Mit Liebe gewürzt - Mary Kay Andrews - E-Book
Beschreibung

Der neue Roman von Bestseller-Autorin Mary Kay Andrews Gina Foxton hat sich gerade als Fernsehköchin eines regionalen Senders einen Namen gemacht, als ihre Welt zusammenbricht. Erst erwischt sie ihren Produzenten und Lebenspartner in flagranti, dann eröffnet ihr dieser, dass ihre Sendung abgesetzt werden soll. Nicht mit ihr! Mit Tränen in den Augen beschließt Gina, dass sie es jetzt erst recht allen beweisen muss. Sie will den Sprung ins nationale Fernsehen wagen. Dafür muss sie jedoch an Tate Moody vorbei, der die Kochszene mit genialen Rezepten, seiner frischen Art und einem sexy Lächeln dominiert. Dem Angeber werde ich es zeigen, denkt Gina und nimmt die Herausforderung zu einem Kochwettbewerb der Superlative an. Wenn sie nur nicht bei jeder Begegnung mit Tate den Kopf verlieren und die falschen Zutaten in den Kochtopf schütten würde … Ein Buch mit den Erfolgszutaten der Sommerbücher: Am besten auf der Stelle genießen!

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MOBI

Seitenzahl:586


Mary Kay Andrews

Mit Liebe gewürzt

Roman

Aus dem Amerikanischen von Lena Kraus

FISCHER E-Books

Inhalt

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1

Noch eine Woche. Gina wiederholte diese Worte in Gedanken, als sie endlich am Set stand. Ihr Make-up begann bereits unter den auf sie gerichteten Scheinwerfern zu verlaufen.

Noch fünf Tage, zwei Shows pro Tag. Zehn Sendungen. Dann würde die Staffel endlich vorbei sein. Sie würde zwei Wochen Zeit haben, um sich auszuruhen. Zwei Wochen ohne Make-up. Keine hohen Schuhe, keine Kameras. Sie würde ihre Kiefermuskeln entspannen. Vierzehn Tage lang nicht lächeln. Und nicht kochen, schwor sie sich, aber sie wusste sofort, dass das ein Versprechen war, das sie nicht halten konnte. Jetzt gerade hatte sie das ständige Lächeln satt, das In-die-Kamera-Starren und die Erklärungen, warum man einen Braten vor dem Anschneiden erst etwas stehen lassen musste. Sie hatte es satt, Lebensmittel in Stückchen, Würfelchen und Scheibchen zu schneiden, um sie dann zu sautieren. Aber das würde sich schon geben, sagte sie sich. Nur noch zehn Shows.

»Fertig?«, fragte Jess, die gerade außerhalb des Sichtfeldes der Kamera stand.

Gina holte tief Luft und lächelte die auf sie gerichtete Kamera an. »Fertig.«

Während sie versuchte, die Parmesanraspel in die blubbernde Maisgrütze auf der vorderen Kochstelle zu rühren, ohne dass die Hälfte neben den kleinen Topf fiel, runzelte sie konzentriert die Stirn.

»Dreh den Topf in Richtung Kamera, so dass der Markenname zu sehen ist«, sagte Jess leise. Sie saß auf ihrem Stammplatz am Tisch und beobachtete alles auf dem Monitor ihres Laptops. Normalerweise saß Scott neben ihr. Gina fragte sich, wo er war. Jessica DeRosa, seine Produktionsassistentin, war erst vierundzwanzig, frisch von der Filmschule. Sie war wahrscheinlich durchaus in der Lage, die Sendung alleine zu leiten, aber Scott war ein solcher Kontrollfreak, dass sie so gut wie nie die Gelegenheit dazu bekam.

Ohne Vorwarnung schoss die Flamme des Gaskochers in die Höhe, um dann ebenso plötzlich zu verlöschen. Gina starrte den Gasherd an und zog eine ungläubige Grimasse.

»Du runzelst die Stirn«, kommentierte Jess. »Komm schon, Gina, lass es nicht so schwierig aussehen. Du weißt doch, was Scott immer sagt. Diese Rezepte sollen so leicht aussehen, dass ein trainierter Schimpanse sie nachkochen könnte. Mit verbundenen Augen.«

Der Kameramann lachte gehässig, und Gina schaute hoch, um Eddie wütend anzustarren.

»Nicht lustig«, sagte sie. Aber es war gar nicht Eddie, der übergewichtige, langsam kahl werdende Veteran, der sie nun schon während drei Staffeln ihrer Show begleitet hatte, der da hinter der Kamera stand. Dieser Kameramann war ein Kerlchen mit blonden Strubbelhaaren, die aus einem roten Piratenkopftuch hervorschauten.

Wo steckte Eddie, fragte sie sich. Waren er und Scott zu einem Meeting gegangen, vielleicht im Bürogebäude des Georgia Public Television?

»Ich schau nicht so, weil das Rezept nicht funktioniert«, sagte Gina. »Der verdammte Herd streikt schon wieder. Die Flamme flackert die ganze Zeit. Ich dachte, Scott hätte gesagt, wir würden einen neuen kriegen, bevor die Staffel abgedreht ist.«

Jess zuckte die Schultern. »Ich schätze, wir werden einfach für die letzte Woche mit dem hier auskommen müssen. Macht das was?«

»Nur, wenn die Zuschauer mitbekommen, dass ich auf einem kalten Herd koche.«

»Rühr einfach weiter«, riet Jess. »Und lächle!«

Munter sein, darauf bestand Scott immer. Niemanden kümmerte es wirklich, wie das Essen schmeckte, solange man fröhlich und munter aussah, während man es kochte. Und sexy. Aus diesem Grund trug sie jetzt ein tiefausgeschnittenes Top, in dem man ihre gebräunten Schultern und wohlgeformten Arme sehen konnte, statt der mit Gina Foxton bestickten Schürze, die sie in den vorherigen Staffeln begleitet hatte, bevor Scott die Sendung übernommen hatte. Und ihre Karriere.

»Tu jetzt den Käse rein«, rief Jess. »Und erklär uns, warum das Rühren wichtig ist.«

Gina drehte betont die Temperatur des kalten Gasherdes kleiner, auch, wenn dieser jetzt völlig den Geist aufgegeben zu haben schien.

»Wenn eure Grütze angefangen hat zu kochen, müsst ihr die Temperatur deutlich reduzieren, damit sie nicht anbrennt«, sagte sie. »Jetzt rührt ihr den Käse, den ihr vorher gerieben habt, mit einem Schneebesen unter, und falls es zu dick aussieht, auch noch etwas mehr Sahne, so dass ihr am Ende die richtige Konsistenz habt.«

Sie griff nach der Schüssel mit dem Parmesan und kippte ihn in die heiße Maisgrütze, während sie schnell umrührte. Allerdings legte sie, Jess’ Anordnungen zum Trotz, schon wieder die Stirn in Falten.

Sie schnüffelte, da ihre Nase, die schon immer sehr sensibel gewesen war, ihr sagte, dass etwas nicht stimmte.

Wonach roch es da? Sie schnüffelte wieder und bemerkte zu ihrem Grauen, dass der Duft, der aus dem Topf kam, nicht wirklich dem Aroma von gemahlenem Mais entsprach. Und es roch auch nicht nach frischer Sahne oder hausgemachter Hühnerbrühe.

Nein. Dieser Geruch erinnerte mehr an … an den Gestank von schmelzendem Plastik.

»Gina«, sagte Jess warnend. »Du runzelst schon wieder die Stirn.«

»Also wirklich!«, rief Gina und schob den Topf so weit wie möglich von sich. »Dieses Zeug stinkt!« Es passierte ihr öfter, dass sich, wenn sie sehr aufgebracht war, ihr gesamtes Sprachtraining als nutzlos erwies und sie anfing zu fluchen. So auch jetzt. »Verdammt nochmal!«, rief Gina. »Was ist das für ein Dreck?«

Der Kerl hinter der Kamera lachte laut auf.

Jess blinzelte mit Unschuldsmiene. »Was?«

Gina griff über den Berg an Zutaten, die ihr Küchenhelfer für sie vorbereitet hatte, nach der Plastikbox mit geriebenem Käse. Ohne ihre Lesebrille musste sie die Box dicht vor ihre Augen halten, um das Etikett lesen zu können.

»Easy Cheese? So weit ist es also schon? Ihr habt meine Seele für eine Neun-Dollar-achtundneunzig-Dose künstlichen Käses verkauft, der aus recycelten Kleidersäcken aus der Reinigung gemacht wird?«

»Gina, bitte«, sagte Jess leise. »Können wir einfach die Folge fertig machen?«

Gina tunkte einen Löffel in die Grütze und probierte. »Ich wusste es«, sagte sie. »Und das hier ist auch keine Sahne. Seit wann ersetzen wir Sahne durch Kondensmilch?«

Jess starrte in ihre Notizen und schaute dann mit gequälter Miene zu ihr auf. »Wir haben Probleme mit dem Budget. Scott hat den Mädels heute Morgen gesagt, sie sollen möglichst billige Produkte verwenden.«

»Davon weiß ich aber nichts«, sagte Gina und lief aus dem Set heraus und auf den Tisch zu.

Sie hasste es, eine Szene zu machen, wollte nicht als Diva oder spießige Köchin abgestempelt werden. Aber man konnte einfach keine Fernsehsendung über gesunde Südstaatenküche machen, eine Show, die auch noch Fresh Start hieß, um Himmels willen, wenn man Kompromisse bei den Zutaten machte.

»Jess«, sagte Gina ruhig. »Was geht hier vor?«

Jessicas blasses Gesicht, das normalerweise so fröhlich aussah, rötete sich. »Machen wir Pause. In zehn Minuten geht es wieder weiter.«

2

Die Crew zerstreute sich. Gina beobachtete ihren Rückzug und bemerkte zum ersten Mal, dass der Kameramann nicht das einzige neue Gesicht am Set war. Jackson Thomas, ihr Tontechniker, war durch ein schwarzes Mädchen mit runden Wangen und dem Kopf voller Dreadlocks ersetzt worden, und auch Andrew Payne, der Beleuchter – der goldige, ernsthafte Andrew, der die Beleuchtung betrachtete wie ein Künstler die Leinwand –, war durch zwei pickelgesichtige Jugendliche ersetzt worden, die sie an Dumm und Dümmer erinnerten.

»Jess«, sagte Gina und schob sich auf den freien Platz neben der Produktionsassistentin, »wo ist Scott? Und Jackson?«

Jess hob das dicke Regiebuch auf, das für sie in etwa die Wichtigkeit der Bibel besaß, und blätterte in den Seiten herum, die die nächste Folge beschrieben.

»Jess?« Gina nahm ihr sanft das Notizbuch ab.

»O Gott, Gina«, sagte Jess mit einem Seufzer. »Du solltest wirklich mit Scott reden.«

»Dann mache ich das. Wo steckt er?«

»Keine Ahnung«, gab die Jüngere zu. »Er hat mir heute Morgen eine Mailboxnachricht hinterlassen, er hätte ein Meeting und würde später dazustoßen. Das ist alles, was ich weiß. Ehrlich.«

»Was ist mit der Crew? Warum diese ganzen Veränderungen? Und warum wurde mir nichts von den Budgetproblemen gesagt?«

»Scott hat gesagt …«, Jess biss sich auf die Lippe. »Beim Produktionstreffen am Freitag sagte er nur, es gebe da ein paar Probleme mit den Sponsoren. Wir müssten den Gürtel enger schnallen, um den Rest der Staffel zu überstehen. Er hat Eddie und Jackson und Andrew gebeten, nach dem Meeting noch dazubleiben und mit ihm zu reden. Und als ich heute Morgen hier ankam, waren da diese neuen Leute, die meinten, Scott habe gesagt, sie sollten sich bei mir melden.« Jess hatte Tränen in den Augen. »Es tut mir leid. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Schon okay«, sagte Gina. »Aber keine Überraschungen mehr, bitte. Was passiert im nächsten Segment? Der Lachs im Kräutermantel. Sag mir jetzt bitte nicht, ich soll Dosenzeug nehmen und es wie Lachsfilet aussehen lassen, klar?«

Jess schaute zum Set, wo die Küchenhelfer die Zutaten für die nächste Szene vorbereiteten. »Ähm, um ehrlich zu sein, du nimmst jetzt Makrele.«

»Makrele?!« Gina sprang von ihrem Stuhl auf. »Wenn ich Scott finde, bringe ich ihn um!«

Obwohl Fresh Start with Regina Foxton von Georgia Public Television ausgestrahlt wurde, wurde die Show nicht im hübschen GPTV-Hauptgebäude am schattigen Stadtrand von Atlanta gedreht, sondern in einem gemieteten Studio- und Bürokomplex der Morningstar Studios, die aus einer schalen Ansammlung von einstöckigen Betongebäuden in einem fünf Meilen entfernten Industriegebiet in Midtown bestanden.

Vor zwei Jahren, als sie ihre eigene Show bekommen hatte, hatte Gina das Set von Fresh Start für einen der schönsten Orte gehalten, den sie je gesehen hatte. Das war damals, als noch alles, was mit dem Fernsehen zu tun hatte, neu und wundervoll gewesen war. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie eine rosarote Brille aufgehabt. Und zwar eine ziemlich große.

Aber was wollte man auch anderes von einem Mädchen erwarten, das in einer Kleinstadt in Süd-Georgia aufgewachsen war? Ihre Heimatstadt Odum war nicht gerade Hollywood. Nicht mal Hollywood, Georgia, und schon gar nicht Hollywood, Kalifornien.

Sie hatte an der University of Georgia ihren Abschluss in Hauswirtschaftslehre gemacht, hatte dort entdeckt, dass sie gerne schrieb. Nach ein paar Aufträgen für Kleinstadt-Wochenblätter hatte sie endlich den Job bekommen, den sie damals für ihren Traumjob hielt: Herausgeberin des kulinarischen Teils der Atlanta Journal-Constitution. Mit damals gerade sechsundzwanzig Jahren war sie die jüngste Frau, die diese Position jemals innegehabt hatte. Zu Hause in Odum wurden Mama und Daddy fast verrückt vor Stolz auf ihre älteste Tochter.

»Ist dir überhaupt klar, wer auch schon alles diesen Job hatte?«, hatte Birdelle, ihre Mama, sie gefragt. »Niemand Geringeres als Mrs Henrietta Dull. Mrs N.H. Dull. Meine Mama hatte Mrs Dulls Kochbuch in der Nachttischschublade, gleich neben der Bibel und den Eugenia-Price-Romanen.«

Vor zwei Jahren hatte Gina eine Kochsendung moderiert, bei der es um einfache Desserts ging, die man im Urlaub machen konnte. Sie wurde auf Atlanta Alive! ausgestrahlt, dem Mittagsprogramm des örtlichen öffentlich-rechtlichen Senders. Der Produzent war Scott Zaleski.

Daraufhin hatte er sie gebeten, noch drei weitere Folgen zu drehen, und nach der vierten Folge und zahllosen, immer drängenderen Flirt-E-Mails, hatte er sie gefragt, ob sie mit ihm essen gehen würde.

Er war blond und sportlich und unglaublich ehrgeizig, nicht nur, was ihn selbst betraf, sondern sie beide.

Sechs Monate nach ihrem ersten Date hatte er GPTV von ihrem neuartigen Kochkonzept überzeugt: wohlschmeckend aber gesund, mit dem Hauptaugenmerk auf frischen, regional produzierten Zutaten und mit Rezepten, die auf alten, regionalen Rezepten basierten. Es hieß Fresh Start with Regina Foxton.

Das Set war dasselbe, das sie für die Shows bei Atlanta Alive! benutzt hatten, aber es fing an, ihr auf die Nerven zu gehen. Die Schranktüren, deren dunkles, glänzendes Holz im Fernsehen so teuer aussah, bestanden in Wirklichkeit aus gefärbtem Sperrholz. Sie waren so schlecht verarbeitet, dass sie mit Panzertape zusammengehalten werden mussten. Die Arbeitsflächen bestanden aus billigem Granitimitat, und der Herd war, wenn man Wert auf Ginas Meinung legte, reif für die Müllhalde.

Ihre Büros waren nicht viel besser. Ihres war sogar eine ehemalige Putzkammer! So viel zum Thema Glamour im Fernsehgeschäft. Wenigstens war das Waschbecken, in dem früher die Putzeimer aufgefüllt worden waren, erhalten geblieben, so dass sie eine Möglichkeit hatte, sich das Gesicht zu waschen.

Wütend stapfte sie in Richtung von Scotts Büro. Wie hatte er sie über die vielen Änderungen in ihrer Sendung im Unklaren lassen können? Wenn es wirklich Probleme mit den Sponsoren und dem Budget gab, hätte sie nicht die Erste sein müssen, der er das erzählte?

Die Tür war zu. Sie klopfte an und wartete. »Scott?«

Sie öffnete die Tür und steckte ihren Kopf ins Zimmer. Es war leer.

Sein Büro war so ordentlich wie immer, der Schreibtisch aufgeräumt, Bücher und Videokassetten ordentlich in den Regalen aufgereiht. Sie ließ sich auf seinen Drehstuhl fallen, fest entschlossen, ihm die Wahrheit zu entlocken, sobald er den Raum betrat.

Ihr Ärger verebbte ein wenig, als sie den Bildschirmschoner auf seinem Computer bemerkte. Es war ein Foto von ihnen, wie sie im Sommer am Strand den Sonnenuntergang anschauten, sie in seinen Armen. Scotts blondes Haar glitzerte in der Sonne, und ihr Gesicht strahlte vor Glück.

Wie süß von ihm! Und überraschend. Von allen Männern, die sie je gekannt hatte, war Scott der am wenigsten Sentimentale. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wie viel ihm dieses Foto bedeutete. Sie streckte die Hand aus, um den Bildschirm zu berühren, und stieß mit ihrem Arm versehentlich die Maus an. Das Foto verschwand, und ein Dokument erschien.

Als ihr Blick auf das Dokument fiel, fühlte sie sich einen Moment lang schuldig. Die kleine Schrift verschwamm vor ihren Augen zu einem unlesbaren Gewirr. Sie kramte in ihren Hosentaschen herum und fand schließlich ihre Lesebrille, was ihr Gewissen noch schlechter machte.

Scott hatte sie immer dazu bringen wollen, sich Kontaktlinsen anzuschaffen, aber sie hatte es einmal ausprobiert, und das Gefühl, etwas im Auge zu haben, das dort nicht hingehörte, hatte ihr nicht gefallen. Ihre Lesebrille war okay, hatte sie zu ihm gesagt, aber er hatte ihr verboten, sie vor der Kamera zu tragen. Keine Brillen, keine Schürzen, rein gar nichts, hatte er erklärt, das auch nur im Geringsten an Betty Crocker erinnern könnte. Regina Foxton war jung, sexy und hübsch. Keine Oma-Brille.

Mit der Brille auf der Nasenspitze begann sie nun zu lesen. Bei dem Dokument handelte es sich offensichtlich um Scotts Lebenslauf. Mit den ordentlichen Reihen in Schwarz und Weiß machte es Scott zu einem Fernsehphänomen. Bachelor in Vergleichender Literaturwissenschaft, cum laude, an der University of Virginia. Master in Medienwissenschaft, Florida State University. Praktika beim großen Privatsender CBS und dem Sportsender ESPN. Vor dem Job bei Atlanta Alive! hatte er eine politische Sonntagstalkshow für einen öffentlich-rechtlichen Sender in Jackson, Mississippi, produziert, und davor war er Produktionsassistent bei CNN gewesen.

Sie las weiter. E. Scott Zaleski war zweiunddreißig Jahre alt, ledig, mit Mitgliedschaften in der Vereinigung der Rundfunksprecher in Georgia und den Jungen Genossen des High Museum of Art sowie dem Naturschutzbund.

Momentan war er als Produzent und Erfinder der mit dem Georgia-Emmy ausgezeichneten Sendung Fresh Start with Regina Foxton angestellt.

Erfinder? Gina sagte das Wort laut. Erfinder ihrer Show? Fresh Start?

Die Bürotür flog auf, und Scott kam herein. Er trug einen dunklen Nadelstreifenanzug und die seidene Armani-Krawatte, die Gina ihm bei Barney’s in New York gekauft hatte. Er blieb wie angewurzelt stehen, als er Gina an seinem Schreibtisch entdeckte.

»Hey!«, sagte er mit einem schnellen Blick auf seine Armbanduhr. »Solltest du nicht beim Dreh sein?«

»Keine Ahnung«, sagte Gina und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich wollte dich gerade dasselbe fragen. Wir haben vor zwei Stunden angefangen. Wo hast du gesteckt?«

Scott stellte seinen Aktenkoffer neben dem ramponierten Küchenstuhl ab, der dem Schreibtisch gegenüberstand, und setzte sich betont vorsichtig hin. »Ich war bei einem Meeting. Aber Jess ist durchaus in der Lage, ein Segment alleine zu leiten.«

Gina musterte ihn von oben bis unten, von seinem perfekten Haarschnitt bis zu seinen polierten handgenähten Schnürschuhen. »Du siehst echt gut aus.«

»Danke«, sagte Scott und fummelte an seiner Krawatte herum. »Du auch. Hey, Gina, lass uns diese Komödie beenden. Was ist los? Warum hängst du in meinem Büro rum?«

Sie hob eine Augenbraue. »Ich würde es eher ›in deinem Büro auf dich warten‹ nennen. Es war nicht abgeschlossen. Hast du etwa was zu verbergen?«

Er seufzte. »Du hast meine Notizen gelesen.«

»Nein, nur den Lebenslauf. Auch, wenn das an sich schon eine Offenbarung war. Ich wusste gar nicht, dass du der Erfinder von Fresh Start bist.«

Er machte eine abwertende Geste. »Es ist ein Lebenslauf, das muss sich gut anhören. Niemand nimmt so was ernst.«

»Ich schon«, sagte sie. »Und ich hatte keine Ahnung, dass ich mich besser um meinen eigenen Lebenslauf kümmern sollte, anstatt mich auf meinen mickrigen Job hier zu konzentrieren.«

Er stand auf und schloss die Tür, ließ sich dann wieder auf den Stuhl fallen. »Ich wollte ja mit dir reden. Heute. Direkt nach meinem Meeting. Es tut mir leid, dass du es so erfahren hast.«

»Was erfahren?« Sie wollte schreien. Aber sie war noch nie ein großer Schreihals gewesen. »Was passiert mit der Show, Scott?«

»O Gott«, sagte Scott und nahm Ginas Hand. »Ich hatte heute den ganzen Morgen ein Meeting mit den Leuten von Tastee-Town. Ich habe keine guten Neuigkeiten, Gin. Wiley will den Hahn zudrehen.«

Tastee-Town Foods sponserte Fresh Start with Regina Foxton. Es hatte als Tante-Emma-Laden in Hahira, Georgia, begonnen, um sich dann in den frühen Sechzigern zu einer mehrere Bundesstaaten übergreifenden Supermarktkette aufzuplustern, die im gesamten Südosten vertreten war. Wiley Bickerstaff III war der Enkel des Gründers. Und der derzeitige Geschäftsführer.

Gina war geschockt. »Aber … Wiley liebt mich. Er liebt die Show. Er hat mir das Catering für seinen Fünfzigsten letzten Sommer übertragen. Er verkauft das Kochbuch in sämtlichen Buchhandlungen in Georgia. Ich habe letzten Monat auf seinem Rotary-Club-Treffen gesprochen. Er hat mich vor zwei Wochen zum Mittagessen eingeladen, im Piedmont Driving Club. Er hat kein Wort gesagt!«

Sie rollte ihren Stuhl um den Tisch herum, bis sie nur noch wenige Zentimeter von Scott entfernt war. »Wiley Bickerstaff findet mich großartig. Es muss ein Missverständnis sein.«

»Klar«, sagte Scott bitter. »Er ist verrückt nach dir. Aber er mag die Show nicht mehr. So viel zum Thema Offenheit. Wiley will immer mit allen bestens auskommen. Er hat es mir überlassen, dir die schlechten Nachrichten zu überbringen.«

Gina stand plötzlich auf. »Scott, wann hättest du es mir gesagt? Nachdem du schon jedes verdiente Mitglied der Crew gefeuert und eine Ladung Teenager angeheuert hast? Hättest du es mir gesagt, nachdem ich Schweinelende durch Frühstücksfleisch ersetzt habe?«

»Hey!«, sagte Scott scharf. »Ich wollte dich beschützen. Bis heute Morgen dachte ich noch, dass wir die Show vielleicht retten könnten. Deshalb habe ich das Personal- und Zutatenbudget beschnitten. Um Wiley zu zeigen, dass wir mit weniger Geld immer noch ein wertvolles Produkt produzieren können.«

»Und?«, fragte Gina.

Scott ließ den Kopf hängen. »Wird nichts. Der neue Marketingchef von Tastee-Town hat fälschlicherweise den Eindruck, dass die Werbeeinnahmen woanders besser angelegt sind. Sie setzen jetzt voll auf NASCAR-Rennen.«

»Also war’s das? Wir werden nicht mehr ausgestrahlt?«

Scott lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Sieht so aus. Tut mir echt leid, Gin. Ich hab die Fühler nach neuen Sponsoren ausgestreckt, aber ich bin gerade nicht besonders optimistisch.«

»Das sehe ich. Du suchst ja offensichtlich schon nach einem neuen Job.«

»Das ist nicht fair«, sagte er beleidigt. »Und bevor du jetzt vorschnell abhaust und mich beschuldigst, dich im Stich gelassen zu haben, solltest du wissen, dass ich, seit Wiley das Ende der Sendung zum ersten Mal erwähnt hat, überall für dich Werbung gemacht habe. Ich habe Ausschnitte aus Fresh Start an alle Adressen geschickt, die mir eingefallen sind. Ich habe dir nichts gesagt, weil ich dich nicht ablenken wollte.«

»Oh.« Das Gefühl, ihm Unrecht getan zu haben, überwältigte sie fast. Erstens, weil sie ihm nachspioniert hatte, aber vor allem, weil sie ihn fast beschuldigt hätte, ihr gegenüber nicht loyal zu sein, wo doch genau das Gegenteil der Fall war. »Scotty«, flüsterte sie, ging zu ihm und setzte sich auf seinen Schoß, wo sie die Arme um seinen Hals schlang. »Es tut mir so leid. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich hatte nicht das Recht …«

Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und küsste sie auf die Stirn. »Ist schon okay, Baby«, murmelte er. »Uns wird schon etwas einfallen. Du bist die Beste in diesem Business. Wiley Bickerstaff ist ein Schwachkopf. Tastee-Town wird es noch bereuen, uns fallengelassen zu haben. Du und ich gegen den Rest der Welt, Babe.«

Sie kämpfte mit den Tränen. Sie war so sauer auf ihn gewesen, weil er Geheimnisse vor ihr hatte, dass sie gar nicht daran gedacht hatte, dass sie im Begriff war, die Show zu verlieren. Ihren Job! Sie hatte gearbeitet, seit sie vierzehn gewesen war. Hatte in der Schule nur Einsen gehabt, nie zuvor in ihrem Leben hatte sie versagt. Und jetzt, wo ihr die Dreißig schon förmlich ins Gesicht sprang, war sie arbeitslos. War gefeuert worden, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Und wenn sie ihren Job verlor, galt das auch für Scott. Sie spürte plötzlich Angst, wie Eiswasser, das ihr kalt den Rücken herunterlief.

Im vorherigen Frühling, nach Jahren des Knauserns und Sparens, in denen sie zur Miete gewohnt hatte, hatte sie das kleine Stadthaus in Buckhead gekauft, nachdem Tastee-Town ihr den Vertrag für ein weiteres Jahr verlängert hatte. Es war ihr erstes eigenes Zuhause gewesen. Was sie nicht für das eigentliche Haus ausgegeben hatte, war in die Einrichtung geflossen. Ihr fünf Jahre alter Honda war vollständig abbezahlt, aber das Getriebe hatte in letzter Zeit etwas seltsam geklungen.

Was nun?

»Ich bin fast dreißig«, sagte sie laut. »Was jetzt?«

»Jetzt musst du zurück ans Set und die Show fertig machen«, sagte Scott und massierte ihren Nacken.

»Okay, aber keine Geheimnisse mehr.«

»Geht klar«, sagte er.

Gina schaffte es, ein bisschen zu lächeln.

»Das ist mein Mädchen!«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Er schob sie sanft von seinem Schoß und stand auf. »Wir haben noch zehn Shows im Vertrag, sehen wir zu, dass es verdammt nochmal die besten Shows werden, die du je gemacht hast! Außerdem habe ich immer noch ein paar Asse im Ärmel. Ich krieg das schon hin.«

Sie zog ein Papiertaschentuch aus dem Karton auf seinem Bücherregal und schnäuzte sich. »Okay«, sagte sie, ihre Stimme noch etwas zittrig. »Ich gebe mein Bestes. Eine Frage hätte ich allerdings noch.«

»Die da wäre?«, fragte er.

»Wofür steht das E.?«

»Hm?«

»E. Scott Zaleski. Du weißt schon, dein Lebenslauf. Ich hab gar nicht gewusst, dass Scott nicht dein erster Vorname ist.«

Er verdrehte die Augen.

»Keine Geheimnisse mehr, schon vergessen?«

»Eugene«, sagte er. »Jetzt kennst du mein dunkelstes Geheimnis.«

3

Irgendwie hatte sie es geschafft, den Rest des Tages hinter sich zu bringen. Nach der Mittagspause war Scott an seinen Stammplatz zurückgekehrt und leitete geduldig die noch unerfahrene Crew, die eine relativ komplizierte Kochshow filmen musste.

Sie nutzten selbst die Abendessenszeit zum Filmen, und als die letzte Szene abgedreht war, gratulierte Scott allen zu einem erfolgreichen Arbeitstag und schickte sie nach Hause.

»Ich rufe dich später an«, flüsterte er Gina zu, während er seinen Laptop einpackte.

Sie lächelte. Offiziell war ihre Romanze ein Geheimnis. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass Jess und die anderen wussten, dass Scott und sie ein Paar waren.

Nachdem Scott und die Crew verschwunden waren, blieb sie noch etwas in der Küche und strich mit den Fingerspitzen über die zerkratzte Arbeitsfläche. Sie entdeckte einen Fettfleck auf dem Edelstahl des Kochfeldes und wischte ihn mit einem Papiertuch weg. Es war vielleicht eine schmuddelige Küche, aber es war, zumindest noch für die nächsten vier Tage, ihre schmuddelige Küche.

Auf einmal seltsam melancholisch, entschied sie, im Pausenraum noch eine Cola light zu trinken, bevor sie sich auf den Heimweg machte.

»Oh!«, machte sie, als sie einen großgewachsenen Mann entdeckte, der ihr noch den Rücken zugewandt hatte. Er drehte sich um. Es war Andrew Payne, der Beleuchter. Er hängte einen Zettel an die Pinnwand.

Zu verkaufen stand darauf, darunter waren eine Fender-Gitarre mit Verstärker, ein Seadoo-Jetski und zuletzt eine 2006er Harley-Davidson Fat Boy abgebildet. Traumhafter Zustand, Opfer: 18000 Dollar. Seine ganzen Spielsachen.

»O Andrew«, sagte sie leise und fasste ihn am Arm. »Du verkaufst die Fat Boy?«

»Ich muss«, sagte er und biss die Zähne zusammen. »Heather ist schwanger.«

»Es tut mir so leid«, sagte Gina. »Ich hab das mit der Show heute erst erfahren.«

Er zuckte die Schultern. »Heather hat die Harley gehasst.«

»Aber du hast sie geliebt. Sie war dein Baby.«

»Ich hab jetzt bald ein echtes Baby. Und keinen Job.«

Er drehte sich weg und ging Richtung Tür.

»Andrew!«, rief sie.

Er drehte sich um, sein Gesicht unerwartet mürrisch. »Ja, ich weiß schon. Es tut dir leid. Es tut Scott leid. Es tut allen leid. Und mir und Eddie und Jackson tut es am meisten leid, weil wir keine Arbeit mehr haben. Ich wünsche dir ein schönes Leben, Gina, okay?«

Sein plötzlicher Ärger tat ihr weh. »Andrew, es tut mir wirklich leid. Ich könnte Wiley Bickerstaff umbringen. Du weißt, was sie vorhaben, oder? Sie killen unsere Sendung, weil sie denken, dass NASCAR-Rennen bessere Einschaltquoten bringen. Ich kann es einfach nicht glauben. Den Frauen, die bei Tastee-Town einkaufen, sind Autorennen doch völlig egal. Sie wollen wissen, wie sie ihren Familien einfache, leckere Mahlzeiten kochen können.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das einfach nicht. Überhaupt nicht.«

»Das hat Scott dir also erzählt? Der Kerl hat wirklich Nerven, das muss man ihm lassen.«

»Was meinst du damit?«, fragte Gina und fühlte, wie ihr die vertraute Kälte den Rücken hinunterlief. »Tastee-Town hat einen neuen Marketing-Guru. Er hat Wiley irgendwie davon überzeugt, dass Autorennen bessere Quoten einspielen als Kochen.«

»O Mann«, sagte Andrew. »Zaleski hat dich echt um seinen Finger gewickelt, oder?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, sagte Gina mit eisiger Stimme. »Es tut mir leid, dass die Show abgesetzt wird. Es tut mir noch mehr leid, dass du und die anderen eure Jobs verloren habt. Ich bin auch arbeitslos, weißt du. Aber so ist das Leben. Du kannst nicht Scott die Schuld dafür geben.«

»Das Leben? Dein Leben vielleicht.«

»Du solltest jetzt besser gehen«, sagte Gina und drehte ihm den Rücken zu. »Bevor ich vergesse, wie sehr ich dich mag.«

»Keine Sorge«, sagte er und drehte sich um. »Ich bin weg.«

Sie hörte die Absätze seiner Cowboystiefel auf dem Linoleum klackern, dann, wie die Tür des Pausenraums ins Schloss fiel. Seine Schritte hallten auf dem leeren Gang.

»Warte!«, rief sie und lief ihm nach. Er war schon am Hintereingang, als sie ihn einholte.

»Was ist denn jetzt noch?«, fragte er, seine Stimme böse.

»Was wurde mir verschwiegen?«, fragte sie. Halb hatte sie Angst, es zu hören, aber sie hatte auch Angst, es nicht zu hören.

»Willst du es wirklich wissen? Alles? Die ganze Wahrheit?«

Sie hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. »Die ganze Wahrheit.«

Er zögerte. »Na ja, Gina, Jess hat gesagt, wir sollten es alle einfach akzeptieren und den Mund halten. Aber zum Teufel damit. Du hast ein Recht darauf zu wissen, was vor sich geht.«

»Sag’s mir einfach«, sagte Gina.

Er kratzte sich am Kinn. »Ich hab keine Ahnung von dieser NASCAR-Sache. Das ist mir völlig neu. Vielleicht ist das eine Geschichte, die Wiley erfunden hat, um sein Ansehen zu retten. Was ich allerdings sicher weiß, ist, dass das nicht der Grund ist, aus dem Wiley Bickerstaff deine Sendung abgesetzt hat.«

»Und was ist der echte Grund?«

»Verdammt«, murmelte er fast unhörbar.

»Sag’s mir einfach«, drängte sie ihn. »Ich bin ein großes Mädchen, ich schaffe das schon.«

Andrew holte tief Luft. »Letzte Woche, als du in Odum warst, um deine Familie zu besuchen? Da hat Scott angeblich die Bickerstaffs besucht. Nur dass Wiley zu diesem Zeitpunkt gar nicht zu Hause war. Scott hat die Bickerstaffs in Wirklichkeit gar nicht besucht. Nach allem, was ich weiß, hatten er und Danitra Bickerstaff im Ritz-Carlton in Buckhead eingecheckt.«

»Was sagst du da?«, flüsterte Gina.

»Mr Bickerstaff hat angefangen, sich zu wundern, dass Danitra jeden Donnerstag zum Lesekreis geht, aber nie Bücher mit nach Hause bringt«, sagte Andrew. »Die blöde Kuh. Lesekreis! Bist du Danitra schon mal begegnet? Das einzige Buch, das sie interessiert, ist Wileys Scheckbuch. Ich habe gehört, dass er einen Privatdetektiv angeheuert hatte. Der ihr folgen sollte. Und letzten Donnerstag folgte der Detektiv ihr ins Ritz, wo sie in einer Suite wohnte. Keine fünf Minuten später tauchte Scott Zaleski an der Rezeption auf, stellte sich als Mr Bickerstaff vor und verlangte einen Schlüssel zur Suite. Glaubst du das? Diese dumme Nuss hat unter ihrem eigenen Namen eingecheckt! Noch dazu mit Wileys Platin-Kreditkarte.«

»Das ist eine Lüge«, sagte Gina aufgebracht. »So etwas würde Scott nie tun.«

»Ich hätte es auch nicht von ihm gedacht«, stimmte Andrew zu. »Was auch immer man sonst von ihm hält, dass er so dumm ist, hätte ich nicht gedacht. Trotzdem, er hat die Frau vom Boss gevögelt und damit dafür gesorgt, dass wir alle gefeuert werden.«

»Wie … Wie kommt es, dass du das alles weißt?«, fragte Gina mit belegter Stimme. »Es sind bestimmt nur böse Gerüchte.«

»Nein, keine Gerüchte«, sagte Andrew. »Tut mir leid, Gina. Aber ich will sofort tot umfallen, wenn ich nicht die Wahrheit sage. Jessica ist mit Meredith Bickerstaff, Wileys Tochter aus erster Ehe, zur Schule gegangen. Danitras Stieftochter ist zufälligerweise ein Jahr älter als Danitra selbst. Meredith hat Jess letzte Woche die ganze Geschichte erzählt, als sie gerade erst passiert war. Halb Buckhead kennt sie schon.«

»Nicht die Hälfte, in der ich lebe«, sagte Gina.

4

Sie war ein Zombie. Ziellos fuhr sie auf der Interstate 285 herum, umkreiste die Stadt, wie immer fasziniert von der Skyline Atlantas, die von dem Orange und Blau eines frühen Sommer-Sonnenuntergangs in Szene gesetzt wurde. Irgendwann schaltete sie die Klimaanlage des Honda ab und ließ die Fenster herunter, sie wollte die heiße feuchte Luft im Gesicht fühlen, das Brennen der Abgase in ihren Nasenlöchern, den Geruch nach heißem Asphalt, nur um zu spüren, dass sie, entgegen ihrem Gefühl immer noch lebte.

Als im Getriebe wieder diese ominösen, klopfenden Geräusche anfingen, die Gina in letzter Zeit Sorgen gemacht hatten, begann die Taubheit nachzulassen und ihren Emotionen Platz zu machen. Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Sie schlug aufs Armaturenbrett ein und fluchte ohne Punkt und Komma. Dieser verdammte Scott Zaleski. Und Danitra Bickerstaff. Und, wenn sie schon mal dabei war, diese verdammte Mrs Teasley, ihre Lehrerin aus der fünften Klasse, mit ihrer selbst gelegten ausgefransten Dauerwelle und den geschürzten Lippen, die sie immer hatte, wenn sie ihr Missfallen an Regina Foxtons großen Plänen, als Schriftstellerin in New York City berühmt zu werden, ausdrückte.

»Kleine Mädchen, die nicht einmal Satzgefüge analysieren können, werden keine Schriftstellerinnen, wenn sie groß sind«, hatte Mrs Teasley ihr erklärt, als sie an der Tafel stand, verwirrt von adverbialen Bestimmungen, Konjunktionen und was es sonst noch so alles gab.

Zur Hölle mit Iona Teasley, dachte Gina. Ihre giftigen Vorhersagen einer nicht besonders vielversprechenden Zukunft hatten die Fünftklässlerin Regina Foxton mit der stählernen Entschlossenheit erfüllt, Erfolg zu haben, was auch immer gerade um sie herum passierte. Nur um zu beweisen, dass Mrs Teasley nicht recht hatte. Mittelschule, Highschool, College, die Jahre verschwammen in Ginas Erinnerung. Wieder in Odum verwandelte Birdelle ihr ehemaliges Kinderzimmer in ein Museum voller Preise, Pokale und eingerahmter Urkunden, die Ginas überdurchschnittliche Fähigkeiten unter Beweis stellen sollten.

Mama. O Gott, was würden ihre Mama und die anderen zu Hause sagen, wenn sie hörten, dass die Karriere ihres Kleinstadt-Stars schon mit dreißig vorbei war, ein einziger Flop. Vielleicht würde das der Ort sein, wo sie letzten Endes hingehen würde, zurück nach Odum, nachdem sie ihr Haus wieder verkauft und der Honda den Geist aufgegeben hatte. Erst als sie das Auto vor dem renovierten Ziegelgebäude in Virginia Highlands parkte, wusste sie etwas genauer, wo sie an diesem Abend hinmusste.

Normalerweise hätte sie klingeln müssen, damit Scott sie hereinließ, aber sie kannte den Code für die Haustür, und sie hackte ihn regelrecht in die Tasten. Ihre plötzliche Wut überraschte sie.

Sie wartete nicht auf den Aufzug, der ohnehin viel zu langsam war. Sie stieg die drei Treppen hinauf und war nicht einmal außer Atem, als sie den Klingelknopf zum Apartment 3C herunterdrückte.

Eigentlich drückte sie ihn nicht herunter, sondern lehnte sich regelrecht dagegen.

Scott öffnete die Tür. Musik hallte aus den an der Decke befestigten Lautsprechern. Es war sein Lieblingslied Eye of the Tiger aus einem der Rocky-Filme. Er trug kein Oberteil, nur Nylon-Sportshorts und leuchtend weiße Sportschuhe. Er glänzte vom Schweiß und hatte eine Trinkflasche in seiner rechten, behandschuhten Hand.

»Hey«, sagte er.

»Hallo Eugene«, sagte sie und stürmte unaufgefordert in die Wohnung hinein.

Sein Rudergerät stand in der Mitte des Holzbodens im Wohnzimmer. Sein Rennrad hing an den Haken an der Wand, und sein T-Shirt hing auf den Griffen des Laufbandes. Außer den Gewichten, die vor der verspiegelten Wand lagen, bestand das Mobiliar des Raumes nur noch aus einem dunkelbraunen Ledersofa, einem Couchtisch aus Chrom und Glas und einem riesigen Flachbildschirm, der an der Wand hing.

»Nenn mich nicht so«, sagte er. Er nahm die Fernbedienung und schaltete die Stereoanlage aus.

»Warum nicht? Du heißt so.«

»Und jetzt?«

»Du hast mit Danitra Bickerstaff geschlafen. Und das, mein lieber Eugene, ist der Grund, weswegen Wiley meine Sendung abgesetzt hat.«

Sein Gesicht zeigte plötzlich eine wilde Mischung aus Emotionen. »Wer hat dir das gesagt?«

»Spielt keine Rolle«, sagte Gina. »Und versuch bloß nicht, dich rauszureden, ich weiß, dass es stimmt.«

»Verdammt«, murmelte er und nahm ein Handtuch, um seine Brust abzutrocknen. Er zog das T-Shirt über den Kopf und nahm einen Schluck Wasser aus der Trinkflasche. »Was soll ich jetzt dazu sagen? Du hast dir doch sowieso schon alles zurechtgelegt. Aber es ist nicht so einfach, wie du denkst.«

»Für mich sieht es ziemlich einfach aus«, warf Gina zurück und hockte sich auf die Rückenlehne des Sofas. »Zuerst hast du mich flachgelegt, dann Wiley Bickerstaffs Frau. Wiley hat’s herausgefunden und daraufhin meine Sendung abgesetzt. Anscheinend wurde ich doppelt flachgelegt. Aber das letzte Mal war nicht halb so gut, Eugene.«

»Genau, hier geht es nur um dich, Gina«, sagte Scott, plötzlich aufgebracht. »Deine Show wurde abgesagt. Du hast deinen Job verloren. Du wurdest flachgelegt. Du, du, du. Hast du auch mal an mich gedacht? An den guten alten Scotty? Verdammt, ich habe zwei Jahre meines Lebens in diese Show gesteckt. Als ich dich getroffen habe, warst du nur eine kleine Nummer. Kein Sinn für Stil, kein Talent. Du warst ein verdammter Witz! Mit deiner dümmlichen Brille und deinen Omi-Rollkragenpullis. Ich bin der einzige Grund dafür, dass du es jemals ins Fernsehen geschafft hast!«, sagte er und stieß sie mit dem Zeigefinger an.

»Tu das nicht«, sagte sie gefährlich leise.

»Ich habe in dir etwas gesehen«, sagte er und stieß sie schon wieder mit dem Zeigefinger an.

»Nicht.«

»Ich habe dich vermarktet, ich habe dich an die Leute von Tastee-Town Foods vermittelt, und ich habe dafür gesorgt, dass wir zwei Emmys gewonnen haben. Als Wiley anfing, vom Ende der Show zu reden, bin ich zu Danitra gegangen, weil sie die Sendung so mochte, und ich hoffte, dass sie Wiley umstimmen würde. Ja, vielleicht bin ich ihr ein bisschen zu nahegekommen, vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Aber denk bloß nicht, dass ich ganz allein an allem schuld bin, Gina!«

Sein Gesicht war vor Ärger ganz pink. Er pikste sie schon wieder mit dem Zeigefinger.

»Scott, hör auf!«, sagte sie.

Aber er war zu aufgebracht.

»Ich habe …«

Piks.

»Himmel und Erde …«

Piks.

»Für dich in Bewegung gesetzt …«

Piks.

»Und jetzt dankst du es mir so«, wütete er und pikste sie so fest, dass sie einen Schritt zurücktreten musste, um aus seiner Reichweite zu gelangen. Sie stolperte, und als sie ihre Balance wiedererlangt hatte, war sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt.

»Eine Ladung Eifersuchtsscheiße!«, schrie er.

Sie duckte sich instinktiv, aber nichts passierte.

»Verdammt«, sagte er und ließ die Arme hängen. Er war außer Atem. »Es tut mir leid, Gina«, sagte er schließlich. »Ich würde dir nie absichtlich wehtun, das weißt du, Gina.«

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, das Bild in ihrem Kopf loszuwerden, wie er sich mit geballten Fäusten über sie beugte.

»Gina …«

»Ich hätte nicht herkommen sollen«, sagte sie. Sie schaute sich noch einmal im Raum um, dann ging sie.

5

Auf dem Heimweg versuchte Gina, sich auf ihre nächsten Schritte zu konzentrieren. Sie hatte noch vier Drehtage vor sich. Mit Scott. Die Erinnerung an sein wutverzerrtes Gesicht war noch zu frisch. Egal. Sie würde professionell sein. Sie würde das hier schaffen.

Aber was dann? Ein neuer Job? Wo? Ihr alter Job bei Constitution war schon lange neu besetzt, und sie wollte sowieso nicht mehr für die Zeitung arbeiten, selbst wenn es dort Arbeit für sie gegeben hätte. Fernsehen. Wie hatte Scott sie noch mal genannt? Kleine Nummer. Omapullis?

Sie fuhr auf den Parkplatz vor ihrem Haus, ließ aber den Motor des Honda laufen. Sie lächelte bitter, als sie an ihr Zuhause dachte. Was sie sich für Gedanken über die Farben gemacht hatte. Die Gardinen, die ihre Mutter fürs Schlafzimmer genäht hatte, die Anrichte aus dem Secondhandladen, die sie für das Esszimmer abgeschliffen und neu angestrichen hatte. Sie konnte sich diese Räume nicht leer vorstellen, ihre Möbel und Kleider in Kisten verpackt in einem Umzugswagen. Ein Verkauft-Schild in einem der Fenster.

Die Fenster … Sie bemerkte, dass im Haus Licht brannte. Sie stöhnte auf. Lisa. Über das ganze Drama des Tages hatte sie ihre kleine Schwester total vergessen. Sie konnte ihr nicht erzählen, was passiert war. Nicht heute.

Mit letzter Kraft drehte Gina den Schlüssel im Schloss der Eingangstür, schob sie mit der Hüfte auf und stolperte ins Haus. Sie ließ ihre Handtasche und ihren Laptop auf den Boden fallen, warf sich auf das riesige Daunensofa und schüttelte die Schuhe von ihren angeschwollenen Füßen.

»Ich will zu meiner Mama«, sagte sie stöhnend.

Das dünne blonde Mädchen an der X-Box, das sich mit dem Controller in der Hand und Kopfhörern auf den Ohren auf dem Teppich ausgestreckt hatte, wandte den Blick vom Bildschirm ab. Sie hatte gerade in ihrem siebzehnten Halo-Spiel an diesem Abend einen der Mörder übertrumpft.

»Was?«, fragte sie, nahm die Kopfhörer ab und ging zu ihrer Schwester hinüber, die sich in einer Art komatösem Zustand zu befinden schien. »Was hat du gesagt?«

»Mama«, wiederholte Gina, »ich wünschte, Mama wäre hier. Sie würde mir die Füße massieren und mir Abendessen machen und es mir auf einem Tablett ans Bett bringen. Und dann würde sie mein Haar bürsten, bis ich eingeschlafen bin.«

»Ich dachte, deswegen würdest du mit Scott Zaleski schlafen«, spöttelte Lisa.

»Lisa!«, rief Gina erschrocken. »Wer sagt, dass ich mit meinem Produzenten schlafe?«

»Du jedenfalls nicht«, sagte Lisa. »Du verrätst nie etwas darüber, mit wem du Sex hast. Aber es stimmt, oder etwa nicht?«

»Kein Kommentar«, sagte Gina.

»Hundertpro vögelst du ihn.« Lisa ließ nicht locker. »Ich weiß, dass du Hormonpflaster verwendest, ich hab die Packung in deinem Medizinschränkchen gesehen. Wie ist er so? Er wirkt immer ziemlich distanziert, wenn ich ihn sehe. Ich tippe mal, er ist ein echtes Tier im Bett. Meine Freundin Amber hat gesagt, diese nordischen Typen wären wie die Hengste.«

»Mit Scott und mir ist es vorbei«, sagte Gina tonlos. »So oder so, wir beide reden nicht darüber.«

»Vorbei? Habt ihr euch gestritten?«, fragte Lisa eifrig.

»Ich weigere mich, mein Privatleben mit dir zu besprechen«, sagte Gina müde.

»Ach, komm schon«, sagte Lisa. »Wir wissen beide, dass du keine Nonne bist. Und ich auch nicht. So spät, wie du immer heimkommst, wenn du angeblich arbeitest? Ich bin doch nicht blöd. Ich wette, ihr zwei habt’s getrieben wie die Karnickel. Also hör schon auf mit diesem Wir-sind-zwei-brave-jungfräuliche-Schwestern-Getue.«

»Nein«, sagte Gina und setzte sich angestrengt auf. »Ich habe Mama versprochen, ein Auge auf dich zu haben, wenn du in Atlanta bist. Du bist erst neunzehn. Als ich in deinem Alter war …«

»Bist du mit Mike Newton den ganzen Weg zum Wayfarer Motel auf Jekyll Island gefahren, nachdem ihr euch eine Flasche Southern Comfort geteilt hattet. Es waren Osterferien, und du hast Mama und Daddy erzählt, dass du mit den Mädels aus deiner Studentenverbindung an den Strand fährst.«

Gina fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Woher weißt du das? Ich habe nie …«

»Ich hab dein altes Tagebuch im Schuhkarton in deinem Schrank gefunden«, sagte Lisa und nahm einen Schluck aus der Natty Lite-Flasche, die sie auf den Couchtisch gestellt hatte. »Zu Hause denken alle, du seist eine Musterschülerin gewesen. Miss Teen Vidalia Onion. Nur ich kenne die ganze Wahrheit. Du warst ein unartiges kleines Mädchen, Regina Foxton.« Sie zeigte mit der Bierflasche auf sie.

»Gib das her«, sagte Gina und griff nach der Flasche, verfehlte sie aber knapp, weil Lisa sie schnell weggezogen hatte.

»Zuerst einmal wäre ich nur fast Miss Teen Vidalia Onion geworden. Ashley Johnson hat den Schönheitswettbewerb in dem Jahr gewonnen, weil ihr Daddy sie für eine Nasen-OP nach Jacksonville geschickt hat, als sie noch zur Schule ging. Und wenn du auch nur einer einzigen Person in Atlanta sagst, dass ich früher bei einigen Schönheitswettbewerben mitgemacht habe, werde ich dir persönlich alle Haare einzeln ausreißen. Nachdem ich dich aus dieser Wohnung herausgeworfen und deinen winzigen Hintern auf der gesamten Busstrecke nach Odum versohlt habe.«

»Das würdest du nicht tun«, sagte Lisa zuversichtlich. »Du willst nicht, dass ich so ende wie Mama. Vierzig Pfund zu schwer und den ganzen Tag auf dem Sofa mit Dr. Phil im Fernsehen oder ihren Freundinnen aus der Sonntagsschule am Telefon.«

»Pass auf, was du sagst«, sagte Gina ernst. »Mama und Daddy haben für uns beide viele Opfer gebracht. Für sie ist es nicht leicht, jetzt alleine zu Hause zu sein, wo wir beide ausgezogen sind. Ihr Blutdruck ist viel zu hoch, sie kann nicht mehr als Lehrerin arbeiten …«

»Bla, bla, bla«, sagte Lisa schnippisch. »Ich nehm dich doch nur auf den Arm, Gina. Ich liebe Mama, wirklich. Das weißt du doch.«

»Du zeigst es aber nicht«, sagte Gina. »Wann hast du sie zuletzt angerufen? Oder am Wochenende besucht?«

»Ich hab Uni. Und ich muss arbeiten.«

»Wo wir gerade dabei sind, was machst du hier? Ich dachte, du hast montags abends deinen IT-Kurs.«

»Es ist schon nach zehn!«, sagte Lisa und gähnte theatralisch. »Der Unterricht ist seit über einer Stunde vorbei.«

»Du hast geschwänzt«, sagte Gina. »Oder? Ich habe eben versucht anzurufen, und es war für mehr als eine Stunde am Stück besetzt. Du warst nicht beim IT-Kurs, Lisa. Du hast die ganze Zeit hier gesessen und dieses idiotische Videospiel gespielt.«

Lisa gab sich nicht die Mühe, es abzustreiten. Sie zuckte nur die Schultern. »Der Typ, der das Tutorium hält, ist der größte Blödmann, den es gibt. Ich hab einer meiner Freundinnen mein Passwort gegeben, und sie loggt mich an einem der Computer ein. Er wird nie bemerken, dass ich nicht da bin.«

»Lisa!«, sagte Gina. »Du musst mit dem Schwänzen aufhören. Du hast sowieso schon nur zwei Kurse belegt. Wenn du aus diesem Kurs rausfliegst, fällt dein Punktestand unter drei Komma null, und du verlierst dein Stipendium. Mama ist früher in Rente gegangen, sie können es sich nicht leisten, Studiengebühren und Miete und alles zu zahlen.«

»Ich verliere es nicht«, sagte Lisa und warf ihr langes blondes Haar zurück.

»Letztes Jahr bist du aus der Georgia Southern geflogen«, erinnerte Gina sie. »Ein ganzes Jahr Studiengebühren im Eimer. Hast du irgendeine Ahnung, wie Daddy sich gefühlt hat?«

Lisa biss sich auf die Lippe. »Ich hab gesagt, dass es mir leidtut. Ich hab einen Job als Kellnerin bei Hi-Beams angenommen und jeden Dollar zurückgezahlt, oder etwa nicht? Und jetzt bin ich hier und gehe zur Georgia State, und ich lebe unter deiner Fuchtel, um Geld zu sparen, stimmt’s?«

»Erzähl mir bloß nichts von Hi-Beams«, schnappte Gina. »Wenn irgendwer in Odum dich in dieser Spielhölle hat rumhüpfen sehen, mit diesen Hotpants und dem neonpinken, schulterfreien Top als Arbeitskleidung, könnten sich unsere Eltern nie mehr in der Stadt blicken lassen. Du hast wie eine Nutte ausgesehen in dieser Aufmachung.«

»Ich hab achtzig Dollar Trinkgeld pro Abend verdient«, sagte Lisa trotzig. »Hundertsechzig pro Abend, wenn Football lief. Hab das Darlehen für mein Auto abbezahlt und Mama den Kitchen-Aid-Mixer zum Geburtstag gekauft. Es war der verdammt beste Job, den ich je hatte. Und ich würde dort immer noch arbeiten, wenn du nicht deine Nase in Angelegenheiten gesteckt hättest, die dich nichts angehen.«

»Es reicht«, sagte Gina schwach und ließ sich in die Kissen zurücksinken. »Das hier war der schlimmste Tag meines Lebens. Ich will jetzt nur noch ein Glas Wein und ein heißes Bad.«

»Wegen dem Wein …«

»O Lisa«, sagte Gina kopfschüttelnd. »Gibt’s noch was von diesem schrecklichen Lightbier, das du immer trinkst?«

»Eins«, sagte Lisa. »Ich bring’s dir. Hast du Hunger? Wie wär’s mit einer Tiefkühlpizza?«

»Da hungere ich lieber«, sagte Gina. »Joghurt?«

Zur Antwort reichte ihr Lisa einen Becher fettfreien Joghurt, einen sauberen Teelöffel und eine frisch geöffnete Flasche kaltes Bier.

»Danke«, sagte Gina und nahm einen Schluck Bier. Sie nahm einen Löffel Joghurt und schluckte, dann aß sie den Rest in acht schnellen Happen.

»Ich check’s nicht«, sagte Lisa und setzte sich auf den Stuhl, der ihrer großen Schwester gegenüberstand. »Du hast den ganzen Tag mit Essen zu tun. Warum isst du nicht einfach am Set?«

»Keine Zeit gehabt heute«, antwortete Gina und wollte das nicht weiter ausführen. »Wir haben heute zwei Shows hintereinander gedreht. Ich wollte ein Stück Apfelkuchen aus der zweiten Show essen, aber die Crew hatte alles sofort verschlungen, sobald wir das Segment abgedreht hatten. Auch gut. Er war voller Zucker. Ich kann wirklich keine unnötigen Kalorien gebrauchen.«

»Pff«, machte Lisa. »Du warst in deinem ganzen Leben noch nie so dünn wie jetzt. Ich seh dich nie was essen, außer vielleicht einem bisschen Obst ab und zu. Hey, du hast doch keine Essstörung, oder?«

»Nein. Ich habe einen ganz normalen Appetit«, sagte Gina steif. »Ich muss nur wirklich aufpassen, was ich mir in den Mund stecke. Ich leide unter dem Fluch der Foxton-Frauen: schmal mit Riesenhintern. Und du weißt, dass die Kamera zehn Kilo draufschlägt.«

»Ich wette, du trägst nicht mal Größe sechsunddreißig«, sagte Lisa. »Ich hab versucht, das Oberteil von deinem Juicy-Couture-Trainingsanzug anzuziehen, und sah aus wie die Wurst in der Pelle.«

»Gut. Bleib von meinem Trainingsanzug weg«, befahl ihre Schwester. »Du machst es dir zur schlechten Gewohnheit, die Kleider anderer Leute schmutzig zu machen oder zu zerreißen.«

»Zicke.« Lisa formte das Wort nur lautlos mit den Lippen, aber so, dass ihre Schwester trotzdem wusste, was sie gesagt hatte. »Du warst heute später zu Hause als sonst. Was war los?«, wechselte sie das Thema.

Gina spürte, wie ihr rechtes Auge zuckte. »Das hier ist die letzte Drehwoche für diese Staffel«, sagte sie schließlich. »Wir haben kein Geld und keine Zeit mehr und versuchen, in einer Woche zu schaffen, wozu wir sonst zwei bräuchten. Ich gehe jetzt schlafen. Schalt die Lichter aus, und schließ ab, okay?«

Aber Lisa trug schon wieder ihre Kopfhörer, bereit, die nächste virtuelle Schlacht zu schlagen.

Gina stapfte in Richtung ihres Schlafzimmers und schloss die Tür hinter sich. Im Badezimmer ließ sie ihre Kleider zu Boden fallen und stellte sich so lange unter die heiße Dusche, dass sie wie ein gekochter Hummer aussah, als sie endlich das Wasser abdrehte. Sie wusste, dass sie Augencreme verwenden sollte, um die dunklen Ringe zu bekämpfen, die sich schon unter ihren Augen zu bilden begannen. Sie sollte ihr Haar föhnen und sich für den nächsten Tag Kleider rauslegen. Aber sie war zu müde. Und es machte ja auch keinen Unterschied mehr.

Sie schlug die Tagesdecke auf ihrem Bett zurück und faltete sie ordentlich am Fußende, wie immer. Sie legte sich hin und zog die Bettdecke über sich, streckte die Hand aus, um die Lampe auszuschalten. Doch dabei sah sie auf dem Nachttisch das Licht ihres Anrufbeantworters blinken. Eine neue Nachricht.

Lass sie von Scott sein, dachte sie. Mach, dass er anruft, um sich zu entschuldigen. Um zu sagen, dass das Ganze nur ein schrecklicher Scherz gewesen war. Lass alles wieder so sein, wie es heute Morgen noch war. Sie zögerte kurz, dann drückte sie endlich den Knopf.

»Hallo? Hier ist Mrs Birdelle Foxton. Ich möchte mit meiner Tochter Regina sprechen …« Die Stimme ihrer Mutter, süß wie Sirup, langsam und mit Südstaatenakzent, klang besorgt. »Schatz, die Cousine deines Daddys, Flossie, hat heute angerufen, weil sie dein Kochbuch auf einem Flohmarkt in Bessemer gefunden hat. Flossie hat gesagt, sie hätte das Rezept für deinen Apfelkompottkuchen ausprobiert, aber es hätte nicht besonders gut funktioniert. Ich habe ihr gesagt, sie soll mir das Rezept vorlesen, und dort stand doch tatsächlich, dass man nur zwei Eier nehmen soll! Gina, du weißt doch, dass ich immer drei Eier verwende und einen zusätzlichen Klecks Margarine, und mein Kuchen wird nie zu trocken. Ich denke, du solltest diese Verlegerleute anrufen, damit sie das ändern …«

Nicht heute, Mama, dachte Gina schwach und drückte den Stopp-Knopf des Anrufbeantworters. Sie schaltete das Licht aus und ließ sich in die Kissen fallen, versuchte zu schlafen. Ihr Magen knurrte laut.

Nein!, dachte sie. Ganz sicher nicht. Sie legte sich auf den Bauch. Fünf Minuten später knurrte er wieder. Sie legte sich auf die rechte Seite, dann auf die linke. Sie versuchte, ihren Geist zu klären, zu meditieren. Grrrrr. Da war es schon wieder.

Mit einem Seufzer stieg sie aus dem Bett und ging hinüber zu ihrer Kommode. Sie öffnete die oberste Schublade und wühlte in den sorgfältig gefalteten Kleidungsstücken herum, bis ihre Fingerspitzen das knisternde Zellophan gefunden hatten. Sie zerrte die Packung aus ihrem Versteck und vermied es dabei, sich im Spiegel anzuschauen.

Wieder unter der Decke riss sie die Packung auf und stopfte sich eine Handvoll Chips in den Mund. Sie schloss die Augen und ließ den reinen, salzigen Genuss, die knusprige Geschmacksexplosion ihre Magie verrichten.

Da, sagte sie zu ihrem knurrenden Magen. Zufrieden? Jetzt halt die verdammte Klappe.

6

Die grelle Morgensonne wurde vom glänzenden Aluminium des Wohnwagens, der in der hintersten Ecke des Parkplatzes der Morningstar Studios geparkt war, reflektiert. Ein leuchtend blaues Vorzelt war am hinteren Ende des Wagens befestigt und spendete der Frau, die auf einem Plastikgartenstuhl darunter saß, angenehmen Schatten. Es war erst neun Uhr morgens, aber dennoch schon über dreißig Grad.

Valerie Foster legte die dritte Zigarette des Tages zur Seite, nippte an ihrer zweiten Tasse Kaffee und seufzte laut. Sie malträtierte ihren Blackberry, ignorierte, wie jeden Morgen, die siebenunddreißig ungelesenen E-Mails und schaute, wie jeden Morgen, nach, wie warm es in Maine war. Fünfzehn Grad. Val kannte nicht wirklich jemanden in Maine, sie hatte es nicht einmal besucht, als sie zwei Jahre als Managerin bei einer Tochterfirma von Fox News in Boston verbracht hatte. Trotzdem freute es sie immer noch, dass irgendwer irgendwo, anders als in diesem scheußlichen Wetter in Atlanta, noch nicht so wie sie im eigenen Saft schmorte.

Sie seufzte noch einmal. Laut.

Aber entweder hörte er sie nicht, oder Tate Moody ignorierte sie, wie immer. Er war der Moderator von Vittles, einer Outdoor-, Lifestyle- und Kochsendung, im Southern Outdoors Network.

Er stand ein paar Meter von ihr entfernt und warf eine leuchtend gelbe Scheibe in die Luft, wieder und wieder, wie jeden Morgen. Und auch an diesem Morgen schoss Tates English Setter der Scheibe hinterher, sein flauschiger Schweif rauschte durch die Luft, als er das Frisbee elegant mitten im Flug erwischte.

»Guter Hund!«, rief Tate ermutigend. Der Hund rannte mit dem Frisbee bis zum anderen Ende des Parkplatzes, um dann in einem Bogen wieder zurückzukommen und zwei Meter von Tate entfernt stehen zu bleiben. »Gut gemacht, Moonpie«, sagte Tate. Dann, im Befehlston: »Bring!«

Der Hund duckte sich, das Frisbee fest zwischen den Zähnen, den Kopf zur Seite geneigt, als ob er seinen Besitzer verspottete, dachte Valerie. Fast konnte sie die Gedankenblase sehen, die in einem Cartoon über dem grinsenden Gesicht des Hundes schweben würde.

»Hättest du wohl gerne«, würde in der Blase stehen.

»Moonpie, bring!«, rief Tate.

»Tate, komm«, sagte Valerie.

Der Hund bewegte sich ein paar Zentimeter vorwärts, und Tate ignorierte Valerie.

»Guuut«, sagte Tate vorsichtig und streckte die Hand nach dem Frisbee aus.

Der Hund wedelte wild mit dem Schwanz, stand auf und trabte auf die Reihe schäbiger Nadelbäume zu, die eine Seite des Parkplatzes säumten. Als er dort ankam, ließ er sich fallen und begann, fröhlich auf der Scheibe herumzukauen.

»Tate«, bat Val. »Lass den Hund in Ruhe. Er ist zu dumm zum Apportieren. Er ist so was von blond. Wunderschön, aber dumm wie eine verdammte Kartoffel. Komm jetzt, lass uns an die Arbeit gehen. Die Crew kommt jeden Moment, und du weißt doch, dass heute Barry Adelman dabei ist.«

Tate Moody verschränkte die Arme vor der Brust und widersprach seiner Produzentin. »Moonpie ist nicht blöd. Sein Daddy war zweifacher Meister bei den nationalen Jagdmeisterschaften. Er ist dickköpfig, das auf jeden Fall, aber er ist erst zehn Monate alt. Er ist noch ein Welpe! Deshalb muss ich jeden Tag mit ihm arbeiten. Dann wird er auch für die Wachteljagd in Tallahassee bereit sein, wenn wir im Herbst dort drehen.«

»Das ist noch Monate hin«, sagte Val. »Jetzt müssen wir uns jedenfalls um die heutige Show kümmern. Adelman und seine Leute sollen irgendwann gegen Nachmittag eintreffen. Sie werden sich für das Material interessieren, das wir gestern am See gefilmt haben, und dann wollen sie dir bestimmt zuschauen, wenn wir drehen. Zum Glück ist der Film vom See wirklich spektakulär.«

Tates tiefgebräuntes Gesicht erstrahlte in einem breiten Lächeln. »Das war doch wirklich der beste Fang Sonnenbarsche, den du je gesehen hast, oder?«

»Wundervoll. Aber du weißt ja, dass all diese Fische für mich gleich aussehen. Ich kann einen Sonnenbarsch nicht von einem Lachs unterscheiden.«

Tate lachte. »Hilf mir mal auf die Sprünge, warum habe ich dich noch als Produzentin angestellt?«

Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrer Super-Slim-Zigarette. »Weil ich die Beste in diesem Metier bin und weil du das weißt.«

»Und?«

Sie kniff die Augen zusammen, als sie den Rauch ausstieß. »Und weil ich diejenige bin, die dich aus diesem Stück Scheiße von Southern Outdoors Network in die große weite Welt schicken wird. Der Cooking Channel, Tate, da wollen wir hin. New York, Baby!«

»Du kannst ja nach New York gehen«, sagte Tate. »Ich bleibe hier.«

Val schüttelte den Kopf. Tate hatte sich damals so begeistert angehört, als sie ihm sagte, dass sich The Cooking Channel für Vittles interessierte. Allerdings hatte er auch klargemacht, dass er niemals irgendwo anders leben wollte als im Süden.

Er griff in die Tasche seiner labbrigen grünen Cargohose und nahm eins der Leberleckerlis heraus, die der Hundetrainer für Moonpies Erziehung empfohlen hatte.

Er drehte sich von Val weg und hielt das Leckerli hoch, so dass der Hund es sehen und riechen konnte.

»Komm her, Moonpie!«, rief er. »Komm, Junge.«

Als Moonpie die Leckerei entdeckte, ließ er das Frisbee sofort fallen, spitzte die Ohren und trabte dann brav zu seinem vermeintlichen »Herrchen« herüber.

»Sitz!«, befahl Tate und hielt das Leckerli gerade über den Kopf des Hundes. Moonpie machte Sitz, sein Schwanz klopfte vor Aufregung auf den Boden.

»Sitz fein!«, sagte Tate.

Der Setter saß kerzengerade, den Kopf erhoben, die braunen Augen glänzten. Er saß komplett still.

»Und nun erzähl mir, dass das hier nicht der schönste Hund ist, den du je in deinem Leben gesehen hast«, sagte Tate zärtlich und kraulte den Hund am Kinn.

»Natürlich ist er hübsch«, stimmte Val zu. »Und deine Zuschauer werden total verrückt nach ihm sein, sobald die nächste Staffel ausgestrahlt wird. Ich meine, komm schon. Ein Hunde-Sidekick. Ganz großes Kino.«

»Und so originell«, sagte Tate trocken.

»Es wurde noch nie in einer Kochshow gemacht, also, was mich betrifft, ist es originell.« Val blieb fest. »Und überhaupt kommt Southern Outdoors überraschend stark bei den Frauen an. Deine Quoten liegen bei etwas um die fünfundvierzig Prozent. Und davon sind dreißig Prozent Frauen unter fünfunddreißig. Das ist einer der Gründe, weshalb TCC so heiß drauf ist, sich unsere Sendung anzusehen. Sie wissen, dass du nicht nur die NASCAR-Jungs anziehst, die sich nicht für ihre anderen Shows interessieren, sondern auch noch ihre Frauen. Und das, mein Freund, ist absolut erste Sahne.«

»Ich versteh ja die NASCAR-Jungs. Jeder Mann aus dem Süden hält sich für den nächsten Indiana Jones, selbst wenn seine Vorstellung vom Leben draußen einer Nacht ohne Fernbedienung entspricht«, sagte Tate. »Das mit den Frauen verstehe ich nicht. Ich meine, was soll das alles? Warum schauen sich diese ganzen Damen um die vierzig eine Sendung über Jagen, Fischen und Kochen an? Und dann auch noch im Southern Outdoors Network! Weißt du, ich war heute Morgen bei Bargain Mart und habe eine Spule Monofilangelschnur gekauft, und als ich mich umschaute, war da ein halbes Dutzend Mädels – keine von denen war alt genug, um Alkohol zu trinken – und folgte mir zur Kasse. Ohne Witz, Val, eine von denen wollte, dass ich ihr ein Autogramm auf ihr Tattoo gebe. Und es war nicht auf ihrem Arm.«

Er bückte sich und schlang die Arme um Moonpie, der daraufhin das Kinn seines Helden großzügig leckte. »Schon verrückt, oder, kleiner Freund?«

Valerie nahm einen weiteren tiefen Zug aus ihrer Zigarette und bewunderte, wie immer, das Hinterteil ihres Stars. »Hm, ich weiß nicht. Kommt alles auf den Blickwinkel an.«

7

Ihr Handy klingelte um sechs Uhr morgens. Nach einer Nacht mit vielen Sorgen und wenig Schlaf war Gina sowieso schon fast wach. Sie schaute auf das Display. Scott.

»Schwein«, murmelte sie und vergrub den Kopf im Kissen.

Fünf Minuten später rief er wieder an, diesmal auf dem Festnetztelefon. Und fünf Minuten danach wieder auf ihrem Handy. Das Klingeln hielt, abgesehen von kleineren Unterbrechungen, den ganzen Morgen an. Als sie tropfnass aus der Dusche stieg, sah sie, dass er drei Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Sie löschte sie, ohne sie anzuhören, mit einem sadistischen Grinsen, das bei jedem Knopfdruck breiter wurde.

Lass ihn ruhig anrufen, dachte sie, als sie sich die Haare föhnte. Er konnte erklären, Pläne machen, sich entschuldigen, soviel er nur wollte. Er konnte weinen, er konnte grummeln. Die Sache mit ihr und Scott war vorbei. Aber irgendwie musste sie, so gut sie konnte, diese letzten Shows überstehen, mit hocherhobenem Kopf und intakter Würde.

I will survive!, schwor sie sich und begann, das Lied im Kopf vor sich hin zu singen. Vielleicht hatte sie ihren Job verloren, war vom Schicksal gebeutelt und fast dreißig, vielleicht würde sie letzten Endes in einen Wohnwagen auf dem Trailerpark in ihrer Heimatstadt einziehen, aber sie würde überleben. Und sie würde es ohne Scott Zaleski tun. Das Schwein.

Um sieben Uhr stolperte Gina in die Maske, einen Kaffeebecher in der einen und ihr Drehbuch in der anderen Hand.

»Oh, oh«, sagte ein Zweimetermann mit zimtfarbener Haut. Er stand von seinem Stuhl auf und legte die Ausgabe von Allure, in der er gerade gelesen hatte, zur Seite. Sein glattrasierter Kopf glänzte unter dem grellen Licht des Scheinwerfers, und sein blendend weißes, gestärktes Hemd und die dazu passende, enge weiße Jeans ließen ihn wie eine afroamerikanische Version von Mr Proper aussehen. Er war sich dieses Effekts nur allzu bewusst.

»Hatten wir etwa eine schlimme Nacht?«, fragte er und berührte vorsichtig ihr Gesicht. »Mädel, bei den Augenringen weiß ich nicht, ob unser Concealer stark genug ist!«

»Tu einfach, was du kannst«, sagte Gina und ließ sich seufzend auf dem Stuhl nieder. Sie nahm noch einen letzten Schluck Kaffee, bevor er ihr mit gerunzelter Stirn die Tasse wegnahm.

»Kaffee? Haben wir nicht darüber gesprochen, dass Koffein nicht dein Freund ist?«