Mit Schwert und Lanze - Herbert Bachem - E-Book

Mit Schwert und Lanze E-Book

Herbert Bachem

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Beschreibung

Heldengeschichten aus der Zeit des Hochmittelalters gibt es zur Genüge. Sie berichten von der Tapferkeit, dem Edelmut der Ritter und einer oft ins Sakrale überhöhten Minne. Man denke nur an König Artus und seine Tafelrunde. An Lancelot und seine unglückliche Liebe zu Guinevere, den edlen Gawain und nicht zuletzt an Parzival, den späteren König des Grals. So unterschiedlich diese Helden auch waren, eines hatten sie gemein: Ihr Leben und ihre Taten überstiegen das menschliche Maß. Die Geschichten dieses Buches erzählen ebenfalls vom Hochmittelalter, in der das Rittertum bekanntlich seine höchste Blüte erlebte. Schauplatz ist das obere Mittelrheintal, das mit seinen berühmten Burgen heute zum Weltkulturerbe zählt. Fernab von jedem Pathos geht es um Liebe, Mut und Opferbereitschaft, aber auch um Verrat, Niedertracht und Grausamkeit. Auch wenn in den Erzählungen Reales und Phantastisches ineinander übergehen, lassen sie doch Rückschlüsse auf die Denk- und Lebensweise der Menschen im 11. und 12. Jahrhundert zu. So ist der Leidensweg eines Pagen, der fern der heimatlichen Burg an der Ausbildung zum Ritter zerbricht, ganz sicher realistisch; wogegen der Kampf der Nixen und Waldgeister um den Erhalt ihres Lebensraumes ins Reich der Sagen und Märchen gehört. Neben dem anderen Blick, den dieses Buch auf jene Zeit vermittelt, besteht sein Reiz darin, dass Phantasie und Realität in ihm zu einer neuen Wirklichkeit verschmelzen.

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Ritter Ron Jeremias von HattenheimDer schwarze Ritter von Burg MausDie Naturgeister von Burg RheineckGraf KatzDer geheimnisvolle RitterDie Kastellanin von WinkelaDer Ritter von Burg LahneckDas Turnier auf Burg GutenfelsDie feindlichen BrüderIrmelKilian von Burg HammersteinVincent

Zu diesem Buch

Heldengeschichten aus der Zeit des Hochmittelalters gibt es zur Genüge. Sie berichten von der Tapferkeit, dem Edelmut der Ritter und einer oft ins Sakrale überhöhten Minne. Man denke nur an König Artus und seine Tafelrunde. An Lancelot und seine unglückliche Liebe zu Guinevere, den edlen Gawain und nicht zuletzt an Parzival, den späteren König des Grals. So unterschiedlich diese Helden auch waren, eines hatten sie gemein: Ihr Leben und ihre Taten überstiegen das menschliche Maß.

Die Geschichten dieses Buches erzählen ebenfalls vom Hochmittelalter, in der das Rittertum bekanntlich seine höchste Blüte erlebte.

Schauplatz ist das obere Mittelrheintal, das mit seinen berühmten Burgen heute zum Weltkulturerbe zählt. Fernab von jedem Pathos geht es um Liebe, Mut und Opferbereitschaft, aber auch um Verrat, Niedertracht und Grausamkeit.

Auch wenn in den Erzählungen Reales und Phantastisches ineinander übergehen, lassen sie doch Rückschlüsse auf die Denk- und Lebensweise der Menschen im 11. und 12. Jahrhundert zu.

So ist der Leidensweg eines Pagen, der fern der heimatlichen Burg an der Ausbildung zum Ritter zerbricht, ganz sicher realistisch; wogegen der Kampf der Nixen und Waldgeister um den Erhalt ihres Lebensraumes ins Reich der Sagen und Märchen gehört.

Neben dem anderen Blick, den dieses Buch auf jene Zeit vermittelt, besteht sein Reiz darin, dass Phantasie und Realität in ihm zu einer neuen Wirklichkeit verschmelzen.

Widmung

Für meinen tapferen Urenkel

Danksagung

Ich danke meiner Frau Gudrun, die viel Zeit, Geduld und Mühe aufwendet, erste Entwürfe kritisch zu lesen und zu korrigieren.

Ritter Ron Jeremias von Hattenheim

Kurz nach der Gründung des Klosters Eberbach im Jahr 1136 wurde der Bau der Burg Hattenheim vollendet. Vieles von dem, was damals geschah, liegt im Dunkel der Geschichte. Was man allerdings mit Sicherheit weiß, ist, dass im Jahre des Herrn 1165 ein Knabe geboren wurde, dem man den Namen Rögn­valder1 Jeremias2 gab. Der Prophet Jeremias hatte vor 2500 Jahren beklagt, dass nicht mehr das Recht eine auf Solidarität gründende Gemeinschaft bestimme, sondern dass Täuschung, Betrug und Gewinn die Gesellschaft prägten. Diese Kritik betraf in erster Linie die Eliten seiner Zeit, die Propheten, Priester und Könige – und war so aktuell wie eh und je. Die Hoffnung der rechtschaffenen Eltern war, dass sich ihr Sohn, so wie der Prophet, dem Wahren und Guten verschreiben und ein gottgefälliges Leben führen würde.

Als der Knabe sieben Jahre alt war, wurde er Page am Hof des Bischofs von Mainz. Dort hatte er einen weisen Lehrer, der genauso viel Wert auf seine geistige Ausbildung legte wie der Waffenmeister auf seine körperliche Ertüchtigung. Dazu lernte er höfische Sitten und alles, was ein künftiger Ritter wissen musste. Seine Zeit als Knappe3 verbrachte er auf der Burg Ehrenfels in Rüdesheim und erhielt dort auch die Schwertleite4.

Zwanzig Jahre waren seit der Geburt von Ron Jeremias vergangen, als an den Fürstenhöfen und bei den Rittern im Reich Unruhe ausbrach. Grund war der Aufruf von Papst Gregor VIII. zum 3. Kreuzzug. Statt Zwist zwischen den Rittern herrschte Aufbruchsstimmung. Der andauernden Tjoste5 überdrüssig sahen sie in dem Kreuzzug eine sinnvolle, wenn nicht gar eine hehre Aufgabe. Und nicht nur das. Dieser Feldzug versprach neben Ruhm und Ehre zudem die Möglichkeit, reich zu werden. Auch der junge Ritter Ron Jeremias sah die Chance, sich die Sporen zu verdienen6, und wollte sich dem Heer Friedrichs I.7 anschließen, den man wegen seines roten Bartes »Barbarossa« nannte. Am 25. März, dem hohen Feiertag Mariä Verkündigung, nahm der junge Recke Abschied von seinen Eltern und machte sich auf den Weg nach Regensburg. Ehe er die gefährliche Reise antrat, wollte er die Gottesmutter noch um ihren Beistand bitten und ritt zum Kloster Eberbach.

Kurz bevor die heilige Messe begann, traf er in der Kathedrale ein und kniete in der zweiten Bankreihe nieder, von wo aus er einen guten Blick auf Chor und Altar hatte. Nachdem er sich bekreuzigt und ein kurzes Gebet geflüstert hatte, blickte er nach vorn und sah zu seiner Überraschung, dass auf der linken Seite im Chorgestühl der Herr der Burg Ehrenfels mit seiner Familie saß. Neben der Mutter saß die sechzehnjährige Tochter, die er seit ihrer frühen Kindheit kannte. Ob es am Licht, der feierlichen Stimmung oder an ihrem besonders hübschen Kleid lag, wusste er nicht, jedenfalls sah er zum ersten Mal, wie wunderschön die Jungfrau war. Noch benommen von der Faszination ihrer Erscheinung war ihm, als hätte sie ihm zugelächelt. Fortan konnte er seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Selbst als der Priester mit den Messdienern zum Altar schritt, sah er nur sie.

Und dann geschah es wieder: Kaum merklich dreht sie den Kopf und blickte ihn an. Dieses Mal war er sicher: Sie lächelte ihm zu! Gebannt sah er, wie der liebreizende Mund sich zum Singen bewegte. Was hätte er darum gegeben, neben ihr zu sitzen und ihrem süßen Gesang lauschen zu können. Immer und immer wieder schaute sie verstohlen zu ihm herüber, und ihm war so, als wollte sie ihm eine Botschaft senden. Noch nie war ihm eine heilige Messe so kurz vorgekommen wie an diesem Tag. Nach dem ite missa est stand er auf und verließ die Kirche. Auf dem Vorplatz wartete er auf den Burggrafen der Ehrenfels. Das konnte er wagen, ohne Anstoß zu erregen, schließlich handelte es sich um den Waffenmeister, der ihn zum Ritter ausgebildet hatte.

Der Ritter von Rüdesheim war hocherfreut, als er ihn sah, und geradezu euphorisch, als er hörte, dass Ron Jeremias an dem bevorstehenden Kreuzzug teilnehmen wollte. Zum Abschluss des Gesprächs wünschte er ihm viel Glück und Gottes Segen. Nachdem der Ritter und seine Frau ihm die Hand gereicht hatten, wandte er sich an das Burgfräulein und wollte sich mit der gebotenen ritterlichen Zucht auch von ihr verabschieden. Aber Marlein sprach ihn ungezwungen an, kam auf ihn zu und reichte ihm zum Abschied beide Hände. Dass ihr Vater dies zuließ, war wohl nur mit der langjährigen Bekanntschaft zu Ron Jeremias zu erklären, denn damit überschritt sie bei Weitem die strengen Regeln dessen, was zwischen ihnen gestattet war. Während sie ihm die Hände drückte, spürte er, dass sie etwas Hartes hineingleiten ließ. Ohne sich das Geringste anmerken zu lassen, verbeugte er sich vor der hohen Familie, wandte sich ab und ging zu seinem Pferd.

Er war noch keine zwei Schritte entfernt, als er seine Hand öffnete und zu seiner unbeschreiblichen Verzückung sah, dass ihm Marlein ein Medaillon mit ihrem Bildnis geschenkt hatte. Etwas Seltsames ging in ihm vor. Bisher hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, welche Risiken die Teilnahme an einem Kreuzzug mit sich brachte. Nun stand ihm die Unwägbarkeit eines jahrelangen Kriegszuges deutlich vor Augen. Aber trotz der vielen Gefahren, die auf ihn lauerten, war er vollkommen sicher, dass er gesund zurückkehren und das Amulett ihm Schutz und Trost sein würde. Er bestieg sein Pferd und machte sich frohen Mutes auf den Weg nach Frankfurt.

Am zweiten Tag seines Ritts entlang des Mains erreichte er die Freie Reichsstadt Frankfurt. Kaum hatte er das Stadttor passiert, sah er sich von lärmender Geschäftigkeit umgeben. Bettler reckten ihm ihre Hände entgegen, Händler boten Waren feil, Marktfrauen priesen lautstark ihre Erzeugnisse an, Kinder liefen johlend hinter ihm her, und eilige Reiter kreuzten seinen Weg, ohne darauf zu achten, wie nahe sie ihm dabei kamen. Es war ein Gewusel, wie er es nicht kannte. Er fragte einen wohlgekleideten Herrn, wo er Unterkunft finden könne, und noch während er sprach, nahm ein Knabe die Zügel des Pferdes und führte ihn zu einem palastartigen Haus. Dort war eine edle Gesellschaft vor dem Eingang versammelt. Ritter, Knappen und Edelleute drängten sich, um Einlass zu erhalten. Als Ron Jeremias nach dem Grund für das Getümmel fragte, erfuhr er, dass ein Abgesandter Barbarossas aus dem nahen Gelnhausen angereist sei, um über den bevorstehenden Kreuzzug zu informieren. Ausgerechnet an diesem Tage in Frankfurt eingetroffen zu sein, hielt Ron Jeremias für ein Zeichen Gottes.

Er betrat den kaiserlichen Thronsaal als Letzter. Der prächtige Raum war reich geschmückt mit allerlei mannshohen Statuen, und die sich um das Gesims rankenden Rosen aus Stein hätte die Natur nicht schöner hervorbringen können. Das hohe Gewölbe gab dem Raum etwas Majestätisches und ließ die Macht und Größe des Kaisers erahnen. Sein Abgesandter, ein Markgraf, saß auf einem erhöhten Stuhl, von wo aus er über die vielen Ritter blickte, die den Saal füllten.

Nachdem Ruhe eingekehrt war, erhob der Graf seine Stimme und gab die Bedingungen des Kaisers bekannt, die jeder Ritter erfüllen musste, der an dem Kreuzzug teilnehmen wollte. Zuerst verkündete er, dass nur der Ritter teilnehmen dürfe, der drei Pferde besaß und in der Lage war, seinen Unterhalt zwei Jahre lang zu bestreiten.8 Er müsse über Rüstung und Waffen verfügen und fähig sein, diese im Kampf zu führen, und sich den strengen Verhaltensregeln unterwerfen, die der Kaiser festlegt hatte.

Ein Raunen ging durch den Raum, als der Graf schwieg. Die ersten Zuhörer, darunter viele Ritter, verließen den Saal. Ihnen war klar geworden, dass nur sehr wohlhabende Lehnsmänner9 in der Lage waren, diese gewaltigen materiellen Bedingungen zu erfüllen. Bei Weitem nicht alle Anwesenden verfügten über ein solches Vermögen. Auch Ritter Ron Jeremias dachte daran, sich zurückzuziehen. Zwar hatte er Pferd, Rüstung und Waffen, aber über genügend Geld, um zwei Jahre davon leben zu können, verfügte er nicht. Er dachte an seine Eltern in Hattenheim, die bereits für den Erwerb seines Streitrosses und seiner Rüstung Ländereien verpfändet hatten. Doch er blieb. In seinem Geldbeutel waren zwei Mark10, die reichten für ein Jahr, dann wollte er weitersehen. Die Frage war nur, ob sich die Kontrolleure des Kaisers damit zufrieden gaben.

Nachdem nur noch die Ritter anwesend waren, die glaubten, die genannten Bedingungen erfüllen zu können, erläuterte der Graf, über welche Route das Heer ins Heilige Land ziehen würde. Von Regensburg sollte es über die Königreiche Serbien und Bulgarien nach Byzanz11 gehen. Dann weiter durch das Königreich Kleinarmenien12 und das Fürstentum Antiochia13, in dem Kreuzritter regierten, bis zum Königreich Jerusalem.

Verunsichert verließ Ron Jeremias den Saal. Die Kontrolle über das ausreichende Vermögen der Ritter würde in Regensburg erfolgen. Ohne diese Bestätigung konnte sich niemand dem Feldzug anschließen. Je länger er über seine Situation nachdachte, umso sicherer wurde er, dass man bei ihm keine Ausnahme machen würde. Warum auch? Die Erfahrung aus den vorangegangen Kreuzzügen waren bedrückend. Er erinnerte sich an einen Ritter, der ausgezogen war, Ruhm, Ehre und Reichtum zu erwerben – und sich ins Elend stürzte. Zur Begleichung seiner aufgelaufenen Schulden mussten Burg und Lehen verkauft werden. Niemand wusste, was aus diesem Entwurzelten geworden war. Vielleicht hatte er Glück gehabt und einen Fürst gefunden, der ihn zu irgendeinem Kriegsdienst benötigte. Wenn nicht, blieb dem Unglücklichen nicht viel mehr, als sich aufs Rauben und Morden zu verlegen – und letztlich elend am Galgen zu sterben. So wollte Ron Jeremias nicht enden. Hin und her gerissen fragte er sich, ob er unter den gegebenen Umständen weiter nach Regensburg oder besser zurück nach Hattenheim reiten sollte.

Während er grübelnd auf der Suche nach einer Unterkunft durch die Straßen von Frankfurt ritt, entschied sich sein Schicksal. Er war vielleicht zehn Minuten geritten, als ihn ein prächtig gekleideter Reiter ansprach. Im ersten Augenblick wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte, aber als er etwas genauer hinschaute, erkannte er in dem freundlich lächelnden Herrn den Hofmarschall14 des Bischofs von Mainz. Es war acht Jahre her, dass sie sich am Bischofssitz zum letzten Mal begegnet waren. Der junge Recke war erstaunt, dass er ihn nach so vielen Jahren erkannt hatte.

»Gott zum Gruß«, sprach ihn der hohe Herr lachend an, »wohin des Weges?«

»Herr Hofmarschall«, rief Ron Jeremias mit einem fröhlichen Lachen, »welche Freude! Dass Ihr mich nach so langer Zeit noch erkannt habt, empfinde ich als große Ehre!«

»Um ehrlich zu sein«, sagte der Marschall amüsiert, »habe ich das Wappen und die Farben der Ritter von Hattenheim erkannt. Den Rest zu erraten, war dann nicht mehr schwer. Warst du beim Vertreter des Kaisers?«

»Ja, das war eine große Enttäuschung für mich, denn die Bedingungen für die Teilnahme an dem Kreuzzug kann ich nicht annähernd erfüllen. Ich denke, morgen in der Frühe reite ich zurück nach Hattenheim. Im Augenblick bin ich auf der Suche nach einem Nachtquartier.«

»Was hältst du davon, mit mir nach Hoechst zu reiten und dort auf der Zollburg des Bischofs zu übernachten?«

»Wie könnte ich so ein großherzige Angebot ausschlagen?«, freute sich der junge Ritter, »ich reite gern mit Euch.«

»Dann wollen wir mal.« Der Hofmarschall gab seinem Pferd leicht die Sporen und trabte an.

»Darf ich fragen, was Ihr in Frankfurt zu besorgen hattet? Ich nehme an, es ging um den Kreuzzug.« Ron Jeremias hätte sich nicht gewundert, wenn ihn der Hofmarschall wegen seiner Vorwitzigkeit zurechtgewiesen hätte.

Aber der sagte so gelassen, als spräche er mit jemandem von seinem Rang: »Richtig. Der Bischof wird zehn Ritter mit allem ausrüsten, was der Kaiser verlangt, und nach Jerusalem entsenden.« Geradezu schelmisch blickte er Ron Jeremias an und sagte dann: »Vielleicht entsendet er dich als elften. Was hältst du davon?«

Ron Jeremias war nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte, und fragte daher zögernd: »Herr Hofmarschall, meint Ihr etwa mich?«

»Hättest du etwas dagegen?«, fragte der mit einem verschmitzten Lächeln.

»Weiß Gott nicht.« Ron Jeremias hätte vor Glück aufschreien mögen.

»Na also, aber jetzt wollen wir uns ein wenig beeilen, sonst sind wir nicht in Hoechst, bevor es dunkel wird.«

Am Nachtmahl in der Zollburg, die etwas erhöht über dem Mainufer lag, nahmen zwei Ritter teil, die auch nach Regensburg wollten. Dort würden sie sich mit den übrigen Recken des Bischofs treffen und dann als Gruppe mit dem Heer nach Jerusalem ziehen. Den jungen Kämpen15 Ron Jeremias begrüßten sie ohne Umschweife als einen der ihren und luden ihn ein, mit ihnen auf eine glückliche Heimkehr anzustoßen.

Am nächsten Morgen wurden die Ritter, unter ihnen Ron Jeremias als elfter Kreuzfahrer des Bischofs, mit allem versorgt, was sie brauchten, und machten sich auf den Weg nach Regensburg. Stolz saß er auf seinem Pferd. Seine Rüstung schimmerte in der Morgensonne wie pures Silber. Auf Waffenrock, Schild und Lanze leuchteten in gelb und blau prächtig die Farben von Hattenheim und gaben von seiner edlen Herkunft Zeugnis. Ein Gefühl von Wonne erfüllte den jungen Mann, der vor seiner ersten großen Herausforderung stand und wusste, dass auf seinem Tun Gottes Segen lag.

Ein Ortskundiger ritt voran, und nach wenigen Stunden trafen sie auf die große Handelsstraße Via Publica16, die die Städte Köln, Frankfurt, Nürnberg und Regensburg miteinander verband. Da nun mehr Raum war, trabte Ron Jeremias leicht an, bis er auf Höhe des vordersten Reiters war.

»Wie lange werden wir bis Regensburg unterwegs sein?«, fragte er den Ritter, der aus Worms kam und bereits am ersten Kreuzzug teilgenommen hatte.

»Wenn es keine unvorhergesehenen Aufenthalte gibt«, antwortete der, »werden wir in sechs Tagen unser Ziel erreichen. Bei einer schnelleren Gangart wären wir in vier oder fünf Tagen an Ort und Stelle. Aber wozu? Bis Neumond sind es noch zehn Tage, und wir dürfen nicht vergessen, was noch vor uns liegt. Wenn wir unsere Pferde jetzt schon zu Schanden reiten, werden wir Jerusalem nie erreichen.«

Ron Jeremias nickte und ließ sich schweigend auf den Platz zurückfallen, von dem er gekommen war. Regensburg quoll über vor Rittern, Knappen, Händlern, Gauklern und Dieben. Außerhalb der Stadt waren zur Unterbringung der Kreuzritter Zelte aufgebaut. Die Zahl der Ritter übertraf die Zahl der Stadtbewohner, was zu beträchtlichen Problemen auf allen Gebieten führte. Weder die Versorgung von Mensch und Tier, noch die Beseitigung ihrer Hinterlassenschaften konnte sichergestellt werden. Die Folge waren Mangel und bestialischer Gestank und Schmutz, wohin man blickte.

Die Unterkunft, die man Ron Jeremias und seinen Begleitern aus Mainz zuwies, lag am nördlichen Ende des Zeltlagers, direkt an der Donau.

»Das ist günstig«, sagte einer seiner Begleiter, als sie von den Pferden stiegen, »hier haben wir Wasser und sogar noch ein wenig Weidefläche für die Pferde.«

»Von dem bisschen Gras werden die Tiere nicht satt«, stellte Ron Jeremias fest.

»Natürlich nicht. Aber die, die mitten in der Zeltstadt wohnen, haben gar nichts. Ich weiß nicht, ob du es gesehen hast«, wandte er sich an Ron Jeremias, »auf dem Weg hierher konnte man links von unserem Weg die zentrale Ausgabestelle für Pferdefutter sehen. Dorthin karren die Bauern aus der Region Gras, Heu und wer weiß was sonst noch. Da musst du hin, wenn du etwas brauchst.«

Ron Jeremias nickte. Er hatte die Futterstelle im Vorbeireiten gesehen.

In jedem Zelt waren sechs Ritter untergebracht. Die Enge war beklemmend. Aber für die paar Tage würde es gehen. Zuerst aß Ron Jeremias ein wenig von dem Proviant, den er noch hatte. Während er auf dem harten Brot herumkaute, dachte er an seine Eltern. Im Grunde genommen kannte er Vater und Mutter gar nicht. Er war mit sieben Jahren Page geworden und bis zu seinem Ritterschlag nie nach Hattenheim gekommen. Die einzige innere Bindung hatte er zu seinem Erzieher in Mainz gehabt, aber der war schon seit Jahren tot.

Nachdem das schlimmste Hungergefühl beseitigt war, ging er mit seinem Pferd zur Futterstelle. Auf dem Weg dorthin kam er mit einem Ritter von der Reichsburg Alzey ins Gespräch.

»Die Regensburger werden glücklich sein, wenn sie uns los sind«, stellte Ron Jeremias fest.

»Das denke ich auch«, stimmte der Ritter zu, »aber ein paar Tage müssen sie uns schon ertragen. Bevor der Kaiser eintrifft, bewegt sich hier nichts.«

»Sicher, ich fürchte nur, dass bei so vielen Pferden irgendwann das Futter knapp wird.«

»Da würde ich mir keine Gedanken machen. In der Umgebung gibt es Bauern genug. Freiwillig werden sie natürlich nichts herausrücken. Aber mit ein paar Peitschenhieben kann man bei denen wahre Wunder bewirken. Wenn man die Halunken hart genug anfasst, halten wir hier noch lange durch.«

Der Futterplatz kam in Sichtweite, und obwohl es anscheinend noch genügend Gras, Heu und Stroh gab, kam es zwischen den Knappen schon zu Rangeleien um die Verteilung.

»Wenn die sich jetzt schon die Köpfe einschlagen, frage ich mich, wie das werden soll, wenn wir den Balkan durchqueren«, sagte der ältere Ritter. »Es wird Juli, bis wir durch Serbien ziehen. Um diese Zeit gibt es dort keinen frischen Grashalm mehr. Mal sehen, um was sie sich dann prügeln.«

Ron Jeremias sprang ohne zu antworten aus dem Sattel. Was hätte er auch sagen sollen? Er kannte Serbien nicht. Er zog sein Pferd am Zügel zu der Futterstelle und sah mit Vergnügen zu, wie sein Hengst sich kräftig bediente.

Die Zustände wurden von Tag zu Tag unerträglicher. Zu allem Unglück regnete es seit zwei Tagen wolkenbruchartig. Tausende Pferdehufe hatten aus dem Gelände eine Schlammwüste gemacht, in der man bei jedem Schritt bis über die Knöchel versank. In den Zelten war es klamm und kalt. Die Stimmung sank auf den Tiefpunkt. Missmutig lag Ron Jeremias auf seinem Lager und hoffte, dass sich bald Besserung einstellen würde. Vorsichtig zog er das Medaillon unter seinem Hemd hervor, küsste wie jeden Abend das Bild und schlief ein.

Als endlich Barbarossa mit seinem Gefolge eintraf, ging ein Aufatmen durch die Ritterschaft. Und als feststand, dass alle Ritter die geforderten Bedingungen erfüllten, erfolgte der Aufbruch. Ein schier endloser Zug setzte sich in Bewegung und zog entlang der Donau nach Wien. Schon auf dem Weg von Frankfurt nach Regensburg musste Ron Jeremias feststellen, was es hieß, tagelang im Sattel zu sitzen. Natürlich hatte er während seiner Erziehung vortrefflich reiten gelernt. Aber die Ausbildung hatte sich in erster Linie auf das Führen des Pferdes im Kampf gerichtet. Jetzt ging es um Ausdauer. Seine Muskeln schmerzten derart, dass es ihm morgens schwerfiel, sein Pferd zu besteigen. Aber das würde mit der Zeit vorübergehen.

Ganz offensichtlich war er nicht der Einzige, der unter den Strapazen litt, denn es gab bereits erste Ausfälle durch Entkräftung und Krankheit. Einige Ritter hatten sich in Regensburg fiebrige Erkältungen oder Verletzungen zugezogen und mussten deshalb zurückbleiben.

Bis Wien verlief der Kreuzzug in geordneten Bahnen. Die Versorgung des Heeres war weitgehend sichergestellt, auch wenn es hier und da zu Engpässen bei Verpflegung und Futter kam.

Als der kilometerlange Zug sich durch Ungarn und Serbien wälzte, stieg die Zahl der Ritter, die aufgeben mussten, sprunghaft an. Obwohl Ron Jeremias einer der jüngsten Kreuzfahrer war, ging das, was er durchstehen musste, an die Grenzen seiner Kraft. An das stundenlange Reiten hatte er sich inzwischen gewöhnt. Aber die wahnsinnige Hitze und die Trockenheit machten ihm enorm zu schaffen. Der ständige Durst war zermürbend und der tägliche Kampf um Nahrung und Wasser für ihn und sein Pferd kräftezehrend.

Jeder war mehr oder weniger auf sich gestellt und musste zusehen, wie er zurechtkam. Zu Anfang versuchten die Kreuzfahrer, das Notwendige zu kaufen, aber die Bauern in dieser kargen Gegend waren nicht annähernd in der Lage, den riesigen Bedarf zu decken. Als der Mangel bedrohlich wurde, kam es zu ersten Übergriffen. Vereinzelt wurden Orte und Gehöfte überfallen und ausgeplündert. Aber dabei blieb es nicht. Bald waren Grausamkeiten an der Tagesordnung. Es wurde geplündert und gebrandschatzt. Alles, was irgendwie brauchbar schien, wurde geraubt. Die vom Kaiser ausgegebenen Verhaltensregeln, nach denen Plünderungen strengstens verboten waren, interessierten niemanden mehr.

Die Ritter des Bischofs von Mainz waren noch vollzählig und ritten ungefähr in der Mitte des Heereszugs. Die endlose Schlange von Reitern und die mit Kriegsgerät beladenen Lasttiere wirbelten dichte Staubwolken auf, die das Atmen schwer machten. Immer wieder sah man, dass Ritter plötzlich und scheinbar ohne Grund vom Pferd stürzten. Sie starben an Hitzschlägen oder Entkräftung.

Als die byzantinische Grenze überschritten wurde, verschlimmerte sich die Lage noch weiter. Während ihres Weges zum Hellespont17 wurden die Kreuzfahrer immer wieder von byzantinischen und bulgarischen Banditen bedrängt. Stets kämpfte Ritter Ron Jeremias in der vordersten Reihe und erwarb sich bereits Ruhm und Ansehen, lange bevor sie das Heilige Land erreichten.

Als die Versorgungslage so bedrohlich wurde, dass das Heer vor der Auflösung stand, ließ der Kaiser die Stadt Philippopel18 einnehmen und in den darauf folgenden Wochen zur Verpflegung seiner Armee alle umliegenden Orte und Burgen erobern und plündern.

Es war November geworden, und die Ritter und ihr Gefolge brauchten ein Winterlager. Die Verhandlungen mit den örtlichen Fürsten brachten keine Lösung. Erneut war das Heer in seiner Existenz bedroht, denn ein Überwintern in Zelten war in dieser rauen Bergwelt nicht möglich. Um den Kreuzzug nicht scheitern zu lassen, befahl Barbarossa, Adrianopel19 anzugreifen.

Nach kurzer Belagerung wurde die Stadt im Sturm genommen. Mit Entsetzen sah Ron Jeremias, welch ein Blutbad die Ritter unter der Bevölkerung anrichteten. Gnadenlos wurden die Menschen aus ihren Häusern getrieben, die von den Kreuzfahrern anschließend als Unterkunft übernommen wurden. Wer nicht durch das Schwert starb, sah dem sicheren Tod durch Kälte und Hunger entgegen. Ihm stockte der Atem, als er sah, wie ein Ritter ein junges Mädchen, das vermutlich so alt war wie Marlein, ohne zu zögern erschlug. Niemand in der Ritterschaft konnte sich diesem Massaker vollständig entziehen, auch er nicht. Was ihn jedoch entsetzte, war, mit welcher Mordlust viele Ritter vorgingen. Wie Berserker erschlugen sie wehrlose Menschen und waren auch noch stolz auf ihr schändliches Tun.

Ron Jeremias und die bischöflichen Ritter bezogen Häuser am Marktplatz der Stadt. Die Inbesitznahme dieser Quartiere war blutig gewesen, doch ohne diese Gräueltaten hätte keiner von ihnen den Winter überlebt.

So hatte sich der junge Ritter aus Hattenheim den Kampf um die heiligen Stätten, die noch in weiter Ferne lagen, nicht vorgestellt. Er verstand sich und die Welt nicht mehr. Hatten nicht alle diese Männer – genau wie er – geschworen, tugendhaft zu leben? Hatten sie nicht gelobt, die Heiligtümer zu ehren und zu beschützen, Ungläubige zu bekämpfen, Kranken, Armen und Schwächeren zu helfen und ein gottesfürchtiges Leben zu führen? Wie konnte es sein, dass Menschen, die ihr ganzes Leben nach diesen moralischen Grundsätzen ausgerichtet hatten, über Nacht zu gefühllosen Räubern und Mördern wurden? Ron Jeremias litt unter dem, was um ihn herum vorging. Das Schlimmste aber war, dass er an all den Grausamkeiten beteiligt war. Weil er sich schuldig fühlte, getraute er sich tagelang nicht, das unschuldige Antlitz von Marlein zu küssen. Auch der Gedanke, dass er keine andere Möglichkeit gehabt hatte als mitzumachen, tröstete ihn nicht. Seine Unschuld hatte er ein für alle Mal verloren.

Als sie im Frühjahr aufbrachen, verließen sie ein verwüstetes Land. Städte und Dörfer lagen in Schutt und Asche. Tod, Elend und Trauer waren ihre Hinterlassenschaft.

Ende März ließen sie Europa hinter sich. Sie überquerten den Hellespont und betraten Kleinasien.20

Ritter Ron Jeremias war nun fast ein Jahr unterwegs. Er war ernüchtert. Die schlechte Versorgung führte zu Hass und Neid unter den Rittern. Fast ein Drittel der Kämpfer, die vor Jahresfrist in Regensburg aufgebrochen waren, war tot. Die Zahl der Toten unter der Bevölkerung ging in die Zehntausende. Städte, Dörfer und Gehöfte waren zu Hunderten geplündert und gebrandschatzt worden. Die Grausamkeiten, die dabei verübt wurden, waren unbeschreiblich. Auch wenn er sich bei den Massakern, soweit es ging, zurückgehalten hatte, merkte er doch, dass etwas in ihm zerbrochen war. Er bedauerte alles, was geschehen war, aus tiefster Seele und befürchtete, dass es noch schlimmer werden könnte, wenn sie erst auf die Feinde trafen, derentwegen sie hier waren. Aber einen Ausweg sah er nicht, denn ihm war klar, wer bei dieser Unternehmung nicht mit allen Mitteln um sein Überleben kämpfte, war rettungslos verloren und würde die Heimat nie mehr wiedersehen.

Auf dem neuen Erdteil ging das Leben so weiter, wie es auf dem alten geendet hatte. Hunderttausend Soldaten bahnten sich den Weg durch muslimisches Gebiet und wurden von türkischen Kämpfern angegriffen. Und wieder starben Hunderte auf beiden Seiten. Endlich, Ende Mai, erreichten die Ritter Kilikien.21 Zum ersten Mal wurden sie freundlich aufgenommen und erhielten Unterstützung und Hilfe.

Die Ruhe und Sicherheit taten Mensch und Tier gut. Ein Aufatmen ging durch das Heer, denn man war sicher, das Schlimmste überstanden zu haben. Dann geschah das Unfassbare: Kaiser Friedrich I. ertrank beim Baden im Fluss Salep. Die Nachricht lief wie eine Schockwelle durch das Lager der Kreuzfahrer. Es gab tagelang kein anderes Thema mehr als den Tod des Kaisers und die Frage, wie es nun weitergehen würde.

Ron Jeremias hatte sich im Laufe des Jahres mit dem Ritter aus Alzey angefreundet. In vielen gefährlichen Situationen, sei es im Kampf oder bei Auseinandersetzungen mit anderen Rittern, hatte ihm der erfahrene Recke zur Seite gestanden. Ron Jeremias war nicht sicher, ob er ohne den Beistand des Freundes überhaupt noch leben würde.

Sie standen beisammen, als die Hiobsbotschaft sie erreichte. »Wie wird es weitergehen?«, fragte Ron Jeremias seinen Freud mit sorgenvoller Miene.

Der zuckte mit den Achseln: »Ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht einmal, ob es überhaupt weitergeht. Vielleicht kehren wir um.«

»Nach all den Strapazen? Zehntausende haben bereits ihr Leben gelassen! Soll das alles vergebens gewesen sein?«

»Wir werden sehen«, erwiderte der Ritter und wandte sich zum Gehen. »Ich versuche, einen der Fürsten zu finden. Einige von ihnen kenne ich von der Reichsburg in Alzey. Vielleicht erfahre ich etwas.«

»Hoffentlich«, sagte Ron Jeremias, dann trennten sie sich.

Er ging zu seinem Pferd. Seit zwei Tagen lahmte das Tier leicht. Er wollte sich die Hufe ansehen und prüfen, ob die Gelenke geschwollen waren. Der Gedanke, das Tier könnte ernsthaft krank sein, ließ ihn erschauern. Mit keinem Wesen war er so eng verbunden wie mit seinem Pferd. In all den Kämpfen, die er gefochten hatte, war es ihm ein Kamerad gewesen. Auf kleinste Kommandos, sei es ein Schenkeldruck oder eine Gewichtsverlagerung, reagierte das Tier schnell und zuverlässig und bewahrte ihn so vor Verletzungen. In seinem Hals bildete sich ein Kloß.

Die Zeit der Ruhe hatte dem Hengst ganz offensichtlich gut getan. Auch die Pflege durch die Stallknechte war ihm deutlich anzusehen. Von Staub und Schmutz befreit glänzte sein schwarzbraunes Fell seit Monaten zum ersten Mal. Ron Jeremias blieb am Zaun der Koppel stehen und sah dem Tier zu, wie es sich bewegte. Er konnte keine Auffälligkeiten feststellen. Die Hoffnung, dass es sich um eine Zerrung oder vorübergehende Muskelverspannung handelte, nahm zu. Er verharrte eine halbe Stunde, ohne dass sich etwas veränderte. Dann stieg er in die Koppel und betastete die Knie- und Fußgelenke des Pferdes. Offensichtlich gab es in diesen Bereichen keine schmerzempfindlichen Stellen. Der Kloß im Hals verschwand, und er ging mit etwas Zuversicht zum Lager zurück.

Er saß vor dem Zelt in der warmen Abendsonne, als sein Freund von der Erkundungstour zurückkam. Viel hatte er nicht in Erfahrung bringen können, aber er hatte den Eindruck gewonnen, dass sich die Fürsten darauf einigen würden, dass Friedrichs Sohn, der Herzog von Schwaben, das Kommando übernehmen und den Kreuzzug fortsetzen würde. Außerdem zeichnete sich ab, dass ein großer Teil des Heeres nach Hause zurückkehren würde. Viele Männer waren demoralisiert und fühlten sich nach den zurückliegenden Strapazen nicht mehr in der Lage, gegen die ausgeruhten Kämpfer Saladins22 anzutreten. Von dem einst so stolzen Heer blieb weniger als die Hälfte für den Kampf übrig, um dessentwegen sie ausgezogen waren.

Die Tage ohne Kampf und Not hatte Ron Jeremias gut getan. In langen Zwiegesprächen mit dem Bild an seinem Herzen hatte er versucht, sein seelisches Gleichgewicht wiederzufinden. Marleins Antworten auf seine Fragen und ihr Trost gaben ihm neuen Halt, und ein Teil der verloren Selbstachtung kehrte zurück.

Es kam, wie der Alzeyer vermutet hatte. Der Herzog von Schwaben übernahm das Kommando. Nachdem die neue Ordnung hergestellt war, zogen die verbliebenen Ritter weiter. Ihr Ziel war Akkon.23

Die gesamte Ritterschaft ging davon aus, dass der Kampf um die Hafenstadt kurz werden würde, weil sie bereits seit einem Jahr belagert wurde. Die Kreuzritter hatten einen befestigten Ring um die Stadt gebildet und rechneten täglich mit der Aufgabe der Verteidiger.

Im Oktober 1190 erreichte Ron Jeremias zusammen mit dem Rest von Kaiser Friedrichs Kreuzfahrerheer die Stadt Akkon. Sie verstärkten die christlichen Belagerer. Nun hofften alle auf einen schnellen Sieg. Aber es sollte anders kommen. Wider Erwarten veranlasste die Verstärkung Saladin dazu, so viele zusätzliche Truppen heranzuziehen, dass er nun seinerseits in der Lage war, die die Stadt belagernden Christen in einem zweiten Belagerungsring einzuschließen. Die Kreuzritter saßen in der Falle. Vor ihnen die Mauern von Akkon, hinter ihnen Saladin mit überlegenen Kräften. Die Folgen für die Kreuzfahrer waren katastrophal.

Seit er in Regensburg losgezogen war, hatte Ron Jeremias so viel Not und Elend erlebt, dass er glaubte, eine Steigerung des Grauens sei nicht mehr möglich. Er musste schnell einsehen, dass er sich getäuscht hatte. Akkon wurde für ihn und seine Mitstreiter zum Vorhof der Hölle und sollte sein Leben für immer verändern.

Das Leben im Lager der Christen wurde nach der Einschließung durch Saladin schnell unerträglich. Lebensmittel wurden knapp, Wasser gab es ohnehin nicht genügend, die Hygiene brach zusammen. Seuchen machten sich breit. Was er hier erlebte, war mit nichts zu vergleichen, was er bisher durchgemacht hatte. Der Zug über den Balkan war hart und entbehrungsreich gewesen. Viele hatten ihn mit dem Leben bezahlt. Aber die Lage war nie hoffnungslos gewesen. Wenn es hart auf hart gekommen war, hatte man sich genommen, was man brauchte, wenn notwendig mit brutaler Gewalt. Und jetzt? Hier gab es niemanden, den man ausplündern konnte. Die Ritter mussten mit dem auskommen, was sie hatten, und das wurde rapide weniger. Das Einzige, was zunahm, war die Anzahl der Grabhügel. Der Durst war unerträglich und trieb manchen in den Wahnsinn. Der Hunger und die ständige Angst, von einer Seuche befallen zu werden, taten ihr Übriges. Nach und nach wurden die Menschen zu Schatten ihrer selbst und waren nicht weit davon entfernt, zu Kannibalen zu werden. Nie zuvor hatte sich Ron Jeremias so sehr nach einer Schlacht gesehnt wie jetzt. Würde doch Saladin endlich angreifen! Dann hieß es siegen oder sterben. Selbst Letzteres sah er als barmherziger an als das Elend, das ihn umgab. Aber Saladin griff nicht an, weil er ganz genau wusste, dass die Kreuzritter am Ende waren. Er wartete darauf, dass sie ihm wie reife Äpfel in den Schoß fielen.

An Wunder glaubte Ron Jeremias schon lange nicht mehr. Dann aber geschah doch eines. Im Oktober, ein Jahr nach seinem Eintreffen in Akkon, durchbrachen französische und englische Ritter Saladins Belagerungsring von See her und retteten das sterbende Heer buchstäblich im allerletzten Augenblick.

Damit war Saladins Plan gescheitert. Die Ritter kamen schnell zu Kräften und waren mit der Verstärkung aus Frankreich und England Saladin überlegen. Als den Bewohnern von Akkon klar wurde, dass Saladin die Kreuzfahrer nicht mehr schlagen konnte, boten sie die Übergabe der Stadt an, und Saladin gab die Belagerung auf.

Die Bilanz dieses Sieges war entsetzlich. Obwohl es zu keiner Entscheidungsschlacht gekommen war, waren die Verluste des christlichen Heeres enorm: Eine Königin, sechs Erzbischöfe und Patriarchen, zwölf Bischöfe, vierzig Herzöge und Grafen und 500 weitere hohe Adlige waren tot. Die gefallenen Ritter aus niederem Adel und die enorme Schar des Fußvolks blieben ungezählt, gingen aber in die Zehntausende. Auch Ron Jeremias’ väterlicher Freund aus Alzey und sechs Ritter des Bischofs lebten nicht mehr. Keiner von ihnen war heldenhaft im Kampf gestorben, sondern an Krankheit, Durst oder Unterernährung.

Und als wäre des Mordens und Sterbens noch nicht genug, ließ König Richard24, nachdem sie Akkon eingenommen hatten, 2700 Gefangene köpfen, weil nicht schnell genug Lösegeld für sie gezahlt worden war.

Ritter Ron Jeremias watete in seinen Träumen durch Blut; er fand keine Ruhe mehr. Was er seit seinem zwanzigsten Lebensjahr an Grausamkeiten erlebt hatte, war einfach zu viel. Seinen Glauben an die ritterlichen Tugenden Mut, Ehre, Barmherzigkeit und Gottesfurcht hatte er längst verloren.

Während der kampflosen Zeit hatte er sein Kettenhemd abgelegt und sich unermüdlich um Kranke und Sterbende gekümmert. Diese aufopferungsvolle Tätigkeit gab ihm das Gefühl, ein wenig für das zu sühnen, was er mitverschuldet hatte.

Unter den muslimischen Gefangenen, die nicht hingerichtet worden waren, gab es heilkundige Männer, die sich mit ganzer Kraft für das Leben ihrer Feinde einsetzten. Mit Erstaunen und Bewunderung sah Ron Jeremias, über welch beeindruckendes Wissen sie verfügten. Hier waren Mediziner am Werk, die Zusammenhänge erkannten und nicht darauf hofften, dass ihre Mittel schon irgendwie helfen würden, auch wenn man nicht genau wusste warum. Bereitwillig wiesen sie Ron Jeremias in ihre Kunst ein. Er las über den Aufbau des Körpers, die Funktion der Organe. Auch wenn er wusste, dass er in der Kürze der Zeit nur in einem bescheidenen Umfang in ihre Geheimnisse eindringen konnte, so war ihm doch klar, dass bereits das Wenige, was er lernte, in seiner Heimat bahnbrechend sein konnte. Er studierte Schriften über Wundbehandlung und die Theorie der vier Säfte. Aber es waren nicht nur die medizinischen Kenntnisse, mit denen ihn die Sarazenen beeindruckten. Ihr Menschenbild unterschied sich fundamental von dem, das er kannte. Es war für sie selbstverständlich, Menschen zu helfen, die gekommen waren, sie zu vernichten. Ein Verhalten, das in der abendländischen Kultur kaum vorstellbar war.

Von alledem hatte er Marlein in seinen Träumen und den allabendlichen Hinwendungen an ihr Bildnis ausführlich erzählt. Aber sie schwieg schon seit Tagen. Der Gedanke, dass sie sich für immer von ihm abgewandt haben könnte, trieb ihn in eine tiefe Depression.

Er suchte die Gelegenheit, mit dem Kaplan, den er regelmäßig bei den zahllosen Beerdigungen traf, über das zu sprechen, was ihn zu zerreißen drohte. Vielleicht konnte der Gottesmann seiner Seele etwas Trost spenden. Zwei Tage nachdem er sich zu diesem Schritt entschlossen hatte, sah er den Geistlichen, der sich angeregt mit einem Ritter unterhielt. Ron Jeremias gesellte sich zu ihnen und schwieg. Das Gespräch der beiden drehte sich um die Frage, ob man Jerusalem in diesem Jahr noch einnehmen konnte oder nicht. Der Pater war überzeugt, dass dies gelingen würde, wogegen der Ritter eher zur Skepsis neigte.

»Was denkt Ihr?«, wandte sich der Pater an Ron Jeremias.

»Ich weiß es nicht«, antwortete dieser, »ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir Jerusalem überhaupt jemals einnehmen werden.«

»Wie könnt Ihr daran zweifeln?«, erboste sich der Geistliche, »Gott wird uns den Weg bahnen.«

»Vielleicht, aber nach Gottes unergründlichem Ratschluss ist unsere Kampfkraft so sehr geschwächt, dass wir Saladin in einer offenen Schlacht kaum noch gewachsen sind.«

»Das ist Ketzerei«, zischte der Priester, »versündigt Euch nicht, Herr Ritter.«

»Das habe ich nicht vor«, erwiderte Ron Jeremias in aller Gelassenheit, »aber ich frage mich doch, ob alles, was geschah, Gottes Wille war. Ich denke an die Plünderungen, Brandschatzungen und die unzähligen unschuldigen Menschen, die dabei sterben mussten.«

»Wollt Ihr Euch über Gott erheben?«, zürnte der Geistliche. »Alles geschieht, weil Gott es so will. Wir haben zum Schwert gegriffen, um die Ungläubigen zu bestrafen, die die heiligen Orte entweihen, an denen unser Herr gelebt und gelitten hat. Uns voran weht das Banner des Kreuzes und heiligt unsere Taten. Der Herr hat gesagt: ›Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!‹ So steht es bei Matthäus, Kapitel 10, Vers 34.«

Ron Jeremias musste einfach widersprechen. »Er hat aber auch gesagt: ›Wer das Schwert nimmt, der wird durch das Schwert umkommen!‹ Das steht auch bei Matthäus, Kapitel 26, Vers 52. Und Moses hat gesagt: ›Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden, denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht.‹«

»Die Heilige Mutter Kirche, an ihrer Spitze der Stellvertreter Christi auf Erden, seine Heiligkeit Papst Gregor VII.25