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Beschreibung

Die verschiedenen Beiträge wollen in der gegenwärtigen Pandemie ermutigen: Wie ist Vinzenz Pallotti mit der Cholera in Rom zurechtgekommen, wie Richard Henkes im KZ Dachau mit Typhus, und wie kann man heute in Krisen und Krankheiten Hoffnung und Zuversicht finden und "trotzdem Ja zum Leben sagen", wie Viktor Frankl auffordert? – Beispiele von Gottvertrauen einerseits und von Solidarität und Zusammenhalt andererseits. Mit einer ausführlichen Dokumentation aus der Allgemeinen medizinischen Zeitung von 1837 über die Choleraepidemie in Italien.

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EPUB
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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Pallotti-Institut

Arbeitskreis Pallottinische Forschung im Institut für Theologie und Geschichte religiöser Gemeinschaften der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar

Mit der Pandemie leben lernen – Pallottinische Erfahrungen mit Zeiten von Krankheit

Dieser Titel ist auch als Printausgabe erhältlichISBN 978-3-87614-144-2

Sie finden uns im Internet unterwww.pallotti-verlag.de

Wichtiger Hinweis des Verlags: Der Verlag hat sich bemüht, die Copyright-Inhaber aller verwendeten Zitate, Texte, Bilder, Abbildungen und Illustrationen zu ermitteln. Leider gelang dies nicht in allen Fällen. Sollten wir jemanden übergangen haben, so bitten wir die Copyright-Inhaber, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-87614-145-9 (eBook)

Verlag:

© Pallotti Verlag 2021

 

86316 Friedberg (Bay.)

Gesamtherstellung:

FRIENDS Menschen Marken Medien

 

www.friends.ag

© Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ulrich Scherer

Ermutigungen für ein zuversichtliches Leben in und nach der Pandemie

Sascha Heinze

Jeder Mensch… Reflexion über eine biblische Metaphorik anlässlich der gegenwärtigen Pandemie – ein Essay

Brigitte Proksch

Richard Henkes (1900-1945) – Pallottinerpater, Märtyrer, Seliger

Manfred Probst

Pallotti und die Cholera-Epidemie in Rom

Stanislaw Stawicki

Die Cholera in Italien 1837

Berichte der Allgemeinen Medizinischen Zeitung mit einer Einführung von Alois Wittmann

Das Engagement des Katholischen Apostolates während der Cholera-Epidemie 1837 in Rom

Adelheid Scheloske

Der Selbstversuch von Max von Pettenkofer im Jahr 1892

Alois Wittmann

Die AutorInnen des Buches

Vorwort

Wie kann man mit der permanenten Bedrohung durch Krankheit leben? Der Umgang mit Schmerz und Sterbenmüssen, mit Gebrechlichkeit und Verletzbarkeit ist die größte Herausforderung für das Menschsein. Nicht umsonst bezeichnet Georg Büchner in seiner vielzitierten Aussage das Leid als einen „Fels des Atheismus“. – Die gegenwärtige Coronapandemie wird uns noch lange beschäftigen. Sie hat viel Leid gebracht. In manchen Teilen der Welt und in vielen Regionen herrschen noch große Nöte. Die seelischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieser Pandemie sind kaum abschätzbar und vielfach dramatisch.

Die hier vorgelegten, sehr unterschiedlichen Beiträge wollen helfen, den Horizont zu weiten und Mut zu fassen: Wie sind gläubige Menschen, wie ist Vinzenz Pallotti und wie sind Pallottiner mit Krankheiten zurechtgekommen? Zwei Aspekte fallen dabei auf: immer ging es um Gottvertrauen, um Gebet, um die eigene positive Disposition einerseits und um Engagement, Solidarität, Hilfeleistung und Zusammenhalt andererseits.

Der Band beginnt mit einem Beispiel aus der Gegenwart: Sascha Heinze nimmt seine eigene langwierige Erkrankung an Covid 19 zum Anlass, „Ermutigungen für ein zuversichtliches Leben“ zu geben angesichts der Tatsache, dass es nach der Pandemie kein Zurück mehr zum Vorher geben wird. Dennoch sind wir selbst es, die handeln, entscheiden und das Leben deuten können. Mit Viktor Emil Frankl erinnert Heinze daran, „…das Leben ist es, das die Fragen stellt, wir sind es, die zu antworten haben.“ Wir sind nicht Getriebene, sondern jene, die gestalten dürfen – unter welchen Bedingungen auch immer.

Brigitte Proksch stellt die Pandemie in den größeren Zusammenhang global relevanter Themen und zeigt, dass sie nicht das einzige, ja nicht einmal das zentrale Thema sein darf, das uns heute zu beschäftigen hat. Sie weist auf die besondere Chance hin, in diesem Moment die Notwendigkeit zur weltweiten Solidarität neu zu entdecken, schließlich wird die Pandemie nur dann vorübergegangen sein, wenn sie nirgends auf der Welt mehr wütet. Ein neues Bewusstsein der Schicksalsgemeinschaft und vielleicht auch neue Motivation für sozialen Zusammenhalt können entstehen, wenn wir uns im Bewusstsein, dass Jede und Jeder betroffen ist, auch jedem zuzuwenden bereit werden. Ist nicht in jedem Menschen das Bild Gottes zu entdecken?

Der Märtyrer Richard Henkes ist ein Beispiel solch grenzenloser Solidarität in seinem Einsatz für an Typhus erkrankte Mitgefangene im Konzentrationslager Dachau. Dies kostete ihm schließlich selbst das Leben. Manfred Probst, der die Seligsprechung von Henkes entscheidend vorbereitete, präsentiert hier einige markante Ereignisse aus dem Leben eines Menschen, der in Krankheit und Leiden ein Zeugnis des Vertrauens gab.

Wie Vinzenz Pallotti die Zeit der Choleraepidemie in Rom überstand, wie er Bittgebete initiierte und seine Gefährten und Freunde immer wieder ermutigte, ohne Angst und Sorge um sich selbst für Kranke und Arme da zu sein, stellt Stanislaw Stawicki anhand der Briefliteratur dar.

Alois Wittmann schließlich fasst die detaillierten Berichte aus der Allgemeinen medizinischen Zeitung von 1837 über das Geschehen während der Cholerazeit in Rom und darüber hinaus zusammen. Als ihm 2018 historische Exemplare dieser Zeitung in die Hände gefallen waren, hatte Wittmann den Anstoß zur Veröffentlichung und damit zu diesem Band gegeben. Wittmann ergänzte die Zeitungsauszüge mit einer Erläuterung der Infektionskrankheit, die es schon lange vor Christi Geburt gab. Auch einen kurzen Bericht über Max von Pettenkofer und dessen Selbstversuch mit Cholera-Bakterien stellt er bereit. Vor dem Hintergrund der Coronapandemie ist es interessant, diese Berichte zu lesen und so manche Parallelen zu heute zu entdecken: das tägliche Aufzählen der Inzidenzwerte bzw. Anzahl der Infizierten, das Vor und Zurück der Ansteckungswellen… Über Vinzenz Pallotti und diese Zeit ist in den verschiedenen Pallotti-Biographien noch einiges mehr zu erfahren. Adelheid Scheloske war bereit, diese Informationen zusammenzutragen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine interessante Lektüre. Möge es gelingen, mit der Pandemie leben zu lernen und trotz aller Einschränkungen den Mut und die Lebensfreude nicht zu verlieren!

Ulrich Scherer, Vallendar,

am Fest der hl. Apostel Petrus und Paulus 2021

Ermutigungen für ein zuversichtliches Leben in und nach der Pandemie

Sascha Heinze

Im Frühjahr 2021 war ich mit Corona infiziert, hatte einen milden Verlauf und wurde von der Bezirkshauptmannschaft für drei Wochen gänzlich „abgesondert“, wie diese Quarantänezeit behördlicherseits in Österreich genannt wird. Einige Erfahrungen finden sich in meinen Ausführungen wieder, andere habe ich von Menschen in Gesprächen, aus den Medien oder aus Beobachtungen. Viktor Frankl und Vinzenz Pallotti haben mich in den vergangenen Monaten oft gestärkt. Im Folgenden einige Reflexionen und Perspektiven dazu – Ermutigung zu Sinnsuche und Lebensfreude.

Die Gesellschaft insgesamt, aber auch jede und jeder Einzelne sind von der Pandemie betroffen. Alle machen ihre Erfahrungen mit der Pandemie. Jede und jeder allerdings geht unterschiedlich damit um. Manche sind resilienter, also belastbarer als andere, und kommen mit den Herausforderungen der Pandemie gut zurecht. Andere werden durch die neue unbekannte Situation verunsichert, einsam, haltlos oder krank. Ich will nun aus meiner Sicht ein paar „Ermutigungen für ein zuversichtliches Leben in und nach der Pandemie“ mit auf den Weg geben, will einige Hinweise vermitteln, wie wir mit den Erfahrungen und dem, was uns persönlich und als Gesellschaft in dieser Zeit bewegt, umgehen können, damit neues, unbehindertes und vitales Leben möglich wird.

Die vielen Gesichter der Pandemie

Die Corona-Pandemie ist ein Phänomen mit vielen Gesichtern. Nicht nur, dass sich die Krankheit in ganz unterschiedlichen Formen und mit ganz unterschiedlichen Symptomen zeigt. Sie hat auch viele Gesichter, die wir erst im Spiegel des Rückblicks deutlicher identifizieren können. Es sind Gesichter der Trauer über den Verlust eines Menschen. Es sind Gesichter der Zurückgezogenheit in Absonderung und Quarantäne, welche in der Abgeschiedenheit des eigenen Zimmers und auf Distanz zu den eigenen Mitbewohnern, auf sich selbst zurückgeworfen sind. Es sind Gesichter, welche die Folgen von Long Covid zeigen. Es sind Gesichter des Unverständnisses über Maßnahmen, die zum Schutz der eigenen Person und der Mitmenschen getroffen wurden.

Die Situation der Pandemie verlangt von uns, dass wir uns auf die neuen Umstände einstellen. Auf einmal finden wir uns in Gegebenheiten vor, die uns aus unserem alltäglichen Leben meist nicht vertraut sind: Situationen des Abstandhaltens, der Distanz, des sich Nicht-Begegnens, des Maske-Tragens, des Desinfizierens der Hände. Es sind Situationen, die viele von uns überfordern, da sie mit dieser Situation nicht umzugehen verstehen. Es herrscht eine Krisenstimmung, auch wenn es allmählich aufwärtszugehen scheint. Die Krise behindert und verschüttet oft die Zugänge zu einem sicheren, freien und erfüllten Leben. Zunächst also gilt es, diese Verunsicherung in manchen Bereichen des Lebens zu sehen, wahr- und anzunehmen. Eine Krise ist dadurch gekennzeichnet, dass Orientierungen verloren gehen. Die Krise überfordert nicht nur, sie kann hilflos machen, wenn wir mit den uns bekannten Bewältigungsmechanismen nicht mehr weiterkommen.

Menschliche Reaktionen

Die Pandemie wirft uns auf uns selber zurück, auf die Sorge um die eigene Gesundheit, auf die eingeschränkten oder versagten Möglichkeiten, verschiedene alltägliche Lebensvollzüge zu erleben, wie zum Beispiel, einen Besuch im Kaffeehaus, einen Bummel durch die offenen Geschäfte der Stadt, einen Besuch im Buchladen. Vieles, was wir gewohnt waren, ist uns nun zum Teil nicht mehr möglich, auch wenn zurzeit verschiede Öffnungsschritte gesetzt werden. Die Pandemie wird uns mit manchen Einschränkungen weiter begleiten.

Diese Einschränkungen haben für unser Wohlbefinden verschiedene Folgen: Unsicherheiten, Ängste, Einsamkeit, Depressionen können sich zeigen, wenn wir nicht situationsadäquat darauf reagieren und antworten können. Gewohnheiten, Selbstverständlichkeiten, Sicherheiten werden unsicher und in Frage gestellt. Das Pflegen von Beziehungen wird schwierig oder sogar verunmöglicht, die Begleitung und das Abschiednehmen von Sterbenden konnte nicht geschehen. Hier die Balance zu halten, hier die für sich stimmige Antwort auf die jeweilige Situation zu finden, ist nicht leicht und fällt vielen Menschen sehr schwer. Wir sind aufgefordert, uns auf diese neuen, für uns ungewohnten, Umstände einzustellen und neue Antworten zu finden.

Bereitschaft zu Veränderungen

Ein wichtiger Hebel, um mit dieser Pandemie zurecht zu kommen, ist die Änderung der Einstellung. Zur Bewältigung verschiedener Phänomene, die sich uns in der Pandemie zeigen, hilft es oft nicht, mit gewohnten Verhaltensweisen zu reagieren, denn die Pandemie konfrontiert uns mit Wirklichkeiten, mit deren Bewältigung wir nicht vertraut sind. Vieles, was wir für selbstverständlich hielten, ist es nun nicht mehr.

So kann es helfen, zu den sich spontan zeigenden Gefühlen zunächst einmal auf Distanz zu gehen. Es geht darum, Emotionen wahrzunehmen: Ohnmacht, Wut, Angst, Verunsicherung, Trauer, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Isolationsgefühl und ähnliches. All das darf sein und ist in solchen Situationen auch normal und begreiflich. Die Frage ist nun, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Denn, um es noch einmal zu betonen, wir haben es mit Ereignissen, Erlebnissen und Erfahrungen zu tun, die wir in dieser Weise aus unserem Alltag und unserem Erleben kaum kennen. Wir brauchen also für den Umgang mit unseren Emotionen und Erlebnissen, und dem, wie wir die Situationen erleben, eine neue Antwort. Helfen kann es, wenn wir es wagen, einmal bei unseren Gefühlen zu bleiben, und zu sehen und zu fühlen, was sie uns über uns selbst mitteilen. Was ist die Erkenntnis, die sich aus den Gefühlen und Emotionen ergeben kann? Wie erlebe ich belastende Situationen?

Die Kraft unserer Einstellung

Wenn unabänderliches Leid, unabänderliche Gegebenheiten unser Leben behindern, dann kann es uns helfen, einen „Einstellungswert“1, zu finden, um mit der Situation umgehen zu lernen. So Viktor Emil Frankl, der Begründer der Logotherapie. Frankl nennt es auch „die Trotzmacht des Geistes“. Wir sind nicht dazu verdammt, in Situationen, die unser Leben einengen oder gar verunmöglichen, passiv zu bleiben, es schicksalhaft zu erdulden, zu erleiden oder zu verzweifeln. Wir sind „potentiell frei“, so Frankl, eine Einstellung dazu zu finden, die uns „trotzdem“ leben lässt. „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ heißt eine seiner berühmten Schriften zu diesem Thema. Eine solche Einstellung zu finden, kann uns sogar einen Wert, einen Sinn in dieser belasteten Situation finden lassen. Frankl nennt diese Art des Umgangs mit Krisen, das Finden eines „Einstellungswertes“. Eine solche Suche und das Finden eines solchen Wertes kann uns helfen, mit der jeweiligen Situation positiv umzugehen.

Es stellen sich derzeit oft Fragen wie folgende: Was mache ich den ganzen Tag zuhause, wenn ich nicht außer Haus darf, weil ich in Quarantäne bin? Wie gehe ich mit den Kindern um, wenn sie keine Schule haben? Wie schütze ich mich und andere vor Corona, auch wenn mir das Abstandhalten schwerfällt? Wie gehe ich damit um, Menschen, die mir lieb sind, nicht zu besuchen? Wie kann ich dem Sterben eines lieben Menschen gegenüberstehen? Wie den Verlust eines Menschen betrauern, von dem ich nicht persönlich Abschiednehmen konnte? Wie kann ich mit den Folgen von Corona für meine Gesundheit umgehen? Wie soll ich zu den vielen täglichen Nachrichten über Corona, auch von Verschwörungstheoretikern Stellung beziehen? Zu all diesen Fragen kann eine bewusst gesetzte Einstellung die Richtung einer Antwort weisen.

Einen Sinn setzen

„Das Schicksal, das ein Mensch erleidet, hat also erstens den Sinn, gestaltet zu werden – wo möglich – und zweitens getragen zu werden – wo nötig“2, so Viktor Emil Frankl. Wo es gelingt, das Schicksal zu gestalten oder auch nur zu tragen, wird die menschliche Freiheit genutzt und die menschliche Möglichkeit, mit allen leidvollen Situationen, die uns begegnen, so umzugehen, dass wir uns in ihnen nicht einfach hilflos ausgeliefert erleben. Wir brauchen nicht passiv geschehen lassen und uns der Verzweiflung hingeben nach dem Motto „da kann man nichts machen“, sondern, wir können in jeder Situation immer noch die handelnde, die gestaltende Person in unserem Leben und im Umgang mit unserem Leben bleiben. Wir haben „potentiell“ die Möglichkeit, jeder Situation einen Sinn zu geben, indem wir uns ihr gegenüber verhalten und Stellung beziehen. Eine solche Einstellung zu gewinnen ermöglicht es, einen Sinn auch im Leiden zu erlangen. Sie ist für unser „Lebenkönnen“ und unser „Lebenmögen“, die Lebensbejahung, von großer Bedeutung.

„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“3 So formuliert es Viktor Emil Frankl weiter. Es ist entscheidend, dass ich im Sinn ein „Warum“ des Leidens erkenne, damit ich es tragen kann. Diesen Weg des Umgangs mit einer leidvollen Situation zu finden, ist wahrlich nicht leicht. Es ist ein Geschenk, wenn es gelingt. Auch geschieht eine solche Einstellungsänderung nicht über Nacht und oft auch nicht von heute auf morgen. Es sind Prozesse, die meist Zeit brauchen, aber sie sind möglich. Davon gibt Viktor Emil Frankl Zeugnis. Davon geben Menschen Zeugnis, denen diese Art des Umgangs Entlastung und sogar auch inneren Frieden geschenkt hat.

Wir haben immer die Möglichkeit und Freiheit, mit unserem Leben – was immer uns widerfahren mag – so umzugehen, dass für uns ein Sinn daraus sichtbar, fühlbar, ergreifbar wird. Unser Leben ist und bleibt dadurch bedeutsam und wertvoll, was auch immer geschehen mag. Diese Fähigkeit haben nach derzeitigem Erkenntnisstand nur wir Menschen innerhalb der Schöpfung. Diese Freiheit der Person ist uns geschenkt, und sie ist eine der wertvollsten Gaben, die wir Menschen ins Leben mitbekommen haben. Jede Situation ist eine Einladung an uns, dieses Geschenk zu nutzen. Denn es ist für uns entscheidend, ob wir verzweifeln, sinnlos leiden, zynisch werden oder mit dem Leben abgeschlossen leben oder ob wir ein „Ja“ zum Leben auch dann sprechen können, wenn es schwer, vielleicht auch zu schwer wird. Wir sind es, die unser Leben erleben (müssen). Deswegen ist es für uns auch entscheidend, wie und mit welcher Einstellung wir unser Leben leben. Wir besitzen die Fähigkeit, zu allem Stellung beziehen zu können. Dadurch wird es uns möglich, eine Einstellung und auch einen Wert in widerfahrendem Leid zu finden.

Die Frage nach der Zukunft

Diese Pandemie stellt aber auch eine wichtige und existenzielle Frage, die unsere Zukunft betrifft: „Wie wollen wir leben“? „Wie wollen wir nach der Pandemie leben?“. Unser Leben, jedes einzelne Leben, so wie wir es kannten, ist in Frage gestellt. Diese Pandemie verlangt uns viel ab. Nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch die vielen Auswirkungen, die im Zusammenhang mit Covid 19 stehen, betreffen unsere Gesellschaften und die ganze Welt. Gewohnheiten, die uns zu Sicherheiten wurden, tragen nicht mehr. Jeder Lebens- und Arbeitsbereich, jedes private Leben ist in irgendeiner Weise direkt oder indirekt von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. All unsere Lebensformen sind tangiert: unser Beziehungs- und Familienleben, unsere Art zu arbeiten, unsere Freizeit und unsere Gestaltung der freien Zeit. Schule, Bildung und Erziehung, ja fast alles Gewohnte ist unterbrochen, gehemmt oder in seinem Vollzug verändert. Viele wünschen sich Rückkehr zu Früherem. So schallt uns jeden Tag aus den Medien der Ruf entgegen: „Wir wollen unser altes Leben zurück!“ Normalität soll wieder einkehren, alles soll wieder seinen gewohnten, geregelten Gang gehen. Wäre ich Evolutionsforscher, würde ich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn nichts ist schlimmer als der Stillstand oder Rückkehr; nichts ist der Evolution ferner als ein immer weiter Desgleichen