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Die faszinierende Geschichte des tschechischen Schuhfabrikanten Jan Antonín Baťa, der – vor den Nationalsozialisten geflüchtet, von den Kommunisten verunglimpft – in Brasilien seine unternehmerischen Ideale weiterzuleben versucht, indem er dort mitten im Urwald neue Städte gründet und Fabriken erbaut. Markéta Pilátová begibt sich auf die Spuren Baťas und seiner Familie und lässt sie vom Kampf gegen die widerspenstige tropische Natur erzählen, vom Pioniergeist, mit dem etwas Neues geschaffen wird, aber auch von der Sehnsucht nach dem alten Europa und der Suche nach der historischen Gerechtigkeit. Ein vielstimmiges, schillerndes Romanmosaik – und zugleich ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2020
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MARKÉTA PILÁTOVÁ
Roman
Aus dem Tschechischen vonSophia Marzolff
Die Herausgabe dieses Buches wurde vomKulturministerium der Tschechischen Republik unterstützt.
Originaltitel: S Bat’ou v džungli. © Torst, Praha 2017.
Die Übersetzerin dankt den Spendern des Perewest-Stipendiumsund dem Freundeskreis zur Förderung literarischer undwissenschaftlicher Übersetzungen e.V. für die Vergabedes Perewest-Arbeitsstipendiums 2019.
A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
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www.wieser-verlag.com
Copyright © 2020 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99029-382-9
eISBN 978-3-99047-111-1
»Aber ich bin dort daheim undwerde es bis zu meinem Tode sein,wo auch immer er mich antrifft.«
JAN ANTONÍN BAŤA
LUDMILA
EDITA
JAN ANTONÍN
DOLORES
DER UNGARISCHE MALER
DOLORES
LJUBODRAG
LUDMILA
EDITA
JINDŘICH WALDES
JAN ANTONÍN
DIE FABRIK
DOLORES
LADISLAV PINGA
EDITA
LUDMILA
LJUBODRAG
DOLORES
LJUBODRAG
DIE FABRIK
JAN ANTONÍN
EDITA
JAN ANTONÍN
LUDMILA
DOLORES
LJUBODRAG
DOLORES
JAN ANTONÍN
LUDMILA
LJUBODRAG
DOLORES
JAN ANTONÍN
DOLORES
JAN ANTONÍN
LJUBODRAG
JAN ANTONÍN
LUDMILA
EDITA
LUDMILA
EDITA
LJUBODRAG
DOLORES
JAN ANTONÍN
LJUBODRAG
DOLORES
Nachbemerkung der Autorin: Die Sonntagsmethode
(Tomáš Bat’as Halbbruder, der die Firma Bat’a nach dessen Tod zum Weltkonzern ausbaute.)
Ich liege in dem weißen Bett. Auf dem allzu gestärkten Laken. Es schneit. Von fern höre ich meine erste Geige, die kleine Fiedel, die Mutter einem Zigeuner abgekauft hatte. Auf dem schwarzen Geigenkasten sause ich den Hügel hinunter, der Kasten ist schön stabil und besser als der Schlitten, ich bin als Erster unten. Die Jungs machen eine Schneeballschlacht, überhäufen mich mit Schnee, wollen mich in eine Verwehung einbuddeln, und ich wehre mich und kriege kaum noch Luft. Es tut weh in der Brust. Lidka hat mir ein Glas Wasser gebracht und den Ventilator angestellt. Ein schweres Ding, das dunkel und unheilvoll brummt wie ein kleines Flugzeug. Wie unsere Lockheed Electra L-10 mit der Seriennummer 1091, Jahrgang 1937. Mit ihr bin ich als erster Tscheche um die Welt geflogen. Ich muss immer dorthin starren. Sehe den Ventilator und im nächsten Moment das Flugzeug. Ventilator, Flugzeug. Hin, zurück. Ventilator, Flugzeug. Hin, her. Her, hin. Das monotone Dröhnen der Motoren. Das Rattern der hölzernen Schaufeln. Die Hitze wird in einen Winkel verdrängt und kommt als Motorzündung zurück. Ich schaue an die Decke, überzeugt, dass das Monstrum auf mich herabfallen wird oder dass ich im nächsten Moment einsteige, den Sicherheitsgurt anschnalle und nach Hause fliege. Ich schwitze und gleich darauf fröstele ich. Vermutlich das Reisefieber. Es ist beruhigend, dass direkt neben dem Krankenhaus eine krumm gewachsene alte Dama da Noite steht. Die Dame der Nacht, ein Baum mit dichten kleinen Blättern und winzigen Blüten. Dona Marina Trachtová hat einmal gesagt, sie habe sie unter ihren Fenstern, weil ihr Duft Glück ins Haus bringe. Damals lag ich mit meinem ersten Infarkt in Batayporã, im Haus von Jindřich Trachta, in dem ich ein Büro besaß. Ich hatte mich hingelegt, weil mir übel geworden war. Nur Marina war da, Jindřichs hübsche Marina, immer lebhaft wie ein Eichhörnchen. Mir war hundeelend. Um mich herum schwankte alles, und mir war, als würde ich allein durch einen luftleeren Raum schweben. Die anderen flogen auch irgendwo herum, waren im Sägewerk, rodeten den Urwald oder erledigten Papierkram, und ich hielt Marina an der Hand fest und bat sie, nicht wegzugehen. Einen Arzt gab es dort natürlich nicht, im Urwald gibt es keine Ärzte. Marina versprach, bei mir zu bleiben. »Herr Bat’a, atmen Sie etwas von diesem Duft ein, das bringt Glück«, flüsterte sie. Nu, habe ich also eingeatmet, so tief es ging. Die Blüten der Dame der Nacht sehen aus wie eine Mischung aus Kaktus und Orchidee. Wenn sie aufgehen, verströmen sie einen berauschenden, penetrant süßen Duft in die Nacht und locken Scharen von Kolibris und Schmetterlingen an. Drei Tage später sind sie verblüht. Wie kommt es, dass sie jetzt blühen? Ist denn Frühling? Wie geht noch einmal dieses Liedchen? »Sogar die alten Weiber singen, wenn die Knospen wieder springen …« Was will mir die Dame der Nacht damit sagen? Dass heute ein guter Tag zum Sterben ist? Ich brumme vor mich hin, dass kein Tag zum Sterben gut ist. Als Lidka oder Maja in der Frühe die Fenster öffnet, umhüllt mich dieser Duft, legt sich schwer auf mich und trägt mich davon. Weit weg vom Krankenhaus in São Paulo, über den Ozean, zu einem anderen Geruch, dem von feuchter Erde und Frühjahrsschnee, wo ich nicht nach Atem ringen muss, sondern alles in großen Zügen aufsauge. Ich scheue mich nicht, dort Atem zu schöpfen. Und ich scheue mich nicht, dorthin zurückzukehren.
Zurückzukehren, um zu erklären. Um den Gerüchten, Lügen, Verschwörungen, kleinen und großen Wahrheiten etwas Neues, diesmal Eigenes hinzuzufügen. In den Mündern, den Schandmäulern der Leute bin ich ja schon alles Mögliche gewesen: ein Nazi, ein Jude, ein deutscher Jude, ein tschechischer Jude, ein gewöhnlicher Jude, ein schmutziger Slawe, ein Agent des Dritten Reichs, ein Deserteur, Vaterlandsverräter, Nestbeschmutzer, ein Gigant, Sündenbock der Kommunisten, der Schuhkönig, der Nachfolger, der Chef und jetzt offenbar auch noch der neuralgische Punkt der neueren tschechischen Geschichte. Sucht euch davon aus, was ihr wollt, aber ich kehre zurück, weil ich mich nicht damit abgefunden habe, dass Lidka und Edita und zuletzt Dolores euer ungerechtes Justizsystem anbetteln mussten. Ich rege mich schon wieder auf, und das sollte ich nicht, immerhin bin ich an einem Herzinfarkt gestorben. Ich will die ganze Geschichte noch mal in Ruhe Revue passieren lassen. Sie vielleicht in kleine Einzelteile zerpflücken. Dann wieder geduldig zusammensetzen, um zu sehen, ob sich die Stückchen so ineinanderfügen lassen, dass sie zusammenhalten. Ich will mir über die einzelnen Fäden klarwerden – und darüber frohlocken, weil ich schon jetzt weiß, welcher Hundskerl an ihnen gezogen hat. Will mir alles unter dem Vergrößerungsglas der Zeit anschauen. Und zu begreifen versuchen, warum ihr mich so lange nicht anhören wolltet. Warum ihr alles selbst erzählen wolltet.
(Tochter von Jan Antonín Bat’a)
Er war kreidebleich. Der wievielte Infarkt würde das jetzt sein? Dabei sah es erst gar nicht danach aus. Ich dachte, ihm sei nur übel geworden, irgendetwas Falsches gegessen oder wie schon so oft zu viel in sich hineingestopft. Ich rief Doktor Andrade an, dass er schnell nach Batatuba kommen solle, es sei ein Herzinfarkt. Verflixt noch mal, und nu, was jetzt? Da stehste und guckst, wie Großmama Gerbecová in Hradiště zu sagen pflegte, wie Doktor Gerbec zu sagen pflegte. Nix ist jetzt. Wir fuhren zu dem riesigen Krankenhaus Beneficência Portuguesa in São Paulo. Das ist jetzt fast einen Monat her. Auf dem Bett immer das hölzerne Klapptischchen, damit er schreiben kann. Dem Tod mit Arbeit trotzen. Unsere emsige Arbeitsfamilie. Mit nutzbringender, fleißiger Arbeit wird allem getrotzt. Dem Tod und dem Leben. Stets ein Papier und einen Kugelschreiber zur Hand. Einen Füller mag er nicht benutzen, denn wenn er länger nachdenkt, trocknet ihm die Tinte aus. Mutter und ich wechseln uns ab, sie sieht müde aus. Sie, er, wir alle sehen müde aus. Er macht sich dauernd Notizen. Trifft ständig irgendwelche Entscheidungen, übernimmt Verantwortung. Schlüpft in sie hinein wie in das tägliche frische Hemd. Und zieht die Krawatte der Arbeit fest. Immer denkt er über etwas nach, immer ist er da. Wacht schon frühmorgens auf und bittet uns, das Fenster zu öffnen, damit er freier atmen kann, damit er den Sonnenaufgang sieht. Er blickt in die Dämmerung, aber ich sehe ihn im Geiste all die Fabriken durchwandern, die er überall auf der Welt ausgesät hat und die wie Pilze aus dem Boden gewachsen sind, wie Champignons auf gut gedüngter Erde. Fabriken, die von allen bewundert wurden, ihre ansehnliche Erscheinung, ihre Zweckmäßigkeit, ihr einwandfreies Funktionieren, ihre Leistungsfähigkeit, ihre Möglichkeiten. Fabriken, die allen ein Dorn im Auge waren. Den Kapitalisten und den Kommunisten. Ich sehe ihn, wie er herumfährt und alles genau begutachtet, sehe ihn überlegen, wo etwas einzukaufen ist, wo jemand ausgebildet werden muss, wo etwas zu erfinden, zu verwerten, zu verbessern, zu veräußern, zu besiedeln ist … Und jetzt, da bin ich mir sicher, jagt er gerade mit den Viehtreibern auf staubigen, rotsandigen Wegen den weißen Stierherden nach. Reitet mit ihnen die Ufer des Rio Paraná entlang und isst abends am Lagerfeuer geröstetes Büffelfleisch mit den Fingern, ohne sich dafür genieren zu müssen, ohne das Fett abzuschneiden oder auf anständige Manieren achten zu müssen. Er blickt auf die gewaltige Strömung des trüben Paraná und träumt davon, das umgebende Sumpfland trockenzulegen. Diesen Fluss zu bändigen! Es genügt ihm nicht, dass sich dort auf den toten Baumstümpfen jeden Abend Schwärme von Silberreihern niederlassen, dass dies ihr Königreich ist. Er will, dass aus den schlammigen, brodelnden Tümpeln etwas Nützliches entsteht, eine Zukunft, etwas für Menschen Gemachtes, nicht für Reiher. Er möchte diesen gewaltigen, stolzen Fluss bezwingen, will dessen Stolz und Gewalt für den Fortschritt nutzen, für etwas Besseres als das, was die Schicksalsgöttinnen für diese Landschaft vorgesehen haben, in der die Arbeits- und Landlosen keine Chance haben. Schon sieht er hier anstelle der Wildnis moderne Häuser und Fabriken entstehen, Kinos und Kais, gepflegte Gärten statt Dschungeldickicht. Er möchte die wilde Arroganz der Natur besiegen, sie mit der größten Brücke bändigen, die Brasilien je gesehen hat, ein wenig Karl IV. sein, er möchte überall sein, nur nicht hier, diesen weißen Mauern und dem steifen Laken ausgeliefert, und einem Herz, das unzuverlässig ist und schmerzt.
Er behauptet, er würde den Duft der Dama da Noite riechen. Ich will es ihm nicht ausreden, auch wenn wir August haben und die Dame der Nacht im März blüht. Was spielt es schon für eine Rolle, wann dieser dumme Baum blüht – er sehnt sich jetzt nach seinem süßen Duft. Und nach Torte. Zuckerbaisers. Nach geräucherter Rinderzunge. Gestampften Kartoffeln mit Röstzwiebeln. Nach Butter. Eis. Nach einem starken schwarzen Kaffee. Nichts davon darf er zu sich nehmen. »Warum soll ich überhaupt leben, wenn ich doch nichts essen darf?«, sagt er vorwurfsvoll. »Aber Vater«, protestiere ich, »so etwas dürfen Sie nicht sagen!« Ich weiß nicht, warum ich ihn sieze. Er schaut mich fragend an und lächelt. »Siezen wir uns, Liduška? Was ist das denn für ein Unfug, ich bitte dich!« – »Nein, das war nur … ich weiß nicht. Es ist mir so herausgerutscht.« – »Nu, so was«, sagt er und denkt schon nicht mehr daran. Er notiert sich etwas. Er schreibt Gedichte. Schlechte Gedichte, schöne Gedichte, seine Gedichte. Und dieser große mährische Körper passt fast nicht in das Bett hinein, das für einen zierlichen Brasilianer gedacht ist. Er ist stämmig wie die Eichen in unserer Heimat, wie Bäume, die hier nicht wachsen. Hier haben sie zu weiches Holz, das jederzeit nachgibt und allerlei Krabbeltiere in sich aufnimmt, die unzählige Löcher hineinnagen und es in seine Kleinteile zerlegen, noch ehe es in den Himmel wachsen kann. Er aber ist eine Eiche, und die kann nur ein Blitz fällen, oder ein achter Herzinfarkt.
»Lidka, notier mal einen Menüplan. Schreib dir auf, was ich essen möchte, wenn ich aus dem Krankenhaus komme, ja? Damit ich mich auf was freuen kann!« Er lächelt selig, während ich mitschreibe. »Also, Liduška, am Montag … hast du’s?« – »Ja, ich hab’s.« – »Rindersuppe mit Einlage, mit feinen Nüdelchen. Geschmortes oder gegrilltes Kalbfleisch. Zum Abendessen gehackten Schinken mit Kartoffelbrei. Am Dienstag passierte Erbsensuppe und überbackenes Huhn mit Gemüse, zum Abendessen Fleckerlnudeln mit Schinken. Und dann vielleicht noch etwas Süßes, etwas Leichtes, aber Süßes. Ein Zitronensoufflé oder ein Kaiserschmarrn mit Kirschkompott, was meinst du? Lidka, wollt ihr mir dieses Zitronensoufflé machen?« Ich nicke, nicke wie der unglückliche Hurvínek mit dem großen, viel zu schweren Puppenkopf. Werde ich machen. Alles werde ich für dich machen.
Wenn ich nachts neben seinem Bett sitzend eindöse, kommt in meinen Träumen eine verschneite Welt zu mir. Erinnerungen daran. Ein Bild, das ich gemalt und mit hierhergebracht habe. Darauf ist eine Hütte zu sehen, irgendwo bei uns im Hügelland, und zwei schneebedeckte Birken. Bäume, die nicht in die Berge gehören. So wie ich nicht hierher gehöre. In das tropische Licht. In die Hitze. In die Vergessenheit und das ewige schlechte Gewissen derer, die fortgegangen sind, der Emigranten. Ich kann ganz gut zeichnen, habe angeblich Talent, aber diese Birken kommen mir trotzdem komisch vor. Es sind Taugenichtse von Birken. Auch musikalisches Talent habe ich, und das fürs Gehorchen. Ich bin immer gehorsam gewesen, wer weiß warum. Warum gehorcht ein Mensch? Um seine Ruhe zu haben. Und ich wollte immer meine Ruhe haben. Ruhe, um Klavier zu spielen, Ruhe für die zarten und die stürmischen Töne, die mein Flügel hergibt. Und wenn ich gehorcht habe, herrschte immer Ruhe.
Ein Schneesturm. Ich stapfe voran, der Wind pfeift um meine Füße, zerrt an meinen Beinen. Ich sinke in eine Schneewehe ein, stapfe aber weiter bergan in Richtung der kleinen Kapelle, wo ich dem verblassten Christusbildchen die Papierrosen zu Füßen legen will, die mein lieber Rudi für mich auf dem Jahrmarkt geschossen hat. Endlich habe ich es hinauf geschafft, mein Schweiß tropft in den schweren, feuchten Schnee, der Sturm lässt nach, der Wind braust nicht mehr und wimmert nur noch schwach. Ich stehe oben auf dem Hügel, aber die Kapelle ist nicht hier. Ich bin auf einem unbekannten, falschen Hügel. Das Krepppapier in meinen Händen wird feucht, die Farben rinnen herab und bilden zu meinen Füßen rote Pfützen. Ich wache schweißgebadet auf, der große, hölzerne Ventilator mit dem verblichenen Goldrand rattert, und ich ringe nach Luft. Vater, der Chef, schläft. Ich schalte den Ventilator ab, öffne das Fenster. Dadurch wird er wach. »Mach die Läden ganz auf«, bittet er mich, »und lass das Licht aus, wir wollen warten, bis die Sonne aufgeht.« Von draußen hört man das Gekrussel des Nachtgeziefers, das sich in die dunklen Winkel zurückzieht, in die kühlen Stellen zwischen Rinde und Laub. Die Sonne lässt sich heute Zeit. Ich schichte ihm noch mehr Kissen unter den Kopf, stütze ihn, damit er sich aufsetzen kann. Er sitzt da und schaut auf die blutrote Färbung im noch grauen Himmel. Gestern war es unangenehm neblig, aber heute ist der Himmel klar, ohne die klebrigen Fetzen kalter Feuchtigkeit, die im Krankenhauspark in den Spitzen der Farnsträucher hängen bleiben. Der August ist der Monat der schönsten Vollmonde, aber mit den Sonnenaufgängen ist nicht viel her. Doch jetzt ist die Sonne da – in all der rotglühenden Pracht, deren sie zu dieser Jahreszeit fähig ist, in der nichts blüht und man Blumen hauptsächlich auf Kirchfesten und aus Papier erhält. Mutter ist noch nicht gekommen, nur er und ich sind da, sind hier zusammen, und dieses Zusammensein ist so eng, dass ich weiß, was er denkt, dass ich seine Gedanken berühren, ihr silbernes Gewebe in meine Hand nehmen und direkt mit ihnen sprechen kann, ohne Umschweife und ohne den Umweg der Worte. Ich spreche mit ihm, als würde ich Klavier spielen. Als würde ich mit ihm durch die Musik reden, für die er immer Anerkennung hatte, aber nur als eine Dreingabe, die Glanz verleiht, niemals als eine richtige Arbeit, als fleißige Arbeit begnadeter Menschen, niemals als Selbstzweck.
Er richtet sich ein wenig im Bett auf. Denn jetzt kommt Mutter herein. Sie legt ihre schwarze Lackhandtasche mit dem leicht abgewetzten Goldverschluss auf das schneeweiße Bett, und der Kontrast tut mir in den Augen weh. Ich bin völlig gerädert und übernächtigt von dem Krankenhaussessel. »Ruh dich noch ein bisschen aus, meine Liebe, leg dich nebenan bei den Schwestern hin«, sagt Mutter. Ich widerspreche ihr nicht. Ich gehorche und stehe auf. Sehe ihn an, wie er die Augen zusammenkneift, weil die Sonne jetzt hoch am Himmel steht und seine morgendliche Andacht damit beendet ist. Ich gehe aus dem Zimmer. Mir ist nicht mehr nach Schlafen. Die Krankenschwester kocht mir einen kleinen starken Kaffee und bietet mir eine Beruhigungspille an. Aber die brauche ich nicht, ich bin ruhig. Ich habe seine Gedanken berührt, im Kopf Klavier gespielt und den Sonnenaufgang beobachtet. Ich sitze in einem Sessel des Schwesternzimmers, und anscheinend bin ich doch noch eingeschlafen, denn als ich aufwache, zeigt die nüchterne Krankenhausuhr fast Mittag an. Mutter schreit. Überall herrscht auf einmal Durcheinander, alle rennen irgendwohin. Das Wort reanimação, all diese Zischlaute fahren mir heftig durch den Körper. Ich beobachte die schwarzen Uhrzeiger, wie sie langsam ins Nirgendwo kriechen. Alle sind verstört, aufgeregt, hektisch. Ich nicht. Ich gehe ruhig zu seinem Bett, sehe ihn an. Seine großen Hände. Hände mährisch-walachischer Senner, Hände mongolischer Invasoren innerhalb der Bat’a-Sippe, Schuhmacherhände, Chefhände. Ein Zettel steckt in ihnen, der ihm ein wenig aus den Fingern geglitten ist, und ich nehme ihn an mich. Lese seine ausladende Handschrift, das letzte Wort lässt sich fast nicht entziffern, aber ich weiß, er hat geschrieben: Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen wie Öl auf dem Wasser. Ich präge es mir ein. Präge mir diesen Sonnenaufgang, diesen Abgang ein.
Es ist ein schwerer Tag gewesen, alles hat sich lange hingezogen. Jan kniete neben dem Bett und wimmerte, dass Vater ihn nicht verlassen solle. Ich stand aufrecht da und sank dann wie immer auf mein linkes Bein ab, dieses linke Linke, das schon seit Ewigkeiten zu kurz ist. Nur wegen dieses Beines stehe ich so gerade. Nur seinetwegen halte ich mich jetzt aufrecht. Denn die fehlenden zehn Zentimeter meines linken Beines haben mich gelehrt, mich zusammenzureißen, unter allen Umständen aufrecht zu stehen.
Auf dem Weg von der Kapelle in Atibaia bis nach Batatuba sind, so weit das Auge blicken kann, frische Blumen ausgestreut. Wo haben die Leute die nur gepflückt, in diesem brasilianischen August, wo sich doch allenfalls Chrysanthemen auftreiben lassen?
(Tochter von Jan Antonín Bat’a)
Es fühlt sich an, als säße ich immer noch in diesem Zug. Seit damals erscheint mir das ganze Leben wie eine endlose Zugfahrt. Vor dem Fenster zieht die Landschaft vorüber und es herrscht ein anhaltendes Dämmerlicht. Auf dem Bahnsteig wartet wohl jemand auf mich, aber ich weiß nicht, wer, und bin mir auch nicht ganz sicher. Überall ungarische Schilder. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Habe dünne Storchenbeine mit großen Knien, an denen ich Angorastrümpfe trage, obwohl es Juni ist. Sie kratzen furchtbar, rutschen dauernd die Waden hinunter und rollen sich an den Knöcheln zusammen, weshalb ich sie ständig hochziehen muss. Aber Großmama Hrušt’áková aus Hradiště hat sie gestrickt, und die lässt nichts auf ihre Angorakaninchen kommen. Sie hat die Tiere mit den rubinroten Augen kahl geschoren, und aus irgendeinem Grund verwandelt sich ihr feines, seidiges Fell in kratzige Wolle. Wir Bat’a-Kinder müssen die grässlichen Strümpfe und alles, was Großmama strickt, tragen. Mir kommt es vor, als hätte dieser Zug nie angehalten. Im Grunde sitze ich immer noch darin. Als wäre ich nie am Budapester Bahnhof ausgestiegen, sondern würde immer noch krampfhaft die Hand von Vaters Sekretär festhalten, obwohl ich doch schon groß war und sich das nicht gehörte. Durch das schmuddelige kleine Fenster sah ich ihm dann nach, wie er am Bahnhof von Brünn stand. Bis heute habe ich sonderbare Träume von Zügen. Immer noch bringen sie mich nachts von Zeit zu Zeit weg. Nachts bin ich eine Flüchtende.
Aber ich wusste, ich würde das hinkriegen, ich sagte mir, es würde nicht lange dauern, eine Art Mutprobe, die ich ganz sicher bestehen würde. Ich hatte so oft gehört, was für eine mutige und schlaue Schülerin ich sei. Ich hatte fleißig gelernt, Sprachen fielen mir leicht, Deutsch, Englisch, Französisch, ein reines Kinderspiel. Doch als ich den Zug bestieg und Vaters Sekretär mir erklärte, dass ich nicht verschlafen dürfe und am Budapester Hauptbahnhof aussteigen müsse, bereute ich, dass ich kein Ungarisch gelernt und auch nie daran gedacht hatte. Ich trug nur eine kleine Stofftasche bei mir, denn mit einem richtigen Koffer wäre es offensichtlich gewesen, dass ich für länger verreiste. In dem Täschchen befanden sich Taschentücher, eine Lederbörse mit dreißig tschechischen Kronen und Mutters Kölnischwasser, das sie zu Hause vergessen hatte, als sie mit Jan und Marie schon vor mir über eine andere Strecke aufgebrochen war, damit unsere Flucht nicht auffiel. Vor dem Haus hatten zwei SS-Männer Wache gestanden, aber keiner der beiden war auf die Idee gekommen, dass hinten im Garten ein überwuchertes kleines Törchen direkt zum Schulgarten führte. Vater hatte es dort anbringen lassen, als wir drei Mädchen und Jan zur Volksschule gingen, damit wir es näher hatten. Meine persönlichen Sachen waren zu Hause geblieben. Ich hatte meine Lieblingspuppen, das Puppengeschirr, den Plüschhund, den Bären und Knibbel, den Hasen, in den Eichenschrank eingeschlossen – ich weiß auch nicht warum, immerhin war ich schon fünfzehn, drehte mir die Haare mit dem Lockenstab ein und malte mir eine dünne schwarze Linie unter die grünen Augen, und mit Puppen spielte ich schon lange nicht mehr. Ich hatte den Schrankschlüssel an einer Wollschnur befestigt, die ich um den Hals trug. Noch heute trage ich diesen kleinen Silberschlüssel in einer Tasche bei mir. Wenn ich nervös bin, nehme ich ihn in die Hand, umfahre mit den Fingern seine Kanten und presse ihn in die Handfläche, bis es wehtut. Manchmal denke ich an die Sachen in dem Schrank – ob sie wohl noch dort sind oder wie es wäre, wenn sie zum Leben erwacht und geflohen wären und ebenfalls einen Zug bestiegen hätten, der sie zu mir gebracht hätte. Ich hätte im abendlichen Budapest am Bahnsteig auf sie gewartet, hätte sie während der Überfahrt auf dem großen Dampfer gesäubert und nach unserer Ankunft an ihrem neuen Platz aufgestellt, ihnen die Sprache des neuen Landes beigebracht, und sie hätten niemals Heimweh empfunden. Womöglich aber hat jemand den Schrank aufgebrochen und meine Spielsachen in den Müll geworfen. Oder haben andere Kinder damit gespielt? Wessen Kinder? Die Kinder der SS-Leute oder die Kinder der kommunistischen Bonzen, die sich jeweils in unserem Zlíner Haus breitmachten? Vater hat sogar ein kleines Gedicht darüber geschrieben. Es stammt vom 10. Januar 1941 und lautet
Das beschlagnahmte Haus
Unser Haus und unser Garten, von unserm
Schweiß benetzt,
sind in der Hand von Fremden, die unser Land besetzt.
Die Schritte ihrer Stiefel auf unserm Boden dröhnen,
so wie auch ihre Stimmen im Radio vorlaut tönen.
Sie poltern am selben Orte, wo meine Töchter, mein Sohn
in glücklichen, freien Zeiten taten den ersten Ton.
Die Heimat zu verteidigen blieb schnöde uns verwehrt,
das hat uns unvermeidlich dies Golgatha beschert.
Immer wenn ich jetzt irgendwohin mit dem Zug fahre, vergewissere ich mich beim Einsteigen, wie weit es zur nächsten Toilette ist, denn ihr habe ich es zu verdanken, dass ich damals einem Soldaten mit Hakenkreuz auf dem Ärmel entkam. Als ich hörte, dass man an der Grenze die Pässe zu kontrollieren begann, suchte ich eilig das nächste Klosett auf, schloss aber die Tür nicht ab. Kurz darauf stieß ein Soldat die Tür auf, und ich drückte mich dahinter gegen die Wand. Der Zug schwankte, und er zog die Tür mit einem Knall wieder zu. Ich stand dort in einen Schatten verwandelt, eine unscheinbare graue Wanze, und starrte auf das schmutzige Waschbecken und den gesprungenen Spiegel. Noch heute kann ich den leicht ranzigen Lavendelgeruch des Seifenrestes und das kleinteilige Muster auf dem knittrigen, ausgewaschenen Handtuch heraufbeschwören. Ich studierte jedes Detail, registrierte jedes Luftmolekül, jeden kalten Tropfen Schweiß. Noch immer könnte ich alle Risse auf der Oberfläche des angeschlagenen Spiegels aus dem Gedächtnis aufzeichnen. Beten tat ich nicht. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mich in diesem Moment nicht hören würde. Vielleicht wegen des bevorstehenden Krieges, vielleicht wegen des Ratterns der Zugräder auf den Gleisen, vielleicht weil ich mich schämte, um mein Leben zu betteln. Denn hätte ich es getan, hätte das bestätigt, dass es um Leben und Tod ging, und das wollte ich nicht wahrhaben. Ich hatte einen Satz im Kopf, den ich aufgeschnappt hatte, als Vater sich mit František Muška, seinem Hauptbuchhalter, unterhalten hatte. Er hatte gesagt: »Wissen Sie, Frank, was das Schlimmste ist? Wenn einer ’n Hasenherz ist.« Und ich wollte auf keinen Fall ein Hasenherz sein. Stattdessen wollte ich mir alles fest einprägen, damit ich es Vater später erzählen konnte. Wollte mir alles in dieser Toilette merken, diesen schäbigen Ort auswendig lernen. Als mir schien, dass es nichts mehr gab, was ich mir noch merken konnte, kehrte ich in das Abteil zurück. Dort drückte ich die Nase gegen die kalte Fensterscheibe, draußen wurde es dunkel, der Zug fuhr in die ungarischen Ebenen und keuchte, bebte vor Unwillen, dröhnte in meinem Kopf. Er war ein unruhiges Tier, den Bauch voller Schicksale, die er dem Unbekannten entgegenbrachte. In diesem Zug jedenfalls begann mein so völlig verändertes Leben. In Budapest stieg ich aus, setzte mich auf eine Bank am Bahnsteig und wartete ab. Keiner hatte daran gedacht, mir etwas ungarisches Geld mitzugeben. Ich hatte Hunger und Durst, und inzwischen war ich schon mehr als hasenherzig. Mit zunehmender Finsternis spulten sich vor meinem inneren Augen lauter Bilder davon ab, wie Jan, Marie, Mutter und ich wieder von der SS abgefangen werden, so wie beim ersten Mal, als wir aus Zlín zu fliehen versucht hatten und die Sache misslang. Merkwürdigerweise bleibt mir nach all den Jahren immer nur diese Zugfahrt in Erinnerung und nicht jener erste Fluchtversuch. Vielleicht weil er so unrühmlich endete.
Für mich begann der Krieg mit einem Strauß samtig roter Rosen. Mutter erhielt sie von der SS nach deren Ankunft in Zlín. Die SS-Männer waren auf widerwärtige Weise aufdringlich und höflich zugleich. Ganz schwarz und bedrohlich herausputzt, stanken sie nach Seife und einer fremden Rasierwassermarke, die an Naphthalin und unverdünnten Spiritus erinnerte. Es hatte nichts wirklich Frisches, verströmte Tod. Sie klingelten und drückten Mutter, ohne überhaupt nur eine Frage zu stellen, den Strauß in die Hand. »Für die Frau Chefin«, sagte einer von ihnen mit süffisantem Lächeln. Es war wie in einem düsteren Märchen. Eine schwarze Uniform mit Totenköpfen, dazu rote Rosen. Mutter sagte nichts, nahm den Strauß steif entgegen, ohne an den Blumen zu riechen. Sie nickte nur und verabschiedete die Männer sogleich wieder. Den Strauß warf sie anschließend auf den Mist. Doch jemand musste die Rosen auf dem Misthaufen bemerkt haben, irgendjemand begann uns aufmerksam zu beobachten.
Darauf erfolgte dann unsere erste, schlecht durchdachte und zu übereilte Flucht. Im Auto der fiebernde kleine Jan, in Pelze und Decken gemummelt, die verschneiten Straßen, das Schneegestöber, am Fenster feine Eiskristalle. Vater befand sich in Polen, und wir wollten zu ihm über die Grenze gelangen. Es war nicht sehr weit, aber der Fahrer konnte die Straße nicht gut sehen und fuhr nur im Schritttempo. Und plötzlich war unser Wagen von Soldaten umringt. »Halt« und »Wohin fahren Sie?« und »Warum bei diesem Wetter?!« Diesmal hatten sie keine roten Rosen in der Hand, sondern Maschinengewehre. Mutter brachte keinen Mucks heraus, aber der Fahrer fasste sich schnell wieder und behauptete, wir wären mit dem kleinen Jan auf dem Weg zum Krankenhaus, hätten uns aber im Schneegestöber verfahren und wüssten nicht, wo wir genau seien. Der Soldat bellte, wir sollten zurückfahren, in Zlín gebe es auch ein Krankenhaus. Anschließend warteten wir erst den ganzen Frühling ab, um einen neuen Versuch zu unternehmen. Dieser Frühling kam mir jetzt so lange her vor, als ich auf dem Budapester Keleti-Bahnhof saß, Jahrhunderte schienen seither vergangen. Es war kurz vor Sonnenaufgang, am blassen Himmel zeichnete sich eine Andeutung von Wolken ab. Ich war jetzt froh, dass ich die kratzigen Strümpfe hatte, zog meine Knie ans Kinn und fragte mich, was wohl Großmama Hrušt’áková tun würde, wenn keiner sie abholen käme. Was würde sie sich für die dreißig tschechischen Kronen kaufen? Würde sie sich auf die Stufen vor dem Bahnhof setzen und Strümpfe stricken? Würde das Geklapper der Stricknadeln sie beruhigen? Würde sie betteln gehen? Würde sie in einen Zug steigen und zurückfahren? Oder würde sie auf dem Postamt ein Telegramm aufgeben? Aber an wen? Wohin? Ins Protektorat oder an die Nummer in Polen, die ich hatte auswendig lernen müssen, die ich nirgendwo notieren und nur im Falle echter Lebensgefahr anrufen durfte? Die verschiedensten Ideen zogen mir durch den Kopf, eine unsinniger als die andere. Als ich schon von der Bank aufstehen wollte, um alle Bahngleise einmal abzulaufen, tauchte unter dem großen Bogen mit den Skulpturen, die wie Riesen aus einem Märchen aussahen, Vaters Chauffeur auf. Er trug nicht die übliche Uniform, sondern einen unauffälligen Anzug, aber ich erkannte ihn an seinen breiten Schultern und dem nervösen Gang. Bevor er auf mich zusteuerte, sah er sich vorsichtig um. Langsam hob ich meine Hand und winkte ihm. Ich musste an mich halten, um nicht auf ihn zuzurennen, ihm um den Hals zu fallen und vor Erleichterung loszuheulen. Doch noch bevor ich mich von der Bank erhob und auf ihn zuging, zog ich Großmamas fürchterliche Kniestrümpfe aus, ballte sie zu Kugeln zusammen und stopfte sie in meine kleine Tasche.
Ich überlege, wo ich anfangen soll. An welcher Stelle beginnt eine wirklich interessante Geschichte? Woran erkennt man, ob sie erzählenswert ist? Und ab welchem Punkt unterscheidet sie sich von einer ganz alltäglichen? Ich konnte das nie erkennen. Aber ich habe immer gerne geschrieben. Habe immerhin fast vierzig Manuskripte verfasst! Ich schrieb gern und viel, auch ein paar Romane sind dabei, die, nun ja, von mir selbst handeln. Was soll man machen, ich bin eben graphoman. Megaloman. Ein träumendes Kind. Das Schreiben hat mich immer gerettet, wenn ich nicht mehr aus noch ein wusste, wenn ich mich ohnmächtig fühlte, weil ich beinahe alles verloren hatte. Aber in meinen Texten steckt nicht, was ich wirklich sagen wollte. Es ist mir nicht gelungen, das Wesentliche zu berühren. Ich dachte immer, indem ich tagtäglich aufrichtig bemüht und fleißig schreibe, nachdenke, plane, arbeite und übe, dann würde mir das gelingen. Doch jetzt erkenne ich, dass es nicht gelungen ist. Damit meine ich nicht die künstlerische Qualität oder künstlerische Absicht, denn im Grunde ging es mir gar nie um Kunst – es ging mir um Wahrhaftigkeit! Um die ehrliche Schilderung meiner Erlebnisse, darum, meine Erfahrungen zu teilen. Etwas sollte nach meinem Tod von mir bleiben. Nun, ich weiß, das wünscht sich jeder, das ist nichts Besonderes. Aber ich war davon überzeugt, dass ich besonders war oder dass ich zumindest ein besonderes Leben hatte und alles festhalten musste, was mir begegnet war – das Glück und die Menschen, die mit mir gearbeitet, das Land verlassen, geträumt und meine Träume erfüllt hatten –, damit es nicht verloren ging. Am Lauf der Geschichte ließ sich nichts ändern, was geschehen war, war geschehen. Aber ich konnte meinen Blick auf die Dinge wiedergeben. Schildern, wie ich alles erlebt hatte – und nicht, wie später diese Verbrecher darüber schrieben, die eimerweise Dreck und Lügen über mir auskippten und mir alles stahlen. Und ich setzte um, was ich mir vorgenommen hatte, folgte meinen ganz persönlichen Plänen und Zielen. Ich wollte kein Schriftsteller sein, ich wollte nur ein Vorbild sein. Das mag unbescheiden klingen – na und? Ich pfeife auf Bescheidenheit, wenn sie nicht angebracht ist! Doch trotz all meinem Eifer habe ich mich nicht leichtgetan. Ich war nicht zufrieden. Und das nagte in mir. Das Bild, das ich entwarf und jeden Tag in die Maschine tippte oder jemandem diktierte, mit der Absicht, dass Tausende von Menschen es lesen würden, war irgendwie festgefahren. Es war kein Problem des Stils, immerhin waren meine Zeitungskolumnen und meine Reden deutlich besser als die von Tomi. Ich vermochte Menschen mitzureißen, sie für unsere Sache, unsere Ansichten zu begeistern. Doch wenn ich eine Geschichte zu schreiben begann und etwas Lehrreiches darin unterbringen wollte, geriet es hölzern. Als wären mir die Buchstaben in der Schreibmaschine erstarrt. Womöglich lag es daran, dass ich die Menschen, über die ich schrieb, nicht wirklich verstand. Ich konnte mir zwar einen Einblick in ihre Herzen und Leben verschaffen, aber was ich dort sah, darüber wollte ich gar nicht schreiben! Da war zu viel Belangloses, zu viel Angst und Kleinmut, Habsucht und Blindheit. Dabei wollte ich so gerne über Helden schreiben, über starke Menschen, kleine und dennoch große Leute. Denn genau das benötigte damals unsere Nation und benötigt sie im Grunde immer noch! Positive Vorbilder, große Geister für ein kleines Volk! Vermutlich war es das, was sich in meinem Schreiben im Konflikt befand: die meist doch recht armselige Realität und die Sehnsucht nach etwas Besserem, einem höheren und sinnerfüllten Ideal. Kurz und gut, ich moralisierte etwas viel und bog die Menschen, über die ich schrieb, zu sehr nach meinen Zwecken zurecht. Jetzt, mit dem Abstand der Ewigkeit, sehe ich das deutlich, aber zu jener Zeit konnte ich das noch nicht. Ich wusste nicht, dass man, wenn man übers Leben schreibt, auch von den peinlichen, kleingeistigen und schmutzigen Dingen erzählen muss, andernfalls kommen nur hochtrabende moralische Traktate dabei heraus. Die wollte ich freilich nicht schreiben, und doch schlüpften sie mir immer aus der Maschine. Es heißt, am besten sei ich als Satiriker gewesen. Wahrhaftig eine Ironie des Schicksals: Ich hatte unserer Nation Optimismus und Zuversicht einflößen wollen, aber die besten Kritiken gab es zu meinen verbitterten Satiren, die der Verzweiflung entsprangen. Nachdem mein eigener Verlag beschlagnahmt worden war, wurden meine Texte in ausländischen Zeitschriften und Exilverlagen gedruckt. Zum Beispiel in London, wo man im Jahr 1953 Satiren und Aphorismen von mir für vier Shilling kaufen konnte. Irgendein ominöser Rezensent mit dem Kürzel J.J. schrieb dazu: »Der große Unternehmer erweist sich als nachdenklicher Mann, dem es nicht allein ums Geld ging, sondern um die Leistung, die Lebensaufgabe, die Erfüllung selbstgesteckter Ziele. Bat’a wurde gleich mehrmals der Boden unter den Füßen weggezogen, und wenn er dies mit Seelenruhe annahm, sich darüber erheben konnte und nicht seinen Glauben an eine vernunftbestimmte, humane Zukunft verlor, so zeugt dies von einer außerordentlichen Persönlichkeit. In seinen Satiren zeigt er sich eher als treuer Anhänger der Volksliedtradition denn als Verfechter der kunstvollen Satire, er lässt jedoch niemanden darüber im Zweifel, was er sagen möchte. Bat’a glaubt an den Menschen und an die freie Entfaltung von dessen Fähigkeiten und Kräften, in seinem schmalen Büchlein steckt viel bejahender Glaube an die Menschheit und ihre Mission. Die Lektüre verschafft uns einen Einblick in die geistige Werkstatt eines Unternehmers, der sich dem Schicksal und den Zeiten nicht ergab.«
Glaube ich immer noch und nach allem, was war, an die Menschheit und ihre Mission? An eine vernunftbestimmte, humane Zukunft? Ich würde gerne Nein sagen. Denn nur ein Verrückter könnte nach den Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, noch an die Vernunft, die Gerechtigkeit und die Menschheit glauben, geschweige denn an eine vernünftige, humane Zukunft. Aber letztlich war ich immer ein Verrückter. Heute würde man sagen, ein »Freak«. Wie oft hat man mir das nicht vorgeworfen, wie oft haben nicht meine so rationalen Direktoren in den Fluren der Fabriken, über ihren Kaffeetassen oder geschliffenen Champagnerkelchen hinter vorgehaltener Hand über mich getuschelt oder sogar meine hehren Pläne verspottet.
Es gibt einen prägenden Moment, den ich nicht vergessen kann. Ich weiß selbst nicht, wie es genau kam, dass von damals an alles anders wurde. In der Folge konnte ich meinen eigenen Sturkopf nicht mehr ignorieren. Ich glaube, es war dieser Augenblick, als plötzlich mein Stiefbruder Tomi aus dem Gebüsch auftauchte, der mich dort beobachtet hatte, wie ich hinter den anderen Jungen herrannte, über meinem Kopf ein Seil schwingend, an das ich einen Stein gebunden hatte. Ich hatte damals meinen Arm gebrochen, der in einen schmutzigen Lumpen gebunden war, und die Jungs hatten mich deswegen verhöhnt. Mein Halbbruder Tomi war nach Hradiště gekommen, in unser ämliches Viertel Rybárny, um meine Mutter zu besuchen. Er wollte sie überreden, mich zu ihm nach Zlín ziehen zu lassen, zu ihm und seiner Frau Máňa, die auf vornehme Dame machte, damit ich dort die Bürgerschule besuchte. Meinetwegen war er in die mährische Provinz gekommen und hatte im Gebüsch versteckt beobachtet, wie ich mich gegen diese Jungen wehrte, wie ich ihnen mit dem Stein am Seil den Marsch blies. Ich selbst hatte diese Szene längst vergessen, aber er erinnerte mich später daran, und dabei klang aus seiner Stimme eine Anerkennung, die ich nicht mehr oft zu hören bekam. Ab dem Moment, als er mir das erzählt hatte, wollte ich ihn nie mehr enttäuschen, und erst recht nicht den kleinen Bengel, der einen Stein über seinem Kopf geschwungen hatte. Darüber hätte ich schreiben sollen, aber ich wusste nicht, wie. Und auf meinem Sterbebett kritzelte ich dann diese letzten Worte: Die Wahrheit wird zum Vorschein kommen wie Öl auf dem Wasser. Gleich darauf dachte ich: Aber wer interessiert sich schon für die Wahrheit?
Vielleicht sollte ich euch lieber eines meiner Gedichte vortragen. Sie waren nicht meine besten literarischen Erzeugnisse, trotzdem schrieb ich sie am liebsten. Sogar diesem Hasenfuß von Beneš schrieb ich eines zum Sechzigsten.
Zum Sechzigsten sei dem Heldenhaften,
das wünschen wir, Glück beschieden.
Er möge sein Werk der Weisheit vollenden,
dem Volk Freiheit schenken und Frieden.
Ich begreife nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat! Offenbar glaubte ich vor dem Ende des Krieges, einem Staatsmann mit einer solch bewegten Geschichte dann doch gratulieren zu müssen, am besten mit einem schlappen Gedicht. Man möge diese Zeilen nicht nach dem Kriterium ihrer künstlerischen Bedeutung beurteilen, es war freilich nur ein typisches Gelegenheitsgedicht. Aber es war einfach so, dass mich das Verseschmieden jedes Mal in eine Hochstimmung versetzte. Mir wurde etliche Male gesagt, Schuster bleib bei deinem Leisten, aber auf solches Gerede habe ich nie etwas gegeben. Die Leute reden immer viel. Wenn ich Gedichte schrieb, konnte ich meine Flügel ausbreiten. Konnte mich aufschwingen und über das Meer zurück in die Heimat fliegen, wieder ein stolzer Patriot sein, auch Beneš war in meinen Gedichten ein Staatsmann, wie sie nur selten geboren. Nun ja, die Satire ist mir wohl wirklich am besten gelungen.
(Enkelin Jan Antonín Bat’as, Tochter von Ludmila Bat’ová und Ljubodrag Arambašić)
Babonky
So nannten wir sie, die kleinen gelben Klößchen aus Eiern und Mehl. Großmutter Maja tat sie in die Suppe, in die Rinderbrühe, die von unseren weißen Kühen stammte. Jeder durfte sich nur zwei nehmen, das war Großmutters Regel. Nur zwei Babonky. Wir rangelten um sie, an unserem Kindertisch im Wintergarten, wo die Kinder bis zehn Jahre aßen. Das wiederum war eine Regel von Großvater. Wenn wir am Kindertisch gelernt hatten, uns anständig zu benehmen, uns nicht mehr um die Babonky rauften und auf der Geburtstagstorte zehn Kerzen ausgeblasen hatten, dann durften wir feierlich in die Welt der Erwachsenen hinüberwechseln und an ihrem Tisch im richtigen Esszimmer sitzen. Ich wollte aber nie vom Wintergarten weg. Ich liebte die verglaste Terrasse und den Pingpongtisch, an dem ich immer alle Cousins und manchmal auch Großvater besiegte. Ich raufte mich gerne mit den Jungen um die Babonky und hatte gar nicht das Bedürfnis, mich anständig zu benehmen, das Besteck richtig zu halten, zu wissen, mit welchem Löffel man die Torte isst, und darauf zu achten, dass meine Bluse keine Soßenspritzer abbekam. Außerdem beobachtete ich die Erwachsenen gern vom Wintergarten aus und malte mir aus, worüber sie gerade sprachen. Ich konnte sie genau sehen – Großvater, zu seiner Linken Großmutter Maja, die am Tischende saß, rechts davon Onkel Jan, dann Onkel Nelson, Tante Edita, Tante Jena, die wir aus unerfindlichen Gründen Hana nannten, meine Mama Ludmila, die auch Lidka genannt wurde, dann ein serbischer Schnauzbart – mein Onkel Dragoslav – und mein geliebter Papa Ljubodrag. Nicht nur die Gerüche der Speisen vermischten sich dort miteinander, auch die Sprachen. Serbisch mit Tschechisch und Portugiesisch, mährische Kraftausdrücke mit Juristenenglisch, elegantes Literaturfranzösisch mit Papas serbischen Anekdoten oder den deutschjüdischen Witzen aus Wien, wo er Jura studiert hatte. Als mich anständiges Benehmen dann nicht mehr abschreckte und ich im Esszimmer meinen Platz neben Onkel Jan eingenommen hatte, trat ich trotzdem noch manchmal heimlich unter dem Tisch meinen Cousin Ljubo oder den langen Streber Æika, der mich immer verpetzte. Es war alles so ebenmäßig damals, all diese Tage und Ferien und Weihnachten in Batatuba. Das Klackern von Jan Antoníns Schreibmaschine, Großmutter, die in der Küche zugange war, Großvaters mächtige Pranke, die uns niemals schlug. Einmal reiße ich vor dem Apotheker Mario aus, ich habe Fieber und er ist extra aus Piracaia gekommen, um mir eine Spritze zu geben, aber weil ich weiß, dass es wehtut, kraxele ich lieber hoch in eine Fichte hinauf, und er klettert mir hinterher und Mama schreit: »Sobald du runterkommst, verhau ich dich, dass du dich umsehen wirst!« Und ich klettere hinunter, bekomme die Spritze und auch die Prügel.
Es sind Zeiten, die ich nicht vergessen kann. Die ich überall suche, mit mir herumtrage und doch nirgends finden kann. Manchmal glaube ich sie in der Heimat zu entdecken, die nicht meine Heimat ist, in Zlín, wo ich mich nicht in jedem Schaufenster, jeder Straße und jedem Backstein der puppenhaften Häuser selbst wiedererkenne. Bilder aus der Kindheit. Du schüttelst das Kaleidoskop, und jedes Mal sind da immer wieder neue geschliffene Glaskristalle eines tschechischen Glücks. So oft habe ich mir gesagt, ich sollte diese Zeiten aus meinem Kopf bekommen, weil ich sonst nicht meine eigenen perfekten, schönen, ebenmäßigen und harmonischen Zeiten finden kann, an die sich wiederum meine Töchter erinnern werden. Aber es geht nicht. Alles ist verloschen, hat sich aufgelöst und ist verschwunden, und ich bin die Einzige, die noch die guten alten Zeiten heraufbeschwören kann. Denn ich bin die Einzige, die noch fließend Tschechisch spricht. Es ist, als hörte ich die alte Gerbecová und die alte Hrušt’áková sagen: »Es hängt alles an der Sprache, Mädel«, ein Ausspruch, den ich nie persönlich von ihnen gehört habe, der zu Hause aber immer zitiert wurde. Der lange Streber Æika lebt schon nicht mehr, und Ljubo oder Rodolfo wissen von damals allenfalls noch, was für Streiche sie ausgeheckt und wie sie sich einmal an der Weihnachtsschokolade überfressen haben. Sonst ist diese Zeit für sie passé. Ihre Mütter, Tanten und Onkel sind entweder tot oder haben die tschechische Sprache verloren wie etwas, was gleichzeitig mit der Fabrik in Batatuba verschwunden ist, mit Großvaters und Onkel Jans Tod, etwas Schönes, aber zu weit Entferntes, jetzt eher Unbrauchbares, Veraltetes, wie die Babonky, von denen man nur zwei haben durfte, und mehr kriegte man eben nicht.
In meinem Wohnzimmer hängt ein Gemälde, das so groß ist, dass es eigentlich nicht wirklich hierher passt, sondern besser in einem Museum hängen würde. Aber mit diesem Bild verbinde ich nun mal alles, was ich nie vergessen möchte. Nur meine Mutter Ludmila und ich sind darauf zu sehen, ihr einziges Kind Dolores. So ein großes Gemälde, das sich gut in einem Schloss ausnehmen würde, klingt ein wenig nach adligen Damen und Königinnen, die Porträts von sich malen lassen, doch wir wären damals gar nie auf die Idee gekommen, uns malen zu lassen, vor allem nicht in so einem Format, wenn Mama in ihrer Liebenswürdigkeit nicht diesem alten Ungarn hätte helfen wollen. Ich weiß nicht einmal, wer er eigentlich war. Aber ihn umgab so eine künstlerische, europäische Aura, als habe er in seinem nach Terpentin riechenden Koffer nicht nur Farben und Pinsel mit ins Exil genommen, sondern die ganze Melancholie der Flucht, diese zynische Intelligenz der Gescheiterten, die jenseits des Ozeans keinen Neuanfang mehr hinbekamen. Jemand hatte Mama erzählt, er sei ein großer ungarischer Künstler, ein Emigrant wie wir, und würde Geld brauchen. Es hieß, er habe in Budapest auf der Akademie gelehrt und Gott und die Welt porträtiert, sei dann aber wie unsere Familie vor den Deutschen geflohen. Ich hatte mir einen temperamentvollen Bohémien mit Malerkittel und Barett vorgestellt, doch zur Tür hereingeschlurft kam ein knochiger, braungebrannter Schlaks in einem zottigen Pullover mit mottenzerfressenen Ärmeln, und statt eines Baretts leuchtete im dunklen Zimmer nur seine spiegelglatte, gefleckte Glatze, auf der ein spärlicher Rest grauer Kraushaare wuchs. Er stellte sich als Stevan Kis vor, allerdings hatte ich immer das Gefühl, dass das nicht sein echter Name war. Manchmal trug er eine dicke Brille, dann wieder lief er ohne sie herum oder suchte nach ihr, während er ungarische Flüche ausstieß. Er grüßte nie richtig, sondern brummte nur irgendetwas. Mama und ich setzten uns gehorsam auf die Stühle, die er für uns arrangiert hatte, ich auf den höheren, Mutter auf den niedrigeren. Hinterher tat mir jedes Mal der Rücken weh, trotzdem gefiel es mir, von dem kauzigen Kerl gemalt zu werden. Mir gefiel, wie er die Augen zusammendrückte, leise etwas vor sich hinmurmelte, den Mund spitzte. Manchmal fertigte er nur ein paar Skizzen von uns an, aber er wollte uns nie etwas zeigen. Ungefähr einen Monat lang gingen wir zweimal wöchentlich zu ihm. Vorher wusch ich mir jedes Mal meinen Bubikopf mit Kamillenshampoo, drehte mir die Haarspitzen ein, legte die Perlenkette um und zog mir das rosa Chiffonkleid an, an dem ich noch eine Brosche befestigte. Außerdem trug ich einen Ring mit einem Aquamarin, einem Diamanten und Platin an der Hand, den Mama mir zum fünfzehnten Geburtstag gekauft hatte. Ich kam mir wunderschön vor, aber heute erkenne ich peinlich berührt, was für einen leeren Gesichtsausdruck ich hatte, finde auf dem Bild statt eines verträumten Blicks nur große Augen, die nichts anderes als sich selbst sehen. Dafür hat Mama in ihrem schwarzen Dior-Kleid mit der Diamantspange, die sie von Großmutter zur Hochzeit bekommen hatte, etwas von einer vornehmen Aristokratin. Was für einen wunderschönen Anblick sie bot! Und auf diesem Bild wird es immer so bleiben. Wenn wir zu unseren Sitzungen bei dem Maler aufbrachen, hatte ich jedes Mal Sorge, jemand könnte uns unterwegs überfallen und uns all diese Kostbarkeiten rauben. Das passierte aber erst zwanzig Jahre später, als in unser Haus eingebrochen wurde und die Diebe die Brosche und den Ring mitnahmen. Ich fand es aber nicht so schlimm, denn im Wohnzimmer hing immer noch das Bild, auf dem die Schmuckstücke zu sehen sind. Und Mama sieht immer noch so schön damit aus. Während der Porträtsitzungen fühlte ich mich in meinem rosa Kleid und mit den perlenfarben lackierten Nägeln wie das Dornröschen aus dem tschechischen Märchenbuch. Vielleicht war ich es auch, und der Ungar war in Wahrheit die gekränkte böse Fee, die mir eine Rose reichte, an deren Dorn ich mich stach, denn ich bin bis heute nicht aus der Sehnsucht nach dieser Zeit aufgewacht. Mama trug über dem Kleid ein schwarzes Samtcape und hatte ihr kastanienbraunes Haar aus der Stirn gekämmt, was ihr ein stolzes und majestätisches Aussehen gab. Ihre blauen Katzenaugen schauen mich noch immer unverwandt an.
Allerdings sah es damals so aus, als sollte dieses Bild niemals uns gehören. Der ungarische Maler wurde und wurde nicht damit fertig. Zuerst ließ er nicht von sich hören, dann behauptete er, die Farben müssten erst noch richtig fest werden, dann meinte er, er sei nicht zufrieden und wolle das ganze Bild noch einmal neu malen. Und schließlich erklärte er, er werde uns das Bild nicht geben, weil es sein Meisterwerk sei. Mama hatte ihn allerdings auch schon meisterlich im Voraus bezahlt, weshalb das Bild ihr zustand. Er weigerte sich jedoch hartnäckig und erklärte, er könne nicht auf sein Meisterwerk verzichten, dieses Gemälde besitze für ihn einen unschätzbaren Wert, das Geld könne er freilich auch nicht zurückzahlen, weil er es nicht mehr habe. Mama hatte nicht das Herz, mit ihm zu streiten, weshalb sie lieber meinen Onkel Dragoslav zu ihm schickte, diesen hochgewachsenen, gebildeten Serben und ehemaligen Partisanen, der mit seiner tiefen Stimme sehr langsam, sehr widerwillig und sehr eindringlich sprach. Niemand würde sich wünschen, ihm ins Gehege zu kommen. Ich weiß nicht, was mein serbischer Onkel damals zu Stevan Kis sagte. Aber vielleicht waren seine wuchtige Gestalt und seine mächtigen Schaufelhände Argumente genug, um den armen Ungarn zu überreden, ihm das Bild herauszugeben. Als es dann schließlich in unserem großen Haus in São Paulo hing, sah es so aus, als hätte die Wand, an der es befestigt war, nur darauf gewartet. Obwohl der Bildhintergrund und der schwere, goldgesäumte Rahmen dunkel waren, begann der ganze Salon zu leuchten. Heute habe ich ein etwas schlechtes Gewissen wegen der Sache und denke, ich sollte die Geschichte des alten Ungarn kennen, dem wir womöglich mit Gewalt das Bild abgenommen hatten, das uns gehörte. Kann einem überhaupt ein Gemälde gehören, darf man sich ein Meisterwerk aneignen, von dem sich der Künstler nicht trennen will? Hätten wir ihm das Bild überlassen sollen? Sollte Mamas Liebenswürdigkeit Grenzen gehabt haben?
Dieses Bild war mein letztes, Schluss, aus, Feierabend. Deshalb wollte ich es nicht herausgeben. Es war meins, mochte die Dame noch so viel dafür bezahlt haben. Diese schöne Frau, die niemals mir gehören würde, aber wenigstens auf dem Bild mir gehören konnte. Ihre blauen Augen, die halb entblößten Schultern unter dem schwarzen Samt. Sie war mir schon auf dem Schiff aufgefallen. Die Île de France war ein riesiger Dampfer, und ich hatte für die Überfahrt meine ganzen Ersparnisse ausgegeben. Wie alle anderen Passagiere waren auch sie Flüchtlinge. Und noch eine andere schöne und traurige Dame hielt sich mit ihnen auf dem Schiff auf. Ich kannte ihren Namen, Hedvika Waldesová, genannt Ička. Ihr Mann besaß eine Gemäldegalerie, und sie hatte oft die Bilder dafür ausgesucht, hatte seinen Kunstgeschmack verfeinert. Man musste ihr gefallen, um in der Sammlung der Waldes zu landen, darüber kursierten ganze Legenden. Aber die Waldes kauften im Wesentlichen tschechische Künstler. Außerdem hatte ich, was meine Kunst betraf, im Grunde längst aufgegeben. War bequem geworden, hatte mich komfortabel an der Akademie eingerichtet, wo ich mich auf meinen Lorbeeren und den duckmäuserischen Komplimenten der tumben Studentlein ausruhen konnte. Aber als ich da auf dem Schiff Ička Waldesová sah, erwachte in mir ein längst erloschenes Feuer. Sie war so traurig, und ich wollte sie unbedingt malen. Nicht weil sie reich war, nicht weil ich in ihrer Prager Gemäldegalerie hängen wollte, in die jetzt ohnehin die Nazioffiziere pissten, sondern weil ihre Trauer festgehalten werden musste … Also machte ich jeden Tag wenigstens ein paar heimliche Skizzen von ihr. Sie bemerkte es nicht oder tat so, als würde sie es nicht bemerken. Als ich das Land verlassen hatte, hatte ich mich schon damit abgefunden, dass ich nichts Bedeutendes mehr erschaffen würde, etwas, was die Mühe wert war, ein Bild, das niemanden darüber in Zweifel ließ, dass ich da gewesen war, dass ich gemalt hatte. Und das war in Ordnung, verdammt noch mal, es machte mir nichts aus. Es machte mir nichts aus, Budapest zu verlassen, eine Stadt, an der mir nie besonders gelegen war. Eine Stadt wie jede andere – ob hier, ob dort, völlig einerlei … Nur Wien mochte ich. Diese modrige Pracht, diese Zurschaustellung des schlechten Geschmacks. Adolf Loos hatte dort etwas verändern wollen, und ich war ein großer Anhänger von ihm, aber nur die Juden verstanden seinen Feldzug gegen die Schlangenlinien und Ornamente und gaben ihm Aufträge, und nun ja, das war jetzt nicht mehr gültig. Nichts war mehr gültig auf diesem Schiff, auf dem wir alle noch die Europäer spielten, erhabene Parias, Unberührbare, die sich jenseits des Kastensystems unserer Zielländer befanden, immerhin liefen wir ja nicht davon, wir waren keine Ratten, die das sinkende Schiff verließen, waren keine Feiglinge, wir fuhren nur auf eine Art Urlaub, erholten uns nur ein Weilchen von den Unbilden und Heimtücken des Schicksals, anschließend würden wir ganz gewiss wieder zurückkehren, sobald jemand für uns zu Hause die Dinge in Ordnung gebracht und alle Schlachten geschlagen hätte.
Also saßen wir um das Wasserbassin herum, tanzten unter dem Sternenhimmel Walzer und aßen auf Silbertellern zu Mittag. In unserem Gepäck außer Angst auch Wut – zumindest in meinem. Schließlich hätte ich bis in alle Ewigkeit talentierte Söhnchen und Töchterchen auf der Akademie unterrichten und am Wochenende hübsche Kurven malen können, die gut geheiratet hatten, Honoratiorensprösslinge, gelegentlich einen moppeligen Bankier, und ich hätte ausgesorgt. Doch dann wurde mein jüdischer Nachname störend, und dank der vornehmen Damen, deren Gatten an den richtigen Stellen saßen, erfuhr ich rechtzeitig, dass es mit der Gemütlichkeit aus und vorbei war, finito.
Wenn ich geglaubt hatte, dass man sich in Brasilien um meine Bilder reißen würde, hatte ich mich getäuscht. Keiner verstand hier, warum er dafür zahlen sollte. Für die Menschen hier war Kunst ein so nichtssagender Begriff wie Weltraum oder Muckelsdorf. Die Europäer vom Schiff hatten sich in alle Winde zerstreut und versuchten sich eine eigene Existenz aufzubauen – Gemälde fürs Wohnzimmer waren da das letzte Problem, das sie beschäftigte. Oder sie hatten in Holzkisten schon ihre eigenen Bilder mitgebracht und keinen Bedarf an neuen. Ich ging mit den Preisen runter, erniedrigte mich, doch nichts davon half. Selbst einen anderen Namen legte ich mir zu. Ich dachte, mein Name, der in der Heimat berühmt war, würde mir hier nur Pech bringen, und stellte mir vor, wenn ich mich anders nenne, würden die Musen, die meinen alten Namen nicht mehr hören konnten, mich wieder aufsuchen. Ich erniedrigte mich sogar so weit, dass ich auf dem Platz vor der Kathedrale Karikaturen anfertigte … und dann gab ich’s auf. Verkroch mich in mein möbliertes Zimmer, legte mich ins Bett und wartete. Fragen Sie nicht, worauf. Ich hatte einfach aufgegeben, konnte nicht mehr. Und da klopfte es an der Tür, und dort stand sie. Ich erkannte sie sofort wieder. Sie hinkte auf einem Bein, was erst eine wahre Göttin aus ihr machte. Wer sich nicht mit Kunst beschäftigt oder sowieso keinen Geschmack besitzt, wird nicht verstehen können, was ich meine, aber diese kleine Unvollkommenheit, dieser Hinweis darauf, dass Schönheit niemals Perfektion bedeutet, machte sie zu einem echten Kunstwerk. Sie kam herein, stellte sich vor und fragte mich, ob ich sie und ihre Tochter malen könne; sie habe gehört, ich sei einer der besten Porträtmaler Europas und hätte derzeit nicht viele Aufträge. Sie wusste sehr wohl, wer ich war, benutzte aber dennoch meinen neuen Namen. Sie sprach mit Respekt, mit jener Grazie, die man in Wien pflegte, und so wienerisch war auch ihr Deutsch. Zugleich war sie eine gute Geschäftsfrau – natürlich, die Tochter ihres Vaters. Ich antwortete, ich würde sie und ihre Tochter malen, aber nur zu dem Preis, den man mir in Europa gezahlt hätte, denn wie sie schon richtig gesagt habe, sei ich ein ausgezeichneter europäischer Porträtmaler und nicht irgendein Pinselheinrich aus dem Urwald. Dass wir Deutsch miteinander sprachen, war eine Erleichterung für mich, denn ich weigerte mich, das hiesige Kauderwelsch zu benutzen, diese ganzen Nasale, die sich französisch gaben, dazu das halbkehlige R und eine Grammatik, die schon jeder Logik entbehrt hatte, als man in dieser Sprache das erste Mal »Mama« sagte. Ich redete also und redete, palaverte wie verrückt auf Deutsch, ganz aus dem Häuschen darüber, dass ich mit jemandem reden konnte, ohne mir dabei die Zunge verknoten zu müssen. Und diesen Moment, in dem sie so nahe war und ich sie ansehen konnte, wollte ich so lange wie möglich auskosten. So lange wie möglich ausdehnen, ins Endlose ziehen.
Spitzbuben
240 g Mehl
140 g Butter
140 g Zucker
70 g geschälte und gehobelte Mandeln
2 Eigelb
Saft und geriebene Schale einer Zitrone
Der Teig wird dünn ausgerollt, mit Förmchen ausgestochen und gebacken.
Jeweils zwei gebackene Spitzbuben mit Konfitüre zusammenkleben.
Man bekam furchtbar klebrige Finger davon, denn gegen die weihnachtliche Hitze in Batatuba hatten Teig und Marmelade keine Chance. In das runde Loch in der Mitte der Plätzchen kam Jaboticaba- oder Mangomarmelade hinein. Eigentlich heißt das Gebäck anders, aber Linzer Augen sagen mir nichts, es waren eben einfach Spitzbuben, weil sie frech an den Fingern pappten. Doch als ich dann einmal welche in Zlín probierte, war es nicht dasselbe. So wie sich überhaupt alles anders anfühlte, als ich es mir vorgestellt hatte, als ich zum ersten Mal dorthin fuhr, wohin Großmutter und Großvater nicht mehr hatten zurückkehren können. Ich hatte Freiheit spüren wollen, stattdessen empfand ich Zärtlichkeit. Zärtlichkeit gegenüber diesen viel zu großen Gebäuden, dem bewölkten Himmel, der so nah war und auf mich herabzufallen schien, statt hell zu leuchten und mir die Richtung zu weisen, wie es der brasilianische Himmel vermag, der
