Mittagessen am Sonntag - José Luis Peixoto - E-Book

Mittagessen am Sonntag E-Book

José Luís Peixoto

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Beschreibung

In drei Tagen wird Rui Nabeiro seinen 90. Geburtstag im Kreise der Familie mit einem gemeinsamen Essen feiern. Während der Vorbereitungen auf das Jubiläum lässt er sein Leben Revue passieren. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Geschäftsmann baute aus eigener Kraft ein Firmenimperium auf. Er erinnert sich an die Tage seiner Kindheit, an seine Hochzeit mit Alice, an die Geburt seiner Kinder und blickt dabei auch auf historische Ereignisse zurück, die sowohl ihn selbst prägten als auch Einfluss auf die Firma hatten. Die Nelkenrevolution als Schlusspunkt der langjährigen Salazar-Diktatur, die Kolonialkriege, aber auch der Eintritt Portugals in die EU. Über all diesen Ereignissen steht aber immer die Familie, allen voran Ruis Frau Alice, die mit ihrer ungebrochenen Liebe stets an seiner Seite stand, in allen Höhen und Tiefen seines Lebens. Ein Roman, eine Biografie, eine Lektüre Portugals und der verschiedenen portugiesischen Generationen. Berührt vom Spanischen Bürgerkrieg, dem 25. April, von historischen Persönlichkeiten, ist dies auch eine Geschichte über das Alter, über Leben gegen Tod, tiefe Liebe und Trauer sowie über eine Familie, die sich bei einem Sonntagsessen um einen großzügigen Mann versammelt, der trotz seines Reichtums seine Wurzeln bis zuletzt nicht vergessen hat.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autor und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

26. März 2021

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27. März 2021

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28. März 2021

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Rui Nabeiro

Originaltitel: Almoço de Domingo © José Luís Peixoto, 2021

Funded by the Direção Geral do Livro, dos Arquivos e das Bibliotecas

& Camões – Instituto da Cooperação e da Língua, IP

© 2024, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Christie Jagenteufel

Cover: Jürgen Schütz

Coverbild: © i-stock

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-99120-050-5

Printversion: Hardcover

ISBN: 978-3-99120-044-4

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.instagram.com/septimeverlag

José Luis Peixoto

Jahrgang 1974, studierte Moderne Sprachen und Literaturen (Englisch und Deutsch) an der Universidade Nova de Lisboa. Er ist Autor von Romanen, Gedichten, Theaterstücken sowie von Reiseliteratur und Kolumnen. Für seine Werke erhielt der portugiesische Autor zahlreiche Auszeichnungen wie den Literaturpreis »José Saramago«. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Das Haus im Dunkel erschien 2015, 2017 folgt der Roman Friedhof der Klaviere. Im Zuge des Gastlandauftritts 21/22 auf der Leipziger Buchmesse erschien 2021 der dritte Roman, Galveias.  

Klappentext:

In drei Tagen wird Rui Nabeiro seinen 90. Geburtstag im Kreise der Familie mit einem gemeinsamen Essen feiern. Während der Vorbereitungen auf das Jubiläum lässt er sein Leben Revue passieren. Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Geschäftsmann baute aus eigener Kraft ein Firmenimperium auf. Er erinnert sich an die Tage seiner Kindheit, an seine Hochzeit mit Alice, an die Geburt seiner Kinder und blickt dabei auch auf historische Ereignisse zurück, die sowohl ihn selbst prägten als auch Einfluss auf die Firma hatten. Die Nelkenrevolution als Schlusspunkt der langjährigen Salazar-Diktatur, die Kolonialkriege, aber auch der Eintritt Portugals in die EU. Über all diesen Ereignissen steht aber immer die Familie, allen voran Ruis Frau Alice, die mit ihrer ungebrochenen Liebe stets an seiner Seite stand, in allen Höhen und Tiefen seines Lebens.Ein Roman, eine Biografie, eine Lektüre Portugals und der verschiedenen portugiesischen Generationen. Berührt vom Spanischen Bürgerkrieg, dem 25. April, von historischen Persönlichkeiten, ist dies auch eine Geschichte über das Alter, über Leben gegen Tod, tiefe Liebe und Trauer sowie über eine Familie, die sich bei einem Sonntagsessen um einen großzügigen Mann versammelt, der trotz seines Reichtums seine Wurzeln bis zuletzt nicht vergessen hat.

José Luís Peixoto

Mittagessen am Sonntag

Roman | Septime Verlag

Aus dem Portugiesischen von Ilse Dick

Die Vergangenheit muss ständig beweisen,

dass es sie gegeben hat.

Was in Vergessenheit geraten

und was nicht dagewesen,

nimmt denselben Rang ein.

Was geschehen ist,

wandert umher,

fragil, von nur einem Menschen getragen.

Verschwindet er,

verschwindet auch all das Geschehene,

unwiderruflich. Es gibt keinen Weg,

es zurückzuholen, es ist,

als hätte es nie existiert.

26. März 2021

1

Er erwachte ohne Alter. Erinnerte sich an seinen Körper, rührte aber keinen Finger. Er spürte das Bettzeug, das mit der frühen Morgenstunde verschmolz, öffnete jedoch nicht die Augen. Von Wohligkeit umhüllt, zog er das Dunkel der Dämmerung vor, oder, schlimmer noch, den beharrlichen Ziffern des neumodischen elektronischen Weckers. Die Lider fühlten sich leicht an, wie auch die Welt in diesem Augenblick leicht war, die Stille draußen über dem Städtchen, die reine Luft, die er atmete und die ihn innerlich befreite. Er rührte keinen Finger, keinen Muskel, hatte Gewissheiten. Wusste, Altwerden heißt Schmerzen ansammeln: Erst schmerzen bestimmte Gesten, bestimmte Bewegungen, sich plötzlich umdrehen, sich bücken, um die Schnürsenkel zu binden; dann schmerzen die alltäglichsten Verrichtungen, sich setzen, aufstehen, gehen, bis schließlich alles schmerzt, bis es schmerzt, hier zu sein, bis es schmerzt, überhaupt zu sein.

Es waren Schmerzen, die er dort, wo er jetzt war,nicht spürte. Es war wie in der Jugend oder zumindest wie damals, als er bestimmte Beschwerden nicht kannte. Während er so dalag, pries er den Nutzen der Unwissenheit, und ohne in übertriebener Naivität schwelgen zu wollen, meinte er fast, er wäre plötzlich wieder jung geworden. DieMöglichkeit gab es, vielleicht, wer weiß. Er hatte schon weitaus überraschendere Phänomene erlebt. Würde ihm solch ein Geschäft angeboten werden, ginge er sofort darauf ein, ohne sich aber besonders interessiert zu zeigen, die Regeln geschäftlicher Transaktionen waren ihm hinreichend bekannt. Vorsichtshalber, für alle Fälle, blieb er liegen, blieb liegen, ohne sich zu rühren, blieb, wie er war.

Er erinnerte sich an die Brille von Marcello Caetano. Und schweifte ab, es verging eine Sekunde oder was ihm eine Sekunde erschien. Er erinnerte sich an den säuerlichen Geruch der Masse für die geräucherten Mehlwürste und wollte in dieser Erinnerung verweilen, spann sie weiter: das helle Brät in zwei Schüsseln, Fettkörnchen, die glänzten, die Mutter und zwei Frauen, die sich auf Schemeln rund um die erste Schüssel einrichteten und, die Fingernägel fein säuberlich geschnitten, die Därme füllten, ihre Hände vom Handrücken bis zum Handgelenk in der Wurstmasse, die sie mit den Fingern durch einen kleinen Aluminiumtrichter in die Därme stopften, nicht prall voll, um sie noch zubinden zu können, und die Mutter, die ihren Kopf hob, ihn, den Sohn, erblickte und nach ihm rief, ihn in seiner Erinnerung abermals rief. Von weit her kam die Stimme der Mutter und doch hatte er Mühe, sie von der eigenen zu unterscheiden. Wo war in diesem Augenblick die Stimme der Mutter? Und er erinnerte sich erneut an die Mutter, wie sie ihn rief, und an densäuerlichen Geruch der Wurstmasse.

Er war ein Mann, der einfach nur dalag. Als hätte er mit dem Alter auch einen Teil seines Namens verloren. Alles fühlte sich so leicht an, wie schon lange nicht mehr. Als wäre er von einer unsichtbaren Last befreit, vielleicht vom Blick der vielen Menschen, der sich auf ihn richtete, wenn er des Weges kam, vielleicht vom Gewicht des Respekts, Senhor Comendador, Senhor Comendador. Aber jetzt war er ein Mann, der einfach nur dalag. Am Namen hielt er fest, namenlos hatte er nie sein wollen, er trug den angestammten Namen, doch der hatte das Gewicht, das ihm mit der Zeit zur Bürde geworden war, verloren. Auch seine Geschichte bewahrte er, auf unglaubliche Weise aber war das Gewicht, das ihm so schwer auf den Knochen lastete, aufgehoben, wie ein Wunder dieser frühen Morgenstunde.

Er genoss diese Freiheit, lächelte in sich hinein. Auf das Wesentliche, auf das Sein beschränkt oder vielmehr darauf erweitert, ließ er sich von diesem Wachtraum, der in ihm nachklang, tragen und machte sich auf durch das Haus: morgendliche Stille, feierlich, dann und wann von einem fernen Knarren durchbrochen, Holz am Klagen. Im Bett liegend, umgeben vom weiten Dunkel der geschlossenen Augen, ging er durch Korridore, betrat Räume, die ihm trotz all der Jahre neu schienen. Er erinnerte sich an damals, als sie geplant und errichtet wurden, ebenso leicht hätte er sich an die Zeit erinnern können, als es sie nur in seiner Vorstellung gab. Nie wollte er sich an Besitz gewöhnen, nie aufhören, ihn zu schätzen und sich daran zu erfreuen, es war ein gutes Haus. Und er schritt durch die Wände des Hauses, durch Mauern, Türen, Tore, durchquerte einen Gedanken von gleicher Dichte und wandte sich den Straßen und Gassen des Städtchens zu. Er kannte sie alle, die ganz alten, von Jahrhunderten gewunden, von Menschen und noch mehr Menschen abgetreten – geopferte Schatten –, wie auch die neueren, die noch nach Asphaltrochen.Wäre es nötig, würde er sogar in der finstersten Nacht ohne Mühe seinen Weg durch Campo Maior finden, ohne Mondlicht, ohne Straßenlaternen, mit geschlossenen Augen. Einst hatte er seine Hand auf den Kalk gelegt, hatte seine zahlreichen Schichten erspürt. Er kannte Geschichten aus allen Winkeln des Städtchens, bei einigen war er Zeuge, ganz nahe am Geschehen, die meisten hatte er miterlebt. Und er lächelte mit neuer Kraft, als er die Frische einiger Straßen wahrnahm, die Brise, die sich zwischen den Fassaden auf der einen und der anderen Seiteregte, die Türen offen oder nur angelehnt, die Riegel nicht vorgeschoben, Wäsche auf der Leine, von Leuten, die er gut kannte, Stimmen, die über das Abendessen sprachen, am späten Märznachmittag die Kohlebecken aufgestellt, um das wärmende Feuerfürden Feierabend anzufachen. Zu welchem Jahr gehörten diese Märze?, eine Frage, die er sich nicht stellte, sondern lieber dem Duft der Orangenblüten nachspürte, hergeweht aus irgendeinem Garten, irgendeinem Hinterhof, vielleicht schon am Weg aufs Land, und dabei hörte er den Klang der Stiefel, wenn sie auf die Erde traten, auf Märzgräser oder, noch wahrscheinlicher, Gräser ohne Monat, ohne Jahr.Würde er in diese Richtung weitergehen, käme erbald an die Grenze. Jetzt, in seiner Muße, war die Aufregung dort an der Grenze eine harmlose Erinnerung, erweckte in ihm eine Art Euphorie oder Jugendfrische, aber er tat nicht den Schritt, diese Linie zu übertreten, kehrte ganz plötzlich in sein Zimmer zurück, nahm ganzplötzlich wieder das Zimmer wahr, den Körper in derselben Position, bewegungslos, auf Wärme erpicht, früher Morgen.

Die Vergangenheit muss ständig beweisen, dass es sie gegeben hat. Was in Vergessenheit geraten und was nicht dagewesen, nimmt denselben Rang ein. Was geschehen ist, wandert umher,fragil, von nur einem Menschen getragen. Verschwindet er, verschwindet auch all das Geschehene, unwiderruflich. Es gibt keinen Weg, es zurückzuholen, es ist, als hätte es nie existiert.Er erinnerte sich an den trockenen Kuchen im Mund, wie er ihn kaute, ihn nicht schlucken konnte, ihn im Mund hin und her schob, an ein Gläschen Likör, wie er die Zungenspitze in ein Likörglas tauchte, wie die Süße sich mit der zerkauten Masse vermengte. Die Vergangenheit ist gigantisch, legt sich wie ein Gebirge zur Gänze über die Gegenwart, die einer Nadel gleicht, der Spitze einer Nadel. Ein Gebirge auf einer Nadelspitze, unglaublich.

Reglos daliegend, gab er in seinem Innersten Sätze von sich. Sätze, die sich ins Dunkel entfernten, er hatte Zeit, sie zu beobachten, sie genau zu betrachten. Vielleicht dank der Stille dieser Stunde, vielleicht dank der Leere des noch nüchternen Magens waren es Sätze, die eine erhabene und brennende Wahrheit enthielten, bisweilen beklemmend, vor allem, wenn sie sich langsam verflüchtigten, sich mit Vergessenem vermengten, die Stimme sich auflöste. Wem gehörte diese Stimme? Er hörte nur sie. Hörte sie klar und deutlich, als würde sie von außen kommen, als würde jemand mit ihm sprechen. Es war aber eine Stimme, die ICH sagte und dabei IHN meinte. Wer in seinem Inneren sagte ICH? War er diese Stimme?

Er spürte die Frau an seiner Seite, welch schöner Name: Alice, der Name eines jungen Mädchens, und beinahehätte er sie geweckt, um die Erleichterung mit ihr zu teilen. Aberihr Gesicht im Schlaf war ihm sovertraut, hatte er doch im Lauf der Jahrzehnte so viele Male dort Zuflucht gefunden, ein argloses Gesicht, absolutes Vertrauen, Alice, mehrere Gesichter und doch immer dasselbe. Die Erinnerung daran, wie übereinandergelagerte Fotografien, stieg ihm die Kehle hoch, Zärtlichkeit ist eine sublime Form von Verbundenheit. Und noch mit geschlossenen Augen musste er tief einatmen, als würde er das Dunkel einsaugen und gleich darauf dem frühen Morgen wiedergeben.

Er öffnete die Augen, kehrte in seinen Körper zurück. Begann sich langsam umzudrehen und dabei zu seinem Alter zurückzukehren, neunundachtzig Jahre, welch eine Zahl. Während er den Körper auf der Matratze hin und her wälzte, Zylinder in Bewegung, langsames Insekt, versuchte er, die Frau nicht zu wecken, Geräusche von Sprungfedern, Scharnieren, ein abrupter Luftzug zwischenden Laken. Gleichzeitig ein Stechen im Rücken, der Nacken steif, die Handgelenke mit Vorsicht zu bewegen, um sie nicht zu verrenken. Und als er die Bettdecke von sich streifte, unterdrückte er den Seufzer, den das aufgerichtete Rückgrat und die Wirbel dazwischen von ihm forderten. Auf Zehenspitzen berührte er den Boden.

Als würde er von der trockenen Zunge kosten, einen imaginären Brei essen, machte er den Mund auf und zu, mit kurzen Schmatzern. Dann kniff er die Augen zu, und als er die Lider hob, nahm das Halbdunkel Formen an und er konnte das Licht erkennen, das erst später kommen, den wirklichen Anbruch des Tages anzeigen würde, Licht, das durch einige Punkte des geschlossenen Fensters dringen und von dort aus Linien in die Luft des Zimmers zeichnen und ausreichende Angaben liefern würde, um Fläche und Inhalt zu berechnen. Doch er verfügte über höchst vertrauenswürdige Referenzen, überein an all in diesem Raum erwachten Tagen angehäuftes Wissen, ohne weitere Messungen und Berechnungen vornehmen zu müssen. Aus Stolz nahm er vom Wecker noch keine Notiz. Dennoch gab esdie Zeit und den Atem der Frau, der ihr zart über den Gaumen glitt. Und wieder die Reinheit, Alice, einfache und in der Stille fragiler Geräusche tiefe Bindung.

Schritt für Schritt, ohne sich um die am Vorabend ausgewählte und zusammengefaltete Kleidung zu kümmern, begab er sich auf den Weg, den der Kopf ihm auftrug. Mit dieser Aufgabe beschäftigt, kehrte er zu seinem Namen zurück. Kehrte zurück zu dem Namen, mit dem seine Frau ihn jeden Tag anspricht, mit dem sie ihn gleich nach der Hochzeit, nach ein, zwei Monaten Ehe ansprach, der Name, mit dem man ihn beim Militär in Elvas ansprach, der Name, mit dem die Mutter ihn ansprach, die Stimme der Mutter, jeder Augenblick, in dem die Stimme der Mutter wieder zu hören war, sein Name zwischen Sätzen, die die Mutter zum ersten Mal sprach, aber auch der Name, mit dem seine Mitarbeiter ihn ansprechen, die älteren und die neueren, Großväter, Väter, Enkel, der Name, mit dem die Kunden ihn ansprechen, von Nord bis Süd, bis hin zu Kunden aus dem Ausland, und der Name, mit dem man ihn in den Straßen und Gassen von Campo Maior anspricht, den er bisweilen beinahe geflüstert hört, wenn jemand jemanden auf ihn aufmerksam macht, und der Name, mit dem seine Schwestern ihn ansprachen, und der gesprächige Onkel Joaquim, und der Lehrer in der dritten Klasse, wenn sein Name durch das Klassenzimmer klang, das Licht des Klassenzimmers, der Name, wenn er frühere Morgen durchdrang, und der Name, mit dem der Vater ihn ansprach, die Verbindung, die der Vater zu seinem Namen hatte, der Klang, mit dem er ihn aussprach, die Stimme des Vaters war da, war nicht vergessen, war da. Wo war die Stimme des Vaters in diesem Augenblick?

Der Trainingsanzug roch nach Schrank. Sobald er ihn angezogen, den Reißverschluss der Jacke zugezogen hatte, richtete er den Gummizug im Bund. Dann band er die Sportschuhe zu, ein Fuß, der andere Fuß, und stand langsam auf, doch sicher, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen. Er strich mit der Hand über den Schnurrbart und ging.

2

Das Feuer muss sich mit bescheidenen Flammen zufriedengeben, ohne haltlos heftig zu lodern. Es kann die Scheite mit einer Flammenschicht umhüllen, darf sich jedoch nicht auf das Reisig stürzen, und wenn es noch so danach dürstet. Um unserer Familie dienlich zu sein, hat das Feuer zwei Aufgaben zu erfüllen. Bei der ersten Aufgabe geht es um die Stangen mit Mehlwürsten, Chourizos, Blutwurst und Schinkenwurst im Kamin. Würste, in Reih und Glied auf Stangen gefädelt, von zwei Bänken gehalten, bevor sie hochgezogen und im Kamin auf verschiedene Höhenstufen verteilt werden. Die zweite Pflicht dieses Feuers betrifft den Milchtopf und die Kaffeekanne. Man darf das Feuer nicht zu heftig werden lassen, wenn die Würste räuchern sollen, mindestens knapp zwei Wochen lang, die Milch aber benötigt einige Hitze zum Kochen. Deshalb halte ich Wache, ein Stock dient mir dazu, das Feuer anzufachen, wenn es am Ausgehen ist, aber auch dazu, ihm einen Dämpfer zu versetzen, wenn es zu übermütig hochzüngelt.

Milchrahm. Kaum tauchte ich mit der Kanne auf, versprach mir die Mutter diese Leckerei. Der Abend war schon angebrochen, aber ich weiß nicht, ob die Uhr der Stadtpfarrkirche schon sechs geschlagen hatte. Mütterliche Zuwendung, Wohlwollen von Natur aus. Wäre es nötig gewesen, dieses Wohlwollen lauthals zu begründen, dann wohl damit, der Rahm würde mir, dem Knaben von neun Jahren und stolz darauf, Kraft einflößen,doch niemand fragte nach Gründen. Heute marschierte ich den ganzen Nachmittag mehrmals durch Campo Maior. Ich legte das Schulbuch der zweiten Klasse beiseite, aß eine Suppe und war nach zwei kurzen Minuten Pause sogleich zur Stelle, in wohlerzogener Stille. Meine Mutter nahm eine Bestellung entgegen. Sie können sich verlassen, ich rede mit meinem Rui. Ich dort, durchsichtig oder unsichtbar, und meine Mutter, die über mich sprach, über ihren Rui. Wir hatten frisches Fleisch im Laden, das wusste man im ganzen Städtchen. Das Schwein wurde am Vortag geschlachtet und nun hing es schon nicht mehr mit dem Schädel nach unten, die beiden Hinterhaxen verschnürt. Man hat schon ganz früh in der Morgenkühle damit begonnen, es zu zerteilen, noch vor meinem Abmarsch in die Schule.

Sie können sich auf mich verlassen, ich rede mit meinem Rui, und sie würde reden, doch die ersteBestellung war womöglich schon fertig. In einer feierlichen Zeremonie überreichte mir meine Mutter einen Teller mit Schnitzelfleisch, mit einem Tuch bedeckt. Und sowohl der Teller als auch das Tuch und das Fleisch waren vom Feinsten. Ich ging über den Praça da República und wählte danach die Straßen, die mir für diese Parade am geeignetsten schienen. Den Teller hielt ich mit beiden Händen vor der Brust. Bei jedem Schritt hob ich fest den Fuß, riskierte nicht einmal, über einen Gedanken zu stolpern. In eiserner Disziplin begegnete ich Burschen meines Alters und dazu gezwungen, dieselben Flüsse Angolas auswendig zu lernen wie ich, doch trotz großer Vertrautheit grüßten wir einander nicht. Über den Ernst der Lage im Bilde, folgten sie mir schweigend nur mit Blicken.

Näher an des Doktors Haus, wuchs der Wunsch, meinen Vater zu sehen, vielleicht würde es klappen, ihn zwischen dem einen und anderen Auftrag anzutreffen, es könnte ja sein, es könnte ja sogar sein,im Auto des Chefs, des Doktors, ein Stückchen mitfahren zu können, Ledersitze, der Hals gereckt, um die Straße vor der Motorhaube zu sehen, eine lange Karosserie aus massivem Blech, und mein Vater konzentriert, die Hände auf dem Lenkrad, für jedes Manöver gewappnet. Doch beinahe zugleich, eng an diesen Gedanken geknüpft, tat das Herz einen Satz und klopfte wie eine Trommel, es war die Angst, auf den Sohn des Doktors zu treffen, die Angst, er könnte frei umherlaufen, vergifteter Geist. Die letzten Meter legte ich in dieser Qual zurück, als würde der Tellermit dem Fleisch mich hinter sich herziehen.

Ich ging direkt zum Hintereingang des Hauses, klopfte an die Tür der Wirtschaftsküche, es kam eine Küchenhilfe, die mich sogleich ernüchterte, ich könne meinen Vater nicht sehen, er sei unterwegs, müsse die Chefin, die Frau des Doktors, irgendwohin bringen oder von irgendwo abholen. Beim Warten auf das Geschirr wuchs meine Angst bei der Vorstellung, der Doktorsohn mit seiner Fratze könnte mir in den Weg springen. Sobald ich den abgespülten Teller, von dem noch Wasser tropfte, wieder in Händen hatte, das Tuch fein säuberlich gefaltet, wollte ich nur weg von dort. In dieser Not hörte ich ein dumpfes Brüllen, vielleicht der Sohn des Doktors, eingeschlossen in einem Winkel des großen Hauses oder in meinem Kopf.

Die Glutnester gleich kleinen Seelen. Die Asche gleichsam vermengt mit dem Schatten. Pulverschatten. Die Milch, versteckt in ihrer Farbe, jedoch schon auf dem Sprung, plötzlich aus dem Topf überzulaufen. Diese grobeVerschwendung muss ich verhindern. Auch muss ich mich vor plötzlichen Tropfen aus den Bäuchen der Würste hüten, langsamer Regen dicken Fettes, Fett, zerlaufen, um durch die Poren der Wursthäute zu dringen und sich dann, durch den beharrlichen Rauch erhitzt, zu einem zähen Pfropfen zu vereinigen. Ich wende meinen Blick nicht vom Feuer, bewache die Flammen und die Milch, spüre jedoch, wie das Licht der Lampe meine Haut berührt, spüre den toxischen und süßlichen Duft von verbranntem Petroleum. Mein Bruder ist noch nicht zu Hause. Man weiß nicht, wann mein Vater nach Hause kommen wird, vom Doktor endlich freigestellt. Meine Schwestern sind noch in ihrem Zimmer. Ich drehe mich nicht zu meiner Mutter um, spüre aber, dass sie da ist, Mutter über alles, das ist ihre Welt.

Als ich ihr den Teller und das Tuch aushändigte, hatte sie den Korb mit Fleischstücken, auf Kohlblättern angerichtet, schon fertig, Sie können sich verlassen, ich rede mit meinem Rui. Meine Mutter erklärte mir, bei wem die Bestellung auszuliefern war: Ohr, Speck, Knochen, Füße, Leber, Milz. Bevor ich ging, strich sie mir übers Haar, eine zärtliche Geste, als würde sie mich kämmen. Als ich von der ersten Tour zurück war, fingen die Frauen eben an, die Därme zu befüllen. Der säuerliche Geruch der Wurstmasse erfüllte den Raum. Mit dem neuerlich bestückten Korb am Arm machte ich mich auf den Weg. DieStraßen von Campo Maior gingen in den Spätnachmittag über. Der Kalk nahm verschiedene Gelbtöne an, Grau- und Blautöne, bis der Abend anbrach. Zurück von der zweiten Tour – Hände, die dankend die Bestellung entgegennahmen, Blicke, die das Fleisch genüsslich taxierten, die Struktur des Fleisches auf dem Kohl –, erwartete mich meine Mutter mit der Milchkanne, hatte das schon die ganze Zeit im Sinn. Nach der Wärme von Tierfettund Stroh, nach dem schwach aufflackernden Blick der Kühe, nach den Straßen, schon dunkel, noch bevor der Abend anbrach, Leute, die nach Hause gingen, kam ich mit einem Viertelliter Milch an, plus ein, zwei Fingerbreit als Draufgabe für gute Kundschaft. Bei der Übergabe der Kanne versprach mir die Mutter den Milchrahm. Das kannte ich schon, es geschah nicht zum ersten Mal. Ich betrat das Haus und setzte mich mit meinen Schwestern an den Tisch, die kleinere hatte vom Herumalbernnoch immer nicht genug. Bohnensuppe mit Nudeln, meine Mutter immer auf den Beinen, von einer Aufgabe zur anderen, wir aßen in Stille, die Schatten in den Winkeln immer dichter. Doch die Kleine war noch putzmunter, dachte nicht an Schlaf, und meine Schwester Cremilde tat ihr den Gefallen, die Stimmen der beiden verfielen in Gelächter und mir nichts, dir nichts wurden aus dem Gelächter wieder Stimmen. Als das Geschirr abgeräumt war, holte ich mein Schulheft und setzte mich an den Tisch, richtete mich bei der Petroleumlampe ein und meine Mutter wies die Schwestern an, in ihr Zimmer zu gehen. Es machte ihnen nichts aus, wussten sie doch, dass sie dort ungestörter sein würden. Die Kohle des Stifts auf dem Papier, unter dem Licht der Petroleumlampe, Halbdunkel aus Schatten gemacht, schrieb ich Buchstaben mit Schatten. Die Zeit, meine Mutter und ich, sämtliche Gegenstände in der Küche.

Und vor wenigen Minuten verräumte ich das Heft wieder, die Arbeit beendet, tauglichfür den prüfenden Blick des Lehrers, und sogleich die Geräusche von Aluminium und Email, die Aluminiumkanne, aus der die Milch in den Emailbecher kippte. Ich sehe mich noch dabei, wenn ich den Becher auf die Glut stellte, er auf dem Ascheboden schabte, neben der Kaffeekanne mit Wasser, die stets am Feuer stand. Dieser Augenblick fand statt und tut es noch immer, es gab den Punkt, an dem alles dieser Augenblick war, und es gibt den Punkt, zeitversetzt, in dem er ein Echo ist, ein zerlegtes Gebilde aus Mitteilungen, die ich erst jetzt erkenne.

Plötzlich einen Gedankengang unterbrechend, als wollte sie mich überlisten, bläht sichdie Milch heftig auf und steigt hoch, doch ich reagiere sofort, beuge mich vor und ziehe den Becher weg. Meine Mutter hat alles mitbekommen. Hat alles vorbereitet, öffnetdie Kaffeedose.

Ich starre auf meine Hände, die Hände eines neunjährigen Knaben, die Größe und Form der Finger, die Fingernägel, die Haut der Handflächen, die Handgelenke. Ich betrachte meine Arme und vergleiche ihre Maße mit all dem, was mich umgibt, diese Küche, die Küche meiner neun Jahre, betrachtedie Zeit, den Feierabend meiner Kindheit, Winter, Wochentag, mein Bruder, der noch nicht zu Hause ist, ein Bursche von sechzehn Jahren, meine Schwestern, Cremilde mit elf und Clarisse mit sieben Jahren, mein Vater, der ebenfalls noch nicht zu Hause ist, vom Chef noch nicht freibekommen hat, der sich irgendwo befindet, atmet, irgendetwas sieht, beinahe sicher an uns denkt, beinahe sicher denkt, hier sein zu wollen.

Und diese ganz bestimmte, eindringliche Stunde, meine Mutter, behütet vom Licht und vom Dunkel, die Petroleumlampe, die das gesamte Gewicht des Abends trägt. Meine Mutter, die Taille in Dunstschwaden gehüllt, gießt Wasser in den Filter. Es ist erstklassiger Kaffee, von meinem Onkel aus Spanien gebracht, ist Gold. Sie richtet für meine Schwestern und mich Becher mit Milchkaffee her, für meinen Bruder erst später, und Clarisse wird sich die Lippen lecken, damit ihr kein einziges Körnchen Zucker entgeht, und meine Mutter wird sich an der Freude ergötzen, uns erfreut zu sehen. Die letzten dunklen Tropfen fallen durch den Boden des Filters, umgestülpter Kegel, Kaffeeduft.

Meine Mutter wendet sich mir zu, ich trete ihr unter die Augen, es sind wahrhaftige Augen. Auf der erhitzten Milch hat sich der Rahm bereits verdickt. Die klaren Augen meiner Mutter, ihr Gesicht, das ist die Jugend, die hierbleiben wird, wir werden ohne sie weiterziehen müssen, werden weitermachen müssen, werden uns von nichts zurückhalten lassen dürfen, nicht einmal von dem, was am wichtigsten ist, vom einzig wirklich Wichtigen. Noch sind wir allein in der Küche, meine Mutter hat die Becher noch nicht hergerichtet, die Milch noch nicht eingerührt, den Kaffee noch nicht gezuckert, die Schwestern noch nicht gerufen, sie weiß noch nicht, was meinem Vater geschehen wird, es fehlen nur so wenige Jahre, sie ist noch nicht gealtert, meine Mutter ist noch nicht gealtert. Meine Mutter, ihre jugendlichen und klaren Augen und ich mit neun Jahren, mein Rui, Sie können sich darauf verlassen, ich rede mit meinem Rui, ich mit neun Jahren, mit dem Wunsch, sie vor allem zu bewahren, alles zu lösen, ihr die Hand zu halten und ihr zu bestimmter Stunde ins Ohr zu flüstern: Hab keine Angst, Mutter, hab keine Angst, Mutter, ich bin’s, dein Rui, ich bin hier.

*

Er war hinter dem Blattwerk und den Blüten eines Oleanders verborgen. Die Knie leicht gebeugt, spähte er nach dem Chauffeur. Die Blüten in üppigem Rosa verströmten einen honigsüßen, schweren Duft. Die Sonne heizte allmählich die Luft auf, und auch deshalb brachte der Duft dieSüße besonders zur Geltung.

Er nahm eine angemessenere Haltung an, richtete sich auf, wollte jedoch nicht gleich in Erscheinung treten, brauchte noch ein paar Minuten. Er erinnerte sich an die Brille von Marcello Caetano, schon zum zweiten Mal an diesem Tag rief er sie sich ins Gedächtnis. Doch gleich darauf blickte er in Richtung Spanien, sein Blick drang durch den Zaun des Stadions, warf sich auf den Beginn der Landstraße. Links und rechts vom Straßenrand tauchten aus der Fantasie oder aus der Erinnerung kerzengerade ausgerichtete Olivenhaine auf, die er auch dort schon betrachtet hatte.

Verrückt schienen sie zu sein, die Spatzen, in tiefem Flug wild durcheinander, trotzten sie der Sonne, wussten, sie könnten jederzeit durch die Baumkronen tauchen und dort ihren Flügeln und Schnäbeln Ruhe gönnen. Der Warterei nun schon leid, ging er abermals leicht in die Knie und spähte erneut zwischen zwei Ästen des Oleanders nach dem Chauffeur. Der stand noch immer nachdenklich dort, lehnte sich an die Autotür, trat ein paar Schritte zur Seite,begrüßte einen Passanten, guten Tag, wechselte ein paar abgehackte Sätze mit den Feuerwehrleuten, die einen Schritt vor das Zeughaus machten.

Als Senhor Rui zur ersten Morgenstunde im Trainingsanzug, die Sportschuhe mit langen Schnürsenkeln zugebunden, auftauchte, blieben dem Chauffeur gleich zwei Wörter im Hals stecken. Routine hat Logik. Deshalb runzelte der Chauffeur auf dem Weg zum Stadion, wenige Minuten auf Straßen ohne Verkehr, die Stirn und rechnete nach, seit wie vielen Jahren der Chef den Tag schon nicht mehr mit dieser sportlichen Übung begonnen hat. Er kam auf keine exakte Zahl. Anstatt weiterdarüber nachzudenken, verlegte er sich auf kleine Signale, Gesten oder Vorschläge, eine Art versteckter und ganz diskreter Fragen. Doch der Chef, Senhor Rui, sah lieber zur Seite und ignorierte den dreisten Blick im Rückspiegel und auch die üblichen angemessenen Verhaltensregeln.

Als der Chauffeur auf dem Parkplatz, die Handbremse angezogen, seine Begleitung anbot, bekam er sogleich ein Nein zur Antwort, Senhor Rui hob die Hand und winkte ab. Und er verzichtete auf weitere Worte, nur ein bestimmter Ton, eine ernste Miene. Hin und wieder war solch eine Strenge nötig. Und er entfernte sich, so aufrecht wie möglich, in Richtung Trainingsparcour. In Gedanken, geradezu beleidigt, schien ihm, diese Aufmerksamkeit hätte die Kompetenzen überschritten, und er reagierte auf Anschuldigungen, die ihm gar nicht gemacht worden waren. Es war das Alter, sinnierte er, die Skepsis des Chauffeurs rühre wohl vom Thema Alter her. Die jungen Leute erheben sich über das, was sie nicht kennen, winden sich in ihrem Dünkel, aufgesetzte Arroganz, bemerken nicht, dass sie über ihren Köpfen einen Himmel aus Stein hängen haben, gemeißelte Wolken. Er ist wirklich dort, eine Bewegung mit dem Nackenwürde genügen, ihn zusehen, doch ihre Augen sind trübe, wenn sie ihren Blick in bestimmte Weiten richten, gleich den Augen toter Fische von Blindheit überzogen.

Von Genugtuung erfüllt, ging er am Kassenschalter des Stadions Campomaiorense vorüber, vier quadratische Öffnungen in einer Wand, und betrat den Trainingsparcour. Mit erhobenem Kinn setzte er seinen Weg fort, begleitete die Schritte mit sportlich rhythmischen Bewegungen der Ellenbogen seitlich des Körpers, doch plötzlich überlegten es sichdie Knöchel anders. Und schon bald versetzten ihm beide gleichzeitig einen Stich, der die Fersen, Fußrücken, Gelenke, Bänder und Muskeln erfasste. Er hatte gerade noch Zeit, sich an den Korpus desOleanders zu lehnen und Ruhe zu geben. Er dachte an einen Stuhl oder an eine Bank, doch schon der Schatten war etwas wert. Er schloss die Augen, atmete tief ein. Erinnerte sich an die Wache der Kaserne do Trem in Elvas, beim genehmigten Ausgang, und die Wache dort, stets ein verängstigter Junge, so sehr er das auch hinter der einen oder anderen Miene zu verbergen suchte, ein Junge in strammer Haltung, der Kopf unter dem Helm am Braten, die Füße in den Stiefeln am Köcheln, Socken aus rauem Garn. Er öffnete die Augen, atmete kräftig aus. Schon gaben die Fersen Frieden, doch er wusste, sie würden erneut schmerzen, würde er sich abermals dreist in Bewegung setzen. Er erinnerte sich an die Gründe, weshalb er mit diesen Märschen aufgehört hatte: kleine Niederlage, noch eine.

Es war in diesem Augenblick, in diesem Frühling, dass er leicht in die Knie ging, bis er eine Öffnung zwischen dem Grün und Rosa fand und von diesem Ausblick aus den Chauffeur erspähte. Er brauchte noch ein paar Minuten, wollte nicht gleich in Erscheinung treten, doch für eine lange Warterei fehlte ihm die Geduld. Im Stillen war er dankbar, diese frühe Morgenstunde gewählt zu haben, ganz früh zum Trainingsparcour gekommen zu sein, noch vor den flüchtigen Schatten, die über ihn gerichtethätten, und trat kerzengerade hinter dem Oleander hervor, als würde er von einem echten Marsch kommen, und hob dabei die Arme, streckte sie nach vorn und zurück.

Ohne Erklärung stieg er ins Auto, setzte sich, trank gemessen aus einer kleinen Flasche Wasser. Es war nicht nötig, irgendetwas zum Chauffeur zu sagen, der wusste nun wieder ganz genau, wohin es als Nächstes gehen sollte. Die Straßen des Städtchens zeigten frisches Leben, Mopeds, Leute an den Fenstern, Hunde, die im Schatten der Hauswände umherstrichen.

Bester Laune passierte er das Tor zur Kaffeerösterei Camelo, offenes Lächeln, strahlende Zähne. Der Freitag war auf die subtile Weise, mit der sich die Wochentage voneinander unterscheiden, zu spüren. Die Zeit dreht sich im Kreis. Über den Kaffeebohnen drehten sich die Schaufeln, kühlten sie nach dem Rösten ab, als wären sie dort, um den Zyklus der Zeit praktisch zu demonstrieren. Zum Theoretisieren fehlte aber die Lust, die Arbeit war wie gewünscht bereits voll im Gang. Der Vorarbeiterlegte sogleich etwas, das zuwarten konnte, beiseite und kam flink auf Senhor Rui zu, der wiederum auf ihn zuging. Was sie sagten, wurde vom emsigenLärm derMaschinen erstickt, sie sprachen über Themen, die jemanden, der den Glanz in beider Augen nicht mitbekam, kaum interessieren würden. Der Chef hatte natürlich seine Geschichte, die Erinnerungen, die ihm oftmals in den Sinnkamen, wenn er als Junge vom Vater und Onkel lernte, und all seine Altersstufen, wenn er für jeden Fortschritt dieser Hallen sorgte, bis er ein Mann von neunundachtzig Jahren war, bis das seine Lieblingsfirma war, klein unter den anderen Unternehmen der Gruppe, für die nun seine Nachkommen Sorge trugen. Nach all der Arbeit musste ihm als Veteran wohl irgendein Privilegzustehen.

Sie unterhielten sich vergnügt, die Meldungen über den Kaffee klangen Erfolg versprechend. Hinter ihrem Rücken ein Berg Jutesäcke, die Gestalten der beiden Männer sich vor diesem Hintergrund abzeichnend. Es handelte sich nicht um den Haufen Säcke gleich links vom Eingang, sondern um die anderen, ein wenig weiter vorne rechts, mit dem Aufdruck Uganda Natural Robusta Coffee. Das Ende des Gesprächs war von ein paar kleinen Schritten angezeigt und anschließend von zwei oder drei, die länger ausholten. Senhor Rui scherzte mit zwei Männern in Firmenuniform über irgendein Detail, Männer in den Fünfzigern, braune Hose, rotes T-Shirt, sattrot, in der Farbe eines reifen Granatapfels, Kappe auf dem Kopf, Brille. Die beiden lachten angemessen, einer von ihnen fügte einen passenden Kommentar hinzu und sprach ihn mit Senhor Comendador an.

In der Verpackungshalle entboten ihm drei Frauen mit einem undeutlich artikulierten Grußwort fast ohne Konsonanten ihren Respekt, wie jeden Morgen, wenn Senhor Rui dort eintrat. Während diesesMorgenritualsließ die Maschine ohne Unterlass ihre Musik ablaufen, in Endlosschleife, die Pakete kamen in Reih und Glied, stolz und neu, glänzend und blendend, sahen die Welt zum ersten Mal, von einem Fließband aus, und fanden sich schließlich in den Händen der Frau, die sie in einen Pappkarton schlichtete, bereit zur Reise ins Unbekannte. Senhor Rui begrüßte die Frauen ebenfalls mit einem Wort, jedochmit feinem Unterton. Eine von ihnen fragte er nach der Mutter. Er bekam eine Antwort und Dank: Senhor Comendador.

Er hatte es eilig, zu seiner Frau zu kommen, bestimmt war sie nun schon wach. Für ein paar Minuten beugte er sich über die Öfen, die Johannisbrot karamellisierten. Arbeiter kehrten die Asche weg, trugen Kessel, jeder einzelne mit seiner Aufgabe beschäftigt. Schon bald würden Spanier beim Frühstück diese Mixtur zu sich nehmen, bei ihrem desayuno zu Hause oder an die, wie sie sagen, barra, die Theke, gelehnt. Die Maschine der Rösterei Camelo ist zuverlässig, lässt nie nach. Er erinnerte sich an den trockenen Kuchen im Mund, erinnerte sich daran, wie er ihn kaute, ihn im Mund hin und her schob, an die Leute in ihrem Sonntagsstaat, es gab vieles, was sich diese Leute nicht hätten vorstellen können. Er rieb sich die Augen. Vor ihm waren noch immer die Männer bei der Arbeit an den Öfen, er lächelte ihnen allen zu.

Er kehrte in die Halle mit den Kaffeesäcken aus Uganda zurück, den Maschinen, die die Bohnen rösteten, den Schaufeln, die sie abkühlten. Die Hose verrutscht und ohne einen Gedanken an denaltmodischen Trainingsanzug zu verlieren, war er von Freude, von einer Art Eitelkeit erfüllt. Als er schon am Gehen war, war es dem Vorarbeiter ein Bedürfnis, ihn kurz auf den Ort anzusprechen, den Senhor Rui am Nachmittag aufsuchen sollte.

Als er an den Ort dachte, den er am Nachmittag aufsuchen sollte, wechselte die Stunde ihre Farbe. Das Lächeln erstarb im Gesicht Senhor Ruis, des Senhor Comendador.

3

Es war eine säuerliche Spur, die sich ihren Weg durch ihn bahnte und sich vom übrigen Geschmack abhob. Dabei konnte er eine Art Frische ausmachen, die an grüne Äpfel denken ließ, wie damals, wenn er in einer anderen Zeit einen Apfel schälte und die Messerklinge feuchte Streifen aufwies, das Fruchtfleisch kleine Tropfen säuerlichen Saftes abgab. Natürlich bemerkte er aber auch die Süße, die er besonders mochte. Irgendwann hatte er wohl den Genuss daran entdeckt, die Süße erquickte ihn. Dennoch war dieseSüßevielschichtig. Nunwärmte sie leicht den Mund und brachte ihm, ohne zufantasieren, Kekse der Kindheit in Erinnerung, die mürben Kekse der Marke Mariabesonderer Tage.

Er setzte die Tasse auf die Untertasse, der Klang von Porzellan auf Porzellan. In diesem Augenblick trat der Morgen zur Gänze ein, legte sich auf die weißen Wände, über den ganzen Tisch, auf dasTischtuch, den Brotkorb, auf die Worte, die die Frau sprach. Während er seine Frau anblickte, spürte er noch immer das Gewicht des Kaffees auf der Zunge, seine Stärke, und er fühlte auch ihren schönen Namen, Alice. Die Flüssigkeit stieg seine Kehle hinab, verschwand, und der Geschmack von Kaffee verflüchtigte sich langsam im Mund. Dabei entfaltete er neue Geschmäcker oder neue Abstufungen desselben Geschmacks, gleich den Nuancen der Farbe Braun. Was die Frau sagte, wies einen ähnlichen Zauber auf, spannte ein verwirrendes Geflecht von Töchtern und Söhnen, Enkeln und Urenkeln aus, die einander in vielfältige Richtungen überschnitten, Namen, die sich ineinander verflochten, Helena, Rui, Ivan, Rita, João Manuel, Marcos, Namen inverschiedenen Anordnungen; und ebenso die Kinder, die Töchter und Söhne von Rui, von Ivan, von Marcos; Namen, die verschiedene Verbindungen schufen, eine Landkarte mit vielen Wegen, als wären sie alle Töchter und Söhne, Cousinen und Cousins, Nichten und Neffen, Schwestern und Brüder voneinander; und wieder die Kinder, niemals vergessen, Kinder von allen, künftige Eltern, künftige Großeltern, künftige Urgroßeltern.