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Das Leben spielt nach seiner eigenen Melodie – manchmal auch mit schiefen Tönen …
Es hat doch alles so gut angefangen, damals vor dreißig Jahren. Mit vollem Haar und Lederjacke füllte Tommy zusammen mit seiner Band die Konzerthallen in der südschwedischen Provinz. Der Plattenvertrag war nur noch Formsache, und mit Martina hat er seine absolute Traumfrau gefunden. Die ganze Welt hätte er erobern können! Doch dann kam das dazwischen, was man Leben nennt … Und nun steht Tommy vor den Scherben seiner Träume: Martina weg, Job weg - und für die Musik war schon lange keine Zeit mehr gewesen.
Zum Glück hat Tommy nicht nur einen ausgeprägten Hang zum Selbstmitleid, sondern auch ein paar verdammt gute Freunde. Um ihm zur alten Form zurückzuhelfen, organisieren sie für ihn Gesangstunden. Widerwillig lässt sich Tommy darauf ein und trifft auf Gunnel, eine schon etwas abgehalfterte Opernsängerin. Gemeinsam zeigen sie dem Schicksal den Mittelfinger – denn mit den richtigen Menschen an der Seite sind die glorreichen Zeiten noch lange nicht vorbei!
»Ein großartiges Buch! Voller Wärme, Witz und Zuversicht, dass auch die kleinen Dinge in unserer großen Welt einen Unterschied machen können!« Jonas Jonasson
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Seitenzahl: 447
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das Leben spielt nach seiner eigenen Melodie – manchmal auch mit schiefen Tönen …
Es hat doch alles so gut angefangen, damals vor dreißig Jahren. Mit vollem Haar und Lederjacke füllte Tommy zusammen mit seiner Band die Konzerthallen in der südschwedischen Provinz. Der Plattenvertrag war nur noch Formsache, und mit Martina hat er seine absolute Traumfrau gefunden. Die ganze Welt hätte er erobern können! Doch dann kam das dazwischen, was man Leben nennt … Und nun steht Tommy vor den Scherben seiner Träume: Martina weg, Job weg – und für die Musik war schon lange keine Zeit mehr gewesen.
Zum Glück hat Tommy nicht nur einen ausgeprägten Hang zum Selbstmitleid, sondern auch ein paar verdammt gute Freunde. Um ihm zur alten Form zurückzuhelfen, organisieren sie für ihn Gesangstunden. Widerwillig lässt sich Tommy darauf ein und trifft auf Gunnel, eine schon etwas abgehalfterte Opernsängerin. Gemeinsam zeigen sie dem Schicksal den Mittelfinger – denn mit den richtigen Menschen an der Seite sind die glorreichen Zeiten noch lange nicht vorbei!
Cecilia Klang stammt aus einer schwedischen Provinzstadt und hat als freie Texterin und in der Unternehmenskommunikation gearbeitet, bevor sie 2018 ihren ersten Roman veröffentlichte. Ihr Roman »Schwarzsehen für Anfänger« machte sie auch international bekannt. Sie lebt mit Mann, zwei Kindern und ihrem Hund in Gävle, einer kleinen Stadt an der schwedischen Ostsee.
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»Ein Rockstar, der den Zenit schon überschritten hat, erkennt, was wirklich zählt im Leben – diese Geschichte à la Fredrik Backman macht einfach gute Laune!« Alingsås Newspaper
»Hier kann einfach jeder mitfühlen und mitlachen! Lesen Sie dieses Buch, denn es ist einfach perfekt, um abzuschalten und es sich gutgehen zu lassen!« Smålandsposten
www.cbertelsmann.de
Cecilia Klang
ROMAN
Aus dem Schwedischen von Marie-Sophie Kasten
Die Originalausgabe erschien 2022
unter dem Titel Kan innehålla spår av Tommy Roos
bei Polaris, Stockholm.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Songtexte wurden aus folgenden Quellen zitiert:
Bon Jovi: »Livin’ on a prayer« in: Slippery when wet, Mercury Records 1986.
Marbels (Barry Gibb, Maurice Gibb, Robert Stigwood): »Only one woman« (Single). Polydor 1968.
Copyright © der Originalausgabe by Cecilia Klang 2022
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2023
C. Bertelsmann in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Published by arrangement with Albatros Agency, Sweden.
Redaktion: Angela Küpper
Umschlaggestaltung: Favoritbuero
Umschlagabbildung: © bulatova, Filippo Vanzo, Ratana21i/Shutterstock
Satz: Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-30244-3V001
www.cbertelsmann.de
Für Hasse.
Ich glaube, es hätte dir gefallen.
Und außerdem gibt es auf Seite 100 ein Wurstbrot.
Tommy Roos entdeckte ein Ahornblatt, das an einer der Fensterscheiben auf der Rückseite des Ärztehauses klebte. Er dachte sich, dass das Blatt vermutlich einen Fleck hinterlassen würde und dass die Fenster für denjenigen, der sie putzen musste, eine Heidenarbeit bedeuteten. Nicht wegen des Fleckes. Der wäre leicht mit einem Fensterwischer und einem Abzieher zu beseitigen. Der Schmutz zwischen den Scheiben hingegen stellte eine größere Herausforderung dar, die durch die Konstruktion der Fenster erschwert wurde. Die Fenster des Ärztezentrums von Forshammar gehörten nämlich zu denjenigen, die man öffnen, herumdrehen und dann auseinandernehmen musste, indem man eine Reihe rostiger Schrauben löste. Das wusste er so genau, weil er vor vierunddreißig Jahren einen ganzen Sommer mit ebendieser Tätigkeit zugebracht hatte. Schon damals hatten die Fenster Schwierigkeiten gemacht. Inzwischen war auch noch die Dichtung spröde und bröckelig und der Kitt aufgesprungen.
Das alles müsste dringend instand gesetzt werden, überlegte er, während er sich im Zimmer umsah. Das meiste hatte das Mindesthaltbarkeitsdatum schon lange überschritten. Noch immer derselbe Schreibtisch, derselbe gelbliche Linoleumboden, dieselbe Aussicht wie damals. Draußen auf dem Rasen lag überall das noch nicht zusammengerechte Laub. Genau dort, unter dem großen Ahornbaum, hatte er immer seine Pause verbracht. Morgens eine Zigarette und eine Flasche Wasser. Mittags Mutters Nudeln mit Dosenwurst. Er erinnerte sich noch an das Gefühl des rauen Baumstamms im Rücken, die Beine lang ausgestreckt im Gras, das ganze Leben vor sich. Sein erster Ferienjob war eintönig gewesen, aber ganz gut bezahlt. Der Chef hatte ihm erlaubt, während der Arbeit die Kopfhörer seines Sony-Walkmans aufzusetzen und Musik zu hören, solange niemand mit ihm sprechen wollte.
»Dann heiße ich Sie herzlich willkommen!«, sagte die Frau im Sessel. Obwohl sie sich gerade erst vorgestellt hatte, hatte er ihren Namen schon wieder vergessen. Marie? Marit?
Er schielte auf das Namensschild an ihrer Brusttasche. Lena.
Lena blätterte eine neue Seite in dem Collegeblock auf, den sie vor sich liegen hatte, und sah erst Tommy und dann seine Frau an, die ausgerechnet heute ein großes Gerstenkorn am rechten Auge hatte. Sie hatte versucht, es zu überschminken, aber weder Abdeckstift noch Puder verbargen die rote Schwellung. Vielleicht wirkte sie deshalb so unwillig, jemandem ins Auge zu schauen. Martinas Blick flackerte.
»Das ist jetzt Ihre Zeit«, sagte Lena ruhig und langsam. »Und alles, worüber wir sprechen, bleibt hier. Ich führe Notizen, aber diese Notizen kommen in keine Akte. Sie werden weggeworfen und vernichtet, sobald Sie der Meinung sind, dass Sie hier fertig sind.«
Tommy musste lachte. Die Ausdrücke »wegwerfen« und »vernichten« hörten sich für ihn so an, als ob es um große Geheimnisse ginge. Solche, die die Sicherheit des Landes gefährden oder in den Schlagzeilen landen konnten, wenn sie in falsche Hände gerieten. Aber wer scherte sich schon um sie? Früher einmal waren sie die Pamela Anderson und der Tommy Lee aus Forshammar genannt worden, aber das war lange her.
»Martina«, sagte Lena und legte sich den Block auf den Knien zurecht. »Als Sie angerufen haben, haben Sie kurz erzählt, warum Sie und Tommy herkommen wollen. Aber ich hätte gern, dass Sie es noch einmal erklären, jetzt, wo wir zusammensitzen. Warum sind Sie hier?«
Tommy sah, dass Martina zu lächeln versuchte und an einem der vielen Silberringe drehte, die heute ihre Finger schmückten.
»Man könnte wohl sagen, dass wir irgendwie festgefahren sind«, begann sie. »Es kommt mir so vor, als würden wir auf der Stelle treten.«
Lena nickte und griff nach ihrem Stift.
»Es fühlt sich für Sie also so an, als wären Sie stehen geblieben.«
Sie wandte sich an Tommy.
»Stimmen Sie Martinas Beschreibung zu?«
Tommy setzte sich aufrecht hin. Obwohl Martina das schon ein paarmal gesagt hatte, verstand er nicht wirklich, was sie damit meinte. Klar. Die letzten Jahre hatte er wohl nicht sehr viel Neues zu bieten gehabt, abgesehen vom Ausbau der Terrasse und dem unanständig teuren Whirlpool, den niemand benutzte. Aber stehen geblieben?
»Ja, das ist schon richtig«, sagte er und sah die Therapeutin an. »Aber es ist doch normal, dass man nicht immer Vollgas fährt, das kann man wohl kaum erwarten, oder? Nach fünfundzwanzig Jahren?«
Lena nickte.
»Es ist ganz gewöhnlich, dass man in einer Beziehung verschiedene Erwartungen bezüglich der Ehe und der Liebesbeziehung hat, was diese einem geben und was sie beinhalten sollen. Und genau das, was Sie da sagen, Tommy – ›Was kann man nach fünfundzwanzig Jahren erwarten?‹ –, das ist eine sehr gute Frage, auf die wir im Folgenden zurückkommen sollten.«
Sie schrieb ein paar Zeilen auf ihren Block und stellte dann Fragen nach ihrer Familienkonstellation, ihrer Arbeit und danach, wie lange das Gefühl des Stillstands schon andauerte. Sie wandte sich an Martina.
»Was meinen Sie? Wie lange geht das schon so?«
Martinas Kiefer spannte sich an, und um ihre Nase zuckte es.
»Schwer zu sagen«, erwiderte sie und drehte an ihren Ringen. »Lange. Sicher zwei Jahre. Vielleicht mehr.«
Lena nickte und schrieb, während Tommy seine Frau verwundert anschaute.
Zwei Jahre? Wieso hatte er denn davon nichts bemerkt? Wie sehr er auch überlegte, konnte er nicht erkennen, inwiefern sich die letzten zwei Jahre nennenswert von den vorherigen dreiundzwanzig unterschieden. Wenn, dann positiv. Die Kinder waren Teenager, sie hatten endlich wieder Zeit füreinander.
Lena sah Tommy an.
»Was denken Sie über das, was Martina sagt? Haben Sie bemerkt, dass sich Ihre Beziehung in den letzten zwei Jahren verändert hat?«
Tommy lachte auf.
»Nein, ich habe gerade daran gedacht, dass mir nichts aufgefallen ist. Ich finde eigentlich, dass wir es jetzt besser haben. Mehr Zeit, irgendwelche Dinge zu machen.«
Lena blinzelte.
»Wenn Sie von Dingen sprechen, was meinen Sie damit?«
»Ach, irgendwas machen eben. Ausgehen, ins Restaurant oder Kino zum Beispiel.«
Martina sah auf.
»Und wann haben wir so etwas das letzte Mal gemacht?«
Tommy überlegte.
»So lange ist das sicher nicht her. Vielleicht im Sommer? Und im Übrigen bist du doch diejenige, die keine Zeit hat. Es gibt immer irgendetwas im Laden, was du erledigen, streichen oder holen musst … Ich habe jedenfalls …« Er seufzte und fuhr fort. »Was ich meine, ist, dass die Voraussetzungen heute besser sind als früher, als die Kinder noch klein waren. Wenn du findest, dass Stillstand herrscht, dann können wir doch einfach was dagegen tun.«
»Genau«, sagte Martina. »Und deswegen sind wir hier.«
Lena machte eine beruhigende Handbewegung und sagte etwas in der Art, dass sie offensichtlich unterschiedliche Auffassungen davon hätten, wie ihr Zusammenleben funktionierte.
»Das ist ganz normal, müssen Sie wissen. Was sich für den einen so anfühlt, kann vom anderen völlig anders erlebt werden.« Sie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. »Deshalb schlage ich vor, dass wir die Zeit ein wenig zurückspulen. Ich mache das oft so. Anstatt sich auf das zu konzentrieren, was hier und jetzt stattfindet und vielleicht ein wenig vergiftet ist, möchte ich den Tommy und die Martina treffen, die sich einmal ineinander verliebt haben.«
Tommy fand, dass das ein guter Vorschlag war. Seit Martina gesagt hatte, dass sie einen Termin bei der Familienberatung vereinbaren wollte, hatte er einen Knoten im Magen verspürt. Zuerst hatte er gar nicht verstanden, was sie meinte. Er hatte gedacht, es ginge um eines der Kinder. Dass sie sich Hilfe bei der Familienberatung holen sollten, um mit Axel klarzukommen, der mit dem Fußballspielen aufgehört hatte und niedergeschlagen wirkte, oder mit Felicia, die angefangen hatte, mit älteren Jungs auszugehen, die umgebaute Traktoren fuhren und sich zum Saufen trafen. Als Martina erklärt hatte, dass es nicht um die Kinder gehe, sondern um sie beide, hatte er furchtbare Angst bekommen. Mehrere Nächte lang hatte er sich im Bett herumgewälzt, war nervös gewesen. Er hatte »Familienberatung + Scheidung« gegoogelt, und das Ergebnis hatte ihn nicht gerade beruhigen können. Erst nach einer Woche und einer Reihe einsamer Autofahrten bei laut aufgedrehter Musik hatte er wieder klar denken können. Er war zu Charbel gefahren und hatte es ihm erzählt. Sein Freund, den er gern Chabbe nannte, hatte wie immer eine logische Erklärung gefunden und ihn davon überzeugt, dass eine Ehe genauso funktioniere wie ein Job. Damit die Maschinen optimal arbeiteten, mussten sie geschmiert, repariert und instand gehalten werden.
»Das ist doch Basiswissen«, hatte Chabbe gesagt. »Zur Beratung zu gehen, bedeutet, proaktiv zu agieren. Okay? Wenn es tatsächlich so weit kommt, dass eine Maschine kaputtgeht und es zu einem Produktionsstopp kommt …« Er hatte die Augen verdreht und die Finger aneinander gerieben, als würde er unsichtbare Geldscheine zählen. »Wir wissen beide, wie teuer das wird.«
»Erzählen Sie mir, wie Sie sich kennengelernt haben«, sagte Lena und sah Tommy an. »Nehmen Sie mich mit zurück zu dieser allerersten Begegnung. Als Sie, Tommy, Martina zum ersten Mal sahen. Wie war das?«
»Oh! Tja, das ist lange her. Wir sprechen vom zwanzigsten Jahrhundert.«
Er lachte und schaute zu Martina. Sie verzog keine Miene, strich nur mit ihren sonnengebräunten Händen über ihre schwarze Jeans.
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie sich an den Moment erinnern, auch wenn er lange her ist«, ermunterte Lena ihn.
Das tat er natürlich. Er hatte nur sehr lange nicht mehr daran gedacht. Daran zu denken, bedeutete, sich an eine völlig andere Zeit zu erinnern. Ein anderes Leben. Die Träume waren damals andere gewesen: große Bühnen, protzige Tourneebusse, Popularität, Groupies, Poolpartys in L. A. Jetzt, wo der fünfzigste Geburtstag in nur einem Monat bevorstand, schämte er sich beinahe für den jungen Tommy. Das Leben war nicht so einfach. Man wurde nicht Rockstar, Fußballprofi oder bekannter Filmschauspieler, sondern verlor seine Haare, bekam einen Fettwulst am Hosenbund und einen Job, den man nicht gewollt hatte. Und wenn man Pech hatte, landete man bei der Familienberatung.
»Erzählen Sie von der ersten Begegnung mit Martina«, wiederholte Lena und beugte sich vor.
Tommy schluckte. Am liebsten hätte er die Augen geschlossen, um alles richtig vor sich sehen zu können, aber wer saß schon in einer Therapiesitzung und machte die Augen zu?
Stattdessen schaute er zum Fenster hinaus und ließ den Blick auf einem der roten Blätter ruhen, die sich noch an den schwarzen Ästen festklammerten.
»Das erste Mal habe ich sie auf einem Fest bei einem Freund von mir gesehen. Martina war mit der Cousine meines Kumpels befreundet und … Sie war ein bisschen jünger als wir. Wir waren so Anfang zwanzig, und sie ging noch zur Schule, in die Abschlussklasse, und wohnte zu Hause.«
Er machte eine Pause und überlegte, wie viele Details er erwähnen sollte.
»Ich weiß, dass ich sie auf dem Fest das erste Mal so richtig in der Diele wahrgenommen habe, vor der Toilette. Ich wollte rausgehen und rauchen, und da stand sie plötzlich vor mir. Sie trank so einen süßen Cocktail, wie ihn damals alle tranken. Ich weiß noch, dass ich darüber irgendeinen Witz riss und über ihr Alter. Ich fragte sie, ob das Saft sei oder so was in der Art. So war es doch?«
Er sah Martina an. Sie nickte, ohne seinen Blick zu erwidern.
»Martina machte im Gegenzug auch irgendeine lustige Bemerkung, sie war ziemlich schlagfertig. Das ist sie immer noch.«
Tommy wartete auf eine Reaktion von Martina, aber sie schien unberührt. Er fuhr fort.
»Also stellten wir uns einander vor, gaben uns aus Spaß ganz formell die Hand. Sie sagte, sie wüsste schon, wie ich heiße.«
»Ach?«, sagte Lena und sah Martina lächelnd an. »Sie wussten schon, wer er war?«
»Alle wussten, wer er war«, sagte Martina leise. »Er war damals ziemlich bekannt. Jedenfalls in Forshammar.«
»Und an ein paar anderen Orten auch«, sagte Tommy und lachte. »Ich war Sänger in einer Band, die Crystal Heart hieß …«
Tommy wartete auf einen Funken des Wiedererkennens in Lenas Miene, aber sie schüttelte nur den Kopf.
»Egal. Anfang der Neunzigerjahre waren wir recht populär. Stiegen in der Hitparade auf. Einmal waren wir sogar die Vorband von Europe. Aber … wo waren wir stehen geblieben?«
»Die Begegnung mit Martina«, half Lena ihm auf die Sprünge. »Sie haben sich begrüßt.«
»Ja, genau. Und ich kannte sie auch schon. Sie war in dem Winter die heilige Lucia von Forshammar und dadurch recht oft in der Zeitung zu sehen gewesen. Ein Foto von ihr hatte in einem Schaufenster im Ortszentrum gehangen. Ich fand sie unglaublich hübsch. Es war mitten im Sommer, und ich weiß noch, dass sie braun gebrannt war und ihre Augen quasi … leuchteten.«
Bei der Erinnerung wurde Tommy ernst. Wenn er daran zurückdachte, war dieser Moment für vieles in seinem Leben entscheidend gewesen. Diese erste Begegnung in der Diele hatte in Haus, Hochzeit, Kinder, Reisen, gute Erinnerungen gemündet. Er schluckte.
»Als ich sie so in der Diele sah … da wusste ich es irgendwie. Es war ein sehr starkes Gefühl. Ich wusste, dass ich sie in meinem Leben haben wollte. Für immer.«
Tommy spürte einen Kloß im Hals. Er räusperte sich.
»Nach diesem Abend musste ich immer an sie denken. Und dann erfuhr ich von einem Kumpel, dass sie so einen Pager hatte, wie einige damals. Bevor es Handys gab. Ich besorgte mir ihre Nummer und begann, ihr ab und zu Nachrichten zu schicken. Zuerst nur kryptische Zahlenkombinationen. Ich hatte die Idee, dass jede Zahl für einen Buchstaben im Alphabet stand, aber das konnte sie ja nicht wissen. Sie hatte ja nicht mal eine Ahnung, wer ihr schrieb. Also schickte ich ihr schließlich meine Nummer, und sie rief mich an. Ziemlich direkt danach. Es war seltsam, weil wir einfach so miteinander reden konnten, ewig lange. Er war, als würden wir uns schon immer kennen.«
Lena nickte und schrieb etwas auf ihren Block.
»Und was passierte dann, nach dem ersten Telefonat?«
»Tja, danach haben wir regelmäßig telefoniert. So ziemlich jeden Abend, vielleicht ein oder zwei Wochen lang. Dann hatte ich einen Auftritt in der Stadt. Und ich bat sie zu kommen. Und sie kam. Sie fuhr mit zwei Freundinnen zum Konzert.«
Lena nickte ihm aufmunternd zu, und Tommy wollte gar nicht aufhören. Er wollte zurück in diese Zeit, zu diesem Abend. Noch einmal alles erleben.
»Ich weiß, dass ich mich total geärgert habe, weil ich sie eigentlich vor dem Auftritt treffen wollte. Aber dann gab es Probleme. Mit dem Ton stimmte etwas nicht. Wir waren in einem Keller, und der Tontechniker war krank, also mussten wir selbst zurechtkommen. Na ja, jedenfalls … Als wir mit dem Konzert anfingen, sah ich sie sofort im Publikum. Sie war so wahnsinnig hübsch. So schön, dass um sie herum irgendwie alles verschwamm. Und das war seltsam, denn normalerweise sieht man nur diejenigen, die ganz vorne stehen. Man wird vom Licht geblendet. Aber Martina stand ganz hinten, und trotzdem sah ich sie. Sie war wie eine kleine, helle Lampe mitten im Meer aus Zuschauern.«
Tommy wurde warm ums Herz, und seine Stimme zitterte. Normalerweise erzählte er solche Dinge nicht. Hatte er überhaupt jemals davon erzählt? Irgendjemandem?
»Und da wir nächtelang miteinander geredet hatten und dies das erste Mal war, dass wir uns richtig trafen, waren meine Gefühle extrem stark. Ich hatte mich quasi am Telefon in sie verliebt, und als ich sie dann sah und realisierte, wie schön sie war … Ja, das fühlte sich an wie eine … Explosion.«
Tommys Herz klopfte jetzt heftig, fast als wäre er wieder in dem verrauchten Kellerlokal. Er nahm den Geruch von Haarspray wahr, von Bier in Plastikbechern und einer Hautcreme, die sie damals benutzt hatte. Kokos? Limette? Er konnte das Gemurmel im Raum hören und wusste noch genau, wie es sich angefühlt hatte, als er sie hinter der Bühne auf einen Lautsprecher gehoben und geküsst hatte.
»Es war einer dieser Abende, die man nie vergisst. Es war auch ein fantastisches Konzert. Und die Zugabe …«
Er verstummte. Diesen Teil hatte er tatsächlich schon früher einmal erzählen wollen, aber es hatte nicht funktioniert. Das, was in Wirklichkeit so groß, stark und schön gewesen war, klang einfach nur billig, wenn man es in Worte fasste.
»Die Zugabe?«, hakte Lena nach.
Tommy sah auf seine Hände hinunter. Er überlegte, ob er jetzt aufhören oder ob er versuchen sollte, diesen Moment zu beschreiben, der der beste seines Lebens gewesen war, wenn man die Geburt der Kinder nicht mitzählte.
»Tja, also …«
»Erzähl es einfach!«, sagte Martina leise, ohne den Blick zu heben.
»Okay«, erwiderte Tommy und sammelte sich, bevor er fortfuhr. »Damals spielten wir immer denselben Song als Zugabe. ›Livin’ on a Prayer‹ von Bon Jovi. Das war so etwas wie unser Markenzeichen. Den Leuten gefiel unsere Coverversion, und sie hörten nicht auf zu klatschen, bis wir sie spielten. So war es auch bei diesem Konzert. Kennen Sie das Lied?«
»Natürlich«, sagte Lena. »Das kenne ich.«
Tommy erzählte weiter.
»Als wir also da auf der Bühne standen, nachdem wir unsere Songs gespielt hatten, und uns wegen der Zugabe absprachen, da kam ich auf eine Idee. Eine sehr gute oder zumindest recht coole Idee. Ich sagte den Jungs, dass wir die Nummer spielen sollten, und sie fingen an wie immer. Das Publikum jubelte und klatschte, und die Stimmung war total verrückt. Im Intro singt Bon Jovi ›Once upon a time not so long ago‹, und das tat ich auch. Aber dann, nach dem Intro, habe ich die Worte in den ersten Sätzen ein bisschen verändert. Der Song handelt von einem Tommy, deshalb spielten wir ihn ja immer, weil ich auch Tommy heiße. Außerdem geht es dann noch um eine Gina, ›Gina works the diner all day …‹«
Lena nickte zum Zeichen, dass sie den Text kannte.
»Und Martina wurde Tina genannt …«
Tommy grinste und sah Lena an.
»Also sang ich den Song, als handelte er von uns beiden. ›Tina works the diner all day.‹ Ich weiß, dass ich ihr dabei direkt in die Augen sah und auf sie zeigte, als ich diesen Satz sang. Ich glaube, dass sich die ganze Stadt umdrehte und sie anschaute. Und sie strahlte einfach. Genau in dem Moment wusste ich es …«
Er unterbrach sich.
»Dass es Liebe war?«, fragte Lena.
Tommy nickte, konnte aber nicht weitersprechen, wenn er nicht eines der Taschentücher benutzen wollte, die vor ihm lagen.
»Was für eine starke Geschichte, Tommy! Und was für eine schöne Erinnerung«, sagte Lena und schlug die Hände zusammen.
Tommy schaute zu Martina und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Glück schoss durch seinen Körper. Diese Familientherapeuten wussten, was sie taten. Indem er an den Moment gedacht hatte, als sie sich kennengelernt hatten, verspürte er wieder dieselbe Verliebtheit wie damals. Es spielte keine Rolle, dass es eine deutlich ältere Martina war, die vor ihm saß. Sie war noch dieselbe Frau. Sie war sogar noch schöner, fand er, trotz des Gerstenkorns. Ihr Gesicht hatte schärfere Züge bekommen, und die kleinen Falten um ihre Augen, die sie mit Cremes und Spritzen zu beseitigen versuchte, verliehen ihr Charisma. Er liebte sie so, wie sie war, und würde es immer tun. Sie hatte ihre Kinder zur Welt gebracht, hatte mit ihm gute und schlechtere Zeiten erlebt, ihn unterstützt und war stets an seiner Seite gewesen. Martina war fantastisch.
»Was denken Sie, wenn Sie diese Erzählung von Tommy hören?«, fragte Lena und wandte sich an Martina. »Erkennen Sie sich wieder? Teilen Sie diese Erlebnisse?«
Martina nickte, während sie ihr Gesicht gleichzeitig verkniff. Tommy sah, dass ihre Oberlippe zu zittern begann.
»Sie erkennen alles wieder?«, hakte Lena unterstützend nach.
Martina nickte stumm.
»Welche Gefühle weckt das in Ihnen?«
»Es sind so viele …«, brachte Martina mit piepsiger Stimme hervor. Lena zog ein Tuch aus der Kleenex-Box und reichte es ihr. Martina schnäuzte sich.
Tommy fand es schön, dass sie ebenfalls berührt war von der Erinnerung. Oft kam es ihm so vor, als ob das alles vergessen und verschwunden wäre. Romantik und Innigkeit waren der Planung, dem Aufräumen, Martinas Laden und Dienstreisen, Autokäufen, Zahnarztterminen und dem Hund gewichen, der spazieren geführt, gefüttert und gebürstet werden musste. Sie sollten mehr wie früher leben, dachte er. Warum taten sie das nicht? Sie brauchten doch einfach nur zusammen zu sein. Spaß miteinander zu haben.
Tommy streckte eine Hand über den Tisch und drückte Martinas Unterarm, bevor er sich zurücklehnte.
Martina schluckte.
»Das sind sehr schöne Erinnerungen«, sagte sie. »Ich war so wahnsinnig verliebt.«
Sie schwieg, und dann kamen die richtigen Tränen. Sie strömten wie ein Sturzbach aus ihr heraus.
Lena zog die Augenbrauen zusammen und legte eine Hand auf Martinas Schulter.
»Oh! Das hier ist ganz schön schwierig für Sie, sehe ich.«
Martina nickte, brachte aber keinen Ton hervor. Ihre schmalen Schultern zuckten, und an den langen Wimpern klebten Tränen.
»Das ist völlig in Ordnung«, fuhr Lena ruhig fort. »So etwas kann sehr aufgeladen sein. Manchmal brechen mehrere Jahre Anspannung, Trauer und andere Gefühle hervor, wenn man den Deckel lüftet. Lassen Sie sich Zeit! Sie sprechen, wenn Sie sich bereit dazu fühlen.«
Tommy verstand nicht ganz, was gerade passierte. Hatte seine Erzählung so starke Gefühle in ihr geweckt?
Martina schluchzte mit geschlossenen Augen.
Tommy beugte sich wieder vor und drückte ihren Arm. Langsam öffnete Martina die Augen, aber obwohl er sie schon mehr als sein halbes Leben lang kannte, konnte er sie nicht lesen. Es war genau wie die Male, wenn sie anfing zu weinen, nachdem sie miteinander geschlafen hatten. Tommy wusste dann nie, ob sie aus Glück weinte oder weil er etwas falsch gemacht hatte.
Martina faltete das Taschentuch zusammen und tupfte damit ihre geschwollenen Augen ab.
»Ich habe das Gefühl, ich muss einfach genau das sagen, was ich spüre.« Ihre Stimme klang belegt.
»Absolut«, meinte Lena. »Wir hören!«
»Also, alles, was Tommy erzählt hat, stimmt. Aber es kommt mir vor, als wäre es so wahnsinnig lange her, dass ich mich kaum erinnern kann.«
Martinas Stimme wurde von einem Schluchzen erfasst.
Lena sah sie mitfühlend an.
»In den letzten Jahren haben wir einfach nur nebeneinanderher gelebt, und … und es ist so, dass … dass irgendwie nichts mehr da ist.«
Tommy spürte einen Stich in der Brust. Wie ein brennendes Feuer, das durch die Adern kroch. Nichts mehr da?
»Ich verstehe«, sagte Lena und wechselte ihre Sitzhaltung. »Sie haben den Eindruck, dass das, was Sie früher hatten, nicht mehr da ist?«
Martina nickte.
»Das ist ein ganz normales Gefühl«, erklärte Lena und sah Tommy dabei wie zur Beruhigung an. »Vor allem, wenn man so lange zusammengelebt hat wie Sie. Wir Menschen entwickeln uns ständig weiter, und manchmal fühlt es sich so an, als hätte man sich unterschiedlich stark oder in verschiedene Richtungen entwickelt. Und deshalb ist es sehr gut, dass Sie hier sind. Manchmal braucht man Hilfe dabei, zu erkennen, ob man sich in so verschiedene Richtungen entwickelt hat, dass es sich nicht mehr reparieren lässt, oder ob man wieder zueinanderfinden kann.«
In Tommys Kopf drehte sich alles. Sich nicht reparieren lassen? Wieder zueinanderfinden? So schlimm konnte es doch unmöglich sein? Sie waren hierhergekommen, um das Getriebe zu ölen, und nicht, weil die Maschine den Geist aufgegeben hatte.
»Und es ist möglich, wieder zueinanderzufinden«, fuhr Lena fort. »Selbst wenn es einem schwer vorkommt. Wenn beide es wollen, klappt es meiner Erfahrung nach für gewöhnlich auch.«
Martina fing wieder stärker zu weinen an. Ihre Schluchzer waren so heftig, dass es klang, als müsste sie sich gleich übergeben.
»Das geht nicht«, sagte sie. »Es geht einfach nicht. Ich …«
Sie verstummte und schien sich zu sammeln. Dann hob sie den Blick und sah Tommy mit rot geweinten Augen an.
»Ich kann das nicht mehr.«
Martina sah auf einmal fremd aus, als ob jeder Zug ihres Gesichts, das Tommy so gut kannte, zur Unkenntlichkeit verzerrt war. Wer war dieser Mensch, der da vor ihm saß? Martina öffnete den Mund.
»Tommy!«
Aus irgendeinem Grund wusste er plötzlich, was sie sagen würde. Etwas an ihrem Tonfall sowie eine kaum sichtbare Veränderung ihres Blickes sorgten dafür, dass er genau wusste, was kommen würde. Aber er wollte es nicht hören. Er wollte aufstehen, sich auf sie stürzen und ihr die Hand vor den Mund halten. Er wollte ihr die Hand so fest auf Lippen und Zähne drücken, dass kein Ton herauskam, keine Silbe dessen, was sie zu sagen gedachte. Er wollte die Zeit anhalten, aus diesem Raum verschwinden, aus diesem Moment, wegrennen, zurück, nach Hause.
»Tommy!«
Er kniff die Augen zusammen.
»Tommy, ich will das hier nicht mehr. Ich habe mich entschieden. Ich will, dass wir uns scheiden lassen.«
Tommy hatte aufgehört zu rauchen. Aber als er seinen Wagen ganz hinten auf dem Parkplatz des Forshammarwerks abgestellt und den Motor ausgeschaltet hatte, schob er die Hand unter den Fahrersitz und zog eine Zigarettenpackung hervor. Rechts neben dem Hebel, mit dem man die Sitzposition einstellen konnte, war mit Klettband ein Beutel befestigt, in dem sich immer ein Feuerzeug und eine Packung rote Marlboro befanden. »Für den Notfall«, sagte er zu den wenigen Personen, die sein Geheimnis kannten. Eine Methode, herunterzukommen, seine Ruhe zu haben. Charbel wusste, dass er ab und zu eine rauchte, und vielleicht hatte einer der Kollegen ihn mal einen Zug nehmen sehen. Jorma wusste es garantiert. Er sah und hörte alles, obwohl er selbst kaum bemerkt wurde. Martina hatte von Tommys kleinem Laster keine Ahnung und die Kinder auch nicht. Jedenfalls hatte keiner von ihnen je etwas gesagt.
Er fingerte eine Zigarette aus der Packung, ließ das Fenster herunter und nahm einen tiefen Zug. Als er den Rauch ausblies, fühlte er sich vollkommen leer. In dem Gebäude vor ihm ging alles weiter, als wäre nichts passiert, obwohl soeben sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden war. Innerhalb von neunzig Minuten war sein gewohntes und einigermaßen gutes Leben zunichtegemacht worden.
Was würden die Kinder sagen?, dachte er und schnippte die Asche aus dem Fenster. Und seine Mutter? Was sollten sie mit dem Haus machen?
Er hatte nicht weinen können. Auf der Autofahrt vom Ärztehaus war ihm Martina völlig fremd vorgekommen. Er hatte sie vor ihrem Laden abgesetzt und war zur Arbeit weitergefahren, wobei sich alles immer wieder in seinem Kopf abgespielt hatte. Martinas seltsam verzerrtes Gesicht, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, der anschließende Versuch der Therapeutin, sie zu beruhigen. Tommy war wütend geworden, hätte am liebsten mit der Faust auf irgendetwas eingeschlagen, wäre gern davongerannt. Stattdessen war er sitzen geblieben, hatte Martina behutsam und ohne zu schimpfen gefragt, warum sie nichts gesagt hatte. Es hätte tausend Gelegenheiten gegeben, das zu tun, tausend andere Arten, es ihm mitzuteilen. Warum hatte sie ihn zu dieser verdammten Therapeutin geschleppt? Wollte sie ihm ganz besonders wehtun? Ihn in Teer rollen und federn?
Der Zigarettenrauch hing grau und träge in der feuchten Septemberluft. Er lehnte sich im Sitz zurück. Gleich würde das monatliche Abteilungstreffen beginnen. Ein Plausch an der Kaffeemaschine, bissige Kommentare in der Maschinenhalle, Pfefferkuchen in einer Plastikbox im Pausenraum, Kopf hoch und Füße stillhalten. Er musste bald reingehen, wenn er nicht zu spät kommen wollte. Aber was spielte das schon für eine Rolle? Das Einzige, was in letzter Zeit bei den Meetings besprochen worden war, waren das ständig unvollständige Chemikalienverzeichnis, ihr herumzickendes Zeiterfassungssystem und die Aufträge, von denen es nie genug gab. Er würde nichts verpassen, stellte er fest und sah zu der grauen Stahltür hinüber, durch die er seit über dreißig Jahren zur Arbeit ging. Drei Jahrzehnte lang hatte er fünfmal die Woche diese Tür benutzt. Morgens und abends. Als er das erste Mal hierhergekommen war, hatte er nach einem Gelegenheitsjob gesucht und war sofort in das Serviceteam aufgenommen worden. Das war genau das Richtige für ihn gewesen. Zu putzen und die Produktionshallen und Maschinen sauber zu halten, erforderte keinen großen Einsatz. Außerdem war er nicht schlecht bezahlt worden, hatte flexible Arbeitszeiten gehabt und den Job gut mit seinen Auftritten und allem Drum und Dran vereinbaren können. Er hatte nie daran gedacht zu bleiben. Damals hatte er völlig andere Pläne gehabt. Neue Songs zu veröffentlichen, von einer größeren Plattenfirma unter Vertrag genommen zu werden, längere Tourneen zu machen und aufwendige Musikvideos zu drehen. Das hatte ihnen dieser Mistkerl von Manager versprochen und Erwartungen geweckt, die nie erfüllt worden waren. Dann war Martina gekommen und mit ihr Haus und Kinder. Für Musik war keine Zeit mehr geblieben. Nach nur ein, zwei Jahren war er zum Teamleiter befördert worden und hatte immer mehr Verantwortung übernommen. Seit zehn Jahren war er verantwortlich für die gesamte Wartung und wagte zu behaupten, dass das Forshammarwerk dank ihm so gut in Schuss war. Obwohl die Maschinen und Hallen alt waren, lief alles, wie es sollte. Es kam nur selten zu einem Produktionsstopp, und wenn es passierte, lag das immer an irgendeinem inkompetenten Maschinisten und nie an mangelnder Instandhaltung.
Die Tür zur Abteilung sechs öffnete sich, und Tommy machte sich auf seinem Fahrersitz klein. Er sah Charbel in dunklem Anzug und Krawatte herauskommen. Mit langen Schritten ging er über den Platz und wühlte dabei mit der Hand in der Innentasche seines Jacketts. Sein Freund schien den Bereich anzusteuern, in dem Rauchen gestattet war. Aus irgendeinem Grund braucht Charbel heute offenbar auch eine Notfallzigarette, dachte Tommy und drückte auf das Lenkrad.
Das Hupsignal ließ Charbel zusammenzucken, aber als sich ihre Blicken trafen und Charbel sein breites Lächeln zeigte, bereute Tommy es schon. Er würde es ihm erzählen müssen. Charbel brauchte ihn nur anzusehen, um zu wissen, dass etwas passiert war.
»Was machst du hier draußen?«, fragte Chabbe und beugte sich durch das offene Fenster. »Riecht nach Zigaretten.«
»Das muss von dir kommen«, erwiderte Tommy und steckte sich die glühende Kippe zwischen die Lippen. Dann löste er den Gurt und stieg aus.
»Was ist los?« Chabbe sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
Tommy zuckte mit den Schultern und spürte einen Kloß im Hals.
»Ach, verdammt! Heute hattet ihr doch den Termin bei der Beratung.«
Tommy nickte. Sein Freund zog ihn in die Raucherecke, zündete sich eine Zigarette an und bot Tommy auch noch eine an.
Martina war mit Axel schwanger gewesen, als Tommy aufgehört hatte zu rauchen. Chabbe hatte hingegen nie geraucht, jedenfalls nicht richtig. Und er trank auch nicht, außer wenn es sein musste. Jetzt zog er an seiner Zigarette, wie nur passionierte Raucher es taten. Nonchalant und intensiv, und beim Sprechen qualmte es ihm aus Nase und Mund.
Charbel blickte über das Fabrikgelände.
»Wie schlimm war es?«
»Schlimm«, sagte Tommy und fuhr widerwillig fort. Es tat weh, die Worte auszusprechen. »Sie will die Scheidung.«
Charbel blieb wie versteinert stehen, die Zigarette in der Luft.
»Du machst Witze.«
Tommy schüttelte den Kopf.
Charbel nahm einen tiefen Zug.
»Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Es war doch euer erstes Gespräch, oder? Vielleicht will sie nur testen, wie du reagierst? Ein bisschen Aufmerksamkeit erregen, gesehen werden. Das ist genau wie mit einer Affäre. Man versucht, den anderen ein bisschen zu kränken. Es ist nur ein Spiel.«
Eine von Charbels besten Eigenschaften war seine Fähigkeit, das meiste, was im Leben geschah, von der positiven Seite zu sehen. Er hatte das Talent, sich auf das zu konzentrieren, was gut war, und das Schlechte beiseitezuschieben. Er war ein Überlebenskünstler, das hatte er von seinen Eltern gelernt, die als Flüchtlinge aus dem Libanon mit leeren Händen nach Schweden gekommen waren und es geschafft hatten, sich mit einem gebrauchten Imbisswagen ein gutes Leben aufzubauen.
»Und wie steht es bei dir? Du rauchst«, bemerkte Tommy und sah ihn an. Charbel drückte die Zigarette gegen die Sohle seines exquisiten schwarzen Lederschuhs.
»Ihr habt gleich Mitarbeiterbesprechung«, sagte er und runzelte die Augenbrauen. »Bist du dabei?«
»Ich würde am liebsten schwänzen.«
»Mach das! Pfeif heute auf die Besprechung!«
Tommy versuchte, an der Miene seines Freundes etwas abzulesen. Charbel wirkte nervös, was seit Jahren nicht mehr vorgekommen war. Nicht seit den ersten Schuljahren, als er noch neu in Schweden gewesen war. Damals hatte er sich auf der Jungentoilette versteckt und in gebrochenem Schwedisch versucht, Witze über den Scheiß zu reißen, unter dem er gelitten hatte. Jetzt schien ihn in seinem maßgeschneiderten Anzug wieder etwas zu quälen.
»Erzähl! Warum soll ich nicht zur Besprechung?«
Tommy begann in seinem Kopf, die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen. Der Finanzchef war heute ungewöhnlich gut gekleidet, sollte an der Sitzung der Wartungsabteilung teilnehmen, rauchte, obwohl er das eigentlich nicht tat, und schien etwas zu wissen, was er nicht erzählen durfte.
»Gibt es Kündigungen?«, fragte Tommy und war der Meinung, dass das wenig überraschend käme. Die letzten Jahre hatte die Firma ständig Verluste eingefahren, und wenn nicht alles den Bach runtergehen sollte, musste bald Personal eingespart werden.
»Schlimmer«, sagte Charbel und biss sich auf die Lippe. Er sah Tommy traurig an und holte tief Luft. »Ich weiß, dass das nicht der richtige Tag für weitere schlechte Neuigkeiten ist. Aber ich erzähle dir das, damit du nicht da reingehen und es dir anhören musst.«
Charbel drückte seine Zigarette in einen sandgefüllten Eimer. Dann sagte er in einem Tom, als würde er über nichts Aufregenderes als das morgige Wetter reden:
»Das Werk soll umziehen.«
Tommy begann zu lachen.
»Wie meinst du das? Das Werk? Das ganze Werk?«
»Ja, genau«, bestätigte Charbel ernst.
Tommy verstummte und starrte ihn an.
Charbel sprach nun schnell und klang verbissen.
»Die gesamte Produktion soll nächstes Jahr nach Estland transferiert werden. Alle verlieren ihren Job. Hier wird nichts mehr sein. Niemand. Entweder zieht man nach Estland, oder man sucht sich einen neuen Job.«
Tommy konnte nicht begreifen, was er da hörte. Er starrte das große Gebäude vor sich an. Die Kamine, aus denen es seit über hundert Jahren rauchte. Sollte das alles stillgelegt werden? Was würde aus den Menschen werden? Was würde aus Forshammar werden? Aus ihm?
»Ich muss jetzt reingehen. Der Werksleiter und der Pressesprecher erwarten mich. Wir müssen alle Abteilungen aufsuchen und die Leute informieren. Das wird Chaos geben.«
Tommy starrte mit leerem Blick vor sich hin.
Charbel machte einen Schritt auf ihn zu und griff nach seiner Schulter.
»Du! Alles wird sich finden. Martina gehört zu dir. Du fährst jetzt nach Hause, kochst ihr Lieblingsessen, zündest Kerzen an, deckst schön den Tisch. Und dann sprechen wir später über die Arbeit. Es muss einfach irgendetwas geben, was wir machen können. Der Vorstand muss begreifen, dass es nicht billiger sein kann, den ganzen Scheiß einer Bande von Esten anzuvertrauen, die nicht einmal weiß, wie man unsere Maschinen bedient. Das muss doch jedem Idioten klar sein. Die haben sich verrechnet.«
Er schüttelte Tommy.
»Fahr heim! Ich sage, dass du mit irgendeinem Kind zum Arzt musstest oder so. Wir hören morgen voneinander.«
Charbel ließ ihn los und schritt mit offenem, flatterndem Jackett davon. Dann drehte er sich noch einmal um.
»Und du schiebst jetzt keinen Frust, okay? Das wird sich alles regeln.«
Tommy ging langsam zu seinem Auto zurück und zündete sich noch eine Zigarette an.
Tommy tat, was Charbel gesagt hatte. Er weinte weder, noch gab er sich dem Selbstmitleid hin. Im Supermarkt suchte er schnell die Zutaten für eine Lasagne zusammen und fuhr dann die rund acht Kilometer nach Hause. Wie ein Roboter betätigte er sich im Haus. Vor den Hochzeitsfotos an der Wand und den eingerahmten kleinen Handabdrücken der Kinder verschloss er die Augen, ebenso wie vor Martinas gut riechendem Schlafanzug, der im Bad an einem Haken hing. Während er aufräumte, wischte, mit dem Hund Gassi ging und die Lasagne in den Ofen schob, redete er sich ein, dass das alles nicht verschwinden würde. Charbel wusste in der Regel, wovon er sprach. Das hier war nur ein Spielzug von Martina. Sie riss alles ein, um es neu aufbauen zu können. Er deckte den Tisch mit Stoffservietten und Kerzen und versuchte sich vorzustellen, wie sie das Essen genießen, ihn mit Wärme im Blick anschauen und sagen würde, dass nur sie beide zählten. Sie beide gegen den Rest der Welt. So war es schließlich immer gewesen.
Viertel vor sieben stand das Essen auf dem Tisch. Tommy setzte sich in der Küche auf einen Hocker, er war voller Adrenalin, und zugleich fühlte er sich seltsam gelähmt. Er schaute zum wiederholten Mal auf den Kalender, wo sowohl für diese Woche als auch für die nächsten Monate gähnende Leere herrschte. Abgesehen von Felicias Tanztraining, einem Zahnarztbesuch Anfang November und dem Eintrag »50er Feier Tommy«, die in einem Monat stattfinden sollte. Sie hatten vorgehabt, die Party in Martinas Laden zu feiern.
Eigentlich müsste sie jetzt zu Hause sein, dachte Tommy. Der Laden hatte zu. Er schickte ihr eine Nachricht.
Essen ist fertig. Kinder nicht zu Hause. Würde gern mit dir reden.
Anstatt eine Antwort zu erhalten, hörte er einen Wagen in der Auffahrt. Durch das Wohnzimmerfenster sah er ihren schwarzen Mini vor dem Haus parken.
»Hallo!«, sagte sie und stellte zwei überfüllte Kartons in der Diele ab. »Das ist Deko. Ich muss morgen eine Wohnung fotografieren.«
Sie lief durch das Haus, als wäre nichts passiert. Beugte sich über die Spüle und trank ein paar Schlucke Wasser direkt aus dem Hahn, ging die Post auf dem Küchentisch durch, schaute ins Esszimmer und bemerkte, dass er schön gedeckt hatte. Und dass es gut duftete.
»Wie fühlt es sich an?«, fragte sie, nachdem sie die ersten Bissen Lasagne zu sich genommen hatte.
Tommy schnaubte.
»Wie es sich anfühlt? Was denkst du? Es fühlt sich natürlich hart an. Sehr hart. Ich weiß nicht, ob ich wütend bin oder traurig oder beides zusammen. Ich finde es halt furchtbar, dass du nichts gesagt hast. Wir kennen uns so lange, da braucht man doch keinen Therapeuten neben sich, um zu reden, oder?«
Martina kaute langsam, trank in großen Schlucken Wasser.
»Ich hatte einfach das Gefühl, Hilfe zu brauchen«, sagte sie. »Und es hat ja so viele Konsequenzen, es betrifft nicht nur uns. Wie sollen wir es den Kindern sagen? Ich wollte, dass uns jemand dabei hilft.«
»Ja, aber du hättest es doch erst mir sagen können. Jetzt hat es diese Monika oder wie sie hieß, eine völlig fremde Person, gleichzeitig mit mir erfahren. Du musst doch wohl zugeben, dass das etwas seltsam ist.«
»Sie heißt Lena«, korrigierte Martina ihn und legte ihr Besteck beiseite. »Ja, es wirkt vielleicht seltsam, dass ich nichts gesagt habe, aber …«
»Aber?«
Sie schluckte.
»Es ist einfach so groß und schwer und …«
Sie war kurz davor zu weinen. Tommy ertrug das nicht. Nicht wieder diese verdammten Tränen. Wenn jemand Grund zu weinen hatte, dann doch wohl er? Er war so voller Kummer und Wut, so viel wollte aus ihm raus. Wenn sie jetzt auch nur feuchte Augen bekäme, dann würde er … Ja, was eigentlich?
»Ich muss dir noch was sagen«, seufzte sie.
Tommy starrte sie an.
»Ja? Was denn?«
Jetzt füllten sich ihre Augen mit Tränen.
»Hör auf!«, sagte Tommy kalt.
»Womit denn?«, schluchzte Martina.
»Hör auf zu heulen und sprich endlich. Was ist noch? Du brauchst kein Selbstmitleid zu haben. Du vergisst wohl, dass du mich verlässt, Tina. Nicht umgekehrt.«
Martina senkte den Blick und biss sich auf die rot angemalte Unterlippe. Ihre Nasenflügel bebten.
»Was hast du mir nicht erzählt? Was? Antworte!«
Tommy spürte die Wut in sich wachsen. Wie schwer konnte es schon sein, zu reden? Es tat so viel mehr weh, den ganzen Scheiß in Häppchen serviert zu bekommen, als alles auf einmal. Begriff sie das nicht?
»Hast du einen anderen?«
Keine Antwort.
»Jetzt sag verdammt noch mal nicht, dass du einen anderen hast, Martina.«
Sie nickte.
Tommy lachte auf. Dachte, dass das, was gerade passierte, nicht real sein konnte. Das war doch alles vollkommen übertrieben. Wie in diesem Film, in dem ein Typ immer wieder den gleichen Scheißtag durchlebte.
»Das ist nicht wahr«, sagte er. »Wie solltest du das machen? Hier? In Forshammar? Wer ist es? Ist es jemand, den ich kenne?«
Wut kochte in ihm auf.
»Ist es vielleicht ein Kollege von mir? Mein bester Freund? Würde mich nicht wundern, wenn du mit diesem Scheißkerl von Charbel gefickt hättest.«
Seine Stimme überschlug sich. Er warf die Serviette auf den Tisch. Martina verbarg das Gesicht zwischen ihren Händen.
»Also, jetzt gerade kann mich nichts mehr überraschen. Weißt du das? Wenn du mir jetzt sagst, du wärst mit Zlatan Ibrahimović zusammen und dass er ab morgen beim FC Forshammar trainiert, würde mich nicht einmal das schocken. Kapiert? Alles, was gerade passiert, ist so verdammt unwahrscheinlich. Das kann gar nicht wahr sein.«
»Er ist nicht von hier«, sagte sie hinter ihren Händen.
»Ach. Woher kommt er denn dann? Usbekistan? Oder vom Mond?«
»Stockholm«, brachte sie hervor.
»Aha«, sagte Tommy und fühlte einfach nur Leere. Was spielte es schon für eine Rolle, woher er kam oder wer er war. Es war ohnehin alles zu spät.
Er stand auf. Schaute sie an, die Kerzen, die blöden Stoffservietten. Wer war diese Frau überhaupt? Gestern Abend waren sie wie immer nebeneinander im Bett eingeschlafen, hatten sich »Gute Nacht« gewünscht und »Ich liebe dich« gesagt. Wie lange hatten sie mit dieser Lüge gelebt?
»Wir haben uns auf der Möbelmesse kennengelernt«, sagte sie mit piepsiger Stimme. »Er ist Fotograf und hat dort gearbeitet. Wir …«
»Stopp!«, sagte Tommy und streckte die Hand aus. »Es reicht. Ich will keine Details hören. Ich muss gleich kotzen.«
Er ging in die Küche. Sein Körper brannte, sein Hirn kochte. Möbelmesse? Fand diese Messe, zu der Martina jedes Jahr fuhr, nicht Anfang des Jahres statt? Jetzt war September. Hatte sie neun Monate lang einen anderen gehabt?
»Wie lange geht das schon?«, rief er.
Aus dem Esszimmer kam kein Laut.
»Wie lange, habe ich gefragt. Du kannst doch wenigstens antworten.«
»Seit letztem Jahr, seit Januar«, drang es schließlich leise zu ihm.
Unter Tommys Füßen tat sich der Boden auf. Seit fast zwei Jahren gab es für Martina einen anderen Mann, und er hatte nichts davon geahnt. Er war wie ein Idiot durchs Leben gelaufen und hatte geglaubt, alles sei wie immer. Während ihr Alltag dahingeplätschert war, hatte sie an einen anderen gedacht. Es hatte Basketballspiele gegeben, Filmabende, gemeinsame Essen, Feste. Und die ganze Zeit über hatte ein Scheißfotograf aus Stockholm ihr ins Ohr gesäuselt. Wann hatten sie sich gesehen? Plötzlich begriff er, dass die ganzen Kurse und Meetings, bei denen sie gewesen war, all die langen Abende im Laden, nichts damit zu tun gehabt hatten, dass sie sich weiterbilden und ihr Geschäft aufbauen wollte. All das, wozu Tommy sie ermuntert und wobei er sie unterstützt hatte, waren nur Gelegenheiten für sie gewesen, den anderen zu treffen.
»Verdammte Scheiße, Martina!«, brüllte er.
Er stürmte ins Esszimmer und sah sie an. Langsam nahm sie die Hände vom Gesicht und hob den Blick. Wie sie da saß, sah sie klein und jämmerlich aus. Wie ein verschrecktes Vogelküken. Wer war sie nur? Wer machte denn so etwas? Natürlich konnten in fünfundzwanzig Jahren Dinge geschehen. Sicher hatte er auch mal Frauen getroffen, die er vielleicht attraktiv gefunden hatte. Wie diese ehemalige Polizistin, die in die Firma gekommen war und einen Vortrag über Drogen am Arbeitsplatz gehalten hatte. Sie hatten in der Pause miteinander gesprochen, und möglicherweise hatte es eine gewisse Anziehung zwischen ihnen gegeben. Aber von dem Punkt aus eine Beziehung einzugehen, war doch ein Riesenschritt.
»Ich weiß überhaupt nicht, was ich sagen soll«, meinte Tommy und fuhr sich mit der Hand über die Glatze.
»Ich auch nicht«, erwiderte Martina. »Ich wollte nicht, dass es so weit kommt. Mir ist klar, dass ich schon lange etwas hätte sagen müssen, aber ich dachte, es würde vielleicht vorbeigehen.«
Tommy lachte.
»Vorbeigehen? Und wenn es so gewesen wäre? Dann hättest du nie etwas erzählt? So getan, als wäre nichts passiert? Das ist doch Mist.«
Er ging wieder in die Küche, schaute auf den Garten und die Terrasse hinaus. Der Rasen war voller Laub und Fallobst. Die Gartenmöbel standen noch da. Sie würden hier keinen gemeinsamen Sommer mehr erleben. Alles, was er gebaut, genagelt, angestrichen und repariert hatte, um sie glücklich zu machen. Hier Weiß, dort Cremefarben, hier eine neue Wand, dort ein Regal. Wozu?
»Du wirst diejenige sein, die ausziehen muss«, rief er. »Ich werde in diesem Haus wohnen bleiben. Du kannst dir was anderes suchen.«
»Das ist schon geklärt.«
Er ging wieder ins Esszimmer hinüber.
»Schon geklärt?« Er drehte ihr das eine Ohr zu, als hätte er nicht richtig verstanden, was sie gesagt hatte.
»Ich werde in der Wohnung über dem Laden wohnen. Ich habe mit dem Vermieter gesprochen. Sie ist frei.«
Daraufhin verließ Tommy das Esszimmer in die andere Richtung, durch das Wohnzimmer hinaus in die Diele. Von dort aus ging er ins Bad, griff nach seinem Waschbeutel, warf Zahnbürste, Zahnpasta, Deo und Kopfschmerztabletten hinein. Im Schlafzimmer nahm er sich Unterhosen, ein paar T-Shirts, eine Jeans und stopfte alles in eine Tasche.
Er hörte, dass Martina ihm hinterherkam.
»Wohin gehst du?«, fragte sie.
»Ich habe verdammt noch mal keine Ahnung. Weg!«, antwortete er, während er nach seinem Ladegerät suchte.
»Aber wir können doch reden. Es ist …«
Martina setzte sich auf die Bank in der Diele und verbarg das Gesicht wieder zwischen den Händen.
»Ach, jetzt willst du reden?«, zischte er. »Das fällt dir ja früh ein. Aber ohne mich.«
Tommy zog sich die Sportschuhe an und nahm seine Jacke vom Haken.
»Zu deiner Information: Ich werde für ein paar Tage abhauen. Und während ich weg bin, erzählst du es den Kindern, und du sagst ihnen die Wahrheit. Erzählst ihnen von deinem Fotografen aus Stockholm und der Wohnung und dem ganzen Scheiß. Und wenn ich wiederkomme, will ich, dass dein ganzer Krempel weg ist. Kapiert? Ich will dich hier nicht mehr sehen.«
»Mein Krempel? Alles, was hier ist, gehört doch wohl uns gemeinsam? Wie soll ich …?«
»Regel das! Das ist dein Problem. Ist mir scheißegal, was du nimmst.«
Martina begann wieder zu weinen.
»Müssen wir denn so streiten, Tommy? Wir können doch versuchen, das wie zwei erwachsene Menschen zu klären.«
Tommy hatte im Moment überhaupt keine Lust, erwachsen zu sein. Was immer das heißen sollte.
»Sorry!«, sagte er und öffnete die Tür.
»Dann willst du jetzt einfach gehen?«, fuhr sie verzweifelt fort. »Soll es so enden?«
»Sieht wohl so aus«, erwiderte er und ging.
Tommy wurde von der Türklingel geweckt und stellte fest, dass er zweieinhalb Stunden geschlafen hatte. Nachdem er sich zum Mittagessen in der Mikrowelle eine Pizza aufgewärmt hatte, hatte er sich aufs Sofa gelegt. Eigentlich hatte er sich nur kurz ausstrecken und die Augen einen Moment schließen wollen. Aber jetzt war auf einmal der halbe Samstagnachmittag herum.
Schläfrig und nur mit Unterhose und T-Shirt bekleidet, öffnete er die Haustür.
»Ich dachte schon, du wärst nicht da.«
Seine Mutter sah ihn beunruhigt an und hielt ihm einen Umzugskarton entgegen, den sie nur mit Mühe tragen konnte.
»Im Auto sind noch mehr. Ich dachte, jetzt, wo du Platz hast, kannst du die Sachen genauso gut selbst nehmen.«
Tommy nahm den Karton entgegen, und bevor er etwas sagen konnte, hatte sich seine Mutter schon wieder umgedreht. Lisbeth Roos war kein geduldiger Mensch. Aber seit Martina ihn verlassen hatte, war sie besonders aufdringlich geworden. In den letzten Wochen hatte sie jeden Tag irgendeinen Grund gefunden, ihn aufzusuchen. Selbst gemachtes Apfelmus, das übrig geblieben war, ein Zeitungsartikel, den er lesen sollte, eine Lampe, die gut in eines seiner leeren Fenster passen würde.
Er sah zu, wie sie mit ihren starken, sehnigen Armen im offenen Kofferraum herumwühlte. Seit gut sechzig Jahren war sie Mitglied im Sportverein von Forshammar und hatte eine deutlich bessere Kondition als er, obwohl sie dreiundsiebzig war. Dennoch war sie nie zufrieden. Sie schimpfte über Muskelverspannungen und fehlende Elastizität und jammerte über Aufgaben, zu denen sie niemand gezwungen hatte. Wie zum Beispiel ihre Abstellkammer von Dingen zu befreien, an die sich Tommy nicht einmal mehr erinnern konnte.
Sie stellte noch einen Karton vor seine Füße.
»Du glaubst nicht, wie viel Zeug da noch ist.«
»Aber setz dich doch!«
Tommy zog sich Felicias Hausschuhe an und ging in den herbstlichen Vorgarten. Seine Mutter schimpfte hinter ihm her.
»Du kannst doch so nicht rausgehen! Die Nachbarn werden glauben, du hättest den Verstand verloren.«
Tommy lief stur weiter durch das feuchte Laub und dachte, dass er keinen Verstand hatte, den er verlieren könnte. Das, was ihm diesen Herbst zugestoßen war, hatte ihn in eine Situation versetzt, in der nichts mehr eine Rolle spielte. Er könnte im Supermarkt von Forshammar in Unterhose einkaufen gehen und den Blödmann an der Kasse dem Rest der Welt von seinem Verfall berichten lassen. Er könnte sogar nackt hingehen.
Verärgert hob er das, was noch übrig war, aus dem Kofferraum. Wenn er den Mist ins Haus gebracht hatte, würde seine Mutter gehen, und er könnte sich wieder aufs Sofa legen. Im Fernsehen lief heute Fußball. Nicht, dass er sich für Sport interessierte, aber es war eine gute Ablenkung.
»Ist es schwer für dich?«
Lisbeth sah ihn an, als würde er jeden Moment zusammenbrechen.
»Da sind ein paar alte Platten drin«, fuhr sie fort. »Schulbücher. Auch ein, zwei Poster, glaube ich.«
Tommy hob den Deckel des Kartons an. Paul Stanley starrte ihn vom Cover einer zerlesenen Musikzeitschrift an. Behaarte Brust, toupierte Haare und ein angespannter Bizeps. Daneben lagen alte Videos und Kassetten.
Demo CH August 87.
Er nahm die Kassette heraus.
Der Text war in dicken Lettern geschrieben, und darum herum hatte jemand rote und gelbe Flammen gemalt. Er war fünfzehn gewesen, als sie Crystal Heart gegründet hatten. Siebzehn, als es ernst geworden war. Er erinnerte sich noch an die ersten Aufführungen außerhalb der Stadt. Zum Dank hatte es kostenlos Benzin und einen Kasten Bier gegeben. Jedes Jahr waren die Bühnen größer und die Gagen höher geworden. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wurden sie im Radio gespielt und von lokalen Fernsehsendern interviewt. Sie konnten damals sogar von ihrer Musik leben. Wenn Luftmatratzen bei Freunden auf dem Boden und Nudeln mit Käse »leben« bedeutete.
Er steckte die Kassette zurück in den Karton und schloss den Deckel.
»Ich finde, du kannst dich jetzt genauso gut selbst um dein Zeug kümmern. Warum ist es überhaupt bei mir geblieben?« Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr Lisbeth fort. »Ich muss jetzt langsam an die Zukunft denken, weißt du, Tommy. Wenn ich demnächst aus dem Haus in eine Wohnung ziehe, sollte ich allmählich damit anfangen, auszumisten. Findest du nicht?«
Er sah sie an. Sie setzte sich auf den Hocker, der inzwischen sein einziges Möbelstück in der Diele war. Martina hatte nicht nur den Spiegel mitgenommen, sondern auch die Hutablage, die Bank und die Kommode.
»Ich werde nicht jünger«, nahm sie den Faden wieder auf. Er wollte sagen, dass er jetzt nicht über ihre Zukunft sprechen könne. Dass er genug eigene Probleme habe.
»Kann ich einen Moment reinkommen?«, fragte sie und griff dabei an den Reißverschluss ihrer dunkelblauen Jacke.
Tommy zuckte mit den Schultern.
»Es passt vielleicht gerade nicht?«, erkundigte sie sich. »Ich scheine dich gestört zu haben.«
»Du hast mich geweckt.«
»Jetzt? Um Viertel nach vier?«
»Ich habe einen Mittagsschlaf gemacht.«
Sie zog sich die Jacke aus und legte sie auf einen der Kartons.
»Die Zeitungsartikel sind auch da drin.« Sie schüttelte den Kopf, presste die Lippen aufeinander und sah woanders hin. »Es ist irgendwie so … traurig!«
Tommy brachte es nicht über sich, zu fragen, was denn so traurig sei. Er wusste, was sie dachte. Dass noch eine Woche vergangen war. Dass hier nichts mehr war wie früher. Dass das Haus mit Martinas Fortgang gestorben war. Seine Mutter wusste genau wie er, dass das hier unmöglich wieder gut werden würde.
»Immerhin schön, dass du das Sofa behalten durftest«, sagte sie leise und blickte in das halb leere Wohnzimmer.
Tommy ging in die Küche.
»Möchtest du Kaffee?«
»Ja, gern!«
Er hörte, wie sie hinterherkam.
»Was ist mit deinem Geburtstag? Hast du vor, etwas zu organisieren?«
