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Die Führung der DDR hatte mit allem gerechnet – nur nicht damit, dass Kerzen und Gebete den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu Fall bringen würden. 25 Jahre danach blicken Journalisten für den Evangelischen Pressedienst zurück. Sie zeichnen die entscheidenden Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 nach. Ihre Reportagen spannen den Bogen über die dramatischen Monate: vom Kampf der Bürger gegen die Unterdrückung hin zur entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 bis zum Fall der Berliner Mauer einen Monat später. Die weiteren Stationen auf dem Weg zur Einheit waren der Sturm auf die Stasi-Zentralen, die Gründung von Parteien, die Wirtschafts- und Währungsunion und der Zwei-plus-Vier-Vertrag, schließlich am 3. Oktober 1990 das Ende der DDR. Viele der Autorinnen und Autoren begleiteten schon die Friedliche Revolution – unter ihnen Karl-Heinz Baum, der als Westkorrespondent für die "Frankfurter Rundschau" berichtete. Interviews und Chronologien ergänzen die Auswahl kompakter Reportagen über die Monate, die Deutschland veränderten.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2015
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MIT KERZEN
HABEN SIE
NICHT GERECHNET
Das Ende der DDR – von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit
Mit einem Vorwort von Manfred Stolpe und einem Nachwort von Roland Jahn
Herausgegeben von Karl-Heinz Baum und Thomas Schiller
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2015 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
Trotz sorgfältiger Recherche konnten nicht alle Rechteinhaber der verwendeten Abbildungen ermittelt werden. Hinweise nimmt der Verlag dankend entgegen.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
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Gesamtgestaltung: Formenorm · Friederike Arndt, Leipzig
Coverfoto: epd-bild 00124972, © EPD/Schoelzel
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-374-04392-7
www.eva-leipzig.de
THOMAS SCHILLER
Die Führung der DDR hatte mit allem gerechnet – nur nicht damit, dass Kerzen und Gebete den deutschen Arbeiter- und Bauernstaat zu Fall bringen könnten. 25 Jahre danach haben Journalisten des Evangelischen Pressedienstes (epd) noch einmal zurückgeblickt. Sie zeichnen die entscheidenden Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 nach.
Die fundierte Berichterstattung aus dem Osten Deutschlands ist seit Jahrzehnten ein Markenzeichen der Nachrichtenagentur epd. Dafür stehen Namen wie Reinhard Henkys, der am Tag des Mauerbaus 1961 von seinem Chefredakteur Focko Lüpsen aufgefordert wurde, so schnell wie möglich nach Berlin zu fliegen, und dort in den folgenden Jahrzehnten ein publizistischer Brückenbauer zwischen Ost und West wurde. Oder wie Hans-Jürgen Röder, der als akkreditierter Korrespondent aus der DDR berichtete und nach dem Mauerfall den epd-Landesdienst Ost aufbaute und bis 2011 leitete.
25 Jahre nach den dramatischen Monaten von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit hat der epd an die Ereignisse erinnert. Die Reportagen spannen den Bogen vom Kampf der Bürger gegen die Unterdrückung zur entscheidenden Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989, auf die einen Monat später der Fall der Berliner Mauer folgte. Die weiteren Stationen auf dem Weg zur Einheit: der Sturm auf die Stasi-Zentralen, die Gründung von Parteien, die erste freie Wahl zur DDR-Volkskammer, letztlich die Wirtschafts- und Währungsunion und der Zwei-plus-vier-Vertrag. Schließlich am 3. Oktober 1990 das Ende der DDR.
Viele epd-Autorinnen und -Autoren, deren Beiträge in diesem Band zusammengestellt sind, waren schon zur »Wende« dabei – unter ihnen Karl-Heinz Baum, der als Westkorrespondent für die »Frankfurter Rundschau« schrieb. Interviews und Chronologien ergänzen die Auswahl kompakter Reportagen über die Monate, die Deutschland veränderten.
Cover
Titel
Impressum
Editorial · Thomas Schiller
Vorwort · Manfred Stolpe
In den 80er Jahren wächst der Unmut
THOMAS BICKELHAUPT
Breitseite gegen die Jugendopposition
1983 starteten die DDR-Behörden in Jena die Aktion Gegenschlag
KARL-HEINZ BAUM
Die Aktion »Falle«
Im Herbst 1987 stürmte die Stasi die Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde
KARL-HEINZ BAUM
»Honi, rück den Sputnik raus!«
Im Herbst 1988 meldete die DDR-Agentur ADN das Verbot der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik«
KARL-HEINZ BAUM
»Ist das jetzt verboten?«
Ende 1988 kämpfte das DDR-Kabarett »Distel« um die Aufführung eines Programms
KARL-HEINZ BAUM
Aus der Kirche in den Knast
Im Advent 1988 lieferte der Weimarer Superintendent Hans Reder fünf Kirchenbesetzer den DDR-Behörden aus
Der Weg zur Friedlichen Revolution 1989
KARL-HEINZ BAUM
Beton platzt von innen
Im Januar 1989 sagte Honecker, die Mauer könnte noch 100 Jahre stehen
KARL-HEINZ BAUM
Der Ruf der Christen nach Gerechtigkeit
Anfang 1989 sind die »Zeichen an der Wand« unübersehbar
KARL-HEINZ BAUM
Von der stillen Grenze in ein stilles Grab
Am 5. Februar 1989 wollte Chris Gueffroy raus aus der Enge der DDR
KARL-HEINZ BAUM UND MARKUS GEILER
»Ich will nicht vergiftet sein«
Gespräch mit Karin Gueffroy, der Mutter des Maueropfers Chris Gueffroy
KARL-HEINZ BAUM
Flucht aus der DDR mit einem Ballon
Am 8. März 1989 stürzte Winfried Freudenberg in den Tod
KARL-HEINZ BAUM
Synoden kritisieren Reisepolitik und Wahlpraxis
Im Frühjahr 1989 trieben Kirchenparlamente die Wendestimmung voran
KARL-HEINZ BAUM
Das letzte große »Zettelfalten«
Am 7. Mai 1989 ist bei den Kommunalwahlen der Betrug offensichtlich
KARL-HEINZ BAUM
Nur einer blieb drüben
Im Frühjahr 1989 durften mehrere hundert Ostdeutsche zum West-Berliner Kirchentag fahren
KARL-HEINZ BAUM
Die Angst war groß, die Wut war größer
Nach dem 4. Juni 1989 beschleunigt der Umgang mit dem Massaker in Peking das Ende der DDR
KARL-HEINZ BAUM
»Nie genug vom Wahlbetrug«
Im Juni 1989 verhinderte die DDR-Staatsführung Proteste gegen Wahlfälschungen
KARL-HEINZ BAUM
Unruhe in der Tiefkühltruhe
Im Frühsommer 1989 kommt die SED-Führung der DDR mit der Reformpolitik Gorbatschows immer weniger zurecht
KARL-HEINZ BAUM
Die Stasi kam mit der Straßenbahn
Vom 6. bis 9. Juli 1989 fand der letzte evangelische Kirchentag in der DDR statt
Chronologie: Der Monat August
KARL-HEINZ BAUM
»Weder Ochs noch Esel«
Wie Erich Honeckers Zitat am 14. August 1989 seinen Realitätsverlust offenbarte
KARL-HEINZ BAUM
Das erste Loch in der Mauer
Am 19. August 1989 flüchteten mehrere Hundert DDR-Bürger über Ungarn nach Österreich
Chronologie: Der Monat September
KARL-HEINZ BAUM
Gehen oder bleiben?
Im September 1989 ging der letzte Sommer der alten DDR zu Ende
THOMAS BICKELHAUPT
»Ich habe die Angst überwunden«
Thüringer CDU-Politikerin Christine Lieberknecht unterzeichnete 1989 den »Brief aus Weimar« mit
KARL-HEINZ BAUM
Wie eine Sturmflut
Im September 1989 wurde in Grünheide bei Berlin die Bürgerbewegung »Neues Forum« gegründet
KARL-HEINZ BAUM
Das Südtor öffnet sich nach Westen
In der Nacht zum 11. September 1989 öffnete die ungarische Regierung die Grenze zu Österreich
KARL-HEINZ BAUM
Ein Vorgeschmack von Demokratie
Die Synode des DDR-Kirchenbundes forderte im September 1989 Reformen ein
MARKUS GEILER
Wischiwaschi-Politik oder Kraft des Wortes?
Die Politik der Kirchen in der späten DDR ist umstritten
KARL-HEINZ BAUM
Eine Träne zu wenig
Am 30. September 1989 erfahren Tausende DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft, dass sie ausreisen dürfen
KATHARINA RÖGNER
Remi aus Zelt 31 und das neue Leben
25 Jahre danach wieder in der Prager Botschaft: Genscher traf ehemalige DDR-Flüchtlinge
Chronologie: Der Monat Oktober
KARL-HEINZ BAUM
Ein Volk unter Landesarrest
Am 3. Oktober 1989 schränkte die DDR Reisen ins sozialistische Ausland weiter ein
KARL-HEINZ BAUM
Wer zu spät kommt
Am 7. Oktober 1989 feierte die SED-Führung den 40. Jahrestag der DDR-Gründung
KATHARINA RÖGNER
»Bruder, schlag mich nicht«
Am 8. Oktober 1989 startet die Dresdner Gruppe der 20 den Dialog mit der Staatsmacht
YVONNE JENNERJAHN
Ein Pfarrhaus in der DDR schreibt Geschichte
In Schwante wurde am 7. Oktober 1989 die ostdeutsche Sozialdemokratie neu gegründet
KARL-HEINZ BAUM
Der Tag der Entscheidung
Am 9. Oktober 1989 demonstrieren rund 70.000 DDR-Bürger über den Leipziger Innenstadtring
CORINNA BUSCHOW UND JENS BÜTTNER
»Das war der Wendepunkt«
Bundesministerin Johanna Wanka erinnert sich an den 9. Oktober 1989 in Leipzig und Merseburg
KARL-HEINZ BAUM
»Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen!«
Am 18. Oktober 1989 tritt DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker von allen Ämtern zurück
KARL-HEINZ BAUM
Staatschef für 44 Tage
Am 24. Oktober 1989 wird SED-Generalsekretär Egon Krenz zum neuen DDR-Staatsoberhaupt gewählt
Chronologie: Der Monat November
KARL-HEINZ BAUM
»Dass ich das noch erlebe«
Am 4. November 1989 findet auf dem Berliner Alexanderplatz die größte systemkritische Demo in der Geschichte der DDR statt
Vom Mauerfall zur Einheit
CHRISTIAN THIELE
Die richtigen Fragen gestellt
Erinnerungen an die Pressekonferenz von Günter Schabowski am 9. November 1989
KARL-HEINZ BAUM
»Sofort! Unverzüglich!«
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer
Stichwort: Die Berliner Mauer
Fakten: Die Opfer der Berliner Mauer
Chronologie: Der Monat Dezember
KARSTEN WIEDENER
Den unbezwingbaren Gipfel erobert
Am 3. Dezember 1989 ertrotzten Demonstranten die Öffnung der Brockenkuppe
THOMAS BICKELHAUPT
Es lag etwas in der Luft
Rauchschwaden und verbranntes Papier lösten im Dezember 1989 in Erfurt die erste Stasi-Besetzung in der DDR aus
KARL-HEINZ BAUM
Das große »Zettelfalten«
Am 18. März 1990 wurde zum ersten und letzten Mal frei die Volkskammer gewählt
KARL-HEINZ BAUM
Ein nervöser Bundeskanzler
Der letzte 17. Juni der DDR hätte 1990 fast eine neue historische Bedeutung bekommen
KARL-HEINZ BAUM
Ein Abschied ohne Tränen
Am 1. Juli 1990 trat die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der DDR mit der Bundesrepublik in Kraft
KARL-HEINZ BAUM
Ein Staat schafft sich ab
Am 23. August 1990 beschließt die frei gewählte Volkskammer den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik
KARL-HEINZ BAUM
Aus zwei plus vier wird eins
Der Weg für die Wiedervereinigung Deutschlands ist am 12. September 1990 endlich frei
KARL-HEINZ BAUM
»Heute Nacht freuen wir uns vor allem von innen«
Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Vereinigung ihrer beider Staaten
Nachwort · Roland Jahn
Dank
Die Autoren und Herausgeber
MANFRED STOLPE
In den letzten Jahren der DDR war ich als Jurist bemüht, die Freiräume der Kirche zu schützen, bedrängten Menschen zu helfen und Blutvergießen zu vermeiden. Das musste oft sehr diskret geschehen. Die Westjournalisten waren für meine Bemühungen eine Herausforderung. Denn ich hatte die Sorge, dass sie berufsbedingt Nachrichten verbreiten müssten.
Die Machthaber der DDR beobachteten die Westmedien sehr genau und reagierten im Inland, auch gegenüber den Kirchen, unberechenbar und gelegentlich hysterisch. Dankbar bin ich den Korrespondenten westlicher Medien, die erkannten, dass die evangelische Kirche die DDR gewaltlos ändern wollte. In der Kirchenleitung waren viele Zeitzeugen des Volksaufstandes von 1953, die unbedingt vermeiden wollten, dass Panzer das letzte Wort hätten. Die Ereignisse im Frühjahr 1989 in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit Tausenden getöteten Demonstranten hatten diese Gefahr erschreckend aufgezeigt.
In jenen Monaten war es ein Glücksfall, Korrespondenten zu treffen, die die DDR-Verhältnisse genau kannten, die Haltung der Machthaber einschätzen konnten, die wachsende Unzufriedenheit der Menschen erlebten und die Explosivität der Lage spürten. Zu Karl-Heinz Baum, der damals für die »Frankfurter Rundschau« arbeitete, hatte ich absolutes Vertrauen. Er war ein aufmerksamer Beobachter, ein scharfsinniger Analytiker mit Herz und hoher Anteilnahme für die DDR-Bürger.
Mit diesem Buch wird eine Dokumentation zur Zeitgeschichte vorgelegt, die in ihrer Art einmalig ist. Die Verfasser der Artikel standen mitten im Leben, waren dicht dran an den Ereignissen. So war es wirklich! So ging es mir bei der Beschreibung der letzten Maueropfer Winfried Freudenberg und Chris Gueffroy. Oder wenn der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer im Sommer 1989 die prophetische Ankündigung macht: »Beton platzt von innen, fällt auf einmal zusammen.« Und wenn erinnert wird, dass eine friedliche Revolution zwei Seiten hat: die disziplinierten gewaltfreien Demonstranten und die hochgerüsteten Machthaber, die auf den Waffeneinsatz verzichteten, am 3. November 1989 den Schießbefehl aufhoben und schließlich bereit waren, am Runden Tisch der Demokratie den Weg frei zu machen.
Es war wie ein Wunder und doch Teil eines Prozesses, der 1975 in Helsinki begann. Nach langen Verhandlungen unterzeichnen 35 Staaten aus Europa und Nordamerika die KSZE-Schlussakte: Sie verpflichten sich zur Unverletzlichkeit der Grenzen, zur friedlichen Regelung von Streitfällen, zur Nichteinmischung in innere Angelegenheiten anderer Staaten, zur Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Außerdem wollen sie in Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt zusammenarbeiten.
Heute wissen wir: Helsinki löste die nach dem Zweiten Weltkrieg versteinerten Verhältnisse auf. Der Mut zum Risiko der Staaten ließ den Mut einfacher Bürger wachsen, zuerst mit Solidarnosc in Polen und mit Charta 77 in der CSSR, bald auch in Ungarn, der DDR, Bulgarien und Rumänien.
Seit Helsinki und dem Grundlagenvertrag berichten Journalisten mit eigenen Augen über das wahre Leben bei uns. Das stärkt den Mut zum Risiko. Am 9. Oktober trauen sich in Leipzig trotz angedrohter Waffengewalt 70.000 Menschen auf die Straße. Vier Wochen später am 4. November sind es viele Hunderttausend auf dem Berliner Alexanderplatz. Fünf Tage später fällt die Mauer. Elf Monate später ist Deutschland wieder vereint.
Ich danke dem Evangelischen Pressedienst und seinem Chefredakteur Thomas Schiller, dass sie dieses wertvolle zeitgeschichtliche Werk herausbringen. Ich kenne keine andere Veröffentlichung zum Umbruch der Verhältnisse in der DDR auf dem Weg zur deutschen Einheit, die so umfassend und doch so lebensnah beschrieben ist. Dankbar beobachte ich, wenn heute der Evangelische Pressedienst die Probleme unserer Zeit, die wachsende Armut, die wieder aufflammende Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus offen anspricht und zum Widerstand ermutigt.
THOMAS BICKELHAUPT
1983 starteten die DDR-Behörden in Jena die Aktion Gegenschlag
Für den »Zugriff« auf die »feindlich-negativen Kräfte« nutzte die Staatsmacht am 18. März 1983 die offizielle Erinnerung an die Zerstörung Jenas im Zweiten Weltkrieg. Als über den Köpfen von Tausenden Menschen Losungen wie »Frieden schaffen ohne Waffen« oder »Gegen Militarisierung des Lebens« auftauchten, sahen die zivilen Stasi-Leute ihren Augenblick gekommen. Die Plakate und Spruchbänder seien »mit brutaler Gewalt und Beschimpfungen« niedergerissen worden, beschrieben Betroffene damals das Geschehen.
Selbst Kinder seien durch die Attacke der Staatssicherheit »stark gefährdet« gewesen. Und als die Jenaer Friedensgemeinschaft am Tag darauf einen Kranz mit dem staatlich bekämpften Symbol »Schwerter zu Pflugscharen« niederlegte, seien während des stillen Gedenkens »unsere Kranzschleifen von mehreren Zivilpersonen unkenntlich gemacht« worden. Unter dem Eindruck einer »tiefen Erschütterung über die Ereignisse« wandte sich die unabhängige Friedensinitiative in zwei Briefen direkt an den »werten Herrn Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker«.
Die Schreiben mündeten in die Bitte, »die Verursacher der gegen uns und unseren Friedenswillen gerichteten gewalttätigen Provokationen zur Verantwortung zu ziehen«. Der SED-Staat antwortete mit der Aktion Gegenschlag – und mit der Abschiebung von rund 40 Jenaer Oppositionellen in den Westen. Als Letzter wurde am 8. Juni 1983 Roland Jahn bei Nacht und Nebel in einem verschlossenen Zugabteil nach Bayern gebracht. »Wie ein Stück Frachtgut«, erinnert sich der heutige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin.
Roland Jahn (mit dem Transparent »Schwerter zu Pflugscharen«) am 19. Mai 1983 bei einer offiziellen Demonstration anlässlich des FDJ-Pfingsttreffens (© epd-bild / Albrecht/Kleindienst)
Die Anfänge der Jenaer Jugendszene reichen zurück bis in die frühen 70er Jahre. Damals eröffnete die offene Arbeit der evangelischen Kirchen um den Thüringer Jugendpfarrer Walter Schilling den Jugendlichen neue Freiräume für Gemeinschaftserlebnisse jenseits von staatlichen Vorgaben. Hinzu kamen kulturelle Initiativen wie der von Lutz Rathenow maßgeblich geprägte Arbeitskreis Literatur, der die staatliche Propaganda beim Wort nahm und damit entlarvte. Zudem gab es direkte Kontakte zu den Dissidenten Robert Havemann und Rudolf Bahro.
Bei allen Unterschieden einte die einzelnen Gruppierungen die gemeinsame Idee von einem menschlichen Sozialismus nach dem Vorbild des Prager Frühlings, den sowjetische Panzer 1968 gewaltsam beendet hatten. Nach einer Zäsur 1976 durch die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann habe 1981 der ungeklärte Tod des Jenaer Jugendlichen Matthias Domaschk im Stasi-Gefängnis von Gera die Szene weiter radikalisiert, sagt der Historiker und ausgewiesene Kenner der damaligen Szene, Jürgen Pietzsch.
Er gehörte seit 1978 zum engeren Kreis der Jungen Gemeinde Stadtmitte und hat die offene kirchliche Jugendarbeit in Jena in seiner Dissertation wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Auffassung »Wir haben nichts zu verlieren« sei in den 80er Jahren für viele zur bestimmenden geworden. Vor diesem Hintergrund entstand Anfang 1982 der Jenaer Appell, in dem die Initiatoren vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew konkrete Abrüstungsschritte forderten.
Doch die Staatssicherheit verhinderte die Verbreitung des Papiers, griff sich die Verantwortlichen und schränkte ihre Bewegungsfreiheit spürbar ein. Im September 1982 nahm Roland Jahn die allenthalben in der DDR übliche Aufforderung zu Solidarität wörtlich und fuhr mit einem Papierfähnchen der unabhängigen polnischen Gewerkschaft Solidarnosc durch die Stadt. Das Gericht in Gera sah darin im Januar 1983 eine »Missachtung staatlicher Symbole« und verurteilte Jahn zu einem Jahr und zehn Monaten Haft.
Nachdem Rathenow Berichte über das Vorgehen der DDR-Behörden gegen Jahn und andere Oppositionelle mit Hilfe akkreditierter Journalisten in Ost-Berlin in die westdeutsche Öffentlichkeit lanciert hatte, kamen die Inhaftierten Ende Februar 1983 plötzlich wieder frei.
Gleichzeitig war die Zerschlagung der Szene beschlossene Sache. Sie habe jedoch vor 30 Jahren keineswegs deren Ende bedeutet, sagt der Historiker Pietzsch. Aus dem damaligen sozialen, politischen und kulturellen Milieu seien weiterhin Impulse für neue Gruppen hervorgegangen, die mit den Weg bereiten halfen für die Friedliche Revolution vom Herbst 1989.
KARL-HEINZ BAUM
Im Herbst 1987 stürmte die Stasi die Umweltbibliothek in der Zionskirchgemeinde
Im Herbst 1987 schien sich in der DDR viel zu ändern: In Moskau hielt Michail Gorbatschow die Zügel in der Hand. Sein Credo: Sozialismus brauche Demokratie wie die Luft zum Atmen. Mit »Glasnost«. (»Transparenz«) ließ er Berichte über Mühen und Qualen des Alltags ebenso zu wie über Katastrophen. Die DDR, die nach dem Slogan lebte »Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen«, konnte sich schlecht entziehen: Die »Umweltbibliothek« mit Büchern zur Umwelt, aber auch zu anderen verbotenen Themen bestand seit einem Jahr in den Kellerräumen der Berliner Zionskirche.
Seither druckten Wolfgang Rüddenklau und Carlo Jordan auch halblegal die »Umweltblätter«. (»Nur für den innerkirchlichen Gebrauch«). Die »Initiative Frieden und Menschenrechte«. (IFM) wagte es seit anderthalb Jahren, ihr Untergrundblatt »grenzfall« in einer Auflage von 1.200 Stück ohne kirchlichen Schutz zu drucken. Am Olof-Palme-Friedensmarsch nahmen kirchliche Gruppen mit eigenen Plakaten teil. Mit DDR-treuen Leuten marschierten sie tagelang einträchtig nebeneinander. Die Hoffnung auf bessere Zeiten in der DDR wuchs, bis sie sich in der Nacht vom 24. auf den 25. November als Strohfeuer für den Besuch Erich Honeckers in Westdeutschland entpuppte.
Seit 23 Uhr arbeitete an jenem Abend die Druckmaschine in der Berliner Zionskirche. Das war für die draußen Lauernden das Signal einzugreifen: Sie stürmten den Keller, hielten den Anwesenden, darunter einem 14-Jährigen, Pistolen an den Kopf, zwangen alle in den Vorraum, durchsuchten Räume, beschlagnahmten beide Druckmaschinen und viele Unterlagen, nahmen die Beteiligten schließlich mit. Die Aktentasche am Fuß der Maschine übersahen sie. In ihr befanden sich »nur« Druckerschwärze und die Wachsvorlagen für den »grenzfall«, dem der Schlag im Wesentlichen gilt. Doch jene, die für den »grenzfall« Redaktion und Druck organisierten, waren gar nicht da. Das ist wohl auch der Grund, warum die Stasi-Jäger nicht auf die Tasche achteten. Sie wollten Peter Grimm, Ralf Hirsch und Peter Rölle festnehmen, die unterdessen gemütlich beim Bier saßen.
Mahnwache am Seiteneingang der Berliner Zionskirche am 26. November 1987 anlässlich des Stasi-Überfalls auf die Umweltbibliothek in der Gemeinde einen Tag zuvor (© epd-bild / Hans-Jürgen Röder)
Der Vierte im Bunde, Rainer Dietrich, stieß dazu. Ihn hatten die drei nur per Zettel an der Haustür über den neuen Treffpunkt informiert.
Die Stasi wusste bestens Bescheid. Der Inoffizielle Mitarbeiter »Cindy« alias Rainer Dietrich hatte berichtet, den nächsten »grenzfall« werde man in der Umweltbibliothek drucken, der Druck in Wohnungen gelte als zu gefährlich. Mielkes Mannen bereiteten alles generalstabsmäßig vor, nannten die Aktion »Falle«, in die gleich drei Akteure laufen sollten: die »Initiative Frieden und Menschenrechte«. (IFM) mit dem »grenzfall«, die »Umweltbibliothek« und die evangelische Kirche, die offenkundig Staatsfeinde in ihren Räumen drucken ließ. »Cindy« brachte die Druckmaschine selbst zur Zionskirche, stellte die Aktentasche ab und vereinbarte mit den drei anderen, beim Druck dabei zu sein. Alles schien für die Stasi perfekt zu laufen.
Doch am späten Nachmittag vereinbarten Rüddenklau und Grimm, die IFM sollte beim Druck besser nicht dabei sein – eine Abrede, die »Cindy« erst in der Kneipe erfuhr. Informieren konnte er seinen Führungsoffizier nicht mehr; Mobiltelefone gab es noch nicht. Er redete sich gegenüber der Stasi damit raus, sein Trabi-Motor habe gestreikt. So geriet der Stasi-Schlag gegen den »grenzfall« und die kirchlichen »Umweltblätter« zum Schlag ins Wasser. Die DDR zeigte wieder ihr hässliches Gesicht und wurde es bis zum Herbst 1989 nicht mehr los.
Dass sich die Aktion offenkundig gegen die Kirche und eine Publikation unter ihrem Schutz richtete, empörte nicht nur Oppositionelle, sondern Tausende Gläubige im Land. Die Meldung der DDR-Medien, in der Zionskirche habe man mehrere Männer auf frischer Tat ertappt, als sie staatsfeindliche Schriften herstellten, empfanden Pfarrer und Gemeindeglieder nur noch als Provokation.
Pfarrer Hans Simon alarmierte noch in der Nacht die Malerin Bärbel Bohley (1945–2010), damals wohl die wichtigste Oppositionelle. Sie und andere Mitstreiter organisierten Mahnwachen an der Kirche, die die Freilassung der Inhaftierten, aber auch Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit forderten. Die ersten Teilnehmer der Mahnwachen wurden sofort verhaftet. Minuten später standen andere an ihrer Stelle, bis die Stasi das Festnehmen aufgab. Der hier gezeigte Mut überzeugte in den Monaten danach viele Menschen. Nach zehn Tagen waren alle Verhafteten frei. Mahnwachen wurden bei Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht zur ständigen Übung. In der Neujahrsausgabe bedankten sich die »Umweltblätter« spöttisch für die weltweite Gratiswerbung: »Macht weiter so, Jungs!«
KARL-HEINZ BAUM
Im Herbst 1988 meldete die DDR-Agentur ADN das Verbot der sowjetischen Zeitschrift »Sputnik«
»Honi, rück den Sputnik raus!« – »Suche Sputnik – biete Stalins gesammelte Werke« – »Der Sputnik lebt!« – »Wer heute den Sputnik verbietet, verbrennt morgen Bücher« – »Umgestaltung – wann bei uns?« Diese und ähnliche Missfallensäußerungen registrierte die Stasi im Herbst 1988 auf selbst gefertigten Handzetteln, Plakaten und Wandzeitungen.
Auslöser der Entrüstung war eine kurze Meldung der DDR-Nachrichtenagentur ADN am 18. November: Die DDR-Post habe die sowjetische Zeitschrift »Sputnik« aus der Postzeitungsliste gestrichen. Im SED-Staat kam das einem Verbot gleich. Druckerzeugnisse ohne Postlizenz durften nicht erscheinen.
Noch zehn Jahre zuvor hätte diese Meldung in der DDR kaum jemanden aufgeregt. Der seit 1967 auch auf Deutsch erscheinende sowjetische Readers Digest war jahrzehntelang ein Ladenhüter. Interessenten für das Satireblatt »Eulenspiegel« oder das begehrte »Magazin« mit seinen literarischen Texten und Aktfotos wurde zumeist ein Abo des »Sputnik« mit aufgeschwatzt. Gelang es, hatten die Postler etwas für die deutschsowjetische Freundschaft getan. Mit dem »Sputnik«-Verbot verschwanden auch fünf Sowjet-Filme aus den DDR-Kinos.
Als Kremlchef Michail Gorbatschow bei seinem Amtsantritt 1985 mit »Glasnost«. (Offenheit) und »Perestroika«. (Umbau) in der Sowjetunion Reformen begann, fremdelten die Genossen in Ost-Berlin. Von »ewiger Freundschaft« oder »Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!« war nicht mehr die Rede. Plötzlich hieß die Parole »Sozialismus in den Farben der DDR«. Die DDR sei der Sowjetunion bei Reformen um Jahre voraus. Das 21-köpfigeSED-Politbüro ging immer deutlicher auf Distanz zum einst hochverehrten »Großen Bruder«.
Cover des Sputnik, Heft 10, 1988
Bereits 1987 hatte der SED-Chefideologe Kurt Hager im Interview mit dem »Stern« auf die Frage, wie er zu Gorbatschows Reformen stehe, mit der Gegenfrage geantwortet: »Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung auch neu zu tapezieren?«
Die Bevölkerung in der DDR hätte gern neu tapeziert. Schnell hatte sich via »Buschfunk« herumgesprochen, dass sich im »Sputnik« aus der Sowjetpresse nachgedruckte Beiträge ohne Scheu mit Themen beschäftigten, die bis dahin absolut tabu waren. In der Oktoberausgabe wurde Stalins Rolle im »Großen Vaterländischen Krieg« hinterfragt. Da hieß es, nicht Stalin, sondern das Volk habe den Krieg gewonnen. Erörtert wurde gar, ob es ohne Stalin Hitler gegeben hätte.
Im Novemberheft war schließlich der geheime Hitler-Stalin-Pakt ein Thema. Für die offizielle DDR-Geschichtsschreibung gab es diesen Pakt aber gar nicht. Das »Neue Deutschland« befand, »Sputnik« verzerre nicht nur die Geschichte der Sowjetunion und der KPdSU, sondern auch die der KPD, schade damit der deutsch-sowjetischen Freundschaft, und die sei in der DDR »Verfassungsgrundsatz, Staatspolitik und Herzenssache von Millionen«.
Die Millionen sahen das allerdings anders. Die Zahl der in die DDR gelieferten »Sputnik«-Exemplare war seit Gorbatschow auf über 200.000 Stück angewachsen. Im Herbst 1988 platzte den SED-Oberen der Kragen, und sie stoppten zunächst die Auslieferung des Oktoberheftes. Die »Sputnik«-Abonnenten dachten da noch an technische Probleme.
Viele der Leser waren treue Anhänger des Systems. Sie verstanden die DDR-Welt nicht mehr, fühlten sich bevormundet, gegängelt. Die Stasi berichtete von wütenden, gar aggressiven Reaktionen aus allen Schichten der Bevölkerung und allen Landesteilen. SED-Mitglieder wie Parteilose bewerteten den Schritt gleichermaßen negativ. Selbst innerhalb der Stasi wurde das Vorgehen vereinzelt kritisiert.
Mit dem »Sputnik«-Verbot verprellte die SED-Führung treue Anhänger gleichermaßen wie Kritiker. Es war nicht der erste und nicht der letzte Sargnagel für die DDR, aber ein wichtiger. Der Volksmund spottete: »Von der Sowjetunion lernen, will gelernt sein.«
Im Kreml wurde auf das Verbot unterkühlt reagiert. Gorbatschows Sprecher Gennadi Gerassimow sagte, die Macher des Blattes seien verwundert und verstünden die Begründung nicht. Mit Beginn des neuen Jahres kürzte Moskau seinerseits die Einfuhr von DDR-Druckerzeugnissen um 204.600 Stück. Fast alle Kulturzeitschriften und die »Neue Berliner Illustrierte« wurden komplett von der Liste gestrichen; die »Berliner Zeitung« durfte noch 200 statt 4.200 Stück anliefern. Das SED-Sprachrohr »Neues Deutschland« wurde um die Hälfte auf 9.066 Exemplare gekürzt.
KARL-HEINZ BAUM
Ende 1988 kämpfte das DDR-Kabarett »Distel« um die Aufführung eines Programms
Das Programm »Keine Mündigkeit vorschützen« fiel schon bei der sogenannten Abnahme durch. So hieß in der DDR die Vorzensur, durch deren Filter alle Bühnenprogramme laufen mussten. Die Autoren Inge Ristock und Hans Rascher hatten für ein Publikum geschrieben, das auf Michail Gorbatschows Glasnost und Perestroika im eigenen Land hoffte. Im Mittelpunkt stand die Frage: »Wie mündig ist der DDR-Bürger?«
In dem Programm holten Ristock und Rascher das heikelste DDR-Thema auf die Bühne: »Warum wollen so viele Menschen weg? Es muss doch herauszufinden sein, warum diese Menschen die Geborgenheit im Sozialismus ablehnen.« Sie spotteten über die Wahlen in der DDR: »Die Stimmen werden immer genau nachgezählt. Aber es werden einfach nicht weniger als 99,9 Prozent.«
Solchen Spott hörten die Zensoren in der Diktatur des Proletariats natürlich nicht gern. Sie distanzierten sich von dem neuen »Distel«-Programm und lehnten jegliche Verantwortung dafür ab. Auf die Rückfrage des Ensembles »Ist das jetzt verboten?« lautete die Antwort aber »Nein«. Die amtierenden »Distel«-Direktoren Norbert Dahnke und Heinz Lyschek reagierten mutig: »Wenn Sie die Verantwortung nicht übernehmen, müssen wir sie selbst übernehmen.« So viel Aufmüpfigkeit waren die SED-Oberen bis dato nicht gewohnt.
Am Tag vor der Generalprobe wird Lyschek zum Berliner Magistrat ins Rote Rathaus zitiert. Lyschek, SED-Parteisekretär des Ensembles, Dramaturg und starker Förderer dieses Programms, muss lange warten. Über zwei Stunden will man ihn weichkochen, bis schließlich Ellen Brombacher, bei der SED in Ost-Berlin zuständig für Kultur, mit vier weiteren »Kadern« erscheint und erklärt: »Damit wir uns einig sind, dieses Stück darf nicht gespielt werden!«
Lyschek soll Stellung nehmen, wieso er als Parteisekretär nicht gesehen habe, dass das Stück sehr undialektisch sei. Er verteidigt das Programm als »gutes Stück zur rechten Zeit«. Kabarett dürfe nicht hinter den Problemen zurückbleiben, argumentiert er.
Es nützt aber alles nichts. Lyschek selbst soll das Verbot des Programms dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann mitteilen. Im Begleitbrief der SED heißt es höhnisch: So könne man »in der Öffentlichkeit den Eindruck eines vordergründigen, administrativen Eingriffs von außen vermeiden und die politischen Folgerungen begrenzt halten«.
Die Premiere wird abgesagt. Doch für die Generalprobe am nächsten Abend sind 400 Karten verkauft. Die Zensoren erwarten, dass »Distel«-Leitung und Autoren die Gäste nach Hause schicken. Doch sie weigern sich. Die Partei solle doch besser die Absage erklären. Doch die scheut sich davor und genehmigt lieber eine Vorstellung des einzigen in der »Distel«-Geschichte je verbotenen Programms.
