Mit den Augen der Anderen -  - E-Book

Mit den Augen der Anderen E-Book

0,0

Beschreibung

Fünf Jahre nach dem Tod Helmut Kohls am 16. Juni 2017 und 40 Jahre nach Beginn seiner Kanzlerschaft am 1. Oktober 1982 legen dessen Biographen Heribert Schwan und Rolf Steininger ein ungewöhnliches Buch vor: 36 Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus dem In- und Ausland, die jene 16 Jahre der Kohl-Ära hautnah miterlebt und maßgeblich mitgestaltet haben. Diese Interviews, die in den Jahren 2007 und 2008 im Zusammenhang mit der von den Herausgebern produzierten mehrteiligen WDR-Fernsehdokumentation "Bonner Republik" entstanden sind, vermitteln ein einzigartiges Bild vom Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas. Sie werden hier ungekürzt abgedruckt: Kurt Biedenkopf, Norbert Blüm, Eberhard Diepgen, Klaus von Dohnanyi, Joachim Gauck, Heiner Geißler, Hans-Dietrich Genscher, Michail S. Gorbatschow, Roman Herzog, Hans-Ulrich Klose, Lothar de Maizière, Friedrich Nowottny, Günter Schabowski, Wolfgang Schäuble, Richard Schröder, Rudolf Seiters, Lothar Späth, Rita Süssmuth, Richard von Weizsäcker, Theo Waigel (u.a.).

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 694

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

Heribert Schwan/Rolf Steininger (Hrsg.)

Mit den Augen der Anderen

 

 

© 2022 by Studienverlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

E-Mail: [email protected]

Internet: www.studienverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7065-6265-2

Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation, Scheffau – www.himmel.co.at

Satz: Studienverlag/Maria Strobl – www.gestro.at

Umschlag: Studienverlag/Karin Berner

Umschlagabbildung: Angelobung des ersten gesamtdeutschen Kabinetts unter Bundeskanzler Helmut Kohl am 18. Januar 1991, © Oliver Berg/dpa/picturedesk.com/19910118_PD0046

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.studienverlag.at

Inhalt

Vorbemerkung

Einleitung

Interviews

Jacques Attali

James Baker

Édouard Balladur

Kurt Biedenkopf

Norbert Blüm

Jacques Delors

Eberhard Diepgen

Klaus von Dohnanyi

Roland Dumas

Valentin M. Falin

Joachim Gauck

Heiner Geißler

Hans-Dietrich Genscher

Michail S. Gorbatschow

Roman Herzog

Douglas Hurd

Hans-Ulrich Klose

Lothar de Maizière

John Major

Markus Meckel

Hans Modrow

Friedrich Nowottny

Jürgen Rüttgers

Günter Schabowski

Wolfgang Schäuble

Eduard Schewardnadse

Friedrich Schorlemmer

Richard Schröder

Brent Scowcroft

Rudolf Seiters

Lothar Späth

Rita Süßmuth

Wolfgang Thierse

Hubert Védrine

Richard Karl Freiherr von Weizsäcker

Theo Waigel

Literaturhinweise

Die Herausgeber

Vorbemerkung

Am 1. Oktober 2022 jährt sich zum 40. Mal der Beginn der 16-jährigen Kanzlerschaft Helmut Kohls. Ein wichtiges Datum, das sich für einen historischen Rückblick geradezu aufdrängt. Die Herausgeber wollen mit diesem Buch an das 40-jährige Regierungsjubiläum erinnern.

Jedes Werk hat eine Geschichte: Im Jahr 2009 feierte die Bundesrepublik Deutschland ihren 60. Geburtstag. Diesen Jahrestag nahm die ARD zum Anlass für die Produktion einer mehrteiligen Fernsehdokumentation. Im Auftrag des Kölner Westdeutschen Rundfunks (WDR) haben wir dafür Interviews mit jenen Akteuren aus dem In- und Ausland geführt, die diese Republik hautnah miterlebten und maßgeblich mitgestalteten. In den aufwendig produzierten Zeitzeugengesprächen wurden die wichtigsten Stationen dieser Jahre noch einmal lebendig: in der Adenauer-Ära, in den Kanzlerschaften Ludwig Erhards, Kurt Georg Kiesingers, Willy Brandts und Helmut Schmidts.

Ein besonderer Schwerpunkt waren die 16 Jahre Regierungszeit Helmut Kohls mit dem Höhepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte: der Wiedervereinigung im Jahr 1990 und den mit dieser Zäsur verbundenen Problemen. Im vorliegenden Buch geht es um diese 16 Jahre der Kohl-Ära. Mit dem nötigen Abstand von fast zehn Jahren zum Ende seiner Kanzlerschaft und mit dem Wissen um die wichtigsten Ergebnisse der historischen Forschung wurden die Interviews in den Jahren 2007 und 2008 aufgezeichnet. Für viele Zeitzeugen waren es letzte Vermächtnisse. Eine ganze Reihe von damaligen Interviewpartnern lebt heute nicht mehr. So entstand ein zeithistorischer „Schatz“ von ganz besonderer Qualität und Aussagekraft, der lange Zeit im WDRArchiv lag. Für dieses Buch haben wir 36 der wichtigsten und interessantesten Interviews ausgewählt. Sie werden hier im Original abgedruckt. Unser Dank gilt dem WDR für die Überlassung der Texte und den Interviewten für ihre Unterstützung.

Köln/Innsbruck, im Juni 2022

Heribert Schwan/Rolf Steininger

Einleitung

Am 6. Dezember 1989 schickte der britische Botschafter in Bonn, Christopher Mallaby, eine für die damalige Situation erstaunlich weitsichtige Analyse über den deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl an das Foreign Office nach London:

„Kohl spielt das Spiel seines Lebens, mit hohem Risiko. Wenn er es richtig spielt, wird er die Bundestagswahl im nächsten Jahr gewinnen und dann kann er als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingehen. Aber nur ein falscher Tritt, und er kann alles verlieren. Die nächsten Monate – möglicherweise auch nur Wochen – sind entscheidend. Kohl weiß das.“

Botschafter Mallabys Chefin, Premierministerin Margaret Thatcher, sah das vollkommen anders. Sie war eine erbitterte Gegnerin der Wiedervereinigung, Helmut Kohl erschien ihr als Nationalist, der auf die Gefühle der übrigen Europäer keinerlei Rücksicht nahm und vergessen zu haben schien, „dass die Teilung Deutschlands die Folge eines Krieges ist, den Deutschland angefangen hat“, wie sie Frankreichs Staatspräsidenten François Mitterrand vertraulich mitteilte.

Mitterrand spielte ein Doppelspiel. Scheinbar ein Freund Helmut Kohls, war auch er ein Feind der Wiedervereinigung. In seinen Augen hatte die Aussicht auf Vereinigung die Deutschen „in eine Art mentalen Schock versetzt“; sie seien wieder jene „bösen Deutschen“ geworden, die sie einmal gewesen seien, sie würden mit einer gewissen Brutalität vorgehen, nach einer möglichen Wiedervereinigung werde Kohl mehr Einfluss in Europa haben, als Hitler je hatte, wie Mitterrand Thatcher anvertraute.

Für Kremlchef Michail Gorbatschow stand noch Anfang Dezember 1989 das Urteil der Geschichte fest: zwei deutsche Staaten. Und Russlands Außenminister Eduard Schewardnadse meinte zum Zehn-Punkte-Plan Kohls: „Selbst Hitler hat sich so etwas nicht geleistet“, während Gorbatschow ergänzte: „Kanzler Kohl behandelt die Bürger der DDR schon so wie seine Untertanen. Das ist ganz einfach offener Revanchismus.“

Der vielzitierte Zehn-Punkte-Plan – eine Art Fahrplan für die Wiedervereinigung – erreichte den amerikanischen Präsidenten George Bush zeitgleich mit der Verkündung durch Kohl im Bundestag am 28. November. Das war kein Übermittlungsfehler, wie man lange Zeit lesen konnte, sondern Absicht: Bush sollte keine Gelegenheit haben, etwas gegen den Plan einwenden zu können. Die Amerikaner waren über dieses Vorgehen ziemlich konsterniert.

Dies sind nur einige Hinweise darauf, wie kompliziert der Weg zur Einheit war und dass er jedenfalls nicht so einfach war, wie auf so manchem Veteranengipfel erzählt wird.

In den 329 Tagen vom Mauerfall am 9. November 1989 bis zur Einheit am 3. Oktober 1990 agierte Helmut Kohl „wie so ein Caterpillar“ – mit diesem Vergleich mit schweren Baumaschinen hat ihn Klaus Kinkel, zwischen 1992 und 1998 Nachfolger von Hans-Dietrich Genscher als Außenminister, später treffend charakterisiert.

Kohl beseitigte geschickt die Widerstände gegen die Wiedervereinigung in London, Paris und Moskau – abgesichert durch die Unterstützung der USA mit Präsident Bush an der Spitze.

Für Kohls Kritiker waren der Sturz Helmut Schmidts und Kohls Wahl zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 eher ein Versehen gewesen. Viele glaubten an ein kurzes Intermezzo und hofften auf ein Scheitern Kohls. Sie unterstellten dem CDU-Mann Unvermögen und Defizite auf fast allen politischen Feldern. Von ihm erwartete man nicht viel. Von den politischen Gegnern und der Presse wurde er denn auch jahrelang unterschätzt. Die Kritiker machten sich lustig über die „Birne“ aus der Pfalz und stellten ihn als „tumben Tor“ dar.

Dabei hätten sie besser einen Blick auf die Karriere des Helmut Kohl bis zu diesem Zeitpunkt werfen sollen: Er war von Anfang an ein zielstrebiger Politiker, der, wo immer er antrat, an die Spitze wollte. Und es auch schaffte. Und zwar – worauf er mit Stolz immer wieder verwies – durch demokratische Wahlen. Sich zu profilieren und gleichzeitig für die CDU zu werben, das machte sein Erfolgsrezept in den fünfziger und sechziger Jahren aus.

Kohls taktisches Geschick wurde schon damals vielfach unterschätzt. Dabei war er bei seinem Aufstieg immer und überall der Jüngste: 1959 als Landtagsabgeordneter in Mainz, 1963 als Fraktionschef, 1966 als CDU-Landesvorsitzender, 1969 mit 39 Jahren als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, 1982 als Bundeskanzler. Während seiner Amtszeit als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident trieb er die Modernisierung des Bundeslandes voran und nutzte sein Gespür für Menschen und die Fähigkeit, neue politische Begabungen zu entdecken – ein wichtiger Schlüssel für seine erfolgreiche Landes- und später Bundespolitik. So umgab er sich mit Ministern, die die junge Garde repräsentierten, etwa Kultusminister Bernhard Vogel und Sozialminister Heiner Geißler, und versuchte, das von ihm immer wieder beschworene Prinzip der Bürgernähe in die Tat umzusetzen.

Als CDU-Landesvorsitzender saß er seit 1966 im Bundesvorstand der Partei, wo er die Altherrenriege gewaltig aufmischte. Aus seiner Sicht befand sich die CDU in einem miserablen Zustand, sie war keine Partei für eine moderne Industriegesellschaft. Immer wieder wies er auf die Defizite der Partei hin, die er nach seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden 1973 zu einer modernen Organisation umstrukturierte – und zu einem Instrument für seine Politik machte. Das blieb so bis 1998.

Kohls politische Stärke während seiner 16-jährigen Regierungszeit als Kanzler und der 25 Jahre als Bundesvorsitzender der CDU war sein ungebrochenes Vertrauen in die eigene Person; seine Schwäche bestand in seiner Unfähigkeit, jemanden gleichberechtigt neben sich zu tolerieren. Er bediente sich der Fertigkeiten anderer, vermittelte ihnen Vertrauen, aber wehe, wenn sie nicht auf seiner Schiene liefen! Dann konnte er unerbittlich nachtragend sein. Dabei scheute er vor Meinungsführerschaft in grundsätzlichen Fragen der Innen- und Außenpolitik nicht zurück.

Viele hielten Kohl für zuverlässig und vertrauenswürdig, für einen der Ihren. Er diente als Identifikationsfigur und vermittelte vielen Bürgern Vertrauen in seine unbeirrbaren Überzeugungen. Kohls besondere Stärke war seine Belastbarkeit und seine Regenerationsfähigkeit nach strapaziösen Stunden, Tagen und Wochen. Kohl ruhte in sich selbst, schien mit sich selbst zutiefst einig zu sein. Er besaß eine unkomplizierte, klare Sicht der Dinge, machte unbekümmert das, was er für richtig hielt. Er dachte und handelte nicht intellektuell, sondern organisatorisch-pragmatisch.

Zu seinen persönlichen Stärken gehörte seine Prinzipientreue. Während er im kleinen Kreis durch einen reichhaltigen Schatz an differenzierten politischen Kenntnissen beeindrucken konnte, war die öffentliche Wahrnehmung seiner Person eine ganz andere: Kohl galt als behäbig und glanzlos.

Kohl hielt viel von persönlichen Beziehungen – auch und gerade im politischen Leben. Das galt für die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, für George H. W. Bush und Bill Clinton, für Gorbatschow und Jelzin – und auch für Mitterrand.

Nach 16 Jahren Kanzlerschaft kam dann auch ein wenig Überheblichkeit hinzu: Bei der Wahlniederlage 1998 hatte sich Kohl verschätzt und seine Popularität überschätzt. Sein Handwerkszeug eines Virtuosen der Macht und seine Spürnase für politische Entwicklungen hatten versagt.

Als dann noch bekannt wurde, dass er für die Partei nicht deklarierte Spenden angenommen hatte und sich weigerte, die Namen der Spender zu nennen, geriet er in den Fokus öffentlicher und politischer Kritik. Seinem Ansehen schadeten außerdem angeblich verschwundene Akten und gelöschte Dateien im Bundeskanzleramt. Diese Vorwürfe konnten nicht bewiesen werden, die Ermittlungen wurden eingestellt.

Seit einem schweren Sturz im Jahr 2008 saß der Altkanzler im Rollstuhl. Auch wenn ihm mancher seiner Kritiker lange Zeit – vor allem wegen der Spendenaffäre – keine politische Größe zubilligen mochte: Kohls Verdienste stehen bei allen Fehlern, die er gemacht hat, außer Zweifel. In den 16 Jahren seiner Kanzlerschaft stellte er wichtige Weichen für die Zukunft Deutschlands und Europas: Er setzte den NATO-Doppelbeschluss um, er erreichte die deutsche Einheit und förderte die Einigung Europas mit der Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung. Am 16. Juni 2017 ist Helmut Kohl mit 87 Jahren gestorben.

Jacques Attali

Geb. 1943; Professor; 1981–1989 Berater des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand.

Wie war das Verhältnis zwischen Mitterrand und Kohl?

Ich möchte zunächst eine einleitende Erklärung abgeben. Die Tatsache, dass ich Jude bin, ist für mich nicht ohne Bedeutung bei meinem Verhältnis zu Deutschland. Ich habe nicht vergessen, dass die Mitglieder meiner Familie in den Konzentrationslagern umgekommen sind. Ich habe Deutschland gegenüber immer großes Misstrauen bewahrt.

Als Präsident Mitterrand Bundeskanzler Kohl zum ersten Mal traf, war ich äußerst erstaunt, dass sich der Kanzler nach wenigen Minuten an mich wandte, um mit mir darüber zu sprechen. Und das spielte eine wichtige Rolle für die Art und Weise, mit der ich danach diese Geschichte gesehen habe. Er hat zu mir gesagt, er sei tief bewegt, dass der wichtigste Mitarbeiter des französischen Staatspräsidenten jemand ist, der eine mit Deutschland verbundene persönliche Verletzung habe, dass er, wie jedermann wisse, durch den Krieg, durch diese Geschichte tief getroffen sei und dass er die deutsche Schuld, er hat dieses Wort mir gegenüber sehr oft verwandt, als etwas Unabänderliches erlebe. Und in der Folge haben wir sehr oft darüber gesprochen bei 1001 Gelegenheit und bei 1001 Anlass. Ich habe diese Haltung sehr geschätzt.

Bundeskanzler Kohl ist ein außergewöhnlicher Mensch. Ich bin voller Bewunderung für diesen Mann, der mit François Mitterrand zu sprechen wusste und seinen Weg zu ihm fand. Sie hatten viele Dinge gemeinsam: Provinzbewohner, die der Hauptstadt misstrauten; kultivierte Männer, die den Intellektuellen misstrauten, im eigenen Land verunglimpfte Männer, die aber zugleich eine politische Vision hatten. Leidenschaftliche Europäer, die in der Lage waren, in für sie wesentlichen Dingen für Europa Kompromisse einzugehen. Daher war die Beziehung von Anfang an ausgezeichnet; in den über zwölf Jahren sahen sie sich einmal pro Monat; ich war bei allen Unterredungen dabei, vielleicht von einer Ausnahme abgesehen.

Es verging keine Woche, ohne dass der Präsident und der Kanzler miteinander sprachen, und kein Monat, ohne dass sie sich trafen. Selbst bei multilateralen Reisen, europäischen Gipfeltreffen, G8-Gipfeln gab es immer eine private Sitzung, ein Frühstück zu zweit, zu viert oder zu sechst mit den Dolmetschern und meinem deutschen Amtskollegen und mir; es gab also eine vollkommene Vertrautheit.

Diese entsprang zunächst der deutsch-französischen Notwendigkeit, zusammenzuarbeiten. Sie kam daher, dass diese beiden Männer geradezu besessen waren von der Idee, Europa aufzubauen, und sie hatten sofort begriffen, dass sie dafür gemeinsame Träume haben mussten. Sie mussten gemeinsam träumen; und im Laufe dieser Frühstücke, Mittagessen oder Treffen kamen 15 Ideen, wirkliche Ideen, die man als müßige politische Plauderei bezeichnen könnte. Man stellte diese Ideen auf die Probe. Eine von 50 hielt stand und eine von 1000 wurde Realität. So war es mit dem Schengener Abkommen, so wurde der Euro geboren.

Erinnern Sie sich an die entscheidenden Momente beim Schengener Abkommen und dem Euro?

An das Schengener Abkommen erinnere ich mich sehr gut. Es war eine Idee von Bundeskanzler Kohl bei einem Frühstück. Er hatte irgendwo gelesen, dass die Leute Schwierigkeiten hatten, die Grenze zu passieren, dass es Zeit kostete. Und da hat er gesagt: „Warum schaffen wir die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland nicht ab?“ Und François Mitterrand drehte sich zu mir um und sagte: „Nun, wir werden das prüfen.“ Wir haben es geprüft, und es ist erst eine deutsch-französische Realität geworden, dann mit Belgien, und jetzt ist es eine Realität für alle Beteiligten.

Der Euro ist ein ständiger französischer Wunsch gewesen; wir haben immer und immer wieder darauf beharrt. Anfangs wollte Kohl die D-Mark nicht aufgeben, wollte aber um jeden Preis das Recht bekommen, die Atomfrage mitzuentscheiden, d. h. auf den französischen Atomknopf zu drücken. Wir haben die Deutschen in gewisser Weise auf den Gedanken gebracht, man könnte ihnen vielleicht eines Tages ein Kontrollrecht einräumen, wovon aber absolut nicht die Rede sein konnte. Ich kann den deutschen Standpunkt verstehen, denn die französischen Atomwaffen konnte man in Deutschland einsetzen; man konnte also verstehen, dass sie ein Interesse daran hatten zu wissen, was man damit machen würde. Es gibt nur einen Finger auf dem Knopf, etwas anderes ist nicht möglich.

Und daher haben wir parallel die militärische Zusammenarbeit und die währungspolitische Zusammenarbeit aufgebaut. Und dann gab es die Beschleunigung durch den Fall der Mauer, der im schlechtesten Augenblick geschah, da es der Zeitpunkt war, als wir den Euro machen wollten. Glücklicherweise gab es Bundeskanzler Kohl, denn normalerweise hätte der Fall der Mauer das Euro-Projekt zunichtegemacht.

Der Euro ist nicht das erste deutsch-französische Projekt des „Danachs“, er ist das letzte deutsch-französische Projekt der Bonner Republik. Es ist ein Projekt, das keine Daseinsberechtigung mehr hatte in einem von Dankbarkeit und wiedergefundener Macht erfüllten Deutschland. Es zeugt von Bundeskanzler Kohls Größe, dass er trotzdem die Einführung des Euro akzeptierte.

James Baker

Geb. 1930; 1989–1993 Außenminister unter Präsident George H. W. Bush.

Die USA und die Wiedervereinigung.

Wir hatten großes Vertrauen in die deutsche Staatsführung. Wir setzten großes Vertrauen in Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Wir hatten im Februar 1990 ein Treffen mit Kohl in Camp David. Ihm ging es darum, sich die Unterstützung Amerikas für die deutsche Wiedervereinigung gegen die Vorbehalte Frankreichs, Großbritanniens und der Sowjetunion zu sichern. Wir erklärten dann:

„Helmut, wir sprechen über diese Fragen schon seit 40 Jahren, daher wäre es wohl auch falsch, wenn wir nicht versuchen würden, [die Wiedervereinigung] jetzt zu vollenden, da wir die Gelegenheit dazu haben. Wir möchten allerdings auch sicher sein, dass sich Deutschland nach der Vereinigung an den Westen anlehnt und sich nicht dem Osten zuwendet. Und wir glauben, dass ein neutrales Deutschland im Herzen Europas eine Quelle der Instabilität wäre und keine Stabilität erzeugt. Wir möchten definitiv kein Deutschland, das sich am Osten orientiert und sich gegen den Westen ausrichtet.“

Er erwiderte: „Sie haben meine Unterstützung in dieser Frage, und Sie haben meine Zusage.“ Wir glaubten ihm, und das erwies sich als richtig. Der Prozess der deutschen Wiedervereinigung lief nicht völlig ohne Spannungen ab, es war nicht immer volle Harmonie zwischen den USA und Deutschland. Es gab strittige Themen etwa bezüglich der polnischen Grenze, aber es gab keine grundsätzlichen Probleme. Wir hielten zusammen und nutzten diese zeitlich begrenzte Gelegenheit zur erfolgreichen Vereinigung.

Die Zwei-plus-Vier-Gespräche. Von wem kam der Vorschlag?

Das war im Grunde eine amerikanische Idee, die von meinen Mitarbeitern im State Department entwickelt wurde. Als ich dann den Entwurf mit Hans-Dietrich [Genscher] durchging, sagte er: „Ja, das ist eine gute Lösung“, und er zeichnete den Entwurf ab. Die Zustimmung zu diesem Vorschlag wurde auf der „Open-Skies-Konferenz“ in Kanada erzielt, bei der ich das Einverständnis der Franzosen, der Briten, der Deutschen und der Sowjets erhielt, nur um dann plötzlich festzustellen, dass man im Weißen Haus möglicherweise einen anderen Plan verfolgte. Nun, es gab einige Leute im Nationalen Sicherheitsrat, die die Zwei-plus-Vier-Gespräche ablehnten. Ich griff daher zum Telefon und rief Präsident Bush an, dem ich sagte: „Moment bitte, das ist doch unsere eigene Politik. Ich habe es doch bereits geschafft – es ist hier alles vorbereitet“, woraufhin er erwiderte: „Ich bin aber nicht sicher, ob es auch die Politik von Kanzler Kohl ist.“ Ich entgegnete: „Dann rufen Sie Kanzler Kohl am besten sofort an.“ Daraufhin griff ich zum Hörer und rief Genscher an, um ihn zu bitten, Kohl anzurufen und ihm zu sagen, dass Präsident Bush ihn anrufen würde, und dass er [Kohl] den Zwei-plus-Vier-Vorschlag unterstütze solle, wenn er dies wolle. Selbstverständlich unterstützte er das Zwei-plus-Vier-Konzept. Es waren also viele Faktoren im Spiel, und ehrlich gesagt, rückblickend erscheint es 20 Jahre später schon bemerkenswert, dass wir es geschafft haben. Aber wir haben es ja wirklich geschafft.

Édouard Balladur

Geb. 1929; 1986–1988 Staatsminister im Wirtschafts- und Finanzministerium unter Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac; 1993–1995 französischer Premierminister.

1993 schreiben Sie in Ihrem Buch „Des modes et des convictions“: „Wie die europäische Architektur aussehen wird, hängt im Wesentlichen von Deutschland ab.“ 1994 formulierten dann die Fraktionen im Bundestag Thesen über den Kern Europas. Hat sich die französische Regierung in die Defensive gedrängt gefühlt?

Ich habe diesen Satz geschrieben, weil es nach der deutschen Wiedervereinigung offensichtlich war, dass die Zukunft Europas von der Position abhängen würde, die Deutschland in Europa einnehmen wollte, und von der Stellung, die es Europa und der Europäischen Union einräumen würde, gemäß seiner außenpolitischen Sicht.

Zum Thema des Vorschlags von 1994. Damals hatte ich schon einen Vorschlag der gleichen Art gemacht: dass Europa in Gruppen gegliedert werden sollte, d. h., ein Europa mit einem gemeinsamen Recht, das für alle gilt, und engere Verbindungen zwischen den europäischen Ländern zum Beispiel, was Verteidigung und Währung betrifft.

Dennoch war mein Vorschlag anders, weil ich nicht glaubte, dass man einen einzigen harten Kern brauche. Damals ging es um das Europa der 12; wenig später ist daraus das Europa der 15 geworden. Ich denke, es ist nicht notwendig, dass sich nur drei oder vier Länder Europas untereinander zusammenschließen. Das wären im Übrigen im Wesentlichen Frankreich, Deutschland, Benelux und vielleicht Italien gewesen, d. h., die Gründer der europäischen Gemeinschaft zur Zeit der Römischen Verträge.

Ich habe mich durch den vorgelegten Vorschlag keineswegs bedroht gefühlt, weil ich schon lange gesagt hatte, dass nicht alle europäischen Länder im Gleichschritt und mit der gleichen Geschwindigkeit in dieselbe Richtung voranschreiten können und dass engere Verbindungen notwendig wären. Im Übrigen ist gerade das mit dem Vertrag von Maastricht passiert, der die Euro-zone geschaffen hat, in der nicht alle europäischen Länder vertreten sind, und mit dem Schengener Abkommen, die ein Europa der Sicherheit geschaffen haben, in dem nicht alle Länder vertreten sind. Von daher glaube ich, dass die Konzeption eines gleichförmigen Europas heutzutage vorbei und nicht mehr aktuell ist. Vor allem, da wir nun 25 und bald 27 sind. Europa wird nicht gleichförmig sein. Wir werden nicht 25 oder 27 sein, die dasselbe in derselben Richtung machen. Schon jetzt sind wir das nicht. Wir sind nicht alle im militärischen Europa, wir sind nicht alle im Europa der Sicherheit, sind nicht alle im monetären Europa.

Ich glaube, dass die Zukunft Europas ein gemeinsamer Sockel ist, auf dem sich jeder wiederfindet, und dann engere Verbindungen auf allgemeiner oder funktionaler Ebene zwischen Gruppen mit einer begrenzten Anzahl von Staaten.

Erinnern Sie sich noch, wo Sie waren, als Sie mit Kanzler Kohl über den Plan einer europäischen Gruppenbildung sprachen?

Das war bei einer Sitzung, die im Herbst 1994 in Deutschland stattgefunden hat. Schon mehrere Wochen vorher hatte ich meinen Vorschlag veröffentlicht. Kohl hat mir gesagt, man müsse darüber sprechen, das sei interessant. Übrigens hat er mich Anfang Januar 1995 zu Hause in Chamonix besucht; wir haben einen angenehmen Tag verbracht und über das eine und andere diskutiert. Die Gespräche in entspannter Atmosphäre mochte er sehr.

Der Kanzler ist jemand mit einer sehr menschlichen Seite, der denkt, dass der zwischenmenschliche Austausch viel wichtiger ist als die Lektüre von Unterlagen, die ein wenig zu abstrakt und zu theoretisch sind. Er hält viel vom persönlichen Kontakt, und ich erinnere mich, dass er mich mit meiner Frau und einem meiner Söhne Anfang 1994 zu sich eingeladen hatte. Als wir zu ihm kamen, trafen wir seine Frau und auch einen seiner Söhne, da ja einer meiner Söhne damals in Deutschland arbeitete, und wir haben einen sehr angenehmen Tag verbracht.

Als er Sie in Chamonix besucht hat, haben Sie mit ihm über Europa gesprochen. Was haben Sie ihm gesagt? Wie hat er reagiert?

Vorsichtig. Er hat mir freundlich gesagt, dies sei alles sehr interessant, aber offenbar hatte er keine Lust, sich zu schnell festzulegen. Ich glaube auch, dass ihm die Idee des harten Kerns nicht so gefiel, und er wollte nicht, glaube ich, das Gefühl erwecken, Deutschland sei wie Frankreich ein großes Land, es wollte die Probleme regeln, ohne jeden daran zu beteiligen.

Eine starke Seite von Kanzler Kohl war seine gute Kenntnis der Geschichte. Er hegte den Wunsch, allen europäischen Ländern zu zeigen, auch wenn es die kleinsten, die schwächsten oder solche mit sehr geringer Bevölkerung waren, dass er Wert darauf legt, deren Meinung zu kennen und ihnen nicht den Willen einiger bedeutenderer Länder aufzuzwingen. In dieser Hinsicht hatte er vielleicht Bedenken bezüglich meines eigenen Standpunkts; nicht, dass ich denken würde, dass wir unseren Willen den schwächeren Ländern aufzwingen wollten, das will ich damit überhaupt nicht sagen. Aber man muss realistisch sein, von Anfang an hat der Fortschritt im Wesentlichen auf dem deutschfranzösischen Bündnis basiert. Es ist der Motor gewesen. Ob es immer noch der Motor ist, das ist eine andere Frage.

Sie haben eben gesagt, dass Kanzler Kohl gerne unter vier Augen sprach; führt das Ihrer Meinung nach zu etwas, ist das auch Ihre Art?

Ja, ich glaube, das ist sehr nützlich, es ermöglicht, vertrauensvollere Beziehungen zu den anderen aufzubauen. Die Beziehungen sind dann nicht so kühl.

Kurt Biedenkopf

1930–2021; 1967–1969 Rektor der Ruhr-Universität Bochum; 1973–1977 CDU-Generalsekretär; 1990–2002 Ministerpräsident des Freistaats Sachsen.

Wann haben Sie Helmut Kohl kennengelernt?

1965/66. Ich war schon in Bochum.

Welchen Eindruck hatten Sie damals von ihm?

Kohl war damals im Verhältnis zu Adenauer oder im Verhältnis zur älteren Generation für die CDU ein Hoffnungsträger. Er ist meine Generation. Wir sind ja nur zweieinhalb Monate auseinander. Für viele von uns war er ein Mann, der immerhin mit 39 Jahren Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz geworden war und vorher schon als Fraktionsvorsitzender eine ziemliche Macht hatte und der berufen schien – und er war es ja auch in vieler Hinsicht –, aus der altväterlichen CDU, der Altherren-CDU, eine lebendige CDU zu machen.

Kohl wird im Juni 1973 zum Vorsitzenden der CDU gewählt und schlägt Sie als Generalsekretär vor.

Als Helmut Kohl mich zum ersten Mal fragte, wir trafen uns in der Nähe von Koblenz, war ich sehr unsicher, ob ich das machen soll. Es sprach sehr viel dagegen. Ich war auf dem Wege, eine wirklich interessante Karriere in der Wirtschaft zu machen, mit sehr schönen Perspektiven, keineswegs nur finanziell, sondern auch sonst. Bei Konrad Henkel zu arbeiten, in diesem Unternehmen. Im Grunde war das für mich ein bisschen Heimkehr in Chemie. Mein Vater war in der Chemie.

Als dann Helmut Kohl fragte, habe ich das eine Weile mit mir herumgetragen und dann habe ich das dem Konrad Henkel erzählt. Er hörte sich das an und sagte: „Das können Sie nicht ablehnen.“ Ich habe es dann gemacht, und ich habe es auch nicht bereut. Aber ich habe es bei mir immer limitiert auf vier Jahre. Ich wollte nicht Politik zu meinem Beruf machen. Das wollte ich nicht.

Was war das Notwendigste, was als Generalsekretär der CDU anzupacken war?

Unser gemeinsamer Auftrag war – es war nicht nur meiner, es war vor allen Dingen auch Helmut Kohls Auftrag –, eine neue CDU zu schaffen. Das haben wir auch gemacht. Wir haben die ganze Führung neu organisiert. Die Partei hatte damals 300.000 Mitglieder. Am Ende der vier Jahre hatte sie fast 700.000.

Sie haben Helmut Kohl zum Kanzlerkandidaten der CDU/CSU für die Bundestagswahl 1976 ausgerufen.

Ja, und das hat mir Franz Josef Strauß nie verziehen. Er war stinksauer. Er war vor allen Dingen deshalb stinksauer, weil er gerne den Helmut Kohl vorgeschlagen hätte. Auf diese Weise hätte er die Kontrolle über die Sache behalten. Er hat es sehr ungern gesehen, dass die CDU das unter sich ausmacht.

Ich habe das im Auftrag des CDU-Präsidiums gemacht. Ich wollte eigentlich, dass Carstens das als Fraktionsvorsitzender macht. Der hat gesagt, er könne das nicht machen, weil er der Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU sei. Das war sehr schlitzohrig. Dann hat dieses Präsidium beschlossen, dass der Generalsekretär das machen müsste. Der sei nämlich nach dem Parteivorsitzenden der Zweite, und der Parteivorsitzende könne sich nicht selbst ausrufen. Helmut Kohl saß natürlich bei den ganzen Beratungen dabei. Er hat sich zwar scheinbar zurückgehalten, aber er hat natürlich nichts dagegen gehabt, einen Generalsekretär in die Bleihaltigkeit zu schicken. So kam das dann. Aber ich habe das aus Überzeugung gemacht. Ich habe das mitgeteilt, habe den Vorschlag gemacht, Helmut Kohl zum Kanzlerkandidaten zu wählen. Punkt.

War das die einhellige Meinung des CDU-Präsidiums?

Soweit die Präsidialen sich geäußert haben, ja. Es gab doch gar keine Alternative. Das war doch ganz klar. Der Mann war Parteivorsitzender. Er hatte ja immerhin schon ein Regierungsamt hinter sich. Er war Regierungschef eines Landes. Das ist eine beachtliche Qualifikation. Die Landesregierungsebene ist durchaus eine Personalressource, ein Personalreservoir für bundespolitische Funktionen.

Helmut Kohl hat mit dieser Partei 1976 gegen den relativ jungen, dynamischen Bundeskanzler Helmut Schmidt mit 48,6 % knapp verloren. 600.000 Stimmen haben gefehlt an der absoluten Mehrheit. Wir haben damals einen sehr harten Wahlkampf geführt mit dem Slogan „Freiheit statt Sozialismus“. Wir wollten keine umfassende Bevormundung der Bevölkerung. Die SPD verlor ihre relative Mehrheit. Die CDU war wieder eindeutig stärkste Fraktion im Bundestag. Im Grunde haben dann zwei Verlierer die Koalition gebildet, nämlich SPD und FDP. Das war der Grund, warum Kohl damals so empört war, dass ihm gewissermaßen der Wahlsieg gestohlen wurde, so wie er das empfunden hat.

War es klar, dass Helmut Kohl Oppositionsführer wurde?

Nach seiner Überzeugung ging das gar nicht anders. Er konnte nicht als Parteivorsitzender der CDU mit einer derartigen bundesweiten Anerkennung von 48,6 % Ministerpräsident in Mainz bleiben. Klar, dass der nach Bonn musste. Der musste doch im Bundestag sein, und zwar nicht auf der Bundesratsbank, sondern als Bundestagsabgeordneter. Er hat ja auch kandidiert.

Was zeichnete den Parteivorsitzenden Kohl von 1973–1977 aus?

Dasselbe, was ihn schon vorher ausgezeichnet hat: ein phänomenales Personengedächtnis, wirklich überwältigend. Er pflegte das auch und baute es aus. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland irgendwo einen Kreisvorsitzenden gab, den er nicht kannte.

Was war das System Kohl?

Das sollte man nicht als System bezeichnen, allenfalls als Netzwerk. Er hatte eben überall Kenntnisse von den Strömungen seiner Verbündeten, seiner Anhänger. Und das hat er sehr sorgfältig gepflegt und aufgebaut. Und das hat ihn auch getragen. Es hat seinen Zweck erfüllt. Helmut Kohl hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass die Partei seine Machtbasis ist.

1982: Konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt

Das war eine vollkommen eindeutige Sache. Nachdem Schmidt sich von der FDP getrennt hatte, hatte die Regierung keine Mehrheit mehr. Insofern war das ein echtes Misstrauensvotum mit einem Gegenkandidaten. Und Kohl ist halt gewählt worden.

Geistig-moralische Wende: ein Slogan?

Nein, das war mehr als ein Slogan. Es war eine Erwartung oder eine Hoffnung. Aber es ist zu dieser Art von Wende nicht gekommen. Solche Formulierungen in der praktischen Politik sind ziemlich gefährlich. Man kann darunter das Unterschiedlichste sehen. Man kann sagen, hier wird von einer Vision gesprochen, oder hier wird von einem neuen Denken gesprochen. Das sind alles Formeln, die in Wahlkämpfen sehr beliebt sind. In Wirklichkeit hat es eine leichte Verschiebung nach rechts gegeben. Denn so riesig groß, vor allem in innenpolitischen Fragen – und da steht ja wieder die Sozialpolitik im weitesten Sinne im Vordergrund, mehr noch als die Wirtschaftspolitik –, waren die Unterschiede zwischen den beiden Volksparteien damals gar nicht mehr. Die großen Unterschiede zwischen den beiden Volksparteien bestanden in den fünfziger und sechziger Jahren. Da hat eine Konvergenz stattgefunden, jedenfalls in sozialpolitischen Themen.

Wahlen im März 1983: Waren die für die CDU risikoreich?

Nein, das war für die CDU nicht mehr risikoreich. Das kann man auch am Ergebnis sehen. Mit 48,8 % war es um 0,2 %-Punkte besser als das Wahlergebnis von 1976. Dass die CDU nach dem Debakel der Jahre 1981/82 eine breite Zustimmung in der Bevölkerung finden würde, konnte man erwarten.

War diese Wahl auch ein Votum für den NATO-Doppelbeschluss?

Helmut Kohl hatte das als Bundeskanzler ausdrücklich zu einem seiner Wahlziele gemacht. Er hat dann diese riesige Demonstration im Bonner Hofgarten vor der Universität erlebt. Ich meine, er hat ein enormes Stehvermögen bewiesen und hat den Beschluss im Dezember 1983 durchgesetzt. Der Beschluss war außerordentlich heilsam. Von dem Augenblick an wusste Moskau, dass Deutschland nicht von Amerika getrennt werden kann. Das war immer das Ziel der Sowjetunion. Mit der Aufstellung von Pershing-Raketen war das zu Ende.

Im September 1989 schien es so, als sei Kohl als Parteiführer am Ende.

Er war zumindest sehr umstritten. Es gab eine Menge Bewegung in der CDU und eine relativ große Unzufriedenheit mit der Legislaturperiode, in der er sich da befand. Das stimmt.

Was war der Hauptgrund?

Das, was er als eine geistig-moralische Wende verkündet hatte, hatte nicht stattgefunden. Jedenfalls wusste niemand, was das eigentlich war. Man kann das am Anfang so verkünden, aber man muss es dann ausfüllen. Und das Ausfüllen ist nicht gelungen. Nach der Entscheidung über die Nachrüstung – ich kann nur immer wieder sagen, das war eine enorme Leistung – kam die Gorbatschow-Zeit. Es entspannte sich dann. Und die Möglichkeit, jetzt Deutschland auf das Ende des Jahrhunderts vorzubereiten, auf die inzwischen mit Händen zu greifenden Folgen der demographischen Entwicklung, war alles in den achtziger Jahren behandelt worden.

Kohl war Außenpolitiker. Kohl kümmerte sich um Europa. Da hat er Gutes gemacht. Kohl hat die europäische Einigung vorangetrieben. Aber er hat die Innenpolitik, vor allen Dingen die Sozialpolitik, anderen überlassen. Und das war im Fall der Sozialpolitik, die ungefähr ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts in Anspruch nimmt, Norbert Blüm. Norbert Blüm war der einzige Minister, der in allen vier Kabinetten Kohls war, der Einzige, der die ganze Zeit im Kabinett war. Heute distanziert sich Kohl etwas von Blüm, und auch von seiner Politik. Aber damals war Blüm praktisch der Herr der Sozialsysteme. Und die Sozialsysteme waren nicht zukunftsfähig.

Wer war für die deutsche Einheit verantwortlich?

Die Menschen. Das ist überhaupt keine Frage. Verantwortlich waren die Menschen. Ausgelöst wurde es sicherlich auch durch die veränderte Haltung der Sowjetunion unter Gorbatschow, der in der Sowjetunion ein Experiment unternahm, was möglicherweise unter ganz anderen Bedingungen in China gelingen kann, aber in der Sowjetunion nicht gelingen konnte, nämlich der Wirtschaft Freiheit zu geben, ohne die politische Freiheit zu gewähren. Glasnost, Perestroika waren Transparenz und Offenheit im Bereich der Wirtschaft. Aber Sie können es nicht auf die Wirtschaft begrenzen. Jedenfalls konnte er es nicht. Und das hat er auch gemerkt.

Welche Rolle spielten die Amerikaner, insbesondere Präsident Bush sen.?

Wichtig war für diesen ganzen Prozess, dass wir Deutsche wussten, dass wir im Schutz der Amerikaner sind. Das darf man nicht vergessen. Die Amerikaner haben über Deutschland einen Schutzschirm gehalten in dieser ganzen Zeit. Man wusste genau, ohne die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion kann sich hier nichts ändern. Die Vereinigten Staaten haben Gorbatschow, und er hat es auch akzeptiert, garantiert, dass sich aus den Prozessen keine Veränderung des Status quo ergibt, der die Sowjetunion gefährdet. Sonst wäre die Ausdehnung der NATO auf Ostdeutschland nicht möglich gewesen. Das ist die große Leistung von Bush sen.

Vorwurf an Kohl, alles zu schnell gemacht zu haben.

Die Leute, die ihm das vorgeworfen haben, wussten nicht, wovon sie reden. Die meisten waren nie drüben gewesen, haben nie mit den Leuten geredet. Es war ein Wettrennen. Wenn das ein Jahr länger gedauert hätte, hätten wir in der ehemaligen DDR wahrscheinlich nicht mehr die Fachleute gehabt, die wir gebraucht hätten, um wieder aufzubauen. Das war das Problem.

Kohl war in Wirklichkeit zweimal Kanzler, nahtlos zusammengefügt: einmal von Westdeutschland und einmal von Gesamtdeutschland. Und beide Male hat er zwei Legislaturperioden regiert. Die Art und Weise, wie er den Fall der Mauer als politisches Ereignis aufgenommen und umgesetzt hat, gehört zu seinen großen Leistungen.

War der Anschluss nach Art. 23 richtig?

Das ist kein Anschluss, das ist ein Beitritt. Der Begriff Anschluss ist in der deutschen Sprache politisch mit der Machtergreifung Hitlers in Österreich besetzt. Es war ein Beitritt.

Die außenpolitische Absicherung der deutschen Einheit.

Das ist Kohls größte Leistung, dass es ihm gelungen ist, diesen Konsens herbeizuführen. Da war er auch stolz drauf und zu Recht. Er hat gesagt, es ist uns Deutschen gelungen, die Einheit herzustellen mit Zustimmung aller neun Nachbarn. Das hat es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben.

Norbert Blüm

1935–2020; CDU; 1972–2002 Mitglied des Deutschen Bundestages; 1982–1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung.

Nachrüstungsbeschluss

Ich habe ein ganz einfaches Verfahren, um zu klären, ob mir ein Politiker Achtung abverlangt oder nicht. Das ist mein privater Test: Wenn ich den Eindruck habe, ein Politiker will um jeden Preis geliebt werden, dann ist er nichts wert. Ein Politiker muss auch bereit sein, nicht geliebt zu werden. Das ist ganz schwer, weil jeder Mensch geliebt werden will. Notfalls auch gegen die Zuneigung handeln, und das konnte Schmidt, das konnte Adenauer und auch Kohl. Siehe Nachrüstungsbeschluss.

Welche Rolle spielte die Diskussion über sozialpolitische Reformen am Anfang der Koalition 1982?

Das war sofort das Hauptthema. Sofort waren Marktplätze voll. Ich bin auf Gewerkschaftskongressen der Prügelknabe gewesen, fast im wörtlichen Sinne. Wenn ich heute die Großspucker höre: 16 Jahre keine Reform! Die Leute, die das behaupten, die müssen in den 16 Jahren in Alaska gewesen sein oder auf irgendeinem Eisberg. Vom ersten Tag an Wahlkampf, vom ersten bis zum letzten Tag. Was haben wir alles gegen Widerstand umgestellt: Konsolidierung der Rentenversicherung, Krankenversicherung, Gesundheitsreform, Arbeitslosenversicherung.

Auffallend ist, dass Kohl immer hinter Ihrer Sozialpolitik stand, oftmals auch im Streit mit der FDP.

Ja, eigentlich bis zum Schluss. Er muss ja nicht immer absolut meiner Meinung sein. Aber er war auch Argumenten zugänglich. Beispielsweise hatte ich ihn an meiner Seite in dem harten Kampf – wahrscheinlich war es mein härtester – für die Durchsetzung der Pflegeversicherung. Die ist nicht gerade mit Begeisterungsstürmen von der FDP empfangen worden.

Strauß und Kohl. Warum diese jahrelangen Konflikte?

Da müssen Sie Sigmund Freud fragen. Ich glaube, Strauß hat sich für intelligenter gehalten als Kohl. Ob er das wirklich war, weiß ich noch nicht mal. Er hat sich sowieso für den Besten gehalten. Und da hat er jeden, der besser sein wollte als er, verachtet. Aber es ist, wie meistens bei solchen psychologischen Analysen, nicht schwarz-weiß. Sie haben zusammen Wanderungen gemacht und Gaudi gehabt. In allen Familien soll es auch vorkommen, dass man sich streitet und liebt. Liebt ist zu viel gesagt. Geliebt hat Strauß ihn, glaube ich, nicht. Aber er hat ihn, glaube ich, doch geschätzt. Und ich glaube, wenn er noch die deutsche Einheit erlebt hätte, hätte er dem Kohl Abbitte geleistet.

10. September 1989, Bremer Parteitag: Geißler wird als Generalsekretär von Rühe abgelöst. Welche Gründe gab es für das Stimmungstief in der Union? Kritik an Kohl?

Das kommt in der Politik vor, Sand im Getriebe, eine allgemein miese Stimmung. Das hing damit zusammen, dass eine Partei auch erwartet, gegenüber dem Koalitionspartner strahlender zu sein, und Kohl vorgeworfen wurde, dass er zu viel Rücksicht nehme auf die FDP.

Wir waren immerhin sieben Jahre in der Regierung. Da ist auch Verschleiß. Unsere Politik war nicht so populär, zum Beispiel unsere Gesundheitsreform. Das waren keine politischen Projekte, wo man mit Begeisterung rechnen durfte. Aber ich meine, gerade der Bremer Parteitag hatte doch auch eine gewisse Stimmungswende, weil da das Ereignis Ungarn Wirklichkeit zu werden begann, nämlich das Ereignis, dass die Grenze fiel. Ich glaube, das hat doch einen gewaltigen Stimmungsaufschwung gegeben, auch in der CDU.

Gab es damals Absprachen zwischen Ihnen, Späth, Geißler und Süßmuth über eine Ablösung Kohls als Kanzler?

Nein. Es gab Gespräche, das ist richtig. Ich habe öffentlich und in diesen Gesprächen die Art und Weise kritisiert, mit der Helmut Kohl Geißler abgelöst hat. Das mache ich auch jetzt noch. Aber ich war mit meinem Landesverband – ich war gerade im NRW-Landesverband, das war der stärkste, zum Vorsitzenden gewählt worden – nicht der Meinung, dass der Kanzler ausgewechselt werden sollte. Ich habe deshalb diesen Schlenker zum Landesverband gemacht, weil es vielleicht nicht ganz unwichtig war, wie der NRW-Landesverband abgestimmt hat. Dass der mit dazu beigetragen hat, dass Helmut Kohl Kanzler blieb.

Kohl spricht über diesen Parteitag vom gescheiterten Putsch, Verschwörung und Königsmörder. Woran ist es gescheitert, Kohl abzuservieren?

Also Putsch, Königsmörder. Ab dieser Stelle sage ich nichts mehr. Das ist nicht mein Niveau. Und wer so darüber spricht, der kann das als Selbstgespräch machen, mit mir nicht. Insofern habe ich zu diesem Thema nichts mehr zu sagen.

Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen beiden?

Vertrauensvoll. Aber ich habe meinen eigenen Kopf, und Helmut Kohl hat seinen eigenen Kopf. Etwas Großväterliches war da nicht drin. Wir haben uns schon gestritten.

Wie würden Sie das System Kohl beschreiben?

Das System Kohl war kein System. Das war ein Netzwerk von Beziehungen. Unter System verstehe ich eine abstrakte Schablone. Kohl hat immer regiert und immer Politik gemacht in persönlichen Beziehungen, was ich auch für positiv halte. Das Gegenstück sind die Ideologen. Da spielen Menschen überhaupt keine Rolle. Er hat auch als Parteivorsitzender und Bundeskanzler noch agiert wie ein Kreisvorsitzender, dass er Leute angerufen hat, auch angerufen hat, wenn er gar nichts von ihnen wollte oder wenn einer in einer schwierigen Situation war. So etwas vergisst man nicht. Er hat so ein nachbarschaftliches Verhältnis aufgebaut. Jedenfalls haben das viele so empfunden, ich auch.

1999: Spendenaffäre.

Ich habe zunächst zu denen gehört, die nach einem alten Solidaritätsgesetz gesagt haben: Reihen fester schließen, ablaufen lassen. Und zunächst einmal gilt: zusammenhalten. Aber mir ist nach einiger Zeit mühsam und gegen meine Gefühle klar geworden, dass es nicht geht und dass die größte Errungenschaft des Rechtsstaats die Idee ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Gesetze gelten auch für Politiker. Und dann haben die Politiker sogar eine Vorbildfunktion. Deshalb, bei aller großen Achtung, Respekt vor der Lebensleistung von Helmut Kohl, an dieser Stelle kann ich ihm nicht beitreten. Das ist schmerzlich, das gebe ich zu, aber ich kann nicht um des lieben Friedens und der Freundschaft willen sagen, zwei mal zwei wäre fünf. Es ist vier. Auch wenn das schwerfällt: Vor dem Gesetz sind alle gleich, und es gibt Fehler, die kann man gutmachen. Man kann beispielsweise Namen nennen.

Ich kann nicht etwas anderes sagen als das, was ich gesagt habe. Ich füge hinzu, dass es mir nicht leichtgefallen ist. Denn man geht nicht über Erfahrungen eines halben Lebens treuer Weggefährtenschaft einfach so weg. Aber, was sein muss, muss sein. Ich kann nichts anderes sagen als das, was ich für richtig halte.

Jacques Delors

Geb. 1925; 1981–1984 Wirtschafts- und Finanzminister Frankreichs, 1985–1995 Präsident der EG-Kommission.

Vor meiner Ernennung hat Bundeskanzler Kohl sich starkgemacht für einen Franzosen als Kommissionspräsidenten und auf eine deutsche Bewerbung verzichtet. Er fühlte, dass das für das deutsch-französische Klima wichtig war; das war 1983. Und in diesem Moment sagte er zu mir auf Deutsch – das Wenige, das ich kann, erlaubte mir, ihn zu verstehen: „Ich wünsche in diesem Moment, dass der Präsident die Initialen J. D. hat.“

Er hat sogar über Sie gesagt: „Dieser Mann ist ein Glücksfall für Europa.“

Ja, wahrscheinlich wollte er damit sagen, dass er mit den Fortschritten in Bezug auf Europa ganz zufrieden war, die in diesen Jahren gemacht werden konnten.

Sie haben gesagt, es fehle nicht viel und die deutschen Beziehungen würden eine Messe ohne Glauben. Wo, denken Sie, liegt die größte Gefahr für die deutsch-französische Achse?

Ich gebrauche einen Begriff, der heute weniger verständlich ist, da es weniger praktizierende Katholiken als seinerzeit gibt, aber ich nenne das eine Messe ohne Glauben. Die Regierungschefs treffen sich, die Minister haben gemeinsame Konferenzen, die Beamten arbeiten zusammen, aber es fehlt an Inspiration. Es ist Routine, und das gefährdet ständig die deutsch-französische Beziehung, da neuer Schwung fehlt.

In welchem Maß gibt die Freundschaft zwischen den Staatschefs Kohl und Mitterrand Schwung?

Das war nicht selbstverständlich in Anbetracht der Persönlichkeit des französischen Staatspräsidenten, und dennoch habe ich sofort verstanden, dass sich die Dinge änderten, als ich sah, wie Helmut Kohl François Mitterrand bei einer Sitzung zum Lachen brachte. Und ich habe mir gesagt, das geht gut, was sich ja später auch bestätigt hat. Sie hatten beide eine Vision von der Zukunft Europas, der Notwendigkeit seiner Einheit:

Helmut, weil er sich, seit er 15 war, hartnäckig bemühte, die Grenzpfähle zwischen Deutschland und Frankreich niederzureißen, und François Mitterrand, der 1948 am Kongress in Den Haag teilgenommen hatte und mit einer klaren, unerschütterlichen Vision für die Einheit Europas daraus hervorgegangen war. Wir haben es also mit zwei Männern zu tun, die einen Glauben hatten, einen Glauben im weltlichen Sinn des Wortes.

Sie wurden 1985 Präsident der Kommission. Was sahen Sie als Hauptaufgabe zu Beginn Ihrer Präsidentschaft, und wurde die Aufgabe oder wurden die Aufgaben ausreichend von Kohl und Mitterrand unterstützt?

Ich hatte zu Beginn zweimal Glück. Zum einen, weil der Bundeskanzler wollte, dass ich Kommissionspräsident werde, und zum anderen, weil die Regierungschefs beim europäischen Gipfel in Fontainebleau, bevor ich mein Amt übernommen habe, dank des politischen Genies von François Mitterrand und mit Unterstützung von Bundeskanzler Kohl, unter Europäern (sie waren zu der Zeit nur zehn) die Familienstreitigkeiten geregelt hatten: ihre Meinungsverschiedenheiten darüber, was die Briten bezahlen sollten, der berühmte Scheck von Mrs. Thatcher („I want my money back.“); es gab Meinungsverschiedenheiten über die gemeinsame Agrarpolitik.

Da hat François Mitterrand eine außergewöhnliche persönliche Arbeit geleistet, und ich hatte daher das Glück, zu einem Zeitpunkt zu kommen, wo die Familienstreitigkeiten in den Hintergrund gerückt waren, und das war der Augenblick, ein Europa, das unter all diesen Meinungsverschiedenheiten gelitten hatte, wieder voranzutreiben, und bei dem ich daran erinnern muss, dass dieses Europa der zehn zwischen 1980 und 1984 1,5 Millionen Arbeitslose hatte; die Investitionsrate und die Wachstumsrate waren zu niedrig.

Infolgedessen habe ich Anfang Juli ’84 gleich nach meiner Nominierung eine Reise durch die Hauptstädte unternommen und zu ihnen gesagt, es sei an der Zeit für einen Neuanfang, und ich habe ihnen Vorschläge für diesen Neuanfang gemacht. Ich wusste zwar, dass diese Vorschläge nicht von allen akzeptiert würden, aber man musste etwas weitergehen. Daher habe ich ihnen eine Einheitswährung vorgeschlagen, eine gemeinsame Verteidigung oder auch eine drastische Reform des Vertrags, die es ermöglichen würde zu entscheiden, besser gemeinsam zu handeln. Es gab immer jemand, der nicht wollte, aber das wusste ich, und an diesem Punkt habe ich meine Geheimwaffe gezogen und sie gefragt: „Und wenn wir wirklich einen großen Wirtschaftsraum schaffen würden, der es uns erlaubt, zu Wachstum und Beschäftigung zurückzukehren?“ Und dieser Plan wurde angenommen, und er ist die erste Phase des Aufschwungs geworden, den ich mir vorgestellt hatte.

Für dieses Projekt hatte ich stets die Unterstützung von Bundeskanzler Kohl und auch von François Mitterrand, wenn es darum ging, einen großen Markt zu schaffen, d. h. einen großen Wirtschaftsraum mit freiem Kapital-, Personen-, Güter- und Dienstleistungsverkehr zu entwickeln.

Bundeskanzler Kohl stand der Einheitswährung zu der Zeit nicht wirklich positiv gegenüber. Welche Überzeugungsarbeit mussten Sie leisten?

Zunächst einmal, als wir diesen Vertrag vorbereitet haben, der die Umsetzung des Zieles ermöglichen sollte, einen großen Markt zu realisieren, das Ziel ’92, die Politik des Zusammenhaltes und anderes, gab es eine große Debatte, weil ich in den Text einen Bezug auf die Währung eingefügt hatte, und weil der deutsche, englische und holländische Finanzminister dagegen waren. Das wurde bis zum Gipfel in Luxemburg verhandelt, wo wir das verabschiedet haben, was die Einheitliche Akte geworden ist; der Vertrag von 1985–87 heißt Einheitliche Akte. Ich werde Ihnen nicht erklären warum, das würde zu lange dauern.

Und daher bin ich am Tag vor Luxemburg mit einem gewissen Vorbehalt angekommen, und da habe ich Helmut Kohl aufgesucht; ich habe zu ihm gesagt, es gehe um die Anerkennung, es gebe bereits ein europäisches Währungssystem, es gebe eine Währung mit der Bezeichnung Ecu, bei der es sich um eine Reservewährung handele, kurz, dass es eine Rechnungseinheit gebe und dass man daher, wenn man das nicht einbringe, dem Vertrag seine Dynamik nehme.

Und Bundeskanzler Kohl setzte sich über seinen Finanzminister hinweg, und da hatten auch die Engländer und die Holländer keine andere Wahl, als zuzustimmen oder abzulehnen, und daher ist es durchgegangen. Von diesem Zeitpunkt an ging es für mich nicht darum, den Euro sofort zu machen. Es ging darum, die Einheitliche Akte umzusetzen und diese berühmte finanzielle Einigung zu erzielen, ohne die nichts möglich gewesen wäre.

Eberhard Diepgen

Geb. 1941 in Berlin; CDU; 1984–1989 und 1991–2001 Regierender Bürgermeister von Berlin.

1. Oktober 1982 – Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt … Kohl ist der neue Kanzler …

Ich war damals Fraktionsvorsitzender [im Berliner Abgeordnetenhaus]. Meine Erinnerung ist: Wir waren voller Spannung, rechneten allerdings damit, dass das auch entsprechend ausgehandelt war, die Koalition mit der FDP feststeht. Es war ein Stückchen Euphorie im Hinblick auf Entwicklungsmöglichkeiten in Deutschland selbst.

Das hatte dann auch immer Rückwirkungen auf die Situation unmittelbar in Berlin. Berlin war damals auch noch geprägt von der Hausbesetzerszene. Das war auch einer der Gründe für die Veränderungen, die hier politisch stattgefunden haben. Die Auszehrung der Stadt, die nicht klare Perspektive für die Zukunft, die Unruhe, auch die Sicherheitslage, Hausbesetzer, die Wehrdienstverweigerung, die sich in Berlin immer stärker konzentrierte, und mit der Veränderung in Bonn doch dann die Erwartung, dass wir dann hier für diesen Neubeginn in Berlin selbst eine ausreichende Unterstützung durch die Bundesregierung bekommen werden. Es ist also eine Frage der Psychologie gewesen.

Was änderte sich mit dem Regierungswechsel in der Deutschlandpolitik?

Die Zielsetzung, das Offenhalten der deutschen Frage – ich sage ausdrücklich Offenhalten der deutschen Frage und damit das Ziel der deutschen Wiedervereinigung – war stärker im Vordergrund, als das vorher der Fall war. Ansonsten war es eine pragmatische Politik.

Ich kann Helmut Kohl aus vielen Gesprächen, die ich mit ihm hatte, zitieren. Seine Auffassung war, ich muss sicherstellen, dass die Oma aus Erfurt, aus Leipzig, aus Ostberlin, auch ins Rheinland kann, dass damit die einseitige Propaganda innerhalb der DDR gegen den Westen Deutschlands durch eigene Erfahrungen unglaubwürdig wird, dass damit ganz andere Bewegungen in Gang kommen und dass damit auch der Enkel erwartet, dass er mal endlich reisen darf. Das war ein Stück Konzeption von Helmut Kohl, die durch Verhandlungen mit der anderen Seite möglich war.

Wie entwickelte sich die Deutschlandpolitik in den 80er Jahren? Gab es Unterschiede zwischen der Deutschlandpolitik der Regierung Kohl-Genscher und der Vorgängerregierung Schmidt-Genscher?

Es gab meiner Ansicht nach in der Darstellung unterschiedliche Positionen. Das Festhalten am Ziel der deutschen Wiedervereinigung war deutlicher in der Regierung unter Helmut Kohl. Aber „Pacta sunt servanda“ war das Entscheidende. Und der Grundgedanke von Helmut Kohl in der Deutschlandpolitik, in dem, wie sich Deutschlandpolitik weiter gestaltet, auch im Sinne der Einheit, auch Deutschland als Kulturnation, Einheit der Nation insgesamt, war dadurch geprägt, dass er vor allen Dingen menschliche Kontakte ermöglichen wollte. Also Deutschlandpolitik und den Einsatz von wirtschaftlicher Macht oder anderen Zugeständnissen, um Kontakte zu ermöglichen, um Besuche aus Erfurt, Dresden und Schwerin in Köln, Ludwigshafen und in München zu ermöglichen, dabei zu erreichen, dass einfach berichtet wird, dass damit auch einseitige Propaganda der DDR gegen den Westen schwerer ermöglicht wird. Dass durch diese Besuchsmöglichkeiten zunächst der älteren Generation oder eines bestimmten Kreises die Besuchswünsche auch von anderen größer werden, dass der Druck dabei auch stärker wird und dass das auch ein Stück Einheit ist.

Das war die Position von Helmut Kohl. Und das hat er dann auch sehr konsequent betrieben, bis hin zu all den Fragen, wo es auch um Verbesserungen der Situation in und um Berlin ging.

28. November – Zehn-Punkte-Plan von Helmut Kohl. Wie war Ihre erste Reaktion?

Ich war etwas kritisch, weil mir das nicht weit genug ging. Ich hatte während der Zeit auch die These vertreten, jetzt gibt es keine nächsten Bundestagswahlen mehr, sondern es gibt als Nächstes gesamtdeutsche Wahlen. Ich erinnere mich daran, dass Helmut Kohl mich deswegen heftig attackiert hat. Er hatte aus seiner Sicht Recht. Denn wie auch immer dieser Zehn-Punkte-Plan zustande gekommen ist, er musste damals sehr vorsichtig vorgehen. Das betraf sowohl die Reaktion der Sowjetunion, der DDR-Führung – so schwach sie zu dem Zeitpunkt schon war – und vor allen Dingen der westlichen Verbündeten. Freude an dem, was in der DDR ablief, war ja a nicht bei allen Regierungen feststellbar.

Verhandlungen über Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. Einigungsvertrag. Bei den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 siegte die Allianz für Deutschland. Was glauben Sie, hat die Menschen motiviert, der Allianz die Mehrheit zu geben?

Ich glaube, für das Wahlergebnis war entscheidend einmal die Ausstrahlung der Bundesregierung, zweitens die Tatsache, dass sich die SPD in den Fragen der Deutschlandpolitik, insbesondere mit den Äußerungen von Oskar Lafontaine, sehr vorsichtig, um nicht zu sagen umstritten artikuliert hat. Die Frage, wollen wir eine Wiedervereinigung und dergleichen, war da massiv mit einem Fragezeichen versehen. Das wollten die Menschen nicht. Sozialismus hatten sie schon. Der sollte abgewählt werden. Das brachte das Wahlergebnis mit sich. Es war regional unterschiedlich. Berlin war immer schon ein schwieriges Feld.

Sind große Fehler bei der Vereinigung gemacht worden?

Ich weigere mich eigentlich immer, dabei über die großen Fehler zu reden. Denn die erste Frage ist, hätte man nicht ein Stück warten müssen, Entwicklungen abwarten müssen, um wirtschaftliche Angleichungen zu ermöglichen. Das halte ich alles für absoluten Unsinn. Aus meiner festen Überzeugung: Die Entwicklung in der Sowjetunion hat nur zu diesem Zeitpunkt die Wiedervereinigung und diese Auswirkung auf den gesamten sowjetischen Block ermöglicht.

Zweitens: Ich glaube auch, dass bei den westlichen Verbündeten der Widerstand eher gewachsen wäre.

Drittens, das ist ein Teil meiner Frustration auch im Zusammenhang mit dem Erlebnis um die Berlindebatte: Eine Abstimmung, wollt ihr die deutsche Wiedervereinigung, und das kostet vielleicht auch irgendetwas, wäre zwar in der ehemaligen DDR bis 1991 positiv ausgelaufen, aber schon im Jahr 1991 hätte ich im Westen der Bundesrepublik Deutschland Zweifel gehabt. Sie sehen, ich bin da sehr vorsichtig.

Der nächste Punkt ist: Ich glaube, dass der Trend gerade auch in der damaligen DDR – sie wollten ja zunächst einmal alles aus dem Westen haben – verstärkt hat, dass bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen oder Errungenschaften der DDR im Westen überhaupt nicht rational geprüft worden sind. Da hätte man schon auf das eine oder andere etwas stärker im Sinne von Einheit, was die Menschen dort eigentlich geleistet haben, gucken können.

Der letzte Punkt: Ich selbst bin der Meinung, dass sehr viele Verletzungen durch die Frage der Entschädigungsregelungen bzw. der Rückübereignung von Eigentum entstanden sind, die auch heute noch tiefgreifende Rückwirkungen haben.

Wie schätzen Sie Helmut Kohls Leistung ein?

Helmut Kohl hat zur rechten Zeit den Weg gefunden, die Wiedervereinigung zu ermöglichen. Er hat alle Mittel, die wir hatten, dabei genutzt. Er hat die historische Situation auch als Historiker gesehen. Er hat diese auch immer gewollt. Und um das mal im Hinblick auf Berlin zu sagen: Er hat Berlin immer aus der Geschichte heraus als die Hauptstadt gesehen.

Im Juli 1990 tritt die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion in Kraft. Die D-Mark wird Währung in der DDR. Experten warnten vor dem Tausch 1 zu 1. Warum hat sich Kohl nicht von diesen Experten beraten lassen?

Es ist eine ganz schwierige Situation gewesen. Ich muss gestehen, wenn ich mich heute in die Situation versetze, ich hätte das damals zu entscheiden gehabt, dann mache ich keinen Hehl daraus, ich wüsste auch heute nicht, was ich mache. Man konnte eigentlich nur Richtiges und Falsches zugleich tun. Das Richtige war, den Menschen möglichst schnell auch ein Stück Wohlstand in Gestalt einer DMark, die möglichst 1 zu 1 oder 1 zu 2 gegen die Ost-Mark umgetauscht wird, in die Hand zu geben.

Das Falsche war damit auch programmiert, dass damit im Grunde bei der gegebenen wirtschaftlichen, vor allem industriellen Situation der DDR, dass zum Beispiel dort eine Industrie, die total am Boden lag, eine Wirtschaft, die am Boden lag, die von heute auf morgen Teil der Europäischen Union wird, buchstäblich nirgends wettbewerbsfähig ist und plötzlich über diesen Umrechnungskurs D-Mark – Ost-Mark Lohn- und Betriebskosten zu zahlen hat, die völlig außer Verhältnis stehen zu dem, was die industrielle und die arbeitsmäßige Produktivität der Betriebe im Osten angeht.

Das war der Grund, weshalb von den Kritikern gewarnt wurde. Und damit haben sie auch Recht.

Kohl ist im Juli 1990 in Moskau und im Kaukasus. Er kommt zurück mit der Nachricht, dass der deutschen Wiedervereinigung nichts mehr im Wege steht. Er ringt Gorbatschow auch die Frage der Bündniszugehörigkeit ab. Was haben Sie damals gedacht?

Ein sensationeller Erfolg natürlich. Für mich war ohnehin im Zusammenhang mit dem Zehn-Punkte-Programm völlig klar, die schwierigste Frage wird die der NATO-Mitgliedschaft sein. Westliche Bündnispartner wären mit Sicherheit nicht bereit gewesen, die Bundesrepublik in einen neutralen Status aus der NATO zu entlassen. Die Sowjets wären mit Sicherheit, so wie man sich das gar nicht anders vorstellen konnte, nicht bereit gewesen, ein wiedervereinigtes Deutschland, also die DDR, aus dem Warschauer Pakt raus und rein in die NATO zu lassen. Das musste unvorstellbar erscheinen, dass man so etwas erreichen kann.

Aber es ist erreicht worden. Und ich glaube, es ist vor allem mit sehr viel Klugheit auch auf Seiten Gorbatschows erreicht worden. Denn man musste sich überlegen, was für eine Rolle wird dieses wiedervereinigte Deutschland jetzt in Europa spielen. Wer die deutsche Geschichte kennt, wusste, die Deutschen haben immer das Problem der Mittellage gehabt. Für die Mittellage waren wir eigentlich immer zu groß und zu mächtig, um nicht in Konflikte mit anderen zu geraten. Wir waren aber auch nicht klein genug, um die Mittellage wie eine kleine Nation ertragen zu können. Das ist die deutsche Geschichte über Jahrhunderte. Ein wiedervereinigtes Deutschland in neutralisiertem Status, was viele gefordert haben, und möglicherweise sogar auch nicht mehr Mitglied der Europäischen Union, ein frei floatendes Deutschland in der Mitte Europas, hätte mit Sicherheit unendlich viele politische Probleme aufgeworfen.

Historische Parallelen sind immer mit Vorsicht zu genießen, das räume ich ein, aber es wäre mit Sicherheit ein schwer zu berechnender, entwicklungsmäßig schwer zu fassender Faktor gewesen, der die europäische Stabilität mit Sicherheit nicht befördert hätte. Die europäische Stabilität ist durch die EU natürlich in besonderer Weise und vorrangig gegeben, aber auch durch die NATO. Wenn man so will, sind die Deutschen auch durch die NATO sicherheitspolitisch eingebunden. Wir sind nicht nur gesichert, wir sind auch eingebunden. Das ist beides.

Ich glaube, dass Gorbatschow die große Klugheit besessen hat zu erkennen, dass das für ihn selbst und für die Sowjetunion besser ist als ein frei floatendes neutralisiertes Deutschland in der Mitte Europas.

Kritiker sagen, Kohl habe Gorbatschow das alles abgekauft, Kredite gegeben.

Es ist ja nicht wahr. Ich muss gestehen, für mich ist es heute noch verblüffend, dass wir finanziell so billig davongekommen sind. Was haben wir denn bezahlt? Wir haben den Abzug der russischen Soldaten ein bisschen bezahlt, indem wir denen Wohnungen gebaut haben. Ein paar Milliarden. Stellen Sie sich mal vor: Wenn sich Herr Gorbatschow am 10. November 1989 an den deutschen Bundeskanzler gewandt und gesagt hätte, die Teilung können wir nicht mehr aufrechterhalten, es macht vielleicht doch jetzt Sinn, mal eine Wiedervereinigung bei euch in Deutschland zu machen, aber die DDR ist für uns ein Wert, den könnt ihr uns abkaufen. Wie viele Billionen dürfen es denn sein? Stellen Sie sich mal die Situation des deutschen Bundeskanzlers vor. Wir hätten doch gar nichts anderes machen können als zu sagen, dann müssen wir zahlen. Wir hätten die DDR kaufen müssen. Wir haben sie nicht kaufen müssen, sondern wir haben sie eigentlich bekommen, so wie sie ist, umsonst. Ich sage umsonst. Wir haben Menschen ein gesamtdeutsches Zuhause geben können. Das, was wir da investiert haben, die Folgekosten der Teilung etc. … Es ist ohnehin ein Grundgebot der Solidarität der Deutschen mit den Deutschen. Wenn wir die deutsche Teilung wieder mal in historischen Dimensionen sehen, sie ist die Folge des 2. Weltkriegs. Diesen 2. Weltkrieg haben wir Deutschen verschuldet. Aber die Zeche für diese Schuld haben vor allem die Ostdeutschen mit der Teilung gezahlt, viel mehr als die Bayern, die Baden-Württemberger oder wen immer Sie wollen. Vielmehr ist die Zeche von den Ostdeutschen gezahlt worden. Und diese Ostdeutschen haben nicht mehr und nicht weniger Schuld, haben nicht mehr und nicht weniger Verantwortung für das, was mit dem Nationalsozialsozialismus von Deutschen der Welt angetan worden ist.

Klaus von Dohnanyi

Geb. 1928 in Hamburg; 1972–1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft; 1969–1981 Mitglied des Deutschen Bundestags; 1981–1988 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg.

Zehn-Punkte-Programm von Helmut Kohl, von den Sozialdemokraten in Frage gestellt bzw. abgelehnt. Wie standen Sie damals dazu?

Ich fand Kohl richtig, er war in die richtige Richtung gegangen, aber nicht weit genug. Vielleicht konnte er auch nicht anders. Aber ich fand jeden Widerstand dagegen nicht nur unhistorisch, sondern auch undurchdacht.

Oskar Lafontaine, der SPD-Kanzlerkandidat, war gegen Kohls Wiedervereinigungspolitik. Was wollte Lafontaine?

Ich glaube, Lafontaine ist ein Populist. Ich habe ihn immer so eingeschätzt. Er war immer jemand, der sich weit überschätzte, mit einem sehr beschränkten ökonomischen Sachverstand, lauter Zitate, zusammengesammelt von irgendwas, ohne wirklich praktische Erfahrung in der Wirtschaft.

Er hat gemerkt, dass es Leute gab – im Westen gab es ja genug –, die gar keine Wiedervereinigung wollten, weil sie sagten: Um Gottes Willen, hier wollen andere Leute an unsere Suppentöpfe. – Das hat er mobilisiert. Ich fand, dass die Parteiführung unter Hans-Jochen Vogel damals nicht entschieden genug war, um die Partei vor dieser Zerreißprobe zu bewahren. Ich fand uns, abgesehen von Willy Brandt in der Führung, wankelmütig.

Die SPD war gegen den 1 zu 1 Umtausch. Die SPD war eigentlich immer dagegen. War sie auf dem falschen Dampfer?

Ja, sie war auf dem falschen Dampfer. Mit dem 1 zu 1 war es furchtbar einfach. Ein durchschnittlicher Lohn betrug damals in der DDR 1.000 Ost-Mark. Wenn man das 1 zu 2 gemacht hätte, dann hätten die mit 500 D-Mark leben müssen, bekamen aber über Nacht Westpreise, weil sich natürlich in einem offenen Markt das Preisniveau sofort ausgleicht. Sie hätten zwar weiter ihre niedrigen Mieten gehabt, aber sie hätten faktisch die Butterpreise von Hamburg bezahlen müssen.

Vielleicht war ich einfach zu praktisch. Ich habe zu viel Erfahrung gehabt in Wirtschaft und in der Führung einer Stadt. Für mich schien das alles sehr unpraktisch, was die SPD da wollte.

Helmut Kohl hat sich doch gerade mit dem Geldumtausch gegen jeglichen wirtschaftlichen Verstand durchgesetzt, auch gegen den Chef der Bundesbank, Herrn Pöhl.

Finden Sie? Nein, das ist nicht ganz richtig, aber das will ich jetzt nicht vertiefen. Ich habe fast einen ganzen Tag zusammen mit Sozialdemokraten aus Ostdeutschland wenige Tage vor dem 6. Februar zusammengesessen. Das wird alles etwas einseitig berichtet. Am Ende wussten alle, es geht nicht anders. Was haben wir denn gemacht? Wir haben den Leuten ihre 10.000 Mark, die sie auf dem Konto hatten, 1 zu 1 umgetauscht. Den Rest haben wir dann mit Quoten umgetauscht. Was hat das gekostet? 123 Milliarden insgesamt haben wir eingetauscht. Die Ostdeutschen haben im Schnitt immer noch ein Vermögen gehabt, was einem Viertel des durchschnittlichen westdeutschen Vermögens entspricht. Das war ein kleiner Schritt.