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Marie Bode wurde in eine äußerst anregende kulturelle Atmosphäre hineingeboren. Ihr Vater war Wilhelm von Bode, der Generaldirektor der Berliner Museen. Durch seine Vermittlung wurde sie 1907 als Lehrerin für Kunstgeschichte an den Kaiserhof berufen. 1915 heiratete sie Viktor Bruns, internationaler Richter beim Völkerbund in Den Haag und Begründer des Kaiser Wilhelm Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin. In ihren Tagebüchern und Briefen entsteht das Bild einer kreativen und humor- vollen Frau, die trotz der restriktiven Atmosphäre autoritär männlich geprägter Gesellschaften in erstaunlicher Weise emanzipatorisch denkt und wirkt. »Erobere die Festung! Wozu sind wir Frauen emanzipiert?« Eingebunden in das gesellschaftliche Leben des Berliner Bildungsbürgertums zeichnet sie dessen Porträt, von den Zeiten Kaiser Wilhelms II. bis nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Maries Schwiegermutter war eine geborene Weizsäcker, und drei Generationen dieser Familie treten in den Tagebüchern auf. Enge Kontakte gab es u. a. zu Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Pastor Martin Niemöller und Leopold Reidemeister. Den Hintergrund von Maries Schilderungen bildet stets das an Freundschaften und Festivitäten reiche Leben ihrer eigenen Familie. Ihre Tagebücher sind mit eigenhändigen Aquarellen und Zeichnungen illustriert sowie mit zeitgenössischen Postkarten und Fotografien.
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Mit einem Mann möcht ich nicht tauschen
Rainer Noltenius (Hg.)
Mit einem Mann möcht ich nicht tauschen
Ein Zeitgemälde in Tagebüchern und Briefen der Marie Bruns-Bode (1885–1952)
Gebr. Mann Verlag · Berlin
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
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© 2018 und 2020 Gebr. Mann Verlag · Berlin
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Gestaltung: hawemannundmosch · Berlin
Coverabbildung: Marie Bruns auf dem Weg zur Museumsführung, vgl. S. 67
Frontispiz: Marie Bode schreibt Tagebuch – kurz vor ihrer Verlobung Buchrückseite: Marie Bode malt, lavierte Kohlezeichnung ihrer Zeichenlehrerin Iselin Meeger, Berlin 1904, vgl. S. 9
Schrift: Franziska
Printed in Germany · ISBN 978-3-7861-2799-4 Hardcover (2018)
Die elektronischen Ausgaben sind mit der Druckausgabe von 2018 identisch.
© 2020 E-PDF: ISBN 987-3-7861-7504-9
© 2020 E-Pub: ISBN 987-3-7861-7503-2
© 2020 MobiPocket: ISBN 987-3-7861-7507-0
Bilderreise
zu Marie Bruns-Bodes Leben
Marie Bode: Selbstporträt, Pastell, 1915.
Marie Bode mit ihrem Vater Wilhelm und einem Buch, 1893.
Maries Mutter Marie Bode, geb. Rimpau.
Marie Bode: Gemalter und gedichteter Gruß vom Haushaltungsinternat in Reifenstein, 1903.
Marie Bode malt, lavierte Kohlezeichnung ihrer Zeichenlehrerin Iselin Meeger, Berlin 1904.
Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, Schülerin von Marie Bode, Radierung von Marie Stein-Ranke.
Marie Bode malt die persönlichen Beziehungen von Mitgliedern ihres Kränzchens: ein Soziogramm! Marie links als Stiefel, rechts hinter dem Fenster Gottfried Dryander als »Jung-Schloh«, 1914.
Maries Vater Wilhelm von Bode am Schreibtisch, Generaldirektor der Berliner Museen, 1910.
Verlobung von Marie Bode (»Musch«) und Viktor Bruns (»Paps«), aus einem Fotoalbum ihrer Enkelin Marianne Aeschbacher.
Aquarell aus einem handgeschriebenen Buch von Marie Bruns für ihre Kinder.
Richter Viktor Bruns im Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Zeichnung von Marthe Antoine Gérardin, 1931.
Tagebuchseite von Marie Bruns mit Aquarell: Laurinswand im Rosengarten/Südtirol (Reise mit Viktor Bruns 1935).
Maries Tochter Hella Noltenius, Aquarell von Elisabeth Noltenius, 1937.
Maries Enkelin Elke Noltenius, Pastell von Willi Jaeckel, 1942.
Maries Enkelin Marianne (Meieli) Aeschbacher, Aquarell von Marie Bruns, 1946/47.
Marie Bruns, Meine linke Hand, Zeichnung, 1946.
Inhalt
Bilderreise zu Marie Bruns-Bodes Leben
Detailliertes Inhaltsverzeichnis der Tagebücher und Briefe
Vorwort
Tagebücher 1909–1944
Die Liebe meiner Eltern
Mädchenerinnerungen und die Memoiren als Lehrerin am Kaiserhof 1885–1912
Neues und Altes aus Italien
Tagebuch Sommer 1913 – Sommer 1914: Lehrerin für Kunstgeschichte bis zum Rauswurf aus der Schule
Herbst in Italien 1913 mit Wilhelm von Bode
Tagebuch 1915–1919: [Ehe im Ersten Weltkrieg]
Tochter Hellas Tagebuch 1919–1923: Hellas Ansichten und Leidenschaften
In der Schweiz, Juli – August 1925
Ehetagebuch 1929–1935: Internationale Prozesse, das Völkerrechtsinstitut von Viktor Bruns und die NS-Zeit
Hellas Lebenslauf am Beginn der NS-Zeit: Vom 16. bis zum 19. Jahr [1933–36]
Hellas Tagebuch Mai 1936 – 19. Januar 1938: Berufsfindung, Liebe und Hochzeit
Briefe 1893–1951
Nachwort
Anhang
Überblick der Familienmitglieder: Vor- und Nachfahren von Marie Bruns-Bode und Viktor Bruns
Edith, Marie Bruns’ zweite Tochter
Biografie und Schriften Marie Bruns-Bode
Biografie und Schriften Viktor Bruns
Quellennachweis
Bildnachweis
Danksagung
Personenregister
Institutionenregister
Detailliertes Inhaltsverzeichnis der Tagebücher und Briefe
Tagebücher 1909–1944
Die Liebe meiner Eltern
Mädchenerinnerungen und die Memoiren als Lehrerin am Kaiserhof 1885–1912
Die ersten Kinderjahre – Erste Italienreise 1900 – Paris 1903 – Reifenstein 1904 – Geselligkeit 1904 – Oxford 1906 – Lehrtätigkeit 1906 begonnen (21-jährig) – Die Prinzess Viktoria Luise von Preußen – Prinzessʼ Einsegnung – Der Kaiserin Geburtstag – Die Novembertage [1909/1910] – Die Enkel des Kaisers – Schülerinnen – Männerfreundschaften – Das Kränzchen
Viktoria Luise von Preußen, Kaiser Wilhelm II., Kaiserin Viktoria, Gräfin Keller, Graf Ernst von Rantzau
Neues und Altes aus Italien
Fürstin Marie von Thurn und Taxis, Wilhelm von Bode, Rainer Maria Rilke, Elisabeth Rimpau, Rudolf Kassner
Tagebuch Sommer 1913 – Sommer 1914: Lehrerin für Kunstgeschichte bis zum Rauswurf aus der Schule
Als Lehrerin an einer katholischen Schule – Sissis [Prinzessin Viktoria Luises] Hochzeit – Das Kränzchen
Viktoria Luise von Preußen, Gottfried Dryander, Viktor Bruns
Herbst in Italien 1913 mit Wilhelm von Bode
Fahrt nach Florenz – Fahrt nach Rom
Wilhelm von Bode, Dr. Hans von der Gabelentz, Dr. Georg Gronau, Kunsthändler Alfredo Barsanti
Tagebuch 1915–1919: [Ehe im Ersten Weltkrieg]
Dein Elternhaus – König und Königin bei Mama – Fliegeralarm – Das rote Buch – [Schwangerschaft mit Hella] – Nahrungsmittelnot – Die Kohlennot – Volksstimmung – Neue Wiegenlieder – Amerikas Kriegserklärung – Meine Aufpäppelung – Gedicht über die Mandelblutung – Symbolische Vorzeichen der Geburt – Berufspläne Viktors – Viktors Tätigkeit als Leitartikelschreiber – Die Schuld unseres Kaisers am Weltkriege – Onkel Weizsäckers Ansicht über den uneingeschränkten U-Boot-Krieg – Onkel Carl als Staatsmann – Die Gefahr des Bolschewismus – Der Kaiser dankt nicht ab! Dagegen geht Onkel Carl! – Die verschiedenen Gruppen der Sozis – Unmenschliche Behandlung der Mannschaften durch Offiziere – Vaters Nöte – Verfassungsänderung – Revolution – Erste Ursache der Arbeiterrevolution? – Die Erfolge der Bolschewisten – Der Völkerbund – Viktor im besetzten Gebiet – Abschied der Königin von Schwaben
Prof. Dr. Paul Ernst von Bruns, Marie Auguste von Bruns, geb. von Weizsäcker, Prof. Dr. Lasser, Prof. Georg Clemens Perthes, Generalarzt Rudolf von Burk, König Wilhelm II. von Württemberg, Wilhelm von Bode, Ministerpräsident Carl von Weizsäcker, Carl Bilfinger, Graf Ernst von Rantzau, Viktoria Luise von Preußen
Tochter Hellas Tagebuch 1919–1923: Hellas Ansichten und Leidenschaften
Hella entwickelt ihre Ansichten über den lieben Gott – [Ediths Geburt] – Übersiedlung nach Zehlendorf – [Gut und Böse]
Edith Bruns
In der Schweiz, Juli–August 1925
Ankunft in Brigels – Die Vettern aus Degerloch – Das Bundesfest – Mariä Himmelfahrt
Carl Bilfinger
Ehetagebuch 1929–1935: Internationale Prozesse, das Völkerrechtsinstitut von Viktor Bruns und die NS-Zeit
Unser Auto und seine Freuden – Das indische Gutachten – Das deutsch-polnische Schiedsgericht – Die Eröffnung der Museumsneubauten – Viktors Plädoyer vor der Haager Cour für die deutsch-österreichische Zollunion, Juli 1931 – Die Haager Zollunion – Die Prozesse um Danzigs Leben – Am Scharmützelsee – Viktors Vortragsära – Die Vortragsreise nach Danzig, Januar [1933] – Viktors und meine Reise nach Stockholm (5.–13. April 1933) – Frühstück beim Präsident Hammarskjöld – Brittas Hochzeitstag in Königsberg – Eine interessante Abendgesellschaft – Beginn der deutschen [kunsthistorischen] Führungen 1934 – Auf der Wies – Museumsführungen – Das Fest zum 10-jährigen Bestehen des »Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht« in Berlin – Schweizer Reise (März 1935) – [Besichtigung eines Arbeitslagers des Reichsarbeitsdienstes] – Reise nach Südtirol und Oberitalien im Juli 1935
Präsident Lachenal, Namitkiewicz, Wilhelm von Bode, Graf Mandelsloh, Berthold Graf von Stauffenberg, Prof. Charles de Visscher, Pastor Martin Niemöller, Premierminister Hjalmar Hammarskjöld, Prof. Reuterskjöld, Britta von Zezschwitz, geb. Bruns, Ferdinand Sauerbruch, Edith Bruns, Deutscher Botschafter in der Schweiz Ernst von Weizsäcker, Heinrich von Weizsäcker, Carl Friedrich von Weizsäcker, Richard von Weizsäcker, Max Reinhardt
Hellas Lebenslauf am Beginn der NS-Zeit: Vom 16. bis zum 19. Jahr [1933–36]
Hellas Konfirmation, 2. April 1933: Pastor Niemöller – Entfernung »jüdischer Elemente« aus der Schule – Fahrt nach England – 1936 im Arbeitsdienst
Prof. Oskar Bruns, Pastor Martin Niemöller, Pastor Ernst von Dryander
Hellas Tagebuch Mai 1936 – 19. Januar 1938: Berufsfindung, Liebe und Hochzeit
Arbeitsdienst Sommer 1936 – Neue Berufswahl – Unser Hausball – Vergleich zwischen Hellas und meinen Verehrern – Hella und Jan – Verlobungsfeier in Zehlendorf – 5. Mai 1937: Hochzeitstag von Ursula [Sattler, geb. Noltenius] – Hellas Hochzeit [1937] – Mein erster Besuch bei Hella [in Bremen]
Ferdinand Sauerbruch, Jan Noltenius, Carl Friedrich von Weizsäcker, Ernst von Weizsäcker, Marianne von Weizsäcker, Oskar Bruns, Richard von Weizsäcker, Pastor Martin Niemöller Elisabeth Noltenius, Edith Bruns
Briefe 1893–1951
Besichtigung der privaten Kunstsammlungen in Paris 1903 – Zeichenunterricht bei Madame Mourier – Louvre – Oxford 1906 – Arthur Evans und seine Ausgrabungen auf Kreta – Wandel der kulturellen Bedürfnisse seit der Eheschließung 1915 – Gratulation zum 60. Geburtstag Wilhelm von Bodes – Internationalität früher und nun während des Weltkriegs »wilder Völkerhass« – Neubauten der Berliner Museen – Pastellmalerei – Über die früh verstorbene Mutter – Bildnismalerei – Viktor Brunsʼ Gründung des »Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht« – 1936: Begegnung bei Minister Hans Frank mit Arnold Joseph Toynbee und Leni Riefenstahl, die ihren Film »Die Macht des Willens« zeigt – 1946: Kriegs- und Nachkriegsschicksal der Bibliothek des Völkerrechtsinstituts – Das Völkerrechtsinstitut in dieser Umbruchzeit – Bilanz ihres Porträtzeichnens – Hellas Tätigkeit als Dolmetscherin und Übersetzerin – Nahrungsmittelbeschaffung – Kulturprogramm im Nachkriegs-Bremen – Erholung von der Hungerszeit für die Kinder Rainer und Elke bei den Schweizer Verwandten – Erinnerungen eines aus Berlin in die USA geflüchteten Professors an Viktor Bruns – Würdigung des Völkerrechtsinstituts durch amerikanische Wissenschaftler – Wiederbegründung des Völkerrechtsinstituts in Heidelberg – 1950: Viktors und Maries Testament – Familie von Weizsäcker
Gustave Dreyfus, Rudolf Kann, Emile Michel, Sir Arthur Evans, Christian Hülsen, Wilhelm von Bode, Peter Halm, Marie Bode [Mutter von Marie Bruns-Bode], Thilli Wintzingerode, W. von Dirksen, Thomas Theodor Heine, Diefenbach, Viktoria Luise von Preußen, Carl von Weizsäcker, Minister Hans Frank, Arnold Joseph Toynbee, Leni Riefenstahl, Minister a.D. Walter Simons, Karlfried Graf Dürckheim, Leopold Reidemeister, Jan Noltenius, Elisabeth Noltenius, Paul Kleinen, Klaus Müller-Wusterwitz, Ellinor Greinert, Prof. Edwin Borchard (USA), Weiss, Kretschmer, Rainer Noltenius, Marianne Aeschbacher, Ursula Sattler, Heinrich Sattler, Dorothea Sattler, Dieter Wehrli, Elke Noltenius, Agnes Wehrli, Prof. Martin Wolff, Carl Bilfinger, Rudolf Smend, Margrit Witwer-Aeschbacher, Herbert Kier, Grete Bilfinger, Carl Friedrich von Weizsäcker, Marianne von Weizsäcker, Ernst von Weizsäcker, Ferdinand Sauerbruch
Vorwort
Marie Bruns-Bode war eine lebenslustige und vielseitig literarisch und künstlerisch begabte Frau. Sie versteht es, die Leserin und den Leser humorvoll, anschaulich und süffig schreibend in das Zentrum des kulturellen und politischen Lebens der Hauptstadt Berlin von der Kaiserzeit bis zur Adenauer-Ära zu führen.
Marie Bode (1885–1952) wurde in eine äußerst anregende kulturelle Atmosphäre hineingeboren. Ihr Vater, Wilhelm von Bode (1845–1929), war von 1905 bis 1920 Generaldirektor der Berliner Museen. Nach ihm wurde das Bode-Museum benannt. Er heiratete 1882 Marie Rimpau. Marie Bode war beider einzige Tochter, da Marie Bode-Rimpau bei der Geburt ihrer Tochter 1885 verstarb. Marie Bode, die Verfasserin der hier vorgelegten Tagebücher und Briefe, wurde 1907–10 als Lehrerin für Kunstgeschichte an den Kaiserhof nach Berlin und Potsdam berufen. Sie heiratete 1915 Prof. Dr. Viktor Bruns (1884–1943), den Begründer und langjährigen Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Berlin, heute das Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.
Die Tagebücher von Marie Bruns, geb. Bode sind von 1912 bis 1944, die Briefe von 1893 bis 1951 geschrieben. Als Tochter des Generaldirektors der Berliner Museen und als Frau des Direktors des Völkerrechts-Instituts und Mitglieds des vom Völkerbund eingesetzten Haager internationalen Schiedsgerichtshofes entsteht in ihren Tagebüchern und Briefen ein Bild der kulturellen und politischen Geschichte Deutschlands.
In einer Zeit, in der von den Frauen Unterordnung unter die Männer erwartet wurde – sodass Marie Bode sich selber in ihrer Jugend gewünscht hatte, als Mann geboren worden zu sein – gelang es ihr, aufrecht ihren eigenen Weg zu finden und zu verwirklichen. Nachdem sie sich und ihre Träume durchgesetzt hatte, fühlte sie sich als Frau wohl und wollte nicht mehr mit einem Mann tauschen!
In ihren Tagebüchern und Briefen spiegelt sich das gesellschaftliche Leben besonders des Berliner Bildungsbürgertums in den Zeiten Kaiser Wilhelms II., in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1951.
Es treten darin unter anderem auf – immer aus selbstbewusst weiblicher Perspektive dargestellt:
•Wilhelm von Bode, andere Museumsdirektoren aus Europa und Amerika sowie große private Kunstsammler aus ganz Europa.
•Eine bedeutende Rolle spielt die Familie von Weizsäcker, eng mit Viktor Bruns verwandt und befreundet, in den Tagebüchern: Carl von Weizsäcker, württembergischer Ministerpräsident bis 1918, Ernst von Weizsäcker, Diplomat und unter Adolf Hitler Staatssekretär im Auswärtigen Amt, schließlich noch Richard und Carl Friedrich von Weizsäcker, die später als Bundespräsident bzw. als Atomphysiker und Philosoph wichtige Positionen erlangten.
•Mehrfach treffen wir auf Pastor Martin Niemöller, der eine Tochter von Marie Bruns 1933 konfirmierte. Niemöller taucht einige Seiten später wieder als entschiedener Gegner der NS-orientierten »Deutschen Christen« auf – in einem Gespräch zwischen einem NS-Minister und einem Bischof auf einer Abendgesellschaft, wobei letzterer betont: »Niemöller … wird jetzt demnächst beseitigt werden«.
•Diplomaten und Politiker im Zusammenhang mit Viktor Brunsʼ Auftreten im Internationalen Haager Gerichtshof.
•Professor Sauerbuch, bekanntester Chirurg seiner Zeit und Schwarm der Damen der »besseren Gesellschaft«, erscheint als charmanter Gesellschaftslöwe auf den großen Berliner Festen.
So stellt das Tagebuch ein Zeitgemälde der Gesellschafts-, Kultur-, Rechts- und Wissenschaftsgeschichte dar, erzählt von einer klugen und oft auch widerständigen Frau.
Dank ihrer künstlerischen Ausbildung in Berlin und Paris hat Marie ihre Tagebücher mit eindrucksvollen Aquarellen und Zeichnungen illustriert.
Leserinnen und Leser können durch die Lektüre eine überraschende Konkretisierung unseres viel zu holzschnittartig vereinfachten und durch die Perspektive von Männern geprägten Bildes der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland erleben.
Rainer Noltenius
Tagebücher 1909–1944
Die Liebe meiner Eltern
[Geschrieben zwischen 1909 und 1911. Nach den Berichten ihrer Tante Anna Rimpau in Langenstein und Thilli Wintzingerode, »der liebsten Freundin meiner Mutter«, erzählt Marie Bode:]
Aus den Worten beider habe ich die Geschichte meiner Eltern aufgebaut. Vater [Wilhelm von Bode] war ein seltsames Kind. Seine Mutter [Emilie Bode, geb. Rimpau] liebte ihn innig, Großvater [Oberlandesgerichtsrat Wilhelm H. B. Bode] konnte ihn nicht verstehen. Seine Anlage mochte an sich schon verschlossen sein – er wurde immer scheuer und seine etwas kränkliche Natur konnte mit den derberen Vettern (in Langenstein) nicht harmonieren. Wenn er auf dem Lande mit Rimpaus herumtollte, suchte er sich dann meistens die Gesellschaft seiner lebhaften, natürlichen und liebevollen Kusine Marie [Rimpau] aus.
Hand in Hand gingen die beiden durchs Dorf und hinter ihnen riefen die Buben: »Kick, do gahn Brut un Brüjam!« Es stand dem Pärchen auch ganz fest, dass sie später einmal Mann und Frau sein würden. Kindliche Kameradschaft wuchs sich zu reifer Freundschaft aus. Mein Vater hatte Naturhistoriker werden wollen, um den dunklen Erdteil zu durchforschen. Das verbot ihm seine zarte Gesundheit; er litt an Kopfkrämpfen, von denen im späteren Lebensalter nur Migräne zurückblieb. Seine zweite große Liebhaberei war Kunstgeschichte; aber der Vater behauptete, das sei kein Brotstudium und zwang ihn quasi zur Juristen-Karriere.
Widerwillig quälte er sich mit dem corpus juris herum und tagelang freute er sich auf ein paar Stunden in Langenstein, wo er der alten Liebhaberei leben konnte. Dann zog er mit meiner Mutter auf die »Altenburg« und Vetter und Kusine schwelgten im Anblick der Fotografien, die sich Vater allmählich von den verschiedenen Kunstwerken verschafft hatte. Seine Kusine hatte so viel Sinn für die Sache, dass es ihm oft schien, als ginge ihm durch sie erst das rechte Verständnis für seine Kunstblätter auf. Glücklich war der Referendar absolviert, und nun steckten sich einige verständnisvolle Leute dahinter, meinem Vater zu seinem rechten Beruf zu verhelfen. Es war der alte Braunschweiger Blasius, aber in erster Linie warʼs seine Kusine Marie, und sie trugen den Sieg davon.
Mit welchem verstärkten Interesse meine Mutter nun an der Laufbahn von Vater teilnahm, lässt sich denken. Aber sie verlor ihn auch oft fast jahrelang aus den Augen. So manche Liebesgeschichte spielte in ihrer beider Leben hinein, und als sie bereits 37 Jahre alt waren, kam ihnen die Erkenntnis, dass sie ja eigentlich nur füreinander geschaffen seien. An diesem Punkt stimmen meine Quellen nicht überein. Die eine sagt aus, dass Großmutter Ri.[mpau] Vater zur Verlobung ermutigt hätte, die andere meint, es sei die Liebe den Eltern meiner Mutter überraschend gekommen – ihre eigenen Briefe bestätigen mir diese Ansicht.
Jedenfalls hatten die beiden Liebenden schwere Zweifel am Erlaubten ihres Glücks. Vetter- und Kusinen-Heirat war schon einmal in unserer Familie vorgekommen und hatte Irrsinn in der nächsten Generation gezeigt. Dazu kamen die Bedenken von Vaters zarter Gesundheit; meine Mutter hatte ein Mädchenleiden erst vor kurzem überwunden – und so türmte sich manch ein Berg im Gewissen der zwei pflichttreuen Menschen auf. Es kam die Unzufriedenheit der [Rimpau-] Eltern hinzu, die selbstverständlich nur auf hygienischen Bedenken beruhte; aber beide liebten den Neffen, und so gaben sie ihre Einwilligung.
Kurz nachdem der Würfel gefallen war, wurde meiner Großmutter [Sophie Rimpau, geb. Bode] klar, was sie an dieser Tochter besessen hatte, was herzugeben ihr fast unmöglich schien. Der krittlige Mann [Landrat August Wilhelm Rimpau] war ihr oft langweilig gewesen, aber die heitere, witzige, kluge und selbstlose Tochter hatte das immer enger gezogene Familienleben aufgefrischt. Alle anderen Kinder hatten fortgeheiratet; nun sollte sie mit einem Mal in dem großen Schlosse nur für ihren Mann leben. Von Eifersucht gepeinigt suchte sie wohl nach einem Vorwand der Anklage gegen ihre Tochter, und wer sucht, der findet! Sie wetterte gegen Verwandtenheirat und füllte jeden Tag mit einer neuen Szene an. Wie mein Großvater in der Zeit zufällig einen Schlaganfall bekam, bezog meine Mutter die Schuld daran auf sich; weinend warf sie sich ihr um den Hals und stieß hervor: »Ich habe meinen Vater gemordet!« Auf dieses Hirngespinst des überreizten Gewissens hatte meine Großmutter nicht ein gütiges Wort, nicht einen freundlichen Blick. Kalt stieß sie die Tochter von sich. Zum Glück erholte sich mein Großvater bald; aber wie war der armen Tochter die Brautzeit verhagelt! In aller Eile wurde die Hochzeit vorbereitet und still, wie es sich nach den Worten meiner Mutter »für so alte Leute geziemte«, und der hohe Tag blieb ihr als der furchtbarste ihres Lebens in Erinnerung.
Hätten die Großeltern – und besonders die Großmutter – das junge Paar nun wenigstens in Frieden gelassen! Aber die Entbehrung war für die lebhafte alte Frau zu viel. Sie redete sich immer mehr in Härte herein und schrieb der unglücklichen Tochter einen Schmähbrief nach dem anderen! Vergebens warʼs, dass sie ihre Mutter für dies und jenes gedachte Verbrechen um Verzeihung bat! Vergebens, dass sie mit immer neuer Geduld freundlich und besänftigend schrieb. Das ferne Unwetter hörte nicht auf, grollend immer wieder über dem Horizont ihres Glückes aufzusteigen!
Und die beiden waren glücklich! Sie liebten sich mit einer Kraft, die gegen jede Anfeindung stählte. Sie gingen in den gegenseitigen Interessen, in der Freude am Charakter und Herzen ihrer Erwählten vollständig auf. Und meine Mutter hatte sich ihren Kreis erobert; alle Freunde ihres Mannes schätzten sich glücklich, sie zu kennen!
Da brach mit einem Mal das Leiden ihrer Mädchenzeit wieder auf. Ein Geschwür im Unterleib wuchs und verursachte grauenhafte Schmerzen. Die Ärzte trösteten, dass es nach einer Operation besser sein würde; aber sie könnte nie ein Kind haben! Der Arzt war im Irrtum, und bald darauf erfuhr sie, dass ihr und ihrem Kind der Tod gewiss sei. In dieser Aussicht schrieb sie an ihre Mutter und meinte, sie würde sich nun versöhnlich stellen. Aber die harte Frau sah in dem Schicksal ihrer Tochter nur die Strafe für solche leichtsinnige Heirat und weigerte sich, ihr vor dem Tode Lebewohl zu sagen. Wenn auch meiner tapferen Mutter das Sterben nicht schwer wurde – diese Härte und der Abschied von ihrem Wilhelm drückte sie schwer danieder. Trotzdem genossen die beiden jede Woche, jeden Tag, der ihnen noch geschenkt war, und die Todgeweihte strahlte den ganzen Reichtum ihrer Liebe auf Fern- wie Nahestehende aus. Sie ließ keine Wehmut aufkommen; jeder, der von ihr Abschied nahm, ging gestärkt und bereichert an seine Aufgabe.
Alles ging besser als man vorausgesehen. Das Kind war lebendig und gesund; eine helle dankbare Freude strahlt aus den Briefen, die meine Mutter damals an Tante Thilli geschrieben hat. »Schade, dass es kein Junge ist«, hatte ein Arzt gemeint, wie er mich besah – der mächtige Schädel schien ihm einen guten Knaben zu versprechen. »Schade, dass Du kein Junge bist«, hat Vater auch oft zu mir gesagt und meinem eigenen Bedauern Ausdruck gegeben. Aber jetzt, schon seit Jahren, möchte ich um die Welt nicht mit einem Mann tauschen. Meine Mutter selbst erholte sich und schöpfte wieder Lebenshoffnung. Aber es war nur Schein. Nach wenigen Wochen kam es zum Sterben.
Das war eine Trauer, wie sie selten um ein Menschenleben gehalten ist. Die Dorfleute in Langenstein weinten ebenso herzzerbrechend, wie ihre Neffen und Nichten, ihre Geschwister und zahllosen Freunde. Auf dem Begräbnis war ein Herr, den Vater nicht kannte. Hinterher machte er ihm einen Entschuldigungsbesuch. Es war ein Mann in den Siebzigern, der vor langen Jahren meine Mutter einmal in Langenstein gesehen – nur für wenige Stunden, und der konnte sichʼs nun nicht versagen, ihrer Leiche zu folgen. Aber noch wunderbarer tritt die Bedeutung ihrer Persönlichkeit aus einer anderen Erzählung hervor. Ich mochte schon 22 Jahre alt sein, da sagte mir Frl. Keller mal, dass sie mit einem Dr. Veit zusammen gekommen sei. Der habe sich sehr für mich interessiert, und viel von meiner Mutter gesprochen. Er war ein berühmter Frauenarzt, den man in ihrer letzten Krankheit herangezogen hatte. Und wie sie gestorben war, kam er heim mit den Worten: »Frau Bode ist tot« – und er und seine Frau wachten in Trauer die ganze Nacht hindurch.
Wenn ich bedenke, wie teuer mein Leben erkauft war, wie öde und zwecklos Vater sich lange Jahre fühlte – dann frag ich mich oft: Solltest Du nicht zu etwas ganz besonderem aufgehoben sein? Ich bin das Kind sehnsüchtiger, jahrealter, schwer erkämpfter Liebe. Was in den Eltern glühte, lodert womöglich noch stärker in mir – wozu?
[Außer dieser Kurzdarstellung schrieb Marie Bruns-Bode – zwischen 1938 und 1950 – den jahrzehntelangen Briefwechsel ihrer Eltern ab und kommentierte ihn: »Die Liebe meiner Eltern«, Umfang: 205 Seiten. Sie stellte fünf Exemplare davon her und verschickte zwei an ihre Töchter Hella in Bremen und Edith in der Schweiz sowie eins an Elisabeth Rimpau, Wernigerode (siehe den Brief an sie von 1950).]
Mädchenerinnerungen und die Memoiren als Lehrerin am Kaiserhof 1885–1912
Die ersten Kinderjahre
[geschrieben im Mai 1912, 27-jährig]
Aus dem Dämmer der ahnungslosen Kinderjahre tritt ein Bild des Erinnerns vor meine Seele. Vater [Wilhelm von Bode] liegt auf dem Sofa, wohl müde vom Amt [damals als Direktor der Berliner Gemäldegalerie], und ich hocke neben ihm mit einem Malbuch. Wo ich farblose Bildchen fand, musste ich sie bunt machen. Dann lief ich zu Vater und zeigte ihm mein Werk. Er lobte und gab Ratschläge für geeignete Farbenzusammenstellungen. Ich weiß, wie ich mir Mühe gab, seine Anerkennung zu erlangen, und mit welcher Freude ich schon in diesen jüngsten Jahren – ich mochte die Drei kaum erreicht haben – meinen primitiven Malversuchen oblag.
Wilhelm von Bodes Haus in der Uhlandstraße (heute Nr. 4/5, das Gebäude ist abgerissen).
Zum Glück wich die gute Mili [Marie Bodes Amme] nach zwei Jahren von meiner Seite und ich kam unter den direkteren Einfluss eines Menschen, den ich von keinem Sofa herunterjagen konnte [wie diese Mili!]: meiner geliebten »Tata« [Doris Spazier]. »Tata« war die Tochter eines sächsischen Arztes, der frühzeitig starb, ein paar unnütze Söhne hinterließ (die bald in Amerika verdufteten) und zwei Töchter als Stütze und Trost der Witwe. Anna ging später als Gesellschafterin in ein vornehmes Haus, Dorothea (meine »Tata«) wurde Erzieherin und kam viel in der Welt herum. Endlich musste sie aber zur Mutter heimkehren, die von Geistesschwäche befallen wurde. In einer Abendgesellschaft bei einem verwandten Künstler hatte Doris den Direktor der Berliner Gemälde-Galerie, meinen Vater, und seine Frau kennen gelernt. Sie gefielen sich gegenseitig sehr, und als meine Mutter ihren Tod nahen fühlte, bestimmte sie das eben geborene Töchterchen der Fürsorge ihrer kinderlieben Doris. Mit der Todesnachricht traf der letzte Wunsch der Verstorbenen bei meiner Tata ein. Lange saß sie weinend mit ihrer Schwester über dem Brief. Anne konnte die alte gebrechliche Dame, bei der sie im Dienst war, nicht verlassen; aber sollte nun Doris die geistesschwache Mutter fremder Hilfe in die Hand geben? Das erlaubten ihr weder ihr Herz noch ihre Mittel. Andererseits zog sie die stärkste Neigung zu dem verwaisten Baby in den Haushalt des armen Witwers. Während die beiden Schwestern laut über den Fall verhandelten, saß die greise Mutter im Nebenzimmer bei geöffneter Tür. Seit vielen Monaten hatte sie vor sich hin gedämmert und nie mit Worten oder Zeichen an dem Leben der Außenwelt teilgenommen. Anne und Doris trauten ihren Ohren nicht, als es aus der Nebenstube »Doris« rief. Die Weinende eilte herbei und die Mutter sprach gütig: »Geh hin und nimm Dich des Kindes an.« Es war das letzte bewusste Aufflackern ihres Geistes gewesen. Der Körper lebte noch eine Zeit lang fort; in der alt gewohnten Starre verharrte der Geist. Nur das Schluchzen ihres Kindes hatte die Mutterseele noch einmal zu bewusstem Leben geweckt. Doris vertrat die Mutterstelle und »Tata« gewann das ganze Vertrauen des kleinen Mariechens.
»Interessen« im gewöhnlichen Sinn des Wortes wusste die kluge und gebildete Tata sehr bald in mir zu wecken. An derselben Stelle, an der ich dem Laternenanzünder zusah, las sie mir, lang bevor ich einen Buchstaben kannte, die alten, ewig neuen biblischen Geschichten vor. Ich wusste sie bald auswendig. Oft erhob sich auch mein Pharisäerhochmut über die Fehler des jüdischen Volkes. »Sie waren doch böse Menschen, die Israeliten, nicht?!« Aber Tata meinte milde: »Wir hätten es in derselben Lage gradʼ so gemacht.« Gelegentlich fesselte mich ein anderes Buch noch stärker als die biblischen Geschichten: es war die Odyssee. Mit der tiefen Kraft ihrer schlichten Poesie sprach sie zum Kindergemüt und fesselte es für Zeit seines Lebens an die homerischen Gesänge. Ich hatte auch meine Lieblingshelden in Tatas Buch von der deutschen Geschichte. Immer wieder von Neuem begeisterte und rührte mich das Schicksal des kühnen Konradin, der später in meinem ersten Drama verherrlicht wurde, wie ich meinte.
Wann mir zum ersten Mal aufgegangen war, dass mein Vater ein sehr schöner Mann war, weiß ich nicht. Aber es muss sehr früh gewesen sein. Aus dem Studierzimmer trat er eines Tages in unsere Wohnstube, wo ich stand und ihn erstaunt anblickte. Ein Entzücken durchrieselte mich. Ich fühlte in dem Augenblick, dass es auf Erden nichts Schöneres, nichts Erhabeneres gäbe als meinen Vater. Ich war schon dem Backfischalter nah, als ich von seiner Bedeutung in der Wissenschaft erfuhr. Vater erzählte, dass er die Bilder des Großherzogs von Weimar hätte abschätzen müssen. Ich wunderte mich! »Warum wurdest Du dazu bestellt?« Vater antwortete nicht; aber Mutter (meine zweite Mutter, die er damals wohl schon vor einigen Jahren geheiratet hatte) versicherte statt seiner: »Weil Vater für den ersten Kunstkenner der Welt gilt!« Diese Entdeckung hat mich mit freudigem Stolz erfüllt.
Die Großmutter [Sophie Rimpau, geb. Bode, Mutter ihrer verstorbenen Mutter in Langenstein] zog mich vor der anderen Enkelschar sehr vor. Sie hatte auch manches gut zu machen, wie ich später erfuhr [ihre Gegnerschaft zur Ehe von Wilhelm von Bode und Marie Rimpau, die bis zur Verstoßung ihrer Tochter ging]. Die stattliche, schöne Frau hat einen großen Eindruck in mir hinterlassen. Im Übrigen trieb sie ihre geraden Witze mit mir, wie aus allen möglichen Erzählungen erhellt. Bei meinem ersten Besuch in Langenstein soll sie das Enkelkind entsetzt angesehen haben und dann auf einen Stuhl gesunken sein. Da habʼ sie ihre Küchenschürze über den Kopf geworfen und wehklagend ausgerufen: »Ach, du mein lieber Gott, Hängemaul und schiefe Beine!« Dennoch hatte sie sich bald mit dem missgewachsenen Scheusal angefreundet, das sie als »altes Fell« betitelte; durch den vermeintlich süßen Kosenamen fühlte ich mich sehr geehrt. Tata vexierte sie mit Verhöhnung meiner gebildeten Sprache; ich sollte jeden Satz mit »nichtsdestoweniger« oder »dessen ungeachtet« eingeleitet haben. Nach meiner Großmutter Sinn war also das echte kindliche Wildern, und ich genoss es von Herzensgrund.
Aber welch unbegrenzte Tummelplätze bot der Langensteiner Park! Sogleich am ersten Tag im heißen Sommersonnenschein über den weiten Rasen laufen, mitten in die Schafherde hinein und den süßen Thymianduft einatmen – das war meine Lust, wie die Lust der Schafe! Einmal so rein vegetieren dürfen! Meine ersten Kindererinnerungen kommen mir immer mit dem Duft irgendeiner Pflanze oder eines Tiers, eines Hauses wieder und ich weiß, dass Landschaft und Landlaute – wie selbst der Mistgeruch und der Hahnenschrei am Morgen – zunächst den bezauberndsten Einfluss auf mich übten.
Tata hätte natürlich die verderbliche Wirkung von einer »Reihe froher Tage« gefürchtet, und der wurde vorgebeugt durch bildende Morgenspaziergänge. Die Geschichte der Bibel oder der Welt wanderte mit uns auf den »Tannenkamp« (wo nur Kiefern standen), und ich fühlte mich doppelt glücklich, wenn ich so erhebende Worte in der schönen Taufrische des Morgens hörte, wenn eine warme Welle den Duft erhitzter Kiefernnadeln zu mir trug und ich über meinem Strickstrumpf hinweg der Bewegung von Großpapas Dreschmaschine zusah. Friedlich wie ein Käfer summte sie zu Tatas Worten.
Ich entsinne mich da eines Vormittags. Lili [Rimpau] und ich hatten geblümte Mäntel an, wie sie die Kinderfrauen und Mütter aus dem Dorf um sich und ihre Babys schlangen. Beide waren wir auf der harten Schwelle (in einer Rumpelkammer im Kreuzgang des Gutshofs) ausgestreckt mit der Lieblingspuppe im Arm, die unser Mantel vor dem etwaigen Tageslicht verbarg; denn da es gegen Mittag war, mussten wir natürlich Nacht spielen, und wir hatten beide Türen so fest geschlossen, dass wir selbst fast am Tage zweifeln konnten. Wenn ich mir vorstelle, wie eng der Raum war, wie hart das Lager und wie unbequem wir gegen die schmale Wand lehnten, gleich Taschenmessern umgeknickt, – dann zweifle ich, dass der Mensch zu seinem inneren Glücke des Raumes bedarf. Ein herrliches, weiträumiges Haus, ein Gutshof, ein großer Park, Wiesen und Felder standen uns zur Verfügung – und wir wählten diesen engen Fleck, auf dem wir uns weniger ausbreiten konnten als im Sarg. Wir sprachen nicht einmal dabei; wir spannen unsere Träume und waren glücklich.
Mein Leben war sachte dahin gestrichen, behütet und beobachtet von vielen treuen Augenpaaren, die alle irgendwie das fehlende Mütterchen ersetzen wollten. … Vater war zur Weltausstellung nach Chicago gereist. Unversehrt kam er nach Hause zurück. Vor (oder nach?) dieser Reise verlor ich meine Großmutter [Sophie Rimpau, geb. Bode]. Sie starb auf Besuch in unserem Hause [in Berlin]. Ein halbes Jahr darauf starb auch die sanfte, liebevolle Mutter meines Vaters [Emilie Bode, geb. Rimpau].
Vorher trat noch ein wichtiges Ereignis ein. Es war gegen Ende meines neunten Lebensjahres. Vater, Tata und ich saßen am Tisch, als ein Telegramm hereingebracht wurde. Ich sah, wie Vater es entfaltete und Tata stumm herüberreichte. Darauf standen die Worte: »Ich sage ja. Anna [Gmelin, spätere Bode]«. Erklärungen folgten und ich begriff, dass Vater wieder heiraten wollte. Mich traf die Nachricht, ohne dass ich ihre Tragweite ermessen konnte. So viel ich mich an den Wirrwarr der damaligen Gefühle erinnern kann, schwebte ich zwischen Neugier und Furcht. Mir wurden die Bilder der »zukünftigen« Mutter gezeigt, und ich hatte die Empfindung von etwas sehr vornehmem; die unähnlichste Fotografie erschien mir sogar fürstlich.
Aber ich witterte doch eine Veränderung, die mein Herz betreffen sollte und erkundigte mich gleich, ob Tata bei uns bleiben würde. Da sagte sie mir selbst, das ginge nun nicht an; sie würde aber oft zu Besuch kommen. Weiteres weiß ich nicht; ich glaube aber, dass ich bitterlich geweint habe. Sollte es Tage geben, an denen ich nicht zu Tata flüchten konnte mit allen meinen Freuden und kleinen Sorgen? Es war undenkbar! Doch etwas interessant fand ich die Veränderung auch.
Nach wenigen Wochen wurde die Hochzeit vollzogen, und ich hatte hinterher noch einige Wochen mit meiner Tata weiter. Dann zog die neue Mutter ein. Mit ihrem guten Herzen und vernünftigen Sinn gewann sie bald meine Liebe. Doch gestehʼ ich, dass mir in ihrer Nähe ein unerklärliches Etwas fehlte. Wem der Tiefgang der Liebe fremd ist, der hat auch nicht die rechten Muttergefühle. Was ein Kindergemüt bewegt, war Mutter fremd; ich mussteʼs vor ihr verbergen oder auf Widerstand, meist nur auf Verständnislosigkeit stoßen.
Nach zwei Jahren der Ehe mit Vater machte mir Mutter die Überraschung, ein Schwesterchen in meine Arme zu legen, dem das zweite bald darauf folgte [Ilse und Anna]. Es war eine gute Unterbrechung meiner Einsamkeit; denn von früh auf hatte ich mich gewöhnt, ohne Kameraden zu spielen und zu arbeiten.
Marie Bode mit ihren Schwestern Ilse und Anna, ca. 1899.
Sehr extrem bildete sich bereits mein Ehrgeiz aus. Vater stachelte ihn aufs Äußerste an, und ich selbst begnügte mich nicht mit einem guten Platz in der Schule, sondern träumte von einer künftigen Dichterglorie, die ich durch nichts weniger als durch Tragödienkunst zu erreichen hoffte. Ich berauschte mich an der eigenen Sprache und war hoch beglückt, als die Tragödie »Konradin« nach meinem 15. Geburtstag beendet war. Was an Talent in mir steckte, kam viel später in Gedichten und kleinen Erzählungen zum Ausfluss – Formen, wie sie meiner Begabung besser entsprachen als das pompöse Drama. Es war ein Segen, dass meine Schwestern durch ihre Existenz meinem Hang zum Phantasieren etwas Einhalt geboten.
Erst 15 Jahre, hatte ich meine Schulzeit absolviert und wurde bei Pastor Dryander eingesegnet.
Erste Italienreise 1900
Die Eltern nahmen mich zum ersten Mal nach Italien mit. Die südlichen Farben machten mir das Herz warm, und die bildende Kunst erreichte eine Begeisterung, wie ich sie bisher nur für Poesie verspürt hatte. Das naturbegabte Auge – von dem man schwindelt, es habe schon mit 2 Jahren »Dotello« [Donatello] von anderen Meistern unterschieden – stand mir bei, und Vater war stolz auf mein kunstgeschichtliches Können. Freilich musste es sich an seiner Hand besonders günstig und rasch entfalten. Er lehrte mich durch allerhand Witze und Witzchen die Unterschiede der Meister kennen, und bald wusste ich, dass Boccaccio Boccacino nur Eulenaugen malte, dass Benedetto da Majanos Madonnen »Pumphosen« trugen, und das Christkind von Andrea della Robbia seine Hüfte ungebührlich weit herausstreckte. Kunstgeschichte trat so bald in den Mittelpunkt meiner Interessen.
Paris 1903
Mit 18 Jahren schickten mich die Eltern auf vier Monate nach Paris zum Professor Pellissier. Den frühreifen Französinnen gegenüber musste ich mir besonders kindlich vorkommen. Und ich war auch zurückgeblieben. Geist und Gemüt mögen sich an Bücherwissen und Reisen noch so sehr bilden – ohne tief greifende Erfahrungen bleibt der Charakter in den Kinderschuhen. Meine Freundin Amélia, die sich damals gerade verlobte, hatte auch abgesehen von fünf Jahren längerer Lebenszeit manche Welterfahrung vor mir voraus. Aber dem deutschen Kind, das mit so warmem Interesse und jauchzender Freude alle Genüsse des Lebens in sich aufnahm, waren die Pariser von Herzen gut. Ich habe das Gefühl, als möchten die Franzosen meine erregliche Natur lieber als die Deutschen.
Ich flatterte wie ein Irrwisch in Paris umher. Meine Natur verlangte allemal danach, das Licht an zwei Enden anzustecken. Und so kam es oft, dass ich morgens mit hochrotem Kopf hinter Herrn Pellissiers Büchern saß, danach eine Näherin zeichnete und am Nachmittag mehrere Stunden lang die berauschenden Farben von Rubens oder die seltsamen Schönheiten des ägyptischen Museums im Louvre auf mich wirken ließ. Wie konnte ich die Baumblüte an der Place de lʼEtoile versäumen? Unmöglich; bald waren die Kastanien welk. Und so schlenderten meine müden Glieder noch eine gute Stunde durch die breiten Straßen, die so herrliche Perspektiven boten. Und daheim bei Pellissiers saß der Salon voller Bekannter, mit denen ich mich doppelt und dreifach müde sprach.
Am anderen Tag fuhr ich zu literarischen Vorträgen an die Sorbonne und einigem Anproben in dem zauberhaften »Bon Marché«, wo es unmöglich schien, aus den künstlerisch schönen Kleidern und Hüten nicht auch irgendeine Perle auszuwählen. Am Nachmittag nahm ich Zeichenstunde in ganz entlegenem Quartier oder hatte Geschichtsunterricht von einer geistreichen Dame, die mir den historischen Sinn für mein junges Leben erschlossen hat.
Pellissiers versuchten vergebens, das übermütige Bode-Flüsschen zurück zu stauen. Es trat fortwährend über seine Ufer und überschwemmte das Terrain seines Bildungsdranges. Am Erholsamsten waren noch die Ausflüge in die Umgegend: nach Versailles, Saint Cloud. Lieber alter Herr Pellissier! Ich säße gern wieder an Ihrem Tisch und finge den neckischen Blick auf, mit dem Sie mir kleine Bosheiten an den Kopf warfen! Und doch hatten Sie mich so lieb, dass ich Ihnen, wenn es mir behagte, über den seidenweichen Haarwuchs streichen durfte! Amélie stand mir am nächsten. Auch aus der Ferne ist sie mir die feinsinnige, immer teilnehmende und gleichmäßige Freundin geblieben. Damals nahm sie das Leben etwas schwer, so dass ihr meine sorglose Heiterkeit sehr zu Pass kam.
Reifenstein 1904
Das Jahr drauf brachte ich sechs Monate in Kloster Reifenstein zu, wo ich den Haushalt lernte. Es war eine frische, frohe Zeit in der schönen Umgebung bei munterer Tätigkeit und nettem Verkehr. Aber Erlebnisse gab es nicht.
Geselligkeit 1904
Im Winter nach der Haushaltungslehre erntete ich auf den Berliner Bällen meinen ersten Courmacher. Er war der Sohn eines reichlich süßen und daher von Vater verachteten Malers – Karl Kiesel, Referendar, später Assessor und Rechtsanwalt. Zwei schwärmerische Geister platzten aufeinander und genossen ihre gegenseitige Empfänglichkeit, die im blasierten Berlin doppelt glücklich macht.
Oxford 1906
Im Frühling schickten mich die Eltern zur Vervollkommnung sprachlicher Schulkenntnisse nach England. In einer Pension für Ausländerinnen nahmen mich die reizenden Burches sehr liebenswürdig auf. Das Haus lag im Oxforder Villenviertel, zur Zeit meiner Ankunft von Obstbäumen umblüht.
Der erste Sonntagvormittag ist mir im Gedächtnis wie ein Traum. Ich ging mit einigen Kameradinnen zur alten Universitätskirche. Von allen Seiten strömten die Doktoren und Professoren herbei, hinter ihnen ein Schwarm von Studenten. Im lebhaften Frühlingswind flatterten die Amtstrachten: lange schwarze Talare mit Ärmeln wie Schwalbenschwänzen. Auf scharlachrote Gewandstücke flossen weiße Bärte herab. Auf den Schultern einiger Würdenträger wedelten lange lila Kapuzen. Die Studenten mit ihren kecken Mützen und kurzen Kragen hinterdrein! Ich fuhr mir immer mit der Hand über die Augen. Diese uralten Trachten und die braunen verwitterten College-Wände im gotischen Stil, die sonore Glockenstimme (von St. Mary the Virgin) in der Luft – stammten sie alle aus einem längst entschwundenen Zeitalter, das irgendein Zauber so lebendig vor meine Augen rief? Oder war dies alles Wirklichkeit und ich selber aus einem Traumland?
Ich habe viel gelernt, aber nichts Inneres erlebt, nichts, das der Begegnung mit Karl N[eresheimer] auch nur annähernd zu vergleichen wäre. Doch gewann ich neben einer Reihe sehr netter Bekannter eine liebe Freundin Else H. Mit vielen andern trat ich durch gemeinsames Theaterspielen in Berührung. »Much Ado about Nothing« kann ich noch jetzt fast auswendig.
Lehrtätigkeit 1906 begonnen (21-jährig)
Meinem Wunsch nach Lehrerinnenexamen oder Kunststudium war Vater nicht nachgekommen – hätte ich doch mit meiner zarten Gesundheit auch wohl schwer standgehalten, und obendrein würde ich manche Lebensfreude versäumt, manche häusliche Pflicht unerfüllt gelassen haben. Mit einem Mal fiel mir ein ersehnter Beruf in den Schoß. Dr. Knapp – der Assistent meines Vaters – war als Professor nach Greifswald berufen worden. Er musste infolgedessen seinen Kunstgeschichtsunterricht an der Kellerschen Schule aufgeben, wo ich einst Schülerin gewesen war. Kaum hatte ich von der Versetzung gehört, als ich nach seiner Schulstelle begehrte. Ich sprach mit den Eltern, und da sie mir nach dem Eifer meiner privaten Kunststudien wohl zutrauten, dass ich den Posten gut ausfüllen könnte, meldete ich mich bei Fräulein Keller und wurde auf Konto meines Vaters sofort genommen.
Das gab neue Perspektiven, neue Freuden, neues Streben. Übung im Unterrichten hatte ich von meinen Schwestern her und den enormen Vorteil, nicht um des Brotes willen lehren zu müssen und durch Stundenhäufung an Freudigkeit und Frische einzubüßen. Eine gründliche Basis im Kunstgeschichtsfach konnte ich bei zwei Wochenstunden im Jahr unmöglich legen, aber ich konnte empfänglichen Seelen die Augen öffnen für eine Welt der Schönheit.
Am Ende des Vierteljahrs lud ich mir meine Schülerinnen in die Wohnung ein. Dann teilten wir uns in zwei Parteien ein und stellten Bilder und Statuen dar [»Lebende Bilder«], die von der entgegengesetzten Partei erraten werden mussten. Es war ein Extemporale des Durchgenommenen und ich glaube, dass sich keine je davor gefürchtet hat! Selbst Unbegabte und Faule zeichneten sich bei solcher Gelegenheit aus. Ich erinnere mich an zwei Kaufmannstöchter, die zuhause vor dem Spiegel den Fall von Gewandfalten, Kopftüchern und dergleichen auf das Raffinierteste studiert hatten. Ihre Darstellung von »Synagoge und Kirche« war denn auch ein wahrhaft künstlerischer Genuss. Was hätten wir nicht zur Darstellung gebracht? Von der steifen Athena des Aeginatempels an mit den wohl geplätteten Kleiderfalten, dem olympischen Giebel bis zur Madonna von Rafael und dem Sektfrühstück, das im Rembrandtschen Helldunkel dargestellt wurde. Abgesehen von dem riesigen Vergnügen, das uns allen dieser Nachmittag bereitete, prägten sich Formen und Bewegungen, Komposition und Auffassung der Meister spielend ein.
Die Prinzess Viktoria Luise von Preußen
(1907 kennengelernt)
Eines zog das Andere nach sich. Auch die Prinzessin von Preußen konnte schließlich ihren Bildungsgang nicht ohne Fräulein Bode bewerkstelligen. Eines Tages saß mein Vater während des Frühstücks neben der Kaiserin. Die beiden unterhielten sich sehr lebhaft über Frauen-Emanzipation. Dabei äußerte die Kaiserin, dass sie Mädchenstudium sehr eifrig befürwortete und deshalb wohl für etwas sehr emanzipiert gälte. Vater konnte ihr ehrlich versichern, dass er dies zum ersten Mal höre. Er äußerte dann selbst, wie wenig sympathisch ihm die Überbürdung der Mädchen mit Wissenskram sei und dass seine eigene Tochter ohne solche Anstrengungen zu einem sehr befriedigenden Berufe gelangt sei.
Die Kaiserin in ihrer entgegenkommenden Liebenswürdigkeit erkundigte sich des Näheren und erfuhr nun von meinen Kunstgeschichtsstunden. »Oh, das wäre etwas für unsere Sissi«, meinte sie plötzlich. Vater versuchte es ihr auszureden. »Meine Tochter hat nicht studiert, da könnte ich Eurer Majestät eine viel zuverlässigere Dame empfehlen« – »Nein, nein, Herr Bode, auf keinen Fall! Meine Sissi soll jung mit der Jugend sein. Fragen Sie doch mal ihre Tochter, ob sie wohl dazu Lust hätte!«
Ich war so gnädig, Lust zu haben und harrte nun sehnsüchtig des hohen Rufs. Eines Tages nahm ich in der Kellerschen Schule Velazquez durch. Da wurde mir verkündet, dass ein paar Gäste zuhören wollten. Die Vorsteherin machte mich mit einer blühenden jungen Dame bekannt, deren Namen sie geheimnisvoll verschleierte und mit einem alten, pedantischen Herren, den sie Geheimrat Köppen aus dem Kultusministerium nannte. Ich begann den Unterricht mit Abfragen einer Museumsführung und bekam leidliche Antworten. Geheimrat Köppen tuschelte dabei so unhöflich hörbar mit seiner Nachbarin, dass ich die Stunde am liebsten durch ostentatives Stillschweigen unterbrochen hätte. Aber die Ahnung, dass hier mein Band mit dem Kaiserhof geknüpft werden sollte, hielt mich glücklicherweise zurück. Die Ahnung wurde bestärkt durch meine Schülerinnen, die mich durchs Fenster auf eine Hofkutsche hinwiesen. Wie ich später erfahren habe, war die Dame Fräulein von Saldern, Erzieherin der Prinzess. Sie erzählt sehr humoristisch ihren Besuch bei Frl. Keller. Die etwas überstiegene Dame geriet durch solchen »Glanz in ihrer Hütte« ganz außer Fassung. »Ich versichere Ihnen, Fräulein Bode ist für den Hof prädestiniert!«
Etwa zwei Monate drauf erfolgte die Aufforderung zu einer Audienz bei Ihrer Majestät. Da wollten mich die Allerhöchsten Augen Allerhöchst direkter Musterung unterwerfen. Nach Zwiesprachen mit der Schneiderin, die ihr Bestes tat, nach Anproben, nach Zupfen und Prüfen an dem großen Tage selbst wurde ich vorsichtiger wie ein rohes Ei in die Droschke gepackt und fuhr zum königlichen Schloss. Das Kleid hatte Mutters höchste Befriedigung. Es war von lichtblauer Wolle mit Spitzeneinsatz, der Hut schwarz mit Straußenfeder.
Ich landete bei der Gräfin Keller und wurde von ihr nach freundlicher Begrüßung in die Allerhöchsten Gemächer geführt. Ich sah flüchtig eine geschmackvolle Rokokoeinrichtung mit langen krippenartigen Blumentischen, die ein Bouquet von Kamelien enthielten. An der Wand hingen Watteaus, von denen mir die Gräfin allerhand Geschichten erzählte. Mittlerweile öffneten sich die Türflügel, und der Lakai meldete: »Ihre Majestät, die Kaiserin!« Die Knickse gelangen, und Ihre Majestät war so harmlos freundlich, dass ich bald vergaß mit jemand anderem als mit einer lieben alten Dame im Gespräch zu sein. Sie fiel gleich mit der Tür ins Haus und fragte mich, wie ich die Stunden zu gestalten dächte. Gräfin Keller hatte mir vorher schon mitgeteilt, dass Sissis Geschichtslehrer Herr Professor Schwartz mit mir Hand in Hand gehen wolle und hoffte, dass ich seine Hohenzollernvorträge durch Erklärungen der Siegesallee ergänzen würde. Dies hatte mir gar nicht eingeleuchtet. Gräfin Keller sekundierte nun meine Ansichten Ihrer Majestät gegenüber, die selbst, wie ich, der Überzeugung war, dass man nichts ohne Gefahr von hinten anfangen könne und die Statuen der Siegesallee zur Grundlage für Renaissance-Bildwerke und ägyptische Grabesskulpturen machen dürfe. Ihr schien ein historisches Betrachten der Kunst viel ratsamer. Also erhielt ich ihre volle Bewilligung, unter Beihilfe von Gräfin Keller meinen Standpunkt gegenüber Herrn Schwartz zu vertreten.
Marie Bode, ca. 1906.
Die hohe Frau wollte aber nicht nur geschäftlich mit mir verkehren. Sie knüpfte eine Unterhaltung an, die zeitenweise stockte, da ihre natürliche Befangenheit nicht immer weiter wusste. Ich selbst half in solchem Falle aus der Verlegenheit. Sie war so liebenswürdig, mich in ihr eigenstes Boudoir zu führen und die Bilder ihrer Familie nach der Reihe mir vertraut zu machen. Das war der verlegene Teil der Unterhaltung. Denn wie sollte ich mich zu den Aquarellen ihres Mannes und ihrer Kinder äußern? »Forscher Kerl da, Ihr Gatte!« oder »Wirklich ganz wunderhübsche Kinder! Sehen alle so wohlgeraten aus!« Man darf unsere Kaiserin nicht dumm schelten. Wenn es ihr an wissenschaftlicher Klugheit fehlt, so hat sie dafür Einsicht und Lebenstakt, verbunden mit Würde und Herzensgüte – Eigenschaften, die für ihre Stellung wahrhaftig sehr viel notwendiger sind, als etwa die Fähigkeit, Keilschrift wie die Muttersprache zu lesen.
In den nächsten Tagen kam ich zur Debatte mit meinem Feind Schwartz zusammen. Gräfin Keller hatte uns auf ihr Zimmer beschieden. Ich fand einen klugen, ansehnlichen forschen Mann, so dass ich ihm ohne Hinterhalt sicher unterlegen wäre. Aber – das musste ich noch oft im Leben beobachten – zu zweit gegen einen entwickelte ich Löwenmut. Herr Schwartz führte seine Sache sehr sicher und beredt. Er stellte mir vor, wie viel leichter die Prinzess das lebendige Bild einer Zeit gewinnen würde, wenn wir immer dieselbe Epoche behandelten. Ich meinte, das wäre ja nur hin und wieder denkbar; der Dreißigjährige Krieg hätte z. B. Wichtigkeit für die Geschichte, sei aber eine Nullzeit für die Kunst. Und wenn ich logisch seine Stunden »illustrieren« sollte, wäre mir mein Thema als solches doch zu wertvoll! Ob ich ihn wirklich überzeugt habe, ahne ich nicht. Aber er musste sehen, dass ich durchaus nicht Wachs in seiner Hand war und schließlich klein beigeben. Ich fühlte festen Boden unter mir und begann mit freudiger Sicherheit.
Viktoria Luise (oder Sissi, wie sie in ihrer englischen Kinderstube als Diminutiv von »sister« geheißen hat) nahm winters über im Schloss Bellevue, während der Sommermonate im Neuen Palais Stunde. Den ersten Unterricht gab ich an einem frischen sonnigen Aprilmorgen im Bellevue. Ich entsinne mich der gehobenen und beseligten Stimmung, die in mir herrschte, als sei es gestern gewesen. In Wirklichkeit liegt das Ereignis über 5 Jahre hinter mir. Als ich mich dem Schlosshof näherte, wollte ein Gendarm einschreiten. Ich sagte ihm mit der Verbindlichkeit, die Personen in gesicherter Stellung eigen ist, dass ich ihrer Königlichen Hoheit kunsthistorischen Unterricht erteilen wollte. Sofort zog er sich rückwärts schreitend zurück.
Ohne weitere Beanstandung gelangte ich zum ersten Lakai, der mich dem zweiten Lakai auf der Treppe mit Bückling weitergab. Dieser stattliche Mann in besten Lebensjahren geleitete mich auf mein Zimmer, wo ich bis zum Beginn des Unterrichts Station machen sollte. »Der Imbiss wird sogleich bereit sein« tönte mir noch verheißungsvoll in den Ohren – dann blieb ich allein in dem alten, fast unbenutzten Stübchen mit seinem alten Geruch. Schäferszenen schmückten die Bezüge der Rokokomöbel, Stiche aus dem vorigen Jahrhundert hingen an der Wand, und auf dem Schreibtisch lag ein geöffneter Band von Goethe. Ich war so recht in der Atmosphäre seiner Jugendzeit. Die sog ich denn auch dürstend in mich ein, verbunden mit der gleichen Frühlingsluft, die aus dem vogelbelebten Park zu mir eindrang. Wieder erschien der stattliche Lakai. Er brachte auf silbernem Tablett eine Fülle zierlicher Frühlingsbrötchen zur Erhöhung des Zaubers. Knusperige Radieschen lagen daneben; Rhenser Brunnen und Bordeauxwein forderten eine Entscheidung für oder wider Alkoholismus. Ich war mit meinen 22 Jahren noch ein rechter Kindskopf; denn jeder kleinste Gegenstand erschien mir hochinteressant und wie imprägniert mit Hofluft.
Ich fand in der Prinzess ein hoch aufgeschossenes 14-jähriges Mädchen vor mir, die nicht recht wusste, ob sie zu den Kindern, ob zu den Erwachsenen gehörte. Ihre langen, blonden Haare waren noch offen und wurden während des Gesprächs energisch geschüttelt. Dann glich sie einem übermütigen Füllen, dem gelegentlich das Austoben gut tat. Aber sie konnte auch Augenblicke der Würde haben, des Standesbewusstseins, der aristokratischen Damenart. Ich musste meinem erkämpften Pensum gemäß mit den ägyptischen Tempeln beginnen. Da mir Professor Schwartz geweissagt hatte, die Prinzess würde sich für solche alten Scharteken gar nicht interessieren, setzte ich allen Humor, alle Lebensfrische und eine Fülle schöner Fotografien ein – und siehe da: ich gewann das Spiel. Die Prinzess passte auf wie ein Schießhund – Augen, Mund und Nasenlöcher weit geöffnet, sprudelte einige Fragen hervor, warf Bemerkungen ein, stieß »Ahs« und »Ohs« hervor – kurz, sie konnte gar nicht teilnehmender sein, und ihr natürliches, frohes reines Wesen nahm mich ganz gefangen. So trennten wir uns als beste Freunde.
Zeitgenössische Postkarte der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen.
Mit den ersten warmen Tagen zogen die hohen Herrschaften nach Wildpark, und ich durfte im Neuen Palais Stunde geben. Wie manchen schönen Tag habʼ ich da auf Königspfaden verschlendert und verträumt! Denn nur selten war die Prinzess zur Stelle. Meist nahm sie mit »Mamaa« ein ausgedehntes Frühstück ein oder sie schöpfte auf einer Spazierfahrt Luft mit der Mutter, lockte ihre Erzieherinnen hoch zu Ross durch Sümpfe und Gräben oder verfolgte Wrights Flugversuche auf dem Bornstedter Felde.
Nach gemütlichem Wandern und Plaudern trat plötzlich die Kaiserin in den Garten. »Ach, dürfte ich wohl heute mal bei Ihnen zuhören? Ich will auch ganz still sein!« Es klang mir wie die rührende Bitte eines kleinen Kindes. Und während ich griechische Tempel vorführte, saß Ihre Majestät ganz artig seitab vom Tische und häkelte irgendeine Wagendecke für irgendein bevorstehendes Enkelkind. Als sie merkte, dass ich ganz unbefangen erzählte, rückte sie näher und bewunderte die schönen farbigen Ansichten dorischer Friese. Es leuchtete in ihren Blicken etwas von der Begeisterung eines ganz jungen Menschen. Nach der Stunde sprach sie ein paar Worte ehrlicher Anerkennung und nahm mich in ihren Privatgarten mit. Dort standen reichlich viele römische Kaiserbüsten herum, ein Narcissus spiegelte sich im Wasserbecken und zum Überfluss erhob sich auf dem mittleren Rasenfleck eine marmorne Wiederholung ihrer eigenen Statue, wie sie als Zielscheibe für Berliner Witzeleien in unserem Rosengarten steht. Die Kaiserin zeigte etwas verlegen darauf und meinte: »Eigentlich hatte ich schon genug an den übrigen Kunstwerken, aber mein Mann dachteʼs sich nun so schön«. Ja, Du gute Seele, Dein Mann denkt sich manches manchmal schön, was Dir weniger gefällt, viel weniger noch als der Anblick Deiner Statue im eigenen Garten – aber Du fügst Dich mit liebender Sanftmut!
Meine Sissi arbeitete sich mit der ihr eigenen Fixigkeit in die bildende Kunst herein. D. h., was sie so arbeiten nannte! Mit heller Auffassungsgabe und frischem Blick, warmem Gefühl und natürlichem Geschmack kann das Gebiet der Kunst erfolgreicher beschritten werden als mit Hilfe von Bücherweisheiten und emsigem Privatstudium. Beides hielt sie sich konsequent fern. In den Arbeitsstunden prägte sie sich – nach ihrer Behauptung – die Namen der Künstler ganz scharf ins Gedächtnis; aber trotzdem examinierte sie mich während des Unterrichts immerfort danach. Zusammenhängendes Erzählen war ihr anfangs unmöglich; da ich aber ihre Rede andauernd tadelte, eignete sie sich mit der Zeit etwas mehr Geläufigkeit an. Ihr Gedächtnis war durch die überwältigende Fülle von flüchtigen Lebenseindrücken reichlich verdorben, und ihre durch Unregelmäßigkeiten gestörte Schulzeit machte den Irrwisch viel zu unruhig für bedächtige Vorbereitung. Ich war froh, dass ihr Kunsturteil allmählich erstarkte, und ihre Empfindung für die Sache an Tiefe gewann.
Die meisten Schwierigkeiten machte mir Sissi im Museum. Ab und zu, wenn sie das Berliner Schloss bewohnte, wollte ich ihr doch gern unsere Originale zeigen. Absperrung erschien meinem Vater überflüssig. Und nun irritierte sie die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Sie genierte sich, auf meine Fragen zu antworten, sie marschierte am liebsten schon in den nächsten Saal, wenn ich erst die Hälfte eines Bildes in unserem Kabinett besprochen hatte. Hinterher beklagte sie sich mal bei Sal [ihre Erzieherin Fräulein von Salden], dass ich meine Fragerei nicht lassen könnte und sie dadurch vor dem Publikum bloßstellte. Aber Sal hatte eine sehr pädagogische Antwort: »Sissi, Sie sind doch zu dumm! Meinen Sie, dass die Leute auf so ʼne kleine Prinzessin Acht haben, wenn solche Menge viel interessanterer Sachen zu sehen sind?« Leider hatte Sal nicht Recht; aber ihre schneidige Antwort imponierte mir doch sehr. Wenn ich mitten im Beschreiben eines Bildes war, brachte mich die Prinzess auch noch aus dem Text durch neugierige Fragen, die gar nicht zur Sache gehörten, z. B. »Wo kommen denn die schönen Gobelins her? Ach und all die alten Truhen?« »Die bringt mein Vater zusammen, Prinzess« sagte ich dann; »Sie glauben gar nicht, wie fleißig er ist!« (»Wären Sieʼs nur auch!« dachte ich dabei etwas eigensinnig!) Meinen Vater brachte ich gern an, denn Sissi schwärmte für ihn. Sie bat sich ihn manchmal als Tischherrn aus, wenn er beim Kaiser frühstückte, und hinterher erzählte sie begeistert, wie lustig er wieder gewesen wäre. »Ach so oft muss ich neben steifen alten Knöppen sitzen, die lauter langweiliges Zeug reden – und Ihr Vater macht immer so wundervolle Witze! Das ist mal wirklich ein Mensch!«
Ja, ich glaubʼ Dirʼs, Du kleine hofumschranzte Gefangene!
Einmal wurde bei Vater telefonisch angefragt, ob er Ihre Majestät und Ihre Kgl. Hoheit am Nachmittag im Museum führen könnte. Sie wünschten vor allem die Florabüste des Leonardo zu betrachten. Vater hatte aber eine Herrenkonferenz, die ihm wichtiger schien, und so schob er die Führung auf mich ab. Nicht ohne Verlegenheit brachte ich seine Entschuldigung bei der Kaiserin an. Aber sie nahm alles mit der üblichen Güte und Bescheidenheit auf. »Ich möchte ja auch gar nicht, dass sich Ihr Herr Vater um meinetwillen bemühte« waren ihre Worte. Gräfin Keller neckte mich mit dem Titel »stellvertretender Generaldirektor«, als solcher zog ich mit der Kaiserin und Sissi im Kometenschweif ihrer Begleiter durch die Räume, bis uns die Dämmerung zu Vater trieb. Denn eine kurze Besichtigung der Florabüste in seinem Zimmer hatte mein gestrenger Alter den hohen Herrschaften doch gestattet und dann beschloss ein Cercle um die Büste den hohen Nachmittag.
Eines Mittags eröffnete Vater eine Ausstellung von Porträts der Renaissance-Maler im Besitz der Kaiser Friedrich Vereins-Mitglieder. Die Majestäten hatten ihr Erscheinen zugesagt, und da ich (wie die übrigen Vereinsmitglieder und Familien) Berechtigung zum Zutritt hatte, trieb mich die Neugier direkt aus der Stunde in Wildpark zu den Ausstellungssälen der Akademie. Aus dem Schlusssaal leuchteten Uniformen und helle Toiletten hervor. Da selbst bei größerer Annäherung nur ein unterdrücktes Murmeln zu mir drang, pirschte ich mich ganz leise und seitlich auf den Eingang los. An der Tür stand Vater im Gespräch mit Ihrer Majestät.
Ich begrüßte die Hofdamen, und mit einem Mal sehʼ ich mich wieder neben dem Kaiser stehen. Irgendjemand muss ihm meinen Namen zugeraunt haben; denn nun blitzten seine Augen und Er ruft mit einer Stimme, die den stillen Saal durchdröhnt »O, das ist ja die Lehrerin!« und noch einmal streckt er mir seine Hand entgegen. Jetzt entspinnt sich eine Unterhaltung, die sehr ritterlich beginnt: »Ich finde, der Geschmack meiner Tochter hat sich in letzter Zeit sehr gebildet!« Und um die Höflichkeit zu erwidern, entgegne ich: »O, Majestät, die Prinzess hat von Natur einen sehr guten Geschmack!« Darauf erkundigt er sich nach ihrem Lieblingskünstler; ich nenne die Venezianer. Hernach äußert er sich über die Wichtigkeit des Zeichenunterrichts und die natürlichen Methoden der Jetztzeit; er habe als Junge immer nur langweilige Blöcke vorgesetzt bekommen. Ziemlich unvermittelt wendet er sich dann zu Mutter und fragt: »Die Beiden sind wohl rechte Tyrannen, nicht?« (Damit meinte er Vater und mich.) »Sie haben sicher sehr unter ihnen zu leiden – nicht wahr, gnädige Frau?« Mutter findet nachsichtig, das sei nicht so schlimm. Aber ich fürchte, sie wird Seiner Majestät da etwas nach dem Munde gesprochen haben. Mit dieser Äußerung über meine ererbte Tyrannei schloss der Kaiser sein Gespräch mit mir ab und redete mit Mutter noch allerhand über ihren Mann. Er sei doch eben ganz einzig. »Wenn er sagt: dies Bild ist nicht von Rembrandt, dann – runter mit dem Schild!«
Prinzessʼ Einsegnung
[durch Hofprediger Ernst Dryander in der Potsdamer Friedenskirche]
Mein lieber Dryander sprach schlicht wie immer und ganz für die Situation geschaffen. Er sprach davon, dass die Pflichten eines hochgestellten Menschen viel bedeutender seien als die eines schlichten Bürgers und der Charakter daher ganz anders gefestigt sein müsse, um die Erwartungen des Volkes zu erfüllen, den Anfechtungen zu widerstehen und in schweren Zeiten den Kopf hoch zu halten. Ich kannte ja Sissi noch nicht so lange wie Dryander, aber ich fühlte, wie er mit seiner Rede dem jungen Schmetterling gerade das gegeben hatte, was ihm am meisten fehlte: einen ruhenden Pol.
Auf die Ansprache folgte nach alter Hohenzollernsitte die Verlesung des von Sissi verfassten Glaubensbekenntnisses. Ich habe mich gewundert, mit welcher Sicherheit und Klarheit, ja sogar rhetorischen Gewandtheit sie diese lange Rede verlas. Es ist doch keine Kleinigkeit für ein 17-jähriges Mädchen, in der Kirche vor 300 Menschen, das Gesicht der Gemeinde zugewandt, ihren persönlichen Glauben zu bekennen. Prinzess hat trotzdem warmen und energischen Ausdruck in ihre Worte gelegt.
Der Kaiserin Geburtstag
[Nach einer Theateraufführung im Festsaal des Neuen Palais das Festmahl:]
Nach der Suppe gab es Steinbutt mit holländischer Sauce, Kalbskoteletts mit Pilz-Purée, Wachteln mit Kressesalat, Esterházy-Bombe und Obst – ein gutbürgerliches Sonntags-Verwandtenessen. Ich freute mich von Herzen über solche Einfachheit. Roter Salbei und gleichfarbige Dahlien schmückten unseren Tisch, der nur von Kerzen erleuchtet war.
Nach einer Dreiviertelstunde hatten wir abgegessen, und das Gefolge begab sich in die lichtdurchflutete Jaspis-Galerie und von dort in den »Muschelsaal«. Ich setzte mich neben Sissis französische Erzieherin und ließ mir eine Reihe von Anwesenden nennen. Außer der kaiserlichen Familie und ihrem Gefolge waren nur der alte und der neue Reichskanzler mit Frauen und die höchste Generalität mit ihren Angehörigen vertreten. Ich war erstaunt über die Schönheit des preußischen Adels: die Männer groß, reckenhaft mit scharf geschnittenen Köpfen, die Frauen ebenso majestätisch und schön, die Töchter blond, anmutig, feinrassig.
Es kam zu einem kurzen Wortwechsel mit der Prinzess, die mir glücksstrahlend erzählte, dass sie am Geburtstagsmorgen ihrer Mama Chef des zweiten Husarenregiments geworden sei. Man habe ihr gleich die Uniform zum Anziehen gebracht, aber sie dachte ja nie mit all dem Schnüren fertig zu werden! Und wie hatte sie sich gesehnt, an der Spitze der Kompanie zu reiten! »Ja, Prinzess wussten wohl noch nicht, welche Schikanen der Soldatenstand hat«, meinte ich darauf lachend. Bald war sie wieder im Kreis ihrer schwarzen Husaren, und ich sah von weitem über ihrer weißen Gestalt den duftigen Rosenkranz im blonden Haar vergnügt auf und nieder wippen. –
Aus meiner Beschaulichkeit wurde ich zur Kaiserin berufen, die mir erzählte, dass sich Sissi die Fortsetzung meiner Stunden sehr lebhaft wünschte; sie selbst würde sich so freuen, wenn ihr Kind künftig auf Reisen der Kunst nicht fremd gegenüberstünde. Das sonnige Lächeln der Kaiserin ging mir wieder durchs Herz. Man kann ihr nicht ohne Freude nahen. Solch ein Fest – reizvoll für mich durch die Neuheit des Anblicks – hat doch etwas Steifes und Konventionelles. Umso größer das Verdienst unserer hohen Frau, dass sie auch da lebendige Freude verbreitet!
Ich überschätze meine Hoferlebnisse nicht; sie amüsieren mich wie eine Vorstellung. Bleibend ist für mich der Eindruck der reinen und edlen Menschlichkeit, wie man sie auf solchen Höhen am wenigsten vermutet und darum doppelt genießt.
Die Novembertage[1909/1910]
Aus dem Wildfang, der schon mit 14 Jahren die aristokratische Rasse bekundete [Prinzessin Sissi], entwickelte sich allmählich eine Dame von allerjugendlichstem Liebreiz, sehr bestimmtem Geschmack und festem Willen. Eine Krisis beschleunigte ihre Entfaltung, vertiefte und reifte ihr ungestümes Wesen. Es waren die trüben Novembertage, die auf unseren Kaiser ihre Nebel geworfen hatten. Graf Rantzau – der bei all seiner Trefflichkeit den Schnabel nicht halten kann – war damals gerade Kammerherr Ihrer Majestät. Er hat uns hinterbracht, welch furchtbarer Zustand in dem kaiserlichen Hause herrschte. Der Kaiser wäre abwechselnd außer sich vor Wut und vollständig lahm gewesen – nur die ruhige Güte, die Sanftmut und das Gottvertrauen seiner Gattin hätten ihn gerettet, ihn sich selbst und seinen Pflichten wiedergegeben.
