Mit goldenem Löffel - Jane Crilly - E-Book

Mit goldenem Löffel E-Book

Jane Crilly

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Beschreibung

England kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Auf Haddock Hall ist nichts mehr, wie es war. Während andernorts die Männer im Krieg geblieben sind, fehlt nach Lilians Tod bei den Haddocks die geliebte Ehefrau, die geliebte Mutter. George, der fünfte Baronet, soll von nun an die beiden Söhne allein großziehen? Ein Ding der Unmöglichkeit! Erst als Georges jüngerer Bruder aus Britisch-Ostafrika zurückkehrt, nimmt das Leben der Haddocks eine neue Wendung. Denn er kommt nicht allein. An seiner Seite ist Elise. Elise, eine Frau voller Geheimisse. Elise, die allen den Kopf verdreht. Elise, die die Familie erst rettet und dann ihr Schicksal besiegelt.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jane Crilly

Mit goldenem Löffel

Roman

Kampa

Liebe Elise,

dies ist die Geschichte von Haddock Hall. Die Geschichte meiner Familie.

Wir wurden in dem Glauben erzogen, dass es die erstgeborenen Söhne waren, die das Anwesen bewahrten, von Generation zu Generation weitergaben. Dass es auf ihr finanzielles Geschick, auf ihren Verstand ankam. Aber mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es die Frauen waren, die Frauen, die wir – die Erstgeborenen und die Zweitgeborenen – geliebt haben, die für das Überdauern von Haddock Hall verantwortlich waren.

Elise, du bist Teil der Geschichte. Auf diesen Seiten werde ich Haddock Hall und uns alle, die wir dort gelebt und geliebt haben, noch einmal lebendig werden lassen.

Auf diesen Seiten werde ich dir ein Denkmal setzen.

Dein Wilson

Prolog

Haddock Hall ist heute ein unbedeutendes Museum. Touristen kommen, betrachten die Gemälde – Ölporträts meiner Ahnen – und antiken Möbel. Der Salon wurde so hergerichtet, dass man glauben könnte, dass jeden Moment jemand hereinkommen würde oder das Zimmer gerade erst verlassen hätte. Ein aufgeschlagenes Buch auf dem ovalen Tisch, daneben eine Teetasse.

Seit einem Jahr komme ich oft hierher, der Verwalter des Museums begrüßt mich stets freundlich. Ich reiche ihm das Eintrittsgeld. Sieben Pounds. Er gibt mir eine dünne Broschüre. Informationen über das Haus und über die Baronets von Haddock Hall. Primär über die Architektur und einzelne Ausstellungsstücke. Ein Satz über die Familie, die zweihundert Jahre hier gelebt hat. Der erste Baronet erhielt seinen Titel 1734 von König George II., sein Ende fand Haddock Hall mit dem sechsten Baronet um 1922.

Besuchern wird ein Spaziergang durch den Garten nahegelegt. Besonders sehenswert seien die Teichanlage und der Friedhof.

Der Verwalter weiß nicht, dass ich der Bruder des letzten Baronets von Haddock Hall bin, dass dies mein Zuhause war. Ein goldener Löffel ist alles, was mir von Haddock Hall geblieben ist. Ich trage ihn immer bei mir, wie einen Talisman.

»Sie kommen oft her«, sagte er einmal.

»Ja. Es ist … Die Gartenanlage und der Salon, ich schaue sie mir gerne an«, entgegnete ich.

»Sehr schön«, sagte er und lächelt etwas mitleidig.

Ich erinnerte ihn wohl an die alten Männer, die auf Parkbänken Tauben füttern. An die einsamen grauhaarigen Damen, die täglich in den Zoo gehen.

Als ich an einem Mainachmittag nach Haddock Hall kam, sah ich im Salon ein neues Ausstellungsstück. Ein silbernes Messer mit der Gravur Haddock Hall. Mein Herz raste. Ich suchte den Verwalter und fragte ihn, wo und wann das Messer gefunden worden war. Ich versuchte, meine Aufregung zu verbergen. Es gelang mir kaum.

Er sah mich halb verwirrt, halb amüsiert an. Eine Frau habe es vor ein paar Tagen gebracht, um es dem Museum zu stiften.

Ob er mir ihren Namen nennen könnte? Sie beschreiben?

Lange honigblonde Haare, gewellt. Haselnussbraune Augen. Sommersprossen auf der Nase.

Er durchsuchte eine Schreibtischschublade, zog einen Umschlag hervor.

»E. Bowles«, sagte er.

E. Elise …

Ob er eine Adresse habe?

Der Verwalter zögerte.

»Bitte«, sagte ich. »Bitte.«

Er nickte, schrieb die Adresse auf einen Notizzettel und reichte mir das Papier.

Kelvedon. Essex. War Elise wirklich in England? Kelvedon war nur eine knappe Stunde entfernt von meiner Wohnung in Bishop’s Stortford.

E. Bowles. Elise Bowles.

Ich hielt den Zettel wie einen Schatz in der Hand.

11920

Wie ein Geist schlich Maddox durch die Räume von Haddock Hall. Er suchte nach ihr, horchte, ob er Mutters sanfte Stimme irgendwo in dem riesigen Haus hören konnte. Jede Nacht, nach seiner erfolglosen Suche, rollte das Hündchen sich dann vor der Tür ihres Schlafzimmers zusammen und wartete auf sein Frauchen. Aber auch am nächsten Morgen öffnete sich die Tür nicht. Lilian Haddock war tot. Seit Monaten. Niemand nannte ihn mehr einen guten Jungen oder streichelte sein schwarzes glänzendes Fell.

In den ersten Tagen nach ihrem Tod jaulte Maddox oft, es klang wie das traurige Lied eines Betrunkenen. Dann versuchte er, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Lief meinem Vater, meinem Bruder oder mir hinterher. Aber keiner von uns kümmerte sich um ihn. Vielleicht weil er uns zu sehr an sie erinnerte und sein Anblick uns traurig stimmte. Vielleicht weil wir schon immer eifersüchtig auf ihn waren und uns jetzt an dem kleinen Mops rächten. Schließlich gab er auf und streifte nun allein durch Haddock Hall, suchte sie, hoffte auf ihre Rückkehr.

Als Mutter starb, war es, als ob jemand das Licht ausgeschaltet hätte.

Es war Lilian gewesen, die auf elektrischem Licht bestanden hatte. In dem Jahr, als mein Bruder und ich geboren wurden. Eine Neuerung, die unser Vater unnötig fand, primär aus finanziellen Gründen. Aber er konnte seiner Frau keinen Wunsch abschlagen.

Mein Vater George war der fünfte Baronet von Haddock Hall in Hertfordshire County. Sein Großvater, der dritte Baronet, hatte einen Teil der Ländereien, die zu Haddock Hall gehörten, verspielt. Erleichtert war man, als der noch junge dritte Baronet an einem Sonntagnachmittag betrunken die Treppe hinunterstürzte und sich das Genick brach. Jeder hatte gewusst, dass er seine Spielsucht niemals in den Griff bekommen hätte. Dass es nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis er das gesamte Anwesen verspielt hätte. Es kursierte das Gerücht, dass es kein Unfall gewesen war, sondern seine Frau ihm einen Schubs versetzt hatte. Dass sie es gewesen war, die Haddock Hall vor dem Untergang bewahrt hatte.

Der vierte Baronet waltete weise. Er reduzierte das Hauspersonal. Entließ sieben der zwölf Diener. Zwei der drei Küchenhilfen. Verringerte den übrigen Stab auf ein Dienstmädchen, eine Zofe, ein Kindermädchen, den Butler und die Haushälterin. Die prunkvollen Bälle, für die Haddock Hall bekannt war, fanden nicht mehr dreimal, sondern nur noch einmal im Jahr statt. Außerdem investierte er in ein australisches Bergbauunternehmen, das sich auf Kupfergewinnung spezialisiert hatte und anfangs große Gewinne abwarf. So sicherte er den Fortbestand von Haddock Hall trotz anhaltender Agrarkrise und des finanziellen Schadens, den sein Vater verursacht hatte. Das Anwesen zu bewahren war die Aufgabe eines jeden Baronets von Haddock Hall.

Das Herrenhaus war im elisabethanischen Stil gebaut. Die Fassade bestand aus rotem Backstein, der mit steinernen Verzierungen versehen war. Die Türme an den Ecken verliehen dem Gebäude einen leicht gotischen Flair oder, wie meine Mutter sagte, etwas Märchenhaftes. Ein von Säulen getragenes Vordach erstreckte sich über den Eingang. Die Fenster waren in einem regelmäßigen Raster angeordnet. Mehrere kleine rechteckige Glasfenster, die durch Holzsprossen voneinander getrennt waren. Keller, Erdgeschoss, zwei Stockwerke, Dachgeschoss. Sechsundvierzig Räume. Eine lange Allee führte zum Haus. Von der Allee zweigten Wege ab, die zu weitläufigen Rasenflächen, einer Teichanlage und einem Rosengarten führten.

Haddock Hall war wie ein Lebewesen, mit dem wir in einer symbiotischen Beziehung standen. Wir brauchten einander. Ohne das Anwesen würden wir nicht überleben, und ohne uns würde es Haddock Hall nicht geben.

Auf den verpachteten Ländereien wurde hauptsächlich Getreide angebaut. Obwohl uns nicht ebenbürtig, waren auch die Pächter Teil der Symbiose. Seit Jahrzehnen waren es die gleichen vier Familien, die unsere Ländereien bewirtschafteten: die Archers, die Frasers, die Nolans und die Carvers. Weihnachten luden meine Eltern die Kinder der Familien zu uns ein, es gab Truthahn und Christmas Pudding. Meine Mutter spielte Weihnachtlieder auf dem Klavier. Auch die Kinder der Pächter verehrten sie. Ihre Wangen glühten, wenn sie ihnen über den Kopf streichelte, sich zu ihnen hinunterbeugte und sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigte. Lilian hatte blondes gewelltes Haar, tiefblaue Augen, lange Wimpern und ein nie verschwindendes Lächeln, das Güte und Weisheit ausstrahlte.

Am Ende der Weihnachtsfeier reichte Lilian jedem Kind eine Tüte mit Pfeffernüssen und Humbugs. Mein Bruder und ich mochten es überhaupt nicht, ihre Aufmerksamkeit mit einem Haufen anderer Kinder zu teilen. So saßen wir meist etwas abseits und schmollten. Stachelten einander an.

»Siehst du, wie sie Rodney Fraser anguckt? Wahrscheinlich mag sie ihn lieber als uns«, sagte mein Bruder.

»Ich hasse ihn.«

Und dann überlegten wir, was wir dem kleinen Rodney antun könnten, um sicherzugehen, dass er nächste Weihnachten nicht auftauchen würde.

Unsere Mutter bestand darauf, uns jeden Abend, wenn wir in unseren Betten lagen, gute Nacht zu sagen. Selbst wenn Gäste da waren, entschuldigte sie sich kurz, schritt die Treppen hinauf, kam in unser Zimmer, küsste uns auf die Stirn und fragte: »Seid ihr glücklich, meine Jungs?«

Und wir antworteten: »Ja.«

Denn in diesem Moment – was auch immer für Sorgen auf unseren Kinderherzen lasteten – waren wir glücklich.

»Dann bin ich es auch«, sagte sie.

Unser Vater kam nie in unser Zimmer, fragte nie, ob wir glücklich waren. Aber er ließ unserer Mutter ihr Ritual, ohne zu klagen. Damals war es nicht gängig, dass die Dame des Hauses eine Abendgesellschaft verließ, um ihren Kindern eine Gute Nacht zu wünschen. Und wenn einige der Gäste befremdlich die Stirn runzelten, verteidigte Vater seine Frau mit einem Lächeln.

2Bulldogge

Nicht nur der dritte Baronet, der Haddock Hall fast verspielt hatte, war jung gestorben. Ein früher Tod schien das Schicksal aller Baronets von Haddock Hall zu sein. Daher bereiteten die Väter ihre Erstgeborenen schon als Kinder auf ihr Erbe vor. Versuchten ihnen die Bedeutung ihrer Aufgabe nahezulegen.

Mein Bruder Edmund war neun Minuten und vierzig Sekunden älter als ich und somit der zukünftige sechste Baronet. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass uns erklärt wurde, was die wenigen Minuten Altersunterschied für unseren Werdegang bedeuteten. Wir wussten es von Anfang an.

Edmund und ich waren Zwillinge, hatten beide die grüngrauen Augen unseres Großvaters, sahen uns ansonsten aber nicht ähnlich. Edmund hatte schwarze Haare und war von stämmiger Statur. Meine Haare waren blond, ich war größer und schlaksig.

Unsere Mutter behandelte uns beide gleich, Vater jedoch schenkte Edmund mehr Aufmerksamkeit und Zeit. Als Kind machte es mich traurig, von meinem Vater übersehen zu werden, später schätzte ich die Freiheit, die mir dadurch geschenkt wurde.

Unser Vater George war ein ernster Mann, kühl sein Wesen. Nur in Lilians Gegenwart bröckelte die Fassade. Sie hatten sich 1901 kennengelernt, beim Sommerball auf Haddock Hall. Einhundertsechzehn Gäste waren geladen.

Unser Großvater Archie, der vierte Baronet, und seine Frau Mary stellten die Gästeliste mit großer Sorgfalt zusammen. In diesem Jahr ging es nicht nur um ein Fest, bei dem man sich amüsierte und noch viele Wochen später über das gute Essen, die illustre Gesellschaft und die Schönheit des Anwesens sprach. In diesem Jahr wollten Archie und Mary eine Ehefrau für ihren erstgeborenen Sohn finden.

Es war fast schon ein Trend, dass adlige britische Söhne reiche Amerikanerinnen heirateten. Ihr Kapital half, die Anwesen durch die finanziell schweren Zeiten zu tragen und in die Kolonien des Empires zu investieren. So wurden gleich drei junge Amerikanerinnen aus vermögendem Hause auf die Gästeliste gesetzt. Außerdem die Tochter eines Earls: Anne, ein plumpes, lautes Wesen, deren Spitzname Bulldogge war. Anne war stolz auf diesen Namen. Man hatte den Earl sagen hören, dass er den Bräutigam – wenn sich doch nur einer erbarmen würde – mit einer hohen Mitgift entschädigen würde. Weitere Damen auf der Gästeliste waren die Schwestern Jane und Harriet, Töchter eines vermögenden Baronets aus Somerset, und Catherine, die jüngere Schwester eines Lords aus Kent.

Das Dinner sollte im Salon stattfinden, der Tanz im Garten. Auf dem Rasen wurde Parkettboden verlegt. Eine Bühne für das Orchester errichtet. Pavillons aufgestellt. Hunderte Fackeln positioniert.

Das Dinner wurde mit der Köchin besprochen, eine Weinliste mit dem Butler erstellt. Sechs zusätzliche Diener, drei weitere Küchenhilfen und zwei Hausmädchen, die dabei halfen, die Gästezimmer herzurichten, wurden angeheuert.

Die Vorbereitungen wurden in diesem Jahr mit so großer Ernsthaftigkeit betrieben, dass man hätte meinen können, es ginge um Leben und Tod und nicht um eine Tanzveranstaltung, bei der ein junger Mann seine Braut finden sollte.

Der Einzige, der sich von dem Ganzen ungerührt zeigte, war Georges jüngerer Bruder Clay.

»Er erinnert mich an meinen Vater«, sagte Archie oft. An den dritten Baronet, den Spieler, den Trinker. »Wir können Gott danken, dass George der Ältere ist. Clay würde Haddock Hall ruinieren. Ihm fehlt es an Verantwortungsbewusstsein.«

»Aber er ist ein exzellenter Reiter«, verteidigte ihn Mary, die ihren jüngeren Sohn trotz oder gerade wegen seiner Unbesonnenheit über alles liebte.

Clay war nicht nur ein guter Reiter, er setzte auch gerne auf Pferde. Und das betrieb er mit großem Leichtsinn. Er wettete auf Pferde, deren Namen ihm gefielen, freute sich, wenn er gewann, und lachte, wenn er verlor. Er war nicht – im Gegensatz zu seinem Großvater – süchtig. Pferderennen amüsierten ihn, und das war alles, was er wollte.

Regelmäßig unternahm er Ausflüge zur Rennbahn in Newmarket, Suffolk. Verschwand für Tage. Und wenn er wiederauftauchte, waren seine Taschen leer und sein Herz voller Geschichten. Schlägereien in zwielichtigen Pubs, Affären mit verheirateten Ladys.

George hörte zu, wenn Clay von seinen Abenteuern erzählte. Je älter er wurde, desto kritischer kommentierte er die Geschichten seines kleinen Bruders. Wies auf die Pflichten hin, die ihr Name mit sich brachte.

»Du bist der Erbe«, sagte Clay mit einem Lächeln.

»Aber du bist auch ein Haddock«, sagte George.

»Ein paar schwarze Schafe gehören zu jeder guten Familie.«

»Kannst du nichts ernst nehmen?«

Clay lachte laut auf. »Nein.«

Am Morgen des Sommerballs schien das Haus zu vibrieren. Stimmengewirr, Fußgetrampel, lange Tische wurden aufgestellt. In der Mitte des Geschehens der etwas übergewichtige Butler Lloyd, der wie ein Dirigent Anweisungen gab. Seit dreißig Jahren war er der Butler von Haddock Hall. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Trotz seiner Leibesfülle bewegte er sich leichtfüßig. Sein dichtes graues Haar war stets mit so viel Pomade bearbeitet, dass es einem Helm glich. Alles an ihm war groß: seine Statur, seine Nase, seine Ohren, seine Hände.

Ein Teil der Gäste würde über Nacht in Haddock Hall bleiben, andere bei den Marfords, die ebenfalls ein Anwesen in Hertfordshire County besaßen.

Unter den ersten Gästen, die am Vormittag eintrafen, befand sich Anne »Bulldogge«, die Tochter des Earls von Walden, mit ihrer Zofe und ihrer Freundin Lilian Godwell. Lilians Vater, Jacob Godwell, hatte es zu einigem Wohlstand in der Textilindustrie gebracht. Die Geburt von Lilian, dem einzigen Kind der Godwells, war ein Wunder gewesen. Mrs Godwell war bereits über vierzig und hatte gesundheitliche Probleme, als sie schwanger wurde. Zehn Jahre später starb sie. Jacob Godwell tat alles, um das Leben seiner mutterlosen Tochter so unbeschwert und schön wie möglich zu gestalten. Er überschüttete sie mit Liebe und guter Erziehung. Hörte ihr zu, reiste mit ihr. Er hielt das Andenken an die Mutter lebendig, ohne Lilian jemals den Schmerz zu zeigen, den der Tod seiner Frau hinterlassen hatte.

Alles, was sich Jacob für seine Tochter gewünscht hatte, sollte wahr werden. Lilian wuchs zu einer gebildeten, selbstbewussten jungen Frau heran, und sie war so schön wie einst ihre Mutter.

Anne und Lilian kannten sich, seitdem sie Kinder waren. Obwohl Jacob Godwell über keinen Titel verfügte, verband ihn und den Earl eine tiefe Freundschaft. Niemand kannte die genauen Umstände dieser Verbindung. Als beide im gleichen Jahr Vater einer Tochter wurden, beschlossen sie, dass die Mädchen Freundinnen werden sollten. Und sie wurden Freundinnen, obwohl sie nicht unterschiedlicher hätten sein können.

Ein Hauslehrer nach dem anderen kündigte dem Earl. Es sei eine unmögliche Aufgabe, Anne zu unterrichten. »Sie hat das Buch aufgegessen«, sagte Mr Brown, der Anne in Literatur und Geschichte unterrichtete.

»Aufgegessen?«, fragte der Earl entsetzt.

Der Lehrer nickte.

»Nur ein paar Seiten«, verteidigte sich Anne später und lachte.

Sie konnte weder Klavier spielen noch singen oder zeichnen. Aber sie war eine leidenschaftliche Reiterin. Furchtlos, geradezu waghalsig.

Unser Vater George und sein Bruder Clay hatten Anne im Sommer zuvor bei einer Jagdgesellschaft kennengelernt. Sie hatte bei Clay durch ihren Reitstil großen Eindruck hinterlassen. Und auch Clay hatte sich in ihr Gedächtnis eingeprägt. Sie waren aus ähnlichem Stoff gemacht. Dem Tuch der Abenteurer.

»Vielleicht solltest du ihn heiraten«, sagte Lilian zu Anne während ihrer Reise nach Haddock Hall.

»Nein. Ganz bestimmt nicht«, sagte Anne und lachte.

Anne wollte niemanden heiraten. Sie wusste, dass es von ihr erwartet wurde, doch sie hatte sich fest vorgenommen, diesem ihr vorbestimmten Schicksal zu entgehen. Sie wusste, dass Gott auf ihrer Seite war und sie deshalb mit einem plumpen Äußeren und einem wilden, mutigen Herzen ins Leben geschickt hatte. Wie unfair es war, dachte sie oft, wenn sie ihre vier Brüder – die Waschlappen, wie sie sie nannte – betrachtete. Die vier hatten so viele Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten. Sie konnten zum Militär oder in die Politik gehen, in den Kolonien ihr Glück versuchen. Und Anne, intelligenter als alle vier Waschlappen zusammen, sollte einfach nur die Ehefrau eines Mannes werden?

3Ein Sommerball

George erblickte sie beim Dinner. Blondes gewelltes Haar, tiefblaue Augen, lange Wimpern, ein Lächeln, das Güte und Weisheit ausstrahlte.

Sie saß an einem anderen Tisch. Er eingekesselt zwischen Jane und Harriet, den Töchtern des Baronets aus Somerset. Die Schwestern plapperten über ihr Leben in Bath. Über ein ganz ausgezeichnetes Konzert, das sie erst letzte Woche in den Upper Assembly Rooms besucht hatten, und eine ganz wunderbare Inszenierung, die sie im Theatre Royal gesehen hatten. Und dann diskutierten sie, ob es Was ihr wollt oder Wie es euch gefällt gewesen war. Jedenfalls Shakespeare, sagten sie einstimmig.

»Wer ist das?«, fragte George und deutete mit dem Kopf in die Richtung der blonden Dame.

Die Schwestern, etwas überrascht, dass er so gar nicht ihren amüsanten Geschichten gefolgt war, blickten zu dem Tisch, auf den er gedeutet hatte. Dann sahen sie einander an, dann ihn.

»Anne?«, fragte Jane.

»Neben Anne«, sagte er.

»Oh. Das ist … Ich glaube, sie heißt Lili…«, sagte Harriet.

»Lilian«, sagte Jane.

»Ja, Lilian«, bestätigte Harriet.

»Lilian«, sagte George. »Wer … wer ist sie?«

»Oh, niemand. Nur eine Freundin von Anne«, sagte Jane.

»Ihr Vater ist in der Textilindustrie«, sagte Harriet.

»Sie war mit Anne öfters bei uns in Bath«, sagte Jane.

Und Harriet nickte.

Als das Dinner beendet war, zog die Gesellschaft in den Garten. Das Orchester spielte. Hunderte Fackeln erhellten die Nacht. Paare tanzten im Viervierteltakt einen Schottischen. Andere saßen an kleinen runden Tischen.

George umrundete die Tanzfläche, suchte nach Lilian, fand sie schließlich an einem etwas versteckten Tisch mit Anne und seinem Bruder.

»Schon eine Braut gefunden?«, fragte Clay, als George auf sie zukam. »Das alles hier«, sagte er und breitete seine Arme aus, »veranstalten unsere lieben Eltern, damit George, der zukünftige fünfte Baronet, eine gute Partie findet.«

»Der Ball findet jedes Jahr statt«, sagte George.

Clay lachte. »Aber dieses Jahr haben sich die Haddocks so richtig ins Zeug gelegt.«

»Hallo, Anne«, sagte George, ohne Clay weiter zu beachten.

»George«, sagte Anne und grinste. »Ich bin nicht zu haben. Auch wenn mein Vater das Gegenteil behauptet.«

George lächelte, dann wandte er sich an Lilian.

»Hallo«, sagte er.

»Hallo«, sagte Lilian.

»Das ist Lilian. Meine älteste Freundin«, sagte Anne. Und dann zu Lilian: »Das ist George.«

Lilian und George schüttelten einander die Hand. Sahen sich an. Später würde George sagen, dass er in diesem Moment wusste, dass er Lilian und keine andere heiraten würde. Dass diese Frau ihn glücklich machen und er alles tun würde, um sie glücklich zu machen. Dass er sie bis an sein Lebensende lieben würde, bis Lilian ihn zu Grabe tragen würde. Jeder Baronet von Haddock Hall war vor seiner Frau gestorben.

Während er Lilians Hand hielt, sah er seine Zukunft an sich vorbeiziehen. Hochzeit. Kinder – mindestens zwei. Geburtstage und Jubiläen. Und dann stand Lilian, eine ältere Version der Frau, die ihn gerade halb verlegen, halb amüsiert anlächelte, an seinem Grab.

Clays und Annes Lachen riss ihn aus seinen Gedanken. Abrupt ließ er Lilians Hand los.

»George, willst du mit uns kommen oder auf Brautschau gehen?«, sagte Clay.

»Wohin? … Mit wem?«, stammelte er.

»Zum Teich«, sagte Clay und hielt zwei Flaschen Champagner hoch. Grünes Glas, bronzefarbene Etiketten. »Das Beste, was unser Weinkeller zu bieten hat.«

»Ich muss … Die Gäste … Der Tanz …«, stammelte George.

»Du musst tanzen?«, fragte Clay und lachte. »Er muss tanzen!«

George schüttelte den Kopf, dann wandte er sich an Lilian. »Gehen Sie auch zum Teich?«

Lilian nickte.

»Gut«, sagte George. »Dann los.«

4Die Braut

»Teich?«, fragte Lilian, als sie an dem Gewässer standen. »Eher ein See.«

»Ein kleiner See«, sagte Clay.

Den Teich hatte der zweite Baronet bauen lassen. Neun Hektar, an der tiefsten Stelle maß das Gewässer sechs Meter, gelbe und weiße Teichrosen bedeckten die Oberfläche.

Clay öffnete eine Flasche Champagner.

»Auf die Haddocks, die entweder übertreiben oder untertreiben.« Er trank einen Schluck und gab Anne die Flasche.

»Nicht nur die Haddocks«, sagte Anne, trank und reichte Lilian den Champagner.

Anne zog ihre Schuhe aus.

»Was machst du?«, fragte Lilian.

»Na, reinspringen!« Schon stand sie in Unterwäsche da. Ohne jedes Gefühl von Scham. Beine wie Baumstämme. Fleischige Arme. Clay tat es ihr nach. Streifte seine Sachen ab. Gemeinsam rannten sie ins Wasser, wateten durch Seerosen, bis sie eine tiefere Stelle erreichten, und schwammen los. Lilian und George blieben allein am Ufer zurück. Einen Moment lang schwiegen sie. Dann begann George zu reden. Lilian würde später erzählen, dass sie George niemals wieder so viel hatte sagen oder so schnell hatte sprechen hören. Er packte sein ganzes Leben in Worte. Die Geschichte der Haddocks, eine Prognose seiner Zukunft. Sein Mund war trocken, er schluckte.

»Lilian, wollen Sie mich heiraten?«, fragte er unvermittelt.

Sie sah ihn ungläubig an. »Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.«

Anne und Clay kamen aus dem Wasser. Ausgelassen, laut. Belebt vom kalten Nass und dem Champagner.

Anne sah ihre Freundin und George an, die schweigend nebeneinanderstanden.

»Was ist mit euch? Ihr seht aus, als ob jemand gestorben wäre. Ist jemand gestorben?«

Clay lachte. »Er hat es getan.«

»Was hat er getan?«, fragte Anne.

»Clay!«, sagte George warnend.

»Was hast du getan, George?«, fragte Anne.

»Er hat ihr einen Heiratsantrag gemacht«, sagte Clay.

»Das ging schnell«, sagte Anne und lachte.

»George«, sagte Clay, »ganz der gute Sohn. Er soll eine Braut finden, und er macht einer jungen Dame einen Heiratsantrag. Noch vor Mitternacht. Aber er ist nicht der perfekte Sohn, denn seine Wahl fällt auf die bezaubernde Lilian, die nicht auf der Wunschliste unserer lieben Eltern steht.« Er wandte sich an Lilian und verbeugte sich. »Entschuldigung, aber das Heiratsgeschäft ist eine oberflächliche Sache. Vermögen oder Titel, möglichst beides, soll die Braut des zukünftigen Baronets von Haddock Hall mitbringen.«

»Clay, sei still«, sagte George. Sein Gesicht rötete sich vor Scham und Wut.

Lilian konnte in der Dunkelheit seine glühenden Wangen nicht sehen, aber sie spürte seine Verlegenheit.

»Zu schade für eure Eltern, denn ich habe Ja gesagt«, sagte Lilian, weil George ihr unendlich leidtat. Sie ergriff seine Hand. »Ihr beide könnt hier stehen bleiben, bis ihr trocken seid. Wir gehen zurück und tanzen.«

Lilian zog George mit sich, der nicht wusste, wie ihm geschah.

Nach dem vierten Tanz fragte George: »Haben Sie … Hast du … Willst du mich wirklich heiraten?«

Anders als ihre Freundin Anne akzeptierte Lilian die Rolle, die die Gesellschaft einer jungen Frau zugedacht hatte. Sie wollte heiraten, Kinder kriegen. Und George, den sie kaum kannte, fühlte sich vertraut an.

»Was werden deine Eltern sagen?«, fragte sie.

»Sie werden schon einverstanden sein.«

Lilian nickte.

Am nächsten Morgen, die Gäste schliefen noch, klopfte George an die Tür seiner Mutter Mary. Sie hörte zu. Lilian Godwell. Mary lächelte. Ihr Sohn hatte getan, was sie von ihm erwartet hatten. Er hatte eine Braut gefunden. Aber es war die falsche. Jacob Godwell verfügte weder über Titel noch über Vermögen. Die Mitgift würde bedeutungslos sein.

Doch Mary wusste auch, dass die Weisheit einer Frau wichtiger sein konnte als Wohlstand und ihr Familienname. Sie dachte an die Mutter ihres Mannes. Als Willow im Sterben lag, verlangte sie, Mary zu sehen. Mary saß am Bett ihrer Schwiegermutter. Hielt die Hand der alten Dame.

»Mary, ich war es. Ich habe ihn getötet«, sagte Willow.

»Wen hast du getötet?«