Mit den Augen von Zeitgenossen -  - E-Book

Mit den Augen von Zeitgenossen E-Book

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Beschreibung

Paul Celans poetisches Werk ist bereits seit dem Ende der 1950er Jahre zum Objekt einer außergewöhnlich breitgefächerten literaturkritischen und literaturwissenschaftlichen Aufmerksamkeit geworden. Seitdem avanciert der Dichter zum meistgedeuteten Lyriker der Nachkriegszeit. Wie aber war Paul Celan als Mensch – als Spiel- und Schulkamerad, als Kollege und Gefährte, als Freund und Geliebter? 55 Autoren, die ihn in verschiedenen Phasen seines Lebens gekannt haben, erinnern sich an ihre Begegnungen mit dem Dichter und beschreiben ihn aus unmittelbarer Nähe.

Die in diesem Buch versammelten Materialien stellen den ersten übersichtlichen Versuch dar, dem menschlichen Bild Celans anhand der Fülle hinterlassener veröffentlichter und teils unveröffentlichter oder in deutscher Sprache zum ersten Mal erscheinender Erinnerungen in konzentrierter Form näher zu kommen. In diesem Sinne ist das vorliegende Buch nicht nur an Celan-Spezialisten, sondern auch an den breiteren Kreis der Leser gerichtet, die über menschliche Eigenschaften des Dichters, über seine Charakterzüge und Neigungen sowie über seine literarischen und ästhetischen Präferenzen mehr erfahren wollen.

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Seitenzahl: 652

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mit den Augen von Zeitgenossen Erinnerungen an PAUL CELAN

Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Petro Rychlo

Suhrkamp Verlag

Übersicht

Cover

Titel

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Inhalt

Erinnerungen

Czernowitz

Moshe Barash

Über Paul Celan

Edith Hubermann

[Erinnerungen an Paul Celans Kindheit]

Malzia Fischmann-Kahwe

[Erinnerungen an Paul Celan]

Ilse Goldmann

Brief an Israel Chalfen

Dorothea Müller-Altneu

Erinnerungen an den jungen Paul Celan

Edith Silbermann

Erinnerungen an Paul (Celan-Antschel)

Ruth Kraft

Das Gespräch mit Israel Chalfen über Paul Celan

Bukarest

Alfred Kittner

Erinnerungen an den jungen Paul Celan

Marcel Aderca

Erinnerung an meine Freundschaft mit Paul Celan

Maria Banuş

Zwei Momente: Am Anfang und am Ende

Ion Caraion

Über die Anfänge des Dichters

Nina Cassian

Skizze zum Jugendporträt des Dichters

Ovid S. Crohmălniceanu

Bruchstücke einer Erinnerung

Horia Deleanu

Erinnerungen an Paul Celan

Petre Solomon

Paul Celans Bukarester Aufenthalt

Wien

Otto Basil

Wir leben unter finsteren Himmeln

Milo Dor

Ein Fremder in Wien und anderswo

Klaus Demus

Gespräch über Paul Celan

Paris

Marie Luise Kaschnitz

Aus »Orte«

Rino Sanders

Erinnerung an Paul Celan

Brigitta Eisenreich

Erinnertes: Paul Celan

»Im Nichts einer Nacht« – Erste Begegnung (1952)

Schuberts »Unvollendete« (1953-1957)

Hermann Lenz

Erinnerungen an Paul Celan

Christoph Schwerin

Bitterer Brunnen des Herzens

.

Erinnerungen an Paul Celan

Einfriedungen um das grenzenlos Wortlose

Kristall

Deutschland

Wir leben in dunklen Zeiten

Deutschstunde

Edith Aron

Erinnerungen an Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange

Günter Grass

Ein Gespräch mit Claus-Ulrich Bielefeld und Dieter Stolz

Friedrich Dürrenmatt

Aus »Turmbau«

Oswald Döpke

Erinnerungsbericht über eine Lesung Celans in Bremen 1957

Jean Pierre Lefebvre

Paul Celan – unser Deutschlehrer

Rudolf Peyer

Annäherung an eine Legende

.

Begegnungen mit Paul Celan

Bernhard Böschenstein

Gespräche und Gänge mit Paul Celan

Ivo Frenzel

Mit wortgroßen Augen

Inge Waern

[Erinnerung an Paul Celan]

Klaus Voswinckel

»Die Niemandsrose« – eine Wiederbegegnung

Lektüre, Freiburg

Erster Besuch

Celan in Paris, Politisches

Letzter Besuch, April 1970

Wieland Schmied

Erinnerungen an Paul Celan

II

X

XIII

XIV

Margarete Susman

Aus »Ich habe viele Leben gelebt. Erinnerungen«

Albrecht Schöne

Nach tausend Finsternissen

.

Erinnerung an Paul Celan

Emil M. Cioran

Begegnungen mit Paul Celan

Gisela Dischner

Erinnerungen an Paul Celan

Hugo Huppert

»Spirituell«

.

Ein Gespräch mit Paul Celan

Franz Wurm

Erinnerung

Gerhart Baumann

Erinnerungen an Paul Celan

Marlies Janz

»… noch nichts Interkurrierendes«

.

Paul Celan in Berlin im Dezember 1967

Jánòs Szász

»Es ist nicht so einfach …« Erinnerungen an Paul Celan

Yves Bonnefoy

Paul Celan

Jacques Derrida

Die Sprache gehört keinem

Jean Daive

Aus »Unter der Kuppel«

.

Erinnerungen an Paul Celan

Esther Cameron

Erinnerung an Paul Celan

Gerhard Neumann

Paul Celan. Begegnung

I

II

III

Ilana Shmueli

Paul Celans Judentum und Israel

Israel Chalfen

Paul Celan in Jerusalem

Gershom Schocken

Paul Celan in Tel Aviv

Karl Krolow

Paul Celan

Jürgen P. Wallmann

»Auch mich hält keine Hand« Zum 50. Geburtstag von Paul Celan

Arno Reinfrank

Schmerzlicher Abschied von Paul Celan

Peter Härtling

Die verdoppelte Trauer

Kommentar

»Das authentische Bild des Menschen und Dichters«

Paul Celan mit den Augen von Zeitgenossen

Czernowitz

Bukarest

Wien

Paris

Zu dieser Ausgabe

Dank

Quellenverzeichnis

Personenregister

Fußnoten

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Erinnerungen

Czernowitz

Moshe BarashÜber Paul Celan Ein Gespräch mit Cord Barkhausen

Moshe Barash Meine erste Begegnung mit Paul Celan fängt an, als wir wirklich kleine Kinder waren. Ich nehme an, ich war damals vier oder fünf Jahre alt. Paul Celan war um zwei Jahre älter.

Cord Barkhausen Das war 1927 etwa?

M. ‌B. Das war 1927, ja, in Czernowitz. Er ist mir schon damals, und das ist mir merkwürdigerweise erinnerlich, aufgefallen durch ein interessantes, schönes Gesicht. Schön auf eine merkwürdige Weise. Und er hat als Kind in seinen Gesichtszügen schon die ganze Physiognomie des älteren Paul Celan gehabt. Er war ein sehr zurückhaltendes Kind, und nachdem ich auch nicht einer der aktivsten Jungen dort war, haben wir uns ziemlich gut gefunden. Wir haben manchmal auch gespielt in dem Sinne, in welchem Kinder spielen, nämlich mit einem Fußball, das war das Ideal der Kinder, einem auf eine sehr primitive Weise selbsthergestellten Ball, aus irgendwelchen Materialien zusammengestellt. Der größte Teil unserer Begegnungen bestand aus Gesprächen.

C. ‌B. Das ist ja etwas ungewöhnlich, dass Kinder in dem Alter nicht spielen, sondern miteinander sprechen.

M. ‌B. Aber wir haben viel gesprochen. Das ist ziemlich klar.

C. ‌B. Man traf sich, um zu sprechen?

M. ‌B. Ich weiß nicht, ob es richtig ist zu sagen, dass man sich traf, um zu sprechen, aber man traf sich in der Erwartung, dass man sprechen wird. Und es war so eine irgendwie verträumte Atmosphäre, die mir heute rückschauend ein wenig utopisch gefärbt scheint.

C. ‌B. Was meinen Sie damit?

M. ‌B. Das Ganze hatte einen halb irrealen Charakter. Da saßen wir also in der Sonne und sprachen; wenigstens von meiner Seite, ich nehme an, auch von seiner, wussten wir so ziemlich klar, oder wir fühlten es ziemlich klar, dass wir über Phantasien sprechen. Ich sehe vor mir ein sehr lebendiges Bild: Wir saßen auf einem kleinen steinernen Zaun, vor uns ein großer Spielplatz, wo Kinder sich tummeln und großen Lärm machen. Er sprach auf eine merkwürdig verträumte Weise. Ob das seiner allgemeinen Zurückhaltung zuzuschreiben ist, kann ich nicht sagen, aber die Art des Sprechens, also der Ton – sehr leise, ruhig –, ich kann mich z. ‌B. überhaupt nicht an ihn erinnern als schreiend oder als lärmend, als jemanden, der Lärm macht. Es war irgendeine – heute würde ich sagen: so eine besonnene Melancholie über diesem Kinde.

C. ‌B. Aus was für einer Familie kommt er denn?

M. ‌B. Seine Familie, das war eine typisch jüdisch-czernowitzer Familie, d. ‌h. eine Familie, die in der Reichweite der deutschen Kultur aufgewachsen ist, wo man sich bemühte, gutes Deutsch zu sprechen. Es war eines der Merkmale für den jungen Celan und auch für seine Eltern, soweit ich mich sehr dunkel an sie erinnern kann, dass sie sich bemühten, gutes Deutsch zu sprechen. Gutes Deutsch hieß: reines Deutsch. Und reines Deutsch war, das ist vielleicht von Interesse, eine geschriebene eher als eine gesprochene Sprache.

C. ‌B. Also war da vielleicht schon etwas angelegt von der Sprachpräzision Celans?

M. ‌B. Ich glaube schon. Ich meine, ich will da keine poesiegenetischen Theorien aufstellen, aber auf eine intuitive Weise spricht das einen sehr an.

Darf ich noch ein Detail hinzufügen, an das ich mich eben jetzt erinnere, und daran habe ich wirklich schon Jahrzehnte nicht gedacht: Dieser Steinzaun, auf dem wir uns zu treffen pflegten, war gelegen genau an der Grenze zwischen dem streng orthodoxen chassidischen Wohnviertel und einer anderen Stadtgegend, wo die mehr europäisierten Juden wohnten. Gerade an der Grenze trafen wir uns dann. Ich hatte damals den Eindruck – das ist, was in meiner Erinnerung noch bestehenbleibt –, dass zwischen uns beiden in gewissem Sinne die Spannung der zwei Viertel noch lebte. Also ich gehörte mehr zu dem nördlichen, also dem streng chassidischen, Paul Celan gehörte mehr zu dem südlichen, also zu dem etwas mehr europäisierten Viertel. Es war auch interessant: Ich hieß – offiziell – Moses, und dieses junge Kind da hieß Paulus, Paul. Ich will nicht nachträglich Symbolik hinzufügen, aber … […]

Aus irgendwelchen Gründen – ich weiß sie nicht – haben wir uns dann beide irgendwie aus dem Gesichtsfeld verloren. Dann kommt eine zweite Phase, und das war ungefähr um die Zeit – oder vielleicht etwas später – nach der Bar Mizwa. Ich war ungefähr 13, 14 Jahre alt. Das war eine Reihe von Begegnungen, die einen völlig anderen Charakter hatten. Und da erinnere ich mich, dass wir zum großen Teil über Bücher – richtiger gesagt: über Gedichte – gesprochen haben. Ich erinnere mich, dass Paul mir ein merkwürdiges Gedichtbuch geschenkt hatte, das hatte ich bis zum Jahre 41, also bis zum Ende 41, bis zur Gettozeit. Das war eine Anthologie von Gedichten, eine Auswahl von Gedichten, mit der Maschine geschrieben, schön gebunden; die Gedichte waren nicht von ihm – oder fast nicht von ihm –, da waren Stellen aus Nietzsche, da waren einige Rilke-Gedichte, und da war auch ein Gedicht, wo nichts draufgestanden ist, kein Name, und ich nehme an, das war Paul Celans Gedicht. Das war so ein grün gebundenes Heft, das ich sehr klar vor mir sehe. Ich muss sagen: der Gebrauch der Schreibmaschine war schon an sich etwas nicht sehr Übliches.

C. ‌B. Das ist aber doch sehr spannend, wenn man sich überlegt, dass die Schreibmaschine ein anonymes Instrument ist, man weiß nicht, von wem welche Gedichte stammen können, dann hat er sich da untergereiht, und es ist kein Autor mehr festzustellen ‌…

M. ‌B. Eben! Wir haben viel über die Gedichte gesprochen. Ich glaube mich zu erinnern – ich will mich vorsichtig ausdrücken –, dass er eigentlich sehr viel über die Atmosphäre gesprochen hat, also über den allgemeinen Gefühlscharakter dieser Gedichte.

Aus jener Zeit also – vielleicht war das 35, 36 – sind mir noch zwei Problemkreise in Erinnerung, sehr verschiedener Art und doch irgendwie zusammenhängend. Das eine war: Ich ärgerte mich über seinen Namen. Über den Namen Paul. Ich hieß damals Moses, also heute Moshe, was natürlich die hebräische Urform von Moses ist. Paul, das war etwas, was fremd klang. Eine dunkle Erinnerung sagt mir – aber ich würde nicht zu sehr dafür einstehen –, dass er mir irgendwie geantwortet hat: Ich hab' mir ja nicht selber den Namen gegeben, also weder es verteidigt noch seinen Unmut ausgesprochen, aber irgendwie der Sache aus dem Wege gegangen ist.

C. ‌B. Haben Sie damit irgendeine Problematik von ihm angesprochen, dass er einen christlichen Namen hat, aber Jude ist und aus jüdischer, zionistischer …

M. ‌B. Ich habe wahrscheinlich etwas in ihm angesprochen da, was viel tiefer ging, als ich wusste. Denn er war natürlich aus völlig jüdischer Familie, aus einer sehr zionistischen Familie, aber er war damals, wenn ich nicht irre, in einem Stadium, wo manche dieser Dinge anfingen, fragwürdig zu werden. Die Frage: »Warum heißt Du Paul?« war natürlich eine Frage – ich weiß nicht, ob ich es damals so gewusst habe –, warum machst Du Deine Identität nicht völlig klar. Der Name Paul war ein Name, der von manchen unter uns Kindern damals als eine Verhüllung gedeutet wurde oder gedeutet werden konnte.

Und dann gab es noch ein Thema, über das wir öfter gesprochen haben. Das Thema mag im Retrospekt eigentlich interessant sein: Wir sprachen über unsere Beziehung zur Landschaft von Czernowitz und die Situation in Czernowitz, insbesondere natürlich die Situation der Juden in Czernowitz war uns beiden klar. Es war uns klar die Aussichtslosigkeit eines menschenwürdigen Lebens, niemand konnte sich vorstellen, was in einigen Jahren kommen würde, aber ich sagte ihm: Ich mag das Ganze nicht. Es ist wahr, die Bäume sind sehr schön, aber sie sind fremd. Und ich erinnere mich an Pauls Antworten, die irgendwie ein wiederkehrendes Motiv waren: Die Menschen sind nicht schön, aber die Natur ist eine reiche und schöne, und ich liebe sie und ich bin mit ihr tief verbunden. Nicht die Worte, die ich jetzt gebrauche, [sie] sind modern, aber das war der Sinn.

C. ‌B. Paul Celan hat ja über die Landschaft gesagt, es lebten in ihr Menschen und Bücher.

M. ‌B. Ja, für ihn. Es lebten in ihr Menschen und Bücher aus dem Grunde, weil nicht sehr viel anderes möglich war. Er hat wirklich auch im Leben viele landschaftliche Eindrücke mit Büchern und mit Zitaten verbunden. Es fiel ihm immer was ein.

C. ‌B. Es taucht ja oft in seinen Gedichten irgend etwas einzelnes, ein Ort oder so, auf von Czernowitz oder von der Umgebung von Czernowitz, die Landschaft ist ja immer anwesend in seinen Gedichten.

M. ‌B. Nicht nur das – auch die Gedichte waren anwesend in der Landschaft.

Ich kann Ihnen sagen, ich erinnere mich folgender Sache: Wir gingen irgendwo ein bisschen raus, sehr weit in die Landschaft sind wir nicht gegangen, weil zwei Judenjungen, die alleine in die Landschaft gingen, das war ein bisschen gefährlich. Also nicht, dass man uns umgebracht hätte, aber man hätte uns wahrscheinlich gut verdroschen. Ich kann mich nicht genau erinnern: Irgend jemand lag da im Schatten eines Baumes an einem schönen Sommertag. Und plötzlich höre ich Paul Rilke zitieren, das Gedicht Rilkes, das das Gebet Jesu auf dem Gethsemane beschreibt, »aufgelöst im Ölgelände«. Nun, das war kein Ölgelände, es gab keine Ölbäume dort, aber immerhin, das fiel ihm ein.

Also in diesem Sinne kann ich sagen, nicht nur, dass die Landschaft anwesend ist in Pauls Gedichten, die Gedichte waren bei ihm auch anwesend in der Landschaft. Also die literarischen Assoziationen, die poetischen Assoziationen. […]

C. ‌B. Da sind wir ja genau bei dem Problem, das wahrscheinlich doch für Celan ganz typisch ist oder prägend war, nämlich dass er letztlich doch aus einer jüdischen Tradition kommt. Vielleicht können Sie dazu etwas Genaueres sagen?

M. ‌B. Es gab da einige Probleme. Es gab da erst einmal ein Problem auch der Sprache. Bitte vergessen Sie nicht: Wir hatten keine natürliche Sprache. Auch Paul Celan nicht.

C. ‌B. »Die Sprache ist mir geblieben«, sagte er, »die Muttersprache.«

M. ‌B. Ja, ja. Aber trotzdem, die Grundschule, die er gemacht hat, die Volksschule, war hebräisch, wenn ich mich richtig erinnere ‌…

C. ‌B. … dazu hat sein Vater ihn gezwungen, soweit ich weiß ‌…

M. ‌B. Ja, das hat ihn sehr beeinflusst, dass er dazu gezwungen wurde. Dann hat er Rumänisch gelernt, natürlich war Deutsch seine Sprache, aber sie war nicht so selbstverständlich für ihn, wie sie es für Sie ist.

C. ‌B. Nein, ich meine, es heißt von Juden, dass sie schweigen, warten, abwarten, bis das Ereignis kommt, oder so. Und Celan war jemand, der gesagt hat: Ich stehe jetzt in dieser Situation, ich lebe in der Bukowina, in Czernowitz, ich muss Rumänisch lernen, und er hat Rumänisch gelernt, oder er hat Shakespeare gelesen und Englisch lernen wollen, später hat er Russisch gelernt, weil die Russen gekommen sind in die Bukowina. Kein Wort darüber, er hat immer geschwiegen über alles, er hat's einfach gemacht.

M. ‌B. Ja natürlich, er hat das gemacht … natürlich …

C. ‌B. Aber was ist dann das Problem mit der Sprache? Ich dachte, die Muttersprache ist Deutsch?

M. ‌B. Ja, die Muttersprache ist Deutsch, aber immerhin … bitte verstehen Sie – ich kann sehr gut sehen, dass es schwer ist, das zu verstehen –, das ist eine Muttersprache, die gleichzeitig ein bisschen – ich will nicht sagen: Geheimsprache wird, aber das ist nicht eine Sprache, die man überall spricht. Die Kinder in der Schule sprechen eben nicht deutsch. Dann, in Czernowitz selber musste er natürlich viele andere Sprachen hören. Ich glaube nicht, dass Paul Celan mit der Muttersprache viele Probleme hatte, aber ganz natürlich, intuitiv, ohne dass man darüber nachdenkt, war es nicht – ich bin überzeugt davon, ich kann es nicht beweisen –, aber gut deutsch zu sprechen war etwas, das man erreden musste, man konnte es tun, aber das kam nicht von selber.

C. ‌B. Sie sagten vorhin, dass es einige Probleme gäbe, die das Verstummen beträfen. Welche gibt es da noch außer der Sprache?

M. ‌B. Ich glaube, dass man da noch vielleicht ein anderes Phänomen heranziehen könnte. Man kann es vielleicht nicht ganz genau nachweisen, aber ich glaube, als Hintergrund wäre es doch von Bedeutung. Das war die Neigung in gewissen jüdischorthodoxen Kreisen, insbesondere in chassidischen Kreisen, das Schweigen als eine höchste Form des Ausdrucks anzusehen. Das Verstummen vor dem Unsagbaren, vor dem Unaussprechbaren, spielt ja im jüdischen Geistesleben eine ziemlich große Rolle. Insbesondere – um es auf eine ganz kurze Formel zu bringen – in gewissen, zur Mystik neigenden Kreisen gab es viele Vorbilder, viele Modelle für Schweigen. Man darf natürlich den Namen Gottes nicht aussprechen. Das Schweigen in der Gegenwart des Rabbi ist in der chassidischen Bewegung, manchmal in gewissen Kreisen, in gewissen Strömungen, ein Ausdruck höchster Ehrfurcht. Ich glaube, im allgemeinen, wie es auf klarere Weise eine ikonoklastische Stellung gibt, also man kann Gott, das Höchste, nicht abbilden, so gibt es, vielleicht weniger ausgesprochen, aber doch auch eine Unterströmung, welche behauptet, man kann das Höchste nicht aussprechen.

C. ‌B. … und bezogen auf Celan …?

M. ‌B. Und Celan war mit dieser jüdischen Richtung ganz bestimmt vertraut. Ich will nur sagen, die Geschichten, von dem berühmten jüdischen Novellisten Perez erzählt, aber als Volksgeschichten zirkulierend, von dem ungelehrten Jungen, der am Yom-Kippur-Abend, das ist der Abend des Versöhnungstags, der heiligste und schicksalsschwerste Tag im Leben der Juden, in der Anschauung der Juden, der an diesem Abend, wo der Legende nach oder dem Volksglauben nach der Augenblick eintritt, in welchem Gott das Schicksal jedes einzelnen für das ganze nächste Jahr signiert, definitiv bestimmt, also ein ungelehrter Junge soll in diesem Augenblick – der Legende nach – nichts haben sagen können, und da hat er einfach geschwiegen oder – wie andere erzählen – einfach gepfiffen. Das, diese Geschichte, die Macht des Schweigens, war Paul Celan fraglos bekannt. Jedes Kind kannte sie. Und das Verstummen, das Schweigen, kann und soll auch zum Teil gedeutet werden aus dieser jüdischen Tradition, die ja überhaupt große Fragezeichen auf die Aussprechbarkeit tiefer Erlebnisse oder tiefer Wahrheiten stellt. […]

C. ‌B. Also Sie meinen, dass einiges in Celans Poesie auch aus dieser jüdischen Tradition sich herschreibt?

M. ‌B. Ich würde ein Doppeltes behaupten oder wenigstens andeuten: Erstens, dass aus diesem jüdischen Erbe sehr vielgestaltig und sehr vielfältig vieles in Celans Gedichten weiterlebt, zweitens – und vielleicht mit besonderer Betonung –, dass dieses Motiv des Verstummens oder das Bewusstsein des Nicht-sprechen-Könnens speziell in diesem Erbe verwurzelt ist.

C. ‌B. Es gibt noch ein anderes Motiv bei Celan, und zwar das Motiv des Namens, des intentionslosen Namens. Es taucht immer wieder das Wort »Name« auf. Wie es also das Bilderverbot im Jüdischen gibt, so herrscht es auch in der Celanschen Dichtung. Er sagt, seine Gedichte seien auf das Mögliche hin gerichtet. Dabei eröffnet er aber keine neuen Bildräume, Bilderwelten – auch durch eine paradoxe Verschränkung der Wörter, die ja meist keine Metaphern mehr sind bei ihm –, symptomatisch deutet sich das wohl im Wort »Name« an, das vielleicht auf jenes Unaussprechbare verweist.

M. ‌B. Ich will wagen, hier eine Bemerkung zu machen, die man natürlich mit gewisser Beschränkung aufnehmen soll. Im voraus: Ich will nicht alles, was an Celans Poesie da ist, auf sein jüdisches Erbe zurückführen, das wäre natürlich ganz falsch, aber da wir darüber sprachen, will ich sagen, dass im jüdischen religiös-kulturellen Erbe die Metapher für Gott »Name« ist. Das galt für Jahrhunderte, das gilt auch noch heute. Jeder fromme Jude sagt, anstelle »Gott« zu sagen, »Hashem« – der »Name«. Der »Name« ist Realität, und zwar ist der »Name« Realität nicht nur in dem Sinne, dass er magisch irgend etwas hervorbringt, sondern er selber ist es, es ist eine irgendwie direkte Bezeichnung, die, wenigstens der Intention nach, gar nichts anderes mehr bedeuten soll. Und ich kann mir sehr gut denken, dass das eine tiefe Wirkung auf Celan ausgeübt hat.

Da wir bei der Dichtung Celans sind, würde ich gerne vielleicht noch eine andere Bemerkung hinzufügen. Ich habe es oft sagen hören oder gelesen, dass Celans Dichtungen viele präzise Beziehungen und Beschreibungen haben. Ich glaube, man kann manches hier aus unserer direkten Erfahrung erklären.

C. ‌B. Es ist ja, glaube ich, ganz typisch für Celans Dichtung, dass sehr viel eigenes Erfahrenes mit hineinspielt, und auf der anderen Seite auch historisch Aktuelles, und dass das zugleich ins Allgemeine gehoben wird. Das unterscheidet ihn ja wohl auch eben von der Mallarméschen Tradition, die das schon gar nicht mehr getan hatte ‌…

M. ‌B. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. Ich tue das wieder mit einem wenigstens zum Teil schlechten Gewissen, denn ich würde nicht alles in seiner Dichtung aus den Erfahrungen des Krieges ableiten wollen. Das ist ganz gewiss falsch. Aber lassen Sie mich einige Bilder assoziativ berichten. Ich gehe aus von der »Todesfuge«, dem Gedicht, das ihn berühmt gemacht hat und das er gegen Ende des Krieges geschrieben hat, 1944. Es gibt da Metaphern oder Halbbilder, die mich sehr genau an gewisse Ereignisse und Erzählungen, die wir in der Zeit zwischen 1942 und 44 gehört haben, erinnern. »Schwarze Milch der Frühe, wir trinken sie abends, wir trinken sie mittags und morgens, wir trinken sie nachts, wir trinken und trinken, wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng. Ein Mann wohnt im Haus, der spielt mit den Schlangen, der schreibt, der schreibt, wenn es dunkelt, nach Deutschland dein goldenes Haar Margarethe. Er schreibt es und tritt vor das Haus, und es blitzen die Sterne. Er pfeift seine Rüden herbei, er pfeift seine Juden hervor, lässt schaufeln ein Grab in der Erde. Er befiehlt uns: Spielt auf nun zum Tanz.«

Darf ich frei assoziieren? Ich bin Wissenschaftler von Beruf, und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich vielleicht jemanden dazu verleiten könnte, zu glauben, dass man alles aus einem Erlebnis ableiten kann ‌… Aber nachdem ich das gesagt habe, lassen Sie mich folgende Erlebnisse und Erinnerungen assoziieren: Wir lesen, »wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng«. Nun, im Sommer 42, in drei Wochen hintereinander, wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung, der in Czernowitz geblieben ist, unter ganz besonderen Bedingungen – das war eine Extra-Kategorie – deportiert. Da waren auch Paul Celans Eltern dabei. Alle Juden, die weggebracht wurden, wurden umgebracht, wurden erschossen, fast alle. Ich erinnere mich nicht an die Zahl, aber es wurden viele Tausende weggebracht, ich glaube, drei oder vier sind entkommen. Die Erzählungen, die uns dann erreichten – wir waren damals noch in Czernowitz –, waren natürlich uns allen bekannt, fraglos auch Paul Celan.

C. ‌B. Um es einzufügen: Paul Celan ist ja damals eben nicht mit verschleppt worden, sondern blieb in Czernowitz und ist dann in Czernowitz ins Arbeitslager gebracht worden.

M. ‌B. Ja, ja. Eine der Erzählungen war immer, dass die Leute, die dann umgebracht wurden, ihr Grab schaufeln mussten, und ich erinnere mich ganz genau an die Betonung der Erzählung, wie eng es in diesen Gräbern war, nämlich dass niemand natürlich ein Grab für sich hatte und dass die tiefen Gräber, die da von den Leuten geschaufelt wurden, sich mit dicht gedrängten Leichen füllten, und – ich kann das nicht beweisen und ich will das auch nicht beweisen – das Bild von dem Grab in den Lüften, wo man nicht eng liegt, verbindet sich wenigstens in meiner Assoziation mit der Vorstellung von der toten Mutter, die in einem engen Grab liegt.

Darf ich noch eine Assoziation bringen? »Es blitzen die Sterne, er pfeift seine Rüden herbei« – wer immer das sein mag –, »er pfeift seine Juden hervor, lässt schaufeln ein Grab in der Erde, er befiehlt uns, auf, nun zum Tanz«. Nun, diese Deportationen der Juden, die dann über den Bug geschickt wurden – das sind die Deportationen, die für Paul Celan sehr entscheidend wurden, weil eben seine Eltern da umgekommen sind –, die geschahen jede Woche in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag. Die Leute, die bewaffneten, wer immer das war: rumänische Polizei plus andere Gruppen, die die Leute dann zur Deportation holten, die waren merkwürdigerweise wenn nicht immer, dann oft von großen wilden Hunden begleitet, und sein Herbeipfeifen der Rüden erinnert mich wenigstens an dieses Ereignis. Wie er die Rüden heranpfeift, so pfeift er seine Juden hervor, die natürlich alle kamen – was konnten sie sonst tun –, um dann eventuell schließlich ihre Gräber von ihnen schaufeln zu lassen.

Ich habe noch eine kleine Assoziation, die – wie mir scheint – ganz genau hier passt: »Er befiehlt uns, spielt auf nun zum Tanz!« Ich will Ihnen sagen: In diesen Nächten von Samstag auf Sonntag gab es in den verschiedenen Häusern der Machthaber große, ballartige Veranstaltungen, und wir verfolgten mit Schrecken jeden Sonnabend, ob nun diese Vorbereitungen gemacht werden oder nicht. Wurden sie nicht gemacht, so gab's keine Deportation. Um dieselbe Stunde in den frühen Morgenstunden – ich sehe das vor meinen Augen – jetzt –, als die Juden da konzentriert wurden, umgeben von den Rüden und von den Bewaffneten, da gab es verschiedene Kapellen, die die Gäste von diesen Festlichkeiten dann rausbegleitet haben. Ich versteckte mich zu jener Zeit in einer Wohnung, die nicht weit von einem solchen Haus gelegen war, und ich habe das an drei solchen frühen Sonntagmorgen miterlebt, wie man nun aufspielte zum Tanz. Diese Zusammensetzung – Gräber, wo man nicht gedrängt ist, Herbeipfeifen von Rüden und Juden und Aufspielen zum Tanz –, das hat eine für mich bis heute – entschuldigen Sie – erschreckende Genauigkeit. Das wollte ich Ihnen sagen. […]

C. ‌B. Man kann das ja noch an etwas anderem verdeutlichen: Die Literaturwissenschaft hat ja bisher in ihren Interpretationen gar nicht so sehr auf die kulturelle Tradition oder kulturelle Herkunft, aus der Celan kommt, Gewicht gelegt. Was ganz spannend ist, ist ja auch die Namensgeschichte von Celan. Celan hat ja gar nicht Celan ursprünglich geheißen, sondern Paul Ancel. Daraus entstand dann in anagrammatischer Umformung der Name Celan, und der Name Celan bedeutet ja etwas, vielleicht wissen Sie das.

M. ‌B. Darf ich vielleicht noch einen Schritt weiter zurückgehen? Der Name Ancel bedeutet auch etwas. Ancel ist eine Diminutivform von »Enosch«, und das heißt Mensch.

C. ‌B. Also »Menschlein«…

M. ‌B. Ancel ist eigentlich »Menschlein«. Wenigen Leuten wird das bekannt gewesen sein, aber Paul Celan, der einerseits sehr hellhörig war für Worte, immer, auch im privaten Leben, andererseits gut Hebräisch konnte, hat das natürlich gewusst. […] Als Paul Ancel sich Celan zu nennen begann, habe ich keine direkten Beziehungen mehr gehabt. Unsere Wege gingen auseinander, ich ging dann nach dem, was noch nicht Israel war, aber Israel werden sollte, und Paul ging dann schließlich erst nach Bukarest und dann nach Paris. Wir waren in Bukarest zusammen, aber wir haben uns kaum getroffen, mal auf der Straße.

[…]

Edith Hubermann[Erinnerungen an Paul Celans Kindheit] Ein Gespräch mit Larissa Naiditch

Edith Hubermann Ich wurde in Czernowitz geboren, wie auch Paul Celan. Er ist mein Cousin, sein Vater und meine Mutter waren Geschwister. Wir sind eigentlich die einzigen Kinder in der Familie, denn die anderen Onkel und Tanten haben keine Kinder gehabt. Meine Mutter hieß Regina, sein Vater Leo, es gab noch einen älteren Bruder, David, und zwei Schwestern, Berta und Minna. Zwischen den Geschwistern existierten sehr gute Beziehungen. In Czernowitz lebten zuerst nur die Tante Minna, der Onkel Leo und meine Mutter – Regina. Ich wurde bereits nach dem Tode des Opas geboren. Paul kannte noch den Großvater, aber er war noch sehr klein, als dieser starb. Die Oma starb viel früher, während des Ersten Weltkriegs, in Mähren. Ich glaube, Paul erwähnt Mähren in einem seiner Gedichte. Ich weiß nicht, in welchem Land sich heute der Ort befindet, wo wir gewohnt haben, vielleicht in der Slowakei, seinerzeit war das die Tschechoslowakei, und zur Zeit des Ersten Weltkriegs, natürlich, Österreich-Ungarn. Unsere Familie flüchtete in Richtung Wien, aber wir haben Wien nicht erreicht. Als der Krieg zu Ende war, kehrten wir wieder zurück. Meine Mutter wurde in Schipinitz geboren, das ist ein kleiner Ort in der Bukowina. Und nach dem Krieg blieb die Familie in Czernowitz. Der Opa, der Onkel Leo und die Tante Minna wohnten zusammen in der Wassilkogasse 5 (wir wohnten woanders). Das war eine Dreizimmerwohnung, in einem Zimmer wohnte die Tante Minna, in einem anderen wohnten die Antschels, es gab noch ein gemeinsames Zimmer und die Küche. Die Wohnung befand sich im Erdgeschoss, und durch das Fenster konnte man in den Hof klettern, was wir öfters gemacht haben. Im Hof spielten wir, z. ‌B. Fußball. Ich war dort öfters, solang ich ein kleines Kind war. Die Tante Minna war gastfreundlich und hat die Kinder sehr gern gehabt. Sie selbst hatte keine Kinder, sie war damals noch nicht verheiratet. Sie liebte und verwöhnte uns. Wenn Kinder Unfug trieben und das Haus auf den Kopf stellten, kam sie immer zu Hilfe, brachte alles wieder in Ordnung. So war es bis 1933. Im Jahre 1933 wanderte die Tante Minna nach Palästina aus. Anstatt ihrer erschien dann der Onkel David. Bis dahin hatte er in Deutschland gelebt, er hatte dort als Inhaber einer Fabrik in Chemnitz eine gute Position gehabt, als Hitler aber an die Macht kam, konnte er dort nicht mehr bleiben, er flüchtete aus Deutschland und siedelte sich in Czernowitz an. Er lebte dort einige Jahre, in dem Zimmer, das früher der Tante Minna gehört hatte. Irgendwie existierten sie dort zusammen, was natürlich nicht einfach war. Der Onkel David war ein strenger Herr, er wollte sich ebenfalls an der Erziehung der Kinder beteiligen, und seine Erziehungsprinzipien waren durchaus deutsch. Nach drei bis vier Jahren siedelte er dann nach Bukarest über, was für alle eine Erleichterung bedeutete. In Czernowitz gab es einen Brauch, fremde Kinder bei sich aufzunehmen – sie wurden Kostkinder genannt. Die Kinder, die in einem Dorf gewohnt haben, haben keine Möglichkeit gehabt, die Mittelschule zu besuchen, denn es gab dort keine. Sie wurden also nach Czernowitz geschickt, und sie wohnten vorwiegend bei den Verwandten, um die Möglichkeit zu bekommen, die Schule zu besuchen. Daher wohnten in unserer Wohnung noch Mädchen von der Familie Nadel – Klara und Emma. Eigentlich waren sie unsere Verwandten, ihre Mutter war eine Cousine zweiten Grades von meiner Mutter und von Pauls Vater. Sie waren ungefähr zehn Jahre älter als Paul und mit ihm sehr befreundet.

Larissa Naiditch Und alle haben in derselben Wohnung gewohnt?

E. ‌H. Ja, wie in Russland. Damals war unsere materielle Lage nicht besonders gut; wie gesagt, man musste sich nach der Decke strecken. Klara und Emma wohnten bei uns lange Zeit – solange sie die 5., die 6. und die 7. Klasse besuchten. In den Ferien gingen sie nach Hause, dann kehrten sie wieder zurück und brachten viele Lebensmittel mit. Paul war mit ihnen sehr befreundet, der Altersunterschied war nicht besonders spürbar. Sie erinnerten sich ganz gut an ihn und erzählten später Israel Chalfen von ihm, der ein Buch über Celans Jugend geschrieben hat. Danach lebten sie in Haifa, inzwischen sind sie gestorben. Als Paul in Israel war, hat er sich mit ihnen getroffen.

Paul war ein vorzüglicher Schüler, ein Beispiel für alle. Man war stolz auf ihn und sagte, er sei seinem Urgroßvater Pessach ähnlich, zu dessen Ehre er auch so genannt wurde (der Urgroßvater galt in der Familie als hervorragender Mann). Paul konnte sehr gut rezitieren. Bereits mit drei Jahren konnte er Schiller und Heine auswendig. Besonders gern rezitierte er Elieser Stejnbargs Fabeln auf jiddisch. Zu den Zuhörern zählten die Tante Minna, meine Eltern, Klara und Emma.

Als sich die materielle Situation seines Vaters verbessert hatte, konnte die Familie in eine neue Wohnung einziehen. Das geschah einige Jahre nach der Übersiedlung von Tante Minna und Onkel David. Sie zogen in eine bessere Wohnung, im zweiten Stock eines neuen Hauses in der Masarykgasse von Czernowitz. Das war eine wunderbare Wohnung, ganz modern, mit einem Badezimmer, also viel bessere Wohnverhältnisse.

Dann ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, und was später passierte, ist wohl bekannt. Auch die Geschichte, wie es Paul gelungen ist, dem Arbeitslager zu entkommen, ist bekannt. Pauls Eltern haben wir noch in Transnistrien gesehen, denn wir waren etwa um dieselbe Zeit deportiert worden, das war im Sommer 1942, und wir konnten sie noch in einem anderen Lager besuchen. Das war nicht weit entfernt. Sie befanden sich damals in einem Übergangslager, von wo aus man später weiterverschickt wurde. Nach einigen Wochen wurden sie woandershin transportiert. Wir gelangten in ein anderes Arbeitslager – dort haben wir am Wiederaufbau der Straße Winniza–Uman gearbeitet. Das Lager befand sich im verlassenen Schloss des Grafen Potocki, an einem Flussufer. In denselben Räumlichkeiten waren Lebendige und Tote. Unser physischer Zustand war etwas besser als der von anderen Häftlingen. Einmal in der Nacht haben wir verstanden, dass die Deutschen nicht mehr da waren. Und bald kamen russische Soldaten, sie haben uns befreit. Sie haben gefragt: »Естьещеевреи?« (»Gibt es noch Juden?«), und waren sehr erstaunt, dass wir noch da waren. Auf ihrem ganzen Weg gab es sonst keine Juden mehr.

Als wir aus dem Lager zurückkamen, haben wir eine Zeitlang mit Paul zusammengewohnt, bis er seine Wohnung verkauft hat und nach Rumänien gegangen ist. Wir waren mittellos, sind verlaust zurückgekommen, eine der Cousinen hat uns ermöglicht, uns in der Badewanne zu waschen, sie hat unsere schäbige Kleidung verbrannt.

L. ‌N. Was geschah mit Paul, als ihr zurückgekehrt wart?

E. ‌H. Paul war gerade von der »munca« zurück. »Munca« bedeutet auf rumänisch Arbeit, so wurde das Arbeitslager genannt. Er wusste schon, dass seine Eltern umgekommen waren. Er war sehr schweigsam, erzählte kaum etwas. Damals arbeitete er in der psychiatrischen Klinik, Dr. Mayer, der Ehemann von Braina, der Schwester des Lehrers Hersch Segal, hat ihm geholfen, diese Arbeitsstelle zu bekommen.

L. ‌N. Erzählen Sie bitte ein wenig über Hersch Segal.

E. ‌H. Hersch Segal habe ich 1940 kennengelernt, er hat mir geholfen, Mathematikstunden für Schulkinder zu geben – ich habe mit Nachhilfestunden dazuverdient, hauptsächlich bei jüdischen Familien. Segal war der erste, der Pauls Gedichte verbreitet hat – in Maschinenschriftform, die er verschiedenen Leuten zu lesen gab (er hat auch andere junge Dichter auf diese Weise veröffentlicht). Eine dieser Kopien konnte ich später in Wien, in der Österreichischen Nationalbibliothek, sehen. Pauls Gedichte lasen hauptsächlich seine Freunde, also Leute, die einem bestimmten Zirkel angehörten.

Als Arzthelfer begleitete Paul einen Zug nach Donbass. Ich glaube, er war erschüttert darüber, was er dort gesehen hat.

Für Paul waren die Russen eine große Enttäuschung, denn viele Leute waren nach Sibirien deportiert worden, das war für ihn ein echter Schock. Bestechung, »Bakschisch« waren gang und gäbe. Für Wodka konnte man alles bekommen.

L. ‌N. Haben Sie schon vor dem Krieg gewusst, dass Paul Gedichte schreibt?

E. ‌H. Viele junge Menschen schrieben Gedichte. Ich habe nicht in Erinnerung, dass seine Gedichte damals bekannt waren. Erst als er nach Bukarest kam (auch wir haben damals in Bukarest gelebt, und er besuchte uns dort öfters), haben wir erfahren, dass er Gedichte schreibt. Für meine Eltern war er beinahe ein Sohn.

Eigentlich hatte er die Absicht gehabt, nach Palästina auszuwandern. Czernowitz zu verlassen fiel mir sehr schwer, ich wollte nicht weggehen, aber meine Eltern wollten auswandern, und ich – ihre einzige Tochter – musste mitgehen. Ich weigerte mich, in Bukarest zu bleiben. Natürlich konnte man damals nur mit Hilfe der Partei auswandern. Es gab damals eine Jugendorganisation für die Jüngsten – »Schomer Hazair«, doch wir waren schon über 18, uns passte mehr die Organisation »Al Hamischmar«, eine Art Fortsetzung von »Schomer Hazair«. Sie hatte illegale Auswanderungen nach Israel organisiert. Paul hat mit diesen Leuten in Bukarest ebenfalls Kontakt aufgenommen. Vor der Abreise hatte man uns an einen Sammelpunkt gebracht, bevor wir uns zum Bahnhof begaben (weiter ging es über Bulgarien, und in Varna sollten wir uns einschiffen). Ich war an solch einem Sammelpunkt. Tags zuvor kam Paul zu mir, um sich zu verabschieden. Er sagte: »Bald komme ich auch.« Und ich war fest davon überzeugt, dass er in der Tat bald in Palästina auftauchen würde. Nachdem ich ausgewandert war, hat er sehr enge Kontakte mit meinen Eltern unterhalten. Sie sind später nach Israel gekommen, damals blieben sie noch in Bukarest. Einmal hat er ihnen gesagt, er möchte illegal die Grenze überqueren. Falls es nicht klappen würde, so würde er ins Gefängnis kommen. Doch viele Leute haben es versucht, und in den meisten Fällen ist es gelungen.

L. ‌N. War er eher ein Optimist oder ein Pessimist?

E. ‌H. Eher ein Optimist. Ich war ganz bestürzt, als er später nach Israel zu Besuch kam. Er sah so schlecht aus. Wir kannten ihn als einen starken, sportlichen Jungen. Sicher hat er auch Melancholiezustände gekannt. Das geschah aber selten. Ihn begleitete öffentlicher Erfolg. Er hatte viele Freunde und Freundinnen, als er noch ein Mittelschüler war. Es gab damals in Czernowitz einen recht geschlossenen Zirkel. Ich gehörte ihm nicht an. In diesem Zirkel war es z. ‌B. nicht üblich, zum Tanzen zu gehen. Das war eine andere Gesellschaft.

L. ‌N. Erzählen Sie bitte etwas ausführlicher über Pauls Eltern.

E. ‌H. Seine Mutter … konnte vor allem sehr gut Deutsch. Als Paul noch ganz klein war, lernte sie mit ihm Gedichte auswendig. Er wurde immer als Beispiel angeführt. »Schau, wie gut er rezitiert!« Er rezitierte immer Gedichte, die ihm seine Mutter beigebracht hatte. Auch mir wollte sie Gedichte beibringen, aber ich habe mich gewehrt. Die Mutter hat immer danach gestrebt, dass er der beste Klassenschüler würde – und er war auch der beste Klassenschüler. Außerdem liebte er sehr verschiedene Pflanzen und beschäftigte sich viel damit. Er hatte ein wunderbares Herbarium, dem er viel Aufmerksamkeit schenkte.

L. ‌N. War sie eine Art »jiddische Mame«, hat sie ihn stark bemuttert?

E. ‌H. Nein, das würde ich nicht sagen. Sie sorgte vor allem dafür, dass er der beste Schüler war, dass er seine Schulaufgaben korrekt machte. Sie war eine schöne Frau.

L. ‌N. War sie blond?

E. ‌H. Ich würde sagen, eher brünett, obwohl er in seinen Gedichten »meine blonde Mutter« schreibt.

L. ‌N. Waren die Beziehungen zu seinem Vater wirklich schwierig?

E. ‌H. Ja, der Vater war sehr streng. Er hatte ihn gezüchtigt. Paul konnte ja manchmal recht ausgelassen sein. Doch in solchen Fällen stellte sich immer jemand von den Erwachsenen auf seine Seite, verteidigte ihn. So dass der Vater in schwieriger Lage war. Bis zum Alter von zehn Jahren unterschied sich Paul kaum von anderen Kindern.

Aus dem Russischen übersetzt von Petro Rychlo

Malzia Fischmann-Kahwe[Erinnerungen an Paul Celan] Ein Gespräch mit Larissa Naiditch

Larissa Naiditch Ich weiß, dass Sie eine Kindheitsfreundin von Paul Celan waren. Wie haben Sie ihn kennengelernt? Haben Sie mit ihm die gleiche Schule besucht?

Malzia Fischmann-Kahwe Nein, wir haben verschiedene Schulen besucht. Kennengelernt haben wir uns bei einem Wettbewerb. Wir beide waren damals etwa dreizehn Jahre alt, das französische Konsulat in Czernowitz veranstaltete einen Wettbewerb in Französisch für die Schüler jüngerer Klassen, bis zum vierzehnten Lebensjahr. Man hatte mich für diesen Wettbewerb von unserer Mädchenschule und Paul von seiner Knabenschule geschickt. Ich habe mit ihm den ersten Preis geteilt. Der Wettbewerb verlief in drei Etappen. Die erste Etappe war ein Gespräch, dann die Grammatik und schließlich die Literatur. Und wir haben absolut gleiche Noten bekommen. Zwischen diesen Etappen haben wir einige Tage freie Zeit für die Vorbereitung bekommen. Literatur haben wir schon zusammen vorbereitet. Wir kamen bis in das Finale und teilten uns schließlich den ersten Platz. Seitdem waren wir befreundet. Das war eine große Freundschaft, also keine Liebe, sondern eben Freundschaft. Bald erschien in meinem Leben ein intimer Freund, der später zu meinem Ehemann werden sollte. Paul hat aber damals noch keine Liebesbeziehung gehabt.

L. ‌N. War er ein schöner Junge?

M. ‌F.-K. Außerordentlich schön. Und immer elegant, akkurat, gut angezogen.

L. ‌N. Haben Sie gewusst, dass er Gedichte schreibt?

M. ‌F.-K. Genau habe ich es nicht gewusst. Er hat ja seine Gedichte niemandem gezeigt. Ich ahnte aber, dass er schreibt, konnte jedoch nicht genug Mut fassen, ihn darüber zu befragen. Er liebte Rilke, in der Jugendzeit war es sein Lieblingsdichter, am meisten liebte er den »Cornet«. Nachdem er ihn für sich entdeckt hatte, kam er zu uns, und wir begaben uns in den Wald – in der Nähe von Czernowitz gab es einen Wald, genannt Cecina, und Paul las mir den »Cornet« vor, er konnte wunderbar vorlesen. Er hatte auch später viel vorgelesen. Außerdem liebte er noch den dänischen Schriftsteller Jacobsen, seine Erzählung »Mogens«. Auch Trakls Gedichte liebte er und von den Klassikern Heine. Wir haben öfters gemeinsame Ausflüge in der Umgebung gemacht, und er las uns immer vor.

L. ‌N. War es üblich? Haben auch andere vorgelesen?

M. ‌F.-K. Ja, es war üblich. Wenn aber Paul mit uns war, so hat nur er vorgelesen.

L. ‌N. Konnte man schon damals sagen, dass er ein bedeutender Mensch werden will?

M. ‌F.-K. Nein, als Kinder haben wir darüber nicht nachgedacht.

L. ‌N. Hat er auch Sport getrieben?

M. ‌F.-K. Ja, er rodelte, lief Ski und Schlittschuh, schwamm. Was die Gymnastik betrifft, weiß ich nicht. Er kannte sich ganz gut in der Natur aus, kannte jedes Hälmchen – wie es heißt und wie es wächst. Er interessierte sich für alles, was in der Natur geschieht. Er konnte sagen: »Schau, dieses Gras heißt so und so, wächst so und so.« Er war ein sehr vielseitiger und großer Intellektueller.

L. ‌N. War er ein nervöser Junge?

M. ‌F.-K. Nein, mit fünfzehn, sechzehn merkt man so was nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht.

L. ‌N. Und wie hat er gesprochen?

M. ‌F.-K. Er hatte eine wunderbare Sprache, dabei gar nicht einfach. Seine Stimme war hoch – wie bei einem Mädchen. Er war auch ironisch, konnte lachen, Witze reißen. Er konnte z. ‌B. seine Ohren bewegen. Manchmal schien er seltsam, exzentrisch. Zum Beispiel gingen wir einmal zusammen zu einem Konzert, beim Ausgang begegnete ich meiner Tante und unterhielt mich mit ihr eine kleine Weile, und er ging hinaus und erwartete mich. Wie erwartete er mich aber? Er hat sich auf das Trottoir gesetzt. Leute kommen vom Konzert heraus, alle festlich angezogen, auch er war ordentlich angezogen – und da sitzt er auf dem Trottoir. Ein anderes Mal lud er mich zu einem Film mit dem französischen Schauspieler Louis Jouvet ein. Wir gehen also, obwohl wir keine Ahnung haben, in welchem Kino der Film läuft. Und plötzlich hält Paul wildfremde Menschen auf der Straße auf, die uns entgegenkommen, und fragt sie: »Sagen Sie bitte, in welchem Kino läuft der Film mit Louis Jouvet?« Es waren ganz einfache Leute, sie haben nie von irgendeinem Louis Jouvet gehört. Sie haben ihn wie einen Verrückten angeschaut.

Ich möchte noch von seinem Verhältnis zur Übersetzung erzählen. Zuerst war Paul grundsätzlich gegen jegliche Übersetzung gewesen. Er meinte, dass in einem Gedicht vor allem ein eigener Gedanke des Dichters ausgedrückt ist. Wenn man einen fremden Gedanken nimmt und ihn in die Muttersprache überträgt, so wird er nie dein eigener sein. Es gab damals ganz dünne Büchlein des Insel-Verlags – eine kleine Erzählung oder einige Gedichte, also Ausgaben, die sogar für Schüler und Studenten zugänglich waren. Und eines dieser Büchlein geriet in meine Hände, es enthielt die Übersetzung des französischen Gedichts von Paul Verlaine durch Stefan Zweig.

Ich träume wieder von der Unbekannten,

die schon so oft im Traum vor mir gestanden.

Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar

mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen

und kann in meinem dunklen Herzen lesen.

Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.

Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt

ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –

Wie eines Name, den du Liebling heißt

und den du ferne und verloren weißt.

Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben

wie Stimmen der Geliebten, die uns starben.

Auf französisch kannte ich dieses Gedicht aus der Schule: »Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant / D'une femme inconnue, et que j'aime et qui m'aime«. Nun habe ich die deutsche Übersetzung gelesen, und sie hat mir sehr gut gefallen. Unsere Zeit mit Paul war drei Uhr nachmittags am Samstag, um diese Zeit trafen wir uns üblicherweise. Er ist also gekommen, und wir gingen mit ihm zu einem Teich, recht weit vom Haus entfernt, wo ich gewohnt habe. Es gab in Czernowitz solch einen Badeort, er hieß Rennerteich. Wir gingen durch alte Gässchen zu diesem Teich. Ich war entzückt von diesem Gedicht und habe es ihm vorgelesen. Er hielt inne und sagte: »Ich kapituliere.«

L. ‌N. Sie haben ihm also die Möglichkeit einer poetischen Übersetzung bewiesen, nicht wahr? Wie alt wart ihr damals?

M. ‌F.-K. Damals? Sechzehn, wir haben Verlaine in der sechsten Klasse gelernt.

L. ‌N. Worüber sprach er gerne?

M. ‌F.-K. Hauptsächlich waren es Gespräche über Literatur oder seltener – über die Politik. In politischer Hinsicht war er ein Nihilist. Er war links, aber kein Kommunist, die Kommunisten hatte er schnell durchschaut.

L. ‌N. Sehr früh?

M. ‌F.-K. Ja, ganz früh. Als die Sowjets kamen, haben sogar die Linken die Situation erkannt. Nur am Anfang waren alle noch naiv. Typisch ist z. ‌B. ein Fall gewesen. Mein Mann hat als Sekretär an einem Lehrstuhl in der Universität gearbeitet. Und die dortigen Putzfrauen – sie alle stammten aus Czernowitz – standen zu ihm in einer guten Beziehung. Während eines Gesprächs begannen sie sich zu beklagen, dass ihr Gehalt so klein war, dass man kaum davon leben konnte. Und einmal versammelten sich bei uns zu Hause unsere Freunde, Paul war auch dabei, wir haben gesprochen – damals waren wir noch so naiv, wir dachten, man darf sprechen. Nun fragte mein Mann: »An wen sollte man sich wenden, wenn in der Sowjetunion eine Ungerechtigkeit geschieht?« Am Anfang waren wir wirklich sehr naiv. Bald aber haben wir alles verstanden.

L. ‌N. Haben Sie auch Pauls Familie gekannt?

M. ‌F.-K. Ich habe einen Onkel von ihm gekannt, die Eltern nicht. Ich war nie bei ihm zu Hause. Er kam immer zu uns. Seine Mutter hat er beinahe vergöttert. Wenn er »meine Mutter« sagte, so schien uns, sie sei für ihn ein Heiligtum. Mit dem Vater verstand er sich nicht besonders gut.

L. ‌N. Was war Ihr Vater von Beruf?

M. ‌F.-K. Er war Deutschlehrer am Gymnasium.

L. ‌N. Hat er Paul viel erzählt?

M. ‌F.-K. Nein, er war sehr schweigsam. Aber Paul liebte seine Gedichte. Mein Vater schrieb Gedichte, wollte sie aber nicht veröffentlichen. Seine Gedichte trug er handschriftlich in Hefte ein. Paul hat ein Gedicht in diesen Heften besonders gern gehabt: »An Mutters Grabe«. Mein Vater hatte seine Mutter früh verloren und widmete dieses Gedicht ihrem Gedenken. Es begann mit den Worten: »Ich habe, Mutter, Blumen dir gebracht«. Seltsam schien mir an Paul noch etwas. Er konnte den stumpfsinnigsten Jungen in der Klasse besuchen, konnte lange mit ihm zusammensitzen und sprechen. Warum er das gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Mit solchen Jungen war er natürlich nicht befreundet. Sie hielten ihn aber für ihren Freund. Jeder zweite konnte behaupten, er sei Paul Antschels Freund. In der Tat war es aber nicht so. Von Pauls Seite war es keine Freundschaft, es war etwas ganz Oberflächliches. Aber diese Leute interessierten ihn, er hat für sie eine gewisse Neugier gezeigt.

L. ‌N. Kann man sagen, dass er gesellig und offen war?

M. ‌F.-K. Ja und nein. An der Oberfläche war er sehr offen, aber innerlich verschlossen. Viele hielten ihn für stolz. Obwohl er buchstäblich mit allen kommunizierte, ließ er sie gleichzeitig spüren, dass er höher stand als andere. Das betraf natürlich nicht seine wirklichen Freunde. Er war ein wunderbarer Freund, ein echter Freund! Er half gern anderen Menschen. Zum Beispiel Tanja. Tanja Adler lebte zuerst in Rumänien, in Jassy, sie war Kommunistin. Sie wurde verfolgt, sollte verhaftet werden, und die Partei schickte sie dann in die Sowjetunion. Sie war alleinstehend, ohne Eltern, hatte keine Geschwister. Sie kam in ein fremdes Land, Deutsch konnte sie damals noch nicht, sprach rumänisch. Sie war sehr einsam, sozusagen ein Outsider im vollen Sinne des Wortes. Wir haben zu jener Zeit eigene Schwierigkeiten gehabt. Die Russen kamen, wir konnten nicht sofort die Sprache erlernen, man musste russisch und ukrainisch sprechen. Wir haben kaum was verstanden, jeder beschäftigte sich mit seinen eigenen Angelegenheiten. Und nur Paul hat Mitleid mit ihr gehabt. Er lud sie nach Hause ein, stellte sie seiner Mutter vor, hat, wo er nur konnte, ihr zu essen gegeben, sorgte sich um sie. Die Zeiten waren schwierig. Er hat ihr sehr geholfen, und dann entstand zwischen beiden eine echte Freundschaft. Sie erkrankte damals – es war eine Hautkrankheit am Kopf, man musste die Haare abschneiden, sie trug einen Turban. Er hat ihr sehr geholfen, und sie waren bis zuletzt befreundet, bis er Czernowitz verlassen hat, bereits nach dem Krieg. Später, als er aus Frankreich seinem Jugendfreund Gustav Chomed schrieb – das war sein bester Schulfreund, ein sehr ergebener Freund –, hat er immer auch ihr Grüße geschickt. Einmal hat er mich besonders überrascht. 1940/41, als die Sowjets kamen, ich war schon verheiratet, da begann ein neues Leben. Wir waren links und haben uns gefreut, erst später kam die Enttäuschung. Zu jener Zeit war jeder mit sich selbst beschäftigt. Paul hatte inzwischen ein Jahr in Frankreich verbracht, er begann dort, Medizin zu studieren, und dort hatte er Freunde aus Czernowitz, mit denen er zusammenwohnte, z. ‌B. Lonya Miller. In Czernowitz hat er sie wiedergefunden und sich mit ihnen oft getroffen. Ich habe diese Leute nicht gekannt. Sie waren älter als ich, nach dem Abitur sind sie ins Ausland gegangen, und ich bin in Czernowitz geblieben. Eines Tages, am Samstag, kam Paul zu uns, ich hatte ihn bereits mehrere Monate nicht gesehen. Mit meinem Mann war er bekannt, aber nicht befreundet. Befreundet war er mit mir. Und da sagt Paul: »Heute treffen wir uns bei den Alpers. Ich möchte euch mit meinen Freunden bekannt machen. Es ist mir sehr wichtig.« Etwas Ähnliches habe ich früher von Paul nie gehört. Er wollte also mich in den Kreis seiner Freunde einführen. Mein Mann war ebenfalls sehr erstaunt. Paul insistierte darauf, er war nur deswegen gekommen. Und wir verbrachten diesen Abend zusammen und haben seine Freunde kennengelernt. Er wusste, dass wir diese Leute früher nicht gekannt haben, er wollte uns aber beweisen, wie sympathisch sie sind, wollte uns alle miteinander befreunden.

L. ‌N. Und wann haben Sie erfahren, dass er Gedichte schreibt?

M. ‌F.-K. Erst nach dem Kriege. Während des Krieges wurde unsere Familie evakuiert. Als wir 1945 nach Czernowitz zurückkehrten, hatte Paul die Stadt schon verlassen. Tanja Adler war früher als wir zurückgekommen. Er hinterließ bei ihr ein handschriftliches Buch mit seinen Gedichten – für mich, als Geschenk. Später gelangte dieses Buch an unseren gemeinsamen Freund Erich Einhorn, der um diese Zeit in Moskau lebte. Er kam einmal zu uns nach Czernowitz, und als ich ihm das Buch zeigte, sagte er: »Bei uns in Moskau gibt es Übersetzer, sie möchten Pauls Gedichte ins Russische übertragen, haben jedoch keine Originaltexte.« Und ich gab ihm dieses Buch mit. Ich habe natürlich keine Absicht gehabt, es ihm zu schenken, auch er dachte nicht daran, es mir wegzunehmen. Das war doch ein Geschenk für mich. Es geschah aber, dass er früh am Herzinfarkt gestorben ist. Ganz plötzlich, mitten in der Arbeit. Das bezieht sich auf jene Zeit, als ich die Sowjetunion schon verlassen wollte. Als ich vor der Abreise nach Israel noch in Moskau war, habe ich mit Erichs Witwe nur telefonisch gesprochen, denn wir waren unter Zeitdruck. Ich hielt es für unpassend, nach dem Buch zu fragen, und so blieb das Buch bei Einhorns. Seine Tochter Marina erwähnt es im Briefwechsel beider Freunde, den sie herausgegeben hat. Ich weiß ganz genau, dass es nur ein Exemplar davon gab, denn Paul hat es mir über Tanja Adler übergeben lassen, und bei ihr entschuldigte er sich und sagte, er habe leider nur ein Exemplar und dies wolle er Malzia schenken. Tanja konnte damals noch nicht Deutsch. Ich war von diesem Geschenk sehr berührt.

Nach vielen Jahren, 1976, gab es noch eine Episode, die mich sehr beeindruckt hat. Der Inhaber des französischen Lehrstuhls an der Universität Tel Aviv, David Seidmann, war ein Mitschüler von Paul. Er ist oft von Israel aus nach Paris gereist. Und einmal ruft er mich an und lädt mich zu sich ein. Ich habe die Einladung angenommen, war aber nicht wenig erstaunt: Früher hat er mich nie eingeladen. Bei ihm war Gisèle zu Gast, sie wurde damals von Ilana Shmueli nach Israel eingeladen. Es hat sich herausgestellt, dass Gisèle mich kennenlernen wollte. Das war eine bezaubernde Frau. Sie sagte zu mir: »Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft Paul von Dir erzählt hatte – und dabei so wunderbare Dinge.«

L. ‌N. Und wann haben Sie eine Nachricht über Paul nach dem Krieg erhalten?

M. ‌F.-K. Er hat einen Brief an Tanja geschrieben und mir seine Grüße übermittelt.

L. ‌N. Haben Sie das Gefühl gehabt, dass Czernowitz eine provinzielle Stadt war?

M. ‌F.-K. Nein, wir haben z. ‌B. herrliche Konzerte erlebt. Zu uns kam regelmäßig das Wiener Theater zu Gastspielen. Die besten Schauspieler, Musiker weilten bei uns. Wir alle besuchten ihre Konzerte mit Stolz und Freude.

L. ‌N. Was bedeutete für Paul sein Judentum?

M. ‌F.-K. Sehr viel. Er liebte z. ‌B. jiddische Fabeln von Elieser Stejnbarg, besonders »Der Spieß und die Nadel«, in der diese zwei Gegenstände miteinander streiten, wer wichtiger sei. Diese Fabel rezitierte er auf jiddisch, bis jetzt höre ich seine Stimme.

L. ‌N. War er bei solch fundierten Kenntnissen in verschiedenen Sphären kein Snob?

M. ‌F.-K. Nein! Absolut nicht. Keinesfalls.

Aus dem Russischen übersetzt von Petro Rychlo

Ilse GoldmannBrief an Israel Chalfen

Bukarest, 8. Januar 1973

Werter Herr Doktor Chalfen,

[…]

Unsere Jugend war alles andere als ein Idyll. Wir wollen keine Weltgeschichte und kein Draußen dafür verantwortlich machen, um ausnahmsweise ehrlich zu sein. Sie war wie wir, wir waren wie sie. Und man kann das auch noch unbarmherziger formulieren. Zu irgendeiner Apologetik besteht auch kein Anlass, wie in Menschendingen – nie. Da Paul ein Großer unter den Freunden geworden ist, die dies vielleicht auch zu ihrer begreiflichen Gewissensbeschwichtigung brauchten, ist es üblich – bei manchen –, die Vergangenheit in einem literarisch verklärten Licht zu sehen. Paul, wie immer er auch war, verdient etwas Besseres. Darum habe ich mich auch entschlossen, Ihnen zu schreiben. Vielleicht können Sie das [verstehen], auch spricht aus Ihren beiden Briefen so viel ehrliches, inniges Bemühen um sein Bild, dass es nicht anständig wäre, darauf nicht zu antworten. […]

Und nun will ich Ihre Fragen beantworten!

Nein, ich war mit Paul nicht in der Volksschule zusammen, ich kannte ihn als Kind nicht.

Ich lernte Paul kennen, als ich fünfzehn und er knappe sechzehn war. Wir hatten damals beide einen gewissen Ruf unter der Jugend, jeder aus anderen Gründen. Es war im Sommer, ich schwamm im Pruth und merkte plötzlich, dass mir jemand beharrlich nachschwamm, zu den gefährlichsten Stellen – wir waren beide gute Schwimmer. Schließlich sagte er kreuzunglücklich: Fräulein, Sie verkennen mich, ich will wirklich nicht das, ich verfolge Sie aus ganz anderen Gründen, wegen Ihrer Ideen, ich möchte mit Ihnen wegen Ihrer Ideen sprechen. Wir haben selber später darüber viel gelacht, es war drollig genug: Die Welt war einen Augenblick früher noch wunderbar grün und blau gewesen – als er sich näherte, fiel ein dunkler eisiger Schatten über alles und blieb, seine Gegenwart belastete mich, und das wurde nie anders.

Ich mochte ihn vom ersten Blick an nicht. Meine Abneigung stammte wie unüberwindliche Abneigungen eben aus der Physis. Dabei müssen Sie wissen, dass er damals ein selten schöner Mensch war, ganz in der Art jugendlicher Romantiker: etwa Byron oder Shelley, mit sanften Rehaugen und einem goldüberhauchten Pfirsichton der Haut, mit langen, schlanken, sehr ebenmäßigen Gliedern, einer seiner verständnisvollen Bewunderer verglich ihn mit einer jungen Erle, nicht zu Unrecht – und er erweckte in mir unüberwindliche Abneigung, dass mir eine herzhafte Hässlichkeit erfrischend vorkam, manchmal schien mir um ihn eine Schwüle wie in einem Treibhaus voller Orchideen zu herrschen. Er hatte eine durchaus mädchenhafte Art, den Kopf auf die Seite zu legen und den Blick passiv und elegisch schweifen zu lassen, die mich wütend machte. Allerdings: Ich war nach einem bitterschweren Erlebnis und am liebsten allein, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. In seinen Bewegungen hatte er eine gleitend weiche Art, fast etwas Schleichendes, auch eine mädchenhafte Anmut, die mich peinlich berührte. In seinem ganzen Wesen war etwas Weichlich-Wehleidiges, das ich nicht vertrug, es weckte in mir einen gewissen Groll, ich schien mir selbst männlicher als er. Ein erfahrener Mann, der uns beobachtete, sagte: Das ist ein Paar mit vertauschten Rollen, auch: die beiden haben ihre Geschlechtskleider in der großen Garderobe vor der Geburt miteinander vertauscht. Seltsam ist, dass ich, bald nachdem wir uns kennengelernt hatten, von ihm träumte und ihn als Mädchen mit langen, ordentlich geflochtenen schwarzen Zöpfen sah – er hatte auch sehr schönes, leicht gewelltes schwarzbraunes Haar. Ich war im Traum sehr zufrieden und sagte mir: Na, endlich ist die Sache wieder in Ordnung. Ich glaube, dieses Weichliche und Zwischengeschlechtliche war es, das bei sehr vielen eine tiefe Antipathie gegen ihn entstehen ließ, etwas aus großer Tiefe Kommendes, selbst bei denen, die ihn sehr bewunderten. In späteren Jahren ging mir auf – vielleicht ahnte ich es schon damals –, dass dies eine der Ingredienzien, Fluch und Eigenschaft des Dichters, des Schöpfers ist, zwischen den Geschlechtern zu stehen oder beide zu sein – ich erinnere mich auch, dass er mir einmal die Wahnsinnsszene der Ophelia und die Balkonszene der Julia vorspielte, erstaunlich, und ich hatte wieder das Gefühl: Na, jetzt ist ja alles in Ordnung. Aber es war mir tief unheimlich. Wie seine Begabung als solche – ich spürte immer etwas Fragwürdiges und Lebensgefährdendes daran, und wahrscheinlich spürten das auch die anderen, die ihn nicht mochten, selbst gegen besseres Wissen und Gewissen. Vielleicht gehörte sein Vater zu diesen, und vielleicht war ihr Verhältnis deshalb so schlecht. Es waren die Forderungen seines Metiers, die ihn beides sein ließen.

Pauls sozialpolitische Interessen kamen nie von weit her. Es war die geistige Mode, und er machte sie mit. Seine Beziehung zu mir spielte da auch eine Rolle. Es war meine Härte, Unentwegtheit, schwer errungene Engstirnigkeit, die ihn anzog? Ganz bestimmt ein masochistischer Trieb, der ihm sagte, dass ich ihm viel antun würde, was auch geschah. Vielleicht brauchte er die »Gabe des Leides« wie Ibsens Skalde. Und dann, werter, lieber Herr Doktor – haben Sie Ihre eigene Jugend schon ganz vergessen? Natürlich waren es keine Menschen, die uns in dieser Richtung beeinflussten, schon gar nicht Erwachsene, denen wir mit demselben tiefen Misstrauen gegenüberstanden, wie Jugend immer – und mit Recht, sie muss ja zu sich selber kommen und selber leben. Hätten uns unsere Eltern in diese Richtung zu beeinflussen gesucht, wären wir schnurstracks in die andere Richtung gelaufen. Frenetisch. Es waren Bücher, Gedanken – Menschen an letzter Stelle. Das Leben hat mir vor etwa 36 Jahren drastisch abgewöhnt, Menschen in soziale Kategorien einzuteilen und mit solchen Fertigteilen zu denken. Sie sind sehr bequem, ich hege den Verdacht, wir verdanken sie überhaupt unserer Denkträgheit und schießen immer fehl. Wie sollte Pauls braver, beschränkter Vater verstehen, welch fremdartiges Geschenk ihm das Schicksal gemacht hatte? Er begann zu rasen, und das war für beide höchst unzuträglich. Ich erinnere mich an einige sehr peinliche Auftritte. Schwamm drüber. Jedenfalls hat er Pauls Selbstgefühl, seine Sicherheit schwer geschädigt. Ganz anders die Mutter, der Paul sehr viel verdankte und die tiefe Ahnung von іhm hatte, eine Frau von viel Feingefühl überhaupt, doch beeinflusst hat sie ihn nicht. Paul war nicht groß darin, die Konsequenzen seiner vermeintlichen Interessen zu ziehen, was meine Verachtung weckte, doch für viele Zustände und Sachverhalte hatte er ein erstaunlich waches und kritisches Auge, etwas vom Ahnungsvermögen Hölderlins, das ihn sagen ließ: »Das eben hat den Staat zu einer Hölle gemacht, dass der Mensch sein Paradies aus ihm machen wollte.« – Paul konnte mit seltsamer Reife ähnliche Urteile fällen. Wir sahen darin Schwäche, Feigheit, Drückebergerei, selbst Menschen von ganz anderer Überzeugung hielten ihn für einen krassen Egoisten, der außer sich keinen Gedanken im Kopf habe. Und etwas davon stimmte auch – er hatte in diesen Jahren eigentlich nur Sinn für das Außerordentliche, das sich in ihm vollzog und zu dem er wahrscheinlich berufen war. Und zu nichts anderem auf der Welt. Dennoch habe ich ihn in einer plötzlichen Aufwallung gegen eine phantastische Gemeinheit im Krieg, die ihn eigentlich nichts anging, alles hinwerfen sehen und in den Tod zurückgehen. Seine Berufung, die keinen Gott neben sich duldet, hielt ihn nicht immer in der Zange. Aber sie ergriff ihn immer wieder. Wie gesagt, ähnlich wie sein Vater spielte ich eine sehr üble Rolle in jenen Jahren in seinem Leben – ich schadete seinem Selbstgefühl vielleicht noch mehr, ich machte ihn noch unsicherer und menschenscheuer, und wenn er später vielleicht nie den rechten Weg zu Menschen fand und vor allem kein Vertrauen zu sich und zu ihnen – etwas davon ist іn diesem Erlebnis zu suchen. Ich könnte heute nicht anders empfinden als damals – aber seit damals weiß ich, wie sehr man diese Verstrickungen meiden muss. Wie gesagt: Es war, glaube іch, nicht die Liebe zu mir und nicht meine Person, es war der nicht wiedergutzumachende Schlag für sein Selbstgefühl, sein Selbstvertrauen, kein Mensch kann nach solchem gut in sich wohnen.