: »Kommt Lars heute gar nicht?«

»Leider nein. Es tut ihm sehr leid, aber er hat eine wichtige Besprechung. Die konnte er nicht absagen.«

Karin sah zufrieden aus und beugte sich wieder näher zur Pfarrerin.

»Es würde mich nicht wundern, wenn das mit Estland zu tun hätte. Lars ist phänomenal. Wenn es jemanden gibt, der erreichen kann, dass das Werk hierbleibt, dann er.«

»Das wollen wir mal hoffen«, sagte die Pfarrerin und wischte sich den Mund ab. »Es wäre wirklich unerfreulich, wenn die Fabrik schließen müsste.«

Susanne dachte, dass nur eine Pfarrerin die Stilllegung einer Fabrik als unerfreulich bezeichnen könnte. Für sie würde es keinen Unterschied machen. Sie würde weiterhin zu Gott und Jesus beten, und die Menschen in Forshammar würden weiterhin sterben, vermutlich sogar früher, wenn sie keiner Arbeit mehr nachgehen konnten.

»Vielleicht ist es ein Glück, das nicht mehr mitbekommen zu müssen«, meinte Karin. »Maj-Lis hat ihr Leben gelebt. Und sie hat es gut gemacht, muss ich sagen. Unter diesen Umständen. Sie war schließlich eine gewöhnliche Arbeiterin, wurde mit sechsundvierzig schon Witwe. Dann war sie allein mit zwei Kindern. Dass ein Lkw einfach das Ende bedeuten kann. Maj-Lis war nach dem Unglück nicht mehr dieselbe, und dazu das ganze Gerede in Forshammar darüber, was genau passiert war.« Karin schüttelte den Kopf. »Das hat die Mädchen und ihr Leben auf jeden Fall geprägt. Tove ist Ärztin geworden, um das Leben von anderen retten zu können. Ist das nicht oft so bei Menschen, die so etwas Schlimmes erlebt haben?«

Die Pfarrerin setzte zu einer Antwort an, aber war nicht schnell genug. Karin sprach schon weiter.

»Susanne hingegen ist nicht einmal von zu Hause ausgezogen, als sie Lars kennengelernt hat. Einen zehn Jahre älteren Ingenieur aus Halmstad. Ich glaube, sie hat eine Vaterfigur gesucht.« Karin wechselte wieder zu ihrem üblichen Erzählton. »Tja … aber jetzt ist Maj-Lis nicht mehr da und erlebt nicht mehr mit, was ihre Töchter und Enkel machen. Das ist schlimm. Dass alles einfach so aufhört.« Karin sah die Pfarrerin fragend an. »Finden Sie nicht auch? Dass es bitter ist? Dass das Leben einfach so endet? Manchmal fragt man sich schon, was das Ganze dann für einen Sinn hat.«

Jemand klopfte an ein Glas, Evelina stand auf und wedelte mit ihrem Handy.

»Mama ist bereit zu reden.« Sie sah Susanne an. »Sollen wir die Verbindung herstellen?«

3

Susanne ließ sich in der Badewanne hinabgleiten. Spürte den warmen Wasserdruck auf den Ohren. Sie hielt die Luft an, kniff die Augen zusammen und versuchte, nicht daran zu denken, wie erschreckend wenig das Leben vom Tod trennte. Minuten, Sekunden, nur irgendetwas Kleines brauchte zu reißen, und dann war alles vorbei und wurde mit Fleischsuppe und Brot hinuntergespült.

Sie setzte sich wieder auf, sog die feuchte Badezimmerluft ein und drückte sich einen Klecks Tonerde in die Handfläche.

»Meine Liebe. Mir scheint, die Trauer hat unter deinen Augen Spuren hinterlassen«, war das Erste, was ihre Tante zu ihr gesagt hatte, als sie ihr auf dem Parkplatz entgegengekommen war.

Susanne griff nach dem Handspiegel und tupfte sich die Tonerde ins Gesicht. Mit der Maske sah sie aus wie ein Mumintroll. Kleine starre Augen, eine große Nase und der Mund wie ein Strich. Sie hatte gegoogelt, dass sich Tränensäcke durch Injektionen beseitigen ließen, und überlegte, bei Gelegenheit in eine Auffrischung zu investieren, entweder wenn Lars gerade gute Laune hatte oder sie selbst wieder arbeitete.

Als sie den Spiegel auf den Wannenrand legte, klingelte das Telefon, und sie erkannte schon am Signal, dass es Tove war. Sie war die Einzige, die sie über Facetime anrief.

Susanne tauchte die Hände ins Badewasser, bevor sie sie an einem Handtuch abtrocknete. Tove blinzelte in die Kamera.

»Wie siehst du denn aus? Hast du Zement im Gesicht?«

»Das ist eine Gesichtsmaske, Erde aus dem Toten Meer. Gegen Entzündungen und Schwellungen. Und sie hat einen verjüngenden Effekt.«

Tove sah müde aus.

»Verjüngend? Produziert der Meeresboden also etwas, was der Wissenschaft nicht gelingt? Vielleicht sollte ich auf die Konferenz hier pfeifen und nach Hause fliegen. Ich kann den Patienten ja sagen, sie sollen sich stattdessen Erde ins Gesicht schmieren, dann wird alles gut.«

Susanne stellte das Telefon auf eine Ablage neben der Wanne und sank bis zu den Schultern ins Wasser.

»Was willst du?«

»Ich habe kurz Pause und wollte wissen, wie es war.«

Eine Sekunde lang fand Susanne ihre Schwester mitfühlend, weil sie während ihrer wichtigen Konferenz ihre Pause nutzte, nur um zu hören, wie es derjenigen ergangen war, die alles organisiert hatte.

»Ich meine, meine Ansprache«, ergänzte Tove. »War sie zu schleimig?«

Als Toves Gesicht auf der Leinwand erschienen war, war ein Raunen durch den Raum gegangen, und wie immer hatte sie mit ihrer jungenhaften Frisur, den fülligen Lippen und ihrem kühl-blonden Image alle verzaubert. Es war laut geschluchzt worden, als Tove von Maj-Lis’ Arbeitseifer, ihrer Bescheidenheit und Stärke gesprochen hatte, und Karin Bengtsson hatte den Kopf so schief gelegt, dass Susanne befürchtet hatte, ihr faltiger Hals würde gleich brechen.

»Schleimig nicht gerade«, sagte Susanne. »Aber ein bisschen kurz, wenn man bedenkt, dass du nicht auf der Beerdigung warst. Die Leute haben vielleicht etwas mehr erwartet.«

Tove hob die hellen Brauen.

»Hast du eine Rede gehalten?«

»Nein, aber …«

»Eben. Ich habe zumindest etwas gesagt. Das ist wichtiger, als einfach nur dabei zu sein.«

»Ich war nicht einfach nur dabei«, protestierte Susanne.

Ihre Schwester trank etwas aus einem Pappbecher und wechselte das Thema. Sie redete über Evelina, die von Filip nach der Beerdigung mitgenommen worden war, und schien zufrieden darüber, dass die Jungs nicht in Forshammar geblieben waren.

»Mein Kind ist also nicht das Einzige, das nichts mehr mit seiner Mutter zu tun haben will? Ich hätte schwören können, dass Felix und Filip über das Wochenende bei euch bleiben.«

»So war es gedacht, aber ihnen ist etwas dazwischengekommen. Filips Freundin ist krank geworden, und Felix muss arbeiten.«

»Das ist doch schön, oder? Dass sie jetzt ihr eigenes Leben haben.«

Susannes Gesicht juckte unter der Maske.

»Ich liebe es, ein erwachsenes Kind zu haben«, fuhr Tove fort. »Man kann wieder machen, was man will. Niemand hängt einem am Bein.«

Susanne sank unter Wasser, rieb die Maske ab. Nach dem Auftauchen wischte sie sich die Reste mit einem Handtuch weg.

»Wann kommst du und holst dein Sideboard ab?«, fragte sie.

Tove verzog das Gesicht.

»Es wäre mir lieber, wenn du es schicken könntest. Als Sperrgut oder so.«

Susanne fand, dass die Vereinbarung bezüglich des Erbes, die anfangs so großzügig gewirkt hatte, allmählich zu einem Joch wurde. Tove hatte nur das Sideboard in Teak haben wollen, den Rest sollte Susanne bekommen, wenn sie sich um alles Praktische kümmerte.

Ich kann nicht ständig nach Forshammar fahren, und Geld brauche ich nicht. Mach mit dem Scheiß, was du willst.

Der Scheiß bestand aus einer vollen Wohnung, dreißigtausend Kronen Bargeld, einem alten Auto und einem Bretterhaufen von einem Sommerhaus, in dem seit den Neunzigerjahren niemand mehr gewesen war.

Susanne drückte sich einen Klecks Shampoo in die Hand und seifte ihren blonden Pagenkopf ein.

»Im Moment habe ich ziemlich viel zu organisieren, weißt du.« 

»Ich weiß. Aber du hast ja Zeit.«

Susanne hielt in ihrer Bewegung inne.

»Hast du überhaupt eine Ahnung davon, wie viele Formulare ich ausfüllen muss, wie viele Anrufe tätigen und wie viel gemacht und getan und weggeworfen werden muss? Mamas gesamtes Leben muss innerhalb der nächsten Monate abgewickelt werden, und ich mache alles allein.«

»Stimmt, aber du arbeitest auch nicht.«

»Im Moment vielleicht nicht. Aber ich fange bald damit an, und dann muss alles hier geregelt sein.«

Tove grinste, und Susanne wusste genau, was ihre kleine Schwester dachte. Das Gleiche wie Lars, das Gleiche wie alle anderen. Dass Susannes Tätigkeit als Lebensberaterin kein richtiger Job war.

»Warum grinst du?«

»Ich grinse nicht.« Tove nahm einen langsamen Schluck aus ihrem Becher. »Was ist jetzt mit dem Sideboard? Kann Lars sich nicht darum kümmern? Oder hat er auch zu viel zu tun?«

»Ja, hat er. Er hat in der Arbeit momentan sogar besonders viel zu tun.«

»Das muss er tatsächlich, wenn er es noch nicht einmal zur Beerdigung seiner Schwiegermutter geschafft hat.«

Susanne schnaubte.

»Die Zukunft von ganz Forshammar steht heute auf dem Spiel. Und Lars muss das alles stemmen. Sollte er so eine Besprechung absagen?«

»Und wie lief es bei dieser lebenswichtigen Besprechung?«, wollte Tove wissen.

Susanne spülte sich das Shampoo von den Händen.

»Ich weiß es nicht. Er ist noch nicht nach Hause gekommen, und er geht nicht ans Telefon. Bestimmt diskutieren sie ewig. Er ist heute Morgen schon um sechs los.«

»Klingt für mich nach einem gewöhnlichen Arbeitstag«, erwiderte Tove.

»Wie fleißig du bist.«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich will nur, dass du verstehst, dass ich stark eingespannt bin. Es war vollkommen unmöglich für mich, diese Konferenz abzusagen. Ich bin seit drei Jahren zu einem Vortrag eingeladen. Ich hätte dafür belangt werden können, wenn ich nicht erschienen wäre. Außerdem bin ich mir sicher, Mama hätte es gewollt, dass ich hierbleibe und meinen Job mache. Die Pflicht ruft und so. Zuerst die Arbeit.«

Tove hatte keine Ahnung, was ihre Mutter gewollt hätte, ging es Susanne durch den Kopf. Sie kannte sie kaum, wusste nicht, was sie dachte und fühlte, um wie viel Uhr sie ihren Kaffee trank, wie das Bettlaken zusammengelegt und die Handtücher gefaltet werden sollten. Tove hatte sich in all den Jahren nicht an Maj-Lis’ Seite befunden, sich bis zu ihrem Tod in ihrer Nähe aufgehalten. Sie hatte nicht neben ihr gesessen und gesehen, wie die Nase der Mutter unmittelbar vor ihrem Tod spitzer geworden war. Wie die Haut um die Knochen gespannt hatte.

»Das Sideboard«, fing Tove wieder an. »Lars kann sicher jemanden bezahlen, der es als Sperrgut zur Post bringt. Er hat doch Geld.«

»Das hat er! Aber er hat keine Zeit, das sagte ich ja schon.«

Tove erhob sich von ihrem Stuhl, und im Hintergrund waren große helle Glasscheiben zu sehen. Susanne überlegte, ob sie erwähnen sollte, dass Lars zu viel zu tun hatte, sodass er nicht einmal an dem Tag bei ihr hatte sein können, als Maj-Lis gestorben war. Susanne hatte allein zum Krankenhaus fahren müssen. Sie hatte den Seat Ibiza ihrer Mutter, Baujahr 1993, aus der Garage des Hochhauses geholt und war mit zittrigen Beinen die fünfzig Kilometer gefahren.

Erneut tauchte sie mit dem Kopf unter Wasser, spülte das Shampoo ab und kam wieder hoch.

»Kannst du mir mal antworten, ob du das mit dem Sperrgut hinbekommst?«, insistierte Tove. »Ich kann nicht sechshundertachtzig Kilometer hin- und zurückfahren, nur um ein Möbelstück abzuholen.«

»Dann muss ich es wohl hinbekommen«, erwiderte Susanne säuerlich.

Tove lachte.

»Du erbst alles, dafür dass du dich um die Möbel und den Papierkram kümmerst, und trotzdem klingst du beleidigt. Ein Sommerhaus, ein Auto, Geld. Das muss für dich doch toll sein, oder? Du wirst wohl kaum sehr viel Geld auf dem Konto haben nach all den Jahren zu Hause?«

»Ich war nicht nur zu Hause, Tove. Ich habe auch gearbeitet.«

Ihre Schwester rückte näher an die Kamera heran.

»Kannst du nicht einfach aufhören, dich selbst zu belügen?«

In dem Moment hätte Susanne ihre kleine Schwester am liebsten erwürgt, ihr das selbstsichere Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, aufgelegt.

»Ich lüge nicht. Du bist diejenige, die nicht …«

»Ich muss los«, unterbrach Tove sie, ohne in die Kamera zu schauen. »Aber wir hören voneinander. Ich melde mich, wenn ich wieder in Schweden bin.«

Sie beendeten das Gespräch, und im Badezimmer wurde es still. Susanne griff nach der Dose mit dem Körperpeeling und rieb sich die körnige Creme so fest über die Arme, dass ihre Haut und ihre Augen brannten.

Sie schloss die Lider, sah das Krankenhauszimmer vor sich, den kleinen grauen Körper ihrer Mutter auf der Bahre. Sie kniff die Augen fester zusammen und redete sich ein, dass sie das Schlimmste jetzt hinter sich hatte. Der Leichenschmaus war vorbei. Die Tischdecken steckten in der Waschmaschine, die Kerzenständer standen wieder in der Vitrine, alles war aufgeräumt. Wenn sie bisher nicht geweint hatte, würde sie jetzt nicht damit anfangen. Sie war einfach nur müde. Leute starben eben. Das war ganz natürlich.

In Gedanken knüllte sie die Bahre samt Maj-Lis zusammen, stopfte sie in eine Kiste und verschloss diese zweimal, bevor sie alles tief unter der Erde vergrub und den Schlüssel wegwarf.

Dann öffnete sie die Augen und zog den Badewannenpfropfen heraus. Blieb sitzen, bis das Wasser abgelaufen war.

4

Um halb neun stand sie im Seidenpyjama und in Filzpantoffeln am Küchenfenster und sah zur Rückseite des Hauses hinaus. Das Außenlicht am Carport beleuchtete den regenfeuchten Rasen, und der Wind blies durch die kahlen Zweige des Ahorns. Den gesamten Januar über hatte die Temperatur um die null Grad gelegen, und die Schneemassen, die an Weihnachten gefallen waren, hatten sich in bräunlichen Matsch am Straßenrand verwandelt. Tag für Tag hatte sie am Fenster gestanden und auf ihn gewartet. Sie hatte in den dunklen Himmel gestarrt, auf das Knirschen der Autoreifen gelauscht und auf Lars’ müde Schritte im Kies. Sie hatte belegte Brote für ihn vorbereitet, Essen aufgewärmt, Kerzen angezündet, ihn in Empfang genommen. Sie hatte ihm aus seinem Mantel geholfen, ihn nach seinem Tag gefragt, sich gekümmert. Aber nichts davon schien ihn zufriedenzustellen.

»Du kannst nicht nur den ganzen Tag zu Hause auf mich warten«, hatte er gesagt. »Das stresst mich. Du musst irgendetwas unternehmen.«

Susanne hatte ihn daran erinnert, dass sie durchaus Dinge tue. Dass sie mit dem Haus beschäftigt sei, mit ihrer Mutter und dass die Klienten, die sie aufgesucht hatten, zufrieden zu sein schienen und weitere Stunden gebucht hätten. Aber Lars hatte dennoch nicht glücklich gewirkt. Er war mürrisch und launisch gewesen, und ab Dezember war es nur noch schlimmer geworden. Lars war zu einem scheuen Tier geworden, und als Maj-Lis gestorben war, hatte er sie, seine Frau, weder getröstet noch ihr beigestanden. Es war still geworden zwischen ihnen.

Susanne wandte sich vom Fenster ab und ging zur Kücheninsel, packte das restliche Brot in eine Plastiktüte und füllte die übrig gebliebene Suppe in eine Box. Mittagessen Lars schrieb sie auf ein Etikett, das sie auf den Deckel klebte, bevor sie alles im Kühlschrank verstaute.

Zehn vor neun tauchten endlich Scheinwerferkegel eines Wagens auf, sie blickte aus dem Fenster. Lange Schritte über den Plattenweg, die Aktentasche in der Hand.

»Wie lief es?«, fragte sie, noch bevor er den Mantel ausgezogen hatte.

Lars zog stöhnend seine Schuhe aus, dann schaute er zum dunklen Wohnzimmer hinüber.

»Sind sie nicht mehr da? Sie wollten doch das Wochenende hier verbringen.«

Susanne lehnte den Kopf an den Türrahmen.

»Felix muss morgen arbeiten. Und Filip wollte nach Hause. Mehar ging es wohl nicht gut.«

Lars wirkte enttäuscht. Er zog das Handy aus der Manteltasche und steckte es in sein Jackett, schob sich an ihr vorbei und ging in die Küche. Susanne folgte ihm.

»Kannst du mir nichts erzählen? Dir muss doch klar sein, dass ich neugierig bin zu hören, wie es lief?«

Lars nahm ein Glas aus dem Schrank.

»Es hat nicht geklappt, oder?«, fuhr Susanne fort. »Es bleibt also bei Estland?«

Lars trank Wasser in großen Schlucken und stellte dann das leere Glas auf die Kücheninsel.

»Nein. Es lief gut.«

Susanne sah ihn an, versuchte zu ergründen, ob er es ernst meinte oder nicht. Lars streckte den Rücken durch, dass es knackte, zog die Krawatte aus und öffnete den obersten Hemdknopf.

»Alles ist klar. Es wird keinen Umzug geben.«

»Du machst Witze.«

»Bei Geschäften macht man keine Witze. Alles ist geregelt. Göran bleibt Fabrikschef, ich bleibe Geschäftsleiter, alle bleiben. Die Forshammar-Werke werden weiterarbeiten.«